Felsgarten. Roman von Clara Bücker. (Fortsetzung) „In Bezug auf das Geld hättest Du nicht ganz unrecht," sagte Hollmann nun. „Papa ist nicht so arm, daß er ängstlich beide Hände auf etwas halten müßte, was theilweise dem anderen Kinde jener Frau gehört vor dem inneren Gewissen wie vor dem Gesetz. Aus furchtsamer Delicatesse wurde diese Frage nach der Scheidung nicht geregelt, ihr Recht behält sie trotzdem. Aber ob Irmgard etwas beisteuern wird oder kann, weiß ich natürlich nicht — sie hat sehr strenge Ansichten über Moral und Tugend." „Sie soll ja nicht," rief Hilde ungeduldig. „Ich bringe nur mein Geld; das heißt, erst will ich dies Fräulein Erder kennen lernen." „Unmöglich," sagte Wulffen. „Diese Kreise passen durchaus nicht für Sie." „Nicht? Nun, so werden sie sich mir anpassen," war die stolze Antwort. „Sie kennen die Welt nicht," wehrte er. „Aber ich kenne mich. Ist jene Welt mir nicht ebenbürtig, so wird sie sich mir fügen, verlassen Sie sich darauf." „Ich hoffe, Onkel, daß Du meine dringlichen Einreden unterstützest." „Noch bin ich sprachlos, Hilde. Wie kann man jede gute Lebensart und Erziehung derart verspotten!" „Ja, wie kann man menschlich fühlen! Nur gut er» 1898. OTT Fontane. et milde stets und halte fern Von Hoffart deine Seele; Wir wandeln alle vor dem Herrn Des Wegs in Schuld und Fehle. Woll' einen Spruch, woll' ein Geheiß Dir in die Seele schärfen; Es möge, wer sich schuldlos weiß, Den Stein auf And're werfen. Die Tugend, die voll Stolz sich giebt, Ist eitles Selbsterheben; Wer alles Rechte wahrhaft liebt, Weiß Unrecht zu vergeben. zogen zu leben, quält mich bereits seit Jahren; nun endlich will ich einmal gut menschlich handeln. Weshalb sollte dem Fräulein Erder meine Lebensart nicht besser gefallen, als die eigene, warum sollte ich ihr nicht die Hand bieten, wenn sie sich aus dem Jrrwischleben in das einer wirklichen Künstlerin oder einer wahren Frau retten wollte! Und mich interessirt die Künstlerwirthschaft und ich fahre .hin. Oder fürchtet man, sie könnte abfärben? Ich fürchte nichts für mich." „Kind, Kind, Du hast doch viel von Deiner Mutter," sprach Tauchlitz bekümmert. „Eben deshalb, Papa." „Sie übertreiben in jeder Weise," rief Wulffen in unterdrückter Heftigkeit. „Bitte, über Urtheilskraft verfüge ich selbst," gab sie zurück, wobei sie ihn mit den Augen anblitzte, daß er sich besinnen mußte, ob dies Hilde sei, die vorhin in Liebe erschauerte bei seinem Anblick, seinem Nahesein. Hollmann erhob sich. „Was Du in derartiger Weise willst, verehrte Schwägerin, ist so gut wie geschehen. Glückliche Reise — den Willkomm wird Irmgard Dir bieten, Du kennst sie ja." „Grüße sie und einige Selbstbeherrschung ließe ich ihr rathen. Eurem Kleinen gute Besserung; adieu, Ernst, Du bist der Vernünftigste." „In Irmgards Schule — wie könnte es anders sein!" lachte der Oberlehrer noch von der Thür her. Tauchlitz gab ihm das Geleit, die Zwei blieben allein. „Was wollen Sie thun?" fragte Wulffen heftig. „Solche Aufopferung geht über jede Freundschaft." „Seien sie nicht närrisch. Aufopferung? Aufathmen will ich von dem Druck hier, nichts Anderes. Ich bin auch nur ein Mensch, läßt Lessing seine Emilia sagen — ein Mann legt ihr das in den Mund. Ich sage mit Stolz: Ich bin ein Mädchen, schon davor wird Vieles weichen, und das Uebrige zwinge ich." Darüber trat der Vater ein. „Ich kenne meine ruhige, gesetzte Hilde nicht wieder. Was ist Dir, nur Kind?" „Fasse Dich, Papa. Die Hühnermama, der das Entlein ins Wasser rennt, ist keine Rolle für Dich." „Am Ende vertreibe ich Sie aus Ihrem ruhigen Leben hier?" fragte Wulffen scharf. „Stimmt," versetzte sie, ihr Armband zuknipsend. „Natürlich reise ich sofort." „Sie wollen mich wohl aus dem Bahnhof empfangen? Das wäre nicht übel, denn so etgenthümlich meine Einfälle 458 sind, so verständig führe ich sie aus. Mithin können Sie sich ruhig meiner Obhut anvertrauen." „Was willst Du nur bei den Erders?" „Na, das ist doch natürlich genug. Sie wollen mein Geld — gesetzlich kommt es ihnen zu —, ich will es hingeben, allerdings nur in sympathische Hände, und dazu muß ich sie kennen lernen. Herkommen kann sie nicht, da ihr Beruf sie fesselt und mein Vaterhaus kein Ort für sie ist, deshalb reise ich zu ihr. Mein (Sott, bin ich denn von Marzipan ? Fürstentöchter gehen in die Lazarethe, wunde Männer verbinden, und ich müßte die Welt fürchten, sobald sie nicht meines Schlages ist? Mich fürchte ich, nichts sonst." „Wann, wie willst Du die Fahrt unternehmen?" „Morgen früh um zehn Uhr fährt der Berliner Zug ab. Dort Droschke — die Adresse geben Sie mir noch, Herr Wulffen." ' „Wenn man Dich hochmüthig zurückstieße?" „Keine Sorge. Hochmüthig Pflegen Landrathstöchter zu sein, dieses milchweiße Kätzchen wird sich schmiegen und schnurren." In ihrer Stimme grollte etwas, bedenklich forschend sah Wulffen sie an. Die leichte Spielerei verhüllte eine Absicht. Welche aber konnte das sein? Tauchlitz seufzte unterdessen. „Man wird alt, man paßt durchaus nicht mehr in die Welt. Sage bloß, Heinrich, wo soll sie bleiben in der fremden Stadt? Denn bei den Leuten wirst Du doch nicht wohnen wollen, Hilde?" Diese war aufgestanden. Vom Fenster her sprach sie: „Wohnen? Nein, so weit opfere ich meine Freiheit nicht, besinnen muß ich mich einmal können. Aber es wird ja Damenpenstonate geben, wo man sein ungestörtes Zimmer hat." Tauchlitz grämelte noch ein gutes Weilchen weiter, daß Wulffen beinah anfing, Hildes Entschluß zu verstehen, als diese sich wieder vom Fenster wandte: „Du vergißt ganz die Hauptsache, das Geld, Papa. Theilte ich es nicht, ließe mir mein Gewissen keine Ruhe, andernfalls ist die Summe auch nicht so klein, daß ich sie weggäbe, ohne hinzusehen, und das Hinsehen muß ich in diesem Falle doch wohl selbst besorgen. Du? Unmöglich. Hollmanns? Undenkbar. „Und jetzt erlaube mir, zu gehen, ich bin sehr müde." Wulffen faßte sie scharf ins Auge. Sie hatte geweint, die Spuren sah man, und neue Thränen brannten in ihrem Blick. Die Hand, die sie zum Nachtgruß bot, war kalt und zitterte. Sie jetzt halten zu dürfen, bis sie erwärmte zu jenem unbewußt leisen Schmiegen, das ihm jedesmal bis ans Herz rann — inbrünstiger hatte er noch niemals etwas gewünscht und verzweifelter noch nie die Stille seines Zimmers ersehnt. Endlich ging Tauchlitz mit ihm, nachdem er umständlich die Hausthüren versichert hatte. „Du wirft nun auch bald reisen?" fragte er beim Treppensteigen. „Das wirst Du jetzt selbst bestimmen, Onkel." „Ja, ja, ja," murmelte