Felsgarten. Roman von Clara Bück er. (Schluß.) VIII. Die Wirkung auf die versammelten Hörer dieses Schreibens äußerte sich verschieden. Während Tauchlitz' Mißmuth vor Hildes geistiger Regsamkeit wich, schüttelte Hollmann den Kopf und Irmgard sprach einfach von einem Strudel, wohinein die leichtsinnige Schwester sich stürzte. Fast klang ihre Empörung wie Neid. Heinrich allein blieb still. Sein Herz zuckte und krampfte sich unter diesen Eindrücken. Könnte er den Brief im Stillen lesen, jedem Satze und Zeichen nachspüren! Jndeß, als ihn das Glück begünstigte, als Irmgard das Schreiben mit spitzen Fingern von sich geschoben und Tauchlitz es vergessen hatte, flimmerten die trotzigen Schriftzüge Hildes vor seinen Augen, fühlte er sich unfähig zu lesen, wo ihre Hand, ihre Blicke geruht hatten. Was war er, was that er, um so viel Entfaltung ihrer persönlichen Macht zu verdienen? Nichts, nichts, konnte er thun, nur sie mit allem Ungestüm, in wildester Sehnsucht in seine Arme wünschen. 1898. Nr. 116. Samstag bete 30 Juli [FT eTjra m ii iibos ■Mi MWEI RS ■ atm das Kindchen noch nicht gehen, Hör' ich öfters fragen, Kann doch schon so lange stehen, „Lieber Vater" sagen. Doch die Mutter liest entzückt In des Kindes Sternen, Ist im Vorgefühl beglückt, Daß es geh'n wird lernen. So hab' ich gefragt mein Herz, Kannst du noch nicht tragen Deinen auferlegten Schmerz, Kannst doch „Vater" sagen? — Schaue nur mit Hellem Blick Zu den ew'gen Sternen, Und du wirst dein herb' Geschick Lächelnd tragen lernen. Johanna Ambrosius. Der Besitz bedeutet ein Leben, des Lebens Werth. Sollte er es erst bei dem Onkel wagen? Nein, erst sollte sie ihm ein Recht geben und wissen, daß er völlig der Ihrige war. Wulffen stürzte nach seinem Zimmer, aber ein Brief kam nicht zu Stande. Wirre, regellose Phantasien füllten seine Blätter. Ich will ihren nächsten Brief abwarten; vielleicht finde ich zwischen den Zeilen ihren Wink: Komm zu mir, löse mich endgiltig von der schönen Leerheit — tröstete Heinrich sein zerrissenes Gemüth. Ahnte sie denn nicht sein Leiden? Weshalb schrieb sie ihm nicht? Er wollte es, sie mußte an ihn denken oder seine Seele war stumm und taub und hohl. Aber Hilde fühlte als Mädchen zu keusch, als Erwachende zu scheu — nein, sie schrieb ihm nicht, sie litt eher zehnfach. Dann konnte sie wenigstens den Vater benachrichtigen. Sie mußte doch annehmen, daß er zitterte auf ein Wort — ein Wort nur! Daß Niemand, nicht einmal die scharfe Irmgard ihm in diesen Wochen seine Seelennoth ansah — Stockfische allerseits! Freilich mag Hilde sich froh fühlen, solchem Kreise zu entrinnen- der neue beschäftigt sie gewiß längst mehr. Wahrscheinlich entdeckte sie inzwischen dort menschliche Werthe — hatte er jenen nicht ebenfalls angehört sowie sich eingebildet, ihnen für immer ergeben bleiben zu können? Eine Einbildung, die Wahrheit geworden wäre, hätten sie ihn überhaupt gewollt und ausgenommen. Vielleicht rühmten sie sich dessen, vielleicht erhielt Hilde Aufklärungen, die ihrem Vertrauen, ihrer zarten Anhänglichkeit den Todesstoß gaben. Arme, Süße, Holde — nein, das darfst Du nicht erleiden. Dafür sollst Du lieber Bescheid über mich wissen und wieder an mich glauben! Wild riß der Aufgeregte seine Briefbogen heraus und schrieb ohne Anrede: „Noch darf ich Sie nicht nennen, denn die Namen, die ich Ihnen schulde, wollen ein Recht durch Sie haben. Bis dahin schenken Sie mir aus Mitleid nur einen Hauch des Trostes, Sie schweigen ja