U ullirrni ei zuin Geben stets bereit, Miß nicht kärglich Deine Gaben, Denk', in Deinem letzten Kleid Wirst Du keine Taschen haben. Paul Heyse. Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) IX. Carl und Helene Zimmermann steigen zusammen die Treppe hinab. Auf ihren Gesichtern glüht noch die Aufregung des eben überstandenen stürmischen Austrittes. Carl hat mit dem Vater verabredet, daß er ihn am Abend vom Geschäft abholen wird und daß sie dann Beide sich zu Herrn Bogel begeben wollen. Carl hat nur rasch ein paar Happen zu sich genommen und eilt nun zur Fabrik, damit er nachher etwas früher Fierabend machen kann. Bevor er gegangen ist, hat er der Mutter heimlich versprechen müssen, unterwegs auf dem Postamt vorzusprechen und eine Rohrpostkarte an Otto zu schreiben, damit der arme Junge nicht länger in der schrecklichen Ungewißheit ist und sich in seiner Verzweiflung nicht etwas anthut. Helene geht nur schnell auf ein paar Minuten nach Hause, um sich für den Nachmittag und Abend Urlaub zu nehmen, denn Frau Köster fühlt sich so schwach und hinfällig, daß sie sich in's Bett hat legen müssen. Stumm gehen die beiden jungen Leute eine Weile nebeneinander auf der Straße dahin. In ihrer Seele vibriren noch die Eindrücke und Nachwirkungen des Durchlebten. Carl blickt Helene verstohlen von der Seite an. Ein warmes Gefühl steigt in ihm auf. Es ist, als ob die stürmische Stunde, die sie soeben gemeinsam durchlebt, sie einander noch mehr genähert hat, als ob die intimen Familienvorgänge, deren Zeugin sie gewesen, sie noch inniger mit ihm und den Seinen verbinde. Da fährt ihm plötzlich die Erinneruug an die Ereignisie des letzten Abends durch den Kopf. Im Nu steht die Scene im Circus, die sich tief in sein Ge- dächtniß eingegraben, vor ihm und sein Gesicht verfinstert sich. „Fräulein Helene," tritt es ihm unwillkürlich auf die Lippen, „wie war es gestern Abend? Haben Sie sich gut amttsirt?" Sie erröthet tief und mit gesenkten Blicken erwidert sie kleinlaut: „Ich hätte Ihrem Rath folgen, ich « hätte nicht mitgehen sollen." . Seine Augen funkeln und man sieht, wie WPHn jhgk die Gluth emporschießt. „Hat Sie Jemand beleidigt.?" fragt er heftig. Sie schüttelt den Kopf. „Aber ich schäme mich so sehr vor Ihnen," gesteht sie. „Bin ich nicht mit schuld daran, daß Ihr Bruder sich in Ausgaben und Schulden gestürzt hat?" Er lächelt. „Aber Fräulein Helene," beruhigt er sie, „die drei Mark für das Circusbillet haben doch wahrhaftig den Kohl nicht fest gemacht. Deshalb brauchen Sie sich auch nicht den geringsten Vorwurf zu machen." Sie heftet noch immer den Blick auf die Steine. „Und nachher", beichtet sie weiter, „nachher im Restaurant das Abendbrod und der Wein . . . ." Carl zuckt leise zusammen, seine Augenbrauen runzeln sich auf's Neue und er athmet schwer und hastig. „Da sind Sie wohl noch sehr lange vergnügt beisammen gewesen?" fragt er und seine Stimme hat einen eigenthüm- lich heiseren Klang. Sie bewegt wieder verneinend das Köpfchen. * „Ick hab's nicht lange ausgehalten," antwortet sie, „kaum eine halbe Stunde. Im Circus, ja, da war's ja himmlisch schön. So etwas Großartiges hatt' ich noch nie gesehen. Und ich habe an nichts gedacht, sondern nur immer gesehen und gesehen. Aber dann nachher im Restaurant, da habe ich immer das Gefühl gehabt, als