W Mi mH W KNW ta®^ T|gSggp ^HI efter Grund sei Deinem Ich, (§W Nie Dein Wort zu brechen; D'rum vor Allem hüte Dich, Großes zu versprechen. Aber, aus Dich selbst gestellt, Handle groß im Leben, Gleich als hättest Du der Welt Drauf Dein Wort gegeben. Julius Hammer. Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) Die Brust des jungen Mannes hob sich unter einem erlösenden Athemzug und er ließ sich in den Stuhl fallen, die Hand von dem Tische mit einer entschiedenen Bewegung zurückziehend. Sein Blick richtete sich wieder freier in die Höhe. t . Aber schon in der nächsten Minute ließ er den Kopf wieder auf die Brust sinken und in seinen Mienen sowohl wie in seiner zusammengezogenen Haltung begann sich wieder die tiefste Muthlosigkeit auszudrücken. Ja, war es denn wirklich so sicher, daß der Vater zahlte? Was hatte ihm doch der Alte damals bei ihrem ersten Zusammentreffen nach der Einlösung seiner ersten Wechsel erklärt: „Wenn Du ein zweites Mal Wechselschulden machst, dann sind wir geschiedene Leute. Wer zum zweiten Mal Schulden macht, pumpt auch zum dritten und vierten Mal, und mein Geld würde ja schließlich doch nicht reichen, die Schulden immer von Neuem zu bezahlen. Zum zweiten Mal zahl' ich nicht, das schwör' ich Dir! Von dem Bischen, das Du mir noch übrig gelassen, geb' ich keinen Pfennig mehr her. Das bin ich der Mutter, das bin ich mir selber schuldig. Mag dann aus Dir werden, was will." So hatte dec Vater gesprochen. Ganz klar und deutlich stand die Scene in allen Einzelheiten in seinem Gedächtniß etngezeichnet. Dummkopf, der er gewesen, daß er sich mit ganz unerfüllbaren Hoffnungen genarrt! Er kannte ja doch seinen Vater in seiner Pedanterie und seiner geistigen Beschränktheit. Wenn der sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, wenn der ^einmal etwas für seine Psticht erkannt hatte, dann hielt er daran fest wie an seinem Evangelium, dann konnte ihn keine Macht der Welt davon abbringen. Das war für ihn nun ganz und gar zweifellos: im Guten würde er seinen Vater zum zweiten Male nicht zur Bezahlung 'einer Wechselschulden bewegen und er begriff nicht, wie er das auch nur einen Augenblick für möglich gehalten. Es war eben die alte Geschichte: was man wünschte, das glaubte man nur zu gern. Heiße Schauer durchrieselten den Sinnenden. Aus war es mit ihm, aus. Ade Zukunft! Er konnte nun lieber gleich eine Pistole nehmen und sich eine Kugel durch den Kopf schießen. Zu vegetiren in untergeordneter Stellung ohne Ehrgeiz, ohne Aussicht, war das nicht schlimmer als der Tod? Wegen viertausend Mark, wegen lumpiger viertausend Mark! War es nicht zu dumm? Deshalb eine glänzende Zukunft, die ihm ganz andere Summen bringen mußte, aufgeben zu müssen! Seine Fäuste ballten sich und seine Zähne gruben sich tief in die Unterlippe. Ein rasender Zorn glomm in seiner Brust auf. Wenn er nur ein Mittel gewußt hätte, den Alten zu zwingen. Ja, wenn der Vater das Geld nicht besessen hätte! Aber er besaß es. Das war ja doch sicher. Auf der Bank lag es und brachte lächerlich geringe Zinsen. Wie ganz anders hätte er es dereinst verzinsen können! Die Hand des fieberhaft Aufgeregten glitt mechanisch zu der Ledertasche herab, die zuckenden Finger lösten den Riemen. Und nun