Donnerstag den 28. April. In ein Frühling weiß so traut und wohl zu klingen, Als wenn zum Herzen Freundesworte dringen; So tönt kein Lied in kummervollen Stunden, Wie wenn der Freund das rechte Wort gefunden. Lenau. Das Fräulein. Roman von E. Vely. (Fortsetzung.) „Das ist lange her," bekräftigte die Andere. „Männer haben wir ja denn auch gekriegt." „Und hätten ganz andere haben können," und die feuchten Knöchel der hageren Hand schlugen gegen die Tischkante. „Ach, wenn Du die Geschichte mit den beiden Unteroffiziers meinst, die uns mal nach dem Tanzboden führen wollten, was unser bärbäßiger Alter nicht litt — Henzen, die hätten uns Beide nich genommen, die brauchten doch Geld." Die Knöchel klopften die Melodie des Zapfenstreichs. „Wenn ich so heutzutage die Leute ansehe! Da ist die Frau aus dem Grünladen unten bei uns aus der Ecke. Was sagt sie neulich, wie ich vorbei geh? Na, Nachbarsleute sind wir nu nich lange mehr, Frau Henzen. Ziehn Sie denn mlt's Geschäft um? frage ich. Ich will man blos auf'm Markt stehn, sagt sie. Meine Töchter sind nu groß und hübsche Mädchens und haben Bekanntschaften in der Tanzstunde gemacht. Nun können doch die nich in den Keller steigen, so 'ne Ungebildetheit besitze ich nich, das zuzumuthen. Ne, wir verändern uns." Sie reckte den Arm wie einen Wegweiser aus. „Du bist meine leibliche Schwester und darum frage ich, was Du dazu sagst? Mit schönen Paletots und Federhüten gehn die Mädchen ja schon. Was haben wir angehabt? wenn's mal ne bedruckte Cattunfahne war, wars schön, was? und konnten uns sehen lassen, besser wie viele heutzutage." „Henzen, Du hast ja Deinen Wilhelm —" „Was Rechts!" machte die und setzte die beiden spitzen Ellbogen auf den Tisch, „geht denn heutzutage bei dem dämlichen Telephon noch das Geschäft von 'nem Dienstmann? — Die Beine steht er sich krumm und wieder gerade, sage ich Dir--nur, daß er die paar alten Kunden hat —" In der Oeffnung der Thür wurde eine schwarze Gestalt sichtbar: „Frau Kubaitz, ich bringe hiermit meinen Schlüssel, ich habe einen Ausgang." //Js gut, Fräulein! Da man ins Bort." Dann wandte sie sich wieder ihrem Kaffee zu, ohne die Gehende weiter zu beachten. Die Außenthür fiel ins Schloß. „Du, die vertraut Dir ja Alles an," sagte die Henzen. „Ach, Du lieber Gott, als ob da was zu holen wäre —" //Aber eine Nase zog sie doch, als wenn sie noch gar keine Seisenlauge gerochen hätte." Die Hausfrau bestrich sorgfältig ihr Weißbrödchen mit Butter. „Der Mensch muß sich an Mancherlei gewöhnen, und auch abgewöhnen." „Die hätte es besser haben können, die ist ganz allein daran schuld, die hochmüthige Mamsell — ja!" Dann sprang sie auf, schob den brodelnden Kessel zur Seite, daß die Wassertropfen weithin spritzten und schürte mit dem Feuerhaken in der Gluth. „Jh, wieso denn?" rief die Henzen herüber. „Na ja —" noch einen Stoß in das Feuer, das prasselnd aufzischte. „Ach — so," so machte die Henzen ganz verständnißvoll und nahm den Platz am Waschfaß wieder ein. ~ ~ — Mit müden Schritten, in dem dünnen Paletot fröstelnd, schritt Line d'Arabin durch die Straßen. DaS Geräusch rhat ihr in den pochenden Schläfen weh, die vorbei hastenden Menschen ängstigten sie, der graue Himmel, an welchem die Wolken gejagt wurden, schien