1898. MU W SM Schubert. Als G. Bötticher. ltern, übet ernste Zucht! Wie die Saat, so wächst die Frucht; Besser, Euer Kind weint jetzt, daß Ihr noch weint zuletzt. Wahre Freundschaft stirbt mit Nichten: Aber bricht sie mal ein Bein, Wird es schwerer einzurichten, Als bei halber Freundschaft sein. ( Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arneseld. (Fortsetzung.) Mit Bestürzung nahm Ringleb wahr, welche Veränderung im Aeußern des jungen Arztes vorgegangen war. Die hübschen, intelligenten, wenn auch von einem tiefen Ernst beschatteten Züge waren verzerrt, die Augen mit Blut unterlaufen. „Verzeihen Sie, Herr Doctor, ich wollte Sie nicht beleidigen," sagte er zaghaft und entschuldigend. „Ich war ja darauf gefaßt, durch mein Anliegen eine schmerzhafte Wunde in Ihrem Herzen zu berühren, den Eindruck, welchen ich dadurch hervorgebracht, konnte ich ^dennoch nicht vorausschen. Es scheinen hier noch ganz besonders peinliche Dinge vorzuliegen." Die Ansprache brachte Doctor Holten wieder etwas zu sich selbst. Mit beinahe übermenschlicher Anstrengung nahm er sich zusammen und erwiderte: „Ich kann Ihnen nicht dienen, wie Sie es wünschen, mein Herr, zwischen mir und Amtmann Göbener bestehen seit längerer Zeit keine freundschaftlichen Beziehungen, aber Sie bedürfen auch keinerlei Vermittelung. Wenden Sie sich direct an den Amtmann Göbener." „Sie meinen, er wird sich zu einem Vergleich bereit finden lasten?" fragte Ringleb. Holten zuckte die Achseln. „Darüber vermag ich kein Urtheil abzugeben." „Wir müssen es im äußersten Falle zu einem Proceß kommen lassen und das dürfte doch auch Ihnen nicht angenehm sein," sagte Ringleb, der diesen Schreckschuß sich bis zuletzt aufgespart haben mochte. Er verfehlte jedoch die be- | absichtigte Wirkung, denn der Doctor entgegnete mit müder Stimme: „Ich muß es Ihnen überlassen, was Sie zu thun für gut finden. Nur eins rathe ich Ihnen, behandeln Sie die Angelegenheit ganz discret und lasten Sie den Amtmann Göbener nicht wissen, daß Sie mich davon in Kenntniß gesetzt haben." Er hatte die letzten Worte wieder lebhaft und eindringlich gesprochen, als aber der Versicherungsbeamte, dadurch ermuthigt, ihm in vielen Worten seinen Dank für den er- theilten Rath aussprechen und ihm die Versicherung geben wollte, daß er seiner gegen den Amtmann nicht erwähnen werde, unterbrach er ihn mit einem: „Schon gut, schon gut! Leben Sie wohl, mein Herr," und mit einer verabschiedenden Handbewegung. Ringleb sah ein, daß er nicht länger verweilen dürfe und entfernte sich mit einem höflichen Gruß. Kaum hatte sich hinter ihm die Thür geschlossen, so stieß Stephan Holten einen Schrei aus, der weit mehr Aehnlichkeit mit dem heißeren Gebrüll eines Raubthieres, als mit dem Tone aus einer Menschenbrust hatte. Sich mit der Faust mehrmals vor die Stirn schlagend, rannte er so heftig im Zimmer auf und ab, daß er rechts an das Untersuchungsbett und links an den mit Instrumenten, Gläsern und Flaschen besetzten Tisch stieß. Er mußte sich durch diese körperliche Kraftäußerung von der beinahe unerträglichen seelischen Anspannung befreien, zu welcher er sich während der Unterredung mit dem Versicherungsbeamten genöthigt gesehen hatte. „Das also wäre die Lösung des Räthsels, wonach ich so lange vergeblich gesucht!" murmelte er, während er die kalten Schweißperlen von der Stirn wischte. „Meine Ahnung! Ich witterte vom ersten