BI. r '■ r M ie Arbeit, die Dir zugewiesen, Erledige zur rechten Zeit, Dann kannst Du auch die Lust genießen In dem Moment, wo man sie Leut. Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Schluß.) XXIII. Der Kammergertchtsrath Göring betrachtet den ihm Gegenüberstehenden mit Augen, die eine ungeschminkte Be- wunderung wiederstrahlen. „Sie sind ein edler Mann, Herr Köster," sagt er, als Carl nun zu sprechen aufhört. „Wir Alle haben Ihnen viel, viel abzubitten. Sie haben wie ein Held gelitten. Um so schwerer ist die Verschuldung meines Schwiegersohnes." „Mein Gott, Herr Kammergerichtsrath," entschuldigt Carl den Bruder. „Er hat ja gebüßt, er hat ja gelitten genug. Sehen Sie ihn doch einmal an! Er befand sich ja doch in einer Zwangslage, er konnte ja doch kaum anders. Sie werden es ihm nun nicht weiter nachtragen?" Die milden Züge des Herrn Göring nahmen einen strengen Ausdruck an, während er entgegnet: „Zunächst soll der Schuldige sein Vergehen sühnen, wie Gesetz und Sittlichkeit es ihm vorschreiben, dann will ich sehen, ob ich ihm das, was er uns Allen zugefügt hat, verzeihen kann." Carl fährt erschrocken zurück. „Um Gotteswillen, Herr Kammergerichtsrath," stammelt er, ^„Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie — daß Sie Ihren eigenen Schwiegersohn zur Anzeige bringen werden? Bedenken Sie doch nur den Scandal, die Folgen für Ihre Tochter!" Herr Göring blickt ernst, fast düster vor sich hin. „Die Rücksicht auf mich," erklärt er, ohne sich eine Secunde zu bedenken, „die Rücksicht auf meine Familie kann mich nicht abhalten, das zu thun, was ich als meine Pflicht erkenne. Und meine Pflicht als Jurist gebietet mir, den Verbrecher, der noch nicht gesühnt hat, der strafenden Gerechtigkeit auszuliefern. Soll ich mich durch mein Schweigen zum Mitschuldigen machen? Soll ich an dem i himmelschreienden Unrecht, das Ihnen angethan ist, theil- ; nehmen?" Carl Köster erhebt abwehrend" seine Hand. „Aber Herr Kammergerichtsrath," ruft er voll Eifer, „das ist doch nun längst vorüber, das ist doch abgethan. Heute ist doch die alte Geschichte vergessen, Niemand denkt noch mehr daran." Aber Herr Göring verneint entschieden. „Der gestrige Vorfall," entgegnet er, „belehrt Sie eines Anderen. Ich kann nicht zugeben, daß Sie Ihr Leben lang als der Thäter eines Verbrechens gelten, das Sie nicht begangen haben, und dessen wirklichen Thäter ich kenne. Sie haben genug erduldet, Niemand hat das Recht, Ihnen die Genugthuung, die Ihnen gebührt, vorzuenthalten." * * * Otto sitzt brütend vor seinem Schreibtisch. Fiebernde Erwartung glüht ihm in den Adern. Was werden ihm die nächsten Stunden bringen? Wie wird sich Constanze verhalten, wie der Kammergerichtsrath? Werden sie ihm verzeihen, werden sie schweigen? Er vergegenwärtigt sich seines Schwiegervaters ehrwürdige, ehrfurchtgebietende Gestalt, seinen milden, aber unantastbar rechtlichen, sittenstrengen Character, und Schauer der Angst und Scham, des Entsetzens durchrieseln seine Brust. Muthlosigkeit und Verzweiflung packen ihn. Wie jsoll er ihm gegenübertreten mit dem vernichtenden Bewußtsein, so schändlich an ihm und seiner Tochter gefrevelt, mit der Gastfreundschaft, mit dem Vertrauen, mit dem Jene ihn