Lormtag den LS. Mai R> WMWW || ÜKä 8 Pfingsten. ------- ^Nachdruck verboten.] Pfingsten! . . . Helle Glockenklänge Jauchzen durch die milde Luft! — Unabsehbar im Gedränge Athmen Blüthen süßen Duft! — Bunte Falter flattern, gaukeln . . . Und ein Kahn biegt still landein, — Und die Wellen zittern, schaukeln, Kräuseln sich im Sonnenschein! . . . Pfingsten! . . . Und der Ton der Glocken Ruft noch immer weit in's Land! Wie ein jubelndes Frohlocken, Das der Himmel uns gesandt! — Wie in tausend Blüthenzweigen Eine ew'ge Liebe kreist, Dem dreieinigen Gott zu eigen! Vater, Sohn und heil'ger Geist! — Pfingsten! . . . Laßt die Glocken klingen In den Frühlingstag hinaus! — Und zum Schmucke sollt Ihr bringen Maicngrün in Hof und Haus! — Was im Schooß der Frühlingserde Nun entgegen!eist dem Licht, Bringe Segen Eurem Herde, Daß es nie an Brot gebricht! — Pfingsten! . .. Und die Glocken rufen Feierlich und rein und klar Zu des Heiligthumes Stufen, Zu des Gottes Hochaltar! — Und die Orgelklänge dröhnen, Wie der Frühlingsstürme Wehn, Um Erlösung allem Schönen, Allem Guten zu erstehn! . . . Pfingsten! . . . Und der Glocken Zungen Sind verstummt nun nah und weit, Denn ihr Lied ist ausgesungen! — — Schleichend naht die Einsamkeit! . . . Und in großen, gelben Flecken Huscht der gold'ne Sonnenstrahl Ueber Gras und Weg und Hecken, Ueber Berg und Fluß und Thal! — Das Fräulein. Roman von E. Vely. (Fortsetzung.) Und dann hatte Hallsberg Line gesucht. Er war durch die Straßen Berlins gewandert, er war aus der Droschke gesprungen, wenn er im Gewühl eine schlanke Gestalt gesehen. Er war auf die Pferdebahnwagen gestiegen, wenn er stolze Schultern durch die Fenster erblickt hatte, er war in Läden gegangen, ziel- und wahllos, und hatte über sich gelacht. Einmal hatte er Walther gestellt auf offener Straße. „Sagen Sie doch, Fräulein von Arabin — in Ihrem Hause?" Der that, als müsse er sich erst besinnen. „Warten Sie mal, also das Fräulein — ja, ich glaube, die Gnädige hat seitdem zwei wieder weggeschickt — die Schwarze, die sich so lange hielt — die meinen Sie?" „Wo ist sie geblieben — haben Sie's vielleicht gehört?" „Keine Ahnung, Herr Doctor! Aber hübsch war sie. ja, sehr hübsch!" Er hätte den Burschen von dem Bürgersteig stoßen mögen, auf dem er so unverschämt mit dem breiten Lächeln stand. „Frau Consul sagt, sie hätte Berlin verlassen." „Oh, Herr Doctor, dann wird das auch wohl so sein, dann hat das seine Richtigkeit, die Frru Consul wird das wohl wissen. Nämlich, es kann manchmal vorkommen, daß solch ein Fräulein zu hübsch ist, für irgend ein Haus. Unser Großpapa sah sie gerne und Herr von Monken —" „Guten Tag!" hatte Bruno Hallsberg gesagt und ihn stehen lassen, er wollte den Nachsatz nicht hören — Und nun hatte er gesucht — wenn sie in Berlin war, wie sollte er sie in der Riesenstadt wiederfinden? hatte sie dieselbe verlassen, so war's noch schlimmer. Und neben 326 Interesse —" Die Klingel wurde gezogen, die Sprechstunde begann, die Kubaitz ging, um zu öffnen. Sie hatte ein Lächeln um den Mund, das des Doctors letzter Bemerkung galt. „Oho, dem gefallen die Blonden und die Schwarzen!" * » * „Schöne Cousine", sagte Joachim von Monken, „wenn Sie doch einmal eine rechte Aufgabe für mich hätten, durch welche ich Ihnen beweisen könnte —" „Was?" Ebba Lund sah kühl zu ihm hinüber. „Wie tief meine Verehrung, wie groß meine