ob ich etwas Unrechtes thäte. Und ich habe gar nicht mehr froh sein können. Die anderen jungen Mädchen aber waren so ausgelassen und ihre Reden waren so . . so ungenirt . . da bin ich denn aufgestanden und habe gethan, als wenn mir nicht gut wäre. Und noch ehe Ihr Bruder seinen Ueberzieher vom Nagel genommen, war ich schon hinaus auf die Straße. Ich war froh, als ich erst glücklich in der Pferdebahn saß." Carl athmet so tief und laut auf, daß Helene erstaunt zu ihm aufsieht. Ueber sein Gesicht geht ein eigenthüm- liches Strahlen und in der Hitze seines Gefühls erfaßt er ihre Hand und umspannt sie kräftig mit der seinen. Ueber seine Lippen drängen sich die freudigen Worte: „Das war recht von Ihnen, Fräulein Helene!" Dabei leuchtet ihr aus seinen Augen ein so inniges, lebhaftes Gefühl entgegen, daß sie rasch wieder, über und über erglühend, ihr Gesicht senkt und ihre Hand hastig zurückzieht. 42 Wieder gehen die beiden jungen Leute schweigend nebeneinander. Auch Carl richtet seine Blicke auf das Trottoir; eine ^bemerkbare Unruhe beginnt wieder von ihm Besitz zu nehmen: seine Hände öffnen und schließen sich, er rückt an seinem Hut. Mit einem ungewissen, zaghaften Ausdruck sieht er plötzlich seine Begleiterin verstohlen von der Seite an, es hat den Anschein, als ringe er mit einem Entschluß und könne sich doch nicht aufraffen, das, was er augenscheinlich auf dem Herzen hat, in laute Worte zu kleiden. Endlich aber beginnt er doch schüchtern: „Fräulein Helene, ich möchte Sie gern um etwas bitten, aber Sie müssens mir nicht übel nehmen und müssen mich nicht für dreist und zudringlich halten . . ." Sie hebt rasch den Blick zu ihm auf. „Wie werd' ich denn," unterbricht sie ihn, und ein leises Lächeln zuckt um ihren Mund, während sie hinzusügt: „Dreist, das sind Sie nun schon gar nicht, Herr Köster, eher . . ." „Sagen Sie's schon, Fräulein," fällt er ein, als sie plötzlich stockt, „ein blöder, ungeschickter Mensch bin ich. Das habe ich mir ja auch schon gesagt, als mir Otto erzählte, daß . . . da sagt ich mir, warum hast Du nicht auch einmal Fräulein Helene angeboten, sie . . ." Er bricht jäh ab und sieht ihr ängstlich ins Gesicht. „Aber ich hab's mir nicht getraut," fährt er fort, „ich wußte ja nicht, wie Sie's aufnehmen würden und....." Wieder stockt er, und in seiner Verlegenheit und Aufregung lüftet er den Hut und fährt sich mit der Hand über die Stirn. „Fräulein Helene" platzt er nach einer Pause mit krampfhafter Entschlossenheit heraus, „waren Sie schon einmal im Opernhaus?" Sie schüttelt den Kopf. „Nicht? Und im Königlichen Schauspielhaus?" „Auch nicht." „Aber das müssen Sie doch sehen," sprudelt sein Eifer über," „jeder Mensch in Berlin ist doch im Schauspielhaus und im Opernhaus gewesen. Das ist doch das Erste, wenn man nach Berlin kommt. Ich, wenn ich mir mal was Gutes anthun will, dann besuch' ich eine klassische Vorstellung im Schauspielhaus. Maria Stuart oder Wilhelm Tell oder die Jungfrau von Orleans. Das kann man immer wieder sehen. Gehen Sie denn nicht gern in's Theater, Fräulein Helene?" Er blickt ihr erwartungsvoll ins Gesicht. Sie sieht ihn nicht an, sie lächelt auch nicht, sie will ihm nicht den Muth nehmen, das, was sie seit fünf Minuten erwartet, endlich herauszubringen. „Gewiß, sehr gern," antwortet sie schlicht, „für mein