beehrt, so schändlich Mißbrauch getrieben zu haben? Er reißt in raschem Entschluß das oberste Schubfach seines Schreibtisches auf, schon streckt sich seine Hand nach dem Revolver aus, der hier aufbewahrt liegt, da fällt sein Blick auf ein kleines, hölzernes Pferdchen, das neben seinem Schreibtisch auf dem Boden liegt. Der Arm sinkt matt auf die Schreibtischplatte zurück und seine herben, entschlossenen Züge nehmen im Nu einen schlaffen, weichen Ausdruck an. „Mein Eberhard," murmeln seine blassen, zuckenden Lippen, „mein liebes, süßes Kind!" Soll er sich tödten, soll er sein Kind, sein heißgeliebtes Kind niemals Wiedersehen? Soll er ihm, dem hilflosen kleinen Wesen den Schutz, die Liebe, die Fürsorge des Vaters rauben? Nein, nein! Zu fest ist sein Herz an Weib und Kind gekettet. v 8 Und wieder beginnt er seine Lage zu überdenken. Es ist ja unmöglich, daß ihn Constanzes Vater der Schande, 114 der Schmach überliefern wird. Er wird, er muß ja schweigen. Und dann, wie wird sich dann die Zukunft gestalten? Zeitlebens wird er dem Kammergerichtsrath mit Zittern und Zagen gcgenübertreten, mit niedergeschlagenen Augen, voll Scham und Reue. Jedes wärmere Wort, jeder innere Verkehr ist zwischen ihnen für alle Zeit zur Unmöglichkeit geworden. Das Geheimniß des ungesühnten Verbrechens wird immer zwischen ihnen stehen. Und wie wird ihm Constanze begegnen? Muß sie ihn nicht verachten, verabscheuen, verfluchen? Wird ihn nicht das Bewußtsein seiner Schuld in ihrer Nähe zu Boden drücken? Entsetzt springt der Einsame auf. Nein, nein! Eine solche Zukunft wird ja noch viel martervoller sein als je eine Stunde seiner Vergangenheit es gewesen. Wie, wie sich Ruhe, wie sich Frieden, wie sich Verzeihen und Vergessen verschassen? Verzweifelt brütet der Unglückliche über die schier unlösbare Frage, verzweifelt läuft er im Zimmer auf und ab, seine Hände ringend, sein Hirn zermarternd. Da geht es plötzlich wie ein Blitz der Erkenntniß in seiner Seele auf. Sühnen muß er, was er verschuldet, ehrlich sühnen, sich das schwere Geheimniß seiner Schuld von der Seele wälzen! Längst hätte er cs thun müssen, längst! Wie eine Offenbarung kommt es über ihn. Nie, nie wird er Friede mit sich und den Anderen finden, wenn er nicht offen bekannt hat, wenn er nicht die Strafe, die das Gesetz bestimmt, auf sich genommen hat. Verblendeter Thor, der er gewesen, wenn er geglaubt hat, mit dem Bewußtsein seiner ungesühnten Schuld je wieder froh und glücklich werden zu können! Und nun nicht länger gezaudert! Er setzt sich an den Schreibtisch und schreibt einen langen Brief an Constanze, sich häufig unterbrechend, indem er seinen Kops in die Hände stützt und" schwere Seufzer aus beklommener Brust ausstößt. Endlich hat er den Brief zu Ende gebracht. Entschlossen springt er auf. Es muß sein, es giebt keinen anderen Ausweg. Er geht auf die Straße hinaus, äußerlich ruhig, gefaßt, und die erste Droschke, die ihm begegnet, ruft er an, um sich nach dem Criminalgericht in Moabit zu begeben. * * -r- Der Prozeß Köster . nimmt einen schnellen Verlauf. Da der Arrestant sich freiwillig gestellt hat und ein offenes Geständniß ablegt, finden nur wenige Vernehmungen statt. Die Einzige, die den Angeklagten im