Tny & AlArokus und Hyacinth Seif’ unterwegs schon find, 's*” Veilchen reckt Händ' und Fuß', Maiglöckchen haucht: Gott grüß'! Buchfink, neu ein quartiert, Sein Stücklein neu studirt, Amsel — sie flötet süß, Nachtigall singt: Gott grüß’! Ein Engel lauscht hervor Am Regenbogenthor, Winkt nach dem Paradies, Lächelt: Gott grüß’! Gott grüß’! Rudolf Kögel. welche in dem Vorderhause emporführte, sondern ging Uber den Hofraum, den die hochragenden Seiten- und Quergebäude umschlossen, und eine Hintertreppe hinauf. Als er die vier Stiegen erklommen hatte, drückte er auf einen Knopf unter dem Namen „Frau Kubaitz". Langsam näherten sich schlürfende Schritte, ein Schlüssel drehte sich, hinter der Sicherheitskette schob sich die Thür etwas auseinander, um ein Durchblicken zu gestatten, und dann fiel der Sperrapparat mit großem Geräusch herab. „Ah, Herr Doctor, Sie kommen nochmal?" fragte eine rundliche Frau. „Ich habe Sie wahrhaftig nicht gleich erkannt, und dann auch nicht vermuthet —" sie hustete hinter der vorgehaltenen Hand. „Mit dem Begräbniß is es ja nun auch vorbei — und weil es doch keine sogenannte gute Kundschaft ist, wo sich die Herrn Doctors noch hinterher erkundigen, wie's bekommen ist — aber schön is es von Das Fräulein. V Roman von E. Vely. ------- (Nachdruck verboten.) Der Herbstwind peitschte durch die Straßen Berlins, schnellschreitende Menschen kämpften gegen ihn an, hier flog ein Männerhut fort, dort zerrte eine Frauenhand ein Tuch, das er gelüftet, wieder zusammen, den schreienden, barhäuptigen Jungen nahm er die Laute von den Lippen, daß sie ungehärt verklangen, blasse Wangen färbte er mit flüchtigem Roth, kranken Lungen preßte er rasselnde Töne aus. Auf den großen, baumbepflanzten Plätzen wirbelten die letzten Blätter zusammen, Regenwolken jagten vorüber, die Gefährte kamen schwer von der Stelle. An den Halteplätzen der Pferdebahnen war ein rücksichtsloses Hasten und Drängen, enttäuscht traten die Nichtaufgenommenen auf den Bürgersteig zurück, neben der kleinen Tafel Posto zu fassen und auf's Neue auszublicken nach dem Schilde, welches ihnen das zu erstrebende Ziel anzeigte. Es war gerade die Zeit vor dem Laternenanzünden, die Nummern waren nur schwer noch zu lesen auf den Glasscheiben über den mächtigen Thüren der Häusercolosfe. Ein schlanker Mann sprang von einem im Fahren begriffenen Wagen und schritt einem Hause in der verlängerten Winterfeldstraße zu. Geräumige Balkons, Stuckverzierung und der saubere, frische Anstriche gaben demselben ein stattliches Ansehen- von den Wänden des großen, hallenartigen Eingangs schauten gemalte, allegorische Figuren herab. Der Eintretende wandte sich nicht der teppichbelegten Treppe zu, dem Herrn Doctor —" Ihre kleine Gestalt steckte in einem dunkelblauen Wollrock und einer schwarzen Jacke, auf dem halbergrauten Haar trug sie eine saubere Rüschenmütze, ihre dicken, rothen Finger spielten mit einem Zipfel der blauen Wirthschaftsschürze. „Hm!" machte der Doctor und nahm seinen Hut in die linke Hand. Eine kluge Stirn, ein paar offene graue Augen, ein angenehmes Gesicht mit braunem Schnurrbart kamen in dem letzten Tageslicht, das aus der geöffneten Küchenthür auf ihn fiel, zum Vorschein. „Hm! — Ich habe nämlich gerade in der Nähe zu thun." „Na, so weit wäre nu Alles wohl wieder in Ordnung, und ganz vernünftig is sie gewesen, als die Leiche abgeholt wurde nach der Halle — lieber Gott, in das, was sein muß, muß sich der Mensch finden. Mir ging es auch besser, als ich den seligen Kubaitz noch hatte und wir Portiers waren; wenn ich auch in meinem Ehestand was ausgehalten habe, nämlich er konnte das Trinken nicht lassen. Herr Doctor, was haben