sCTOiJ er viel einst zu verkünden hat, Schweigt viel in sich hinein; Wer einst als Blitz zu zünden hat, Muß lange Wolke fein I Friedrich Nietzsche. Der Amtmann von Rapshagen Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) Es war allerdings keine Aussicht, daß eine solche Begegnung stattfinden könne, denn Carola Munter hatte seit jenem Sonntag Nachmittag, an dem ihr mit der Kunde von Anna Haltens Tode zugleich die Gewißheit geworden war, daß Adolf Göbener mit ihr und jener ein Doppelspiel getrieben habe, Waldhof nicht wieder verlassen und sowohl der Amtsrath, wie ihre Mutter hatten sich gehütet, in irgend einer Weise auf sie einwirken zu wollen. Die Letztere kannte ihre Tochter und wußte, daß das schöne, stolze Mädchen mit sich allein fertig werden müsse und Wenzel war viel zu rücksichtsvoll, um die Nichte merken zu lassen, welchen tiefen Blick er in ihr Herz gethan. Beide hofften außerdem, .Carola müsse sich schnell über ihren Kummer erheben, sie befanden sich dabei freilich im ^rrthum. Gerade weil sie eine größer angelegte Natur war als Adolf Göbener, und weil sie sich bisher spröde gegen I-de Liebe gewehrt, hatte sie, nun sie sich ihr hingegeben, mrt voller Stärke von ihrem Herzen Besitz ergriffen. So sehr sie sich muhte, Adolf zu verachten und zu Haffen, sein Betragen gegen seine Braut sich in dem häßlichsten Lichte darzustellen, so vermochte sie doch nicht zu verhindern, daß ein tiefes Mitleid mit ihm sie erfüllte. Mit bewundernswürdiger Treue hatte ihr Gedächtniß beinahe jedes Wort aufbewahrt, das er zu ihr gesprochen, und wenn sie sich dieselbe zurückschauend wiederholte, da wurde ihr die Bedeutung von vielen Aeußerungen klar, an denen sie achtlos vorübergegangen war. Adolf Göbener hatte sie kennen gelernt, als er schon gebunden war und sie geliebt mit einer ganz anderen Liebe, vermocht' 6efd,ränEte Mädchen einzuflößen i Gewiß, es wäre richtiger, es wäre ehrenhafter gewesen, wenn er sich ihr nicht genähert, wenn er eingestanden hätte, daß er gebunden sei. Aber war es an ihr, ihn darum zu verdammen? War es nicht doch nur die Liebe zu ihr, die ihn vom Pfade des Rechtes hinweggelockt. Und war er nicht grausam genug bestraft? Wenn wirklich geschehen, was man sich zuflüsterte, daß i Anna Holten durch Selbstmord geendet habe, so lag diese : Last für sein ganzes Leben, es vergällend, aus seiner Seele, f Und wie es auch sein mochte, sie waren getrennt, nie konnte s sie die Seinige werden. ! In wenigen Wochen wollte sie mit dem Amtsrath und j ihrer Mutter die Reise nach der Schweiz antreten, von dort i nach Paris zu der russischen Familie gehen und erst in i Jahren nach Deutschland zurückkehren. Ihre und Adolf > Göbeners Wege würden sich nie wieder kreuzen. : - Wie schmerzhaft ihr Herz bei diesem Gedanken sich zu- ! sammenkrampfte, wie heiße Thränen sie vergoß! < In den sich immer dichter belaubenden Wegen des Parkes Stunden lang rastlos bis zur vollsten körperlichen Ermüdung auf und ab wandelnd, rief sie seinen Namen voll Mitleid und Sehnsucht. Adolf Göbener hätte zufrieden sein können, hätte er sie jemals so gesehen. Von einem solchen Spaziergang zurückgekehrt, saß Carola mit dem Amtsrath und ihrer Mutter, anscheinend heiter, in Wahrheit aber in tiesster Seele betrübt, beim Abendessen, bemüht, freundlich und angelegentlich an dem Gespräch theilzunehmen, das sich wieder um die Reise drehte. Diese Reise, mit welcher man sie zu zerstreuen hoffte und der sie doch entgegensah wie der Verurtheilte der Vollziehung des über ihn gefällten Spruches. Mit Todesverachtung schickte sie sich eben an, die Portion frischer Spargel zu verzehren, welche ihr der Amtsrath, weil sie nach seiner Meinung gar zu zimperlich zugegriffen, auf den Teller gepackt hatte, da trat der Diener, der