Augenblick an ein Verbrechen und konnte doch keinen Grund dafür finden. Jetzt — jetzt hab' ich ihn!" „Zwei Möglichkeiten giebt es nur," sagte jener Mann. „Rechnet er gar nicht mit der dritten — dem Verbrechen!" „Und es ist wirklich begangen?" fuhr er reflectirend fort. „Lasse ich mich durch mein Borurtheil und meine Abneigung nicht doch zu ungeheuerlichen Annahmen verleiten? Kann die Geldliebe, die Habsucht einen Menschen wirklich zu einer so grausigen That bringen? Hunderttausend Mark sind für einen Mann von Göbeners Vermögen doch eine nicht so bedeutende Summe!" „Judas verrieth Christus um dreißig Silberlinge!" fügte er mit unbeschreiblicher Bitterkeit hinzu. „Je mehr ich mir das Benehmen Göbeners an der Bahre meiner 1ÖÖ - Schwester vergegenwärtige, umsomehr wird mein Verdacht zur Gewißheit. Me Anwesenden meinten, das traurige Ereigniß habe ihn völlig umgemanbelt, Alle waren erstaunt, daß der alte, harte Göbener so weichmüthig, so tief ergriffen sein könne und Niemand ahnte, daß dies Alles nur Maske war. „Doch Einer noch außer mir. Ich habe es dem Amtsrath Wenzel angesehen, daß auch er nicht recht au den Schmerz des alten Heuchlers glaubte und seinen eigenen Gedanken nachhing. Ob ich versuchte, sie zu ersahren? Ich traue ihm zu, daß sein Gerechtigkeitsgefühl ihn veranlassen könnte, mir ein guter Bundesgenosse zu sein, was auch sonst zwischen uns liegt." Ein weiches, süßes Gefühl wollte bei den letzten Worten sich seiner bemächtigen, aber er wies es von sich, als habe er mit einer körperlichen Erscheinung zu thun. „Fort, fort, geliebtes Bild, ich darf Dich jetzt nicht sehen. Alle meine Kräfte müssen auf das eine Ziel gerichtet sein, die Wahrheit zu entdecken und den Schuldigen seiner gerechten Strafe zu überliefern." Trotzdem hatte die Erinnerung an die ferne Geliebte besänftigend auf ihn gewirkt. Ruhiger geworden ließ er sich auf dem Sessel vor seinem Schreibtisch nieder, stützte den Kopf in die Hand und saß so lange unbeweglich, mit geschloffenen Augen. Als er sich endlich erhob, da hatte sein Gesicht wiederum jenen Ausdruck des kalten, eisernen Entschlusses, der ihm sonst nicht eigen gewesen war. XVIII. In Rapshagen sah es sehr traurig aus. Auf die Nachricht von dem jähen, schrecklichen Tode, der Anna Holten ereilt hatte, war Frau Göbener trotz des Abmahnens ihrer Kinder sogleich von Fuchsberg nach Rapshagen zurückgekehrt, aber an der Leiche der Verunglückten ohnmächtig zusammengebrochen. Sie hatte sich zwar noch ein Mal aufgerafft und versucht, die Leitung der Wirtschaft, die ihr von Anna fast gänzlich abgenommen gewesen, wieder in die Hand zu nehmen. Schon am Beerdigungstage war sie jedoch erkrankt uni lag seitdem schwer darnieder. Frau Büttner, ihre jüngere Tochter, die mit ihrem Manne auch dem Leichenbegängniß beigewoh,:t hatte, war in Rapshagen zurückgeblieben, um die Mutter zu pflegen und nach dem Rechten im Haushalt zu sehen, bis die Wirih- schafterin, die wohl oder übel jetzt angenommen werden mußte, beschafft und eingetreten war. Die sanfte, blonde Frau, die in ihrem Aeußeren, wie in ihrem Wesen mehr der Mutter glich als die resolute ältere Schwester, die dem Vater ähnelte und auch von ihm stark bevorzugt wurde, hatte von dem Alten viel zu leiden, dessen Laune die denkoar schlechteste war. Es schien, als wolle er den Luxus von Weichheit und Güte, den er sich unmittelbar nach Annas Tode gestattet hatte, durch