wir nicht Alles dagegen probirt, richtige Doctors und Wunderdoktors und theuere Medicin und Geheimmittel — half denn was, frage ich Sie?" Wie aus alter Gewohnheit wischte sie mit dem Zipfel der Küchenschürze über ihre großen, vorquellenden Augen. „Das Fräulein? Gott bewahre — die konnte Alles alleine. Und wie ich meinte, sie müßte doch Anzeigen mit einem Trauerrand machen, schüttelte sie den Kopf. „Nein, Frau Kubaitz, das interessirt Niemanden und wäre eine unnütze Ausgabe." Nun bitte ich Sie, die Ueberlegung in solch einer Stunde. Und selbst auf's Standesamt" — na, ich sage nur und ein gewaltig langer Name war es, den sie — 242 - wie gestochen vorher auf das Papier geschrieben hatte — • warten Sie mal: „Josef Victor d'Arabin Refille." „Ja," sagte der junge Arzt kurz und ungeduldig. > „Na, noch was," fiel die Wirthin rasch ein, „der alte , Herr nannte sie doch immer Line — so heißt sie aber gar ‘ nicht, ich habe das bei ihrer Unterschrift gesehen, warten i Sie mal! —" \ „Frau Kubaitz, wissen Sie etwas von den Verhalt- j nissen da —?" - „Ach so," machte die Gefragte verständnißvoll, „Sie ; meinen, wegen — Nu ja, jeder Mensch muß mal anfangen j und aller Anfang is schwer, bei den Herren Doctors auch, Z das kann man sich ja denken, So, darum also! Ja, was ; soll ich sagen — Schmalhans is ja wohl Küchenmeister da, wie man bei uns in Cottbus und auch hier zu Lande sagt — denn, denken Sie mal, Leute mit 'nem ausländ'schen Namen und dann vier Treppen Hinterwohnung möbllrt! Na, meine Miethe habe ich natürlich im Voraus genommen, sicher is sicher. — Unds Begräbniß is anständig gewesen i und die nehmens ja im Voraus, denn nich mal der Tod is ' umsonst — und Aerzte und Apotheker sie stockte, zupfte die Schürze glatt, und nickte dann wieder zuversichtlich. Und noch an demselben Abend nach dem Tode is das Fräulein ausgegangen, Hundewetter wars und sie dauerte mich, und ich wollte ihr den Gang abnehmen. Aber, es ginge nich, meinte sie und hielt ihr Handtäschchen so fest vor sich _ sxhn Sie, da drin wird sie wohl was aus besseren Zeiten gehabt haben, Schmuck oder so was, das hebt man sich immer bts zuletzt auf. Und wegen dem Gelde für die Behandlung, —' zu dem kommen Sie gewiß. Geschäft is mal Geschäft, sagte mein seliger Kubaitz!" „Fragen Sie das Fräulein, ob sie mich sprechen will!" „I, warum denn nich, die wird sich doch freuen, wenn eine Menschenseele nach ihr sieht", und Frau Kubaitz machte eine einladende Bewegung nach der Thür. „Ich möchte, daß Sie erst fragten!" Die Frau schüttelte den Kopf. „Na, wenn Sie es nich anders wollen." Bruno Hallsberg legte den Hut auf das Seitentischchen und stellte den Schirm in eine Ecke, er erinnerte sich dabei, daß er's genau so eine Woche lang gemacht hatte, an jedem Tage war er zwei Mal gekommen, nach dem schwerkranken Manne zu sehen, dem keine ärztliche Kunst mehr helfen konnte. Und gleich in dem ersten Zimmer war dann sein Blick auf das Lager gefallen, wo der grauhaarige characteristische Kopf auf den Kissen lag und auf die schlanke Mädchengestalt daneben, und dann hatten sich die dunklen großen Augen kummervoll zu ihm gewendet. „Herr Doctor, scheint es nicht ein wenig besser zu gehen?" Und sonderbar, so oft er sich mühte, ihr in milder Täuschung zuzugestehen, daß dem so wäre, hatte er die Empfindung, als könne sie den Worten nicht glauben, als blicke sie tiefer in seine Seele mit diesen wunderbaren Augen und lese da die Wahrheit. „Das habe ich doch gewußt," erklang die Stimme der Wirthin, „Sie sollten man rein kommen. Alles proper und ordentlich, denn so Eine, die erst die Sachen von den Stühlen nehmen muß, wenn man kommt, die is sie nicht." Als