tauchte seine Rechte in die geöffnete Tasche hinab. Mit einem Ruck stand Otto auf seinen Beinen. Alles Blut strömte ihm zum Herzen zusammen,- mit aschfahlem Gesicht und mit wie im Wahnsinn glühenden Augen stierte er in die Tasche hinab. Da lagen kleine schmale Rollen, auf deren Papierhülsen des Vaters Hand in steifen großen Ziffern die Zahl 1000 geschrieben hatte, daneben Packele von blauen Scheinen, die mit breiten Papierstreifen zusammengehalten wurden, auf denen dieselben vierstelligen Ziffern prangten. Wie berauscht stand Otto da, unfähig zu ruhiger Ueber- legung. Seine ganze geistige Thätigkeit concentrirte sich in dem einen Gedanken: hier war Hilfe, hier war Rettung! Nun hatte er die Macht, den knickerigen Alten zu zwingen. Er nahm ja nicht, er lieh ja nur. Der Alte mußte eben den Verlust ersetzen. Es brachte ihm ja keinen Schaden, er hatte ja das Geld auf der Bank. Sie würden sglauben, er habe es verloren. Es war ja doch schließlich selbst zy 58 de- Alten Besten, wenn er es lieh, wenn er sich die Möglichkeit verschaffte, seine CarriZre weiter zu verfolgen. Mit zuckenden Fingern nahm er eins, zwei, drei, vier Packete. Mehr brauchte er nicht. Nicht um die Welt hätte er mehr genommen. Drei oder vier Packete blieben in der Tasche zurück. Er begehrte ja nur die Mittel, die ihm der geizige Alte schnöde vorenthielt, sich und seine Zukunft zu retten . . . nichts weiter. Was er sonst noch that, geschah instinctiv, ohne Ueber- legung, ohne Reflexion. Das Geld schob er in sein Beinkleid, dann schloß er die Ledertasche und zog den Riemen um die Schnalle. Und nur zur Thür. Gottlob! Niemand kam, Niemand hatte ihn gehört. Niemand hattejeine Ahnung, daß er überhaupt hier gewesen. Leise, vorsichtig öffnete er die Küchenthür und ließ sie hinter sich offen, damit ihn nicht das Geräusch verrieth, wenn die Thür ins Schloß ging. Ebenso die Corridorthür nur leise angelegt, ohne zu schließen. Die Treppen hinab in rasender Hast, doch möglichst still. Glück hatte er, viel Glück! Niemand begegnete ihm, auch draußen auf der Straße nicht, kein Bekannter. An der Ecke der Brunnenstraße warf er sich in eine Droschke, nachdem er dem Kutscher mit heiserer Stimme aufs Geradewohl: „Nach den Linden!" zugerufen. Nur fort, recht weit fort! Wohin .... das war ja vorläufig gleichgiltig. Mit einem Male ... das Pferd hatte gerade angezogen . . . packte ihn ein furchtbarer Schreck. War das nicht Carl, der da eben schnellen Schrittes in die Rügenerstraße einbog? Ja, er war es. Aber er hielt den Kopf auf die Brust gesenkt und schien offenbar tief in Gedanken versunken. Der hatte ihn nicht gesehen. Gott sei Dank! XIII. Carl war sehr erstaunt, als er die Corridorthür zur Wohnung seiner Eltern offen fand. Eben als er eintrat, kam die Mutter aus dem Schlafzimmer. Sie machte ihm Zeichen, daß der Vater schliefe und daß er leise auftreten möchte. „Wie bist Du denn hereingekommen?" flüsterte sie. „Die Thür war offen." „So? Möglich, daß ich sie nicht ordentlich eingeklinkt habe, als ich vorhin beim Kaufmann war," erklärte sie, ohne dem Umstande weitere Bedeutung beizulegen. Sie nöthigte ihn ins Wohnzimmer. „Was bringst Du denn, Carl?" fragte sie freundlich, obgleich sie doch innerlich noch ein wenig gekränkt