auf sie herabfallen zu wollen. Ging sie nicht wieder einen nutzlosen Weg, wie die Tage und Wochen vorher? Welch eine Reihe von Demüthigungen war's gewesen, von Enttäuschungen — und sie war doch nur gekommen, Arbeit zu verlangen — sie hatte doch das Recht darauf, wie der ärmste Arbeiter, daß sie nicht verhungern mußte in dieser Stadt, wo Millionen lebten und athmeten, in diesem Dasein, in das sie gerufen war mit der Berechtigung, auch ihr Plätzchen zu haben, wie so zahllose Andere? Und nun verkümmerte man ihr selbst das? Heimathlos und versprengt war sie sich vorgekommen, als sie mit dem Vater von Ort zu Ort hatte ziehen müssen, über seine steten Hoffnungen hatte sie schmerzlich gelächelt, an den Spieltischen Monacos hatte sie Höllenqualen erduldet — aber damals war noch ein Wesen da, um das sie bangen konnte, dem sie zuhörig — wenn sie jetzt dort drüben auf dem Steinhaufen nicdersank, den Arbeiter aufgeschichtet, wer kümmert sich darum? höchstens die Polizei, die ihr das 254 zu lange Sitzen verwehren würde. Wenn sie hungernd und I entkräftet drüben unter den entlaubten Bäumen zusammenbrach, würde sie nur eine Zahl mehr sein unter denen, welche in die Krankenhäuser abgeliefert werden — wenn sie I sich in das schwarzblinkende Canalgewässer stürzte, nur eine Nummer mehr in dem Polizeibericht —. Und das hastende, I rollende, rauschende Leben ging weiter, heute wie gestern, und wie eS morgen weiter gehen würde-- I Sie war eine Arabin — „zäh und schwer zu beugen" — so hatte sie ja noch unlängst selbst gesagt. Und eine flüchtige Secunde tauchte die Gestalt des Mannes, zu dem I sie das geäußert, vor ihren Blicken auf. Sie fühlte, daß die Röthe ihr ins Gesicht schlug — wenn er wüßte, welche fruchtlose Wege sie gewandelt, die keinen Rath wollte, die I das stolze Wort von dem Recht auf Arbeit gesprochen, Gesellschafterin, Vorleserin, Reisebegleiterin? Eine Frage nach ihrem Namen, ein forschender Blick über ihre Erscheinung — die Zeugnisse aus ähnlichen Stellungen? keine? ein zweifelhaftes Lächeln: „Bedauere!" „Alte, ehrwürdige Frauen mit weißen Haaren fertigten sie so ab, elegante Modedamen, hohe Beamtenfrauen. Nicht eine hate ein theilnehmendes „Wie kommen Sie in die Lage, Stellung zu suchen?" und diese eisigen Abweisungen waren nicht die schlimmsten gewesen. „Uebersetzungen aus fremden Sprachen," sie beherrschte drei — die Buchhändler zuckten, kaum über die Brillengläser sehend, die Achseln: „Ueberhäuft." Die Zeitungsleute ebenso, — Verkäuferin? Mit Schaudern dachte sie an die Redensarten, die in einem! Geschäft, wo man solche suchte, an ihr Ohr geklungen waren. Und die, welche Stellen vermitteln, waren von vornherein mißtrauisch. , „Wenn man so viel bessere Tage gesehen hat, wie Sw, Fräulein — Gott, dann bei fremden Leuten!" Und ein Mann hatte mit cynischem Lächeln gesagt, eine Prise zwischen den kurzen, dicken Fingern haltend: „Sehen Sie mal an, Fräulein — auch noch adlig. Aber damit halten Sie sich nur nicht weiter auf, es giebt Leute, die das nicht so recht glauben." In der ersten Zeit, hatte sie nur em zorniges Abwenden gehabt und war gegangen, dann konnte sie die Zähne zusammenbcißen und anhören. Sie kam täglich an einem Krankenhause vorbei und sah die schwarzgekleideten