der Doctor über die Schwelle des Zimmers getreten war, das nur vom Zwielicht erfüllt wurde, stand die schlanke Gestalt vor ihm. „Ah, Herr Doctor —" Er ließ sie nicht aussprechen. „Ich habe in der Nähe zu thun, — im Nebenhaus nämlich, und da wollte ich nachsehen —" Sie nickte und deutete an die Wand drüben, wo an der Stelle, an welcher das Bett des Kranken gestanden, nun ein Sopha sichtbar war. „Es hat überstanden werden müssen," sagte sie zwischen den Zähnen hin, wie in einer Art von Trotz. Er nahm den Stuhl, welchen sie ihm bezeichnete. „Ich komme, Ihnen nicht mit dem billigen Trost, daß Ihr Herr Vater durch den schnellen Tod einem leidvollen Alter entging — er war eine zu kräftige Natur. Sie wissen das selber." „Ja," sagte sie, „die Arabins find alle sehr alt geworden, zäh — unverwüstlich, schwer zu beugen. Er war Während sie sprach, schimmerten die weißen Zähne zwischen den stolz geschwungenen Lippen. Dann legte sie plötzlich die schlanken Hände fest gegen einander. „Er hat's überstanden, das Scheiden vom Leben, das ihm so unsäglich lieb war — von dem er mit seiner fröhlich hoffenden Natur noch immer Bestes erwartete — und ich sage, es ist gut für ihn — dennoch!" „Fräulein von Arabin —" „Ich weiß genau, was ich geäußert!" stieß sie hervor und wandte das Haupt wie mit einer unwilligen Bewegung zur Seite. Des Doctors Auge hing an der feinen Profil- linie — die kleine, gerade Nase, mit den ovalen Flügeln, die leise zitterten, das energische Kinn, der schöngeschwungene Halsansatz entzückten ihn. Sie trug dasselbe schwarze, einfache Kleid, in welchem er sie zuerst gesehen, kein Versuch war gemacht, äußerlich in größerer Trauer zu erscheinen. Die Büste, knapp umspannt, trat in voller Schönheit hervor, die sanft geschwungenen Linien über den Hüften verriethen einen klassisch geformten Körper. Gerade jetzt, in dem scheidenden Licht,' wo sie gegen das Fenster gewendet saß, trat das Alles scharf umgrenzt und plastisch hervor. „Ja, es war gut für ihn- das Leben hatte ihm nichts mehr zu bieten." (Fortsetzung folgt.) Ein bürgerlicher Fisch. Von Dr. Fritz Bernhard. Wenn die Fische eines Gewässers einen Staat bildeten, würde man das Geschlecht der Bleie oder Brassen für den behäbigen Bürgerstand erklären müssen. Die Hechte und Barsche würden im Wasserstaat als Agrarier bezeichnet werden, die Plötze als Proletarier schon deswegen, weil sie eine sehr zahlreiche „rothe" Spielart aufweisen. Der Vergleich, der natürlich ebenso hinkt wie jeder andere, ließe sich noch nach einer' anderen Richtung fortspinnen. Wir meinen damit die geringe Werthschätzung, die dem Brassen als Speisefisch zu Theil wird. In Berlin z. B. ist es geradezu auffallend, wie gering die Hausfrauen den Blei im Vergleich zum Karpfen schätzen, und doch ist das Fleich des Blei feiner, zarter und wohlschmeckender als das des Karpfens. Dem Berliner Geschmack haben wir schon eine Con- cession dadurch gemacht, daß wir den Brassen mit dem aus dem Slavifchen stammenden Ausdruck „Blei" bezeichnen. Die reichshauptstädtische Geringschätzung des Brassen scheint uns jedoch mehr auf einer Verwechselung dieses mit seinem minderwerthigen Halbbruder, dem Gieben, Ginster, oder Halbfisch, zu beruhen, andernfalls man dem Berliner Geschmack nicht gerade ein günstiges Zeugniß ausstellen könnte. Die äußere Form des Blei kann wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Er hat eine flachgedrückte Gestalt, die seitlich angeschaut wie ein langgezogenes Viereck erscheint. Genau so, mit derselben Anordnung der Flossen, sieht der Gieben aus., dessen grätenreiches, zähes Fleisch wir gern der allgemeinen Verachtung preisgeben wollen. Unfehlbar