wie das Grab selbst — nein, wie elend das Papier vermittelt, was in uns ringt! Verzeihung, Sie adelten es längst durch Ihre Kunst, beschämen Sie es nochmals mit Ihrem Gemüth, lassen Sie wenigstens Ihre Feder einen Verschmachtenden erquicken. Ich liebe Sie, Hilde, ich liebe Sie." Dieses tolle Briefblatt ging wirklich an seine Adresse ab und — wurde verstanden. Gleichsam der Zauberschlag gegen - 462 den «btein im Märchen. Mehrmals erhielt er kleine Brief- - sendungen mit verstellter Druckschrift adressirt- Keiner der Hausbewohner hätte die Absenderin errathen. Auch enthielten diese nur phantasiereiche Gebilde ohne Namensunterschrift, doch in jedem Strich und Zeichen, das, was sein Inneres allein zu enthüllen vermochte. Schon die Ueberschrift tröstete unsagbar: Elegien einer Vergessenen. Sie hatte ihm ähnlich gelitten. IX. Wieder saßen der Landrath und sein Gast sich gegenüber. Seit Tagen sauste es draußen in den Bäumen, rauschte ein Regen hernieder, dem Tauchlitz nur noch mißbilligende Blicke durch die berieselten Fenster zuwarf,- geöffnet mochte er letztere nun schon gar nicht sehen, das raschelnde, stöhnende oder prall klatschende Laub der nahen Bäume ärgerte ihn. Hilde allein hatte verstanden, daraus etwas zu hören. Heinrich hatte vor dem Raupenhause gesessen und das Futter für Tauchlitz' Pfleglinge fort bet. Jetzt trat er ans Fenster. Verstohlen beobachtete der alte Herr ihn, wobei er freilich seine eigentlichen Gedanken nicht von seinen Raupen abzog. Was für ein vorzüglicher Cocon, fast lohnte es sich, ihn als Rarität aufzubewahren- sollte man? Freilich, das könnte ihn um ein beneidenswerthes Exemplar bringen. Wulffen stand noch immer wie verloren am Fenster. Langweilte ihn der Aufenthalt hier? Ein solcher Gedanke war geeignet, Tauchlitz alles Blut in die Stirn zu treiben. Er Jemand langweilen! Beinahe hätten seine nervös zugreifenden Finger die kostbare Puppe verletzt, die ihm seine Familie des Papilio Podalirius königlich vervollständigen konnte, Vorsicht! „Heinrich!" „Ja, Onkel." „Hilf mir doch mal, so, danke! Noch ein bischen Watte für dies Glas. Störte ich Dich? Nein? Das freut mich. Du warst so versunken in das ekelhafte Geplätscher draußen, daß ich ordentlich an Hilde erinnert wurde. Die hört im Rauschen der Baumkronen auch eine ganze Geschichte." „Was hört sie?" „Wie war es doch gleich? Einmal plapperte sie ja darüber. Richtig, so fings an: „Siehst Du, Papa, zuerst flüstert ein Blatt mit dem anderen, heimlich wie Kinder, die einen Spaß mit dem anderen machen wollen. Da haben ihn zwei erlauscht, sie rennen, ihn auszuplaudern, die beiden nach, sie lachen, lärmen, zetern, bis richtig der ganze Schwarm um den Stamm toll, hui und husch zu greifen, zu lachen, wohl auch zu klapsen und zu kreischen." „Sie, sie allein! Gieb mir Deine Hilde, Onkel, sonst sterbe ich." Ganz wie ein alter Mann auffährt, starrte Tauchlitz den Ungestümen an, doch dann besann er sich auf seine geistige Ueberlegenheit. Sorgsam prüfte er die guten Packungen seiner zukünftigen Falter. „Das steht bei Hilde selbst. Hat sie sich schon vergeben?" „Sie ist mir nicht ausgewichen." „Hinter meinem Rücken?" „Willst Du sie kränken? Sie ließ mich ahnen, daß ich ihr werth sein könnte nicht mehr und — nicht weniger." „Was brauchst Du mich dann noch?" kam es gallebitter zurück. „Deine Einwilligung erbitte ich, Onkel, Deine Zustimmung. Gieß mir nichts Bitteres in dieser Stunde. Laß mich reisen. Ich will sie von da wegholen. Laß