Pflegerinnen aus- und eingehen. Demuth und Pflichttreue würde sie gehabt haben, aber sie scheute doch zurück, das steckte nicht in ihr. Und nun ging es zu Ende, die letzten kleinen Schmuckstücke, die selbst ihr Vater mit abergläubischer Scheu nicht angetastet, weil sie aus Frankreich mitgebrachtes Erbgut der Arabins gewesen, waren verkauft — absehbar war der Zeitpunkt, wo sie die Miethe nicht bezahlen konnte. In Westfalen lebten Verwandte der Mutter, in Berlin die, welche der Vater einst seine Freunde genannt — ihnen bittend kommen? Nie! In allen Vermittelungsbureaus hatte man gegen die Einschreibegebühr ihren Namen und ihre Wünsche gemerkt, so ost sie mit ihrer Frage wiederkehrte, gab man ihr Adressen — sie stieg Trepp auf, Trepp ab, sie wanderte aus einem Stadtviertel in das andere — vergeblich. Wenn sie wieder die Thüren der Vermittler öffnete und in die Räume trat, in denen sich Leute jedes Alters und Standes zusammenfanden : das frische, k«.cke Dienstmädchen und die alte Scheuerfrau, die Lehrerin und die Livrödiener, die freche Köchin und die kokette Kammerfrau, so kannte man sie schon und sagte gleichmüthig: „Es findet sich schwer etwas für Sie — Sie müssen Geduld haben." Sie hatte Geduld, die grauen Tage und die langen, schwarzen Nächte — sie war „zäh und schwer zu beugen" — aber einmal würde es über sie kommen, bergesschwer, und sie zusammenbrechen —■ oder sie würde sich ausbäumen und Alles abschüttteln, was sie quälte und belastete — das eigene Ich, das so winzig und unnütz war in der Welt. „StellenvermittluungSbureau", mechanisch las sie das Wort über der Thüre eines Kellerloeales. Ein eleganter Wagen, in welchem ein Herr im Pelz lehnte, hielt vor der Thür, ein Diener stand wartend am Schlage. Jedenfalls zog dort unten Jemand Erkundigungen ein für ein großes Haus. Langsam stieg Line die drei Stufen hinab und öffnete die Thüre. Unweit derselben stand eine Dame im Gespräch mit der Inhaberin des Geschäftes, eine zierliche Gestalt in einfachster, gelbbrauner Tuchkleidung, ein barettartiges Hütchen auf den um den Kopf gelegten Flechten — man verhandelte über einen Diener. Die Neueingetretene blieb bei Seite stehen. „Einen Augenblick, Fräulein," rief die Vermittlerin herüber, und als die vornehme Kundin ihre Blicke über die Zeugnisse gleiten ließ, welche sie mit spitzen Fingern gefaßt hielt, fügte sie hinzu: „Ich glaube, Sie haben wieder nichts Passendes unter den Adressen gefunden — na — ja!" Die rothe Nase der Frau Friederike Selken, geborene Bohmke, hatte etwas Witterndes, ihre kleinen Augen blinzelten hinter einer Brille hervor. Sie hatte ihre verschiedenen Behandlungsweisen für die Kundschaft/ die Stellesuchenden mußten stehend ihre Wünsche vortragen, die Herrschaften erhielten einen krachenden Korbsessel oder einen Rohrstuhl angeboten, je nach der Vornehmheit. Friederike Selken kannte die Verhältnisse aller Familien in Berlin W., sie war ein wandelndes, nicht ungefährliches Lexikon, und ihre Kunden wußten das. Wen sie auf den Index setzte, der fah sich vergebens nach der Möglichkeit um, um sich verläßliche Hilfskräfte zu- verschaffen. Die Besitzerin der Equipage hatte den Lehnsessel verschmäht, sie nahm plötzlich die langstielige Lorgnette und musterte Line, ganz, wie