die gebrauchten Teller hinausgetragen hatte, wieder ein und meldete, Herr Doctor Holten sei soeben gekommen und lasse den Herrn Amtsrath um eine Unterredung unter vier Augen bitten. Amtsrath Wenzel erbleichte. Doctor Holten bei ihm in Waldhof? Was konnte das zu bedeuten haben? Sein erster Gedanke war, seiner Tochter könne ein Unfall zugestoßen sein und der Doctor sei der Ucberbringer der NaL- richt, so unwahrscheinlich es auch war daß dieser daran 194 habe entgegnete Frau Münter zu- ? zum nm < _____ QTitAon füftP will Onkel entgegnete auf. „Er ganz anderen Angelegenheit in Anspruch genommen und ich ihn ihm zugesagt." „Es betrifft den Tod seiner Schwester!" rief Carola. Der Amlsrath schaute sie betroffen an und fragte: „Wie kommst Du darauf?" Dann, ihre beiden Hände ergreifend kommt seinetwegen." Die Professorin schüttelte den Kopf. „Er hat ihn vielleicht gefordert!" „Kind, welch ein Einfall! Meinst Du, er Theodor bitten, ihm als Secundant zu dienen? - - die Mutter mit einem Versuch zu scherzen, gab ihn fedoch schnell genug auf, als sie -in das verstörte Gesicht ihrer Wenzel sah recht bleich aus und sagte als Antwort e. auf die ihm fragend begegnenden Blicke: ,M handelte sich i nicht um Meta, Doctor Holten hat meinen Befftand m einer früher unterrichtet sein' sollte als er. Ausstehend und sich mit der Serviette den Mund wischend, sagte er. „Entschuldigt mich und laßt Euch nicht stören, ich bin gespannt, zu erfahren, was Doctor Holten von mir will und möchte ihn sogleich empfangen. Bitte, lieber Onkel, geh, geh!" rief Carola mit einer Lebhaftigkeit, daß ihre Mutter sie erstaunt ansah und mit noch größerem Staunen die sich in ihrem Gesichte kundgebende große Erregung wahrnahm. , Was ist Dir, Carola?" fragte sie, als sie sich nach des Amtsraths Entfernung mit der Tochter allem sah. „Glaubst Du, daß er um Metas willen —" „Haltens Besuch hat nichts mit Meta zu thun,„ unterbrach sie Carola, „er kommt um seiner Schwester willen. „Seine Schwester ist tobt —" Aber Adolf Göbener lebt!" schrie Carola „Was ich denken, was ich meinen soll, weiß ich nicht, rief Carola, „aber das weiß ich: dieser Besuch gilt Adolf Göbener und bedeutet ihm ein Unheil, das sagt mir mein ahne^au^Professor Munter erhob sich vom Tisb, umfaßte Carola und sührte sie nach einem neben dem Salon liegenden kleinen Zimmer, an das sich eine blumengeschmuckte Veranda schloß. Die auf dieselbe führende Glasthüre stand offen und gewährte der lauen, würzigen Luft den Eingang. „Mein armes Herz, so sehr bist Du von dem Gedanken an Göbener erfüllt, daß Du in jedem Vorfall einen Zusammenbang mit ihm witterst?" sagte sie, die Tochter bei der Hand haltend und mit sich zu einer auf der Veranda stehenden Bank aus Korbgeflechte führend Carola ward glühend roth und wandte das Gesicht ab, sie erkannte, daß sie sich verrathen hatte. Dennoch suchte sie ausweichend zu erwidern: „ „Die Jdeenverbindung ist doch gar zu natürlich, Holten ist Annas Bruder." . .. 9tft das meine wahrheitsliebende Carola, von der ich schon, als sie ein Kind war, allen Bekannten triumphtrend erzählte, sie sei zu stolz, mir jemals eine^Unwahrheit zu sagen?" fragte die Mutter mit sanftem Vorwurf. „Ich habe Dich bisher gewähren lassen, hoffend, Du wurdest^mit der Dir eigenen Kraft darüber Hinwegkommen, aber Da vermochte Carola nicht mehr an sich zu halten. Vor der Mutter niederstürzend und ihr Gesicht m deren Schooß bergend, schluchzte sie: ,, , Ich kann es nicht, ich kann es nicht! Du wähnst mich stark, Mutter, aber ich bin erbärmlich schwach. >zch kann diese Liebe nicht aus meinem Herzen reißen und werde „Entschuldigen Sie, lieber Mann, gehört dlese Wlese zum Gute Rapshagen, erkundigte sich der Herr höflich und lüftete den Hut, setzte ihn aber sogleich wieder