uns Beide Dir willkommen sein, nenne mich auch Dein Kind." Unschlüssig antwortete er: „Du willst doch nicht allein zu ihr? Irmgard müßte mit —" In diesem kritischen Augenblick klopfte es leicht, und Irmgard steckte den Kopf durch die geöffnete Thür. Draußen ging das Mädchen mit ihrem Regenmantel und den Ueber- schuhen durch den Vorraum. „Die Nässe! Das Wetter! Dennoch kommt man! Natürlich aus Mitgefühl für Euch Clausner, die Ihr sicher nach einer Neuigkeit lechzt — uh, wie das plätschert und die Bäume biegt, so schlimm kam es mir nicht vor, als ich unterwegs war. Nun, was bekomme ich für meine Nachricht?" Endlich saß sie zierlich und zog den Brief aus der sammetnen Tasche, die an seidener Schnur hin und her schwenkte. „Diesmal schrieb Hilde billigerweise an mich, Papa. Du erlaubst, daß ich lese? Liebe Irmgard. Denn einmal muß ich das Wort auch an Dich richten, sonst geht es mir bei meiner Heimkehr an Kopf und Kragen. „Darin irrt sie nicht, ihr Glück!" schob Irmgard ein. „Und nun gleich zur Sache — das heißt zu Ines. Sie ist im Sinne des Weibes nie zu retten. Wohl aber ist sie eine Künstlerin und es hieße den vorläufig einzigen Werth ihres Daseins vernichten, risse man sie aus den Bahnen ihrer Kunst. Wehe jedoch Denen, die irgend ein Gemüth in ihr suchen, Genußsucht regiert ihr Inneres, kein großgeistiges, nicht einmal ein Hausbaken gutherziges Fühlen lebt in ihr. Schließlich kam ich auf den Gedanken, Tante Wulffen herzubitten. Sie kam und nun, Irmgard, weiß ich gewiß, was wir an einer Mutter verloren. Wir Beide haben ja bloß halb gelebt. Die Sache mit Erder nahm sie in ihre weiche, kräftige Hand, sofort bekam sie Form und Gestalt. Ines soll das Geld haben, allerdings sicher gestellt als Rente späterer Tage, oder das Gesetz würde die Angelegenheit regeln. Einverstanden? Er mußte es wohl sein. Ich lebe mit Tante Wulffen — sonst thu' und denke ich nichts mehr. Was Alles lauscht man solchem goldigen Frauenherzen ab! Manchmal ist mir dabei, als fluthe in meinem eigenen ein warmer Springquell auf, der alle Sophisterei meines Wesens bei Seite schwemmt. Genug, genug. Schreibt, wann wir Beide kommen sollen. Kränzt die Thüren, schmückt die Tische — ach nein, lieber will ich mich im stillsten Winkel verkriechen. Hilde. „Habt Ihr Worte?" schloß Irmgard. Alles blieb still. Tauchlitz betrachtete seine gefalteten Hände, Wulffen stand längst am Fenster, Allen abgekehrt. So verstummte auch Irmgard, bis die Pause sie drückte. „Wie das plätschert! Da Thüren kränzen!" sagte sie, denn sie folgte dem Regen und Wulffens Blicken. Heinrich wandte sich um, Tauchlitz stand auf. Mit einem Male hielten beide Männer sich umschlungen, während Irmgard erstarrte. „Ist denn Einer tobt?" „Ja," sagte Tauchlitz, „meine Altbackenheit. Kinder! — Ich will jung mit Euch fühlen, Heine, mit der ewigen Jugend meines Mädchens. Hol' sie Dir mit Deiner Mutter her." „Irmgard, hier ist der Verlobte unserer Hilde, hoffentlich auch Euch willkommen." Ein scharfer Zug huschte über die Züge der Angeredeten, dann fiel sie dem Schwager um den Hals, ehe die Braut es gethan. Ein schneller Entschluß gab ihr die nöthigsten Worte: „Was Hinreisen! Depeschirt doch, mit dem nächsten Zuge treffen Beide ein und wir bleiben beisammen. Solche zerrissene Geschichte. Ihr da, Papa mit uns hier, das wäre!" „Eigentlich hast Du recht," erwog Tauchlitz, „die beste Einigkeit stiften stets die Frauen. Willst Du depeschiren, Heine?" Der eilte fort, froh, für