Donnerstag den 26. Mai. »88 iTgläyy 9S WH HB sf//7fZ /rV M MM in Diamant hat immer Werth, Mag er auch ungeschliffen sein, Doch dient dies zur Entschuldigung Nicht dem ungeschliffenen Kieselstein. Das Fräulein. Roman von E. Vely. (Fortsetzung.) Und heute war Line zu stolz, nach einer ausweichenden Antwort zu suchen, wie kürzlich. „Ich kannte ihn — ja!" //Ah, das erklärt Vieles! Wo — wenn Sie nicht etwa Ursache haben, zu schweigen — war das?" „Ich möchte darüber nicht sprechen," sagte Line, „es weckt zu schmerzliche Erinnerungen — ich sah ihn auch in seinem Beruf." Die Mienen Frau Ebbas liehen nicht darauf schließen, daß sie diesen Worten vollen Glauben schenke. „Auch gleichgültig. Fremder Leute Geheimnisse kümmern mich nicht —" „Verheimlichen will ich nichts, — ich sagte ja, daß ich den Doctor Hallsberg," nur stockend kam der Name über ihre Lippen, „kennet „Und Sie wußten ihn im Hause und Henny gabVeran- lassung, ihn rufen zu lassen?" Sie hätte diese Raffinirtheit dem hochmüthig blickenden Geschöpf gar nicht zugetraut. „Das Kind schien sehr krank, Walther versprach einen Arzt zu senden der kam und bestätigte meine Annahme — wer es sein würde, konnte ich nicht vorher wissen!" „Hatte man versäumt, Ihnen die Einladungsliste zu zeigen?" fragte Ebba sarkastisch. „Den Ton gekränkter Unschuld können Sie übrigens fortlassen, er bleibt ohne Eindruck auf mich," herrschte sie dann, „aber sagen Sie mir, weßhalb Sie hier in dem ersten Zimmer mit dem Arzte standen, statt bei dem Kinde zu sitzen? warum hielt er Ihre Hand? Um den Puls zu fühlen?" sie verzog den Mund, die Weißen Zähne blitzten. „Doctor Hallsberg — beleidigte mich!" „Ah!" Eine Pause, die beiden Frauen sahen einander in die Augen/ die Fischer, lehnte sich an den Tisch und bewegte nickend den Kopf, auf welchem die weiße Haube schief saß. „Marianne sagt es auch, ein schöner, junger Mann, ein schöner Doctor — und sie haben Alle unten gelacht, Alle!" „Er beleidigte Sie? Wie soll ich das verstehen?" „Sie — sahen es ja!" Ebba lachte so selten hörbar, jetzt aber klang ihre Stimme durch den Raum silberhell, eisig. „Nein, wirklich — das ist kostbar. Sie nehmen es ernsthaft, wenn ein Herr sich irgend eine kleine Freiheit erlaubt? Es wird die erste nicht sein — bleiben Sie ruhig, bitte! In meinem Hause schreit man nicht. Haben Sie denn wie eine Dame behandelt werden wollen?" „Frau Consul Lund" — Line stieß es bebend hervor. „Fräulein von Arabin" — sagte der rothe Mund. „Wenn man in eine Stellung tritt, so gießt man alle Prätensionen auf, berechtigte und erdichtete. Sie werden nicht untersucht, denn sie sind werthlos." „Heißt es Respect gegen das Haus bezeigen, in dem man weilt, wenn man ein wehrloses Mädchen beleidigt — — wehrlos, weil in untergebener Stellung, wenn Sie denn einmal so wollen?" fragte Line, und ihre Augen bekamen einen leuchtenden Schein. Die Empörung stand ihr gut, Ebba Lund war vor- urtheilsfrei genug, das Schöne und Interessante überall sinden zu können und zu wollen. „Und Sie greifen einen Gast an, den ich schützen muß und will," sagte die Hausfrau, die immer die Ueberlegene blieb. „Ich hätte es vielleicht verzeihlich gefunden, wenn Sie einem Herrn, der sich in Champagncrlaune zu einer Keckheit hinreißen läßt — merken Sie wohl, eine andere Bedeutung hat das nicht — nicht gerade schroff entgegengetreten wären — mir die tugendhafte Posse des Bettlerstolzes vorzuführen, ist gar zu lächerlich." Jedes Wort schnitt in Lines Seele — sie wurde wehrlos, sie knickte unter der Wucht der Erkenntniß zusammen, nicht unter dem eisigen Hohn, der absichtlichen Herabsetzung. Das war's — Champagnerlaune! —und sie hatte sich ihm dankbar, demüthig genähert, und er hatte das benützt. Sie fand keine Erwiderung, sie hatte nicht mehr den Muth, in das, Gesicht sund die kühlen Augen zu blicken, die kleine Gestalt vor ihr wuchs und sie sank in sich zusammen. Sie schlug die Hände vor das Antlitz ’unb stöhnte qualvoll auf: „Mein Gott! mein Gott!" Ebba Lund fand den Kampf ein wenig ungleich, die Feindin ergab sich schnell. 