Donnerstag dm 24. März in Ä, MN-- s gilt der Mann nicht mehr allein In dieser Welt voll Streberhaft, Du brauchst heut' selber nichts zu sein, Wenn Du nur einen Vetter hast, Der etwas ist! SB. Herbert. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) Amtsrath Wenzel war in dem großen Wohnzimmer, das in der zunehmenden Dämmerung einen öden, beängstigenden Eindruck machte, allein zurückgeblieben, denn auch der alte Göbener war nicht zu ihm zurückgekehrt, und überlegte, ob er nicht sogleich anspannen lassen und fortfahren sollte, denn eigentlich hatte er auf Rapshagen, wo es ihm von Minute zu Minute, unheimlicher ward, nichts mehr zu suchen. Da öffnete sich die Thür und herein stürzte mit hochrothem Gesicht, bestaubt und keuchend Doctor Stephan Holten. Beim Anblick des Amtsrathes fuhr er betroffen zurück und auch dieser bewahrte nicht ohne Mühe seine gelassene Haltung. „Sie hier, Herr Amtsrath!" stammelte der Doctor, ohne sich bei einer Begrüßung aufzuhalten. „Es ist also nicht ein toller Jrrthum meiner Hausleute?" „Leider nein," erwiderte Wenzel mit aufrichtiger Theil- nahme. „Ihre Schwester ist tobt, ist im Paddenteich ertrunken." „In dem Bemühen, ihren Papagei, der sich dorthin verflogen hatte, herauszuholen?" fragte Holten und der Amtsrath neigte stumm bejahend den Kopf. Auch der Doctor schwieg einen Augenblick wie betäubt vom Uebermaß des Schmerzes, dann fuhr er auf: „Wo ist sie? Wo ist der Amtmann Göbener, daß er mir Rechenschaft giebt, daß —" Als habe er sein Stichwort empfangen, so trat in diesem Augenblick der alte Göbener ins Zimmer und rief: „Da bist Du ja, Stephan, wie bist Du hergekommen? Ich habe keinen Wagen auf den Hof fahren hören?" Mit finster zusammengezogenen Brauen und einem ‘ Gesichte, in welchem weit mehr Zorn und Wuth als Schmerz und Trauer ausgeprägt war, antwortete Stephan: „Wie ich hierher gekommen bin, ist gleichgiltig, ich bin j hier und frage Sie, Herr Amtmann Göbener, was haben i Sie mit meiner Schwester angefangen?" Göbener wich einen Schritt zurück, als ob er einen : Irrsinnigen vor sich habe und sagte mitleidig: „Du weißt nicht recht, was Du sprichst, mein armer $ Stephan, aber ich kann Dir das nicht Übelnehmen. Mein i unglücklicher Adolf rast auch an der Leiche seiner geliebten \ Braut —" „Braut?" unterbrach ihn der Doctor mit einem un- j gläubigen Lächeln. „Ja, ja, sie war seine Braut, ich seh'S jetzt ein, ich | hätte nicht darauf bestehen sollen, daß cs auch vor Dir geheim gehalten wurde- aber ich hatte meine guten Gründe!" „Die haben Sie für Alles, was Sie thun, Herr Amtmann Göbener," erwiderte Holten sehr scharf und dieser wimmerte: „Du solltest nicht so mit mir umgehen, Stephan! Wenn Du wüßtest, was ich seit heute Mittag, wo wir da- arme Mädchen aus dem Teich gezogen haben, ausgestanden habe, Du hättest Mitleid. Anna ist mir ja so lieb gewesen wie meine eigenen Kinder —" Ein schneidendes Lachen unterbrach ihn: „So lieb, daß Sie ihrem einzigen Bruder den Verkehr mit ihr unmöglich machten!" schrie er. „So lieb, daß ihm aus ihrer sogenannten Verlobung mit Ihrem Sohn ein Geheimniß gemacht wurde, daß Sie das arme Mädchen dem einzigen Menschen entfremdeten, der es wirklich gut mit ihr meinte, daß Sie sie ausnutzten und nie zufrieden waren, so sehr sie in Ihren Diensten sich mühte und plagte. Damit sie keine Klage gegen mich ausstoßen konnte, durste ich Ihre Schwelle nicht überschreiten, durfte Anna niemals zu mir nach der Stadt kommen! Jetzt, wo ein jäher Tod sie ereilt hat, ruft man mich herbei und will mir das Märchen von dem ertrunkenen Papagei erzählen, aber ich glaube nicht —" Eine Hand