M W SS offnung einer bessern Zeit Geht dem Unglück nie verloren; Mit dem Kummer, mit dem Leid Mrd zugleich der Trost geboren. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) XVII. Seit dem Unglücksfalle, welcher das blühende Leben Anna Hottens so urplötzlich vernichtet hatte, waren mehrere Tage vergangen. Das bedauernswerthe Mädchen ruhte in ihrem frühen Grabe, und die durch das traurige Ereigniß hervorgerufene große Erregung in der Umgegend hatte sich bereits wieder beruhigt. Die Verstorbene war nur von Wenigen gekannt gewesen, das Interesse an ihr konnte daher nur ein vorübergehendes sein, zumal sich nichts ergab, wo- ’ durch der Vorfall irgend einen sensationellen Beigeschmack hätte erhalten können. Auch Doctor Holten hatte nichts herauszubringen vermocht, was geeignet gewesen wäre, die Angaben des alten Göbener über den Hergang der Dinge Lügen zu strafen. Die Leiche war gerichtlich untersucht und einfach Tod durch Ertrinken festgestellt, in dieser Form auch der Todtenschein > abgefaßt worden. Er neigte sich jetzt der Ansicht zu, seine f Schwester habe ihrem Leben freiwillig ein Ende gemacht, ; besonders da ihm bei seinen vorsichtigen Erkundigungen bei den Dienstboten die Mittheilung gemacht worden war, das Fräulein sei in der letzten Zeit immer traurig gewesen und mager geworden. Anneliese, welche das gute Fräulein Annchen sehr lieb gehabt zu haben schien, erzählte außerdem noch: „Ich hatte ja lange gemerkt, wie es zwischen dem Fräulein und unserem jungen Herrn stand, wenn ich auch nicht so that, denn mit unserem Herrn Amtmann ist nicht zu spassen. Herr Adolf kam alle paar Tage und war dann bei ihr, wo sich das nur machen ließ. In den letzten Monaten war das aber anders geworden, er ließ sich nur selten sehen und war nicht mehr wie früher. Das Fräulein hatte oft rothgeweinte Augen und mußte Wohl im Stillen klagen, denn der Papagei, der ihr immer Alles nachschwatzte, schrie jetzt sehr oft: Er liebt nicht mehr! Er liebt nicht mehr!" „Er liebt nicht mehr!" wiederholte Doctor Holten, ! nachdem er sich bei der Magd für die Mittheilung bedankt i und sich wieder allein gesehen hatte, „seine Untreue hat sie ’ in den Tod getrieben!" Ein namenloser Groll gegen Adolf Göbener brütete in ; seiner Brust, aber er mußte ihn in sich verschließen. Es ; hieß die tobte Schwester schmähen, wenn er, wie er anfänglich ■ beabsicht-gt, Adolf zum Duell forderte, denn, sobald er dessen i Untreue an die Oeffenttichkeit zog, legte er klar, was Anna : veranlaßt haben konnte, e-nen Selbstmord zu begehen. Das \ mußte vermieden werden, nur im Stillen konnte er dem i Wortbrüchigen seine namenlose Verachtung darthnn. Es war dem Doctor nichts übrig geblieben, als zu j seiner regelmäßigen Berufsthätigkeit zurückzukehren. i An einem Nachmittage im Beginn der Woche nach dem Tode der Schwester hatte er seine Sprechstunde abgehalten. Der letzte der Patienten, welche sich noch immer nicht allzu zahlreich einzuftnden pflegten, hatte sich entfernt, Stephan trug Einiges in sein Journal ein und beabsichtigte alsdann auszugehen, um einige Krankenbesuche zu machen, da ertönte noch einmal die Klingel. Gleich daran! ward die Thür des Wartezimmers geöffnet und er hörte seine Wirthin sagen: „Gehen Sie nur in das Sprechzimmer, mein Herr. Der Herr Doctor ist noch zu Hause und allein." Doctor Holten stand auf, öffnete die nach dem Wartezimmer führende Thür und erblickte einen sehr sorgfältig, ja, beinahe stutzerhaft gekleideten Herrn in den besten Jahren, in dessen blühendem Aussehen auch der scharfblickendste Arzt keine Spur irgend eines Leidens zu erblicken vermocht hätte. Durch eine Handbewegung lud er ihn ein, näher zu treten, schloß hinter ihm die Thür und wollte sich soeben erkundigen, womit er ihm dienen könne, als ihm der Fremde zuvor kam und in sehr artigem Tone sagte: „Herr Docror Holten, ich komme nicht, um Ihren ärztlichen Rath einzuholen,- es ist eine andere Angelegenheit, welche mich zu Ihnen führt. Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle." Er überreichte Stephan eine große Visitenkarte und dieser las: „Otto Ringlcb, Beamter der Lebensverstcherungsbank „Vorsicht", Stettin." Ein Lächeln erhellte das jetzt immer recht ernste Gesicht des Doctors. „Ah, ich verstehe!" sagte er. 186 „Doch wohl nicht, Herr Doctor," begann der Andere, z aber Holten ließ ihn nicht ausreden, sondern fiel ein: j „Ich bedauere aufrichtig, daß Sie sich vergeblich bemüht ! haben, mein Herr. Ich habe keinerlei Veranlassung, mein Leben zu versichern, denn ich bin ein ganz alleinstehender Mann." „Der werden Sie ja wohl nicht immer bleiben," versetzte mit berufsmäßiger Zuvorkommenheit der Versicherungsbeamte, „Sie befinden sich jedoch im Jrrthum. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie aufzufordern, Ihr Leben zu versichern, obwohl ich einen solchen Auftrag selbstverständlich bereitwillig entgegennehmen würde." „Aber was führt Sie sonst zu mir?" fragte Doctor Holten nicht ohne Zeichen der Ungeduld. „Verzeihen Sie, meine Zeit ist beschränkt, ich habe noch einige Krankenbesuche zu machen." „Ich werde mich so kurz wie möglich fassen," erwiderte Ringleb, ließ sich, ohne des Doctors Aufforderung abzuwarten, aber mit einer entschuldigenden Verbeugung auf den für die Patienten bereitstehenden Sessel nieder und sagte: „Sie sind doch der Bruder des vor einigen Tagen in Rapshagen verstorbenen Fräuleins Anna Holten?" Doctor Holten, der im Begriffe gewesen war, sich ebenfalls niederzulassen, blieb bei dieser Frage stehen, öffnete erstaunt die Augen und entgegnete: „Der bin ich allerdings, aber ich kann mir nicht denken, daß meine Schwester —" „Es ist Ihnen allerdings nicht bekannt, daß Fräulein Holten ihr Leben bei uns versichert gehabt hat!" fiel Ringleb schnell ein. Der Doctor machte eine so heftige Bewegung, daß der Stuhl, auf den er sich mit der Hand gestützt hatte, ein Stück weiter rückte. „Meine Schwester soll ihr Leben bei Ihnen versichert haben? Aber, mein Herr, das ist ja gar nicht denkbar. Wie sollte das junge, gesunde Mädchen auf den Einfall gekommen sein?" „Sie war verlobt m.d wollte nicht mit leeren Händen tn die Ehe kommen." „Und zu diesem Zwecke sollte ihr zukünftiger Gatte die Antwartschaft auf eine Erbschaft im Falle ihres Todes haben?" „So ist es, Herr Doctor, und zwar auf eine ganz ansehnliche. Das Leben Ihrer Fräulein Schwester ist mit Hunderttausend Mark bei uns versichert." Doctor Holten fuhr sich mit den Händen in das Haar und über das Gesicht, als ob er sich überzeugen wolle, daß er wache und nicht träume und sagte dann: „Hunderttausend Mark! Verzeihen Sie, ich kann das immer noch nicht glauben" „Würde ich zu Ihnen kommen, um Ihnen eine solche Mittheilnng zu machen?" fragte Ringleb mit unerschütterlicher Gelassenheit. „Und Sie wollen mir nun mittheilen, daß ich Anspruch auf diese Summe habe?" schrie Doctor Holten mit einer Empörung, als würde ihm zugemuthet, einen Antheil an einem Straßenraub zu nehmen. „Ich will mit der ganzen Sache nichts zu thun haben." „Sie brauchen sich nicht so zu wehren, Herr Doctor," erwiderte der Versicherungsbeamte mit einer Höflichkeit, die doch eine leise Beimischung von Spott hatte. „Die versicherte Summe bekommt nur Derjenige ausgezahlt, der im Besitze der Police ist, und das —" er machte eine Kunstpause — „ist im vorliegenden Fall der Herr Amtmann Daniel Göbener auf Rapshagen, der ja auch die Einzahlungen besorgt hat." Stephan war mit einem Satz auf den Versicherungsbeamten zugesprungen. Ihn an beiden Schultern packend und schüttelnd, schrie, nein, keuchte er: „Was — was — sagen Sie da, mein Herr? Amtmann Göbener hat meine Schwester versichert? Die Summe von Hunderttausend Mark sällt ihm zu?" „Vielleicht können Sie darüber mit ihm prozessiren? Es ist nicht aussichtslos, die Sache zu bestreiten," entgegnete Ringleb und suchte sich den Händen des Doctors zu entziehen, der aber schon beschämt von ihm abließ. „Sie sassen meine Erregung ganz falsch auf," sagte er, sich mühsam zur Ruhe zwingend, „es handelt sich bei mir" nicht um den Besitz des Geldes, sondern um ganz andere Dinge." Wie ermüdet setzte er sich in den Stuhl und fragte mit einer Stimme, die plötzlich rauh und heißer klang: „Amtmann Göbener aus Rapshagen hat meine Schwester versichert. Wann ist denn das geschehen?" „Im October vorigen Jahres." „Wo?" „In unserem Bureau in Stettin. Er hatte sich vorher schriftlich mit uns in Verbindung gesetzt und kam dann mit der jungen Dame, um sie von unserem Vertrauensarzt untersuchen zu lassen und dann das Geschäft abzuschließen." „Und er gab an, daß meine Schwester die Verlobte seines Sohnes sei und er sie versichere, um — um —" „Ihr auf diese Weise eine Ar: Mitgift zu sichern, die im Falle ihres Todes ihrem Gatten und den auS dieser Che etwa entspringenden Kindern zu Gute kommen sollte," half Ringleb ein, da der Doctor vergeblich nach dem rechten Ausdruck zu suchen schien. „Wie verhielt sich denn meine Schwester dabei?" „O, sie war hocherfreut und dankbar, schien ein Herz und eine Seele mit dem Schwiegervater zu sein, der auch sehr liebevoll mit ihr umging." Holten stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. „Hatten Sie denn gar kein Bedenken gegen den Abschluß dieser Versicherung?" fragte er dann. „Wie sollten wir? Es war ja Alles in Ordnung und unser Vertrauensarzt, Doctor Köppen, hatte erklärt, Fräulein Holten könne, nach ihrer Constitutron zu urtheilen, hundert Jahre alt werden," antwortete Ringleb. Er hielt es sür übeiflüssig zu erwähnen, daß sein College Brenner allerdings Bedenken geäußert hatte, die von ihm verlacht worden waren. Doctor Holten seufzte. „Ein solches ärztliches Urtheil ist leider noch viel deutungsreicher als das Orakel von Delphi- mein College ist in diesem Falle in der glücklichsten Lage, nicht ad absurdum geführt werden zu können. Sie werden also dem Amtmann die versicherte Summe auszahlen?" Ringleb räusperte sich. „Das kann doch nicht so ohne Weiteres geschehen. Bei einem nicht natürlichen Tod pflegen wir die Auszahlung zunächst zu beanstanden und Erhebungen anzustellen. Der Herr Amtmann hat uns geschrieben, den Todtenschein und Abschrift des Protokolls über die gerichtliche Todtenschau eingeschickt und die Auszahlung der vollen Summe verlangt, ich bin jedoch vorher nach Greifswald gefahren, um unter der Hand Erhebungen einzuziehen und zunächst zu Ihnen gekommen, Herr Doctor." „Jetzt kommen Sie zu mir?" schrie Holten und sprang heftig auf. „Jetzt, wo das Unglück geschehen. Warum haben Sie sich nicht vorher an mich gewendet?" „Aber, Herr Doctor, wie konnte ich das? Herr Amt- I mann Göbener und seine künftige Schwiegertochter verlangten die strengste Geheimhaltung, die Verlobung sollte auch für die Geschwister des Brautpaares ein tiefes Geheimniß bleiben." „Und was wünschen Sie jetzt denn eigentlich von mir?" „Ihren Rath, Herr Doctor. Sie sind der nächste Anverwandte der verstorbenen jungen Dame. Es kann Ihnen nicht