Tauchlitz, dann brach er ab. Sein Verdacht, Hilde, könne diesen Heinrich lieben, zerflatterte. ' , Würde sie dorthin gehen und ihn zu dem aufgegebenen Mädchen zurückziehen? Solche tolle Schwärmerin war sie ; sicher nicht. Selbst von ihm beeinflußt, würde sie sich davor hüten, absichtlich jenen Bund zu stiften. Ach, das Mädchen! Dabei sank er in sein Bett und in seinen guten Schlaf, während für die Jugend die Hauptarbeit des Tages begann: der Kampf gegen sich und für sich. Hilde weinte, daß sie Solches allein thun mußte, statt die Hilfe der, ach, so lieben Hände und grundgescheiten Gedanken da drüben näher zu haben. Aber sie konnte sich ihm nicht zuneigen, sie mußte ’ erst sehen, wie man nach einer Ines bestehen könne. Ob ! ihrer geistigen Art jenes flirrende Künstlerleben weichen < Esse und ob ihre Innerlichkeit die Schönheit jener Ersten ■ aufwiege. Ein Leben lang würde die Pein sie stacheln, nur der Nothbehelf, nicht das Empor dieses Mannes gewesen i zu sein. t Wulffen indeß knirschte mit den Zähnen, zerwühlte sein Haar und lief ruhelos umher. Nur die Thränen hätte er ihr trocknen wollen, die er vorher gesehen — warum unter» nahm sie bloß dies Alles? Weshalb ließ sie sich nicht, wie - Mädchen sonst, den Hof von ihm machen, froh ihres Sieges über die Andere? Weil sie nicht an den Genuß, nicht an sich allein dachte? So tilgte sie die knabenhafte Genußsucht seines Lebens, die in Ines ihren Höhepunkt fand, so ent» kleidete sie ja seine Seele von all dem Wust und Schwall, j die ihr von außen her angeflogen waren im Laufe der Jahre, i so gab sie ihm die reine Geistigkeit seiner ersten Empfindungen zurück, als er mit sich und der Natur im Einklang lebte. Hilde eroberte ihn jetzt für sein Felsgarten, für seine eigenste i Art, von Neuem durch ihre Art. Und wie schwer ihm die l Geduld wurde, er mußte das einsehen und sich fügen. ! Da stand die Mappe mit ihren Bildern. Er stellte i fte einzeln aus — Gott im Himmel, wie anders sprachen = sie heute bereits zu ihm, wie anders sahen der Wahrheit- i suchende und nun gar der gewaltige Christus heute aus, i da er einen Theil ihrer Innerlichkeit m Beide hinein denken konnte! Und sie, die Schöpferin dieses, weinte jetzt seinetwegen. Nun befaß er ein Recht, ihre Thränen zu trocknen — er nahm die Geige. Sollte der Onkel ihn spielen hören, konnte er dieser Tochter wegen eine Stunde Schlaf entbehren oder ihn morgen zur Rede stellen, er spielte jetzt für Hilde. Seife öffnete er die Thür nach dem bereits finsteren Gange und dann spielte er seine süßesten Melodien, seine weichsten Träume zum ersten Mal im Leben ohne die Frage nach eigener Genugthuung, ganz allein besorgt: Hört sie, versteht sie, lauscht sie? 1 y Ob sie verstand! Auf fuhr sie von den Kiffen, weit weg flog das thränennaffe, ^errungene Tuch, in Herzensseligkeit breitete sie die Arme nach der geschlossenen Thür hin, bis das Glück sie wohlig umspann. Träumend stützte sie den Kopf in die heiße Hand, träumend glitt er in die Kissen. Hilde schlief ein. Still legte er die Geige fort, um selbst den Schlaf zu suchen. Doch er fand bloß Träume einer holderen Wirklichkeit. Ausgeschrcckt erwachte Heinrich. Er mußte sich beeile», hinunter zum Frühstück zu kommen, wo er