wenn sie eine Waare betrachtete, legte die Papiere auf den Schreibtisch und fragte das schlanke Mädchen: „Als was — nämlich, suchen Sie Stellung?" Ehe diese antworten konnte, fiel die Vermittlerin ein und zählte mit großer Geläufigkeit eine Reihe von Beschäftigungen auf, für welche sich die Fähigkeit der Suchenden eignen sollten. „Fräulein von Arabin nämlich," kam es 'zum Schluß nach, „würde in ein Haus, wie das Ihrige, gnädige Frau, ganz vorzüglich passen." Das wurde nicht beachtet, die kühlen, blauen Augen setzten ihre Musterung fort. „Sie waren natürlich noch nicht in solch einer Stellung? — Sie sind in Trauer — hm! Ich möchte mit meinem Fräulein wechseln — die Stellung bedingt die Aufsicht meiner beiden kleinen Mädchen und ab und zu beanspruche ich geringe Dienste und Gesellschaft — Ste gefallen mir. —" „Ah, Fräulein von Arabin." Frau Selken wurde plötzlich sehr wohlwollend. „Da können Sie freilich von Glück sagen, solch ein Haus und solch 'ne gnädige Frau." „Nun, haben Ste Lust?" fragte die Dame. Line verbeugte sich. „Ich kann den Versuch machen — wenn Ihre i Töchter sich an mich gewöhnen werden —" „Das istNeben- i sachx _ es kommt darauf an, ob ich Sie um mich leiden mag —" „Zeugnisse habe ich allerdings nicht, gnädige Frau, Sie vermuthen ganz recht, ich bin zum ersten Male in der Lage —" „Bah, Zeugnisse im Allgemeinen — wer schreibt denn die Wahrheit hinein?" kam es verächtlich von den rothen Lippen. „Mein Vater starb kürzlich — ich steh' ganz allein—" „Aber wer fragt denn nach diesen Dingen," sehr hochmüthig klang das. „Wenn Ihre Persönlichkeit mir gefällt, so genügt das!" Die Selken gab dem Häubchen, das auf ihrem Scheitel i schwebte, einen Stoß, stemmte die Arme in die Hüften und i rief: „Na freilich, die gnädige Frau sind eine solche i Menschenkennerin, die weiß, was sie sieht, da is ja all das - 25S Andere, mit dem so viele Damen wichtig thun, Schriftliches und Erkundigungen, der reine Mumpitz!" Die Dame neigte herablassend den Kopf: „Morgen Abend können Sie kommen!" (Fortsetzung folgt.) Wodurch ein 40Wriger Todeskandidat 100 Jahre alt wurde. Von Dr. M. Ehret. ------- (Nachdruck verboten.) Das ganze Geheimniß der Kunst, das Leben zu verlängern, besteht darin, es nicht zu verkürzen. Am 26. April 1566 starb zu Padua im Alter von hundert Jahren Ludwig von Cornaro, der in der Jugend seine Gesundheit dermaßen zerstört hatte, daß im 40. Lebens- iahre die Aerzte, wie er selbst erzählt, ihm höchstens noch einige Monate das Leben fristen zu können glaubten. Wodurch er nun von seinem Siechthum genas und sich dann allmählich so kräftigte, daß er noch 60 Jahre lang in voller körperlicher und geistiger Frische lebte, hat er selbst in vier Abhandlungen, als hochbetagter, aber lebensfroher und jünglingsfrischer Greis im 83., 86., 91. und 95. Lebensjahre geschildert. @r war von schwächlicher Constitution und zartem Körperbau und hatte trotzdem in der Jugend ein sehr üppiges und ausschweifendes Leben geführt, wie es damals unter den italienischen Edelleuten Mode war. Die Folgen waren: stets verdorbener Magen, Gicht, Rheumatismus und häusig auftretendes Fieber. Diese Leiden verschlimmerten sich gegen Ende seiner dreißiger Jahre so sehr, daß er als „dre beste Erlösung von diesen