Bewunderung ist —" „Aber das erzählen Sie mir so oft, daß ich s glauben muß, um den Wiederholungen vorzubeugen. Nun ich glaube — also abgethan!" Sie legte die kleinen Hände in den Schooß, er rang die seinigen verzweiflungsvoll. „Ich möchte, Jemand verleumdete Sie, nur, damit ich mich für Sie schlagen könnte." „Würde mir gar keinen Eindruck machen. Und dann, wenn Sie verwundet würden und lange von meinen Fünf- uhrthees wegblieben, wäre mir das unangenehm, ich würde Sie vermissen." „Wirklich, schöne Cousine —" „Natürlich." Ein Kopfnicken begleitete die Worte. „Wer soll die Tasse aus meinen Händen weiterreichen, wer prüfen- Nun ^Ach gnädige Frau, weil die Henzen nun doch mal so schüchtern is, da schickt sie mich denn, nämlich, um zu sagen, daß nun Alles wieder gut is — der Herr Doctor, der versteht seine Sache auch." In einer Vase standen herrliche, frische Rosen, die hob Ebba Lund empor und trank den süßen Duft. „Es freut mich — lernt der Kleine brav?" „Intelligent, gnädige Frau, ganz intelligent, der Herr Doctor sagt das auch — na, und was der sagt, ganz abgesehen davon, daß ich nun in seinem Hause bin." Wie leid er ihr plötzlich that — wenn er nach Hause kam, bezahlte Fürsorge, und sein anstrengender Beruf erforderte mehr, wie jeder andere die Theilnahme einer gebildeten Seele. — Mit einem Ruck setzte sie die zerbrechliche Vase nieder, die Wassertropfen spritzten weithin über die kostbare, goldgestickte Decke. Sie hatte einen Gedanken gehabt, der sie ärgerte — wenn Bruno Hallsberg es machte, wie die jungen Kollegen, sich verheiratete aus Liebe nicht, Gott bewahre, aus Bequemlichkeit! Und warum sollte ers nicht. Sie bog die schlanken Finger zusammen, als wolle sie dieselben in das eigene Fleisch graben. „Na ja," sagte die Kubaitz, „das muß der Herr Doctor mir lassen, seine Sachen halte ich in Ehren und Pünktlich. Ebba war, als würde ihr bereits höhnisch lächelnd von allen Seiten zugeflüstert, welch' großes Glück ihr Protege, der Doctor Hallsberg mache, „eine reiche wohlerzogene, junge, hübsche Dame!" Nein, sie würde es nicht dulden! tirt so zierlich, wie Sie den ältesten Damen den Zucker ? Wer springt bei den alten Majors und Rentiers so redebereit in die Unterhaltungspausen?" „Sie sind grausam — ich möchte gar nicht mehr kommen, Sie quälen mich zu sehr," ries er, Unmuth im Ton. Da lächelte sie nur ein wenig und reichte ihm die Hand, zu flüchrig, als daß er einen Kuß hätte drauf drücken können. , , _ .. „ ,x Aber innerlich grollre sie- da verbrachte sie die Zeit mit einer Tändelei, die sie langweilte. Sie wußte wohl, unzählige Frauen ihres Kreises sahm den schönen Monken gern kommen, lachten mit dem allzeit Lustigen, nahmen seine Complimente auch wohl ernster — nein, sie rangirte nicht mit ihnen. Zum ersten Mal in ihrem Leben zweifelte ste daran, daß sie ihren Willen erhielt — Sie hatte zu früh geglaubt, daß sie Bruno Hallsbcrgs sicher sei — er schien ihr wieder entrückter. Sein Blick war kühler, er kam selten, er hatte keine Wünsäw für seine Armen. Die dumme Uebereilung, in die sie sich selber hineingetrieben! — Was wollte sie denn von ihm? Ihn, der sich b anders gezeigt hatte, als sie Alle, zu Ihren Füßen sehn? - Bah! Benno würde nicht knieen, wie eben Alle — den müßte eine Gewalt bezwingen und niederdrücken. Wenn er sie jetzt mied, kämpfte er gegen dieje drohende Gewalt au — gegen