318 Sie glitt mit den Fingern über die halbzerbrochene Lehne des Schaukelstuhles. „Sie paffen nicht in dieses Haus, Fräulein von Arabin, und ich ersuche Sie, dasselbe sofort zu verlassen. Ich will keinen Abschied von den Kindern — Walther wird das Nöthige besorgen. Fischer, geh zu Henny — der Arzt sieht bald wieder nach." Die Alte schlürfte hinüber, setzte sich mit Geräusch und schob sich ein Fußkissen zurecht. „Nun ist die Fischern wieder bei ihren Kindern, ja, ja," murmelte sie und noch einmal krachte der Stuhl unter ihr. Line Arabin stand noch unbeweglich. „Wenn Sie auf ein Zeugniß Werth legen, das stelle ich selbstverständlich aus," sagte Ebba- „solch' kleinen Extravaganzen, wie sie eben hier vorkamen, ist man ja immer ausgesetzt —" „Ja so, nun sollte sie fort — wieder hinaus in's Ungewisse, wieder auf die Suche — nun war da, was sie hatte kommen sehen. Sie hatte aber geglaubt, freiwillig gehen zu müssen, dem Hausherrn aus dem Wege. Sie wandte den Kopf nach dem Nebenzimmer, in dem sie solche angstvolle Stunden zugebracht, und mehr zu sich sagte sie: „Die Kinder habe ich lieb gehabt, recht lieb." „Ich liebe das nicht einmal, daß sich die beiden Mädchen so attachire», es ist bei einem Wechsel nur für sie nachtheilig." Von der Thür her kamen noch die Worte: „Die sämmt- liche Dienerschaft ist noch auf, man kann Ihnen packen helfen, oder die Sachen nachsenden. Die paar Zeilen schreibe ich noch vor dem Niederlegen — natürlich entschädige ich Sie für drei Monate." Lina hatte nicht einmal Zeit, der schwindenden weißen Gestalt nachzurufen: „Geld — für den Hohn, die Beleidigung, das Hinausstoßen! Ich will es nicht —" „Obdachlos!" sagte sie und sah sich in dem Raume um, der so wenig mit der Pracht und Behaglichkeit harmonirte, die in der Villa herrschte, doch war's ein Dach über dem Haupt gewesen, warme vier Wände und zwei kleine Herzen, die an dem ihrigen geklopft hatten. Fort — gleich, jawohl! Bon dem Bette Hennys her klangen schnarchende Töne, die Fischer hatte es sich behaglich auf ihrem Wachtposten gemacht. Ein anderes Bild, als es diese Nacht gewesen war. In wenig Stunden würde es wieder wechseln, dann saß Frau Ebba in irgend einem ihrer entzückenden Morgenröcke da, und Bruno ihr gegenüber. Sie war plötzlich hellsehend geworden — aus dem Hohn und der Härte, mit welcher die schöne Frau sie behandelt hatte, war ihr das wärmste Interesse für den Doctor entgegengeklungen. — Frau Ebba Lund und Bruno Hallsberg würden wahrscheinlich über den hinweggescheuchten schwarzen Schatten lachen — den Ausfluß der Champagnerlaune nahm die Weltdame ja nicht schwer — nur das Object mußte aus dem Wege geräumt werden. (Fortsetzung folgt.) Die Militärakademie zu West-Point. Schilderung des Cadettenlebens in der Union. Von Dr. William Jackson. ------- (Nachdruck verboten.) KO. West Point, die Militärschule der Union, liegt auf einem vorspringenden Plateau am rechten Ufer des Hudsonflusses, in der Nähe von Newburgh, da wo er durch die Hügelkette der Apalachen hindurchbricht. Unmittelbar nördlich von West-Point hemmt eine riesige Felsmaffe den Lauf der Strömung und zwingt sie, nach Osten auszuweichen, so daß das Plateau, auf welchem die Gebäude der Akademie errichtet sind, nördlich und östlich an den Fluß grenzt, dagegen südlich und westlich von den