legte sich fest auf seine Schulter: „Still, junger Mann, sprechen Sie in Ihrer Erregung nicht Worte aus, die Sie später gereuen würden," mahnte der Amtsrath; Göbener aber erhob abwehrend die Hände und sagte im Tone des gekränkten, aber verzeihenden Biedermannes: „Lassen Sie ihn, Herr Amtsrath, er weiß nicht was er in seinem Schmerz redet und ich trage es ihm nicht nach. 182 Meine Knechte und Mägde können ja, wenn mein Wort nicht gelten sollte, bezeugen, daß wir den Papagei mit auS dem Teich gefischt haben." „Wo ist das Thier?" suhr ihn der Doctor an. Göbener machte eine wegwerfende Bewegung. „Weiß nicht. Ich habe dem Knechte geboten, mir die Unglückscreatur aus den Augen zu bringen, konnte sie nicht mehr sehen, er wird das Thier irgendwo eingegraben haben." Doctor Holten antwortete nicht darauf, sondern fragte: „Und wo ist meine Schwester?" „Wir haben sie in der Wäschekammer niedergelegt," erwiderte der Amtmann. „Adolf ist bei ihr- der arme Junge kann sich gar nicht von ihr trennen." „Ja, ja, er hat sie so sehr geliebt," versetzte der Doctor und streifte dabei den Amtsrath mit einem Blick, vor welchem dieser unwillkärlich die Augen niederschlug „Jetzt aber soll er sie mir überlassen." Er stürmte zur Tgür hinaus. Der Amtsrath hielt den alten Göbener, der ihm folgen wollte, zurück. „Lassen Sie ihn, sein Schmerz muß austoben!" sagte er und nahm wieder Platz. Es schien ihm, als dürfe er Rapshagen nicht verlassen, so lange Doctor Holten dort weilte. XVI. „Stephan!" stammelte Adolf, „so müssen wir uns Wiedersehen!" Er wollte seine Hand ergreifen, der Doctor entzog sie ihm und sagte mit bitterem Hohn: „So müssen wir.uns Wiedersehen, mein lieber Schwager. An der Leiche meiner armen Schwester, die, wie ich soeben erfahre/ Deine Braut gewesen sein soll." „Sie war es," antwortete Adolf, vermochte jedoch Stephan nicht in die Augen zu sehen, und dieser fragte: „Und Carola Münter? Meinst Du Deine häufigen Besuche in Waldhof sind unbemerkt geblieben?" Adolf wollte antworten, Doctor Holten gebot ihm durch eine herrische Geberde Schweigen. „Darüber wirft Du mir später Rechenschaft geben- jetzt laß mich allein mit den armen Ueberresten Derjenigen, die Ihr mir entrissen habt!" Er deutete nach der Thür- Adolf entfernte sich gleich einem Schuldigen, der seinen Richter gefunden hat. Doctor Holten trat zu der Todten und schaute lange in das bleiche Gesicht, als wolle er von den bläulichen Lippen das Geheimniß ihrer letzten Stunden ablesen, dann ergriff er ihre Hand und sagte halblaut: „Eine innere Stimme sagt mir, daß es bei Deinem Tode nicht so zugegangen ist, wie man mich glauben machen will. Hast Du das Leben nicht mehr ertragen und freiwillig den Tod gesucht? Ist ein Verbrechen an Dir begangen worden? Ich will, ich muß es ergründen, und wehe Deinen Mördern, sie sollen an mir einen unerbittlichen Rächer finden, das gelobe ich in Deine erkaltete Hand." Noch ein paar Minuten verweilte er stumm und thränen- los neben der Leiche, dann breitete er das Tuch über sie und verließ das Gemach. Beine Miene hatte sich verändert- Schmerz, Haß und Wuth waren verschwunden, an ihre Stelle war der Ausdruck eiserner Willenskraft getreten, hart waren die Linien seines Gesichts, hart blickte das braune Auge, jede Aehnlichkeit mit der Schwester war wie weggewischt. Amtsrath Wenzel, der im Hausflur stehend mit Adolf Göbener eine kurze, aber schwerwiegende Auseinandersetzung gehabt hatte, glaubte einen ganz Anderen vor sich zu sehen, als den Doctor Holten, welchen er bisher gekannt hatte. Aber der Mann interesstrte ihn und es war zudem nicht seine Art, sich kleinlich