auf. Nichtsdestoweniger tühlte Knschan sich geschmeichelt. Gewiß," sagte er, „und alle die Felder, die Sre hier sehen, auch - es ist ein schönes Gut und der Amtmann hälts tüchtig im Stande, das muß man ihm lassen. Der Stolz der Dienstboten, der sich einem wohlhabenden Hause zugehörig weiß, trug für den Augenblick den Sieg über seinen, AZ 8^ too[)t ganz gut in Rapshagen ?" setzte der freundliche Herr bte Unterhaltung fort, „habe freilich gehört, Amtmann Göbener soll em eigener Herr sein. Ein Leuteschinder ist er!" schrie Kclschan, seiner Sense, d>° -L Lg-Li« --ich. '"!£» n* gebend, daß der Andere emen Schritt zuruckwtch. „Ich fügte er hinzu: . „Ja, es handelte sich darum, aber in einer ganz anderen Weise, als Ihr Euch vorstellt. Mehr darf ich nicht sagen, denn ich habe mein Wort gegeben, zu schweigen. Ich möchte Euch bitten, sogar das Wenige, was ich Euch mitgethetlt, als strenges Geheimniß zu behandeln." „Und nun gute Nacht. Ich bin nur gekommen, um mich von Euch zu verabschieden, da ich Euch morgen nicht stören möchte, ich will ganz früh eine kleine Reise antreten, bin aber schon am Tage darauf wieder zurück. Ohne etwas hinzuzufügen, reichte er Mutter und Tochter die Hand und ging, wie um weiteren Fragen auszuweichen, schnell hinaus. Mit dem Alten ist's rein nicht mehr auszuhalten, ich habe das Schimpfen und Schuhriegeln nun satt und auf Johanni gekündigt," sagte Krischan, der zweite Knecht, zu der aus dem Kuhstall kommenden Annaliese, indem er mit finsterer Miene dem Amtmann Göbener nachschaute, der soeben in seinem offenen Wagen vom Hofe gefahren war. „ „Ich thät's auch, wenn mich die Frau nicht dauerte, erwiderte sie, die beiden Eimer mit schäumender Milch, bte sie in ben ausgestreckten Armen trug, zu Boden setzend. „So lange sie lebt, bleibe ich aus bem Hofe, das wird freilich nur noch kurze Zeit dauern, dann hält mich aber hier nichts mehr. Solltest es auch so machen, Kruchan. Der Knecht brummte etwas Unverständliches, waN dte Sense über die Schulter und ging hinaus auf bte Wiese, um Gras zu schneiben. Das Phlegma, mit bem er sons solchen Geschäften oblag, schien ihn heute völlig verlassen zu haben, er hieb um sich, als wolle er seine Wuth an ben unschuldigen Gräsern und Butterblumen auslassen, denn der Amtmann hatte ihm soeben gar zu übel mitgespielt; es hatte nicht viel gefehlt, daß er sich thätlich an thm vergriffen „Wenn ich nur wüßte, was der geputzte Herr bei ihm zu thun hat," murmelte der Knecht, während er wieder zu einem Hiebe ausholte- „er ist schon ein paar Mal dagewesen, und jedesmal ist er dann wie toll geworden. Ne, ne, bte Anneliese mag reden was sie will, ich bleibe nicht langer in Rapshagen- nicht satt zu essen und schlechte Behandlung, das hat man nicht nöthig, sich gefallen zu lassen. Er schnitt eifrig weiter. Es war schon spat am Nachmittag und er wollte mit seinem Karren Grünfutter vor Feierabend gern ins Haus sein. Darüber hatte er nicht Acht gehabt/ daß ein schlicht aussehender Mann 'n vorgerückteren Jahren, in guter, aber einfach bürgerlicher Kleidung, : ihm schon eine Weile zugeschaut hatte. Jetzt trat der Fremde heran, bot ihm einen guten Tag und Krischan sah sich v mich daran verbluten." „Das wirst Du nicht," u..a-ö— v - verstchtlich, obwohl ein tiefes Weh um Mund und Augen zuckte, dafür haft Du noch eine Mutter. Vertraue Dich mir an, ich helfe Dir leiden und Dich wieder aufrlchten. Sie zog sie empor, und eng umschlungen sprachen Mutter und Tochter lange leise und . angelegentlich «ntemander. Allmälig versiegten Carolas Thränen und ihr bleiches Gesicht erhielt wieder seinen ruhigen, edlen Ausdruck. Es war sehr spät geworden, als der Amtsrath zu den Damen zurückkehrte und man in der herrschenden stille das Rollen des leichten Wagens