sich allein ins Freie hinaus zu können. Ziellos lief er herum in seiner Erwartung, obgleich der Zug erst am späten Nachmittag eintreffen konnte. Mitten aus allem holden Kummer eilte er dann nach einer Gärtnerei, Kranzwerk und Blumen für ihre Thüren zu - 463 - besorgen- die Tische würde Irmgard schon beschicken, solche Ehren ließen ließ sie sich nicht entgehen. Bei seiner Rückkehr mit den Gärtnerburschen fand er das Haus, wie vorausgesetzt, geschäftig, er konnte ganz nach Gefallen nageln und schmücken. Die Treppengeländer umwand er mit Blumenketten und ihre Zimmerthür bekam Rosen, Rosen und Myrthenreiser untermischt. Maßlos verstört fühlte er sich, nun auch dies beendet, erst die Geige rettete ihn. Er spielte, als sähe er die Glorie sich herabsenken, das reine lilienhafte Weib in die irdische Seligkeit des Liebens zu tragen. Erschauernd legte er das Instrument nieder. Run war cs Zeit, sich festlich zu machen, sie heimzuholen. Indem er die Treppe hinunter stieg, kam Tauchlitz aus einem der Zimmer. Seine ernsten Züg schimmerten verklärt. „Heine, Du übernimmst Dich, thu' mir die Liebe, trink' wenigstens etwas- das war kein irdisches Spiel mehr, mein Sohn." „Es galt auch einer Unirdischen," sagte Wulffen wie im Traum. Danach stand er auf dem Bahnhof- daß er das gelle Pfeifen der Locomotive aushielt — nun den Menschendrang — da waren sie! Frau Wulffen küßte ihn. „Mein Sohn, mein lieber Jung'!" Hilde hob den Blick zu ihm, still, groß und schimmernd aus marmorgletchem Gesicht- er neigte sich auf ihre Hand. Zu Hause warteten Tauchlitz, Irmgard und Hollmann auf dem Vorraum. Alle küßten Hilde, die so ruhig schien. „Laßt sie gehen," sagte Frau Wulffen - herzlich umarmte sie Irmgard und zog sie mit sich. Heinrich und Hilde stiegen hinan, er öffnete ihre Zimmerthür. „Wie schön!" sagte Hilde. „Für Dich," antwortete er. Run endlich sank ein zartes Roth über sie, ihre Lippen theilten sich leise, sehnsüchtig, als trinke sie den Widerhall dieses ersten Du. Athcmlos im Glück verharrte Heinrich, als sie leise die Hände auf seine Arme, von da auf die Schultern und schließlich um seinen Hals legte. „Du lieber Heine!" sagte sie in einem schüchternen, innigen Gehorsam. Zucker ein Nährstoff! Der Zucker ist in den weitesten Kreisen als Genußmittel geschätzt- dagegen wird seine Bedeutung als Nahrungsmittel noch vielfach übersehen. Jedenfalls wird bei uns in Deutschland Zucker fast ausschließlich nur als Würz- und Genußmittel zu den Speisen und Getränken zugesetzt. Solche Würzen können wir nun einmal nicht entbehren, und sicherlich ist Zucker dazu b-sonders wohlschmeckend. Viel zu wenig beachtet wird dabei freilich, daß, während andere Würzen, wie Pfeffer und Essig, die Nahrung schwer verdaulich machen, der Zucker gerade umgekehrt dieselbe bekömmlich macht, weil er, wie durch eingehende Versuche nachgewiesen ist, die Absonderung der Verdauungsflüssigkeiten, also des Speichels und des Magensaftes im hohen Grade beschleunigt. Daher können selbst Magenkranke Gemüse und insbesondere auch grüne Salate, welche mit Zucker angemacht sind, wie dies im Osten Deutschlands üblich ist, gut vertragen, während sie von ungezuckerter Pflanzenkost allerlei Beschwerden haben. Jedermann, welcher irgend an Verdauungsstörungen oder an Appetitlosigkeit leidet, sollte deshalb Gemüse und Salate nicht anders alsmit reichlichem Zuckerzusatz bereitet genießen. Indessen eine ungleich größere Bedeutung wie als Ge- nußmittel besitzt der