von Dingen beeinflussen zu lassen, die er sür hinter sich liegend hielt. Ec trat an ihn heran und sagte: „Ich höre, Sie haben kein Fuhrwerk bei sich, Herr Doctor. Darf ich Ihnen anbieten, mit mir zu fahren? Ich mache keinen allzu großen Umweg, wenn ich Tie bis in die Nähe von Greifswald bringe." Doctor Holten zögerte nur ganze kurze Zeit, dann antwortete er: „Ich nehme Ihr Anerbieten an, Herr Amtsrath. Ein Gutsbesitzer, der soeben von Greifswald fortfuhr, hat mich Verzweifelten, der ich mich zu Faß aufgemacht, den größten Theil des Weges mitgenommen, und ich möchte den Herrn Amtmann Göbener weder um ein Fuhrwerk bitten, noch die Nacht in seinem Hause zubringen. „Ich gehe," fuhr er, zu dem hinzugekommenen Amtmann gewendet, fort, „aber morgen komme ich wieder. Die Leiche meiner armen Schwester soll nicht ins Grab gelegt werden, ohne vorher untersucht worden zu sein." „Das ist auch mein Wunsch und ich werde Dir dankbar sein, wenn Du die dafür erforderlichen Schritte thust," antwortete völlig gelassen der alte Göbener. Der Wagen des Amtsraths wurde von Jochen vorgefahren- Wenzel schwang sich auf und ergriff Zügel und Peitsche, Doctor Holten nahm neben ihm Platz und das leichte Gefährt rollte vom Hof. Eine Zeitlang fuhren sie schweigend durch die Aue, von Blüthenduft durchwürzte Luft dahin- der letzte Schimmer des Tages war noch nicht ganz verschwunden, aber schon stand der Mond am Himmel und mehr und mehr behauptete sein silberner Schein die Herrschaft. Kein Windhauch war zu spüren, ein tiefer, süßer Friede herrschte in der Natur, aber in des Doctors Brust stürmte eS heftig. Seine Gedanken errarhend, sagte der Amtsrath: „Ich bin sonst kein Lobrcdner des Amtmanns Göbener, aber ich muß gestehen, bet dieser traurigen Veranlassung hat er sich musterhaft benommen." Der Doctor antwortete nur durch eine abwehrende Bewegung. „Ich fürchte, Sie thun ihm bitteres Unrecht, Herr Doctor." Stephan Holten stieß einen tiefen Seufzer aus. „Vielleicht thue ich es- aber ich vermag nicht an Göbeners Darstellung zu glauben, und kann, will ebenso wenig annehmen, daß meine liebe, fromme Schwester absichtlich den Tod gesucht hat." „Herr Doctor!" fuhr der Amtsrath auf. „Was bringt Sie auf eine solche Vermuthung?" „Ist sie gänzlich grundlos?" fragte Stephan und sah i ihm fest in's Gesicht. Amtsrath Wenzel senkte die Augen, erhob sie aber sogleich wieder und begegnere frei und klar Holtens Blicken. „Herr Doctor, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Adolf Göbener mit Ihrer Schwester verlobt war, andernfalls „Genug, Herr Amtsrath," unterbrach ihn Doctor Holten. „ES bedarf keiner Versicherung, ich habe das von vornherein nicht anders angenommen. Adolf Göbeners Schuld wird dadurch nur schwerer." Der Amtsrath holte tiefe Athem - er gedachte jetzt mehr der lebenden Carola als der todten Anna- aber milde sagte er: . „Richten wir nicht, Herr Doctor! Das menschliche Herz ist so räthselhaft und widerspruchsvoll." „Doch nicht immer, Herr Amtsrath, es giebt noch Herzen, welche die Treue zu halten wissen," erwiderte Doctor Holten warm, aber schnell einlenkend, fügte er hinzu: „Ich muß die Wahrheit ergründen- wollen Sie mir dazu behilflich sein, Herr Amtsrath?" „Zwar will es mich bedünken, die Vorgänge sind uns der Wahrheit gemäß dargestellt, aber trotzdem will ich Ihnen das Versprechen geben, Herr Doctor. Auch mir muß daran liegen, daß das Dunkel, wenn wirklich ein solches herrsch:, aufgeklärt wird." „Ich danke Ihnen," entgegnete Holten und ergriff die Hand, welche ihm der Amtsrath reichte, „und nochmals Dank 183 dafür, daß Sie mich mitgenommen haben. Halten