verdoppelte Härte und Unfreundlichkeit wieder einbringen. Von früh bis spät schalt er im Haus umher, Niemand konnte ihm etwas recht machen, die Dienstboten drohten mit Kündigung und mußten von Frau Büttner mit guten Worte und heimlichen Geschenken zum Bleiben bestimmt werden. Selbst im Krankenzimmer seiner Fran vermochte er den Ausbrüchen seines Mißmuths keine Zügel anzulegen und behauptete, wenn die Dinge noch lange so fortgingen, so werde er Haus und Hof als Bettler verlassen müssen. An allem Unheil wäre freilich nur seine verdammte Weichherzigkeit schuld. Hätte er sich nicht breitschlagen lassen, Anna in's Haus zu nehmen, und gar seine Zustimmung zu ihrer Verlobung mit Adolf zu geben, würde das ganze Unglück nicht geschehen sein. Er hätte festbleiben sollen, denn er hätte seinen Windhund von Sohn besser gekannt als alle Andere. Frau Göbener hatte es aufgegeben, mit ihm zu streiten, so offenbar auch die Widersprüche in seinen Reden waren - sie ließ schweigend Alles über sich ergehen und athmete auf, wenn er das Zimmer wieder verlassen hatte und sie sich allein oder in Gesellschaft ihrer Tochter sah. Eine Fragt, eine bange, schwere Frage, die sie Tag und Nacht quälte, hätte sie so gern an ihn gerichtet: Was wußte er von dem eigentlichen Hergänge bei Annas Tode? Hatte er sich wirklich zugetragen, wie es von ihm dargestellt worden war oder verhüllte er geflissentlich die Wahrheit, um nicht — wie sie sich schaudernd eingestand — der hohen Lebensversicherung verlustig zu gehen. Was hatte sie sich schon um die Lebensversicherung gehärmt, von der sie ganz gegen ihres Mannes Willen lediglich durch Annas Arglosigkeit erfahren hatte! Sie war ihr immer wie eine Todesdrohung für ihren Liebling erschienen und kam ihr jetzt wie Blutgeld vor. Aber sie kannte ihren Mann gut genug, daß sie wußte, er würde sich die große Summe nicht entgehen lassen und nimmermehr ein Zugeständniß machen, das deren Auszahlung gefährden könnte. Sie fragte ihn nicht und erkundigte sich nur ganz vorsichtig bei Annaliese, der einzigen Person, die sie von Denjenigen, welche bei Auffindung der Leiche zugegen gewesen, zuweilen zu sehen bekam, und was sie v n dieser hörte, bestätigte ihre bange Befürchtung. Dann war sogar eine Stunde gekommen, in der Adolf, in seiner Verzweiflung den leidenden Zustand der Mutter vergessend, sich an ihre Brust geflüchtet, ihr seine Schuld bekannt und sich den Mörder Annas genannt h üte. Für Frau Göbener bestand nunmehr kein Zweifel, daß Anna freiwillig den Tod gesucht- die verzeihliche Muttereitelkeit spielte ihr dabei außerdem noch einen Streich. Es schien ihr so begreiflich, daß ein Mädchen, das ihres Adolfs Liebe besessen und verloren hatte, dies nicht zu überleben vermochte. Der Gram darüber fraß an ihrem Leben, und sie mußte schweigen und sich zur Mitschuldigen des Betruges machen, den ihr Mann an der Lebensversicherung beging. Göbener hatte ihr ganz kurz gesagt, er habe nach Stettin geschrieben und die Auszahlung der versicherten Summe verlangt, ihr dabei aber streng verboten, etwas davon gegen die Tochter zu erwähnen. „Wenn die Kinder wissen, man hat eine Einnahme gehabt, kommen sie so gleich mit allerlei Ansprüchen und ich brauche das Geld selbst recht nöthig, es sind schlechte Zeiten und wer weiß, ob mir die Leute nicht noch allerhand Quengeleien machen," hatte er hinzugefügt. Adolf Göbener hatte einen kurzen Urlaub