jedoch kann man aus der Farbe der Flossen die beiden Vettern unterscheiden: Der Blei hat stets blau graue, der Gieben röthliche Floffen. - 2L8 - Wir nennen dieses Merkmal zuerst, weil es der Hausfrau für den Einkauf die beste Handhabe bietet. Wer bei Tisch sich noch einmal überzeugen will, welchen Fisch er vor sich hat, muß die Schlundzähne untersuchen. Was man bei Fischen eigentlich unter Zähnen versteht, besitzt weder der Brassen noch der Gieben, deren Gaumenknorpel völlig glatt sind. Dagegen haben alle Weißfische auf den unteren Schlundknochen zwei Knochenhaken sitzen, deren nach innen gestellte „Zähne" den Eingang zum Magen decken. Beim Brassen stehen sich je fünf Zähne gegenüber, während der Gieben außer den fünf noch zwei oder allenfalls drei kleinere Zähne in einer zweiten Reihe stehen hat. Es ist leider Thatsache, daß die meisten Kochbücher den Artikel Fisch sehr stiefmütterlich behandeln. Wer in einer fischreichen Gegend und in einem Elternhause ausgewachsen ist, in dem es wöchentlich mindestens sechsmal Fisch gab, der wird, wie Verfasser dieses, jedes Kochbuch fischarm finden. Wenigstens weisen drei vor uns liegende gastronomische Lehrbücher, von denen eines sich gar als ein Preis- Kochbuch bezeichnet, in diesem Punkt ein entsetzliches Manko auf. Ein gewichtiger Nationalökonom könnte aus diesem Anlaß in einem langen Artikel nachweisen, daß Deutschland einem äußerst nahrhaften und schmackhaften Nahrungsmittel viel zu wenig Beachtung schenkt oder an Fischen sogar Mangel leidet. Vielleicht ist Beides richtig. Was sollte man dazu sagen, daß ein so wichtiger Speisefisch wie der Blei in den meisten Kochbüchern mit dem kurzen Hinweis abgethan wird, daß er ebenso zubereitet werden kann, wie der Karpfen. Das stehl genau auf derselben culinarischen Erkenntnißstufe, als wenn man Filet wie altes zähes Rindfleisch behandeln wollte! In den meisten Haushaltungen wird demzufolge der Brassen nur in Bier zubereitet und in der Großstadt gar mit bitterem Bier, da das köstliche einfache oder Braunbier nicht erhältlich ist. Der zweite Fehler, den viele Hausfrauen begehen, ist, daß sie den Fisch nicht lange genug kochen lassen, aus Furcht, er könnte in kleine Stückchen zerfallen. Nun, dagegen giebt es ein sehr einfaches Mittel: man „schreckt" den kochenden Fisch in kurzen Zwischenräumen mit einem Schuß kalten Wassers ab. Dann kann er zwei, drei Stunden kochen, ohne zu zerfallen. Bei dieser Gelegenheit möchten wir gleich die Frage berühren, ob der Karpfen und Blei geschuppt werden muß oder nicht. Wir wissen sehr wohl, daß wir uns mit vielen Hausfrauen in scharfen Widerspruch setzen, wenn wir die Schuppen entfernt wissen wollen. Die Zubereitung dieser beiden Fischarten mit ihren Schuppen ist geradezu unappetitlich, denn die Haut der Fische ist von Parasiten aller Art, die theils auf, theils unter den Schuppen ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben, besetzt. Unter diesen Schmarotzern giebt es Würmer und krebsartige Thierchen, Crustaceen, von denen eine Art den wenig lieblichen, aber für ihr häufiges Vorkommen recht bezeichnenden Namen „Karpfenlaus" führt. Die Vertilgung dieser Parasiten, deren Entfernung den Wohlgeschmack wohl kaum beeinträchtigen dürfte, ist nur durch Abschuppen der Fische möglich. Wer sich an solche „Kleinigkeiten" indeß weiter nicht stößt, mag seinen Blei oder Karpfen auch ferner mit Schuppen kochen lassen. Daß der Brassen gebraten sehr gut schmeckt, scheint wenig bekannt zu sein. Wir meinen indeß nicht das Braten in flacher Pfanne, sondern die in England und neuerdings auch in Deutschland beliebte Art, die dem Fisch nicht sein seines Aroma raubt und die darin