Untersuchungsgefängniß besucht, ist seine Mutier. Otto erschrickt bei diesem Anblick aus's Tiefste. Ein brennender, fast unerträglicher Schmerz durchfährt seine Brust. Das ist nun sein Werk. Wenige Wochen haben die sonst so rüstige, lebhafte Frau zur Greisin gemacht. Ihr dunkles, bisher nur mit wenigen Silberfäden durchzogenes Haar ist schneeweiß geworden. Ihre Haltung ist gebeugt und nur mühsam bewegt sie sich vorwärts. So sehr sie sich auch Mühe giebt, es zu verbergen: auf den ersten Blick sieht er, der Erschütterte, daß sie zur siechen, hinsälligen Greisin geworden. Nie hat er so bitter bereut, was er gethan, als in diesem Augenblick. Stöhnend schlägt er die Hände vor sein Gesicht und bricht in ein heftiges Weinen aus. „Aber Otto — Ottocken!" ruft die alte Frau und umfaßt ihn und streichelt ihn. „So fasse Dich , doch, so weine doch nicht so, mein guter, mein lieber, mein armer Otto! Es wird ja nicht so schlimm werden. Ich habe ja schon mit dem Untersuchungsrichter gesprochen. Daß Du Dich selbst gestellt hast, das rechnen sie Dir sehr zu Deinen Gunsten an. Ich hab's ihm ja auch gesagt, dem Herrn Richter, daß Du gar nicht so sehr schuld bist. Mein Gott, was hättest Du denn damals thun sollen? Gutwillig hätte Dir ja Vater das Geld doch nicht gegeben. Vater und ich, wir find ja viel mehr schuld als Du. Wenn ich's nur von Dir nehmen könnte, Ottochen! Wenn ich nur wüßte, was ich thun soll, Ottochen! Sie streichelt ihm die Wangen und küßt ihn. Und er drückt sie ergriffen an sich und das Bewußtsein, daß es noch ein Herz giebt, das trotz alledem treu an ihm hängt, erhebt ihn vor sich selbst. Wenn ihn auch alle Anderen schmähen und verachten müssen, die Liebe der Mutter kann ihm nichts in der Welt rauben. — Für sie bleibt er immer der Schuldlose, Bedauernswerthe. In ihren Augen hat jeder Andere mehr Schuld an der That als er selbst. Schon vier Wochen später findet die Verhandlung gegen Otto Köster statt. Der Urtheilsspruch lautet milde genug, auf ein Jahr Gefängniß. Während Otto in dem abstumpfenden ewigen Einerlei des Gefängnißlebens seine Tage in einem Zustand dumpfer Ergebung hinspinnt, ist die Mutter für ihn unermüdlich thätig. Sie rennt von Pontius zu Pilatus und mit ihren Bitten und Gnadengesuchen weiß sie es richtig dahin zu bringen, daß ihm die letzte Hälfte der Strafe im Gnadenwege erlassen wird. Sie ist es auch, die ihn in Begleitung Carls vom Gefängniß abholt, als die schwere Zeit der Haft endlich überstanden ist. Sie geleitet ihn in ihre Wohnung in der Rügenerstraße. Mit großer Mühe hat sie dem Vater, der von seinem Jüngsten nichts mehr wissen will, die Erlaubniß abgerungen, daß Otto einstweilen bei ihnen eine Zuflucht findet. Mit einem kalten, starren Kopfnicken begrüßt der alte Köster den Heimkehrenden. Er reicht ihm nicht die Hand, er richtet nicht ein einziges Wort an ihn — zu bitter hat es ihn getroffen, daß der Leichtsinnige alle Opfer, die man ihn gebracht, so Übel vergolten hat. Sein strenger, ehrlicher Sinn kann es noch immer nicht überwinden, daß sein Sohn, sein eigen Fletsch und Blut zum Dieb geworden ist. Auch Constanze und ihr Vater verharren noch immer in Groll gegen den Schuldbeladenen, der ihnen, der der ganzen Familie so große Schmach