Sie hier und lassen Sie mich absteigen- ich kann den noch vor mir liegenden Weg in der schönen, mondhellen Nacht sehr gut zu Fuß zurücklegen." Der Wagen hielt, Doctor Holten schwang sich leicht herab, zog grüßend den Hut und ging vorwärts, während der Amtsrath das Gefährt in einen Seitenweg lenkte, auf dem er in der kürzesten Zeit nach Waldhof gelangte. „Da wäre also Doctor Holten mein Verbündeter," murmelte er. „Was die Zeit Alles bringen kann! Aber das Zeugniß muß ich ihm geben, tactvoll hat er sich benommen. Metas Name kam nicht über seine Lippen, und er hätte es doch so leicht gehabt, einen Sturm zu wagen, ich konnte ihm ja nicht ausweichen. Er hat sie nicht aufgegeben, das merkt man ihm an. Ist doch wohl beständig und ein anderer Kerl als Adolf Göbener." Er versank in tiefes Nachdenken, aus dem er erst, als er die Lichter von Waldhof durch die Bäume schimmern sah, mit dem Ausruf emporsuhr: „Arme Carola, arme Anna!" (Fortsetzung folgt.) Der Planet Mars, «ach Percival Lowell von Seltner Feldheim. ------- (Nachdruck verboten.) KO. Vor drei Jahren gründete der ebenso reiche wie gelehrte Percival Lowell in Arizona eine Sternwarte, die er ausschließlich für die Beobachtung des Mars bestimmte. Die Ergebnisse seiner unermüdlichen Studien und peinlich genauen Berechnungen liegen nun unter dem einfachen Titel Mars vor. Es ist dieses Werk das Muster klarer, nüchterner Darstellung, und man bedauert fast, daß der ge- lehrte Verfasser nicht um eines Haares Breite über daS Maß dessen hinaus geht, was als wissenschaftlich feststehend und erwiesen gilt, daß er so zum Beispiel das Dasein bewußten Lebens auch auf dem Planeten Mars nur als sehr wahrscheinlich, und nicht als gewiß bezeichnet. Die Bewohnbarkeit anderer Himmelskörper zugegeben, hätte man unter den Gestirnen zu suchen, die unseren Blicken am meisten zugänglich sind. Für den Mond, in seiner gegenwärtigen Verfassung, erscheint die Möglichkeit ausgeschlossen- die mächtigsten Teleskope haben nicht den mindesten Anhalt ergeben. Somit kommt zunächst der Mars in Betracht, und mit Recht hat derselbe mit langen Jahren die Aufmerksamkeit der gelehrten Beobachter auf sich gezogen. Der Mors bietet nun ganz besondere Schwierigkeiten- er ist nicht nur, abweichend von den am Himmel „festen" Fixsternen, bisweilen schwer zu bemerken- er erhebt sich nur alle fünfzehn Jahre einmal in lebhaftem Glanze, dem Sirius und dem Jupiter ähnlich, über den Horizont und erscheint uns dann wegen seiner beträchtlichen Nähe überaus groß. Diese Zeit muß dann fleißig benutzt werden. Er wird übrigens nie durch eigene Wolken verschleiert, hat das bekannte röthliche Licht und zeigt die eigenthümlichen Flecken sowie jene symmetrischen Linien, die ihn von einem Netz umsponnen erscheinen lassen. Vom 27. Mai 1894 bis zum 3. April 1895 hat P-, Lowell neuuhundertstebzehn Karten des Mars in verschiedenen Lagen entwerfen £önnen. Diese setzten den Gelehrten in den Stand, über die physische Beschaffenheit des Gestirns gewissermaßen abschließende Ansichten auszusprechen. Das, wunderlich genug mit dem Namen des Kriegsgottes belegte Gestirn mag durch seine rothe Farbe und seine Beweglichkeit schon im frühesten Alterthum jenen Hirten aufgefallen sein, die in den Ebenen Chaldäas die Nächte bei ihren friedlichen Herden verbrachten. Die Egypter aber haben zuerst seine Bewegungen erforscht und diese Kenntnisse den Griechen übermittelt. Tycho de Braye und nach ihm Kepler wiesen nach, daß Mars sich in elliptischer Bahn um die Sonne dreht. Es ergab sich ferner, daß sein Licht je nach seiner Entfernung von der Sonne im Verhältniß