Hilde im dunkelblauen Reisekleid und Hut neben Tauchlitz sand, der gleicherweise streng und ergeben aussah. Der Jüngere entschuldigte sein Spätkommen. „O, Ihr Abschied von gestern hätte mich begleitet," sagte Hilde zartsinnig. ' »Die Adresse der Erders?" fragte sie dann, und er nannte sie ihr. Hilde notirte, lächelte wehmiithig oder erhaben, er wurde nicht klug daraus, lustig war es sicher nicht, dann zog sie den Schleier vor das Gesicht. Genau so fuhr sie nachher aus der Bahnhofshalle. Schon in den nächsten Tagen flatterte ein Brief von ihr ins stille Haus. „Liebster Papa! An Dich geschrieben, gelten diese Briefe für Tuch, Hollmanns und Herrn Wulffen mit: ich werde hter nichts erfahren, was ihnen Allen nicht mitzu- thetlen wäre." Nachdem ich mir das Pensionat, meiner Börse entsprechend, gesucht hatte, drapirte ich mich mit meiner schwarzen Seide und fuhr bei den Erders vor. Der alte Herr barg fein Staunen hinter der Würde emes englischen Stallmeisters, und die Tochter — sie war coftümirt tüie eine Haremsschöne auf Bildern, flammende Setde, Tüll und Perlenschnüre, die Wohnung ähnelt einer zauberhaften Theaterdecoration — Fräulein Ines also verschwand, sobald ich ihr mein Hiersein erklärt hatte, um in braunem Sammet mit Gold wieder zu erschein. Einfacher hat sie es nicht. 1 459 Inzwischen sagte ich dem Papa, daß meine Reise zu ihnen eine eigenwillige sei, denn von meiner gesammten Familie wäre ich die Einzige, die Herrn Wulffens Andeutung über die Ansprüche seiner Tochter ernst nehme. Für Lebensgewohnheiten, wie das sichtbare Umher sie kennzeichne, fei die Summe indeß eine Bagatelle, über welche eine Unterhandlung nicht lohne. Herr Erder war anderer Ansicht. Mit einem Aufwand von Sanstmuth machte er mir begreiflich, daß viele Flüßchen einen Strom ergeben. Das leuchtete mir ein. Zur selben Zeit kam seine Tochter wieder. Sieht man von aller Künstelei ab, womit sie sich umgiebt, bleibt wirkliche Schönheit übrig, aber eine kalte, selbstgefällige — oder weht sie bloß mich eisig an? „Ohne Zweifel," fragte Erder, „verbinden Sie, meine Gnädigste, mit dem Aufenthalt hier auch schöngeistige Interessen?" b 1 ö //In Wahrheit, nein. Doch Acht mir nichts so nahe wie die Kunst." „Ah Musik?" fragte Ines schnell, daß ihre Armbänder klirrten. „Leider nur Kinderkrankheit bei mir gewesen. Doppelt gern laß ich mich daher von den Berufenen bezaubern — möchten Sie das versuchen, Fräulein Erder?" Sie lief sehr schnell voran — wollte sie mir wirklich gern imponiren? Dergleichen bliebe ein gutes Zeichen: absichtlich störte ich sie. ö ' //Führt der Weg vielleicht am Bilde meiner Mutter vorbei? Ich möchte sie gern einmal sehen — wir haben keine Erinnerung an sie," bat ich. Erder wich zurück, Ines' Augen funkelten. „Meine Mutter!" sagte sie trotzig. „Ihre, gewiß!" Sie führten mich vor ein großes Gemälde. Mir klopfte das Herz, als ich das Frauenbild ansah. Wie lange ich davor stand, weiß ich nicht- dann fand ich Erder mir gegenüber, er benahm sich ganz wie ein alter, guter Mann: Seine Kinnladen zitterten und seine Augen blinkten. Ines kniete auf einem Sessel, die Arme auf seine Lehne gestützt sah sie mich an. „Sie wären Mamas Liebling gewesen," sagte sie langsam und mühevoll. „Das war ich noch