vernahm, mit dem Doctor Holten 195 bleibe nicht länger auf dem Hofe. Er hatte ja immer was zu bedeuten, seit aber das Fräulein ertrunken und die Frau so krank ist, kann man es gar nicht mehr bei ihm aushalten." „Nun, nun," begütigte der Fremde, „wenn man von solchem Unglück betroffen wird, da kann man wohl aus dem Gleichgewicht gerathen." „Ach was, Unglück!" erwiderte Krischan sehr wenig respectvoll. „Jetzt will er den Menschen einreden, er hätte das Fräulein wer weiß wie lieb gehabt, und ich wette, er hat sich nicht so viel aus ihr gemacht!" Er schnippte mit dem Finger. „Wie ist denn nur das Unglück eigentlich geschehen?" erkundigte sich der Fremde. „Ich habe Allerlei darüber gehört, aber nichts Sicheres." „Na, da kommen Sie an die rechte Schmiede," erwiderte Krischan, der wieder in seiner Arbeit inne hielt, „ich bin dabei gewesen, als das arme Mädchen aus dem Paddenteich gezogen ward, habe selbst mit angefaßt." (Fortsetzung folgt.) Versunkene Welten. Von Ern st Vogel. ------- (Nachdruck verboten.) Ich aber lag am Rande des Schiffes, Und schaute, träumenden Auges, Hinab in das spiegelklare Waffer, Und schaute tiefer und tiefer — Bis tief im Meeresgründe..... Kirchenkuppel und Thürme sich zeigten, Und endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt, .. (Heine.) Die Fama berichtet uns wunderbare Geschichten von Städten und Inseln, welche in die Tiefe des Meeres versunken sind. Vineta und Arkon sind solche Städte. Aber noch weit wunderbarer als diese Mär klingt an unser Ohr die uns schon aus dem Alterthum überlieferte Sage von Atlantis, dem versunkenen Continent im Atlantischen Ocean. Was ist die Sage? Verklungene und idealisirte Geschichte. So spiegeln sich in den Bildern der Götter und Heroen der alten Griechen die Heldentaten berühmter und großer Männer ab, deren Erinnerung sich im Volke lebendig erhielt, in Ermangelung der Schreibkunst von Mund zu Mund überliefert und fortgepflanzt. Der skeptische Mensch ist gern geneigt, stolz auf sein fortgeschrittenes Erkenntniß- vermögen, vergangene Ereignisse, sofern sie ihm nicht schwarz auf weiß überliefert werden, der Sage zu überantworten. Oft aber kommt die Wissenschaft der geschmähten und verkannten Ueberlieferung zu Hilfe und rettet ihre Ehre. So bestätigte die Forschung die wundersame Mär vom Untergang der Städte Herkulanum und Pompeji, von deren Wahrheit sich heute jeder Reisende überzeugen kann- sie wies die Wahrheit zahlreicher angezweifellter Berichte des Vaters der Geschichte, Herodot, nach, den man verleumderischer und ungerechter Weise häufig als „Vater der Lüge" bezeichnete, und sie bemächtigt sich neuerdings auch mehr und mehr der alten Atlantismythe, indem sie sich nicht damit begnügt, von einem versunkenen Continent zu sprechen, sondern gleich von zweien, Atlantis und Lemuria, welche beide die Urheimath der Menschheit gewesen sein sollen. Wir schicken voraus, daß es sich selbstverständlich nur um die Hypothesen einzelner Forscher handelt, denen die Wissenschaft im Allgemeinen noch mit Achselzucken oder doch in abwartender Haltung gegenübersteht. Die erste Kunde von Atlantis verdanken wir Plato, der uns in seinem „Kritias" ein leider unvollendet gebliebenes phantastisches Gemälde der Insel entwirft. Er führt die Mittheilung auf keinen Geringeren zurück als Solon. Während seines Besuches in Egypten habe diesem ein egyptischer Priester die Geschichte der Blüthe und des Untergangs von Atlantis erzählt, und der berühmte Weise habe später die Absicht gehegt, dieselbe als großes Heldengedicht den Griechen zu hinterlassen, sei aber durch hohes Alter oder aus anderen Gründen an der Ausführung verhindert worden. Entweder durch Ueberlieferung oder durch einen erhalten gebliebenen Bruchtheil des Manuskripts gelangte