Leben gern geh' ich ins Theater. Was Schöneres kann ich mir überhaupt nicht denken, aber" — sie seufzt, und jetzt schlägt sie die Augen zu ihm auf — „allein kann ich doch nicht gehen." Ein Ruck geht durch seinen Körper und eine siedende Hitze schlägt in ihm auf. Ob er's sagt oder ob er's doch lieber nicht sagt? Seine Fäuste ballten sich im krampfhaften Entschluß. Heraus! Und wie ein kleines Kind stammelt der große, schüchterne Mensch: „Fräulein Helene, wenn Sie's mir nicht übel nehmen — nächsten Sonntag wird „Lohengrin" gegeben. Ich will . . ich will uns zwei Billets besorgen, wenn Sie's mir erlauben." Helene Zimmermann kann nicht gleich eine Antwort finden. Sie ist innig gerührt. Wie schwer es ihm geworden ist, dem guten, schüchternen Menschen. Carls bemächtigte sich ein lebhafter Schreck. Sie antwortet nicht! Bestürzt blickt er sie an. „Sie haben wohl kein Vertrauen zu mir, Fräulein Helene?" fragt er mit angehaltenem Athem und wird ganz blaß. „Aber", nun lächelt sie ihn an und ein warmes Gefühl wallt in ihr auf und strömt über ihre Lippen, „das größte Vertrauen habe ich zu Ihnen. Keinem Menschen in der ganzen Welt könnt' ich so vertrauen wie gerade Ihnen. Ja, Herr Köster, ich muß es Ihnen sagen, was Sie da vorhin — sie deutete mit dem Daumen ihrer Rechten über ihre Schulter — gethan haben, zu Hause, das war schön von Ihnen, das war edel. Wie Sie da Ihrer armen, guten Mutter beistanden und Ihrem Vater so muthig und so herzlich ins Gewissen redeten und so für Ihren Bruder eintraten, und Ihr ganzes Erspartes für ihn opfern wollten, gerade Sie .... ich hab's wohl gemerkt, daß er Sie manchmal über die Achsel ansah ... das war wirklich schön von Ihnen! Wer ein so guter Sohn ist und ein so guter Bruder, der ist auch ein guter Mensch. Und darum, Herr Köster, darum achte ich Sie hoch, denn Sie sind ein . . . ein Character. Und wenn Sie wirklich so freundlich sind und mich am Sonntag in's Opernhaus führen wollen, so kann ich mich nur geehrt fühlen und mit Dank nehme ich's an." „Fräulein Helene!" ruft er laut und greift stürmisch nach ihrer Hand. Und eine ganze Weile gehen die beiden jungen Leute hier am hellen, lichten Tage Hand in Hand. Die Vorübergehenden lächeln, aber die beiden Glücklichen merken nichts davon. Die Außenwelt existirt für sie in dieser Minute nicht. Sie leben und weben ganz in den Gefühlen, die sich still von Herzen zu Herzen spinnen.... Die Wechselsache war glücklich erledigt. Herr Vogel hatte sich zwar unerbittlich gezeigt und seine Forderung auch nicht um einen Groschen ermäßigt, aber Herr von Markwald hatte noch im letzten Augenblick fünfzehnhundert Mark, die ein reicher Onkel hergegeben hatte, zur Einlösung der Wechsel beigesteuert. So war Vater Köster ebenfalls mit einem Verlust von fünfzehnhundert Mark davongekommen, der allerdings bei der bescheidenen Höhe seiner Ersparnisse empfindlich genug für ihn war. Seine Auseinandersetzung mit Otto war demgemäß auch eine ziemlich stürmische und sie hätte sich wohl noch wesentlich heftiger gestaltet, wenn nicht Frau Köster und Carl eingegriffen und seinen Zorn beschwichtigt hätten. Darin freilich mußte dem Entrüsteten nachgegeben werden, daß Otto sein Zimmer in der Stadt aufgab und wieder nach der Rügenerstraße übersiedelte. Otto selbst war so zerknirscht und reumüthig, daß