Leiden den Tod" erkannte. Da faßte er angesichts des nahen Todes den männlichen Entschluß, von Stund an ein vernünftiges, regelmäßiges Leben zu führen, um wenigstens einem jähen Ende vorzubeugen. Sehr richtig hatte er eingesehen, daß sein Magen der Haupt« übelthäter war. Arzt und Apotheker hatten bei ihm bis dahin beständig zu thun gehabt, um dem Koch und Kellner entgegen zu wirken. Wurde im Sommer fern von allen gesellschaftlichen Verführungen auf dem Lande oder in einem Badeorte mehrere Wochen knappe, strenge Diät eingehalten, dann war bei ihm und seinen Bekannten immer wieder körperliche Besserung eingetreten,- also mußte Diät, d. h. eine mäßige, geregelte Nahrungsaufnahme doch ein sehr- wichtiger Heilfactor sein. Auch die Aerzte verschrieben - ja ihren Patienten stets eine bestimmte Diät. „Wenn Menschen krank werden", sagte er sich, „so hören sie fast oder ganz auf, zu essen. Wenn sie nun durch Beschränkung der Nahrung auf eine geringe Menge den Händen des Todes entgehen, warum kann man daran zweifeln, daß sie in ge fanden Tagen bei mäßiger Nahrungsmenge und vernünftiger Regelung der Mahlzeiten auch das Leben zu verlängern fähig sein werden. Man mache nur wenige Wochen lang den ehrlichen, redlichen Versuch damit, und der Erfolg wird in jedem Falle ein äußerst günstiger sein." Er begann nun diese Lebensweise mit solcher Energie, daß nichts imstande war, ihn davon abzubringen. „Die Folge war, daß ich nach einiger Zeit zu bemerken anfing, daß mir diese Lebensweise sehr zusagte, und als ich sie fortsetzte, sah ich mich in weniger als einem Jahre, so unglaublich es auch scheinen mag, von allen meinen Leiden gänzlich befreit. Nachdem ich meine Gesundheit wieder erlangt hatte, fing ich an, ernstlich die Macht der Mäßigkeit zu überlegen,- hatte sie die Wirkung gehabt, solche schlimmen Leiden, wie die meinen, zu beseitigen, so mußte sie auch die Kraft besitzen, mich gesund zu erhalten und meine schwache Körperconstitution zu kräftigen." Zunächst untersuchte er, ob diejenigen Speisen, welche seinem Gaumen behagten, auch seinem Magen gut bekamen. Dies war keineswegs immer der Fall. Deshalb genoß er niemals von solchen Speisen, von welchen er irgendwelche Magenbeschwerden gehabt hatte, auch wenn er sie gern aß. „Ich wählte dagegen nur solche, welche nach meiner Erfahrung mir gut bekamen, und genoß nur soviel davon, wie ich leicht verdauen konnte, damit ich meinen Magen nie mit Speise oder Trank überlud. Dazu gewöhnte ich mich immer vom Tische aufzustehcn, wenn ich noch etwas hätte essen oder trinken können und folgte hierin dem Sprichwort: „Wer lange essen will, der esse kurz." So lernte er kennen, welche Art Speise und Trank ihm am besten bekam. Er brauchte nicht mehr Arzt und Arznei, sondern wurde selbst sein eigener Arzt, der seine Constitution am genauesten kannte und sein Befinden am besten beobachten konnte. „Denn kein Mensch kann einen besseren Arzt haben als sich selbst und keine bessere Arznei als eine geregelte Lebensweise- daher sollte Jedermann das erstere werden und das letztere anfangen. Ich meine damit jedoch nicht, daß man den Arzt zur Heilung schwerer Krankheiten nicht nöthig habe." Uebrigens gehörte Cornaro keineswegs zu den extremen und thörichten Enthaltsamkeitsaposteln. Er