gleichgiltig sein, wenn durch einen Proceß deren Name noch verunglimpft werden sollte." „Herr, was wollen Sie damit sagen?" fuhr Doctor Holten auf. „Bitte, bitte, Herr Doctor, laffen Sie uns die Angelegenheit ruhig behandeln," sagte Ringleb beschwichtigend. iif - "Es giebt doch nur zwei Möglichkeiten, entweder Unglücksfall oder Selbstmord." „Für letzteren lag bei meiner Schwester keinerlei Ver- anlassung vor." „Das eben dürste nachzuweisen sein," antwortete der Verncherungsbeamte. „Wenn Sie als nächster Verwandter und Mitbeiheiltgter —" „Ich Mitbetheiligter!" unterbrach ihn Stephan entsetzt. Ringleb war jedoch entschlossen, die Angelegenheit, in der er gekommen, so viel an ihm war, zu Ende zu bringen und fuhr daher unbeirrt durch den Zwischenruf fort: „Wenn Sie den Herrn Amtmann Göbener bestimmen könnten, sich mit uns zu einigen, es kann Alles freundschaftlich und in aller Stille geordnet werden." ich soll mit dem Amtmann Göbener unterhandeln! Herr, was muthen Sie mir da zu! Zwischen mir und diesem Mann giebt es keine Gemeinschaft!" schrie Doctor HEen und es war, als sträube sich das Haar auf seinem (Fortsetzung folgt.) Ernährung der Kinder nach dem Säuglingsalter. Von Dr. Grumbach. jNachdruck verboten.) Wenn man die lieblichen Menschenknösplein glücklich durch d-e Säuglingsperiode hindurch gebracht hat, so erhebt sich die höchst wichtige Frage: Wie soll sich die fernere Ernährung gestalten? Im Allgemeinen bevorzugt man bis ungefähr zum zweiten Lebensjahr unter den Nahrungsmitteln zu sehr Mehlspeisen und vegetabilische Kost. Diese vermögen aber nur höchst mangelhaft den ganz erheblichen Eiweißverbrauch zu decken,- denn es ist eine bewiesene That- sache, daß im kindlichen Organismus viel mehr Eiweiß zersetzt wird als bei Erwachsenen. Auch Milch allein soll in diesem Alter nicht die einzige Nahrung bilden. Solche Kinder, die bis zum zweiten Lebensjahr nur Milch bekommen haben, setzen Milchfett an, jedoch Muskulatur und Knochen entwickeln sich nur kümmerlich,- es entsteht allmählich ein fett- und wasserreicher, aber eiweißarmer und energieloser Körper. Man, soll eben bald nach der Säuglingsperiode mit etwas Fleischkost ansangen. Daß dies nur den natürlichen Verhältnissen entsprechend ist, kann man schon aus der Zahnentwicklung des Kindes ersehen. Immer brechen bei normalem Wachsthum die Schneidezähne zuerst durch. Gesunde Kinder haben mit neun oder zehn Monaten ungefähr fechs Schneidezähne, und diele sind doch sicherlich in erster Linie zum Abbeißen und Zerkleinern von Fleisch bestimmt, während die zum Zermahlen von Pflanzlicher Kost durchaus nothwendigen Backzähne erst später erscheinen. Fleisch ist auch leicht verdaulich, wird gut ausgenutzt und braucht nicht in großen Mengen gegeben zu werden. Sonach würde sich zunächst für den neunten bis zwölften Lebenumonat als geeignetste Kost ungefähr folgende ergeben. Neben der Milch, die zwar immer noch die Hauptnahrung bilden muß, soll das Kind Fleisch erhalten, und zwar zunächst gebratenes, zartes Kalb-, Hühner- oder Taubenfleisch, ganz^klein geschnitten oder gewiegt wird, mit etwas kräftiger Sauce. Man kann es ihm täglich zweimal verabreichen, einmal warmes und einmal kaltes Fleisch- letzteres bestehe möglichst aus fein geschabtem, rohem Schinken. Alle Fleischstückchen dürfen nie größer sein als ein Steckuadel- knopf- auch achte man besonders darauf, daß die Kindlein die einzelnen Portionen erst hinunterschlucken, bevor sie neue in den Mund stopfen, sonst bilden sich größere Ballen im Munde, die zum Speien und Erbrechen reizen. Rohes geschabtes oder gehacktes Fleisch gebe man nie, einerseits wegen der