von keinem Menschen," antwortete ich ihr. „Ihres Papas?" „Papa besitzt zwei Töchter, jetzt hat er bereits Enkel." Da klopfte die niedliche Zofe, sie meldete einen Grafen, der gleich danach recht lebemannsmäßig über die Schwelle trat. Er küßte der Dame vom Hause mehr den Arm als die Hand, mich faßte die Tollheit, ihn durch keinen Blick zu hindern, mich ähnlich zu behandeln, dennoch hatte er sich orientirt- er trat unmerklich zurück und verneigte sich- dann kam die Unterhaltung! Schließlich sang uns Fräulein Erder in wunderbarer Begabung Einiges. „Sie verstehen wirklich zu bezaubern", sagte ich nachher beklommen. Sie lächelte perfid. „Hielten Sie mich für eine Chansonette?" „Pardon! Ihre Lebensauffassung verwirrte mich", bat ich bescheiden. Aber genug für heute. Sei vielmals gegrüßt, lieber Papa." (Schluß folgt.) Verkehrte Welt. Von Bernhard A. Günther. ------- (Nachdruck verboten.) Als die ersten Erforscher Australiens von ihren Reisen zurückkehrten, wußten sie Wunderdinge von diesem jüngsten Continent zu berichten. Sie erzählten, daß dort Alles gerade umgekehrt sei, wie bei uns, wenigstens soweit die Thier- und Pflanzenwelt und der landschaftliche Character des Landes in Betracht kommt. Und in der That — sie haben nicht Unrecht. Die Thier- und Pflanzenwelt Australiens bot ein derart eigen- thümliches Bild, daß man wohl von einer verkehrten Welt zu sprechen berechtigt ist. Zunächst muß schon der eigenartige Character der australischen Landschaften und Wälder unser Interesse erregen. Das fruchtbare Land befindet sich in anderen Ländern in der Regel an den Mündungen der Flüsse. In Australien beginnt die größte Fruchtbarkeit dagegen meist erst da, wo es mit der Schiffahrt zu Ende ist. Bei uns sind fast immer die Thäler fruchtbar, während die Vegetation abnimmt, je weiter man die Gebirge hinaussteigt. In Australien findet man auf den Spitzen der Hügel das beste Gartenland. Bei uns finden wir den schönsten Schatten in den Wäldern, sodaß man geradezu von schattigem, kühlem Walde spricht. Anders in Australien, wo die Wälder zu den lichtreichsten Plätzen gehören, und die Bäume keinen Schatten geben. Die australischen Wälder haben nämlich zumeist ein parkähnlichcs Aussehen, sie entbehren des Unterholzes, und die Bäume stehen soweit auseinander, daß sich ihre Kronen nicht berühren und deshalb der Sonne allenthalben Zutritt gestatten. Die Bäume sind aber auch an sich nicht geeignet, Schatten zu spenden, da ihre Blätter dem Nadelförmigen zustreben, ohne daß die Bäume zu den eigentlichen Nadclbäumen gehören. Auch kehren die Letzteren nicht wie bet uns der Sonne ihre Breitseite, sondern ihre scharfe Fläche zu, sodaß sie nicht mit dem Laub, sondern allein durch ihren Sramm und ihre lichten Zweigkronen Schatten werfen. Es kommen hier hauptsächlich die Eucalypten, Casuarbäume und Akazien in Betracht, welche überhaupt die Hälfte aller Pflanzenindividuen bilden. Die Casuarinen tragen dem australischen Grundsatz der Verkehrtheit dadurch Rechnung, daß bei ihnen die Functionen der Blätter durch die Oberfläche der schachtelhalmartig gestreiften Zweige verrichtet werden, während die Blätter nur in der Andeutung vorhanden sind. Die Eucalypten sind es, deren schief säbelförmig gestellte