war wegen seiner gestrigen heftigen Worte. Ueber Carls Gesicht zuckte etwas wie Verlegenheit und er senkte den Blick vor ihr. Aber nur ein paar kurze Secunden, dann sah er wieder auf mit treuherzigem, bittendem Blick und streckte ihr die Hand entgegen. „Mutter," sagte er, stockend in seiner Gemüthsbewegung, „ich komme . . . ich wollte ... es ließ mir keine Ruhe. Trage mir nicht nach, daß ich gestern so ausfallend war. Es war Unrecht von mir, das sehe ich ein. Mit seinen Eltern spricht man nicht so. Die Eltern bleiben immer die Eltern. Also nichts für ungut, liebe Mutter!" Sie griff sogleich herzlich zu und die Güte und Milde ihres Herzens leuchteten ihr aus den Augen, während sie seine Hand wieder und wieder drückte und schüttelte. „Mein Gott," sagte sie, ihn vor sich selbst entschuldigend, „Ich weiß ja, Du hast es nicht so gemeint. Wenn einen die Sorgen drücken, dann verliert man leicht den Kopf und legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Wieviel brauchst Du denn, Carl?" Er schüttelt lebhaft mit dem Kopf. „Lass' nur, Mutter! Ich habe mir die Sache überlegt. Vater hat ganz Recht. Ich bin ein erwachsener Mensch und habe kein Recht mehr auf seine Hilfe. Als Mann muß man sich selbst helfen. Und überhaupt, 'n Risico ist doch schließlich bei jedem Geschäft, wenn man's auch für noch für so sicher hält. Und ich könnte es nicht verantworten, wenn die Geschichte nachher schief ginge. Nein, lass' nur, Mütterchen!" Eigentlich war sie ja froh, daß er nun selbst ablehnte, aber sie hätte ihm doch gar zu gern etwas Liebes erwiesen. „Komm," sagte sie und zog ihn zum Sopha und trotz seines Sträubens mußte er sich auf den Ehrenplatz setzen. Und dann nahm sie neben ihm Platz und drückte ihm von Neuem die Hand. „Du bist immer 'n guter JuAge gewesen, Carl," hob sie an, „und wir sind immer mit einander ausgekommen und wir werden uns nun doch nicht erzürnen. Mein Gott, na ja, es mag ja sein, daß ich ihn manchmal 'n bischen verzogen habe. Siehst Du „es ist ja doch unser Jüngster und.. " Carl unterbrach ihre Entschuldigungen. „Aber Mutter, ich mach' Dir doch keine Borwürfe. Das sei fern von mir. Ich weiß ja doch, was ich Dir schulde, was Du an mir gethan hast. Du hast mich ja doch zum ganz leidlichen Kerl erzogen, Mutter. Und habe ja sonst gar keinen Grund, mich zu beklagen. Mir geht's ja gut: ich habe ein liebes Kind und eine brave Frau . . ." „Ja, die hast Du," fiel sie mit aufrichtigem Eifer ein, „Deine Helene . . . alle Achtung! Sie ist doch wohl und der kleine Fritz auch? Na, siehst Du. Und bleib' noch 'n bischen, ich hol' Dir 'ne Tasse Kaffee." Carl aber wehrte ab. Er sei in der Eile und nehme das Gebotene für genossen an. Ihm sei nur darum zu thun gewesen, sein Unrecht wieder gut zu machen und sich den Druck, der den ganzen Vormittag über auf ihm gelegen, von der Seele zu schaffen. Und sie solle ja nicht vergessen, Vatern zu sagen, daß er dagewesen. Sie gab ihm bis zur Thür das Geleit. Auf der Schwelle konnte sie nicht umhin, ihn noch einmal nach seinen Sorgen zu fragen. Freilich, ein ängstlicher Blick war es doch, mit dem sie seine Antwort erwartete, und sie athmete hörbar auf, als er ihr munter, mit lächelndem Gesicht erwiderte: „Darum mach Dir nur keine