dahinterliegenden schroffen Felsen umgeben ist. Auf dem westlich gelegenen Theil befinden sich die Gebäude mit den prachtvoll eingerichteten Dienstwohnungen der Offiziere und Professoren der Schule. Nach Süden zu, mit freier Aussicht nach dem Fluffe, liegen die Baracken oder Casernen, die Häuser der alten Akademie, die Griechische Capelle (wohl nach dem Baustyl so benannt) und das mit vielen kleinen Thürmchen geschmückte Bibliothekgebäude. An der Nordgrenze steht ein großes, fast regulär viereckiges Gebäude, die Spetsehalle, welche einen großen Saal mit langen Tischen und Bänken für die gesammte Mannschaft enthält. Hier und dort über das ganze Plateau verstreut, stehen verschiedene Marmor- und Bronzestatuen früherer, durch ihre Thaten im Felde berühmt gewordener Schüler der Akademie. Ueber dem Ganzen weht an einer riesigen Flaggenstange hoch in der Luft das Sternenbanner. Längs des östlichen Randes des Plateaus, mit dichtem Gras bewachsen, dehnt sich der Lagerplatz der Cadetten aus, auf welchem sie im Sommer campiren. Bon Mitte Juni bis Ende August entfaltet sich hier ein reges, lautes Leben geregelt nur durch „des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr". Die weißen Zelte stehen in tadellos geraden Reihen. Die Gaffen dazwischen kreuzen sich genau unter rechten Winkeln und werden aufs Peinlichste sauber gehalten. Nach Osten zu stehen die Zelte der Wachtmannschaften mit der Aussicht auf den Exerzier- und Paradeplatz, längs welchem bet gutem Wetter die Gewehre der Cadetten in Pyramiden aufgestellt sind. Dahinter stehen, durch eine Straßenkreuzung geschieden, die Zelte der vier Cadettencompagnien. Bor diesen Zelten wieder befinden sich diejenigen der Compagnieoffiziere in einer Reihe. Die Zelte des Adjutanten und Quartier- meisters unterscheiden sich von den übrigen durch ihre Größe und Höhe. Adjutanten und Quartiermeister werden aus den Cadetten selbst genommen und von diesen darum stets beneidet. Hinter den Zelten der Compagnien stehen diejenigen der Armeeoffiziere und Jnstructoren und dasjenige des Oberstcommandirenden. Ganz im Hintergründe ist das Trommler- und Pfeifercorps, die Stiefelputzer und sonstige Dienstmannschaften in kleinen Hütten untergebracht. Um das ganze Lager herum sind Tag und Nacht, bei schlechtem wie bei gutem Wetter Wachtposten aufgestellt, welche alle drei Stunden abgelöst werden. Jeder Congreßdtstrict sowie jedes Territorium ist berechtigt, einen Schüler in die Akademie zu schicken. Das Recht der Bestimmung liegt in den Händen des Repräsentanten dieses Districts oder Territoriums im Congreß. Der Präsident allein hat das Recht, zehn Cadetten aus beliebigen Districten zu bestimmen. So beläuft sich die reguläre Anzahl der Cadetten auf 344. Da die Examina zur Aufnahme und Beförderung aber so sehr strenge und schwierig sind und die Disziplin mit eiserner Energie gehandhabt wird, so verlassen viele Cadetten die Anstalt im Laufe jeden Jahres wieder, um ins bürgerliche Leben zurückzukehren. Applikanten zur Aufnahme in West Point müssen zwischen 17 und 22 Jahre alt sein. Die einzigen Erfordernisse zur Aufnahme sind, ein vollkommen gesunder Körper, ein tadelloses Führungsattest und eine gründliche Bekanntschaft mit all den Fächern allgemeiner Bildung, wie sie auf den öffentlichen Schulen gelehrt werden. Jeder Cadett muß sich schriftlich verpflichten, den Vereinigten Staaten 8 Jahre zu dienen, wofür er jährlich ein Gehalt von 540 Dollars, etwa 2270 Mark, in monatlichen Raten ausbezahlt erhält. Zur Aufnahme können alle jungen Leute, welche in der Union geboren sind, ohne Unterschied von Farbe oder Herkommen, Besitzthum oder gesellschaftlicher Stellung, gelangen, so bald