iTjprny IW I1U1U1I," Er ging ins Hans, es den Mägden und dem Bader ?°^ner. „Für mich war's freilich schrecklich, so Stunden überlassend, für die Todte zu sorgen. äU fetn mit der Leiche des armen, lieben , u 1 ° yJiciucbcnS '* AMMELZLZ MOWtzMEk sehr gütig. Davon hat man so gar nichts gemerkt." „Nur Nachbarpflicht, Herr Amtmann," erwiderte Wenzel, Im höchsten Grade erstaunt über diesen ihm völlig ungewohnten Ausbruch väterlicher Zärtlichkeit machte sich Adolf aus der Umarmung des alten Göbener los und sagte: //Ich war in Waldhof, der Bote ist mir dorthin nach geritten, sonst wäre ich schon früher gekommen." „Kommst immer noch zeitig genug zu dem Elend," jammerte Gobener. „Für mich war's freilich schrecklich, so Stunden er Zu tief in's Leben schaut, s Leicht ihm vor dem Leben graut; Wer nur seine Fläche streift, Tausend Schönes nicht begreift. Glücklich, wem ein Äug' gegeben, Doch zuweilen eine Binde! Glücklich, wessen Herz im Leben Gleichviel hat vom Mann und Kinde! Peter Sirius. (Fortsetzung.) Er gewahrte die erstaunten Blicke der Leute und fuhr fort: ,,^a, ja, Ihr mögt's ja nun wissen, sie ist meines Sohnes Braut, ich wollt's nur nicht haben, daß es eher bekannt wurde, als er sie heirathen konnte. Aber das ist M nun Alles einerlei. Wie sollen wir ihm das Unglück beibringen? Ich mußte eigentlich selbst nach Greifswald, aber ich kann nrcht! Ich kann nicht!" ’ Wieder sank er wie gebrochen in sich zusammen, und da Niemand anders zur Hand mar und der junge Herr doch nothwendiger Weise herbeigerufen werden mußte, so erhielt Jochen den Auftrag, ein Pferd zu satteln und nach der Stadt zu reiten. Als er schon im Abgehen war, rief ihn der Amtmann noch einmal zuruck: au<^ Zu Doctor Holten und bringe ihm die Nachricht, gebot er, „meines Sohnes Wirthsleute werden Dir wohl sagen können, wo er wohnt. Bestelle auch, ich hatte gesagt, er möge herauskommen. Ich habe ihm zwar ^/b°ten meine Schwelle wieder zu betreten, aber in einem solchen Falle hört jo all dergleichen auf," fügte er, wie sich vor sich selbst entschuldigend, halblaut hinzu. Der Amtmann von Rapshagen Criminal-Roman von F. Arnefeld. . Anneliese machte eine pfiffiges Gesicht. „Wer sonst feine Augen braucht." „Der junge Herr ist aber letzte Zeit recht wenig Bier gewesen," bemerkie die Kleinmagd. a Die Andere zuckte die Achseln. „Davon wäre viel zu reden, aber lassen wir die Sache ruhen." Unterdeß ritt Jochen, so schnell sein Pferd laufen konnte, nach Greifswald, erfuhr aber bei Adolf Göbcners Wirthm, daß der junge Herr vor Kurzem fortgeritten sei. Sie hatte zufällig gehört, daß er zu dem Burschen, der das Pferd gebracht, gesagt habe, er wolle nach Waldhof und werde erst spät am Abend zurückkommen. Es blieb Jochen nichts übrig, als ebenfalls nach Waldhof zu reiten; vorher richtete er bei Doetor Holten ftme Bestellung aus, fand ihn aber ebenfalls nicht daheim So war es gekommen, daß mehrere Stunden verqanqen waren' b-»-- Adolf Göbener d-s .r-urlg- End- ,-ln-r Man, fahren hatte. XV. Die Sonnenstrahlen fielen bereits sehr schräg durch die Baumwtpfel, und die nach Westen liegenden Fenster des Gutshauses glanzten und schimmerten wie flüssiges Gold als der Amtsrath Wenzel und Adolf Göbener in