er gar nicht widersprach. Er wollte nun wirklich mit dem Leichtsinn brechen und ein anderer Mensch werden. Mein Gott, wie unvernünftig er darauf losgewirthschaftet hatte! Wenn er jetzt in seiner darniedergedrückten, elegischen Ge- müthsstimmung darüber nachdachte, mußte er über sich selbst den Kopf schütteln. War er denn ganz und gar verrückt geworden?j! Er wußte doch, daß er nicht die Mittel besaß, Austern zu essen und Wein zu trinken und die theuersten Plätze im Theater zu bezahlen. Aber da war dieser Markwald und ebenso dieser Wattenfeld daran schuld gewesen, die Versuchung ja, die mußte er in Zukunft vor Allem fliehen. Und er that es, so schwer es ihm auch wurde, zu „kneifen", wenn College von Markwald etwas proponirte: einen Abend in der „Soeieta italiana", einer italienischen Weinkneipe, oder eine Nacht in den „Blumensälen", einem der bekanntesten und prächtigsten öffentlichen Balllocale Berlins. Abend für Abend saß er zu Hause, entweder lesend und studirend oder mit seinen Eltern plaudernd. Freilich, die Unterhaltung Pflegte nie besonders lebhaft und anregend zu werden und von Tag zu Tag zeigte es sich mehr und mehr, daß er dem Jdeenkreise der Familie längst entwachsen war. Das, was ihn geistig interessirte, ging über der Eltern Horizont, und über die sonstigen Themata, die er mit seinen Collegen beim Schoppen durchgehechelt hatte und die sich in der Regel ... mit gewissen interessanten Seiten des socialen Berliner Lebens beschäftigten, konnte er ebenso wenig mit den in veralteten engen Anschauungen befangenen alten Leuten sprechen. Er war schon im Laufe der Zeit so bescheiden geworden, daß er es als eine angenehme Abwechselung'begrüßte, wenn ihn 43 sein Bruder gelegentlich aufforderte, mit ihm irgendwo in z der Nachbarschaft ein Glas Bier zu trinken. Gewöhnlich j unterhielten sie sich dann mit einer Partie Billard. Wenn ; sie aber miteinander plauderten, so lenkte Carl merkwürdig oft das Gespräch auf Helene Zimmermann. „Sie ist ganz nett/' äußerte Otto einmal bei einer solchen Gelegenheit, „ich meine äußerlich, im Uebrigen aber ist sie doch nur eine dumme Pute." „Dumme Pute?" fuhr Carl auf, mühsam seine innerliche Entrüstung mäßigend. „Na ja! damals . . ." „Damals?" „Als wir im Circus Renz waren ... Du weißt doch. Also nachher fuhren wir zu Kempinski. Springt das Mädel nicht plötzlich auf, und heidi, als ob ihr der Teufel auf den Hacken wär', auf und davon. Da war kein Halten mehr. Du kannst Dir denken, wie mich Markwald und Wattenseld nachher ausgelacht haben." Carl schmunzelte vergnügt in sich hinein. „Solch eine Dummheit lasse ich mir schon gefallen," sagte er, „sie ist eben ein braves Mädchen, das sich in der Gesellschaft von Confectionsdamen und jungen Lebemännern, wie dieser Markwald einer zu sein scheint, nicht wohl fühlt." Der Referendar sah seinen Bruder aufmerksam von der Seite an. „Sage mal, Du bist ja höllisch eingenomweu für die kleine Zimmermann." „Bin ich auch," gestand er und hielt den Blick des Bruders voll aus. Der aber lachte. „Schlaukopf I Also weggekapert hast Du sie mir." „Wegge . . kapert!" wiederholte der Andere, während sich seine Augenbrauen zusammenzogen. Aber der Referendar achtete nicht auf diese Anzeichen des Unmuths, den sein leichtsinniges Reden bei dem Bruder hervorzurufen begann. „Darum