ilvpTy 'arurn sich Geschmack und Genie so selten vereinen? Jener fürchtet die Kraft, dieses verachtet den Zaum. Schiller. Ina. Novelle von S. Halm. (Fortsetzung.) Ihm mochten mancherlei Gedanken kommen. Den am wenigsten zutreffenden gab er Ausdruck. Inas Hand in die seine nehmend, fragte er mit gedämpfter Stimme: „Ina, sagen Sie mir, that ich Unrecht, als ich Ihnen rieth, Ihre Verlobung rückgängig zu machen. Sprechen Sie ein Wort, ein einziges, ein schlichtes „Ja" und ich suche noch in dieser Stunde Franz auf! Er ist ein guter Junge und ich weiß, daß sein Herz, trotz seiner schnellen Verlobung mit Teßa, doch noch mit allen Fasern an Ihnen hängt. Sie schweigen, Ina? Kind, Sie verstehen, begreifen mich nicht! Lassen Sie sich sagen, daß mir das Gerede der Welt, Teßas Glück oder Unglück, nichts gilt, wenn der leiseste Wunsch von Ihnen meine Hülfe heischt. Sagen Sie mir, daß Sie Ihren Schritt bereuen, und ich führe Ihnen, jedes persönliche Gefühl, ja Vernunft und bessere Einsicht ignorirend, den Bräutigam zu." Schwer athmend hing das Mädchen an seinem Arm. Ein Schwindel wollte sie befallen. Die Leidenschaft, die aus Gebhardts Worten vernehmlich an ihr Ohr schlug, seine Bereitwilligkeit, jedes persönliche Wünschen und Verlangen für die Erfüllung ihres Wunsches zu opfern, verschaffte ihr den langersehnten und doch so gefürchteten Einblick in sein Herz. Es war Gewißheit — er liebt sie. Ein Beben ging durch ihren Körper, die Zähne schlugen ihr im Froste aufeinander. — „Ina!" Sie war keines Wortes fähig, doch ihr Schweigen und der thränenverschleierte Blick, mit dem sie zu ihm aufsah, verriethen Gebhardt mehr denn Worte. — Er beugte sich zu ihr nieder. „That ich recht?" Da nickte sie ihm durch Thränen lächelnd zu und er verstand dies schmerzlich selige Lächeln nur zu gut. „Ina, meine Ina, mein Mädchen!" „Gute Nacht, Herr Gebhardt! Ich danke Ihnen! | Wir sind zur Stelle!" Ohne einen Händedruck, oder ein > weiteres Wort, ohne sich umzuwenden, glitt sie durch die - Eisenpforte und verschwand gleich darauf den Blicken des ! Zurückbleibenden. * ♦ • Die schöne Teßa war übler Laune- verschiedene Ursachen lagen dem zu Grunde. Bor Allem war da die Schneiderin, diese Person! Sie hatte es gewagt, Teßa, eine ihrer besten Kundinnen, schnöde mit der neuen Besuchstoilette, die Teßa doch nothwendtg bei ihren Brautvisiten, die der Bräutigam ohnehin so unverantwortlich lange hinausgeschoben, tragen mußte, im Stiche zu lassen. Dann hatte Lores Jungfer, die auch das Fräulein bedienen mußte, sie durch ihre Frechheit und Langsamkeit geärgert, nebenbei hatte Teßa schlecht geschlafen und zu dem Allem kam noch, daß Franz, das „sanfte Lamm", sich am gestrigen Abend zum reißenden Wolf aufgeworfen und ihr--Teßa war starr über eine solche Infamie--— eine entsetzliche Scene gemacht hatte und das Alles nur, weil sie und Lore einige „zutreffende" Bemerkungen über das „verflossene Fräulein Braut", jene „Zigeunerin" fallen gelassen. Frau Lore hatte sich beim Aufzug des ungeahnten Unwetters in ihre Privatgemächer zurückgezogen, über das Haupt der Schwester aber hatte sich das Gewitter entladen. Was nützte es Teßa, daß sie in eine Ohnmacht und darauf in einen Weinkrampf verfiel? Franz, dieser „rücksichtslose, brutale" Mensch, war