Rapshagen ankamen. r J ä Der Hof war wie ausgestorben. Erst nach mehrmaliaem Rufen und Peitschenknallen kam der im Hause ”urücfgeBe„” Kne/ht, um das Pferd zu halten. Gleich darauf erschien auch Göbener. Sobald er seines Sohnes ansichtig wurde, eilte er mir ausgebreiteten Armen auf ihn zu, drückte ihn an seme Brust und rief unter Weinen und Schluchzen • "Lieber, lieber Sohn, kommst Du endlich! Ach, wie schrecklich, tote schrecklich! Daß ich das hier in Ropshagen erleben muß!" r v a 178 im recht zum hast so werlh war," bemerkte der Amtsrath. „Dergleichen darf man sich nie merken lassen," erwiderte Göbener jetzt wieder mit dem ihm eigenen Ausdruck der Pfiffigkeit. „Hätte ich sonst meine Einwilligung zu Adolfs Verlobung mit ihr gegeben?" Er sah wie sein Sohn zusammenzuckte und fügte schnell hinzu: Hausflur standen. „In der großen Wäschkammer." „Laß mich allein zu ihr gehen, ich finde ja den Weg.' Der Alte zog erst ein Gesicht, aus dem Adolf nicht klug werden konnte, was ihm übrigens heute nicht ersten Mal begegnete, dann sagte er: „Meinetwegen- wohl noch Mancherlei mit ihr zu besprechen." Adolf fuhr zusammen. War das Wort nur so hinge sprachen wie manches, was der Vater heute in seiner Erregung schon gesagt, oder wußte dieser von der Untreue, die er in seinem Harzen gegen Anna begangen, was er der „Weshalb jetzt noch ein Geheimniß daraus machen? Es ist mir im ersten Schreck und Jammer doch schon entfahren. Und ich wollte ja nur nicht, daß eine lange Brautschaft spielt, da Du doch noch nicht heirathen konntest! Das ist ja nun aber Alles vorbei!" „Das ist richtig) es wäre aber vielleicht doch besser gewesen, die Verlobung nicht so geheim zu halten," bemerkte der Amtsrath mit Schärfe. In Adolfs todtenbleichen Wangen trat das Blut und er senkte schuldbewußt die Stirn, sein Vater sagte aber völlig unbefangen: „Ach, das hätte ja das Unglück nicht verhindert. Hättest Du ihr nur das verwünschte Thier nicht geschenkt! Ich hab's noch nie leiden können und immer gesagt, es richtet ein Unheil an!" „Sie wünschte sich so sehr einen Papagei und hatte so große Freude daran!" sagte Adolf leise. „Ja, ja, sie war vernarrt in den kecken Vogel, der Alles aufschnappte. Nicht einmal die Flügel wollte sie ihm stutzen lassen, obwohl er schon ein paar Mal davongeflogen war, aus Furcht, es könne dem lieben Thierchen wehe thun, und den schönen Maitag mußte er auch aus erster Hand genießen, darum trug sie ihn in den Garten. Ich sagte ihr, er würde einen Unfug anrichten." Er hatte sich unvermerkt in den Aerger hineingesprochen und die letzten Sätze in seiner gewohnten Art herausgepoltert, nun verfiel er aber wieder in den klagenden Ton, als er erzählte, wie sie Anna im ganzen Hause gesucht hätten. „Als ich den leerstehenden Bauer sah, schwante mir nichts Gutes," fuhr er fort, „aber man will doch nicht gleich das Aergste fürchten. Wir sollten es bald genug erfahren. Der unglückselige Vogel muß davongeflogen sein, Anna ist ihm nachgelaufen, er ist ins Wasser gerathen und sie ist ihm nachgesprungen. Anders kann ich mir die Sache nicht erklären." „ c Er wollte zu der Schilderung der Auffindung des jungen Mädchens und des Papageis aus dem Teiche übergehen, aber Adolf sprang empor