also — neckte er — darum bist Du jetzt auf einmal so ins Bummeln gerathen, darum diese plötzliche rührende Begeisterung für das Theater! O Du Schein heiliger! Mir predigst Du Moral, aber daß Du selbst Helene zwei Mal in der Woche ausführst, scheinst Du ganz in der Ordnung zu finden." Carl Köster wurde dunkelroth und schlug etwas verlegen die Augen vor den ironischen Blicken seines Bruders nieder. „Mit mir ist das auch etwas Anderes," entgegnete er. „Etwas Anderes?" „Freilich." Carl athmcte tief auf. Nun mußte es endlich einmal heraus. „Bei Dir war's nur 'ne Laune, — fuhr er fort — Du wolltest Dich 'n bischen amüsiren und weiter dachtest Du nicht. Ich aber meine es ernst." „Ernst!" wiederholte der Andere mechanisch und riß seine Augen weit auf. „Das heißt?" „Das heißt ... ich liebe Helene und werde sie heirathen." Der Andere saß eine Weile wie versteinert. „Du willst sie heirathen," sagte er endlich mit einer ungläubigen Miene. „Aber sie hat doch nicht 'n Pfennig Geld !" „Das kann mich doch nicht hindern, sie zu lieben." „Zu lieben . . . nein! Aber zum Heirathen gehört doch Geld. Solch eine Ehe ist doch eine kostspielige Sache, und die Frau muß einem doch 'n bischen Mamon zubringen, das ist doch ihre verdammte Pflichr und Schuldigkeit." Carl Köster schüttelte mit dem Kopf und entgegnete ernst, während sich eine dunkle Gluth über sein Gesicht ergoß: „Ich habe darüber andere Ansichten. Ich meine, eine Frau muß dem Manne vor allen Dingen ein Herz voll Liebe und ein sanftes, verträgliches Gemüth zubringen. Ueberhaupt, daß die Herzen zusammenstimmen, ist doch die Hauptsache und alles Andere kommt erst in zweiter Linie. Ich hoffe, die beste Wahl getroffen zu haben, die ich überhaupt treffen konnte." „Na, dann gratulire ich Dir," sagte Otto und reichte seinem Bruder die Hand über den Tisch. Im Stillen aber schüttelte er den Kopf über seines Bruders Wahl. Furchtbar altmodische, spießbürgerliche, triviale Ansichten hat doch dieser Carl! Eine Heirath muß einen doch wenigstens in irgend einer Hinsicht fördern. An diesem Standpunkt stand doch heute jeder vernünftige Mensch..... (Fortsetzung folgt.) Einfluß der Nahrung aus Entstehung und Heilung von Gicht und Rheumatismus. Bon Dr. Otto Gotthilf. -------- (Nachdruck verboten.) Die Geschichte der Gicht läßt sich bis in die Hippokratische Zeit, also bis in das fünfte Jahrhundert vorchristlicher Zeitrechnung zurückverfolgen. Im alten römischen Reiche erlangte sie namentlich zu Anfang der Kaiserzeit eine sehr bedeutende Verbreitung und zwar, nach dem übereinstimmenden Urtheile aller damaligen Aerzte, Dichter und Philosophen, durch den gesteigerten Luxus und die Ueppig- keit in der Lebensweise. Seneka läßt keine Gelegenheit vorübergehen, in seinen Schriften auf das schwelgerische und ausschweifende Leben Roms und die nachtheiligen Einflüsse desselben auf die Gesundheitszustände der Römer hinzuweisen, und bei Galenus heißt es wörtlich: „Zu des Hippo- krates Zeit litten bei mäßiger Lebensweise überhaupt nur Wenige an Gicht, zu unserer Zeit aber, in welcher die Schwelgerei die denkbar höchste Höhe erreicht hat, ist die Zahl der an Gicht Leidenden zu einem nicht mehr meßbaren Umfange angewachsen “ Wir sehen also, daß man schon zu den ältesten Zeiten als Hauptursache der Gicht (Podagra, Zipperlein) eine üppige