nicht einmal Zeuge davon gewesen und ihm allein galt doch die Comödie. Als sie sich herabgelassen, wieder zum Leben zurückzukehren, da hatte sie nur die spöttischen Gesichter des Schwagers und der Jungfer gesehen, von dem Urheber ihres „Anfalles" aber war keine Spur mehr zu entdecken gewesen. — Wen konnte es wundern, wenn sie also heute Migräne und eine üble Laune hatte? Keinen! Sicher nicht! Das Unglück bei der Sache war nur, daß sich Niemand weiter um sie kümmerte, an dem sie ihren Groll auslassen konnte. — Der Schwager ging wie alltäglich seinen Geschäften nach und Frau Lore, die sich in der Frühe nach der Schwester Befinden erkundigt, sonst aber sichtlich die Uebellaunige mied, war in die Stadt gefahren und hatte gar noch obendrein die Jungfer mitgenommen, da es Einkäufe zu machen galt. So war Teßa denn sich selbst und nichts weniger denn angenehmen Gedanken überlassen. — Der Postbote brachte ihr nicht, wie sie heimlich gehofft, einen reumüthigen Abbittebrief des Verlobten,- sie blieb in einer peinlichen Ungewißheit. — 382 -** Lollte der gefügige, lenksame Franz etwa ernstlich revoltiren und sie — oh Schmach — — dem Scandal einer aufgehobenen Verlobung preisgeben? Ein Wagen fuhr vor. Lore und die Jungfer. Teßa machte ein mißmuthiges Gesicht. Sie hatte schon Besuch oder gar den Bräutigam erhofft. Doch was war das? Lore kam nicht allein mit der Jungfer. Ihr zur Linken schritt eine schlanke, noch jugendlich elastisch Männergestalt. Harden! — Wie fortgeweht war des Mädchens üble Laune. Ehe die Ankommenden ihrer gewahr werden konnten, schlüpfte sie in's nächste Zimmer und prüfte im Spiegel ihr Bild. Ein zufriedenes Lächeln huschte um ihre Lippen. Das Mattblau des eleganten Morgenkleides stand ihr gut. Sie würde die Toilette nicht wechseln. Man überraschte sie ja, da konnte man sich doch nicht umkleiden; eine kleine Entschuldigung würde genügen! Sie setzte sich an den Flügel und präludirte. Jetzt nur kein aufdringlich lautes Spiel. Harden könnte die Absicht, nur überrascht zu scheinen, merken. — Theodor von Harden zählte kaum dreißig Jahre- er war ein stattlicher Mann, der indes das Leben bereits reichlich genossen. Ihm waren nicht nur die Manieren und Gewohnheiten, die Moral eines Lebemannes eigen, er sah auch darnach aus. — Ein Fremder hätte Harden trotz seines vornehmen stattlichen Aeußeren den Vierzig nahe gehalten. Frau Lore, in einem Seidenkleide, sie trug meistens nur dunkelfarbige Seide, weil sie ihrer Meinung nach ihrer blonden Schönheit die beste Folie war, — rauschte, gefolgt von dem Cavalier, in's Gemach. „Ah, Teßa! Du siehst, ich habe einen lieben Gast mitgebracht!" Das Bräutchen that verwirrt- es stammelte eine Entschuldigung wegen der nicht salonfähigen Toilette. Die Schwester warf ihr keinen besonders zärtlichen Blick zu und lächelte spöttisch. Der junge Mann aber küßte der kleinen Schlauen galant die schöne Hand und betheuerte, er habe das Fräulein noch nie entzückender gefunden als gerade in diesem Costüm. — „Ja, ja," seufzte er dann elegisch, „was doch das bräutliche Glück aus dem Menschen macht!" Sofort glitt ein Zug der Trauer und des Schmerzes über TeßaZ Gesicht- wie zufällig wandte sie es dem Licht, dem sie es durch eine gewandte Stellung entzogen, wieder zu. Harden