Zucker als Nahrungsmittel im eigentlichen Sinne des Wortes: Zucker nährt und krästigt- Zucker ist daher eine vortreffliche Nahrung ebenso für die Gesunden wie für die Kranken, für Jung und Alt, für Arm und Reich! Der Zucker bildet eine wichtige Quelle der Muskelkraft und übertrifft sogar alle anderen Nahrungsmittel in dem Falle, wo es sich darum handelt, einen ermüdeten Körper rasch mit neuen Kräften auszustatten. Dieser Satz ist das Ergebniß einer großen Anzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen, seine Richtigkeit ist aber längst auch practisch bestätigt, wie folgende Beispiele zeigen. Die Neger in den Zuckerplantagen bleiben kräftig, wenn sie den süßen Zuckerrohrsaft genießen können. Wird ihnen der Saft entzogen, so werden sie sofort schlaff zur Arbeit. In Ostindien kennt man kein besseres Kräftigungsmittel für Thiere und Menschen bei anstrengender Thätigkeit als Zuckergenuß. Ein holländischer Militärarzt erzählt, daß bei einer Expedition auf Sumatra die Soldaten während des Marsches und im Gefecht sich allein dadurch frisch und munter gehalten hätten, daß sie tagsüber zeitweise eine Hand voll Zucker aßen. Indianer, Gemsjäger, Führer durch das Hochgebirge der Schweiz, genießen bei anstrengenden Jagdzügen und Gebirgstouren stets Zucker, weil sie dadurch rasch wieder zu Kräften kommen. Vorzügliche Erfolge hat man nach dem Beispiel der holländischen Rudervereine durch Zuckergenuß beim Sport erzielt. Wettruderer, Radfahrer und alle Diejenigen, welche ihre Körperkräfte zur höchsten Leistung anspornen müssen, haben im Zucker ein vortreffliches Mittel, den Krästeverbrauch zu ersetzen und der Ueberanstrenguug vorzubeugen. Deshalb ist der Zucker bei dem sogenannten Trainiren für die Rennen schon vielfach eingeführt. Besonders in Holland ist er in Sportkreisen allgemein verbreitet. Der Zucker ist aber auch ein Volksnahrungsmittel. Gerade der ärmeren Bevölkerung wird im Zucker eine vortreffliche Kraftspende geboten, was bei uns noch gänzlich verkannt wird. Für den Arbeiter trifft nämlich genau das- selbe zu, was beim Sport den Zuckergenuß so nützlich macht. Jeder körperlich schwer arbeitende Mann muß dafür sorgen, daß er seinen ermüdenden Muskeln neues Kraftmaterial zuführt und dabei, wenn möglich, vermeiden, seine Verdauung durch zu schwere Speisen zu belasten, da ein überfüllter Magen t äge macht. In vielen Arbeiterfamilien wird heutzutage noch kein Zucker genossen, weil man ihn für zu theuer hält. Diese Ansicht ist irrig. Bei den heutigen Zuckerpreisen ist vielmehr in Anbetracht der kräftigenden Wirkung des Zuckers der Genuß desselben den weniger bemittelten Volksmaffen bereits warm zu empfehlen. Zucker ist im Verhältniß zum Nährwerth bereits heute sehr viel billiger als alkoholische Getränke, deren Wirkung vielfach überschätzt wird. In England wird in den Bergbaugegenden seitens der Arbeiter durchweg sehr viel Zucker genossen. In der Krankenkost verwendeten bedeutende Aerzte den Zucker schon längst, sowohl als Nährmittel, als auch zur Hebung des Kräftezustandes bei Fieber. Wie schon erwähnt, wirkt reichlicher Zuckergenuß besonders vorzüglich bei Magenleiden. Magenkranke sollen, wie schon der berühmte Arzt Hufeland gezeigt hat, größere Zuckermengen, etwa 80 bis 40 Gramm auf einmal nach den Mahlzeiten genießen, wodurch die Verdauung befördert wird. Gegen übelriechendes Ausstößen, schlechten Geschmack im Munde, Appetitlosigkeit, Sod- brennen und Erbrechen infolge schwachen