genommen und war, so sehr der Alte auch darüber schalt, in Rapshagen geblieben. Er vermochte es in Greifswald in seiner Wohnung nicht auszuhalten, jede Thätigkeit ekelte ihn an, aber auch im Vaterhause litt es ihn nicht. War er nicht im Krankenzimmer der Mutter, so irrte er planlos in der Umgegend umher. Oft ging er bis in die Nähe von Waldhof, schaute nach den Fenstern des sich aus dem, umgebenden Grün malerisch emporhebenden Schlosses, um sich dann mit einem schweren Seufzer abzuwenden. Er war ein Ausgestoßener. Das Paradies, in das er sich widerrechtlich geschlichen, hatte seine Pforten ihm für immer verschlossen. Behaftet mit dem Brandmal irrte er umher. Selbst wenn der Amtsrath Wenzel ihm in einer nicht mißzuverstehenden Weise angedeutet hätte, daß sein Besuch in Waldhof nicht erwünscht sei, würde er nicht gewagt haben, die Schwelle des Hauses wieder zu überschreiten, wo er das Gastrecht so schwer verletzt, ein stolzes Frauenherz so tief gekränkt hatte. Er hätte sein Herzblut darum gegeben, Carola^ nur noch einmal sehen zu dürfen, seinen Mund auf den Saum ihres Kleides zu «drücken, ihre Verzeihung zu erflehen, und doch ergriff ihn ein unsägliches Bangen bei dem Gedanken, er könne ihr begegnen und ihre schönen blauen Augen zürnend oder, weit schlimmer noch, kalt und voll Verachtung auf sich gerichtet sehen. (Fortsetzung folgt.) 1M — Frühlingsstimmen. Von Hermann Grelling. ------- (Nachdruck verboten.) Wenn die Tage sich sonnig verklären und das Grün der ersten Knospen und Blätter hervorbricht, treibt es die Menschen hinaus ins Freie, dem Frühling entgegen. Noch erfüllt den Wald nicht das Concert der ermunterten Vögel, das „Singen, Musiciren, Pfeifen, Zwitschern, Tiroliren" von Amsel, Drossel, Fink und Staar/ trotzdem ist der Frühling nicht stumm, wie der öde Winter, dessen Schweigen nur manchmal durch einen krächzenden Raben unterbrochen wird, sondern er spricht mit wundervollen Stimmen zu uns, die um so mehr unsere Aufmerksamkeit erregen, als sie nicht durch ihre Menge und Fülle zu einem großen harmonischen Chorus erschmelzen, sondern sich meist einzeln unserem lauschenden Ohr bemerkbar machen. Mehr als im Spätfrühling oder Sommer sind wir daher geneigt, uns die Frage nach dem Ursprung der einzelnen Töne, die wir vernehmen, vorzulegen, denn leider müssen wir uns meist das beschämende Geständniß machen, daß unsere Naturkenntniß zur Erklärung der Stimmen des Frühlings nicht ausreicht. Die erste und mächtigste Lenzstimme, die wir bei unserem Austritt hören, ist diejenige des Frühlingswindes. Sausend mit) brausend fährt er uns um die Köpfe und poltert in toller Lust durch die noch kahlen Zweige der Gartenbäume. Mag er — wir sind ihm nicht gram, denn er ist der Frühlingsherold, der die letzten Reste von Eis und Schnee zerstört und die Flüchtigten übermüthig vor sich her jagt. Unser Wind ist nämlich ein warmer Wind im Gegensatz zu dem eisigen Nord des Winters. Kommt er doch aus dem warmen Süden, „Drr Thauwind kam vom Mittagsmeer" singt der Dichter, und er trifft damit besser den Nagel auf den Kopf, als wenn er vom Wind behauptet: Sein Sausen Ihr wohl hört, Allein, Ihr wisset nicht, woher. Wißt nicht, wohin er fährt." Die Wissenschaft weiß ganz genau, wo er herkommt und hingeht, und braucht unsrem Spaziergänger, dem er freundschaftlich um die Ohren bläst, die Antwort nicht schuldig zu bleiben. Die unter dem Aequator stark