zugesügt hat. Kammergerichtsrath Göring hat sich pensioniren lassen und führt mit seiner Tochter ein zurückgezogenes Leben. Otto befindet sich während der ersten Tage wie im Taumel. Ihm ist zu Muthe wie dem Blindgewesenen, dem plötzlich das Augenlicht wieder geschenkt ist. Er weiß nicht, wie er sich der wiedererlangten Freiheit bedienen, was er beginnen soll, was nun werden wird. Endlich — zwei Wochen sind inzwischen vergangen — findet er den lösenden Gedanken. Daß er jemals wieder in der Heimath eine seiner Bildung angemessene Stellung erlangen könnte, scheint ihm ausgeschlossen. Ueberall würde ihm die Vergangenheit hindernd im Wege stehen. Ein neues Leben muß er beginnen an einem Ort, wo Niemand ihn kennt, wohin kaum je die Kunde von dem, was er einst im Leichtsinn der Jugend verbrochen hat, dringen wird. Der Gedanke belebt ihn, richtet den Verdüsterten, Verschüchterten, der in der Gegenwart Anderer kaum zu sprechen, kaum den Blick zu erheben wagt, förmlich wieder auf und flößt ihm neue Hoffnung, neuen Lebensmuth ein. Als er seiner Mutter zum ersten Mal von seinem Entschluß spricht, auszuwandern, sieht sie ihn ungläubig, bestürzt an. ' „Na — nach Amerika willst Du, nach Amerika?" stammelt sie entsetzt und hebt die ineinandergeschlungenen Hände flehend zu ihm empor. „Nein, nein, das wirst Du mir, das wirst Du Deiner alten Mutter nicht anthun, Ottochen!" Amerika! Das ist für die alte Frau so gut wie aus der Welt. Aber als er ihr nun seine Gründe auseinandersetzt, als er ihr erklärt hat, daß er in der Heimath doch nie mehr froh werden könne, da beugt sie ergeben ihr Haupt. „Du hast recht, mein Sohn", sagt sie. „Ich dachte nur an mich und nicht an Dich und Dein Glück. Du hast recht. Wenn ich Dich auch nicht Wiedersehen werde und auch sonst nichts werde ! sür Dich thun können, beten kann ich doch für Dich. Und ■ in Gedanken werde ich immer bei Dir sein." Otto hat nur 1 noch den einen Wunsch: sein Kind und seine Frau noch ein- 115 mal zu sehen. Wenn Constanze ihm die Hoffnung mit ans den Weg geben könnte, daß sie ihm später einmal, vielleicht in Jahren verzeihen, daß sie es des Kindes wegen vielleicht über sich gewinnen könnte, ihm nachzufolgen, dann würde er leichten Herzens die große Reise über den Ocean antreten. Er vertraut seiner Mutter an, was sein Herz bedrückt. Frau Köster hat selbst schon daran gedacht, und sie ist schon aus eigenem Antrieb, noch bevor ihr Otto davon gesprochen, bei Constanze und dem Kammergerichtsrath gewesen. Und eines Tages öffnet sich die Thür in der kleinen Wohnung der Rügenerstraße und Constanze, ihren kleinen Sohn an der Hand, erscheint auf der Schwelle. Otto steht blaß, regungslos da, wie angewurzelt. Er wagt sich nicht ihr entgegen. Aber sie selbst schreitet mit freundlichem Gesicht auf ihn zu und legt ihm den Knaben in die Arme. „Wir kommen", sagt sie und ihre Augen schimmern in feuchtem Glanz, „wir kommen, um Dich zu bitten, uns mit Dir zu nehmen." Otto streckt die Arme nach ihr aus. Er ringt nach Worten, um ihr fern heißes Dankgefühl auszudrücken, aber seine Stimme erstickt in dem ungestüm hervorbrechenden Thränenstrom. Acht Tage später findet die Abreise statt. Die ganze Familie giebt den Scheidenden das