von 16: 2'1: 24 wechselt, und daß er 687 unserer Tage braucht, um einen Sonnenumlauf zu beenden, sodaß die Erde, die zu ihrem Umlauf 3652«/100 Tage braucht, ihm alle zwei Jahr zwei Monate begegnet. Seine Entfernung von uns wechselt im Verhältniß von 35:61- auch die Schwankungen in seinem Licht von 1 : 4*/2. Mars hat einen Trabanten, diese Entdeckung führte zur Berechnung der Masse des Mars: sie beträgt 10/84 von der Erde und em Dreimillionstel von der Sonne. Sein Durchmesser wird auf 346 Kilometer geschätzt. Seine Oberfläche beträgt etwas mehr als 1/i der Erde, sein Volumen Vr/ seine Dichte «/100, seine Anziehungskraft 38/100 d. h. also 100 K logramm bei uns wiegen auf dem Mars nur 38 Kilogramm. Vom Mars aus gesehen, erscheint die Erde, wie uns die Venus. Die erste teleskopische Beobachtung des Mars rührt vom holländischen Physiker Huhghens (28. Nov. 1650) Herste ergab, daß der Planet eine Umdrehung um sich selbst in etwa 24 Stunden vollzieht. Cassini berechnete die Zeit 1866 auf 24 Stunden 40 Minuten, Lowell auf 24 Stunden 37 22.7". Nachdem die Rotation bekannt war, wurde die Bestimmung der Pole leicht. Um diese kann man mit einem kleinen Fernrohr schon zwei weiße, glänzende Flecke erkennen, die Polarkappen. Die Neigung der Axe beträgt etwa 25« (die der Erde nur 23« 24). Der MarS muß wie die Erde vier Jahreszeiten haben- auf der Nordhälfte dauert der Winter 147, der Frühling 191, der Sommer 181, der Herbst 149 unserer Tage- auf der Südhälfte betragen die vier Zahlen 181, 149, 147, 191. Die Abplattung des Mars beträgt Vigo seines Aequatordurchmessers (die der Erde Vsos)- Der Mars muß also wie die Erde in der „chaotischen" Epoche flüssig gewesen sein- nur begann seine Abkühlung früher- sie ist daher auch weiter vorgeschritten. Ist nun diese Abkühlung auf dem MarS derart, daß Licht und Wasser etwa verschwunden sind? Der Mond kann bekanntlich wohl eine Atmosphäre gehabt haben- gegenwärtig zeigt sich von einer solchen jedoch keine Spur mehr. Dagegen sind auf dem Mars beträchtliche Veränderungen vernehmbar. So bedeckte die Polarkappe am 1. Juni 1894 eine beträchtliche Fläche. Un erhalb derselben erstreckle sich eine Region blaugrüner Färbung mit düster rothen Tupfen- weiter unt?« zeigte sich eine gleichförmig okerfarbene Region. In den verschiedenen Jahreszeiten treten deutliche Abänderungen auf. Die Eismassen am Pol schienen in Frühjahr 1895 sogar vollständig geschmolzen zu sein. Aehnliche Wandlungen hatte bereits Schiaparclli in den anderen Jahreszeiten beobachtet. Aus gewissen Fehlern in der Berechnung des Aequator- Durchmessers hat Lowell mit peinlicher Genauigkeit das Vorhandensein einer Dämmerung, mithin einer Atmosphäre nach- gewiesen. Der Nachweis ist wegen des fast fortwährenden Mangels an Wolken erst so Spät gelungen. Diese Atmosphäre muß übrigens weniger dicht sein als die unsere- sie ist etwa halb so dicht als bei uns auf dem Gipfel des Himalaya. Das Wetter ist daher auf dem MarS fast unwandelbar schön. Regen und Schnee sind unbekanntes giebt nur Thau. Die Winde sind fast unmerkbar. Das Wasser kocht schon viele Grade unter 100° 0: bei 53« C; die Atmosphäre ist daher bedeutend reicher an Wasserdämpfen. Somit sind auch Wolken vorhanden. Das Dasein von Bergen ergiebt sich aus den Unregelwäßigkeiten in der Ausdehnung der Marsscheibe- das Vorhandensein von Wassermassen aus der stärkeren Polarisation des Lichtes, an breiten farbigen Streifen. Die beiden für organisches Leben unentbehrlichen Elemente, Luft und W aff er, sind somit auf dem Mars vorhanden. D e röthliche Oberfläche — bisher irrigerweise als „Meer" gedeutet — zeigt