Lebensweise beschuldigte. Man trifft in der That das Leiden vorwiegend bei wohlhabenden Leuten, die an üppigen Mahlzeiten und reichlichem Weingenusse Gefallen finden und in der Kost dem Fleische und eiweißreicher Nahrung eine zu große Rolle anweisen, dagegen den nährsalzreichen Nahrungsmitteln, den Gemüsen, verhältnißmäßig wenig zusprechen. Daß nicht alle Personen, welche üppig leben, von der Gicht befallen werden, beruht darauf, daß manche durch ihren Beruf starke Bewegungen machen, den Stoffwechsel also erhöhen, auch alljährlich einige Wochen eine Badereise unternehme«, ferner durch Hautpflege und Aufnahme sauerstoffreicher Lust, durch reichlichen Genuß von Gemüse, Obst, Salat die Schäden beseitigen. Dr. Lebert berichtete 1860 aus der Schweiz, daß die G:cht unter dem Patriziate immer mehr abnimmt, „seitdem Industrie und Eisenbahnen viele dieser Kräfte, die unbenutzt waren, in Anspruch nehmen." Die Gicht ist eben von jeher ein trauriges Vorrecht theils der Schlemmer, theils der geistig arbeitenden Staatsmänner, Gelehrten, Bankiers u. s. w., welche zu wenig körperliche Bewegung haben und dabei viele umständlich zubereitete und gewürzte Fleischspeisen genießen nebst schweren alkoholischen Getränken, von denen besonders Burgunderweine und Porter hier in dieser Beziehung altbegründeten Ruf haben. In den Tropen, wo die Krankheit sehr selten ist, leiden an derselben fast nie die Eingeboreneu, die sich durch nüchterne Lebensweise auszeichnen, sondern nur die anzewanderten Bevölkerungskreise, welche üppigeren Tafelfreuden huldigen. So wird sie in Indien unter Europäern und Muhamedanern, niemals unter der mäßig lebenden Hindubevölkerung angetroffen, und in Aegypten wieder unter den einem luxuriösen Leben ergebenen Europäern und Türken. Das eigentliche classische Land der Gicht aber ist England. Der bekannte englische Arzt Dr. Savory bezeichnet sie als Nationalkrankheit der Briten. Kaum ein Zehntel der großbritannischen Bevölkerung bleibt von dieser Krankheit verschont, die mehr Siechthum und Todesfälle in ihrem Gefolge hat als irgend ein anderes Leiden, von dem die Engländer in den letzten 44 Jahrzehnte» heimgesucht worden sind. Neuerdings hat sogar die großbritannische Regierung in richtiger Würdigung der dem ganzen Volke aus dieser Nationalkrankheir drohenden Gefahr eine Sanitätscommisston eingesetzt, welche die Ursachen des Nebels erforschen und womöglich Abwehrmittel suchen soll. — Die Hauptursache liegt auch bei den Engländern in dem übermäßigen Genuß eiweißreicher Nahrung. Morgens, Mittags und Abends genießen sie stets überreichlich viel Fleisch Die großen Mengen der in den Körper eingeführten Eiweiß .,e können nicht genügend verarbeitet werden, es tritt eine nur unvollständige Zerlegung und Verbrennung derselben ein, und bald bildet sich im Uebermaße Fett und Harnsäure. Während nun das sich ansetzende Fett den Gichtikern meist mehr oder weniger eine Falstaff-Natur verleiht, lagert sich die Harnsäure in denjenigen Geweben des Körpers ab, wo die Circulation der Säfte am geringsten ist, also auch die Weiterbeförderung und Wegspülung dieser Stoffe am langsamsten vor sich geht, nämlich in den Gelenken. Dort sammeln sich dann immer mehr Harnsäure- Irystalle an, das Gelenk schwillt, die Haut über demselben wird roth, fühlt sich heiß an, und