sie die nöthigen Kenntnisse und das erforderliche Alter haben. Befähigung allein öffnet ihnen also die Thore der Anstalt, und Fleiß allein bedingt ihre Beförderung. Die Kleidung ist für Alle genau dieselbe an Stoff und Schnitt, desgleichen Nahrung und Nachtlager ohne Unterschied für Alle gleich. Man könnte sagen, nirgends in der Union gelten die demokratischen Principien der Freiheit, Gleichheit 319 ’° ^riete' aI§ hier in der Militärschule zu West-Point. Die Stellung eines Schülers dieser Anstalt hat ihre ganz besonderen Vorzüge. Er kennt nicht die Sorgen und Entbehrungen, welche die Studenten anderer Institute zu tragen und durchzumachen haben. „Uncle Sam" kleidet, nährt, behütet und bezahlt ihn noch obendrein. Freilich mutz er während des vierjährigen Cursus in der Akademie ein sehr zurückgezogenes Leben führen und sich einer strengeren Disciplin unterwerfen, als sie in anderen Anstalten des Landes geübt wird- doch erhält er dafür auch eine ausge- Mchnete milrtärische und wissenschaftliche Erziehung und Bildung und spater eine einträgliche Stellung im öffentlichen L) lenste. Der Unterrichtscursus umfaßt, wie schon erwähnt, die Dauer von vier Jahren und schließt in sich nicht nur alle Zwerge militärischer Bildung, sondern auch Chemie, moderne Sprachen, namentlich Französisch und Spanisch- dieses letztere sehr genau und eingehend, da viele Cadetten nach Absolvirung tyres Examens nach den südwestlichen Staaten und Territorien in die Besatzung der Forts commandirt werden, deren umwohnende Nachbarschaft hauptsächlich aus Spaniern besteht Der gelegentliche Besucher der Akademie freilich sieht vor Allem nichts Anderes als militärische Uebungen, tadel- Normen, blitzende Waffen und hört ab und zu mtli- tarische Signale und Marschmusik- wer aber in die Geheimnisse dieses vierjährigen Aufenthalts eingeweiht ist, weiß, welche hohen Anforderungen er an die Energie und Mannheit jedes Cadetten stellt. Das Cadettencorps besteht aus einem Bataillon zu vier Compagnien. Der Oberstcommandirende ist ein hochgestellter Offizier der Armee. Ihm zur Seite steht je ein Offizier m leder Compagnie. Außerdem besitzt jede Compagnie eine bestimmte Anzahl Subalternoffiziere und Corporale, welche aus den Reihen der Vorgeschritteneren gewählt werden. Das Corps ist in vier Klassen abgetheilt. Nach tadel- losem Dienst m der vierten Klasse, gewöhnlich von der Dauer eines Jahres, ist der Cadett zum Corpora! erwählbar und erhalt, wenn erwählt, goldene Litzen an seiner Uniform. Hat der neugebackene Corpora! das zweite Jahr mit gleicher Treue gedient, so erhält er den Rang eines Sergeanten. Aus der Anzahl der Sergeanten bestimmt der Oberstcom- Mandirende die beiden fähigsten und zuverlässigsten zum ^ersten Sergeanten" der Compagnie und zum „Sergeant- Major" des Bataillons. Erst nach zwei Jahren harter Arbeit und treuen Dienstes kann der Cadett einen Urlaub von zwei Monaten, gewöhnlich im Julr und August erhalten. Sofort nach Eintritt in die Anstalt begiebt sich der Cadett seiner sonstigen Unabhängigkeit und wird ein Untergebener der Bundesregierung. Gehorsam, blind und stumm zu sern, tst hinfort seine unabwendbare erste Pflicht. Er muß sein ganzes Leben nach dem Grundsätze regeln, daß Derjenige, welcher befehlen will, erst muß gehorchen gelernt haben. Em Tag folgt dem andern in erbarmungsloser Monotonie. Rur am Samstagnachmittag und Sonntag herrscht ein wenig Freiheit der Bewegung. Am Samstagnachmittag rst der Cadett vom Dienst befreit bis zur Parade, die Abends stattfindet, und darf nach derselben einer zwanglosen Abendunterhaltung unter seinen Kameraden beiwohnen. Sonntags darf er eine halbe Stunde länger Morgens schlafen, muß