mußte so doch sehen, daß das keine glückliche Braut war, die da mit dem Blick einer Märtyrerin in den nebligen Herbsttag hinausschaute. Und er sah es auch. Einige Secunden ruhte sein Blick forschend auf den vollen Zügen des Mädchens- dann glitt er zu Frau Lore hinüber, die sichtlich ungehalten die Knöpfe ihrer Handschuhe löste. Er wußte genug, und ein feines Lächeln, halb Spott, halb geschmeichelte Eitelkeit, zuckte um seine Gourmandlippen. Männer dieser Art sind die gefährlichsten. Sie treiben ein schlaues, ein grausames, aber ein des Erfolges sicheres Spiel. — Harden verstand sich auf dies Spiel. Er liebte die schöne, kühle Lore mit der blasirten Leidenschaft des Genußmenschen, die jüngere Schwester war ihm völlig gleichgültig- dennoch machte er ihr den Hof- er benutzte sie eben nur, um die Eifersucht der Aelteren zu wecken. — Und Frau Lore, die Kühle, die personifizirte Vernunft, durchschaute nicht den Trick- sie war wirklich eifersüchtig auf die Schwester. Obwohl sie sich ihrer größeren Schönheit bewußt, fürchtete sie doch, Teßa könne, dank ihrer mädchenhaften Ueppigkeit, den Sieg davontragen, den Lebemann könne das Mädchen mehr als die Frau reizen. Teßa hingegen wußte sehr wohl, wie nahe sich Harden und die Schwester bereits standen- aber sie hatte, ehe sie sich Franz aufgezwungen, die Hoffnung gehegt, der Lebemann werde des Flirtens bald müde, zu ihr, dem reinen Mädchen zurückkehren. Selbst jetzt noch, wo sie doch schon beS Vetters Verlobte, wollte sie den hübschen Schmetterling gänzlich fret- geben. Für den Nothsall war ihr selbst der Geliebte hrer Schwester als Gatte lieber, als ewig die „verfloffene Braut" zu spielen. So führten beide Frauen denn einen zwar stillen, aber darum nicht minder erbitterten Kampf um den hübschen Schmetterling. Daß er sie Beide durchschaute und sich im Geheimen über Beide ein wenig lustig machte, das ahnte wohl keine von ihnen. Heute hatte ent- chieden Frau Lore ihren schlechten Tag. Harden hatte zwar während ihres Beisammenseins in der Equipage den verliebten Galan ganz zur Zufriedenheit der schönen Frau gespielt- jetzt aber fand er kaum einen Blick für sie, wie sie sich voll innerer Empörung gestehen mußte. Er schien nur Auge und Ohr für Teßa zu haben. „Die Kokette, die Falsche!" schalt sie heimlich, und die allzeit Kühle verlor ihre Ruhe- sie wurde nervös und bald war sie dem Weinen nahe. Sie liebte diesen Mann, der ihr den Verliebten und den Herrn zugleich zeigte- sie liebte ihn eben gerade seines Leichtsinnes, seiner guten Manieren, seiner Unmoralität halber. Ein Anderer, ein Mann, der ihr vielleicht ein willenloser Sclave gewesen, ihr nie den Herrn gezeigt, hätte wohl kaum solche Macht über ihr Herz erlangt- aber Harden, der vor ihren Augen mit einer Anderen kokettirte, sie bald seinen reizenden Engel, seine blonde Fee nannte, bald kühl und fremd behandelte, hatte es verstanden, sie zu unterjochen. Im Grunde war sie seine Sclavin- er war ihr Herr und Meister. — Während sie jetzt von einem Gegenstand zum Anderen wanderte, dort etwas zurechtschob, hier eine Falte an der Portiöre ordnete, sah sie mit scheelen Augen auf das tändelnde Paar. Ihre grauen Augen wurden schwarz vor Zorn- ihre Brust hob und senkte sich stürmisch- nur mit Mühe hielt sie an