und flehte mit aufgehobenen Händen: . „Nicht weiter, Vater! Ich vermag letzt nichts mehr zu hören. Führe mich zu ihr! Ich muß sie sehen!" „Aber mein Sohn —" wollte ihn Göbener zurückhalten, nun aber nahm der Amtsrath das Wort, um Adolfs Wunsch als berechtigt zu unterstützen und der Amtmann forderte Beide auf, ihm zu folgen. „Gehen Sie zuerst allein mit Ihrem Vater, Adolf, tch folge später," sagte der Amtsrath mit einem Zartgefühl, das ihm der junge Mann aus vollstem Herzen Dank wußte. Er verließ mit dem Alten das Zimmer, suchte sich aber auch dessen Begleitung zu erwehren. „Wo liegt sie, Vater ?" fragte er, sobald sie miteinander Todten abzubitten hatte? Die Wäschkammer war ein auf der Rückseite des Hauses belegener, großer, zweifenstriger Raum, in dem die breiten und hohen braungebeizten Schränke standen, welche dte Leinenvorräthe des Hauses enthielten und wo außerdem Körbe, Wasch - Leinen, Klammern, Plätt- und Bügeleisen, Plättbretter, kurz Alles, was zum Trocknen und Glätten der srisch gewaschenen Wäsche erforderlich war, aufbewahrt wurde. An dem in der Mitte des Zimmers befindlichen großen, weiß- gescheuerten Tisch hatte Anna sehr oft Wäsche legend oder Göbeners ausgestreckte Hand nur flüchtig berührend. „Haben Sie denn nicht zu Ihren Schwiegersöhnen geschickt?" 1 „Göbener schüttelte den Kopf. „Meine Frau und meine 1 Tochter in Fuchsberg hätten ja den Tod vor Schreck gehabt, und dann, wen hätt' ich dann schicken sollen? Jochen war unterwegs, den anderen Knecht braucht' ich hier und Taglöhner sind am Sonntag nicht auf dem Hof." „Wo ist sie? Kann ich sie sehen, Vater?" unterbrach Adolf den Redestrom des Alten und dieser schlug sich vor die Stirn. „Da lasse ich Sie hier vor der Thür stehen, Herr Amtsrath! Aber ich weiß wirklich nicht, wo mir der Kopf steht. Hätte nie gedacht, daß mich im Leben noch etwas so mitnehmen könnte." Er ging den Ankömmlingen voran, öffnete die Thür zu der großen Familienstube und ließ sie eintreten. Adolf wandte sich sogleich wieder um. „Wo ist sie? Wohin habt ihr sie gelegt?" „Warte noch einen Augenblick, erhole Dich erst," entgegnete mit besorgter Miene der Vater. „Setzen Sie sich, Herr Amtsrath, 'darf ich Ihnen eine kleine Erfrischung bringen lassen?" Wenzel lehnte sehr entschieden ab, innerlich verwundert über das Benehmen Göbeners, der sonst nicht so leicht bei der Hand war, vorübergehenden einsprechenden Gästen Erfrischungen anzubieten und seinen nächsten Angehörigen Schonung angedeihen zu lassen. Das furchtbare Ereigniß mußte sein ganzes Wesen in allen Fugen erschüttert haben. „Nun sagen Sie mir einmal, Herr Amtsrath, wie ist denn das Unglück eigentlich geschehen? Wie konnte das junge Mädchen am hellen lichten Tage in den Teich gerathen?" fragte der Amtsrath, Adolf, der aus dem Zimmer eilen wollte, bei der Hand zurückhaltend. „Ach, lieber Herr Nachbar, wenn ich das selber so genau wüßte, so wäre es vie-eicht nicht geschehen," antwortete Göbener und wischte fich mit dem Rücken der Hand die wieder hervorquellenden Thräneu aus den Augen. „Sie war ja ganz allein mit der alten, tauben Suse im Hause. Die Leute waren in der Kirche und ich machte einen Gang über die Felder, wie ich das an Sonntagsmorgen gern