Bandwurmgefahr, andrerseits weil es außerordentlich leicht in Fäulniß übergeht. Gelegentlich kann man ein halbes, später ein ganzes Eigelb verabreichen, ganz weich i gekocht mit wenig Salz. Auch klare Fleischbrühe kann das - Kind bisweilen bekommen, aber nur wenn es dieselbe wirklich s gern mag. Dagegen sei jede andere Speise bis zum Ablauf des ersten Jahres gänzlich verboten, namentlich Brot, Kartoffeln, Schleimsuppen und alle Süßigkeiten. Hat das Kind seinen ersten Geburtstag gefeiert, so bleibe man im Allgemeinen noch bei der gleichen Ernährungsweise. Nur kann jetzt ein ganzes Ei gegeben werden und manchmal eine halbe Semmel mit Butter. Man schneidet die bestrichene Semmel in kleine Stückchen und legt etwas Schinken darauf, was die meisten Kinder sehr gern nehmen. Bon Fleischsorten kann jetzt auch Filet oder Lümmel gegeben werden, ebenso ist unter Umständen etwas Pflaumen- oder Apfelmus am Platze. Mit dem zweiten Jahre erweitert sich das Menu etwas mehr, indem jetzt auch zartes, mageres Schweinefleisch, Hammel und Wild, eine ganze Semmel, etwas Kartoffelbrei und junges, grünes Gemüse (Spargel, Spinat, Blumenkohl) in dasselbe ausgenommen werden können, ferner möge die bisher klare Fleischbrühe durch Einlage von Reis, Gries oder Nudeln etwas compacter gemacht werden. Je älter das Kind wird, desto reichhalter gestaltet sich I die Speisekarte. Nach dem dritten Jahre sind dann magerer Gänsebraten, etwas Brot, von Gemüsen Kohlrabi, Rüben, Schleimsuppen, ein wenig nicht zu süße Mehlspeisen, leicht verdauliches frisches Obst gestattet. Vom vierten Jahre an lasse man die Kinder, natürlich unter steter Bevorzugung der animalischen Kost, allmählich anfangen, Alles mitzueffen, z. B. auch leichtere Fische und von Gemüsen: Erbsen, Bohnen, Linsen, stets aber sollen alle sauren, stark gewürzten, fetten und schweren Speisen absolut verboten werden. Ebenso ist der Alkohol in jeglicher Gestalt von der kindlichen Nahrung noch völlig auszuschließen und höchstens für kränkliche Kinder zu verwenden. Kaffee und Thee sollen nur in so geringem Maße gegeben werden, daß die Milch dadurch leicht gefärbt wird und einen etwas anderen Geschmack erhält. Auch Chokolade ist nur ausnahmsweise gestattet und dann mit viel Milch vermengt. Schon im Jahre 1818 schrieb Professor Henke: „Eine für die Erhaltung der Gesundheit sehr wichtige Regel ist die, daß man die Kinder an eine feste und gewisse Ordnung im Essen und Trinken gewöhne. Nur zu bestimmten Zeiten gebe man den Kindern zu essen, außer dieser Zeit aber schlechthin nicht. Die schädliche Gewohnheit, auch außer der Zeit den Kindern Backwerk, Butterbrot, Obst, Näschereien u. s. w. zu geben, die in der falschen Zärtlichkeit der Großmütter, Tanten, Wärterinnen ihren Grund hat, giebt die erste Veranlassung zu der unmäßigen Gefräßigkeit der Kinder und durch diese zu gestörter Function des Darmcanals und nicht selten zu dauernder Schwäche der Constitution für das ganze Leben!" Das ist eine alte Wahrheit, die doch stets neu bleibt, gegen welche aber auch immer und immer wieder gesündigt werden wird, solange man in der Kinderhygiene den Muhmen und Gevatterinnen irgendwelches Recht einräumt. Ihr Mütter, hört nicht rechts noch links, sondern trachtet geradewegs nur darnach, den Organismus eurer Lieblinge durch eine vernünftige Ernährungsweise so zu kräftigen und zu stählen, daß er die an ihn herant-elenden Fährlichkeiten mit Erfolg überwinden kann! Schafft gerade in den ersten Lebensjahren eine gesunde, starke Grundlage, auf welcher der jugendliche Körper dann sicher und fest sich weiter aufbauen und ausbilden kann! Ein Vorspann vor hundert Jahren. Skizze