sich, damit sie keine Scene heraufbeschwor. Die kalte Lore war wie verwandelt. Harden entging nichts. Er beobachtete genau, während er Teßa die Cour schnitt und sich dabei in eine immer heitere Stimmung hineinscherzte. „Reizend, meine süße kleine Lore!" dachte er und nahm sich vor, die Eifersüchtige später durch eine verdoppelte Zärtlichkeit für die erduldeten Qualen zu entschädigen. Aus der Seele des gemarterten Weibes aber rang sich in dieser Stunde ein jäher Entschluß empor. Mit einer Entschlossenheit in den Mienen und einer an ihre sonstige kühle Ruhe gemahnenden Haltung, trat sie zu dem Paar. Der Schwester, wie zufällig den Rücken kehrend, sprach sie, ohne ein Zucken ihres Gesichtes, zu Harden gewandt: „Ich werde mich in mein Zimmer zurückziehen. In einer halben Stunde erwarte ich Sie in meinem Boudoir!" ohne den verblüfft Dreinschauenden eine weitere Aufklärung zu geben, rauschte sie mit der Haltung einer Königin hinaus. — Teßa war starr. Harden schien nachdenklich - aber der zufriedene Ausdruck schwand nicht aus seinen Zügen- er schien vielmehr, nachdem er eine Weile sinnend verharrt, in noch rosigerer Laune als vorher zu sein. „So plaudern wir also die nächste halbe Stunde noch ein Bischen gemüthlich zusammen!" meinte er, Teßa, die sich erhoben, mit einer Handbewegung zum Platznehmen einladend- dem Mädchen aber schien plötzlich alle Lust vergangen zu sein, ihm die Zeit bis zur Audienzstunde zu verkürzen. Mit einer durchsichtigen Ausrede entschuldigte und verabschiedete sie sich etwas hastig von ihm und ging auf ihr Zimmer, wo sie ihren Zorn gegen die Schwester, deren Handlungsweise sie zu durchschauen meinte, freien Lauf ließ. Theodor, der schöne Theodor, wie ihn eine Dame der demi-monde getauft hatte, war beileibe nicht so dumm, eine halbe Stunde im Alleinsein verstreichen zu lassen, ehe er sich — 388 — aus den Weg zu seiner Lore machte/ er ging sofort, nachdem Teßa verschwunden und klopfte an die wohlbekannte Thiire. Das „Herein", welches ihm den Eintritt in das Boudoir der Hausfrau gestattete, klang so hell und freudig, daß er eines guten Empfanges gewiß war, noch ehe er über die Schwelle trat und Frau Lore sich mit einer Gluth, die ein Fremder diesem kühlen Weibe nie zugetraut, an die Brust des Geliebten warf und seine Küsse erwiderte, daß es schien, als wolle sie sich und ihn tödten mit diesen Küssen. Das war die Raserei der Eifersucht. Harden aber war es gerade recht so, dieses vor Leidenschaft wilde Weib, das doch nur er, er allein in dieser Liebesexstase kannte. „Komm!" sagte sie,- nachdem sie ermattet in seine Arme zurückgesunken, mit einer vor Erregung rauhen Stimme. „Komm, setze Dich her zu mir, ich habe mit Dir zu sprechen!" „Rede,- Dein Sclave hört!" scherzte er, sich vor ihr, die auf einer Ottomane Platz genommen, auf's Knie niederlassend. Lore schlang den Arm um seinen Nacken. „Liebst Du mich? Liebst Du mich wirklich?" fragte sie, den Blick tief in ferne Augen senkend. Ihr Ernst gab ihm zu denken. „Teufel!" dachte er, doch er fühlte sich wohl dabei. „Du bist meine Königin!" gab er feierlich, ihre Hand küssend, zurück. „Bleib ernst!" grollte sie. Nun lachte er doch: „Kind, Du bist komisch!" (Fortsetzung folgt.) Nord- und Ostseebäder. Von Dr. med. Song. ------- (Nachdruck