sagt: „Meine Speisen sind folgende: zunächst Brot, Brotsuppe, Eiersuppe oder andere ähnliche gute Suppen- von Fleischspeisen: Kalb-, Ziegen- und Hammelfleisch- ich esse Geflügel aller Art, auch See- und Flußfische. Ich verzehre täglich mit Brot, Fleisch, Eigelb und Suppe 375 Gramm und trinke 4/io Liter Wein." Er vermeidet also aufs strengste eine Ueberladung des Magens und solche Nahrung, welche ihm erfahrungsgemäß nicht gut bekommt oder schwer verdaulich ist. „Keiner darf jemals mehr essen, als sein Magen leicht verdauen kann, und nie vergessen, daß es das Uebcr- maß ist, weiches noch mehr schadet als das Essen unpassender Speisen." Nun pflegt man im Allgemeinen selten von einer einzigen Speise zu viel zu essen, vielmehr geschieht dies meist bei einem aus mehreren Gängen bestehenden Mahle, wo der verschiedene Geschmack, die verschiedenen Würzen zum weiteren Essen, weit über den Hunger hinaus, reizen. Daher begnügt sich Cornaro stets mit einem einfachen Mahle und vermeidet die vielen künstlichen Gewürze. „So lange der Mensch ein nüchternes Leben führt, kann er überzeugt sein, daß es ihm nie an dem natürlichen Gewürze, einem auten Appetite, fehlen wird." Wer viel ißt, pflegt nach der Mahlzeit müde zu sein. Das Blut strömt in größerer Menge nach den Verdauuugs- organen- das Gehirn wird blutleer; Denken und geistiges Arbeiten fällt schwer. Ein mäßiger Esser dagegen, wie Cornaro, hat diese Beschwerden nie. „Mein Geist ist immer munter, da er nie durch zu viele Nahrung bedrückt wird. Ich bin nie schläfrig nach dem Essen und mein Verstand ist zum Arbeiten klar, da die Nahrung, welche ich genieße, zu gering ist, als daß sie nachtheilig auf den Kopf zurückwirken könnte." Natürlich hütete sich Cornaro auch vor allen anderen Gesundheitsschädlichkeiten. Namentlich vermied er jeden Aufenthalt in schlechter Lust. Ebenso bekämpfte er mit allem Ernste seine Leidenschaften. „Ebenfalls that ich Alles, was in meiner Macht stand, diejenigen liebet, die wir nicht so leicht beseitigen können, zu vermeiden, wie Schwermuth, Haß und andere heftige Leidenschaften, die augenscheinlich großen Einfluß auf unfern Körper haben." Er sorgte für peinliche Reinlichkeit und geregelte'Abwechslung zwischen geistiger und körperlicher Thätigkeit, zwischen Arbeit und Erholung, zwischen Wachen und Schlaf. Bis ins höchste Alter war er geistig und körperlich thätig, brachte jeden Tag längere Zeit mit Spazierengehen und Singen zu, wodurch er seine Lunge kräftigte und ihr die richtige Lebenslust, nämlich in der freien Natur verschaffte. Wie sehr durch diese regelmäßige hygienische Lebensweise seine Widerstandsfähigkeit gestärkt wurde, geht aus folgendem Falle hervor: „Im Alter von 70 Jahren fuhr ich, wie dies so oft geschieht, in der Kutsche, welche durch rasches Fahren umschlug, und so wurde ich eine bedeutende Strecke weit ge- schleist, bevor die Pferde angehalten werden konnten. Ich - 288 erhielt so viele Stöße und Quetschungen, daß ich an Kops und Körper furchtbar zugerichtet herausgenommen wurde und ein Arm und ein Bein verrenkt waren. Als die Aerzte mich in dieser schlimmen Lage erblickten, glaubten sie, tch würde in drei Tagen sterben, meinten aber, sie wollten versuchen, was man mit Aderlaß und