besteht, daß man den in Ei und geriebener Semmel gewälzten Fisch in ein großes Gefäß mit siedendem Fett legt, wo er sich schnell mit einer knusperigen Hülle bezieht, unter der der Fisch äußerst saftig bleibt. Indeß möchten wir uns nicht zu sehr in culinarische Fragen vertiefen, obwohl wir noch viel zu erzählen hätten. Zum Beispiel, wie man in Ostpreußen Weißfische aller Art, Bleie, Gieben, Plötze, Döbel und andere im Ofen backt. Gut gereinigt und scharf gesalzen, werden die Fische nach dem Brodbacken auf Blechen in den Ofen geschoben und ganz knusperig geröstet. In dieser Form hallen sie sich, trocken aufbewahrt, monatelang. Leider findet man nur noch wenige Haushaltungen, die in der Lage sind, Fische auf Vorrath abzubacken. Die geradezu schädlich wirkende „Schonzeit", die eigentlich „Raubzeit" genannt werden müßte, haben den Fischrcichthum Nord- s deutschlands fast vernichtet. Einen unwiderleglichen Beweis dafür finden wir in dem Rückgang der Durchschnittsgröße. Vor fünfundzwanzig Jahren waren Brassen von 15 bis 18 Pfund nichts Ungewöhnliches/ jetzt wird man auch in einem überreichen Zug, der hundert Tonnen auf einmal umschließt, kaum noch einige Brassen über 10 Pfund Gewicht finden. Die Ursachen dieser überaus traurigen Erscheinung sind nicht leicht zu beseitigen. Seit Jahrhunderten sind die Fischer nur gewohnt, zu ernten, ohne gesät zu haben. Im Lauf der Zeit haben sich die Fanggeräthe vervollkommnet, der Betrieb der Fischerei ist intensiver geworden, die Fische werden nicht genügend geschont — ist es da ein Wunder, wenn ihre Zahl und Größe rapid abnimmt? Man könnte vielleicht einwenden, daß die Thätigkeit vieler Fischvereine das Gegentheil erweist. Mit nichten! Diese Vereine beschäftigen sich nur mit „edlen" Fischarten, mit Coregonen und Salmoniden, mit Forellen- und Lachsarten. Ihre Thätigkeit kommt daher ausschließlich den Flüssen und Bächen zu gute. Um die zahllosen Binnenseen, die viele tausend Ouadratkilometer ausmachen, und ihren werthvollen Inhalt bekümmert sich Niemand. Und doch ist es viel leichter, Sommerlaichfische zu vermehren als Winterlaicher. Wenn die laichreifen Fische sich auf ihren Laichstellen ansammeln, dann fängt man sich ein Dutzend Rogner und etwa die dreifache Zahl Milchner. Die Fische werden schnell abgetrocknet und mit sanftem Streichen der Rogen in eine Schüssel entleert. Dann thut man in derselben Weise die Milch hinzu und mischt Beides mit der Hand gut durcheinander. Nach einer Viertelstunde gießt man dann Wasser bei und der künstliche Befruchtungsact ist vollzogen. Nun hat man nur nöthig, die befruchteten Eier in Körbe zu thun, die mit dünnen Reisern dicht gefüllt sind, und diese primitiven Brutanstalten dem See anzuvertrauen. In fünf bis acht Tagen schlüpfen die jungen Fischchen aus dem Ei. Zuerst sind sie zwar noch sehr unbeholfen/ da sie am Halse einen großen Dottersack tragen, aus dem sie zunächst ihre Nahrung beziehen. Der Bewegungstrieb ist aber schon so stark entwickelt, daß die kleinen Geschöpfe in steter Unruhe durch einander wimmeln. In der Freiheit ist dies ihr gefährlichster Zustand. Man schätzt, daß von tausend solcher Fischlein mit dem Dottersack nur zwei diese Periode überleben/ die übrigen fallen den Raubfischen zur Beute- Im Korb sind sie indeß gegen jeden Angriff geschützt. Wenn sie dann, schlank wie Haferkörner, den Korb durch seine feinen Spalten verlassen, ist die Hauptgefahr für sie vorbei. Von zehn Rognern lassen sich, da jeder 200,000 bis 300,000 Eier liefert, mit geringer Mühe anderthalb bis zwei Millionen junger Brassen erzielen. Aber nun das Gegenbild: Drei Tage der Schonzeit sind zum Fischen freigegeben. Vom ganzen