erwärmte Luft dehnt sich aus und steigt empor/ da nun der Luft das Bestreben innewohnt, von allen Seiten hohen Luftdruckes nach solchem mit niedrigem Luftdruck hinzuströmen, so setzen sich zum Ersatz Luftmassen aus den Polargegenden nach dem Aequator zu in Bewegung, um auf diese Weise die Störung des atmosphärischen Gleichgewichts zu beseitigen. Der vom Aequator noch den Ländern der gemäßigten Zone und den Polen abgehende Strom heißt der Aequatorialstrom oder obere Passat und der von den kalten und gemäßigten Gegenden nach der Aequatorialzone zu abfließende der untere Passat oder Polarstrom. Selbstverständlich richtet sich unser Frühlingswind mit seiner Ankunft nicht nach dem Kalender, wo der Anfang des Frühlings erst auf den 21. März festgesetzt ist. Was der Kalender meint, ist nur der astronomische Frühling, von dem sich der meteorologische, der wirkliche, unterscheidet, dessen Beginn sich nicht mit mathematischer Gewißheit im Voraus bestimmen läßt, wie der Termin einer Sonnenfinsterniß. In der Regel nimmt man für Mitteleuropa den 1. März als Beginn des meteorologischen Frühlings an. Treten wir hinaus vor die Stadt, so vermischt sich mit dem Sausen des Lenzwindes das Geplätscher von hundert Wasserbächen, welche sich nach allen Richtungen über die Flur und in das Thal ergießen. Es sind die Flüchtlinge, die der Wind vor sich herjagt, die Opfer seines tollen lieber» muthes/ Schnee und Eis hat der große Zauberer, um sie besser fortzuschaffen, in murmelnde Gießbächlein verwandelt. Ueberall, wohin unser Auge schaut, rieselt und fließt es/ alle paar Schritte sind wir genöthigt, über eine mehr oder ! weniger breite Wasserrinne zu poltigiren, ja, manchmal hemmt ein richtiger Miniat.rsee unseren Marsch, den wir nölens volens umgehen müssen. Ein Glück, denken wir, daß das Schmelzen der Wintergaben nicht schneller vor sich geht, denn sonst würde es eine schöne Ueberschwemmung geben. Daß dies nicht — oder nicht allzu oft — der Fall ist, verdanken wir dem Umstande, daß zum Schmelzen des Eises eine weit bedeutendere Wärmemenge erforderlich ist, als wir im Allgemeinen anzunehmen geneigt sind. Der Körper, der schmelzen soll, muß nicht allein bis zu einer bestimmten Temperatur erhitzt werden, sondern es muß ihm außerdem noch eine bestimmte Wärmemenge zugeführt werden, welche nichts zur Temperaturerhöhung beiträgt, sondern nur die Arbeit des Schmelzens besorgt. Erst nach vollständiger Schmelzung steigt die Temperatur weiter. Wir erreichen nun das freie Feld, und die Stimmen des Frühlings dringen mannigfaltiger zu uns. Noch stehen die Bäume ohne Laub, nur die zarten Knospen öffnen ihre grünen Augen, die junge Saat bedeckt den Boden mit einem lichtgrünen anmuthigen Teppich und die kleinen Schneeglöckchen stecken ihre weißen Köpfchen hervor — trotzalledem jubilirt schon die Lerche in der Frühlingsluft, unser Herz stimmend für den Genuß der erwachenden Natur. „Denn es ist Jedem angeboren, Daß sein G'fühl hinauf und vorwärts dringt, Wenn über uns im blauen Raum verloren, Ihr schmetternd Lied die Lerche singt" — besonders, wenn sie es so früh singt, als Botin des Frühlings, die wir sie mit Recht nennen dürfen, da sie schon zur Zeit der Schneeschmelze von ihrer weiten Wanderung nach dem Süden in die alte Heimath zurückkehrt. Sie geht am spätesten und kehrt zuerst zurück, oft schon Anfang Februar — das heiß' ich Treue. Auch geht sie nicht