Geleit nach dem Bahnhof. Der alte Köster reicht seinem jüngsten Sohn zum ersten Mal wieder die Hand. Auch der Kammergerichtsrath ist auf dem Bahnhof. Tief bewegt umarmt er Tochter und Schwiegersohn. „Vergessen sei und vergeben", sagt er zu Otto, „was hinter uns liegt! Glückliche Reise und eine frohe Zukunft!" Frau Köster ist bis zum letzten Augenblick an Ottos Seite. Sie hält ihn an der Hand und läßt ihn keine Secunde aus den Augen. Zu sprechen wagt sie nicht. Sie fühlt, daß sie doch nur ein fassungsloses Schluchzen würde hervorbringen können. Aber ihre Blicke sprechen beredter als es Worte könnten von der unerschöpflichen, nie erlöschenden Mutterliebe. Für Dittas Brautkleid! Novelle von E. Reinhold. (Fortsetzung.) Marianne hätte den Fünfhunderter gern zinsbar angelegt, denn für sich braucht sie ihn ja nicht, da Moritz ihr überreichlich Geld zurückgelassen, aber sie wußte nicht, wie sie das machen sollte, und Jemanden zu fragen, genirte sie sich. So legte sie ihn vorläufig in ihre Cassette zu dem Uebrigen, und als sie ihn dort liegen sah, verlor der Gedanke, einen unangenehmen Mitbewohner im Hause zu haben, viel von seinem Schrecken. Auch die Sorge, daß spürende Freunde hinter Mariannens Geheimniß kommen und den Baron nicht als einen schützenden Onkel, sondern als einen ganz gewöhnlich zahlenden Gartzon- miether betrachten und ausposaunen würden, erwies sich als überflüssig. Alle, auch der Hauswirth, glaubten an die Onkelschaft des Barons. Trotzdem hatte Marianne manchmal ein ungemüthliches Gefühl, zumal, wenn sie an ihren Gatten dachte. Sie hatte nicht gewagt, ihm etwas von ihrer Finanzoperation zu schreiben, sie wollte ihn „überraschen", wenn er zurückkam. Sie wünschte doch sehnlichst, sie hätte diesen Moment der ; Ueberraschung erst glücklich überstanden. Halb ersehnte sie, \ halb fürchtete sie die Rückkunft ihres Moritz. So war der Juli herangekommen, der letzte Mieths- ! monat des Barons. Da überraschte der Letztere seine > Wirthin an einem der ersten Tage des Monats durch die ' Mittheilung, er habe heute Geburtstag und für den Abend ! \ drei Freunde eingeladen ; Marianne möge für ein gutes Souper und gute Weine sorgen. Der Abend kam und es erschienen die drei Freunde, wie der Baron, alte, aristokratisch aussehende Herren. | Marianne hatte für ein gutes Abendbrot Sorge getragen, $ und aus dem von ihrem Moritz wohlversorgten Weinkeller die besten Marken heraufgeholt. Barbara, welche beim i Abendbrot die Aufwartung machte, berichtete, die Herren hätten ihre volle Zufriedenheit mit Speisen und Getränken geäußert, namentlich mit den letzteren. Sie hätten sich zu einem regulären Trinkgelage — Barbara gebrauchte allerdings ein drastisches Wort — niedergelassen. Diese Botschaft machte Marianne besorgt. Eine wüste Kneiperei in ihrer Wohnung? Das wolite sie nicht hoffen. I Aber es dauerte nicht lange, da wurde es ihr offenbar, daß es doch der Fall war. Es wurde lebhaft in des Barons Zimmer, dann laut, schließlich sogar lärmend. Lautes Sprechen, Gejohle, Gelächter, Stühlerücken, Gläserklingen, kurz alle die lieblichen Töne eines wilden Männecgelages wurden laut und schallten durch die Stille der Nacht. Von oben schickten die Hausgenossen zwei Mal herunter