See drängen die Fische zum Laichplatz, der natürlich von allen Seiten mit Netzen bestellt ist. Die Fische, die sonst äußerst scheu sind, haben alle Furcht verloren und drängen förmlich in die Netze. Am Tage kommt dann noch das Zugnetz hinzu. Wir haben es bei einer Bereisung der ostpreußischen Seen selbst erlebt, wie in einem fischreichen See der ganze Brassenbestand vernichtet wurde. Schon beim Morgengrauen standen die Kinder im Dorfe am Hofthor im Hemd mit großen Stücken gebackener Brassen in der Hand. An der Laichstelle, die am Ende einer schmalen Bucht lag, war das ganze Dorf versammelt. Die Fische standen, von Netzen eingeschlossen, in dem flachen Wasser so dicht, daß nicht nur die Rücken 244 ®) ein in Eis gehauenes Loch. Echt weiblich. Er: „Na ja, ich will ja zugeben, daß ich Unrecht hatte." Sie: „Das genügt nicht) Du mußt auch zugeben, daß ich Recht hatte!" sichtbar waren, sondern einzelne sogar nach oben hinaus- - gedrängt wurden und minutenlang in Qu* ö°^lten Langsam wurden die Netze angezogen, indessen vorn am^Ufer Männer und Weiber mit Käschern und Körben, I» selbst mit den Händen die Fische aus dem Wasser hoben. ßu machen war dagegen nichts, denn bte Bauern besaßen die Berechtigung, zu fischen, und es war juft einer Ger drei Wochentage, an denen die Schonzeit aufgehoben ist. \ Der Brassenreichthum des Sees war natürlich für lange i Jahre vernichtet. Aehnlich geht es an vielen anderen «een »u. In Folge dessen haben die Brassen ihre naturgemäßen Laichplätze ausgegeben und laichen in der Tiefe, ersichtlich | rum Schaden der jungen Brut. I Sin zweiter Uebelstand ist der, daß die Laichstellen mit schweren Schleppnetzen tu fischt werden, wodurch enorme Mengen von Rogen verloren gehen. Wir sind bei diesem Punkt vielleicht etwas zu ausführlich geworden, aber „wir denken, daß die öffentliche Besprechung solcher Mißstande mit zu ihrer Abstellung beiträgt. Der Brassen gilt mit Recht als der wichtigste Nutzfisch unserer Binnenseen. Im Sommer entgeht der scheue Fisch allen Nachstellungen. Er wird in größeren Mengen erst bei der Eisfischerei gefangen und zwar erst gegen das Früher hin, wenn das Eis undurchsichtig geworden ist, und auch dann nur in den flachen Buchten. Die ostpreußüchen Seen z. B. weisen im Durchschnitt Tiefen von 30 bis zu 60 Meter auf. Dementsprechend sind die Netze bemessen, die Flüge, find 250 bis 300 Meter lang, und bis zu 30 Meter hoch, der Sack 60 Meter und darüber lang. Die Winterfischerei ist ein umständliches Geschäft. Fünf- bis sechshundert Meter vom User wird eine grolle Wuhne*) durch das Eis geschlagen, um das Netz ms Wasser zu bringen. Dann schlägt man nach beiden Seiten parallel dem Ufer acht bis zehn kleinere Oeffnungen durch das Eis und zieht nun mit Hilfe von Stangen, an denen die n ** Selbstverständlicher Zweck. Knabe: „Du, Vaterle, wozu ist da denn a Brücke?" — Bauer: „Dumme Frag, das! Damit das Wasser halt durchlaufen kann!' Rtdaction: I, P.: Hermann Ette. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch. und Vteindrucker« (Pietsch & Scheyda) in Gießen. „am oben «5- i Rußland in Folge der großen Fasten hach rm Prelle. Wer- der Lust zappelten, halb in Rußland? Nun jeder Fisch von den ostpreußffchen 8 ' Seen wird nach Rußland verschickt, die Anwohner der Seen, selbst wenn sie Großstadt-Preise anlegen wollten, bekommen keinen Fisch zu kaufen. Vielleicht ist in absehbarer Zeit eine Besserung zu erwarten, denn die Regierung beabsichtigt, bei Erneuerung der Pachtverträge den Pächtern die Versorgung des Localbedarfs zur Pflicht zu machen. Eine wirkliche Besserung wird aber wohl erst dann eintreten, wenn die jetzt unförmlich großen Pachtloose