jene bekannten netzartigen Linien, tue Schiaparelli zuerst 1877 beobachtete und als Canäle bezeichnete. In 3240 Beobachtungen hat Üaweg IM solcher LaMe festgesteük. Er hält die Linien nämlich auch für künstliche Canäle, bestimmt, das Wasser nach wasserarmen Gegenden zu leiten. Durchschnittlich haben diese Canäle eine Länge von 2400 Kilometer, einzelne erreichen jedoch eine Ausdehnung von 4000 bis 4800 Kilometer. Die Regelmäßigkeit der netzförmigen Linien zwingt zur Annahme ihrer künstlichen Anlage. Spalten vulkanischen Ursprungs hätten nie die gleiche Breite, noch die symmetrische Kittung. Ebensowenig können es natürliche Flüsse sein, l die doch am Ursprung eine geringere Breite hätten als an der Mündung. Noch weniger können eß Eisspalten sein, da an jenen Stellen Eis nicht gut angenommen werden kann. Zu gewissen Zeiten verschwinden diese Canäle, obwohl der Planet uns näher rückt, und zur Zeit, wo das Polarets schmilzt, treten sie allmählig wieder hervor. Ihre Lage verändert sich nicht. Nimmt man an, daß die meist parallelen Limen nicht die Canäle selbst, sondern die Vegetation auf teiden Ufern bedeuten, so fallen die letzten Einwände fort. Ts ist auch mehr als wahrscheinlich, daß das Wasser auf dem Mars selten geworden ist, und daß die Bewohner des Planeten, wenn man solche als vorhanden annimmt, bedacht sein müssen, sich Wasser zu verschaffen. Die weiten, früher als Meere gedeuteten rvthlichen Flächen wären nach Lowell ausgedehnte unfruchtbare Gelände, in denen die Knatenpunkte der Linien Oasen voller üppiger Begetation »on wechselnder Ausdehnung bilde«. Daß Vorhandensein einer der unserigen ungefähr ähnlichen Atmosphäre, der Luft und des Wassers macht den Planeten für belebte Wesen bewohnbar. Sind nun belebte, intelligente Wesen vorhanden, so bleibt ihnen bei dem natürlichen Mangel an Wasser und an Regen nichts weiter übrig als die künstliche Bewässerung, um sich die nothwendigsten Sebensbedingungen zu sichern. Ist der Bau eine- so riesigen Bewässerungsnetzes nicht aber zu gewaltig für Menschenkräfte? Einmal braucht man unter Verhältnissen, die von denen unserer Erde doch so verschieden sind, nicht menschengleiche oder auch nur menschenähnliche Wesen sich zu denken. Dann aber hängt die Anziehungskraft eines Körpers von seiner Masse und seinem Volumen ab, und die Schwere der Körper beträgt auf der Marsoberssäche nur den vierten Theil von der auf der Erdoberfläche- die Körper sind also dreimal so leicht, mithin auch, um in gleichem Berhältniß aufzutreten dreimal so groß. Der Durchschnitt der Muskeln müßte neun mal so groß sein, als bei uns- die Muskeln 27 mal so lang und würden die 27fache Arbeit ohne Ermüdung verrichten- ihre auf dreimal so leichte Körper angewendete Kraft wäre auch 81 mal größer als die unsere. Die Zahl 3, welche diesen Rechnungen zu Grunde liegt, ist freilich nicht genau- sie ist etwas zu groß, und anstatt der Endziffer 81 ergiebt eine genauere Berechnung nur etwa 50. Daß genügt aber, um die erforderliche Arbeitsleistung zu erklären. Und die Intelligenz jener Wesen? Muß sie die unsrige «icht wesentlich überragen? Jenes Geschlecht ist ja ungleich älter und erfahrener als das unsrige! Das Leben hat, wenn eS auf dem früh erkalteten MarS überhaupt besteht, weit früher dort begonnen. Ist das Leben nun nicht aber auf dem Mars bereits erloschen? In einem gegebenen Augenblick wird es ja auch auf unserm Planeten aushören. Die Frage wagt Lowell nicht zu entscheiden. Tr neigt zur Verneinung hin und nimmt an, daß der Fortschritt auf dem Mars alle unsere Entdeckungen und Erfindungen, Eisenbahnen, Telegraphen, unsere