weit, nur nach Südeuropa oder höchstens Nordafrika, aber die Reise ist trotzdem gefährlich genug, denn zu vielen Hunderttausenden fallen die armen Sänger in die Netze der Menschen. Allein im October wurden in Leipzig manchmal schon über 400 000 Stück verkauft. Wir denken noch über die Grausamkeit nach, deren der Mensch sich gegen die liebliche Musikantin schuldig macht. Da fährt es vor uns mit geräuschvollem Fluge blitzartig empor und einige große Vögel flattern rauschend davon. „Girräck" schabt es dabei aus der erschreckten Schaar — es ist eine Kette Rebhühner, die wir aus ihrem Versteck am Boden aufscheuchten. Ein neues Rascheln zur Linken, wir schauen uns um und nehmen mehrere Hasen int eifrigen Spiele wahr. Die armen Bratenspender wissen sehr wohl, daß ihre gute Zeit jetzt begonnen hat, sie gebärden sich deshalb gar nicht so ängstlich tote zur Jagdzeit, sondern huldigen vergnügt der auch das Thierleben verklärenden Minne, jagen einander schalkhaft, kosen, machen possirliche Männchen, putzen und streichen sich. Näher zu treten, gestatten sie uns freilich nicht, sie sind gegen Alles, was Mcnschenatl tz trägt, von berechtigtem Mißtrauen erfüllt. Schlagen wir uns daher seitwärts in die von Gebüsch umsäumte Schlucht. Auch hier grüßen die Stimmen des Frühlings uns aus den Zweigen. Ein lautes „dix dix dix" ertönt aus dem Gebüsch, und als wir uns nähern, um den Vogel, der den Ruf ausgestoßen, zu erkennen, flüchtet er mit einem noch gellenderen Schrei, der wie „gri pip gich" klingt, pfeilschnell und geräuschvoll hinweg. Es ist ein großer Vogel von dunklem Gefieder, „eine Amsel, schwarz wie Kohlen, mit dem Schnabel, gelb wie Gold," und bald überzeugen wir uns, daß es nicht die einzige ist, denn die Schlucht ist voll von ihnen. Männchen und Weibchen, welch letztere sich durch ihr braunes Gefieder wesentlich vom Männchen unterscheiden. Man nahm früher an, daß die Weibchen mit den gleichfalls braungefärbten Jungen int Herbste südlich ziehen, wenn das aber der Fall ist, so kann es nicht für alle gelten ober sie müssen doch im Begriffe stehen, diese Gewohnheit aufzugeben, denn wir finden zahlreiche Damen unter der lebhaften Gesellschaft. Der Helle Lockruf „Tickeritick" zeigt uni dir | Anwesenheit eine- schüchternen Rothkehlchen im Gesträuch | an, während wir als zUrheber 'der eintönigen Strophe: S'ts s'is s'is s'is s'is st! einen goldbrüstigen Goldammer identificiren, der uns vom Gipfel eines wilden Kirschbaumes heraub neugierig-mißtrauisch anlugt. Der Volksmund übersetzt das bescheidene Gezwitscher in die Mittheilung: „S'is s'is s'is s'is früh," und jeder lauscht ihm, so simpel eS auch klingen mag, mit Vergnügen, denn was der Stimme des gutmüthigen Sängers an melodischer Schönheit mangelt, ersetzt er zehnfach durch die Beharrlichkeit, mit welcher er nicht müde wird, dasselbe Lied vom frühen Morgen bis zum späten Abend zu wiederholen. Der muntere Laut „Pink" würde unS den Finken verrathen, wenn wir das graziös über den Weg trippelnde Vögelchen nicht bereits an dem schöngezeichnetem Gefieder, der weinrothen Brust, der schwarzen Stirn und den weiß und gelb gebänderten Flügeln erkennten. Auch sein schmetternder Gesang ist nicht zu verkennen, und wir haben Gelegenheit, uns daran zu erfreuen, ehe der kleine Gesell bei unserer Annäherung mit einem zischenden „Siih", das bei ihm das Warnungssignal darstellt, das Weite sucht. Die Capelle