thue." Amtsrath Wenzel hatte von dieser Gepflogenheit Göbeners bisher zwar keine Kenntniß gehabt, er ließ sie aber durch ein stummes Kopfnicken gelten und dieser schilderte nun, wie er vor seinem Ausgange noch im Garten gewesen sei und mit Anna gesprocken habe, die mit ihrem Papagei und einem Buche fich draußen hingesetzt hatte. Dann erzählte er, wie Wenzel bedünken wollte, ausführlicher, als im Augenblicke angebracht war, er habe gleichzeitig mit den beiden Knechten den Hof verlassen und beschrieb, welchen Weg er genommen habe und welche ihm bekannte Umwohner ihm begegnet waren und mit ihm gesprochen hatten. Ohne sich von Adolf, der ihn voll Ungeduld mehrmals zu unterbrechen versuchte, daran verhindern zu lassen, gab er hierauf noch eine ausführliche Beschreibung der Ereignisse nach seiner ein paar Minuten nach zwölf Uhr erfolgten Rückkehr nach Rapshagen, wobei er nicht verschwieg, daß er sehr ungeholten gewesen sei, als er den Tisch noch nicht gedeckt und keinerlei Vorbereitungen zum Mtttagsessen gefunden und daher gescholten und gewettert habe. „Hätt's nicht thun sollen!" fügte er, sich wieder die Augen trocknend, hinzu. „Hätt's wissen können, der Anna müsse ein Unglück zugestoßen sein, wenn die etwas versäumte. Es war ein gar gutes, pflichtgerreues Mädchen!" „Ich wußte gar nicht, daß Ihnen die junge Anverwandte 179 Plättend gestanden,- heute lag sie unweit davon auf einer auf dem Fußboden ausgebreiteten Decke, mit einem weißen Tuche zugedeckt. Es herrschte bereits eine leichte Dämmernng in dem Gemache, vor dessen Fenster ein Baum stand. Das junge Laub war aber doch noch nicht dicht genug, um die letzten Strahlen der sinkenden Sonne ganz auszuschließen und so fiel ein solcher, als Adolf mit bebenden Händen die Hülle entfernte, auf das wachsbleiche Gesicht der Todten und verlieh ihm einen täuschenden Schimmer des Lebens. Doch nein, nicht des Lebens, sondern der Verklärung, der Vergeisterung. Nicht in den Tagen, wo er Anna über Alles zu lieben, ohne ihren Besitz nicht leben zu können geglaubt, war sie ihm so schön, so Lieblich vorgekommen wie jetzt, wo er sich über diese arme entseelte Hülle beugte, über diesen kleinen Kopf, dessen aufgelöstes hellbraunes Haar wie von einer Strahlenglorie umwoben schien. Die Augen sahen aus, als wären sie im friedlichen Schlummer geschlossen, aber auf der Stirn und ganz besonders um den ganz leicht geöffneten Mund lagen Linien, welche Adolf noch nie darauf bemerkt hatte und welche doch nicht von dem kurzen Todcskampfe eingegraben sein konnten. Während er an der Leiche stand, ging ihm eine furchtbare, ihn tief erschütternde Offenbarung auf: er war weit schuldiger gegen Anna als er selbst gewähnt hatte. Sie hatte um seine Treulosigkeit gewußt, hatte schwer und schweigend darunter gelitten. Was er jetzt vor sich sah, das war ihr wahres Gesicht, das sie unter einem freundlichen Lächeln, einer sanften, hingebenden Miene verborgen hatte, so oft er in ihrer Nähe gewesen war. Und hatte er sich dann da immer die Zeit und die Mühe genommen, sie genau anzusehen? War nicht sein Hirn mit ganz anderen Gedanken beschäftigt gewesen, hatte seinem Auge nicht ein ganz anderes Bild vorgeschwebt? „Anna, vergieb, vergieb!" rief