Abführmittel ausrichten könne, um eine Entzündung und Fieber zu verhüten. Da ich aber wußte, daß durch das gesundheitsgemaße Leben, welches ich so viele Jahre geführt hatte, mein Blut tn gutem Zustande war, verbat ich mir dies. Ich ließ nur den Arm und das Bein etnrenken. So wurde ich wieder gesund, ohne die geringste Veränderung oder schlimme Folgen von diesem Unfall an mir zu bemerken, was in den Augen memer Aerzte geradezu als ein Wunder galt." Ueberhaupt beobachteten ihn damals die bedeutendsten Vertreter der medicmnchen Wissenschaft mit größtem Interesse. In seinem 95. Lebensjahre schreibt er: „Vor einigen Tagen haben mich mehrere gelehrte Herren unserer Universität, sowohl Aerzte tote Philosophen besucht, welche mit meinem Alter, Leben und Sitten wohl bekannt waren und auch wußten, daß ich stramm, kräftig und lebensvoll, daß meine Sinne vollkommen und meine Stimme und Zähne wie auch mein Verstand und Gedächtniß gut sind." Kannte man auch damals noch mcht daß Wort „Nervosität", so geht doch aus Allem hervor, daß Cornaro in seiner unsoliden Lebenszeit von diesem Leiden befallen war, daß er sich aber auch davon befreite. Zum Trost für alle Nervösen seien hier seine eigenen Worte wiedergegeben: ,Jch selbst war sehr reizbarer Natur und zwar so sehr, daß zuweilen gar nicht mit mir umzugehen war. Jetzt ist es seit langer Zeit anders geworden, und ich habe emsehen gelernt, daß ein Mensch, der sich von seinen Launen und Leidenschaften regieren läßt, wenig oder nichts besser tst als ein Wahnsinniger." , Alle diese Schilderungen des hundertiahrtgen Ludwtg von Cornaro sind nun nicht etwa übertrieben, sondern ihre Wahrheit wird uns von bedeutenden Zeitgenossen aufs bestimmteste versichert. Wir lernen eben hier etnen Mann kennen, der durch genaue, jahrzehntelange Befolgung aller vernunftgemäßen Gesundheitsregeln seine schwachltche Constitution und seinen siechen Körper so kräftigte, daß ihm ein nur von wenigen Begnadeten erreichtes Lebensalter zu Thetl wurde: wir sehen vor uns ein bedeutsames Verspiel von dem lebenverlängernden Einfluß einer in allen Dingen harmonischen Lebensweise, welche stets die goldene Mtttelstraße innehält. Dies ist um so lehrreicher, weil die Umkehr zur Vernunft erst im 40. Lebensjahre stattfand. Erst dann stng Cornaro nach einer leichtsinnig durchlebten Jugend ein neues Leben an und brachte durch Mäßigkeit wieder ein, was an ursprünglicher Lebenskraft vergeudet war. So befanden sich sein Körper und sein Geist in den letzten Jahrzehnttn seines Lebens in völlig harmonischem Gleichgewicht. „Wte verschieden ist mein Leben von dem der meisten Greife, die voller Schmerzen, Gebrechen und Todesahnungen sind, während das meinige ein wahres Wonneleben ist. Der Todesqedanke kann in meiner Seele keinen Raum fntbett, wenigstens durchaus nicht in beunruhigender Weise. Wer sich eben gewöhnt hat, nicht seinen Sinnen und Begierden, sondern der Leitung seiner Vernunft zu folgen, wird weder von der Sinnlichkeit noch von der Gaumenluft gereizt und bringt alle Leidenschaften unter die Herrschaft der Vernunft. Daher kann er auch, wenn er infolge hohen Alters ferne Auflösung herannahen sieht, ohne Furcht dem Tode ms Antlitz schauen, wobei es ihm eine süße Genugthuung ist, lebenssatt