aber zur festgesetzten Zeit die Kirche besuchen und wird dann für den Rest des Tages bis zur abendlichen Parade beurlaubt. Doch hat er sich zum Mittagessen in der Speisehalle emzufinden Gehen wir jetzt zur Schilderung des täglichen Dienstes über und laden wir den Leser ein, uns zu folgen. Es ist halb sechs Uhr Morgens. „Bumm —!" so donnert ein Schuß aus der Revetlle- kanone über die friedlichen Schläfer hin. Horch! Trommeln rasseln, Pfeifen kreischen, Trompeten schmettern! Es ist Zeit aufzustehen. Sofort wird's in den Casernen lebendig. Eine Scene wildester Eile, ern Tohuwabohn wildesten Durcheinanders folgt. Es ist keine Zeit zu verlieren! Eine Verspätung von auch nur einer Secunde wird dem Cadetten ohne Erbarmen angeschrieben. Man springt in die Kleider, die beim Schlafengehen schon bereit gelegt wurden, schlüpft in ein Paar weiche, lose Pantoffeln, ergreift seinen Mantel und sein Käppi, stürzt aus den zehn Corridors die Treppe hinab und formirt sich in vier Compagnien. Die „first Sergeants" verlesen die Namen. — Während des Tages geschieht die Namenverlesung mindestens zehn oder zwölf Mal, so daß der Cadett nur wenig oder gar keine Gelegenheit hat, sich vom Dienst zu drücken oder überhaupt unpünktlich zu sein. Der Sergeant, der die Namen zu verlesen hat, lernt diese bald auswendig, so daß er gar kein Buch dazu mehr nöthig hat und wird mit der Stimme eines Jeden so bekannt, daß man ihn nicht tauschen kann dadurch, daß aus Kameradschaftlichkeit etwa ein Anderer sein „Hier!" an Stelle des Abwesenden ruft. — Die Namenverlesung dauert gewöhnlich eine halbe Minute. Während der folgenden Viertelstunde werden nun die Zrmmer in Ordnung gebracht für die Morgeninspection. Zehn Minuten darf die Morgentoilette dauern. Um halb sieben Uhr stellt man sich in Reih und Glied und marschirt unter Trommel- und Pfeifenklang nach der Speisehalle. Hier hört man zwanzig Minuten lang nichts, als das Klirren von Messern und Gabeln, Klappern von Tellern und Tassen und wundert sich, mit welcher Eile und Präcision die Cadetten essen und trinken. Jeder Tisch wird von dem Capitän einer scharfen Untersuchung unterworfen und wehe dem Cadetten, der auf seinem reinen Tischtuch einen Kaffeefleck gemacht hat! Diese horrende Pflichtverletzung wird sofort notirt! Um acht Uhr nehmen die Studierstunden, Instructionen ihren Anfang und dauern ununterbrochen bis ein Uhr. Dann tritt man wieder in Reih und Glied und marschirt unter Trommelrasseln und Pfeifenklana zum Mittageffen in die Speisehalle. Zwanzig Minuten lang wieder Klirren von Messern und Gabeln, Klappern von Tellern und dieselbe Präcision im Essen und Trinken, wie am Morgen. Nach dem Diner hat der Cadett freie Zeit bis fünf Minuten vor zwei Uhr. Während dieser Pause macht man entweder einen Spaziergang oder spielt eine Parthie Tennis, Baseball oder Fußball. ' Um zwei Uhr beginnen die Instructionen wieder und dauern bis vier. Faule und schläfrige Schüler werden mit äußerster Strenge zur Arbeit angehalten. Jeden Samstag Nachmittag wird das Zeugniß jedes Cadetten öffentlich im Plakat am schwarzen Brett angeschlagen und so der allgemeinen Lcctüre preisgegeben. Etwas nach vier Uhr, im Frühjahr und Herbst, finden dann Artillerie- und Jnfanterieexerzitien statt für alle Klaffen mit Ausnahme der dritten, welche sich während dieser Zeit im Reiten übt und vervollkommnet. Dann folgt die abendliche Kleiderparade, bei welcher die am vorhergehenden Tage begangenen Vergehungen und Uebertretungen durch Verlesen zur öffentlichen Kenntniß gebracht werden. Nach Verlesen der sogenannten „skin list“, des „Sündenregisters" folgt zum letzten Male für den Tag der ""ch d" Speisehalle unter