verboten.) „Wir gehen an die See" hat wirklich eine große hygienische Bedeutung, mehr als viele Menschen glauben und zugeben wollen. Begründet ist dies in erster Linie im Unterschiede des Klimas, denn Land- und Seeklima weisen bedeutende und einflußreiche Unterschiede auf. Das Festland erwärmt sich durch die Sonnenstrahlen viel schneller und leichter als die Oberfläche des Meeres, strahlt aber auch die erhaltene Wärme schneller wieder aus. So kommt es, daß das Festland im Sommer die höchste Temperatur aufweist, das Seeklima dagegen im Winter. Das Seeklima ist daher im Sommer verhältnißmäßig kühl und im Winter warm. Dann kommt noch ein sehr wichtiger Punkt hinzu, die Seeluft ist reiner, das heißt, sie enthält weniger Staub, als die Landluft. Wie wichtig dieses für die menschliche Gesundheit ist, geht aus dem Umstande hervor, daß staubfreie Luft das beste Heilmittel für die L u n g enschwindsuchtist. Daraus geht naturgemäß hervor, daß Seebäder, die ganz vom Meer umspült sind, wie Helgoland, Norderney und Sylt, für viele Krankheiten wirksamer, empfehlens- werther sind, wie Halbinseln oder Seebäder, die zu nahe dem Lande liegen. Die Temperatur des Meerwassers wechselt zwar auch mit der Atmosphäre, aber sie behauptet doch stets einen angenehmen mittleren Wärmegrad, der beispielsweise bei der Nord- und Ostsee 16 Grad Maumur beträgt. Wer einmal im Sommer diese milde, angenehme und stärkende Luft in einem wirklichen Seebade genossen hat, vergießt ihre kräftigende und beruhigende Wirkung niemals. Man sitzt oder promenirt in dieser herrlichen Luft den ganzen Tag im süßen Nichtsthun und erholt und stärkt sich doch. Außer der Luft wirkt auch noch das Seebad an sich, das heißt das Baden in der salzigen Fluth. Der Reiz, den das Seewasser auf die Haut ausübt, ist ein großer, der sich von der stets eintretenden Röthung bis zum Jucken, Brennen und Ausschlag steigern, kann. Diese Wirkung bedingt der Salzgehalt und der Wellenschlag des Meeres. Sie wird um so größer und wirksamer sein, je höher der Salzgehalt und je stärker der Wellenschlag ist. In dieser Hinsicht ist die Nordsee der Ostsee bedeutend über. Der Salzgehalt der Nordsee beträgt an der Oberfläche im Mittel 4 bis 5 Prozent, w°h^nd derjenige der Ostsee V/2 Prozent niemals über- stelgt, meist sogar noch geringer ist. Der Wellenschlag der Nordsee ist auch ein gewaltiger und viel kräftiger als bei der Ostsee, weil der Unterschied der Ebbe und Fluth bei der Nord, see ein sehr bedeutender, bei .der Ostsee dagegen ein weit geringerer ist. Das Baden in der Nordsee ist für. schwächliche Personen ohne ärztliche Erlaubniß nicht anzurathen, und selbst kräftige muffen im Anfang eine gewisse Vorsicht üben und nicht gleich zu lange im Wasser bleiben. b wirkt jedes Seebad beklemmend und erkältend auf den Badenden ein, aber bald folgt auf diese Beklemmung und dieses Frösteln eine angenehme Reactionswärme. Ganz besonders wird durch das Seebad die Thätigkeit der Hautfettdrusen angeregt, welche eine fettig-klebrige Hautabson- derung hervorruft, die dem Körper stets ein charakteristisches Anfuhlen verleiht und dem Kundigen sofort verräth, ob der Betreffend ein Seebad genommen hat oder nicht. Naturgemäß wirkt auch in dieser Beziehung die Nordsee stärker und