er schluchzend und sank neben ihr nieder, ergriff eine ihrer kalten, starren Hände und faltete die seinigen darüber. Die Liebe, welche er einst für das einfache junge Mädchen empfunden und welche Carolas leuchtende Erscheinung in den Hintergrund gedrängt hatte, brach wieder hervor, stärker, inniger, heißer- es war ihm, als erwache er aus einem Traum zum vollen Bewußtsein dessen was er besessen hatte — und verloren! „Anna vergieb, vergieb!" wiederholte er, ihre bleiche, kalte Stirn mit seinen Lippen berührend, „ich habe Dir sehr, sehr wehe gethan, ich weiß jetzt, daß Du gelitten hast um meinetwillen. Ich habe eine schwere Schuld gegen Dich auf mich geladen und keine Reue vermag sie zu sühnen!" Plötzlich fuhr er zusammen, ein Schauer schüttelte seine Glieder. War die Schuld vielleicht noch viel größer und schwerer? Hatte er ihren Tod auf dem Gewissen? War sie freiwillig aus dem Leben geschieden, das ihr werthlos geworden, seit sie sich nicht mehr von ihm geliebt wußte? Was ihm sein Vater über das Ereigniß, das ihren Tod herbeigeführt haben fo'lte, mitgerheilt hatte, klang doch nicht ganz glanbwürdig. Sollte das ruhige, besonnene Mädchen wirklich in blinder Hast dem Papagei nachgesprungen sein? Galt ihr das Leben des Thieres so viel, daß sie, um es zu retten, das eigene auf das Spiel setzte? Der Papagei war freilich sein Geschenk. Die süßesten Erinnerungen ihrer jungen Liebe waren damit verknüpft. Ihn verlieren hatte vielleicht für sie das Zerrreißen eines letzten Bandes bedeutet? Wer konnte sagen, was in der herb verschlossenen Seele eines leidenden, gänzlich auf sich selbst angewiesenen jungen Mädchens vorging? War sie in den Tod gegangen und hatte den Gefährten ihrer einsamen Stunden, den Einzigen, dem sie ihren schweren Hcrzenskummer anvertraut, mit sich genommen? Eine Vorstellung war immer quälender als die andere, und welche war die richtige? „Wahrheit! Klarheit!" stöhnte er und hielt sich den brennenden Kopf. „Wer giebt sie mir? Und was frommt sie mir?" „Ob mein Vater die Wahrheit ahnt und sie mir barmherzig vorenthalten will?" sann er weiter. „Er kommt mir so anders vor, behandelt mich mit einer Rücksicht, die ihn mir ganz fremd erscheinen läßt." „Anna, Anna!" schrie er auf, „bin ich wirklich Dein Mörder? Jst's mein Wankelmuth, der Dich in den Tod getrieben hat?" Da war es ihm, als ob die Todte sich rühre. Entsetzt sprang er empor. Hinter ihm hatte sich die Thür geöffnet, ein Luftzug bewegte das zurückgeschlagene Tuch. Erst jetzt bemerkte Adolf, daß er sehr lange an der Leiche der Unglücklichen verweilt haben mußte, denn das Tageslicht war verglommen, Schatten der Dämmerung erfüllten das Zimmer und zogen ihren grauen Flor auch über das bleiche, stille Gesicht der Todten. Schritte ertönten hinter ihm. Er wandte sich um und stand Stephan Hotten gegenüber, dessen Auge finster, drohend auf ihn gerichtet war. — (Fortsetzung folgt.) Ein Wort zu Gunsten des Frauen- und Mädchen-Turnens, Von Rudolf Müller, Turnlehrer. Die Leibesübungen sind wohl so alt, wie das Menschengeschlecht und so innig und unzertrennlich mit unserem Leben verbunden, daß sie selbst einen Hauptfactor desselben ausmachen. Wersen wir einen Blick auf die Urzustände