Scrupeln, Mutter! Ich werde schon irgendwo Geld auftreiben gegen mäßige Zinsen. In Berlin giebts ja Geld genug. Ueber den Berg kommen wir schon wieder hinweg." Damit ging er. Sein ganzer Beluch hatte kaum fünf Minuten gedauert. Der alte Köster hatte sich ein wenig verschlafen. Eilig rüstete er sich zum Gehen. Da fuhr ihm Plötzlich ein heftiger Schreck ins Gebein, sodaß ihm die Kniee zitterten. Seine Geldtasche! Sonst Pflegte er sie immer mit ins Schlafzimmer zu nehmen und am Bettpfosten aufzuhängen. Wo hatte er sie denn heute nur liegen gelassen? Ah, in der Küche! Beim Essen da hatte er sie an den Stuhl gehängt und da baumelte sie nun noch. Wie bummlig! Hastig tasteten seine Hände von außen daratz herum. Alles in Ordnung! Die Schnalle zu, das Geld darin. Die Geldrollen fühlte er deutlich. Na, denn man zu! Er war in der Eile. „Adjeh, Mutter! Wie? Carl war hier? 'n guter Junge! Ja, ja! . . ." Aschfahl im Gesicht, mit schlotternden Knieen stand der alte Köster vor dem Cassirer der Bank. Auf dem Zahltisch vor ihm lagen zwei Goldrollen und zwei Päckchen Banknoten: im Ganzen Viertausend Mark. Und so viel er auch zählte und wieder zählte, es wurde nicht mehr. Auch in der Tasche, in die seine zitternde Hand' immer wieder hinabtauchte und die er auch mit seinen Blicken durchforschte, war nicht das Geringste mehr zu entdecken. Achttausend Mark hatte er eiUcassirt und nun waren Viertausend da! Wo war das Uebrige geblieben? Er Preßte die Rechte gegen die Stirn und sann und sann. War er denn tut Jrrthum? Waren es vielleicht nur Viertausend gewesen? Nein! Achttausend waren es! Er erinnerte sich genau. Sollte er die Hälfte unterwegs verloren haben? Unmöglich! Die Tasche war ganz, der Riemen festgeschnallt gewesen. Wo konnte das Geld nur geblieben sein? War er denn unterwegs irgendwo einge- 59 tefyct ? Nein! Das that er nie, wenn er so große Summen bei sich führte . . . principiell nicht! Vielleicht hatte er es zu Hause liegen lassen? Er erinnerte sich zwar nicht, das Geld herausgenommen zu haben. Aber es war ja doch möglich. Ihm war schon ganz wirr vor Aufregung und er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Auch in seiner Erinnerung begannen sich die Dinge zu verwirren. Vielleicht hatte er doch das Geld zu Hause aus der Tasche genommen und dann hatte er in der Eile die Hälfte liegen lassen. Daß er sich auch gerade heute verschlafen mußte! Er nahm seinen Hut, stammelte zu dem ihn erstaunt beobachtenden Cassirer etwas wie „vergessen" und „liegen lassen" und war wie der Wind davon. Zu Hause langte er keuchend und pustend, mit erhitztem, verstörtem Gesichte an. „Hast Du's gefunden?" rief er der erschreckt Entgegeneilenden zu. „Was denn, Vater?" „Na, das Geld, die viertausend Mark." Sie schüttelte mit dem Kopf und wußte nicht, was sie von ihm denken sollte. Er stürzte an ihr vorbei, in die Küche und durchsuchte jeden Winkel. Aber nichts, nichts! Und nun in die Schlafstube und zuletzt in- das Wohnzimmer. Aber auch da nichts! Ganz zerschmettert sank er auf das Sopha nieder und stierte vor sich hin. Wieder bemühte er sich krampfhaft, jede Minute, seit er das Geld eincassirt, in seiner Erinnerung zu durchforschen. Da kam ihm plötzlich ein Gedanke und mit einem Ruck war er auf seinen