auf jenen Bäumen, von welchen das ohrenzerreißende Concert ausgeht, besteht aus Sperlingen, von denen eine ganze Gemeinde ihren Frühlingsgesang angestimmt hat. Zerlegen wir ihn in seine einzelnen Töne, so bleibt nichts übrig, als ein gellendes „Chtlp". Da loben wir uns weiter draußen im Garten einer einsamen Villa die Staare, die zwar auch etwas im Krakehlen leisten, aber doch wenigstens eine Ahnung von Noten und eine Spur von musikalischem Gehör besitzen. Vom Wiesenbach schallt ein lebhaftes „Ziwih", im Wechsel mit einem schmeichelnden „Quiriri" zu uns herüber •— ersteres der Lock-, letzteres der Zärtüchkeitsruf der zierlichen Bachstelze. DaS klappernde „Kleckleckleckleckleck" im Ufer- gestränch geht von dem Müllerchen oder der Klappergrasmücke aus, einem niedlichen Vögelchen, und das laute, luftige „Zeck, zeck, zeck" von einem noch kleineren Sänger, dem kleinsten unserer Heimath. Wir sehen den Knirps durch das Waffergebüsch Hüpfen, es ist der Zaunkönig, der den ganzen Winter munter sein liebliches Liedchen singt. Ein großer, oben graublau, unten rostgelb gefärbter Vogel, der gewandt wie ein Specht am Stamm hinausklettert, und diesem auch äußerlich ähnelt, läßt ein pfeifendes „Quei" vernehmen: Der Kleiber, ein harmlos guter Kerl ohne Falsch und Heimtücke. Hier und da begegnen wir einer Anzahl zierlicher Vögelchen mit weißen Backen, schwarzem Scheitel und gelben Leib mit schwarzen Streifen: vagabundirende Kohlmeisen, deren mahnendes: „Sitida, sitida" nach der Volksauslegung „Spitz' die Schar!" bedeutet. „Kuckuck, kuckuck" ruft's uns entgegen — denn wir haben nun den Wald erreicht und zählen bedächtig die einzelnen Grüße des geheimnißvollen Frühlingspropheten, der sich immer nur hören, nie aber sehen läßt. So viele Male sein Ruf ertönt, so viel Jahre sind uns noch vergönnt — manch abergläubischer Landmann schaut auch wohl in sein Portemonnaie und — Pardon, spuckt hinein, damit es ihm während deS Jahres nicht an Gelde mangele. Auch sonst fehlt es im Wald nicht an Frühlingsstimmen. Ein stattlicher Grünspecht schlägt an einem Fichtenstamm emsig den Tuet, wobei er sein weithinschallcndes: „Guck, guck, guck" ausstößt. Dazwischen hindurch klingt das krächzende, „Rab, rab," der über den Wipfeln kreisenden Raben, der Leckruf deS Kreuzschnabels: „göp, göb," des Papageien unserer Wälder, und wenn wir Glück haben, grüßt uns auch ein fideler Zeisig mit seinem gemüthlichen: „Diddl, diddl, diddl, dähtsch" oder „Dididlidlideidäa," das der Volksmund lachend übersetzt: „Meinem Herrn geht Alles latsch". Jenseits des Waldes in der Nähe des Dorfes erfreuen uns Weiden und Erlen im Schmucke ihrer gelben Kätzchen, und ein ganzes Heer geflügelter Kerbthiere tümckelt sich in dem noch laublosen Gezweig, Bienen, Wespen, Käfer und Fliegen, indes nicht weit davon eine ganze Armee zierlicher Mücken im Sonnenschein spielt. Welch ein Summen, Brummen und Säuseln, welch reizvolles Leben in den Strahlen der Lenzionne. Nur die Grille fehlt noch, um das anmuthige Berschen der Droste-Hülshoff wahr zu machen: „Da krimmelt, wimmelt es im Haidegezweige: Die Grille dreht geschwind das Beinchen um, Streicht an des Thaues Kolophonium Und spielt so schäferlich die Liebesgeige. Ein tüchtiger Hornist, der Käfer, schnurrt, Die Mücke schleift behend die Silberschwingen, Daß heller der Triangel möge klingen; Discant und auch Tenor die Fliege surrt; Und immer mehrend