der Menschheit, so wird uns dies um so klarer. Der noma- disirende Jäger in den Wäldern, an den Ufern der großen Flüsse und Seen, der Schiffer auf den Meeren und der seine Heerden schützende Hirte, — überall und zu jederzeit beutegieriger Kampf. Alle diese Lebensarten setzten ein bewegtes Dasein voraus und mußte bei der großen Unzuläng- j lichkeit an geeigneten Handgeräthen und Waffen ungemein viel Kraft zur Vollbringung des Angestrebten verwendet werden. Der Mensch jener grauen Vorzeit mußte des Speeres kundig sein im Wurf und Stoß, denn weithin galt es, sicher den wuchtigen Schaft zu schleudern, den Bogen straff zu spannen, sicher zu treffen. Handfest die Keule und Axt, rasch und behende im Lauf und Sprung. Um diese Kraft und Gewandtheit zu erlangen, war von früher Jugend ein häufiges Neben unerläßlich. Bei den alten Griechen wurden die Leibesübungen ganz besonders gepflegt und bei Festen dann die Tüchtigsten im vollen Glanze körperlicher Tüchtigkeit mit Preisen, Kränzen aus heiligem Haine belohnt. Diese Leibesübungen waren bei allen Völkern im Alterthum und Mittelalter ganz natürliche, den Verhältnissen und der Lebensweise entsprungene, wie sie alle Völker durch- machtcn, bis sie durch die Cultur dem Urwüchsigen entrückt in die Bahnen des Fortschritts und der verfeinerten Lebensweise einlenkten. Bis in unser Jahrhundert haben die Leibesübungen glücklicherweise durchgegriffen und die ganze gebildete Welt icbeint zu der Einsicht gekommen zu sein, daß mit den immer vorwärts schreitenden Anforderungen an unser geistiges Vermögen auch die Uebung, Ausbildung und Vervollkommnung unseres Körpers Hand in Hand gehen muß. Die Gefahren für die Gesundheit, welche das heutige Leben mit sich bringt, treffen nichr alle Schichten der Bevölkerung in gleichem Maße. Auch zwischen den Geschlechtern besteht nach dieser Richtung hin ein wesentlicher Unterschied. Der Manu tritt gegen die Gefahren der Gesundheit weit besser ausgerüstet in das Leben ein, als das Weib. Während das männliche Geschlecht, von Natur aus mit den Vortheilen eines starken, i widerstandsfähigen Körpers ausgestattet ist, ist das weibliche 180 Geschlecht zarter und körperlich empfindsamer, d. h. körperlich verfeinerter gehalten. Das Weib vermag sonach weniger den herantretenden Gefahren des Lebens zu trotzen, als der Mann. Wenn die Knaben in der stürmischen Bewegung ihrer wilden Spiele, im Ringen und Stoßen, im Klettern und Jagen ihre Kräfte üben, werden die Mädchen von der Sitte zu ruhigerem Verhalten veranlaßt, zu einer künstlichen Beschränkung ihrer jugendlichen Beweglichkeit erzogen. Während der Knabe seine ganze freie Zeit zumeist der freien Körperausbildung widmen kann, sitzt das Mädchen am Clavier, am Strickstrumpf, am Stickrahmen. Und endlich ist auch die weibliche Kleidung an und für sich kräftiger Bewegung hinderlich. Es fehlt die freie Bewegung. Anstand, Sitte, gute Erziehung uns andere an und für sich hochzuschätzende Güter haben auf dem Gebiete der leiblichen Leibespflege ge- wisie Vorurtheile erzeugt, die schon dem kleinen Mädchen, das noch Kind ist, freies Umhertummeln verbieten, die es in enge Kleider einschuüren und leider so oft verkümmern und verwelken lassen. Auch