und ließen um Ruhe bitten, und von unten erschien nach Mitternacht noch der Hauswirth in eigener Person und machte Frau Marianne eine Scene des „Onkels" wegen, daß sie beinahe einen Weinkrampf bekam. Er verlangte durchaus zu dem „Onkel" geführt zu werden. Doch da verabschiedeten sich gerade die Geburtstagsgäste und trollten polternd und lachend aus dem Hause. Marianne hatte die feste Absicht gehabt, am nächsten Morgen den Baron zur Rede zu stellen und sich eine Wiederholung derartigen störenden Lärmens ernstlich zu verbitten. Indessen, was man sich am Abend ernstlich vornimmt, führt man nicht immer am Morgen aus. Mariannens Zorn gegen den Baron hatte sich nicht gelegt, aber sie wollte durch eine Auseinandersetzung mit ihm nicht ihren Aerger noch vermehren. „Es sind ja nicht mehr volle vier Wochen bis zu seiner Abreise", damit tröstete sie sich. „Und in dieser Zeit kann er ja nicht noch einmal Geburtstag haben. Im Uebrigen hat er sich ja immer ganz gesittet betragen." Nach diesem geräuschvollen Intermezzo kehrte in der That die alte friedliche Stille in Mariannens Heim zurück, ja es wurde sogar noch stiller als zuvor. Der Baron ließ gar nichts mehr von sich hören, kam gar nicht aus seinen Zimmern heraus, und Ditta, deren Ferien begonnen hatten, war zu Verwandten aufs Land geschickt worden. Da — es fehlten nur noch sechs Tage bis zum ersten August — erhielt Marianne plötzlich früh am Morgen ein Telegramm aus Hamburg: „Ich komme heute Abend. Moritz." Die Frau sank vor Schreck beinahe in die Knie. Wenn Moritz kam und fände einen Fremden in seiner Behausung! Die Scene war nicht auszumalen. Das mußte aus alle Fälle verhindert werden, da gabs keine lange Ueber- legung. Der Baron mußte 'raus, sofort. Unendlich sauer wurde Marianne der Bittgang zu dem widerwärtigen Mann. Aber der Baron zeigte sich als vollkommener Cavalier. Es war ihm sichtlich unangenehm, daß er vor der Zeit hinausmußte, aber er erklärte sich sofort bereit und bat um die Rechnung. Dabei stellte sich heraus, daß er zu den bereits gezahlten fünfhundert Mark noch sechzig zuzahlen mußte. Wieder legte er einen Fünfhundertmarkschein hin und bemerkte dazu: , „Ich wünsche, daß Sie das Miethsgeld für die letzte Juliwoche, das Sie mir herauszugeben verpflichtet sind, wie Sie einsehen werden, der alten Dienerin zukommen lassen. Weun Ihnen das Wechseln des Scheines Schwierigkeiten machen sollte, so lassen Sie doch das Geld im „Schwarzen Schwan", wohin ich wieder gehe, abholcn." Aber Marianne machte das Wechseln keine Schwierig- 116 - keitcn, fte war ja van ihre« Stanwe auf sechs Monate reichlich versehen worden. Der Baron stand dabei und sah zu, wie sie die blanken Goldstücke auf den Tisch zählte. „NetteS, kleines Frauchen", sagte er mit seiner herablassenden Gönnermiene, „wie 'sie sich freut, daß der Haustyrann wiederkommt." Dabei legte er vertraulich den Arm um ihre Schulter und kniff sie wohlwollend in die Wange. Empört trat Marianpe zurück und rief flammenden Antlitzes: „Unverschämter !" Aber der Baron drehte sich lachend um, strich die aufgezählten Goldfüchse ein und ging hinaus. Marianne aber sank weinend in einen Stuhl: Das war aber ein würdiger Abschluß ihres Staatsstreiches gewesen. Als