charac- terlft,scher als die schwächere Ostsee. r J”att bie Seebäder länger fort, dann vermehren sie die Aufsaugungsfähigkeit des Organismus, indem sie den Blutumlauf in den kleinen Gefäßen beleben und die Thätig- keit der Nerven steigern, wodurch in Begleitung einer lebhafteren Verdauung, einer stärkeren Absonderungs- und Aus- leerungsfunction manche Krankheitsstoffe im Organismus in Bewegung gerathen und aus dem Körper entfernt werden. Deshalb ist das Seebad besonders heilsam für Personen, die Amt und Pflicht im Zimmer und am Stuhle fesfeln. Im Seebad, im Seeklima wirken alle heilsamen Umstände zusammen, die reine, staubfreie Luft, die mächtige und reizende Bewegung des Wassers beim Baden, die labende und gleichmäßige Temperatur, der Eindruck des gewaltigen Meeres- die vermehrte Hautthätigkeit und der mächtig beförderte Stoffwechsel. Man hat im richtigen Seeklima stets Hunger, wenn man nicht als Patient dort ist, und die Nahrung wird verarbeitet, sie wird in kräftiges Blut umgewandelt. Zu empfehlen sind Seebäder bei allgemeiner Hautschwäche, die Stubenhocker so leicht befällt, bei nervösen Schmerzen, Rheumatismus und Schwächezuständcn, die durch Ausschweifungen entstanden sind. Bei gesunden Menschen, die nur der Erholung und Stärkung bedürfen, ist es nicht so wichtig, ob sie ein Nord- oder Ostseebad wählen, sie werden sich in jedem von diesen genügend erholen, wenn sie mindestens drei Wochen naturgemäß dort leben. Anders liegt der Fall bei wirklich Kranken, besonders aber bei Personen, die zur Tuberculose neigen oder bei denen die Schwindsucht bereits ausgebrochen ist. Da muß der Arzt den Ausschlag geben, zumal nach der Ansicht vieler moderUer Aerzte die Lungenschwinsucht heilbar ist, und es gelingen wird, diese Krankheit mit der Zeit wesentlich einzuschränken. Nun muß freilich gesagt werden, daß weder die Nord- noch Ostsee für diese verbreitete Krankheit weniger in Betracht kommen, schon aus dem Grunde, weil der Aufenthalt in diesen Seebädern nur nach Monaten zählt, während ein Tuberculoser das ganze Jahr in milder und staubfreier Luft leben muß, um endgiltige Heilung zu erringen. Als die staubfreiesten Orte gelten auf der Erde die Stadt Venedig und die Insel Madeira. Besonders die letztere gilt als ein Eldorado für Lungenkranke. Der Hauptwerth Madeiras beruht darin, daß der rmgs die Insel umgebende Ozean jede Staubbildung fernhalt, und daß zweitens das Klima so milde und qleich- maßig lsff welches der Kurgast Tag für Tag, Jahr für Jahr stetr, im Freien genießen kann. Diese wunderbare Atmosphäre drese von allen Seiten frische, freie und staublose Luft, die geringen Unterschiede in der Temperatur während des ganzen Jahres, die reiche und schöne Vegetation sind wunderbare Heilfactoren für die Patienten. 384 Freilich einen Uebelstand haben alle Inseln, die weit, mitten im Meere liegen, sie sind ohne Seefahrt, ohne Seekrankheit nicht zu erreichen- doch steht dieses kleine Leiden nicht im Verhältnisse zu dem großen Nutzen der Badekur. Viele lieben warme Seebäder, doch wird durch dieses künstliche Erwärmen dem Bade der eigenthümlich e wirksame Charakter genommen, es wirkt dann nicht anders als ein warmes Wannenbad mit Mutterlauge. Geineinnüiziger. Das in Schlaf- oder Krankenzimmern stehende