das sociale Leben der Gegenwart hat die Frau in eine ungünstige Lage gebracht, ja gedrängt und es ist dringend zu wünschen, daß sie aus derselben befreit werde, daß ihr das Recht zutheil werde, sich gesund und kräftig zu entwickeln. Einsichtige Pädagogen haben das längst erkannt und im Frauen- und Mädchenturnen ein Mittel gegen diese Vernachlässigung gefunden und dieses warm empfohlen. Die Aerzte schließen sich ihnen rückhaltlos an, sofern dieses Turnen, diese Leibesübungen nicht eine bloße Nachahmung des Turnens der Männer bildet, sondern dem Wesen der Frau angepaßt wird. Leider sind auf diesem Gebiete immer noch Vorurtheile zu bekämpfen, die in den meisten Kreisen gegen das Turnen der Weiblichkeit herrschen, sowie die Gleichgültigkeit der Massen, welche jeder noch so guten Neuerung abhold sind. Auch das Schulturnen gewinnt in Mädchenschulen nur langsam Boden! — Wenn es doch einmal Mode bei den Frauen würbe — so möchte ich ausrufen — einen kraftvollen Körper zu besitzen, dann wäre den Leibesübungen für die Frauenwelt jeder Hauch von Emancipation genommen, dec für uniere Töchter noch immer darüber zu lagern scheint! Wenn sich das weibliche Geschlecht nur erst einmal recht bewußt würde, daß ein starker, kräftiger, gesunder Körper auch „Schönheit" ist, das würde den hygienischen Leibesübungen eine große Nummer bei ihnen sichern! Ein genügendes Maß von Bewegung ist ein vortreff ltches Mittel zur Entwickelung des Körpers, zur Erzeugung und Eihaltung von Kraft und Gesundheit, zur Vorbeugung von Krankheiten, während der Mangel an Bewegung fast immer Krankheiten zur Folge hat. Die gesteigerten Anforderungen an den Geist der Menschen, der tägliche harte Existenzkampf, wirken schädigend auf den Gesammtorganis- mus, sie haben naturgemäß eine Reihe von Leiden zur Folge- abgeschwächte Herzthätigkeit, mangelhafte Blutbildung, Athmungsbeschwerden, Verdauungsstörungen, nervöse Schwäche, Reizbarkeit des Gemüths und andere Uebel, die heute zu den alltäglichen Krankheitserscheinungen der Frauenw-lt vornehmlich in den Großstädten gehören. Man braucht nur die Schaaren blasser Schulkinder, welche die Straßen des Morgens beleben, die gebrechlichen, schmalhüftigen Frauen und Mädchen anzublicken, um ein Bild von der Unzulänglichkeit solcher Verhältnisse zu haben. Schwerlich wird durch gewöhnliches Spazierengehen dem naturgemäßen Erforderniß an Körperbewegung genügend entsprochen, das namentlich bei reichlicher und gehaltvo er Nahrung umfassende Bewegungsthätigkeit erheischt. Ja, wenn man nur üderhaupt an regelmäßiger Bewegung an Gehen, an vieles Gehen, in frischer, freier Gottesnatur dächte! Die Men chen verbringen eben ihr Erdenleben meistens in geschlossenen Räumen. Um einen gesunden, rüstigen Körper zu erhalten, oder sich zu erhalten, ist jedoch das Spazierengehen noch kein ausreichendes Mittel, hier müssen körperliche, regelmäßig vo-genommene Hebungen, das heißt systematische Leibesübungen vorgcuommen werden, die ausgleichend wirken. Nur Gesundheit ist Sckiönhftt, Anmuth und Grazie- Kraft herbeiführen heißt Gesundheit erzeugen. Welche Vec- kehriheir, wenn man z. B. meint, ein Mädchen dürfte nicht viel essen, das sei nicht chic und kräftiges Wangcnroth