Füßen und zu seiner Frau hin. Er Packte sie am Arm und sah ihr in die Augen, durchdringend, in angstvoller Spannung. „Hast Du's vielleicht genommen, Mutter?" Sie brauchte ein paar Secunden, um sich von ihrem Schreck zu erholen. „Ich ... ich soll viertausend Mark genommen haben? Du bist nicht recht gescheit, Vater. Was sollte ich denn mit dem vielen Gelde aufangen?" „Na, vielleicht hat er wieder Schulden, der Goldsohn und Du hast's ihm zugesteckt." Der alten Frau schlug nun doch die Röthe der Entrüstung in's Gesicht. „Du solltest Dich schämen, Vater," grollte sie, „so was auch nur zu denken. Wenn er auch 'n bischen leichtsinnig war, so schlecht ist er, so schlecht ist Dein Sohn nicht, daß er seine Mutter zur Diebin machte." Sie hob ihren Schürzenzipfel an die Augen. Aber der Alte, der vor Aufregung und Rathlostgkeit ganz rabiat war, schrie sie zornig an: „Laß doch das Heulen! Hilf mir lieber suchen! Das Geld muß ja doch da sein, es muß!" Von Neuem begannen sie die ganze Wohnung umzukehren, bis Frau Köster sich plötzlich mit dem Ausruf unterbrach: „Vielleicht hast Du's beim Hausverwalter liegen lassen." Der alte Köster schlug sich vor die Stirn. Daß er nicht gleich daran gedacht hatte! Da war es gewiß, da mußte es ja sein! Wie ein Wilder stürmte er davon, ohne sich die Zeit zu nehmen, seiner Frau auch nur einen Abschiedsgruß zuzunicken. Der Verwalter war sehr ungehalten, als der alte Köster mit dem sonderbaren Verlangen erschien, ihm die viertausend Mark, die er bei ihm gelassen, herauszugeben. Ob er — Köster — vielleicht einen über den Durst getrunken habe? Er müsse sich doch erinnern, daß er selbst jede einzelne Rolle und jedes einzelne Päckchen laut zählend in seine Tasche gelegt, wie er's immer zu thun Pflegte. Allerdings, jetzt erinnerte auch Köster sich. Ganz geknickt saß er auf dem Stuhl, den der Verwalter ihm vorher angeboten, bis ihn plötzlich der Gedanke auftrieb: was würde man im Geschäft von ihm denken, wenn er so lange ausblieb?! Müßte man nicht glauben, er käme überhaupt nicht wieder, er sei durchgebrannt?! (Fortsetzung folgt.) Meine erste chinesische Mahlzeit?) In den ersten Tagen meines Aufenthalts in Canton machte ich die Bekanntschaft eines der reichsten und vornehmsten Kaufherren der chinesischen Millionenstadt und stattete ihm in seinem aus Dutzenden von Hallen und Häusern bestehenden Heim meinen Besuch ab. Kaum war ich wieder in mein Hotel, auf der Insel Schamin gelegen, zurückgekehrt, so fand sich auch schon ein langbezopfter Bote mir einem großen rothen Papierblatt bei mir ein, auf welchem einige chinesische Hieroglyphen verzeichnet waren. Mein Dragoman las: „Am 6. Tage des Mai wird ein bescheidenes Fest das L cht Deiner Gunst erwarten. Grüße von T. T." — — also eine Dinereinladung, wie ich sie gewünscht hatte. Nur war die Stunde nicht angegeben. Mein Dolmetscher erklärte mir, diese würde später mitgetheilt werden. Am Morgen des 6. Mai erschien in der That wieder ein Diener mit einer zweiten rothen Karte, auf welcher die Speisestunde, 7 Uhr Abends, angegeben war. Als ich eine halbe Stunde früher im Begriffe stand, meine Sänfte zu besteigen, erschien ein Abgesandter meines Gastgebers, um mich nach dessen Haus zu geleiten. Am Eingänge zu seiner