Blätter derartig am Zweige herabhängen, daß sie der Sonne nur eine sehr geringe Fläche bieten. Im Uebrigen wachsen sie zu den riesigsten Pflanzenformen der Welt heran und übertrumpfen selbst noch die berühmten Mammuthbäume Californiens. So kennt man Exemplare des mandelblättrigen Gummibaumes, welche bei einem Stammumfang von 30 Metern am Boden eine Höhe von über 150 Meter besaßen, und deren Stamm bis zur Höhe von 90 Metern keine Verzweigung zeigte. Dabei besitzen einige Eucalypten ein so rasches Wachsthum und eine so bedeutende Verdunstungskraft, daß sie sumpfige Gegenden schnell zu entwässern vermögen. Vor Allem der blaue Gummibaum (Eucalyptus Globulus) erfreut sich großen Rufes in vieser Hinsicht. Man nennt ihn geradezu den Fieberheilbaum, ein Renommee, welches er außer der erwähnten Eigenschaft auch seinem reichen Gehalt an ätherischem Oel verdankt. In neuen Jahren erreicht er oft schon eine Höhe von 20 Metern bei einem Stammdurchmesser von 1 Meter. Gewisse australische Akazien bringen — was eine weitere Verkehrtheit einschließt — statt der Blätter nur verbreitete Blattstiele hervor, welche in ihrem Bau den echlen Blättern ähnlich sind und ganz wie bei uns die echten Blätter die Ernährungsorgane der Pflanze darstellen. Während bei uns die Flora einer Gegend ein Gesammt woduct der mannigfaltigsten Pflanzenarten ist, zeigen die Landschaften Australiens vielfach auf weite Strecken hin nur eine einzige Thier- und Pflanzenart. Die Wiesen bilden keinen zusammenhängenden Grasteppich, sondern einzelne Grasinseln. Das Sonderbarste aber ist, daß die Bäume nicht wie bei uns, periodisch ihr Laub, sondern vielmehr ihre Rinde abwerfen. Der Engländer Henderson berichtet über diese seltsame Erscheinung: „Einmal im Jahre häutet sich eder Baum, und zwar im März, dem ersten Herbstmonate. Die äußere Haut der Rinde scheint dann, von der Sonne versengt, Blasen zu bekommen, rollt sich auf und fällt in Stücken von jeder Größe ab, was den Bäumen ein merkwürdig scheckiges und zerlumptes Ansehen giebt. Wenn die dünne "Haut ganz abgesallen ist, erkennt man die Bäume kaum wieder, denn die Stämme, welche vorher braun waren, haben jetzt eine helle, gelbe oder hellblaue Farbe. Mit der Zeit werden sie wieder grauer, bis der Herbst naht und die Bäume sich wieder häuten." Analoge Erscheinungen beobachten wir freilich auch an heimischen Baumarten, wenn sie auch nicht so characteristisch hervortreten wie bei den Bäumen Neuhollands, welche Hender'on vorwiegend im Auge hat. Dr. Karl Müller erwähnt in seinem „Buche der Pflanzenwelt" noch einige bemerkenswerthe Verkehrtheiten der australischen Flora. Wer würde wohl glauben, daß es in Neuholland Dornen giebt, welche Blätter und Blumen treiben? Es geschieht dies bei der Cryptandra spinescens, einem zierlichen Strauch, an welchem jedes Aestchen seine abwechselnd gestellten zarten Zweige in Dornen verwandelt, an denen allein die winzig kugligen Blumen und winzigen Blätter hervorbrechen." Die Birnen und Kir chen des im Ganzen fruchtarmen Landes bieten weitere Merkmale der Verkehrtheit. Die neuholländische Birne, ein Strauch aus der Familie der Proteaceen, bringt Früchte hervor, deren Stiele am dicken, statt wie bei uns, am spitzen Theile tragen, und die