die Sage zur Kenntniß Platos. Nach seiner Schilderung erklärte der egyptische Priester dem Griechen die Art und Weise, wie er dazu gekommen. Egypten sei das einzige, bei den zahlreichen Vertilgungen der Menschheit durch Feuer und Wasser der Vernichtung entronnene Land, daher habe es alle Wissenschaft, die anderswo vergangen sei, in seinen Tempeln aufbewahrt. So habe es auch die Kunde von Atlantis behalten, dereinst einer Insel, so groß wie ein Festland und größer als Asien und Lybien zusammen. Sie bedeckte eine Fläche vom zwölften bis vierzigsten Grad nördlicher Breite und lag im Atlantischen Ocean westlich der Säulen des Herkules. Der Egypter beschreibt dann ausführlich die Pflanzen- und Thierwelt der Insel, die Menschen und Einrichtungen. Ihre Macht erstreckte sich weit, selbst mit Egypten und Europa hätten ihre Könige Krieg geführt und nur vor dem unbezwinglichen Widerstand der tapferen Helenen hätten sie zurückweichen müssen. Einst entstand eine ungeheuere Ueber- schwemmung, mit Erdbeben verbunden, und in Zeit von einer Nacht und einem Tag verschwand der große Continent, um nur noch in der Sage fortzuleben. Die Zeit des Untergangs verlegt Plato etwa 9000 Jahre zurück. Nun liegt die Vermuthung nahe, daß der griechische Schriftsteller mit seiner Darstellung einer phantastischen Speculation Raum gab. Vielleicht bezweckte er die Schilderung eines utopistischen Staats, um seiner Zeit einen Spiegel vorzuhalten, wie es Moore in seiner „Utopia" und nach ihm zahireiche Nachfolger gethan haben. Sonderbar berühren wenigstens die genauen Angaben, die er über die Bevölkerung und die politischen Einrichtungen eines Staatswesens macht, dessen Untergang schon so viele tausend Jahre zurückliegt. Andererseits sprechen mancherlei Umstände für die Möglichkeit des einstigen Vorhandenseins eines Continents im Atlantischen Ocean. Zuvörderst die Ernährung desselben durch mehrere alte Schriftsteller, wie Proclus, Aelianus, Marcellus und Siculus. Nach Proclus sollen die Bewohner einer außerhalb der Säulen des Herkules gelegenen Insel damals noch die Erinnerung an Atlantis aufbewahrt haben. Aelianus erwähnt — wie Ignatius Donnellu berichtet, den ich auch für die anderen angeführten Schriftsteller als Gewährsmann bezeichnen muß — aus einer Unterredung ein Festland in der Atlantischen See, größer als Kleinasien, Europa und Lybien zusammengewonnen. Auch die Gallier hatten ihre, von der römischen Geschichtsschreiber Tinagenes gesammelten Traditionen über Atlantis, und nach Diodorus Siculus sollen die Phönizier eine große Insel im Atlantischen Ocean, außerhalb der Säulen des Hercules, entdeckt haben, strotzend von Reichtümern aller Art, außerordentlich fruchtbar mit Strömen, Bergen und Wäldern. Donnelly stellt die bestimmte Behauptung von der Erzählung des Atlantischen Continents auf, ja, er geht noch viel weiter und will den Nachweis führen, daß Platos Beschreibung keine Fabel, sondern wahrhafte vorgeschichtliche Geschichte ist- daß Atlantis jene Region war, in welcher der Mensch sich zuerst aus dem Zustande der Barbarei erhob und zur Civilisation emporwuchs- daß die Bevölkerung von Atlantis ihren Ueberschuß an die Länder Amerikas, Afrikas und Europas abgab, und somit Egypten, Griechenland u. s. w. lediglich atlantische Colonien gewesen seien- daß Atlantis nichts anderes als die vor- sintfluthliche Welt in dem Garten Eden und die Götter und Heroen der Griechen, Hindus und nordischen Völker nichts anderes als die Könige von Atlantis gewesen seien- daß die Mythologie von Egypten und Peru die ursprüngliche, in der Sonnenverehrung bestehende Religion von Atlantis und Egyptens Cultur ein Bild der Cultur von Atlantis darstellt u. s. w. Ferner daß Atlantis der ursprüngliche Wohnsitz sowohl der arischen