die inneren Knorpelflächen find ost ganz mit weißen, kreideähnlichen Crystallmassen überzogen. Der erste Sitz solcher „Gichtknoten" bildet sich meist in den Gelenken der großen Zehe. Dies ist ganz natürlich, denn dieses Gelenk liegt am weitesten vom Herzen entfernt, bietet also für Stauungen einen sehr günstigen Boden, ferner ist es stets einer mechanischen Reizung ausgesetzt, da es die Hauptlast des Körpers zu tragen hat, und schließlich ist die Blutcirculation gerade in diesen Körper- theilen bei vielen Personen noch besonders dadurch verlangsamt, daß sie beständig an kalten Füßen leiden. — Da Nun eine solche Ausscheidung und Ansammlung von Harnsäure in den Gelenken nicht plötzlich stattfinden kann, sondern erst im Laufe der Jahre durch Häufung zur Entzündung führt, ist es auch ganz erklärlich, daß die Gicht in der Regel erst das spätere Lebensalter, ungefähr jenseits des dreißigsten Jahres, heimsucht. Freilich kann auch eine Vererbung eintreten. Es ist aber nicht richtig, von einer Vererbung der Gicht selbst zu reden, sondern nur von einer Vererbung der Anlage zur Gicht. Neugeborene haben nie Gichtknoten. Wohl aber können die Kinder von gichtischen Eltern oder Großeltern so krankhaft afficirt und veranlagt sein, daß bei ihnen sich früh und leicht Gichtknoten bilden, wenn sie die ungesunde Lebensweise ihrer Vorfahren fortsetzen. Jedoch kann solch eine ungünstige Veranlagung gemildert, ja sogar unschädlich gemacht werden durch eine vernünftige, naturgemäße Lebensweise. Wenn man die Kinder und jungen Leute nicht zu Schlemmern erzieht, sondern mit einfacher, kräftiger Hausmannskost, namentlich genügend mit Gemüsen und Früchten nährt, so wird, bei viel körperlicher Bewegung in freier Luft, bald eine Auflösung der angesammclten Harnsäure stattfinden} durch den stets reichlich eingeathmeten Sauerstoff tritt eine Verbrennung der Zsrsetzungsproducte ein, und der kräftig eireulirende Säftestrom spült alle Abfallstoffe hinweg. Auf diese Thatsachen muß deshalb besonders Gewicht gelegt werden, weil die meisten Eltern von solchen krankhaft veranlagten Kindern geneigt sind, denselben viel Fleisch und andere eiweißreiche Speisen zu geben, um, wie sie meinen, die Kleinen zu kräftigen und zu stärken. 8S wird hier ein ähnlicher Fehler begangen, wie bei den phthisisch veranlagten Kindern von schwindsüchtigen Eitern. Start man düs- anhält, möglichst viel draußen in frischer Luft zu verweilen und dort ihr Lebenselement in tiefen Zügen einzuathmen, hütet man sie vor jedem frischen Lüftchen und hält sie in der dumpfigen, dunstigen Stubenatmosphäre gefangen, wo sie dann auch in der Regel allmählig dahinsiechen. Bemerkt sei noch, daß die ärztlichen Forscher geteilter Meinung darüber sind, in welcher Weise wohl die Harnsäure im Organismus ihre Schädlichkeiten ausübt. Gerade in den beiden letzten Jahren ist diese Frage wiederholt vor dem Forum der medicinischen Wiffenschaft verhandelt worden. Manche Aerze nehmen sogar an, daß ein specieller „Gichtstoff" vorhanden sei, auf den man ein gut Theil von den Sünden der Harnsäure wälzen müsse. Vielleicht ergeht es der Gicht noch über kurz oder lang wie dem Rheumatismus, für den man besondere Jnfectionserreger verantwortlich macht. Wie dem aber auch sein mag, für die Entstehung der Gicht steht jedenfalls die