Trommelraffeln und Pfeifenklang. Eine halbe Stunde nach dem Abendessen verkündigt ein Trompetensignal, daß die Lernzeit für die Cadetten ange- 320 — brachen sei. Ein Jeder fliegt auf seine Stube an den Büchertisch und lernt seine Lection für den morgenden Tag. Um zehn Uhr muß jeder Cadett zu Bette sein. Em Offizier mit einer Laterne sieht genau nach, ob auch Jeder in den Federn liegt. Zehn Minuten nach zehn Uhr allgemeines Schnarchen. Die Sommermonate von Mitte Juni bis Ende August bringen ein wenig Abwechslung in die tägliche Monotonie der Herbst- und Wintertage. Dann beziehen die Cadetten, mit Ausnahme der zweiten Klasse, welche für diese Zeit beurlaubt ist, ihre schon eingangs beschriebenen luftigen Zeltwohnungen. Im Lager werden keine Jnstructionsstunden ertheilt, außer in Tactik und Strategie. Jeder Tag gleicht auch hier wieder dem andern an Reihenfolge des Dienstes und strengster Handhabung der Disciplin. Jedes Zelt muß zu jeder Zeit in vollkommenster Ordnung sein. Uebertretungen werden strenge geahndet. Auch hier beginnt der Tag mit einem Schuß aus der Reveillekanone und zwar um fünf Uhr Morgens. Das Trommler- und Pfeifercorps marschirt durch die Zeltgassen und weckt die etwa Säumigen durch seine erregenden Rythmen. Dann erfolgt ein langer Trommelwirbel, der das Ende der Reveille anzeigt. Jetzt allgemeiner Aufruhr in den Zelten! Cadetten mit Waschschüsseln eilen, sie am Brunnen zu füllen, und kehren mit den gefüllten zurück. Hurtig eilt man in die Uniform und ehe noch der letzte Trommelschlag verhallt ist, stehen drei Compagnien mit ihren Offizieren in Reih' und Glied. — Eine Stunde vor Sonnenuntergang wird nun West- Point während dieser zehn Wochen ein vielbesuchter Ort. Von den vielen Villen und Sommerwohnungen am rechten Ufer des Hudson kommen oft ganze Schauren in Wagen und Omnibussen, entweder, die Cadetten und Offiziere persönlich zu besuchen oder die interessante Lagerstadt in Augenschein zu nehmen. An drei Abenden der Woche ist es den Sabettin erlaubt, sich unter die Besuchenden zu begeben und sich mit ihnen zu unterhalten, zu welchem Zwecke sie ein paar Stunden srüher vom Dienst dispensirt werden. Am 28. August verschwindet die fröhliche Zeltstadt. Die Beurlaubten kehren aus ihrer Heimath zurück und wieder wird es lebendig in den Casernen, wieder beginnt der stets sich gleichbleibende Dienst der Herbst- und Wintertage. Da sich nun unsere Aufmerksamkeit wieder den massiven Baulichkeiten zuwendet, so können wir bequem noch einen Blick in die Zimmer der Cadetten werfen. Diese Zimmer dürfen nie verschlossen werden, sondern müssen der Besichtigung stets geöffnet und gewärtig sein Zu jeder Tagesstunde darf der Offizier „du jour" eintreten und wehe dem Cadetten, wenn das forschende Auge des Inspizierenden einen Staubflecken auf dem Spiegel über dem Kaminsims oder auf der Garderobe bemerkt oder wenn irgend etwas im Zimmer nicht genau an Ort und Stelle sich befindet! Der betreffende Delinquent erhält 48 Stunden Zeit, eine schriftliche Entschuldigung aufzusetzen. Hat er keine anzugeben, so wird er dem Vergehen gemäß bestraft, entweder durch bloße Notirung, oder durch Arrest oder durch Nachexerzieren oder durch alle drei Strafen zusammen. Hat ein Cadett im Verlaufe von sechs Monaten hundert Strafen (!) sich zugezogen, so wird er ohne Gnade ftis- pendirt. Für sieben schwere Strafen wird er entweder zu Gefängnißstrafe verurtheilt oder vor ein Kriegsgericht gestellt. Während der Sitzung desselben und den ganzen Tag über werden Doppelposten in dem Corridor aufgestellt und Offiziere beobachten den Delinquenten und berichten die geringste Widersetzlichkeit oder Widerspenstigkeit dem Gerichte. Das