der Baron fort war, ging Marianne, von innerer Unruhe getrieben, rastlos durch sämmtliche Zimmer. Ihr Mann hatte ihr nie ein böses Wort gesagt, sie glaubte auch jetzt nicht, daß er irgendwie hart gegen sie sein würde, aber sie hatte doch eine schreckliche Angst. Trotzdem wollte sie ihm gleich Alles beichten. Mit welchem Zuge er nur kommen würde? Jedenfalls erst in der Nacht mit dem Eilzuge. Allein Moritz kam schon Abends um acht mit dem Personenzuge. Marianne stand gerade im Wohnzimmer, als ihr Mann zur Thüre hineintrat, unerwartet, denn sie hatte ihn nicht kommen hören. Ihre erste Empfindung war ein heftiges Erschrecken, aber das dauerte nur einen einzigen kurzen Augenblick, dann brach die Freude heraus, daß sie den Langentbehrten wieder hatte, und sie stürzte ihm entgegen. Aber ein Blick in sein Gesicht und der Jubelruf blieb ihr in der Kehle stecken. War der zornige Grimmbart dort ihr alter guter Mor? „Ist unser „Onkel" noch hier als Schutzpatron?" begann Moritz ohne irgendwelche Begrüßung. Wäre Marianne unbetheiligte Zuschauerin bei dieser Scene gewesen, sie hätte lachen müfien, so drollig kam die grollende Frage aus dem sonst nur zu heiteren Scherzworten sich öffnenden Munde. So aber war ihr die Sache gar nicht zum Lachen. Sie schüttelte den Kopf. (Schluß folgt.) GEernMtziges. Ueber de« Gemch von Thee äußert sich Dr. A. Kühner ungefähr wie folgt: Thee steigert die Kraft, erhaltene Eindrücke zu verarbeiten, ein Gefühl von Wohlbehagen und Munterkeit stellt sich ein, die schlaffende Thätig- keit des Gehirns gewinnt einen gewissen Schwung und alle in uns schlummernden geistigen Fähigkeiten werden zu edler, ebenmäßiger Entfaltung gebracht. Trotz einer größeren Leb Hastigkeit der Denkbewegungen läßt sich die Aufmerksamkeit leichter auf einen bestimmten Gegenstand fesseln. — Die Untersuchungen der Professoren Hoch und Kraepelin in Heidelberg haben ergeben, daß die bei den Versuchen verwendeten Personen nach dem Genuß von Thee schwierigere Additionen viel leichter und schneller auszuführen im Stande waren als sonst. Für Kinder ist Kaffee direct schädlich, weil er die Phantasie erregt und zerstreuend auf den Geist wirkt. Es wäre mindestens eines Versuches werth, ob nicht Schülern und Lehrern ihre Aufgaben durch geregelten Theegenuß erleichtert werden können. Auch unseren Dienstboten wäre eine Tasse guten Thees zuträglicher als Bier oder ankere geistige Getränke. — Es erübrigt noch zu betonen, daß Thee um mehr als die Hälfte billiger ist als Kaffee unb_ daß auch der weniger Bemittelte nicht nach den billigsten Sorten zu greifen nöthig hat. Diese sind naturgemäß übelschmeckend und oft weniger ergiebig als z. B. Meßmer Thee zu Mk. 2.80 pro Pfund, der bei außerordentlicher Ergiebigkeit ein von Geschmack ist und kaum theuerer als ein Pfennig wo Tasse zu stehen kommt. * * * Auch mit geringen Mittel« ei«e wohlschmeckende Kost zu diete«, lehren die Haushaltungsschulen, die bereits n einer großen Reihe deutscher Städte ihre segensreiche Wirksamkeit ausüben. Wohlgeschmack und Nahrhaftigkeit, daS sind die Grundbedingungen der rationellen Kochkunst, und die Möglichkeit, sie zu erfüllen, hat Liebigs Fleisch- Extract um ein Wesentliches erleichtert. Es bietet