Thatsache fest, daß die falsche Ernährungsweise mit sehr eiwrißreicher Nahrung bei mangelhafter körperlicher Bewegung die Hauptrolle spielt. Was die Behandlung und Heilung der Gicht betrifft, so ist es einleuchtend, daß zunächst alles Dasjenige vermieden werden muß, was zu ihrer Entstehung beiträgt. Also ist nicht nur eine allgemeine Beschränkung der Nahrungsmenge nothwendig, sondern man muß sich besonders vor dem Genuß von viel Fleisch und eiweißreichen Speisen hüten. Dafür genieße man mehr Gemüse, Salate, Früchte u. dergl. Die Zubereitung der Speisen geschehe einfach, ohne schwer verdauliche Zuthaten und ohne viel Gewürze, welche Magen und Nieren reizen. Der Genuß von alkoholischen Getränken ist möglichst einzuschränken. Sehr wichtig ist die Sorge für eine rationelle Lebensweise. Statt der von Vielen einge- haltenen sitzenden, theils unthätigen, theils in gleichmäßiger geistiger Anstrengung verlaufenden Beschäftigung ist eine abwechselnde, viel in freier Luft sich bewegende, mit Körper- thätigkeit verbundene Lebensweise anzustreben, deren günstige Wirkung auf Verdauung, Stoffwechsel und Circulation der Harnsäureausscheidung wohlthätig entgegen wirkt. Reiten, Radfahren, Bergsteigen, Gartenarbeit oder methodische Gymnastik müssen das ruhigere Tagewerk unterbrechen. Die Einführung größerer Mengen alkalischer Mineralwässer, von denen das Fachinger Wasser das wirksamste ist, wird durch eine energische Durchspülung der Gewebe die abgelagerten Crystalle bald lösen und ihre Ausscheidung erleichtern. Jedoch ist jedem Patienten zu rathen, die Cur genau vom Arzte regeln zu lassen. Der Erfolg wird dann um so sicherer sein. Im Vorhergehenden haben wir den Einfluß der Ernährung auf die Entstehung und Heilung der Gicht dargelegt, ohne auf den Gelenkrheumatismus einzugehen.*) Dies hat seinen Grund darin, daß alles Gesagte in etwas abgeschwächter Form auch für den Gelenkrheumatismus gilt. Dieser ist nämlich als eine Art von Vorläufer der Gicht anzusehen. Während bei ihm die im Blute ausgefüllte Harnsäure nur vorübergehend in den Gelenken sich absetzt, aber bei wiederhergestelltem Blutkreisläufe nach kürzerer oder längerer Zeit noch zur Lösung gelangt, bevor sie anatomische Zerstörungen hervorgebracht hat, ist bei der gichtischen Gelenkentzündung dieses nicht der Fall. Eine große Rolle spielt beim Gelenkrheumatismus auch noch die „Erkältung" durch Zugluft, weil in dem abgekühlten Blut- und Gewebswasser die Harnsäure leichter crhstallisirt. Auch diese Krankheit ist unter den nämlichen Gesellschaftsklassen und bei denselben Völkern verbreitet wie die Gicht. Professor August Hirsch, der geographische Forscher auf medicinischem Gebiete, sagt: „In Englaud, wo Gelenkrheumatismus überhaupt so sehr herrscht, daß frühere Beobachter ihn zu den endemischen Krankheiten des Landes gezählt haben, wird die Krankheitsfrequenz im Mittel auf 5 pCt der Gesammterkranknngen geschätzt." *) Nicht zu verwechseln hiermit ist der Muskelrheumatismus, welcher eine ganz anders Krankheit darstellt. Huiirovistisches. Verblümt. „Glauben Sie, daß der Herr Rath trinkt?" — „Ich glaube nicht — aber wissen Sie, wenn ich eine Flasche Cognac wär, möchte ich nicht allein mit ihm im Zimmer sein!" Kedactian: Ä. Echehda. — Druck und Berlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Birßm.