ihren werthen Gurt, Die weiche Katze um des Leibes Mitten, Ist als Bassist die Biene eingeschritten." Doch genug für heute: noch sind die Tage kurz und der Weg nach Hause ist weit. Kehren wir zurück, das Herz erfüllt von dem anmuthigen Frühlingsidyll, das Ohr noch voll von den lieblichen Stimmen, mit welchen der schöne Lenz uns sein heiteres Willkommen zuruft Mögen sie uns Glück bedeuten, diese Grüße des Frühlings, damit sich an uns der innig sinnige Wunich des alten Kinderliebes bewahrheite: „Amsel, Droffel, Fink' und Gtaar, Und die ganze Vogelschaar, Wünschen Dir ein frohes Jahr, Lauter Heil und Segen!" Hnmsmstisches. Anfeuchtung. Onkel: „Ich denke, beim Studiren könntest Du endlich das Biertrinken lassen!" — Student: „Aber, Onkel, ohne das bringt man daS trockene Zeug absolut nicht hinunter!" Literarisches Orientalische Teppichweberei. Wenn wir auch mit berechtigtem Stolz auf unsere Errungenschaften auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, des öffentlichen und privaten Lebens blicken dürfen, eines Gefühles der Beschämung können wir uns doch nicht erwehren, wenn wir uns die fast unerklärliche Thatsache vor Augen halten, daß wir die eigenartige Kunst und die technischen Fertigkeiten, welche die altersschwachen Orientalen noch in unseren Tagen in manchen kunstgewerblichen Sachen bekunden, noch immer nicht erreichen, geschweige überflügeln konnten. Die Ueberlegenheit des Ostens läßt sich am deutlichsten an der Teppichindustrie wahrnehmen, welche ein hochinteressanter Aussatz im neuesten Hefte der allbeliebten illustrirten Familien- z-itschrift „Zur Guten Stunde" textlich und bildlich vorführt. ^Deutsches Verlagshaus Bong & Co., W. 57, Preis des Vierzehntags- hestes 40 Pf.). Die Schönheit der Frau ruht durchaus nicht allein auf den Gaben der Natur. Nicht am geringsten trägt dazu die Toilette bei, und daher läßt sich mit Recht von einer „Anziehkunst" sprechen. Diese zu lehren, auch da, wo zur Ausübung nur bescheidene Mittel zur Verfügung stehen, jeder Frau die Möglichkeit zu bieten, sich anmuthig und geschmackvoll zu kleiden, das ist die Aufgabe, die sich „Die Moden« Welt" (Berlin, Lipperheide) gestellt hat, und deren Lösung sie ihren Weltruf verdankt. Als vierter Band des siebenten Jahrgangs der Veröffentlichungen des „Vereins der Bücherfreunde" Berlin, erschien soeben: Kein Sommer ohne Wetter. Warum der Sauser »er Wadi «immer zu« geht. 2 Novellen van Richard Bredenbrücker. 18Bogen. Preis geheftet 4 Mk., eleg. geb. 5 Mk. Richard Bredenbrücker ist unstreitig einer unserer besten modernen Erzähler. Seine beiden neuesten Novellen spielen in den Tiroler Bergen. Die Gestalten sind keine Erzeugnisse der Phantasie oder flüchtiger Beobachtung von der Sommerreise her, nein, Bredenbrücker kennt das Volk und hat sich mit ganzer Seele in sein Empfinden hineingelebt, daher die prächtige Ursprünglichkeit des Ganzen; der Humor ist kein gemachter, er ist ächt wie Gold, und meisterhaft ist der Dialog gehandhabt. Das Buch paßt vortrefflich für den „Verein der Bücherfreunde", dessen Zweck es bekanntlich ist, seinen Mitgliedern nur wirklich gute Bücher bester deutscher Autoren zu billigem Preise zugänglich zu machen. Nähere Auskunft über den „Verein der Bücherfreunde" ertheilt jede Buchhandlung, sowie die Geschäftsleitung, Berlin W. 62, Kurfürstenstr. 128. Redaction: I. V.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.