australische Kirsche hat den Kern außen an der oberen Spitze sitzen, statt in der Mitte des Fleisches. Wie Dr, Karl Müller hervorhebt, handelt es sich allerdings nicht um die saftige erquickende Frucht, die wir unter dem Namen Kirsche mit Vergnügen verspeisen, sondern um das erb engroße, beerenförmige, rothe oder gelbe Erzeugniß eines Strauches, von dem die Frucht nur den beerenartig verdickten Fruchtstiel bildet. „Daher erklärt sich", schreibt der erwähnte Forscher, „das Wunder sehr einfach, daß die eigentliche Frucht, der steinige Same, auf der dem Stiele entgegengesetzten Seite wächst." Immerhin bringt das Aeußere der übrigens wenig schmackhaften faden Frucht den Eindruck hervor, als säße der Kern außen statt innen. Die Blumen mancher Pflanzen zeigen ebenfalls eine interessante Eigenthümlichkeit. Bet uns bilden die schön gefärbten Blumenblätter den prächtigsten Theil der Blüthe, während die Staubfäden als unansehnliche Anhängsel im Innern sich verbergen. Bei verschiedenen Arten der australischen Myrthaceen ist es gerade umgedreht, ihre Blumenblätter sind gründlich und unansehnlich, während die verlängerten Staubfäden intensiv scharlachroth gefärbt sind und den bunten Schauapparat der Blüthe bilden. Wir suchen die Pilze am Tage, in Australien thut man gut, des Nachts auf die Suche zu gehen, da sie Nachts mit phosphorschem Lichte leuchten. Gehen wir jetzt zur Thierwelt unseres gegenfüßlerischen Continents über, so stoßen wir auf noch weit seltsamere Wunder, deren jedes sich wieder als eine erstaunliche Ver- kehriheit darstellt. Daß der australische Kuckuck nicht, wie unser heimischer, am Tage, sondern des Nachts schreit, sei nur beiläufig erwähnt. Dagegen wollen wir uns die merkwürdige Thatsache zu Gemüthe führen, daß es in Australien Säugethiere giebt, welche Entenschnäbel tragen und Eier legen, und andererseits Vögel, welche ein ähnliches Haarkleid tragen wie bei uns die Säugethiere. Die Gabel- oder Kloakenthiere stellen die niedrigste Gattung der Säugethiere dar, gewissermaßen eine Uebergangsform von den Vögeln zu den Säugethieren. Mit letzteren haben sie das Fell gemein, mit den Vögeln den Schnabel, der bei ihnen die Stelle des Mauls vertritt, und die Kloake, in welche sich die Ausführungsgänge des Darms und der Harn- und Geschlechtswerkzeuge öffnen. Letzteren gleichen sie noch darin, daß sie Eier legen und diese in der stets um die Fortpflänzungszeit aus zwei seitlichen Bauchfalten entstehenden Tasche ausbrüten. Dabei säugen aber die Gabelthiere ihre Jungen wie alle anderen Säugethiere, nur sind ihre Milchdrüsen nicht wie die der anderen Säuger auf Talgdrüsen, sondern aus Schweißdrüsen zurückzuführen, auch fehlen ihnen alle Saugwarzen, und es müssen die Jungen die Milch einfach ablecken. Mit dem Vogelschnabel hat der entenähnliche Schnabel im Grunde nichts gemein als die äußere Aehnlichkeit, er ist nichts als eine Säugethierschnauze, deren Hautbekleidung verhornt ist. Die Eier sind weichschalig, wie die der Reptilien — in den Gabelthieren vereinen also drei Klassen des Thierreichs ihre wesentlichen Eigenschaften. Großes Erstaunen rief es in der Gelehrtenwelt hervor, als die erste Kunde von der Fortpflanzung der Gabelthiere durch Eier sich verbreitete und