die Liebe, die ihn beugen wollte? Seit die eifersüchtige Regung auf Line Arabin in ihr erwacht war, glaubte sie oft, sie müsse diesen Mann für immer vor dem Begehren Anderer sichern — zu sich retten, sich zu ihm. ^Es gab Stunden, wo sie sich in ihren Gedanken nicht mehr auf das Postament stellte, über ihn, sondern wo sie in heißem Sehnen die Arme nach ihm ausbreitete, sich ihm zu nähern auf gleichem Boden. „ . „Da ist eine Frau Kubaitz," sagte Walther, zögernd | seine Meldung vorbringeud. Sie schnellte aus dem tiefen Sessel empor. „Eine Armensache, Cousin! Blättern Sie einstweilen — nein, bitte, schneiden Sie mir das Buch hier auf." Er blickte ihr nach „Und diese Frau vernachlässigt ihr Gatte — und sie wirft sich auf charitable Dinge !" Die Kubaitz knixte, das Gesicht Ebba's hatte einen freundlichen Ausdruck. der brennenden Sehnsucht nach den trotzigen rothen Lippen i hatte er noch Vorwürfe für sich selber — Die Kubaitz kam geräuschlos über den Teppich. „Der Herr Doctor haben nun wieder ^hren Thee nicht angerührt —" Keine Antwort vom Fenster her. „Und hier ist die Tafel - so viele Besuche soll der Herr Doctor machen, der Herr Doctor sind wirklich zu sehr begehrt —" Er machte eine Bewegung nach dem Schreibtisch. Sie legte die Adressen nieder — die Stellung hatte ste sich besser gedacht, man war hier zu großer L>chweigsam- keit verurtheilt. Nicht einmal die gewöhnlichen Patienren durste sie ausfragen, und auf dem Schreibtisch fand sie keine Befriedigung für ihre stumme Neugier. Recepte, Register, Bücher, auch nicht ein kleiner Liebesbrief, wie ste das von früheren Miethsherren her kannte. „Frau Kuba tz!" Sie drehte sich in der Thür des Nebenzimmers um. „Herr Doctor!" „Sie erinnern sich des Fräuleins von Arabin, da» damals bei Ihnen wohnte — deren Vater starb?" „Ob, Herr Doctor, ob! Schön — und ein bischen hochmüthig. Der Herr Doctor hat ja das auch gemerkt, als Sie sich ihrer —" „ Er unterbrach sie jäh, den einen Fensterflügel zuschlagend. „Sie haben die Dame nicht wiedergesehen, wie?" Beteuernd legte sich die breite Hand auf die Brust. „Nie, Herr Doctor! Ne Stelle, aber nid) wohin und woher, das war so ihre Art. Freilich, bis auf den letzten Pfennig bezahlt — ne, was recht is. Un die Henzen, meine Schwester, die für's Schöne is, sagt man, das wäre ein Gesicht sür's Theater. Na, da is sie am Ende — bei's Theater." Seine Hand suchte die Kante des Schreibtisches, glitt an ihr hinunter und streckte sich dann nach einigen Papieren aus. „Wenn Sie Ihnen zufällig einmal begegnen sollte, so suchen Sie doch zu erfahren —" — es , kam förmlich widerstrebend über seine Lippen — „wo sie wohnt und was sie treibt —" , „Aber natürlich, Herr Doctor, das woll'n wir schon ntaiiien —." Sie gestikulirte in ihrem Eifer. „Wenn ich dem Herrn Doctor 'nen Extragefallen thun kann, da bin ich gewiß zu finden." , Er wurde verlegen. ist zwar nicht in meinem 327 Hätte sie ihre Freiheit noch einmal! Nein, nur keine . Lüge! M a i e n. Skizze von S. Roberts. ------- (Nachdruck verboten.) Smaragdgrün, mit zartem, schleierartigem Blattwerk geschmückt, thürmen sich die weißstämmigen junken Birken auf den Wagen der Landleute, die sie in die Stadt zum Verkauf bringen. Wie viele sie aber auch mit sich führen, sie finden alle ihre Liebhaber, auch nicht das unscheinbarste Aestlein bleibt übrig. Pfingsten steht ja vor der Thür, und