als auch der semitischen und vielleicht sogar der turanischen Rasse gewesen und durch ein I furchtbares Elementarereigniß bis auf die höchsten Berg- 196 spitzen — die heutigen Azoren — mit allen seinen Bewohnern versunken ist. Nur wenige Personen seien auf Schiffen entkommen, die den umwohnenden Völkern von der entsetzlichen Katastrophe Kunde brachten, deren Andenken bis in unsere Zeit in Gestalt der Sintfluth bei vielen Völkern der alten und neuen Welt noch lebendig ist. Der genannte Autor sucht vor Allem die Möglichkeit einer so furchtbaren Katastrophe zu beweisen. In der That spricht dieser Umstand mehr als alles andere gegen die Wahrheit der Plato'schen Ueberlieferung. Mehr und mehr kommt die geologische Forschung von den früher behaupteten gewaltigen Erdkatastrophen ab, indem sie eine allmähliche Evolution, nicht sehr verschieden von den auch heute noch vorhandenen, an deren Stelle setzt. Die Aehnlichkeit der Sintfluthsagen der amerikanischen, europäischen und afrikanischen Völker, auf welche Donnelly hinweist, kann ihre Erklärung ebensogut in einer Reihe großer Ueberfluthungen, die bald hier, bald da eintraten, finden, und die Aehnlichkeit der altamerikanischen Culmren mit denen der alten Welt in der einheitlichen Entwickelungsfähigkeit der Menschen überhaupt. So gut wie Donnelly annimmt, daß Atlantis die Urheimath der Menschheit sei und sich die Cultur nebst ihren dqmaligen Erzeugnissen über Amerika und Europa-Asien ausbreuete, kann man doch auch annehmen, daß europäische oder asiatische Handelsvölker (vielleicht Phönizier) in früheren Zeiten schon Amerika erreicht und einige von ihnen sich dort angesiedelt haben. Schon 1685 hat Bircherod in der That die Vermuthung ausgesprochen, daß phönizische oder karthagische Handelsschiffe, durch Stürme und Strömungen von ihrem Wege abgetrieben, nach Amerika verschlagen und von dort glücklich zurückgkkehrt seien und auf ihren Erzählungen die Sage von Atlantis beruhe. Wer einmal die Richtigkeit irgend einer Idee zu beweisen trachtet, der wird Zufällig keiten und Aehnlichkeiten genügend finden, die dieselbe zu beweisen scheinen, und wenn in ein paar tausend Jahren beispielsweise ein Forscher den Nachweis liefern will, Hertzka's „Freiland" sei gar kein Phantasiegebilde, sondern habe in Wirklichkeit in Afrika existier, so wird er ebenfalls Gründe über Gründe und Beweise über Beweise für seine Behauptung erbringen können. Die Möglichkeit ist indessen nicht ausgeschlossen, sogar die Wahrscheinlichkeit nicht ganz vorausgesetzt, daß wir das abenteuerliche Phantasiegemälde Donnellys fallen lassen und uns lediglich an nackte Thatsachen halten. Warum soll nicht im Atlantischen Ocean eine große bewohnte Insel bestanden haben und untergegangen sein? Zahlreiche Inseln sind durch plötzliche und allmälige Katastrophen entstanden und untergegangen. Vielleicht war es sogar ein Continent, von dem sich in der That eine dunkle Sage erhalten hat. Die Azoren, welche man als die Ueberbleibsel von Atlantis, als dessen noch aus dem Meere ragende höchste Spitze betrachtet, sind auch heute noch der Centralsitz großer vulkanischer Thätigkeit. Außerdem haben (nach Donnelly) die Schiffe verschiedener Nationen, wie Amerika, Deutschland und England bei ihrer kartographischen Aufnahme des Atlantischeu Oceans eine ausgedehnte Bodenerhebung gefunden, die von der Küste der britischen Inseln südwärts bis zum Cap Orange an der Küste Südamerikas sich erstreckt, von da südostwärts bis zur amerikanischen Küste abspringt und von da wieder südlich bis zur Insel Trista da Cunha läuft. Diese Bodenerhebung steigt durchschnittlich bis zu 9000 Fuß über die großen atlantischen Tiefen in der unmittelbaren Nachbarschaft empor und erreicht in den Azoren und einigen anderen