mit einer hohen, grauen Ziegelmauer umschlossenen Wohnung empfing mich der Wirth in eigener Person mit einer tiefen Verbeugung, indem er gleichzeitig die zusammengeballten Hände zur Stirne erhob. Er war in einen langen Talar von schwerer Seide gekleidet und trug auf seinem bezopften Haupte den schildförmigen Tatarenhut mit langer, rother Seidenquaste. In seinem Empfangssalon, geschmückt mit herrlichen Ebenholzschnitzereien, Lampions und Vasen mit künstlichen Blumen, befanden sich bereits einige chinesische Gäste, sowie ein junger Engländer, der mit auf demselben Schiffe nach Canton gekommen war. Wir wurden allen Anwesenden vorgestellr, und diese beeilten sich, die gewöhnliche Frage an uns zu richten, welches denn unser ehrenwerthes Alter wäre. Vor mir, dem Vierziger, machten die Zopfträger tiefere Verbeugungen als vor dem viel jüngeren Engländer. Natürlich mußten auch wir uns nach dem ehreri- werthen Alter der Chinesen erkundigen. Mr. Clark, mein Engländer, schien überrascht, als unser Gastherr ihm sein Alter als Sechziger nannte, und auf die Frage nach der Ursache seines Staunens ließ Chark ihm sagen, er sähe viel jünger aus, er hätte ihn nicht für so alt gehalten. Conster- nation auf all-n Gesichtern. Diese europäische. Höflichkeits- form zog hier entschieden nicht, Clark hätte besser gethan, ihm zu sagen, daß er ihn für einen Achtziger hiebe. Während es in Ländern, die uns Europäern näher liegen, Sitte sein soll, daß besonders die Damen vor ihrem Alter einige Jährchen abzwacken, hören es die Chinesen sehr gerne, wenn man ihnen ein paar Jahre mehr giebt. Sieben Uhr. Schon hatten wir auf Damengesellschaft verzichtet, als plötzlich aus dem benachbarten Raum sechs höchst elegant gekleidete junge Damen trippelten, mit Füßchen kaum so lang wie mein Zeigefinger, mit Perlenschnüren und Schmetterlingen in dem glattgekämmten, glänzend pomadi- sirten Haar, weißgeschminkten Gesichtern und brennrothen Lippen, reizend kleine Wesen, deren Erscheinen sofort ave Gesichter aufheiterte. Hinter ihnen schritten ebeusoviele noch *) Wir entnehmen den vorstehenden Abschnitt dem int Verlage von I. I. Weber in Leipzig erschienenen Werke: China und Japan, Reisen, Studien und Beobachtungen von Ernst von Hesse-Wartegg. Der Preis dieses reich illustrirten Werkes beträgt 18 Mark. 8® — G-MernnNtziges. Wie entfernt man Eisenrostflecke ans Kleider«. Bei echtfarbigen Baumwollstoffen und bei Schafwollstoffen wendet man Citronensäure an. Auch folgendes Verfahren führt bei Stoffen aus gefärbter Baumwolle und Wolle zum Fiele: Auf den Fleck wird ein Tropfen von einem brennenden Talglicht fallen gelassen und beides in concentrirter phosphorsaurer Natronlösung ausgewaschen. Je alter der Fleck, um so gründlicher muß gewaschen werden. Bet echt- farbiaen Stoffen kann man Weinsäure oder Chlorkalk an- wenden. Sollte das betreffende Kleid ein seidenes oder Atlaskleid sein, so wird es bet sehr feinen Stoffen kaum etwas helfen. Läßt es jedoch die Farbe zu, so werd der Fleck mit starkem Essig befeuchtet, eine Zeit lang mit Buchenholzasche bedeckt gelassen und endlich ln starkem Seifenwasser ausgewaschen. — Bei sehr veralteten Rostflecken. Wasche n verdünnter Zinnchloridlösung aus und schwenke gründlich in