oa will Jeder keine Maien haben. Die Höchsten dieser Erde wissen zur Zeit keine schönere Decoration für ihre stolzen Paläste, als die holden Boten des Wonnemonats, in den behaglichen Wohnungen des Mittelstandes sind sie liebe, willkommene Gäste, und auch in die Hütten der Armen zaubern sie ein wenig von dem Sonnenschein, der auf den lenze«- duftigen Zweigen seinen Abglanz zurückgelassen hat. Zu kemer anderen Zeit des Jahres ist das Baumgrün so lieblich wie jetzt! Die kommenden Monate tauchen es in kräftigere sattere Tinten, aber diesen zartgoldigen Ton giebt ihm nur der Mai. Wer wollte sich d'rum auch verwundern, daß wir uns zu Pfingsten gerade diesen Zimmerschmuck ausgesucht! Wo die Sitte ursprünglich sich herschreibt — ob von dem Maifeld, auf dem die fränkischen Könige mitsammt ihrem Hvf- lager aus blumenübersäeter, von abgeschnittcnen Bäumen und Aestcn umkränzter Au' ihre Feste feierten, ob von dem alten Brauchs um den geputzten, mit Geschenken behangenen Mai bäum ländliche Spiele und Tänze aufzuführen — wer weiß es! Mögen auch noch so viele Versionen darüber bestehen, ste kümmern uns in diesem Fall nur wenig — der Gedanke zum Frühlingsfest uns junge grünende Zweige zu holen, liegt so nahe, daß er keiner Erklärung bedarf. ♦ ♦ * :r, Jahren schon, gerade so lange, wie er auf Erden rst, liegt der kranke Knabe auf seinem Bett, dessen Linnen nicht weißer sind, als das schmale Gesicht mit den übernatürlich glänzenden Augen. Er ist nie draußen in Waid und Feld gewesen, er hat von der Welt Nichts gesehen, als em enges Stübchen, in dem die Mutter vom frühen Morgen bis in die Nacht bei der Nähmaschine sitzt. Die lange, graue Mauer dort drüben verbirgt ja Alles, was jenseits in der Welt vorgeht. Keinen Sonnenstrahl läßt sie hervorkommen, und leise nur wie ferneres Meeresrauschen dringen hinter ihr die wechselvollen Geräusche der Großstadt zu den Bewohnern der ärmlichen Dachwohnung herüber. Dennoch gekleidet war. Man war so gefällig, so wenig neugierig, so wohlthuend zurückhaltend. .Hetzer begriff die kurzen Andeutungen Walthers schnell, Fräulein von Arabin sollte sich hier aufhalten, bis sie eme neue, ganz zusagende Stelle gefunden — „billig und gut sollte sie es hier haben und „na, Du lieber Gott", fand sich nicht gleich etwas nach Wunsch für das gnädige Fraulein, so eilte es ja nicht. „Glücklicherweise ist man ja in der Lage, einen kleinen Ered t zu gewähren auf das ehrliche Gesicht, die feinen Manieren des Fräuleins und die Garantie des guten Herrn Walther Sibber hin, der ein Freund des verstorbenen Meher in Schlesien gewesen ist. Man hat doch ein Herz, man weiß doch, in welche Lage ein Mensch kommen kann! Und hier in dem großen Berlin, wo jeder sich mit den Ellbogen durchkämpfen muß. Ja, wenn Meyer nicht gesorgt hätte für einen anständigen Nothpfennig —!" „Wir sind stille Leute — tagsüber geht Olga in ein Confectronsgeschäft, wo sie Verkäuferin ist. Drüben das Zimmer hat ein Cousin vom Lande inne, ein kleiner Beamter, ein stiller Mann, der ist auch immer auf seiner Canzlei. Durch nichts wird das Frälein gestört werden, durch nichts —" (Fortsetzung folgt.) _ , Wie hätte ihr früher ein Loos an Bruno Hallsbergs Seite als ein Glück erscheinen können? Sie hatte erst die ganze Leere des Lebens in Reichthum ohne Liebe, ohne innere Befriedigung durchkosten müssen, um zur Erkenntniß zu