von A. G ö d d e. Tr„ , (Nachdruck verboten.) KO. Weimar war vor hundert Jahren einer der schmutzigsten Orte. In den Gassen, in denen der Lottcnbach floß, waren Schrittsteine angebracht, mit deren Hülfe man 188 Der Kammerdiener meldete Schulze, und Karl August läßt ihn eintreten. Karl August: Was willst Du, Schulze? Schulze: Vorspann, Durchlaucht, Vorspann will ich bezahlen und mich bedanken. , Karl August: Schon gut, Schulze, wenns wieder so trifft, hänge ich Dir wieder vor. Schulze: Na, Durchlaucht, wenn Sie auch mit Gewalt nichts nehmen wollen, — da, so bringe ich wenigstens ein Paar schöne Erfurter Rettige, — und dabei zog er einige mächtige Rettige aus der Tasche, die der „Alte," der gern etwas Pikantes aß, dankend annahm. — Ja, ja, — vor hundert Jahren sah's anders aus! Belohnung. Schmierendirector: „Wer heute am bravsten spielt, kriegt morgen die Rolle, in welcher er auf der Bühne eine Leberwurst zu verzehren hat!" Redaktion: I. V.^ermann «llc. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen. Literarisches. Die Kinderstube", Organ des Fröbel-Oberlin-Verein« in ! Berlin hat eine ebenso originelle, wie practische Idee zur Ausführung ; gebracht. Sie veröffentlicht in einer ihrer letzten Nummern eine Anzahl i ,,--recepte für die Puppenküche," durch deren Benutzung unserer weib- ' Nchen Jugend nicht nur eine der angenehmsten Unterhaltungen geboten, ; sondern frühzeitig der Sinn für die Hauptthätigleit in der Küche, für das Kochen angeregt wird. Diese R-cepte werden überall da, wo das Christkind kleine Puppenküchen bescheerte, gewiß practische Verwendung finden; daß in denselben die Verwendung von LiebigS Fleisch-Extract, es möge hier auf die vorgesehene Bereitung von Fleischbrühe und Sauce hinaewiesen werden, empfohlen wird, beweist wieder, wie allgemein die Anerkennung dieses trefflichen Genußmittels sich Bahn gebrochen hat. ben einer Seite zur andern gelangen konnte, wenn man trockene Füße behalten wollte- GraS wucherte allenthalben und der Unrath lag vor den Häusern haufenweise. Eme Straßenordnung war damals noch ein unbekanntes Ding. Bis zu den Thoren war eine leidliche Pflasterung vorhanden, aber in der Peripherie der Stadt und den Vororten watete man buchstäblich bis an die Knöchel im Koche. — ®te Chaussee reichte bis Nohra, dem ersten kurmainzischen Dorfe, von da begann Feldweg, und im Sommer, bei Gewittern und Regengüssen war derselbe schwer, im Winter aber gänzlich unfahrbar. In Weimar lebte also zu jener Zeit ein Botenfuhrmann mit Namen Schulze, dieser war Gemüsehändler und besorgte mit seinem Geschirr die Commissionen. Jede Woche fuhr er nach Erfurt und brachte dann Gemüse und anderes nach Weimar. Er stand sich dabei sehr gut, denn zu jener Zeit wurde die Residenz noch nicht von allen Seiten mit derartigen Sachen versorgt. War das Wetter out, so gab es keinen bessern Weg als den von Erfurt nach Weimar, aber mit Schrecken dachte jeder Fuhrmann daran, wenn Regengüsse den Boden ausgeweicht hatten. Es war ein schwüler Sommertag; der Himmel bedeckte sich mit drohenden Gewitterwolken und Schulze fuhr mit feinem zehnjährigen Sohne zum Thore hinaus gen Erfurt, um noch am Abend wieder nach Weimar zurückzukehren. Kaum hatte er die Stadt im Rücken, als sich ein so heftiges Gewitter entlud, daß nach kurzer Zeit die Räder immer tiefer in den schon ohnedies weichen Boden einschnitten, — öei Wagen war beladen und endlich, trotz, Prügeln und Schreien, brachten die Pferde den Wagen nicht mehr von der Stelle. Der Alte überlegte mit seinem Jungen, was da zu thun sei, aber da war guter Rath theuer, denn es wetterte ganz niedlich weiter. Als sie nun beide