warmem Flußwasser durch. * * * Pikante Eier. Die Eier werden ziemlich hart gekocht, der Länge nach halbirt, mit geriebenem Rauchfleisch und Kapern, oder Senf und geriebenem Kräuterkäse bestreut, dann wird eine Remouladensauce darüber gegossen und sie \ zu seinen Butterbroden gereicht. ___ nehmen sie in eine Hand derart, daß der Zeigeflnger zwischen ihnen liegt, und handhaben sie so geschickt, daß sie selbst einige Reiskörner damit aufnehmen können. So haben sie es schon vor Jahrhunderten gethan, während unsere Vorfahren noch im siebzehnten Jahrhmidert mit den - Fingern aßen und keine Teller kannten! Wem kommt mcht die Verordnung der großen Kaiserin Maria Theresia in denl Sinn, in welcher sie den Offizieren verbot, an der Hoftafel mit den Fingern zu essen oder sich die Nase "w Rockarmel abzuwischen? Und doch machte ich diesmal im Stillen den Chinesen den Vorwurf, daß sie noch keine Gabeln besaßen, denn wie sollte ich denn all die guten Dinge essen? Sollte ich wie Ludwig XIII. von Frankreich auch die Finger gebrauchen? Die Antwort gab mir mein Gastherr selbst, als er zu Beginn der Mahlzeit seinen kleinen Porzellanbecher mit warmem Reiswein, Samschu, d. h. „dreimal gebrannt yit |anb nahm und erklärte, er hätte auf meinen Wunsch dieses Gast- mahl veranstaltet, um mir Gelegenheit zu geben, die chinesische Küche kennen zu lernen. Dazu gehörten auch die Chop Sticks. Ec hoffe, ich werde dieselben noch recht häufig tn seinem Hause gebrauchen. Darauf leerte er fern Schälchen Wein, mid sich gegen mich verneigend, drehte er das Schälchen in seiner Hand um. In ähnlicher Weise zeigten mir auch die anderen Gäste ihre geleerten SamschuschMen, und ich mußte selbstverständlich das Gleiche thun. Der Geschmack des Weines war wie lauwarmer, scharfer Sherry. Neben meinem winzigen Tellerchen lag glücklicherweise noch ein kleiner Löffel von Porzellan und Silber, in seiner Form einem Kochlöffel nicht unähnlich,- an Stelle btt Serviette hatte jeder Gast einige bedruckte Papierblattchen, wie sie durch die Japaner auch in Europa bekannt sind, nur kleiner, denn sie dienen nicht als Serviette, sondern zum Abwischen der Reisstäbchen, die während der Mahlzeit nicht gewechselt werden. Die schmutzigen Papierchen werden einfach unter den Tisch geworfen. Vor fedem Gast stand überdies ein kleines, silbernes Schälchen für Gewürze und ein zweites aus schönem blauen Porzellan für Soya, eine Gewürzsauce, die bei den wenigsten Mahlzeiten fehlt. (Schluß folgt.) M,.,. •**. ta **** «-»«"8 '>*' U. « d.. .uf Are stehen blieben. Jede hielt eine Wasserpfeife und eine glimmende Lunte in der Hand. Sie waren die Diene- Tttine®et Ausdruck Dame ist hier nicht recht gewählt, denn die Frauen der Chinesen sind bei den Mahlzeiten, an welchen andere Männer, ob Chinesen oder Europäer, theilliehmen, niemals zugegen. Da aber die Bewohner des Reiches der Mitte sich bei solchen Festlichkeiten auch gerne unterhalten, so ziehen sie an Stelle ihrer Frauen öffentliche Sängerinnen bei, von jener Sorte, welche nach unseren Anschauungen den Namen Dame nicht verdienen. Nicht etwa, daß sich die am wesenden Chinesinnen irgend welche Freiheiten tn d^ Toilette oder im Benehmen gestattet hätten. Beileibe nicht. Ihre langen, blauseidenen