gelangen. ,/Ja, ja," sagte nun die Kubaitz, „das Leben ist unterschiedlich und die Menschen auch. Und man lernt allerlei Leute kennen. Habe ich der gnädigen Frau mal von dem schwarzen Fraulein erzählt, nun ihn der Herr Doctor genannt hat, ist mir der Name wieder in den Sinn gekommen, „Jacqueline?" die kleine Gestalt wandte sich blitzschnell und trat der Andern ein Paar Schritte entgegen. „Ja — natürlich — ne, was die Welt klein ist. Nun wissen Sie auch bereits davon sie wunderte sich für Ebbas Geduld viel zu lange. „Der Doctor?" schleuderte sie ihr herrisch entgegen. „Na, damals, wie doch der Vater starb und es so schlimm mit der stand und kaum noch für das nöthige Geld und denn keine Idee, wovon es weiter gehn sollte! Du lieber Gott, solche haben ja nie was Ordentliches gelernt, wie Unsereiner, der sich raus hilft mit Waschen und Ver- miethen und wie es gerade kommt. Da gab mir der Herr Doctor zwanzig Mark — na, junge Herrn, die gucken ja gern nach nem hübschen Gesichte. Ich sollte es ihr an nichts fehlen lassen. Und wie ich es ihr gesagt habe, da hat sie dem Herrn Doctor ’nen Brief geschrieben, daß er nicht wieder gekommen is. Wie habe ich mir denn träumen lassen, daß ich noch so ne Mission kriegen sollte und nach ihr suchen — heute hat er es gesagt —" - ^chen," wiederholte Ebba Lund und ein seltsamer Ausdruck kam um ihre Lippen, es war kein Lächeln e§ u>ar wie ein Zucken und ihre Augen schlossen sich halb. //♦* 9 • tv er will es ja nun, und ich kann es versuchen. Die Polizei ist ja da und die Stellenbureaus und irgendwo muß sie doch geblieben sein —" Ebba Lund richtete sich auf. „Lassen Sie das nur, meine gute Frau, — Jacqueline Arabin ist nach Italien abgereist. —" v //Ja, denn soll ich es wohl lassen," meinte die Kubaitz, „denn darin kann ich ihr nich nach, das wird der Herr Doctor auch wohl nicht verlangen." „Guten Abend." Sie war verabschiedet, das sah sie deutlich und sie war auch enttäuscht, an die Nothlage der Henzens schien die reiche Frau nicht zu denken und Heimlichkeiten wegen dem Doctor hatte sie auch nicht. Edba Lund reckte beide Arme in die Höhe und ballte die kleinen Hände so hatte sie als Kind gethan, wenn sie ihren Willen haben wollte. Und das wußte sie jetzt — sie w.'ch Keiner, einer Line Arabin nicht und einer Unbekannten nicht sie wollte ihn für sich erringen, vor aller Welt! * * * Sie suchten immer aufmerksam zu fein, die Wirthin und ihre Tochter- da hatten sie ihr wieder ein Paar blühende Azalien an die Fenster gestellt. Tölles, gebildetes Fräulein wie Sie," sagte ie Frau Meyer, „die sollte wahrhaftig nicht in einer Hinterstube wohnen." w Am ersten Tage war Line wie betäubt gewesen, sie hatte sich hier in dem Zimmer umsorgen lassen, als sei sie e-ne Kranke und das Gesicht Walthers, das sonst immer solch widerwärtiges Lächeln gehabt, wenn er ihr in der Villa be- gegnete oder etwas an sie auszurichten hatte, war ihr plötzlich trostreich erschienen. Er besprach Alles mit der Frau Meyer und ihrer hübschen Tochter, die zierlich frisirt war, eine sehr schlanke Taille hatte und nach der neuesten Mode 388 schaut deS Knaben Auge gespannt und sehnsüchtig durch die niedrigen, altersblinden Fenster, denn dort oben rechts, wo ein winziges Stückchen Himmel hervorguckt, erscheint zuweilen etwas Lichtes, Grünes. Wenn der Wind über die Dächer streicht, weht er die Zweige der alten Linde über