Inseln die Oberfläche des Meeres. Ferner weisen Unger und Heer auf das Vorkommen derselben Miocänflora in der Schweiz wie in Amerika hin, und schließen hieraus auf einen ursprünglichen Zusammenhang Amerikas mit Europa) ja, Heer hat sogar in seiner Flora tortiaria Helvetiae einen idealen Continent Atlantis dargestellt, welcher dem jetzt weitesten und tiessten Theile des Atlantischen Oceans entspricht. Dieselben Pflanzenthpen des europäischen Miocän- zcitalters wachsen also noch heute in den Wäldern von Virginia, Nord- und Südcarolnia und Florida, und einige davon sind uns allgemein bekannte und vertraute Pflanzen, wie Magnolia, Tulpenbäume, Ahorn, Platanen, Robinas, Sequias u. s. w. Es ist ganz unmöglich, daß alle diese Bäume von der Schweiz nach Amerika hätten wandern können, wenn diese Länder nicht miteinander 'verbunden gewesen wären." So schließt Donnelly — aber der Umstand, daß jener von Heer entworfene Continent nach dem Ende der Miocänperiode sehr schnell versunken gewesen sein müßte, erweckt unseren Zweifel. Außerdem giebt es ja — worauf Asa Gray und Oliver mit Recht Hinweisen — noch einen anderen Weg von Europa nach Amerika oder umgekehrt: den jetzt noch bestehenden quer durch Asien. So hat jedes Ding seine zweite Seiten, und wir müssen es dem Leser überlassen, sich die seiner Anschauung entsprechende Hypothese auszuwählen. Wir erwähnten schon oben, daß zahlreiche Forscher, vor allem Sclater und Forster, die einstige Existenz eines großen Continents in der Südsee annehmen. Derselbe soll sich an der Stelle des heutigen Indischen Oceans von Madagaskar bis Sumatra und nordwärts bis Indien erstreckt haben, und die Inseln der Südsee sollen danach nichts anders sein als die Bergcsgipfel eines versunkenen oder noch im Versinken begriffenen Festlandes. Diese Hypothese soll die eigenthümliche Thatsache erklären, daß manche Arten der Halbaffen (Lemuriden) sich sowohl in Madagaskar als auch in Indien und auf den indischen Inseln vorfinden. Der versunkene Continent, von Sclater Lemurien genannt, sei die Urheimath der Lemuriden gewesen, von der aus sie sich westlich und östlich ausgebreitet hätten. Nach Anhängern der letzteren Hypothese soll „Lemurien" auch — wie Atlantis — die Urheimath des Menschengeschlechts sein. In beiden Fällen würde es zwecklos sein, sagen zu wollen: das Eine wie das Andere hat mehr Wahrscheinlichkeit für sich. Wir können nur die Ergebnisse der wissenschaftlichen Beobachtung constatircn, allen sich daran anschließenden Folgerungen müssen wir ein unbeugsames „ignoramus“ entgegensetzen. Vielleicht wird die Zukunft deutlicher sprechen. Unsere geologische Wissenschaft, die, schon so unendliche bedeutsame Früchte getragen hat, ist noch sehr jung, wer weiß, was sie uns im nächsten Jahrhundert für Entdeckungen bringt. Kürzlich ging durch die Presse die Nachricht von der Erfindung eines eines submarinen Schiffes, wodurch die Phantasien Jules Vernes verwirklicht worden wären. Bestätigt sich die Mitiheilung — und wenn sie sich nicht bestätigt, so ist die Construction eines solchen Fahrzeuges doch nur eine Frage der Zeit! — so werden wir bald über die versunkenen Welten Atlantis und Lemuria wichtige Aufschlüsse erwarten dürfen. Hrrnrsvistisches. Drastischer Vergleich. „Sie, Herr Förster, haben Sie unseren jungen Baron schon zu Pferde gesehen?" — „Jawohl! Der sitzt ja auf dem Gaul, wie ein Stück Butter auf einer heißen Kartoffel!" * 4 ♦ Neues Wort. „Wie viel hast Du Dir schon verdient durch Deine „Gedankenspäne"? — „So ein Gedanken- spanserkel." * * Ein Naturalist. (Gast zum Wirth): „Sie, in dem Bier ist Pech!" — Wirth: „Im Leben auch!" Redaction: I. V.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schcn Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.