Haacke am 2. September 1884 einer gelehrten Körperschaft in Adelaide ein von ihm wenige Wochen vorher im Brutbeutel eines lebenden Stacheligelweibchens vorgefundenes Ei vorlcgte. Der Ameisenigel und das Schnabelthier bilden die beiden Familien der Gabelthiere. Ersterer ist ein überaus furchtsames Geschöpf, mit plumpem, stachelbedecktem Körper, das sich von Kerbthieren ernährt, hauptsächlich, wie schon der Name ver- räth, von Ameisen, und sich, wenn Gefahr droht, wie ein Igel zusammenrollt oder rasch in den Boden eingräbt. Das Schnabelthier ist eine Art Wassermaulwurf von biberähnlichem Bau. Mit seinem Schnabel gründelt es im Wasser wie die Enten, es lebt von kleinen Wasserthieren und gräbt sich äußerst künstliche Gänge mit Kammern ins Ufer der Gewässer, an und in denen es haust. Seine sonderbare Gestalt schützt es vor mancherlei Nachstellungen/ Katzen und selbst Hunde ergreifen vor ihm die Flucht. Da es sich nicht lange in der Gefangenschaft hält, so ist es bisher nicht gelungen, ein lebendes Exemplar nach Europa zu bringen. Unter den Vögeln mit den Haarkleid sind die Kasuare und Emus, die australischen Strauße, entstanden, deren eigen« thümliche Befiederung vollkommen haarartig erscheint. Wenn wir im Vorstehendem dem jüngsten Continent daS Zeugniß der Verkehrtheit ausstellen, so ist diese Bezeichnung natürlich mehr scherzhaft gemeint. Die Natur bringt niemals etwas Verkehrtes hervor, die hier aufgeführten Eigenthümlich- keiten erscheinen nur unseren europäischen Begriffen in diesem wunderbaren Lichte. Ihre Erklärung finden dieselben durch die von der Wissenschaft festgestellte Thatsache, daß die Flora und Fauna Australiens einen urweltlichen Charaeter aufweist. Die gigantischen Euealypten sollen zum Theil Tausende von Jahren alt lein, die besenartigen Casuarinen zeigen eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit den Riesenschachtelhalmen der Trias. „In Australien treibt heute noch der Wind die leeren Schalen des paläozoischen Naulilus an die Küsten. Im Australmeer schwimmt der devonische Hai Cestraeion, im Ufersand birgt sich eine besondere Speeles des Urfisches Amphioxus. In den Küsten der australischen Insel Neuseeland lauert der permische Schnabelkopf Hatteria. In dem Sumpfe des ueuholländischen Festlandes wühlt sich der triasische Molchfisch Ceratodus." Dieser Sumpf und die angrenzende Steppe aber — heißt es in Böhlsche's Entwickelungsgeschichte der Natur — „sind es gewesen, die uns auch das niedrigste Säugegeschlecht erhalten haben: das Geschlecht der Schnabelthiere." Die gleichfalls — mit Ausnahme einiger Arten — auf Australien beschränkten Beutelthiere stellen die unmittelbaren Vorläufer der ausgebildeten Säugethiere dar, in den Gabelthieren haben wir die Typen der niedrigsten und ältesten Säugethiere zu erblicken, aus denen die höheren Formen im Laufe der Jahrtausende sich entwickelten. Humoristisches. Kindermund. Mutter ärgerlich: „Aber Hans, Junge, Du hast ja schon wieder Löcher in den Strümpfen?" — Hans (in Verlegenheit): „Ja, Mama, da kann ich nicht dafür, die sind in der Nacht vom Stuhl gefallen." ftoaction: ®. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitStS-Buch« und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Ließen.