Magens, bewährt sich diese Art des Zuckergenusses nach der Mahlzeit als Heilmittel. Vielfach glaubt man, daß Zuckergenuß die Zähne der- — 464 dirbt. Das ist nicht richtig, denn die Engländer und die Negerin den Tropen, welche von allen Völkern am meisten Zucker essen, haben bekanntlich die besten Zähne. Nur vor übermäßigem Genuß von solchen Süßigkeiten, welche Fruchtsäuren enthalten, ist zu warnen, weil die Fruchtsäuren, nicht der Zucker, die Zähne angreisen. Wir entnehmen diese Angabe einer jüngst in der Verlagsbuchhandlung Paul Pareh in Berlin SW., Hedemannstr. 10, unter gleichem Titel erschienenen und zum Preise von 50 Pfg. zu beziehenden Broschüre, deren Lcctüre wir den Lesern empfehlen möchten. GsineinnÄtziges. Morchel. (Zeit der Bereitung 1^/2 Stunden. Fünf Personen.) Morcheln müssen besonders gut gereinigt werden. Man entfernt die Stiele von 2 Liter Morcheln, schneidet die Pilze zurecht, bürstet sie mit warmem Wasser, setzt sie in kaltem Wasser aufs Feuer und läßt sie heiß werden. Dann rührt man sie um, legt sie auf ein Sieb, stellt dies in kaltes Wasser und wäscht die Pilze gut. Man wiederholt dies mehrere Male, drückt die Morcheln aus, dünstet sie in 40 Gramm Butter, thut etwas Wasser, i/i Glas Rothwein, 10 Gramm Liebigs Fleisch-Extract, Salz, Pfeffer und wenig Muskatnuß an und dünstet sie weich. Man bindet die entstandene Brühe mit einem in Mehl gerollten Stück Butter und schärft sie mit etwas Citronensaft. Besonders passend zu Tauben und jungen Hühnern. ♦ * ♦ Steinpilz. (Zeit der Bereitung zwei Stunden. Fünf Personen.) 3 Liter Pilze werden geschärft (von kleineren benutzt man auch den Stiel mit), in große Würfel geschnitten, kurze Zeit in siedendes Salzwasser, dann mit einer geschälten kleinen Zwiebel in 50 Gramm kochende Butter gethan, etwas Mehl tarüber gestäubt, Salz, Pfeffer, gewiegte Petersilie und 10 Gramm Liebigs Fleüch-Extrct daran gethan. Man dünstet sie langsam weich und giebt zuletzt einige Löffel sauren Rahm an das Gemüse. Man servirt es gern zu Beefsteak, Coteletten und gekochten Schinken. Vermischtes. Die Erfindung des Teufels. Natürlich meine ich das Siegele, — also schreibt ein Mitarbeiter der „Deutschen Wochenzeitung" in den Niederlanden. Nur eine Erfindung des Teufels konnte eine solche Umwälzung in unferm ganzen Leben, dem geschäftlichen, dem privaten und öffentlichen Leben, Hervorrufen, wie das Siegele sie auf dem Gewissen hat. In der ganzen wundersamen Geschichte des Handels und Wandels nimmt die wundersame Geschichte vom Fahrrad die allererste Stelle ein. Goldfieber, Diamantenfieber, Kohlenfieber und Petroleumfieber rangiren weit, weit zurück hinter dem Fahrradfieber, das die ganze Welt erfaßt zu haben scheint. Ganze Industrien, die mit dem Tode bedroht waren, feierten in der Herstellung von Fahrrädern ihr Auferstehen. Vor fünf Jahren noch wurden in England, dem eigentlichen Vaterlande des Fahrrads, nur 60,000 Fahrräder gemacht und verkauft und jetzt zählen sie schon nach Millionen, und das Geld, daS in diese „Vehikel des Teufels", wie sie jüngst wieder ein Oxforder Prediger nannte, gesteckt wird, ist nicht mehr zu berechnen. Nichts bleibt, als das Fahrradgeschäft, alles Andere ging zurück, ganz schrecklich zurück. „Die Kirche?" so klagte jener Prediger, den ich vorhin erwähnte, „die Kirche ift vergessen. Der Sonntag? nicht mehr der Tag des Herrn, sondern der Tag des Rades." Und das Theater? „ein überwundener Standpunkt," könnten wir hinzufügen. Die Vergnügungen