Gewänder, über und über mit den köstlichsten Stickereien bedeckt, reichten vom Halse bis an die Knöchel, und niemals würde sich bet solchen Gelegenheiten auch die schlimmste dieser Blumen nur halb so viel Toilettefreiheit erlauben wie unsere Damen der Gesellschaft. Die sechs Blumen unserer Taselrunde gebärdeten sich sittsam und bescheiden, und als endlich der Gastherr uns emlud, den Speisesaal zu betreten, trippelten sie alle zusammen uns Männern nach. In China würde es für Verrücktheit oder gar Unverschämtheit angesehen, wollte man einer Dame den Arm reichen, um sie zu Tisch zu führen. - Der Speisesaal war em geräumiges hohes Gemach, besten eine Wand ganz aus curiosen, durchbrochenen Ebenholzschnitzereien bestand, mit runden, weiten Oeffuungeu, durch welche wir den schönen Garten und Lotosteich des Gastherrn sehen konnten. Die Tafel stand der gegenüberliegenden Seite etwas näher und war zickzackförmig angeordnet,- die Sitze befanden sich aber nur an der äußeren Langseite, sowie an den Stirnen, wahrend die innere Langseite frei blieb. Den chinesischen Gastmahlzetten pflegen nämlich Vorstellungen von Sängerinnen, Zauberkünstlern rc. zu folgen, und eine vollständige Besetzung der Tafel würde den Ausblick auf dieselben verhindern. Große farbige Laternen hingen an Seidenschnüren von der Decke- die Wände bedeckten lange Papierstreifen mit Inschriften und Sirmsprüchen, und rinqs um den Saal waren kleine Ebenholzttschchen ausgestellt mit ebensolchen, schön geschnitzten Stühlen zu beiden Seiten. Auf einem dieser Tischchen stand ein großer Kohlenbehälter mit einem Kessel für den Wein darüber, ein anderer größerer Tisch diente als Servirttsch, dicht besetzt mit Schalen und Schüsseln und Täßchen. Es war köstlich anzusehen, unter welchen Verbeugungen und Ceremonien die Gäste Platz nahmen. Der Hausherr hatte mir den Ehrenplatz zu seiner Linken angewiesen- dre Höflichkeit erfordert es, zu warten, bis der Gastgeber Platz genommen hat, er aber lud seinerseits wieder die anderen Theilnehmer zum Sitzen ein, und es vergingen ewige Minuten, ehe die Verbeugungen ihr Ende erreichten. Mir zur Linken hatte eine der kleinen Dämchen Platz genommen, die fortwährend kicherte und mit ihren Colleginnen Bemerkungen austauschte, die wohl uns Fremde betrafen. Der Tisch war über und über mit Speisen und Blumen bedeckt- große Schüsseln mit Enten, Schinken, Gemüsen und Früchten, und über jede Schüffel waren noch Blumen gestreut. Die herrlichen Blumenvasen, Schüsseln, kleinen Thee- und Wem- täßchen, die vor jedem Gaste standen, waren aus seinstem Porzellan. Zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß neben meinem Tellerchen nicht Messer und Gabel, sondern nur Chov Sticks lagen. Weiß der geneigte Leser, was Chop Sticks sind? Die Chinesen ebenso wie die Japaner essen nur mit zwei, etwa 20 Centimeter langen Stäbchen, die den Netznadeln unserer Damen auf ein Haar gleichen. Gewöhnlich sind sie aus Holz geschnitzt, in diesem Falle waren sie aus Elfenbein und hatten überdies noch hübsch ciseltrte Wine Köpfe, aber was nützte mir das kostbare Material, da ich____ " Wdactwn: L. Scheyda. - Druck mck Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch, und Stemdruckerer (Pietsch L Scheyda) m »i«ß