Wasser ist schädlich. Das Wasser nimmt verschiedene in der Lust befindliche Stoffe, namentlich auch die fauligen und die Ansteckungsstoffe in sich auf. Es ist daher nicht anzu- rathen, sich des WasserL, das in einem Krankenzimmer stand, zu bedienen, besonders wenn es in einem unbedeckten Gefäße war. Selbst das Wasser, das über Nacht im Schlafzimmer stand, kann in manchen Fällen schädliche Thetle ausgenommen haben. Man hat mehrere Beispiele, daß durch Trinkwaffer, das, damit es überschlagen sollte, in Krankenzimmer gestellt wurde, ansteckende Krankheiten verbreitet wurden. • Das Rauchen der Kochherde beim Anfeuern bildet in der jetzigen Jahreszeit, wo die auf den Dächern liegende Sonne einen Zug in den Schornstein nach unten nach den kühleren Zimmern bewirkt, der erst beim Anfeuern überwunden werden muß, eine sehr häufige lästige Plage. Die gleichen Mißstände treten auch im Winter bei nebeligem Wetter, sowie stets bei schlechten Kaminen, welche zu nieder lind oder ungünstig liegen, hervor. Die fortschreitende Technik hat hier wesentliche Abhilfe geschaffen durch sehr zweckmäßige wirkungsvolle Rauchfänge, die, auf den Kamin aufgesetzt, bei jeder Windrichtung ein Absaugen der Luft aus den Kaminen bewirken. Es bestehen hierin verschiedene Systeme, die bez. der Leistungsfähigkeit und Zugänglichkeit für den Kaminfeger sehr differtren und ist es hier unbedingt erforderlich, daß man sich durch einen zuverlässigen Fachmann rachen läßt. Immerhin wollen wir auf diese nützlichen Neuheiten, die noch viel zu wenig bekannt und verhältniß- mäßig billig sind, aufmerksam machen. * * * Gegen die kleinen Stechmücken hilft oft Einreiben der Hände und des Gesichts mit Nelkenöl oder Einreibung mit Salmiakgeist. Für das Zimmer bewährt sich das fleißige Bestreuen der Fevsterränder mit unverfälschtem persischen Jnsectenpulver. Das beste ist freilich ein in die Fensteröffnung eingepaßter Gazerahmen. Gegen Abend werden Thür und Fenster geschloffen, in der Dämmerung ziehen sich die Mücken an die Gazefenster, und man tödtet sie leicht mit einem Tuch und kann so ruhig schlafen. Auch empfiehlt es sich noch, ein Nachtlicht auf einem Teller mit Waffer in die Mitte der Stube auf den Boden zu stellen, das Licht lockt die Mücken an und sie fallen ins Waffer. • , • Beim Bohnenpflücke« benutze mau nur Daumen und Zeigefinger. Wer durch unverständiges Anreißen den jungen Ansatz mit wegntmmt, hat doppelten Schaden, da er seine Erträge im Voraus vermindert und die kleinen Böhnchen nicht verwenden kann. Ein öfteres Absuchen der Bohnenstöcke ist nöthig, wenn die grünen Schoten nicht hart und holzig werden sollen. Erde gestoßen und durch Niederdrücken des Stieles die Pflanze gehoben, um dann wieder zurückzusinken. Hierdurch wird die Erde von einem Theile der Wurzeln gelockert und tritt eine Wachsthumsstörung ein, ohne daß die Pflanze trauert. Dieses Heben muß aber ausgeführt werden, bevor noch der Salat Neigung zum Ausschießen zeigt. ♦ ♦ ♦ Jetzt, wo die Erdheeren reifen, ist es Zeit, daran zu erinnern, daß es nöthig ist zur besseren Ausbildung der Früchte die Erdbeeren zu entranken. Die meisten machen sich zuviel Mühe damit, das einfachste Mittel ist, wie der „practische Rathgeber im Obst- und Gartenbau" schreibt, die Ranken von