von einst? veraltet, Alles veraltet. Juwelen? Uhren? Kleider? Unsinn. Ein Sportanzug 24 Mk. Das ist ein Ideal. Das ist chic, Tabak? Wer kann beim Radeln denn rauchen? Wein? Natürlich, damit man das Gleichgewicht verliert und sich den Hals bricht. Eisenbahnen? Wozu denn, wenn man auf dem Rade viel schöner und ebenso schnell vorwärts kommt? Und all diese Stoßseufzer sind so unberechtigt nicht. In den letzten fünf Jahren ist ein blühendes Gewerbe in England, der Suchhandel, merklich zurückgegangen. Nach gethaner Arbeit wird nämlich nicht mehr gelesen, sondern geradelt, nur die Sportlitteratur, namentlich die Radfahrlitteratur, nimmt überhand. Die Theater in England haben auch stark gelitten, der Seiuch ist nahezu auf die Hälfte gesunken. Der Kirchenbesuch hat, wie gesagt, ebenfalls gelitten, und wenn die Kirchen früher gut besetzt waren, so stehen sie jetzt zu einem Drittel während des Gottesdienstes leer, und natürlich nimmt dadurch auch die Frömmigkeit im Lande ganz wesertlich ab, da man keine Zeit mehr hat, fromm zu sein, sintemalen man radeln muß. Das Schrecklichste aber ist — daß selbst Geistliche, und nicht nur Vikare, sondern selbst Vischöfe radeln! Die Wagenfabrikation hat ebenso gelitten, wie der Pferdemarkt jetzt viel von seiner einstigen Sebeutung verloren hat. „Ein Pferd frißt Heu und Hafer, und wärs der beste Traber, dem Rade kommts nicht gleich", so heißt's in einem Liede, dessen Consequenzen sich überall fühlbar machen. Daß gegenwärtig 700 Millionen Cigarren weniger gebraucht werden als vor fünf Jahren, glaube ich bereits gesagt zu haben. Jedenfalls steht die Thatsache fest. Nun mag das freilich für die Cigarrenfabrikanten sehr unangenehm sein, die Frauen aber werden es dem Fahrrade nicht hoch genug in Anrechnung bringen können. Und so scheint das Sichele denn doch nicht so ganz eine Erfindung des Teufels zu fein, denn Eines ist zweifellos: ein gesunderes Geschlecht wächst dadurch heran, und das Gebräu des Teufels, der Schnaps geht noch rapider zurück als alles Andere, ein richtiger Radfahrer nämlich will vom Alkohol nichts mehr wissen, er will sich seinen Geist klar und feinen Leib stählern erhalten, das kann er aber nur, wenn er dem Alkohol abschwört. Im Uebrigen wird der Fahrradrummel bald aufhören und zwar schon deshalb, weil jeder Mensch bald fein Fahrrad haben wird und kein weiteres braucht, ja, es verlautet sogar, künftig kämen die Säuglinge schon mit dem Fahrrade auf die Welt und das — das wäre das Seste! Wozu die Brücken sind? Ein Lehrer nimmt Heimathskunde mit seinen Schülern durch. Er beschreibt die Vaterstadt der Kinder eingehend und fragt endlich: „Wozu dienen nun wohl die Brücken, die wir in unserer Stadt haben?" — Da erheben sich mehrere kleine Finger, und „ich weiß, ich weiß, Herr Lehrer," ertönt es von allen Seiten. — „Nun, wozu denn?" — Damit das Wasser durch- fließen kann." » * * Aus ber Schule. Lehrer: „Wie viel Zähne hat ber Mensch?" — Schüler: „Den ganzen Munb voll!" * * • „M ißverstänbniß. Gatte (von ber Jagb zurück- kommenb): „Denke boch, auf ber Jagb habe ich ganz zufällig ben Rentier Meyer getroffen." — Gattin: „Großer Gott! — Doch nicht lebensgefährlich?" * * * Im Tanzsaal. Herr Flotto: „Verzeihung! Sinb Sie hier ber Oberkellner?" — Tanzordner: „Nein, ich bin derjenige, der die Paare zu Paaren treibt!" Äetaction: ®. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'scheu ldckxrfitStt-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.