rathlos dastanden, kam desselben Weges eine offene Chaise, in welcher ein Herr, in einen Mantel gehüllt, saß, vorne drauf ein Diener und Kutscher. „Wer ist der Kerl, der dort stecken geblieben ist? fragte der Herr. „Durchlaucht," erwiderte der Diener, „daS ist unser Gemüsehändler Schulze, der Botenfuhrmann." „So! Na, dann spann' 'mal ab (die Chaise war vierspännig) und häng' ihm vor, meinen Wagen könnt Ihr so lang hinten anbinden, so komme ich auch gleich mit fort. Kutscher und Diener gehorchten- in wenigen Minuten wurde der Wagen von den mnthigen Pferden in Bewegung gesetzt bis dahin, wo der Boden fest war. Es war Karl August, Herzog von Sachsen-Weimar, der Freund Göthes. Als sie oben angekommen waren, sagte er zu Schulze: „Nimm Dich zusammen, daß Du nicht wieder stecken bleibst, denn Du könntest so leicht nicht wieder Vorspann bekommen. „Durchlaucht," rief Schulze, „den Vorspann bleib ich schuldig." In Nohra, dem nächsten Dorfe, wechselte Karl Augmt die Pferde, die hier bereit standen, und der Kutscher ließ die Thiere verschnaufen und Heu fressm. Indessen kam Schulze auch an; er wollte dem Kutscher ein Trinkgeld geben, dieser aber lehnte mit den Worten ab: „Laßt nur, Schulze, der „Alte" hat'S schon gut gemacht." Am nächsten Sonntag Morgen zog Schulze seinen besten Rock an und ging zum Fürstenhause, das Schloß war damals noch nicht fertig, und meldete sich beim dienstthuenden Kammerdiener. Zwischen beiden entspann sich folgende Unter» Kammerdiener: Was willst Du, Schulze? Schulze: Ich will Durchlaucht meinen Vorspann be zahlen - er hat mir letzten Freitag vorgehängt. Kammerdiener: Kerl, bist Du toll? Schulze: Ne, noch nicht — er hat mir vorgehängt! VcviiEehtes. Die Kaiserin als Rosenfreundin. Die „Wiener Mode" bringt folgende interessante Notiz: (Wie das berg- entstammle Edelweiß die Lieblingsblume Seiner Majestät des Kaisers seit dessen Jünglingsjahren ist, so widmet Ihre Majestät die Kafienu ihre Gunst der edelsten und stolzesten aller Blumen: der Rose. Beim „Achilleion"-Schlosse auf Corfu ist Über Geheiß der hohen Frau ein eigener Rosenpark angelegt worden. Im Parke des stillschönen Lainzer Lustschlosses, dessen entzückende Bosquets sich vor den Blicken der neugieiigen Welt verbergen, sind Schlingrosen an den Säulen der telegraphischen und Lichtleitung zur Verkleidung verwendet. Nach einer ungefähren, dabei aber durchaus authentischen Schätzung sind im Lainzer Parke nicht weniger als 400000 Rosenstöcke zur Decoration verwendet. Auch in den mit vornehmer Einfachheit eingerichteten Gemächern des Lainzer Lustschlosses sieht man, zur Zeit, da die Kaiserin in dem idyllischen Hause SSjour hält, erlesene Rosen überall zum Schmucke benützt. Dementsprechend mußte die ohnehin schon reiche Suite der in den altberühmten Gärten von Schönbrunn cultivirten Rosen in den letzen Jahren vergrößert und ergänzt werden. Derzeit besitzt Schönbrunn in einem eigenen neuen Glashause des Reservegartens an 1000 Rosenvarietäten, von denen die gerade in Blüthe befindlichen im Kaltraume des Schönbrunner Palmenhauses ausgestellt werden, oder abgeschnitten die Appartements der Kaiserin zieren. Bei Gelegenheit sei erwähnt, daß die Rose auch am Berliner Hofe sozusagen in Rang und Würde einer Hofblume eingesetzt wurde. Bei mehreren von Kaiser Wilhelm II. veranstalteten Festlichkeiten wurde der außerordentliche Aufwand an frischen Rosen bemerkt. Kaiser Wilhelm bevorzugt namentlich die vulgär als „Maschanillrose" bezeichnete Sorte, deren Name von Niemand Anderem als dem französischen Marschall und Kriegsminister Niel (also „Marechal Niel- Rose"!) herkommt. Auch Blumen haben ihre Schicksale.