zu einem Alter gelangt zu sein, das unter den Anderslebenden kaum Einer erreicht. Er fürchtet den Tod um so weniger, als er weiß, daß seine Ende nicht gewaltsam mit heftigen Schmerzen und Fiebern, sondern mit der größten Ruhe und Schmerzlosigkeit kommt; wie eine Lampe, die allmählich aus Erschöpfung auSgeht, wird er saust und ohne Krankheit hinübergehen vom irdischen und sterblichen zum himmlischen und ewigen Leben!" GenrrLnnützige». Gin- gleichmäßig- Fütterung der Ziege sowohl in der Futterzeit als in der Futtermenge kann nicht gmug empfohlen werden. Der Uebelstand, daß oft mehrere Personen eine Fütterung besorgen, hat schon manchmal ein Ziegenleben gekostet. Bei einer solchen Fütterung wetß keine Person, was die Ziege von der anderen schon erhalten hat. So wird sie überfüttert, es tritt Verstopfung em, fte frißt nicht mehr, oder aber sie wird vergessen und muß hungern. Daß das Melken immer zu gleicher Zeit statt- finden sollte, versteht sich von selber. Um den so billigen Sch-llfisch-N od-r S--fisch-n -in-n recht angenehmen Geschmack beizubringen und denselben den ihnen meist anhaftenden üblen Geruh voll- tändig zu nehmen, verfahre man vor dem Kochen aus olgende Art und Weise: „Nachdem die einzelnen Fische nnett und außen aufs Peinlichste gesäubert, auch die Kiemen entfernt worden sind, lege man dieselbe in eine Schüssel auf den Rücken und fülle die Bäuche mit Salz, Pfefferkörner, Lorbeerblätter, ganzen Ingwer, Zwiebeln, Sellerie und Möhre nnd einigen Citronenscheiben an und übergieße Alles mit kochendem gutem Essig. In dieser Flüssigkeit lasse mau die Fische die Nacht über stehen. Vor dem Kochen wasche man die Fische mit frischem Wasser ab und siede sie dann in der bekannten Weise. Selbst der verwöhnteste Fem- schmecker wird sich an den so zubereiteten Fischen gütlich thun. Humoristisches. Ungeduld. Beilchmblüth ist schon zwei Mal an's Telephon gerufen worden, ohne daß er eine Antwort erhalten hätte. Jetzt schellt es zum dritten Male und wüthend stürzt Veilchenblüth an den Apparat. „Wer is dort?" Wieder keine Antwort! „Wollen Se mer nu endlich sagen, wer Se sind, oder sind Se e Taubstummer?" ♦ ♦ * Moderne Dienstboten. Hausfrau (zu einem Stellung suchenden Mädchen): „Warum wurden Sie aus Ihrem vorigen Dienst entlassen?" — Mädchen: „Na, so etwas! Hab' ich Ihnen denn gefragt, warum die Vorige es nicht bei Sie hat ausgehalten können?" • * ♦ Geldheirath. „Weißt Du nicht, warum der Baron seit einiger Zeit so betrübt einherschleicht? Ich dachte, er hätte eine gute Partie gemacht!" — „Das schon - aber er hat jetzt durch eine falsche Börsenspekulation die bessere Hälfte seiner Frau verloren!" * Verschnappt. „Ich soll unter dem Pantoffel stehen? Lächerlich!" — „Na, man will gehört haben, daß Deine junge Frau ordentlich geschimpft hat, wie Du in der Nacht nach Hause kamst!" - „Unsinn — ich darf ja Abends gar nicht fortgehen." * * * Noch schlimmer. A.: „Unkenntniß vorm Gesetz schützt nicht vor Strafe. Das habe ich einmal bitter erfahren!" — B. „Wie so? Kannten Sie denn das Gesetz nicht?" — A.: „Ich schon, aber mein Vertheidiger kannte es nicht!" H-rmann -ll«. Druck und Verlag d-r Brühl'schm UniverMätS-Buch. und Steindruck-rei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.