das düstere Gemäuer. Noch viele, viele solcher Bäume soü's in der Welt geben — so hat's die Mutter dem Kleinen erzählt — ach, wie schön muß doch die Welt sein! Er weiß! daß er sie nie sehen wird, und hat sich d'rum still in das Unabänderliche ergeben, heute aber am Samstag vor Pfingsten bricht's plötzlich und unvermittelt aus ihm hervor: „Ach Mutter — könnt' ich nicht zu morgen einen grünen Zweig haben?" „Wie kommst Du darauf, mein Liebling?" fragt die blasse Frau, erstaunt von ihrer Arbeit aufblickend. „Steh, Mutter — der Baum drüben wird gerade zu Pfingsten stets so schön grün, und an einem Fest will man doch etwas Besonderes haben." Die Mutter antwortet nicht, sie überlegt im Stillen, wie sie es wohl anfangen könnte, dem kranken Kinde seinen Wunsch zu erfüllen. Jetzt während des Tages darf sie sich nicht entfernen, denn die Wäschestücke, an denen sie arbeitet, müssen heute noch fertig werden, und wenn sie ausgeht, um sie an das Geschäft abzuliefern, dann sind die Leute mit den Birken schon fortgefahren. Jndeß sie noch so trübe sinnt, wird die Thür auf- geriflen und ein kleines Mädchen mit frischen, rosigen Wangen und offenem Blondhaar stürmt herein, einen grünen Baum hinter sich auf dem Boden schleifend. „Maien", — ruft sie fröhlich — „hier, Heini, bring' ich Dir Maien. Wir waren im Walde, Vater, Mutter, die Geschwister, wir Alle — mit dem Wagen haben wir sie geholt — so viele! Hier nimm, wir haben noch genug!" Sie hat die Birke dem Knaben an's Bett geschleppt. Der streicht liebkosend mit den abgezehrten Händchen über das grüne Gezweig. Ein glückliches Lächeln spielt um seinen Mund, über das Gesicht hat sich ein heller Farbenschimmer ergossen. So sehr beschäftigt ist er mit seinem neuen Besitz, daß er ganz die kleine Geberin vergißt. Endlich erinnert er sich ihrer wieder. „Wie gut Du bist, Mieze", sagt er mit zitternder Stimme, „ich danke Dir." Und aber- und abermals wiederholt er: „ich danke Dir." Mieze aber steht verwundert da. Sind das nicht Thränen, die in ihres armen kleinen Spielgefährten Augen glänzen? Daß ihr Geschenk solche Freude Hervorrufen würde, darauf hat sie nicht gerechnet. Ein unklares Ahnen, was de« kranken Knaben ihre Maien bedeuten, zieht durch ihr Herz, aber mit der ganzen natürlichen Scheu eines gesunden Kindes gegen Alles, was mit Krankheit und Leiden im Zusammenhänge steht, wehrt sie sich gegen die in ihr aufsteigende Rührung. „Ich muß nun nach Hause —" ruft sie — „unsere Fränze hat sich verlobt, und da wird der Kuchen heut' schon angeschnitten. Dann läuft sie zur Thür hinaus, kaum sich Zeit nehmend, dem kleinen Freund und seiner Mutter Adieu zu zu sagen. Erst daheim bei den Geschwistern wird sie die unbequeme Empfindung von vorhin wieder los. Die freuen sich auch über die Maien, aber weinen thun sie deswegen doch nicht — ach nein. Jubelnd tanzen sie um sie herum, indeß die erwachsene Schwester und ein großer junger Mann die kleineren Zweige hinter Spiegel und Bilder stecken und die größeren Stämmchen in Tönnchen mit Wasser stellen. Aus den letzteren wird dann in einer Zimmerecke eine Art Laube gebaut, in der die Beiden, nachdem sie mit ihrem Werk fertig sind, Hand in Hand sitzen, sich küssen und darüber scherzen, wie seltsam es doch sei, daß gerade beim Abschneidrn der Maten ihre Herzen sich gefunden. Nach welchen Grundsätzen find Erzengnisie der Nahrungsmittel »Industrie zu beurtheilenf Professor Dr. Moritz, Vorstand der Münchener medicinischen Universal- Poliklinik, sagt hierüber auf Seite 243 seines umfangreichen Werkes „Grundzüge der Krankenernährung" (Stuttgart, F. Enke's Verlag): „Nährgehalt, Schmackhaftigkeit, geeignete Form für die Aufnahme, Verdaulichkeit und Preiswürdigkeit sind die Gesichtspunkte, die in Betracht gezogen werden müssen." Gilt nicht eigentlich ein gleiches für jede Speise, die der Mensch zu sich nimmt? Und gewiß wird Niemans bestreiten wollen, daß eine große Reihe von Speisen (unter Anderem Suppen, Fleischgerichte, Gemüse, namentlich Hülsenfrüchte) in ihrem vollen Nährwerthe erst dadurch zur Geltung kommt, daß ihnen durch einen kleinen Zusatz von Liebig's Fleisch-Extract Schmackhaftigkeit und Bekömmlichkeit verliehen wird. Deshalb hat es sich auch in den Küchen der ganzen civilisirten Welt so rasch eingebürgert. * * * Hühneraugen. Ein einfaches Hausmittel gegen Hühneraugen ist nachstehendes: Abends vor dem Schlafengehen lege man die Krume eines halben Weißbrodes so lange in ungemischten Essig, bis sie hinlänglich durchzogen ist und bindet davon über Nacht ein Stückchen als Umschlag auf das Hühnerauge, resp. die Frostballen. Die Semmel trocknet von außen nach innen ganz hart ein, so eine luftdichte Kruste bildend, unter welcher der Essig, die Haut allmählich erweichend, in dieselbe eindringt und die Entzündung aufhebt. Am anderen Morgen wird der Schmerz vorüber sein und man wird in den meisten Fällen sogar das Hühnerauge herausschälen können, wo nicht, so muß das Verfahren zwei bis drei Mal wiederholt, dann aber einige Tage ausgesetzt werden. Hrrmsristisches. Bauernregeln, so den Regenschirm betreffen. Stellt man einen Regenschirm in die Ecke irgend eines Clubzimmers, so zeigt das an, daß der Schirm bald seinen Eigenthümer wechseln wird. — Findet man statt des eigenen seidenen einen fremden baumwollenen, so ist er vertauscht worden. — Wird ein Regenschirm von einem Herrn so über eine Dame gehalten, daß alle Tropfen über den Herrn sich ergießen, so bedeutet das: ich bin verliebt! Nimmt aber der Herr den größten Theil des Schirmes für sich in Anspruch, so sagt dieses: Wir sind verheirathet! — Wird ein Schirm unter dem Arm getragen, so ist anzunehmen, daß der hinter ihm Kommende ein Auge verliert. — Wird er gerade hoch genug gehalten, um vorübergehenden Männern die Hüte zu ruiniren, so heißt das: ich bin eine Dame! — Das Ausleihen eines Schirmes bedeutet: Hochgradige Gedankenlosigkeit. — Wer weiß noch was? ♦ • e Geistesgegenwart. Vor einiger Zeit kam ein Landwirth in ein kleines Filderort, um sich daselbst eine Magd zu dingen. Schon war er mit der Mutter der zu dingenden Magd über die Bedingungen im Reinen, als die Mutter plötzlich fragte: „Ja, sagen Sie, muß meine Tochter auch in den Kuhstall?" „Jo, freili wurd se ab und zua nei müassa," meinte er. „Ja, ja, dann ist es nichts, guter Mann," meinte die Frau, meine Tochter kann nicht in den Kuhstall!" Der Landwirth sah sich in der keineswegs übermäßig reinlichen Wohnstube um und meinte dann lächelnd: „Jo, jo, i han's schau g'merkt, daß i se net brauche ta; in mei'm Kuahstall muaß es nämlich säuberer fei’ als in uirer Stuba/ Sprach's und ließ die verdutzt dreinschauende Mutter mit I ihrer Tochter allein. Redaktion: C. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.