zertheilt und an bäuerliche Genosfenschaften vergeben werden. Als Angelobject ist der Brassen hochgeschätzt. Aber so groß die Mühe fund Ausdauer, so gering ist der Erfolg. Woran das liegen mag, ist schwer zu entscheiden. In sehr vielen Fällen besteht zwischen der Zahl der Angler und der Fische ein entschiedenes Mißverhältniß. Der Erfolg ist schon so wie so in Frage gestellt, wenn zehn oder zwölf Angler- dicht gedrängt neben einander sitzen. Der Brasfen ist, wie schon oben gesagt, ein scheuer Fisch, der sehr vorsichtig behandelt werden muß. Er zieht an der Schaar umher, wo das flache Ufer an der Tiefe abfällt, um dort, wenn man den Ausdruck anwenden darf, zu äsen. Kann man ihm dabei ohne die Gesellschaft einer Zahl von Sportfreunden nachstellen, so wird auch stets mit Erfolg geangelt. Namentlich wenn man sich die Mühe nicht verdrießen läßt, ihn regelrecht anzusüttern. Zu diesem Zweck bohrt man zunächst zwei lange Stangen in den Grund, an denen später beim Angeln der Kahn befestigt werden soll. Sodann wirft man gekochte Erbsen, Regenwürmer oder auch zerkleinerte, gekochte Fleischreste zwischen den Stangen ins Wasser. Manchmal nimmt der Blei schon nach wenigen Tagen die Stelle an, das heißt, er hält sich seiner sonstigen Gewohnheit entgegen, stundenlang auf dem Futterplatz auf. re Nennungen ourcg un» j Dann fährt man vorsichtig heran und macht den ahn et, von Haken^und Gabeln die langen aber ohne jegliches Geräusch, denn: der kleinste- ß d an Venen ote scheinen befestigt sind, unter dem Schlag genügt, um ihn zu vertreiben. Man thut auch nich «i«Md°° 9U*' S ?n-^d-r?L7h'-7w°°-»w>- ,*«. »« TS»’S- £ SÄ MÄ“ »SÄ* n, a w*** machen. Von weit und breit strömen die Bauern zu ledem Hasser wie mit einer Schaufel fußhoch empor. Zuge, um für Geld und gute Worte em Bericht Fische zu @05a[b man nun die Richtung des Zuges festgestellt erstehen. Aber sehr ost kommt es vor, daß der Fang kaum j man schnell voraus, macht sich im Rohr fest hinreicht, um die Garnleute zu befriedigen, die neben geringem 9^ erwartet die Fische. Vier bis fünf Angeln werden, Geldlohn eine Tonne kleinerer Fische von ledem- Zug er- $ßurm ^steckt, ausgeworfen. Jetzt sind die Brassen am halten. Sobald aber zahlreiche in den Flügeln des Netzes angelangt. An zwei, drei Angeln beißt's zu gleicher steckende Fische anzeigen, daß ein reicher Fang zu erwarten 9 ^um hat man Zeit, den Fisch anzuhauen und in ist, geräth Alles in eine unbeschreibliche Aufregung, denn o 9 wozu man natürlich einen Käscher dann heißt es, schnell den Zug beenden. Ze n, zwanzig dm Kahn yx g trüber. Dann freiwillige Helfer greifen zu-unter Menschenandrang man tn großem Bogen auf dem See an dem biegt sich das Eis um die Wuhne. Unablässig fahrtder '^schwärm vorbei und legt sich in gehöriger Entfernung Fischmeister mit einem Sturgel,ns Wasser, um die fliehenden big 8aueri Betrifft man die Brassen auf diese Fische in den Sack zu scheuchen. in einer engen, flachen Bucht, in der sie längere Zeit Jetzt naht der große Moment. Die Stfdjer treten I j( r m ein großer Fang mit ziemlicher Sicherheit rings um die Wuhne, um den Sack emporzuheben. Imme verwetten ,° iß g dichter stecken die Maschen voll kleinerer Fische, noch find au et»«««- ------------- zwanzig Meter unter dem Eise — nun gehts nicht mehr, Humoristisches. Der Sack ist voll. Ein einziger Zug deckt die Pacht und sonstige Ausgaben des ganzen Jahres. Ist es doch schon dagewesen, daß dreihundert Tonnen Brassen aus einen Zug gefangen worden sind. , , Je mehr, desto besser, denkt der Fischereipächter, denn in den Monaten Februar und März, in denen solche außergewöhnlichen Vorfälle sich ereignen, stehen die Fische in