Gleiche geschieht mit dem Verurtheilt en während der ganzen Dauer seiner Strafzeit. An Möbeln enthalten die Zimmer nichts als zwei Tische unter der Gaslampe und zwei Stühle. Der Fußboden ist unbedeckt, und die Fenster sind nur mit einem hellgrauen Vorhänge versehen. Ein roh gezimmertes, braun gestrichenes Regal dient als Aufbewahrungsort für die nöthigste Wäsche des Cadettcn. Auf den einzelnen Brettern dieses Regals, und zwar am vorschriftsmäßigen Platze, liegen die sauber gefalteten und aufeinander gelegten Taschentücher, Hemden, Leibbinden, Strümpfe u. s. w. Die im Gebrauch befindlichen Bücher liegen auf dem Tische, die andern im Regal. An einer Wand steht ein einfacher hölzerner Waschtisch, auf welchem stets umgestülpt, wenn außer Gebrauch, die Waschschüssel zu finden |ift. Auf dem Fußboden zur Seite des Waschtisches stehen zwei verzinkte eiserne Sinter, der eine mit Wasser, der andere mit Gemüll und Spülicht angefüllt, lieber dem Kamin hängt ein einfacher, kleiner Spiegel und eine Uhr und auf dem Sims liegt ein Exemplar des Exerzierreglements und der Stundenplan jedes Cadetten. Der Stundenplan ist eine, mit den Jnstructionsstunden seines Etgenthümers bedruckte Karte und zeige dem in- spicirenden Offizier in Abwesenheit des Stubeninsassen, wo er ihn zu vermuthen resp zu finden hat und ob er mit ober ohne Entschulbigung abwesend ist. Die Gewehre stehen auf einem Gestell und direct über denselben auf einem Brette die entsprechende Kopfbedeckung. Koffer oder Kästen dürfen nicht im Zimmer stehen. Alles muß leickt zu sehen sein und es dürfte ziemlich schwer halten, im Zimmer etwas Verbotenes zu verlegen. Am Fuße des einfachen Bettgestelles, in eine Linie geordnet, gereinigt und geputzt stehen die Stiefel. Im kleinen Alkoven an langen Haken hängen in vorschriftsmäßiger Ordnung, der Mantel ober Morgenrock, ber Leibrock, die Bluse, bie Beinkleiber, ber Wäschesack und das Nachthemd. Alles ist in peinlichster Ordnung und wenn auch das Zimmer auf den Besucher einen höchst ärmlichen, dürftigen Eindruck wacht, so wird derselbe doch wieder dadurch gemildert, daß keines von ihnen, und sei es von Millionäcs- söhnen bewohnt, vom andern sich irgendwie unterscheidet. Viel Aufmerksamkeit und Zeit wird ber körperlichen Entwickelung unb Kräftigung burch gymnastische und equestrische Exerzitien gewidmet. Namentlich bildet Reiten eine sehr beliebte Hebung und Erholung. Diese Exerzitien finden täglich von 11 bis 12 Uhr, mit Ausnahme des Sonntags, auf dem Reitplätze statt. Regnet es zufällig ober ist es sehr kalt im Winter, so reitet man in ber eigens hierzu errichteten großen Reitbahn. Die Fertigkeit in biesem Zweige ber militärischen Hebung wird außerordentlich weit getrieben. So sieht man die jungen Leute in vollster Barriere ans und in den Sattel springen, schwierige Hindernisse nehmen und mit Säbeln nach mit Lederpolster versehenen Pfosten hauen. Wilde Pferde werden eingebrochen durch einfaches Aufschnallen des Sattels, Anlegen des Zaumzeuges und Aufspringen und Mattjagen des rasenden Thieres. Wenn dann im Frühjahr die junge Reitschaar unter dem Commando eines Cavallerieoffiziers ihre Terminübungen vornimmt, muß man über die Kühnheit und Sattelfestigkeit des Einzelnen geradezu staunen. Man muß gerechterweise zugeben, was practische Leistungen anbetrifft, darf sich die Militärschule zu West- Point getrost jeder europäischen, selbst einer deutschen Militärakademie an die Seite stellen. Sie hat Männer und Helden hervorgebracht, welche sich einen ruhmreichen Platz in der Kriegs- und Weltgeschichte für alle Zeiten errungen und gesichert haben. Redaction: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.