oben mit einem kleinen, gut geschliffenen Spaten abzustechen — das lästige Bücken und Schneiden wird ganz vermieden! Auf alle Fälle müssen die Ranken jetzt fort. Ranken zur Weiterzucht wachsen dann immer noch genug nach der Erdbeerernte. * * * Fleischpastete auf friesländische Art. Uebrig gebliebene Kalbsbraten hackt man mit einer gebratenen Kalbsmilch sowie etwas Speck recht fein, würzt diese Masse mit gehackten und in Butter gerösteten Zwiebeln, etwas Pfeffer und Thymian, Capern und gehackten Sardellen, rührt eine kleine Taffe kräftige Auflösung von Liebigs Fleisch-Extraet darunter, und bringt dann Alles in eine Form, die man zugedeckt in ein Gefäß mit kochendem Waffer stellt und dann eine Stunde im Backofen läßt. Sowie die Pastete erkaltet ist, stürzt man sie auf eine Schüssel und garnirt sie mit gehacktem Fleischgeloe. Humoristisches» Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Vierteljährlich Mk. 1,30, Einzelnummer 10 Pfg. — Sein Jammer. Kadett: „'ne Jemcinheit! Sojar Schlüssel hat'n Bart, blos ich nich!" — Kindermund. Fritzchen: „Onkel sag' 'mal, kannst Du Deinen Kopf auf- machen!" — Onkel: „Aber, Fritzchen das ist doch nicht möglich, und wozu denn auch?" — Fritzchen: „Ja, Papa hat gesagt, Du hättest nur Stroh im Kopf, und das will ich mir 'mal anseh'n." — Sein Mann. A.: „Es ist schrecklich, ich habe mein Gedächtniß beinahe ganz verloren. Alles vergess' ich von einem Tage bis zum andern." — B.: „Hm, hören Sie 'mal — was ich sagen wollte — können Sie mir vielleicht bis morgen fünfzig Mark pumpen?" — Macht der Gewohnheit. Student (bei der Liebeserklärung): „Ach, Fräulein, pumpen Sie mir doch endlich Gehör!" — Aufrichtig. Chef: „Keine Summe stimmt bei Ihnen, Herr Meyer! Haben Sie denn nie in der Schule gerechnet?" — Lehrling: „Sehr viel — aber immer falsch!" Literarisches. Gebt de« Kindern keinen Alkohol! In manchen Gegenden Deutschlands herrscht die Unsitte, die kleinen Kinder dadurch zur Ruhe zu bringen, daß man ihren Lutschbeutel, Zuller oder wie das Ding sonst noch heißt, in Bier oder gar in Branntwein taucht. Man geht vielleicht zu weit, wenn man die Unterschiede der Begabung oder doch der geistigen Regsamkeit, die unleugbar zwischen den einzelnen deutschen Stämmen bestehen, auf diese Unsitte zurückführt. Aber ganz unleugbar ist es eine beträchtliche Schädigung für die geistige Entwicklung der Kinder, wenn man ihnen Alkohol, und sei es auch in kleinster Dosis, zukommen läßt — wie der bekannte Specialist auf dem Gebiet geistiger und nervöser Störungen, Sanitätsrath Dr. Fr. Dornblüth, überzeugend ausführt in dem jüngst erschienenen 24. Heft der bekannten Familienzeitschrift „Jllustrirte Welt" (Stuttgart, Deutsche Verlags- Anstalt, jährlich 28 Hefte zu 30 Pfennig.) Die beiden Hefte 23 und 24 sind wiederum in jeder Hinsicht derart reichhaltig, daß wir das Abonnement auf diese gediegene Zeitschrift jedem Familienvater empfehlen können. Um das Ausschietze« des Salates zu verhiuderu, wendet man mit gutem Erfolge das Heben der ganzen Salatstaude mittelst des Spatens an. Der Spaten wird ungefähr handbreit von der Staude und gegen dieselbe schräg in die Rtfcaction; $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitütS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gieße«.