das Mittel zur Bereitung guter, kräftiger Suppen, während das theure frische Fleisch gebraten oder gedämpft auf den Tisch kommt, und es verbessert unzählige Speisen, in erster Linie Gemüse und namentlich Hülsenfrüchte im Geschmack und in der Bekömmlichkeit. Zur Verwerthung der Fleischreste, Abfälle, Knochen re. ist es unschätzbar. Hrrinovrftifches. Ein guter Kerl. Vater der Braut: „Ich habe mich über Sie erkundigt, Herr Müller, Sie sollten doch lieber meine Tochter jnicht heirathen!" — Bewerber (aufgebracht) : „Was wollen Sie damit sagen?" — Vater: „Na, ich meine ja nur . . . Sie haben schon genug Unglück im Leben gehabt!" * * * Kunstersatz. „Hör' nur, Moritz, wie breit sich macht die Baronin, wie sie wieder Clavier klimpert!" — „Laß' se —, klimper Du mit 'm Geld!" * * * Durch die Blume. „Ihre Frau hat sehr zarte Hände . . ." — „Scheinbar . . ." Literarisches Die beiden jüngsten Hefte (Nr. 14 und 15 des Jahrgangs 1898) der rühmlichst bekannten Familienzeitschrift „Jllustrirte Well" (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart — Preis jedes Heftes 30 Pfg.) zeigen aufs Neue, daß Verlag und Redaction keine Mühen und Kosten scheuen, um der Zeitschrift den Rang des gediegensten und billigsten Familienblattes in deutscher Sprache zu wahren. Die Hefte bieten die Fortsetzung der beiden spannenden Romane „Der Friesenpastor" von Dietrich Theden und „Unter der Fremdherrrschaft" von Theodor Justus. Außerdem enthalten die Hefte der „Jllustrirten Welt" Genrebilder mit flotten Textskizzen, Bildnisse zeitgenössischer Berühmtheiten und eine Fülle wissenswerten Stoffes aus allen Gebieten des Lebens der Gegenwart. Aus Anlaß des bevorstehenden 200jährigen Jubiläums der Stiftungen Aug. Hermann Franckes haben frühere Schülerinnen der höheren Mädchenschule den solgenden Ausruf erlassen: Im Jahre 1898 feiern die Stiftungen August Hermann Franckes ihr 200jähriges Jubiläum. Bereits haben alle Schulen Aufrufe erlassen, um die Theilnahme und das Interesse der alten Schüler zu erwecken. Auch wir, die ehemaligen Schülerinnen der höheren Mädchenschule und des damit verbundenen Lehrerinnen-Seminars, empfinden den lebhaften Wunsch, unsere Dankbarkeit und Anhänglichkeit sichtbar der Anstalt zu zeigen, die uns soviel für unsere Herzens- und Geistesbildung gegeben hat. Da es in erster Linie eine Jubelfeier der Waisenanstalt ist, diesem Hauptwerke des edlen Gründers, wollen wir auch eine Gabe zur Erhaltung des Kernes und Mittelpunktes der segensreichen Anstalten darbringen. Wir Frauen gedenken aber auch bei dieser Veranlassung den von uns im Jahre 1885 gestifteten Pensionsfonds für Lehrerinnen zu erweitern. Wir erwarten und Höffen, daß diese Gedanken bei den ehemaligen Schülerinnen eine freundliche Aufnahme und rege Theilnahme finden. Geldsendungen bitten wir, auch schon jetzt, an Frau Commercienrath Emilie Bethke zu richten. (Unterschriften.) Wir veröffentlichen diesen Aufruf, theilen mit, daß die geplanten Festlichkeiten am 29. und 30. Juni und 1. Juli stattfinden, und daß zur Entgegennahme an Beiträgen bereit ist Frau Commercienrath Emilie Bethke geb. Lehmann in Halle a. S. Redaktion! S. Sch-Yda. — Druck mrd »erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.