sei nicht fashionable oder dergleichen. Jeder vernünftig Denkende wird dem gesundheitlich erzogenen Mädchen vor den sensiblen Treibhauspflanzen unserer heutigen Großstadrsalvns den Vorzug geben. Das Turnen bildet das beste Gegenmittel gegen die Anforderungen der Schule und der häuslichen Erziehung des weiblichen Geschlechts. Unsere Muskeln sind die Erzeuger der Körperwärme und haben unersetzlichen Einfluß auf die Blutbewegung des Körpers und auf unsere Athmung- sie sind die eigentlichen Blutbildner und Blutreiniger unseres Organismus. Was daher die Muscalatur festigt und stärkt, was überhaupt sie erst bildet, muß einen hauptsächlich gesundheitlichen Factor darstellen. Dieser wichtigen Aufgabe wird das Turnen gerecht. Leicht könnte man hier annehmen, daß es nun nur nöthig und nützlich wäre, den weiblichen Tnrnunterreicht bis zum Abschluß der körperlichen Entwickelung auszudehnen. Gewiß sind die Jahre der Kindheit ganz besonders geeignet, die Lebenskraft des Mädchens zu mehren und za stärken und diese Zeit Pflegt auch die höchsten Anforderungen an sie zu richten, da schon vom zweiten Jahre an das rasche Waehsthum des weiblichen Körpers beginnt. Hier heißt es vor Allem den Verbiegungen der Wirbelsäule dem Sch ef- werden entgegenzuarbeiten. Doch auch nach Verlassen der Schule darf die körperliche Ausbildung des Weibes nicht vernachlässigt werden; das Sitzen bei Handarbeiten ’c. erfordern eine doppelte Rücksichtnahme auf die Pflege dcS ganzen Körpers und es ist hier die Aufgabe der Erziehung, durch systematische Körperübnngen, durch Turnen, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Lonst ist große Gefahr vorhanden, daß später der ersehnte Hafen des häusliche» Glückes für den widerstandslosen Körper eine Stätte von Leiden, ja auch Siechthum wird. — Wenn ich noch ein Wort der Bekleidung beim Turnen reden soll, so will ich nicht verfehlen, darauf hinznweisen, kein einschnürendes Kleidungsstück zu tragen. Ein solches' Gewand würde der Ausdehnung des Brustkorbes und der vermehrten Thätigkeit der Rumpfmusculatur hinderlich sein, ja dieselbe aufheben. Fragt man mich schließlich, ja, wo sollen wir Frauen und Mädchen nun eigentlich turnen, nun so will ich Euch bie Antwort nicht schuldig bleiben. Laßt die Mädchen in den Schulen turnen und im Freien viel spielen. Im Spielen liegt Turnen! Ihr Jungfrauen und Frauen aber schließt Euch den jetzt überall erstehenden Frauenabtheilungen an oder treibt wenigstens Hausgymnastik, allein für Euch, oder unter fachlicher Leitung einer competenten Person. Die Hausghmnastik ist für die Jungfrauen und Frauen schon aus dem einen Grunde wichtig, weil sie selbst die übertriebensten Ansprüche des conventionellen Anstandes, ich möchte sagen: der Prüderie, vollkommen wahrt. Es kann doch kein noch so peinliches Gefühl verletzt werden, wenn z. B. die Tochter des Hanfes unter Aussicht einer Lehrerin, oder gar der Mutter, im eigenen Hause turnt!? — Humoristisches. Verfänglich. Fremder (an der Kasse der Menagerie) r „Ist auch ein Kamcel in der Bude zu sehen?" — Besitzer: „Natürlich . . .«"treten Sie nur näher!" Sebactitn I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steinbii dm-i (Pietsch & Scheyda) in Gießen.