ökonomischen und politischen Systeme weit hinter sich gelassen hat. Ein solches den ganzen Himmelskörper umfassendes Be- ; »ässerungssystem würde einen socialen Zustand voraussetzen, in dem die politischen Parteien sich nicht mehr zerfleischen, und interationale Zwistigkeiten, wenn Überhaupt vorhanden, nicht mehr durch das „Recht" des Stärkeren entschieden werden. Der Krieg, ultima ratio Her Gegenwart bei uns, muß dort längst geschwunden sein. Die Civilisation jener Marsbewohner muß nicht nur älter, sondern auch weit vollkommener sein, als die unserer Gesellschaft. Wenn sie unsere Verhältnisse kennten, wenn sie sähen, wie bei uns Berge und Flüsse die Menschenhöhen trennen und theilen l und zu eingefleischten Feinden machen, so würden sie wohl mitleidig lächeln. Der Mensch nennt sich unbescheiden den König der Schöpfung- er bildet sich ein, Alles in dem unermeßlichen Weltall sei lediglich um seinetwillen da. Er vergißt, daß er nur der Erbe, der zufällige Erbe seiner Ahnen ist, daß sein Erbtheil weit entfernt ist, die Bezeichnung „vollkommen" zu verdienen. Er weiß nicht, ob die in einem ganz anderen umgebenden Mittel aus dem Mars lebenden, älteren intelligenten Wesen, nicht auf einer ungleich höheren Entwicklungsstufe angelangt sind. Der Mensch, der Erdenmensch, ist doch noch nicht das „letzte Wort der Schöpfung". Er hat sich seit „undenklichen Zeiten" vervollkommnet und wird sich innerhalb einer unberechenbaren Zukunft noch weiter vervollkommnen. Die Astronomie lehrt uns, daß wir in der Entwickelung des Weltalls ein unendlich kleines, unwichtiges, unwesentliches Dstail bilden. Zum Schluß ein Wort anerkennender Bewunderung für den reichen amerikanischen Gelehrten. Um seine Beobachtungen zu vervollständigen, seine peinlich genauen Berechnungen nochmals zu prüfen, hat er sein Zelt im December vorigen Jahres in Mexiko aufgeschlagen. Von dort wird er nach Algerien auf einige Jahre übersiedeln. So gedenkt er seine Lebenszeit dem selbstgesteckten Ziele an den verschiedenen gerade geeigneten Punkten der Erde zu widmen. Er ist nicht nur mit allen Schätzen menschlichen Wissens, sondern auch mit allen technischen Hilfsmitteln ausgerüstet. Sein in Paris bei Alvan Clarke unter seiner eigenen Leitung hergestelltes 24 zölliges Teleskop allein schon berechtigt uns zu der Hoffnung, daß Lowell das Marsproblem seiner Lösung wesentlich näher führen wird. ^urnsviftisches. Eine schreckliche Vorstellung. Dame (die das Stück schon einmal gesehen hat): „Die Hauptscene kommt im nächsten Act - der Held fühlt Gewissensbisse, daß er die Alte umgebracht hat." — Herr: „Er sollte lieber Gewissensbisse fühlen, daß er die anderen Schauspieler nicht auch umgebracht hat!" * * • Ganz einfach! „Ihre musikalischen Abende find ein hoher Genuß, Herr Dividendeles — man hört hier Künstler, die man sonst nirgends zu bewundern Gelegenheit hat!" — „Nu, ich zahl' se einmal für's Singen bei mir und noch einmal fürs Nichtsingen bei Anderen!" * * * Höchster Diensteifer. „Also als Ihr Arrestant sich plötzlich losriß und vor Ihren Augen in selbstmörderischer Absicht ins Wasser sprang, stürzten Sie sich ihm nach und haben ihn gerettet?" — Gendarm: „Gerettet? Wiedergegriffen hab' ich den Malefizkerl!" * * * Pessimistisch. Unteroffizier: „Wozu dient der Gewehrmantel?" — Einjähriger: „Den Lauf vor Oxydation ‘ zu schützen!" — Unteroffizier: „Sie g'scheidter Einjähriger, i machen S' keine solchen Andeutungen, sonst geh'« S' ein!" Aedactirn: I. Hermann Elle. Druck und «erlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Meindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.