eJW W InlerhaltunSsblalt 311m '"kos Äfflä ^Sa^-Br HM heil' Liebe aus, wohin Du gehst, hierorts ifnb allerwegen; Die Samenkörnlein, die Du säst, Sie bringen reichen Segen. Du gehst durch dieses Erdenthal Nur einmal und nicht wieder; Sind breit die Wege oder schmal. Geh'» aufwärts sie — hernieder. Allüberall thut Liebe nvth In diesem kalten Leben. Sie überwindet selbst den Tod, Kann Trost allein Dir geben. D'rum, wo Du gehst und wo Du stehst, Theil' reichlich Deine Gaben; Noch nie ist Liebessaat verwest, Die Frucht wird einst Dich laben. — (Aus der Gedicht-Sammlung „Aus tiefem Vorn". Schmidt-Idar. Verlag von Gust. Butz in Hagen i. W.) Von Mlnna Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Schluß.) „Als Sohn eines Mörders und Zuchthäuslers —" Büttner schauderte, und Adolf rief, fie unterbrechend: "Nicht meines Vaters That, meine eigene hat mich von Carola geschieden, stünde diese nicht in der engsten Verbindung mit jener, das hochherzige Mädchen lvürde sie mich nicht entgelten lassen." , Die Schwester schüttelte den Kopf. „Ach, Du hast leine Vorstellung, wie wir vervehmt sind, nicht die armen .Kinder läßt man in Ruhe! Du bist ja auch hier von aller LLelt verlassen. Hat man in Waldhof sich uni Dich bekümmert ?" ~ Adolf mußte das verneinen, denn was er seiner Schwester Hütte entgegnen können, waren doch nur Ausgeburten seiner Fieberphantasien, die sie in das Reich der Draume verwiesen haben würde, wie dies seine Pflegerin gethan. Es war ihm häufig vorgekommcu, als trete mit dieser eine andere Gestalt an sein Lager, die jenen feinen Wohl- j Abruch ausströmle, welcher Carola umgab. Ihre weiche, j ^uhle Hand legte sich auf seine Stirn, der Hauch ihres Mundes umfächelte ihn, wenn sie sich zu ihm niederbeugte, er sah das blaue Auge, das metallisch glänzende Haar und nahm mit Hochgenuß den Trank oder die Arznei, welche sie ihm reichte. Ihre Nähe hatte ihm stets süßen Frieden erquickenden Schlaf gebracht, war er aber aus diesem erwacht und hatte suchend umhergeschaut, so war die Erscheinung verschwunden und seine Wärterin hatte ihm versichert, es sei ein Traumbild gewesen. .. . ®’e er sich von einem zum anderen Male auf , dieses ^.raumbild gefreut, wie sich danach gesehnt! Aber mit seiner fortschreitenden Genesung war es verschwunden Er wäre gern von Neuem krank und hilflos gewesen, hätte er es dadurch zurückrufen können. „Du bist müde Adolf," sagte die Schwester, sein Ber- stummen und den Ausdruck seines Gesichtes anders deutend ÄJ’" pa“r stunden, ich werde mich inzwischen in der Wirthschaft ein wenig umsehen, wir dürfen nicht Alles drunter und drüber gehen lassen." Sie rückte ihm die Kissen zurecht, breitete eine Decke über seine Knien und verließ das Zimmer. Eine Weile sann Adolf noch dem mit ihr geführten Gespräch nach, aber die ungewohnte Anstrengung hatte ihn doch erschöpft. Sein Kopf sank herab auf die Seite, erschloß die Augen, seine Gedanken verloren ihre Klarheit und verwoben sich, ohne daß er eigentlich schlief, zu bunten träumen. Und da war ja auch die heiß ersehnte, langvermißte Traumgestalt wieder. Der feine Jrisduft breitete sich wie eine Wolke um ihn und schien ihn vom Boden emporzuheben. Auf einem Sonnenstrahl war sie durch die sich nur spalten- breit öffnende Thür hereingeschwebt, und nun kniete sie neben ihm in dem hellen grauen Kleide, in dem er sie immer so gern gesehen, das braune, goldglänzende Haar von einem blauen Bande festgehalten. .. „ ^ufzte er, nach ihrer Hand haschend, und diesmal fühlte er warmes, pulsirendes Leben, „Carola!" wiederholte er sie festhaltend, „o bleibe, bleibe, entfliehe nicht wieder." 1 y „Ich bleibe, wenn Du mich behalten willst!" klang es dagegen, und das war ihre Stimme, das konnte keine Täuschung sein! „Carola!" Eine Schwäche überkam ihn, da fühlte er sich aber von ihren Armen gestützt und umfangen angstvoll flüsterte sie- 238 „Hat Doctor Frederich doch Deine Kräfte überschätzt? Habe ich Dir Schaden gethan?" „Du hast mir unsäglich wohl gethan," entgegnete er sich aufrichtend und mit der Hand nach Kopf, Stirn und Wangen tastend. „Dulde, daß ich mich überzeuge, daß Du in Wirklichkeit bei mir bist, daß Du keine Ausgeburt meiner Fieberträume warst und mit diesen verschwindest." Sie drückte ihre Lippen auf seine Stirn. „Ich bin es selbst, wie ich es immer gewesen bin. Du hast mich nie im Traum gesehen." , „Und warum verschwandest Du immer wieder?" fragte er mit zärtlichem Vorwurf. „Weil der Arzt befürchtete, die Aufregung könne Dein Leben in Gefahr bringen." Er schüttelte lächelnd den Kopf. „Wie schlecht kennt mich der gute Frederich, Deine Nähe kann nur heilsam auf mich wirken. Und jetzt? „Jetzt hält er Dich für so weit genesen, daß er den Bann, in den er Dich bis dahin gethan, aufgehoben hat. Glaubst Du wirklich, man habe Dich so ganz vergessen gehabt, daß Niemand kam, nach Dir zu fragen?" „Ich fand es nur zu natürlich, daß man den Selbstmörder, den Sohn des —" „Still!" gebot sie und drückte ihm die kleine feste Hand auf den Mund. „Kein Wort weiter. Kannst Du das Vergangene auch nicht aus Deinem Gedächtniß tilgen, so wollen wir seiner doch so wenig wie möglich erwähnen." „Wir!" wiederholte er. „Carola, Du wolltest, Du könntest?" „Wäre ich sonst zu Dir gekommen?" „Du kannst verzeihen?" „Ach, Du fehltest ja aus Liebe yi mir!" entgegnete sie erröthend und mit abgewandtem Gesichte. „Was verziehe nicht ein liebendes Weib, das sich geliebt weiß!" Er war noch nicht beruhigt. „Aber Deine Mutter, Dein Onkel?" . „Sie haben mich Beide herbegleitet und mögen Deine Frage selbst beantworten," erwiderte sie und schlüpfte aus dem Zimmer. Nach wenigen Minuten kehrte sie in Begleitung des Amtsraths und ihrer Mutter zurück, und später fand sich auch die hoch überraschte Frau Büttner ein, die, nachdem sie den Zweck ihres Besuches erfahren, Carola in die Arme schloß, Frau Münter die Hand küßte und Beiden, wie dem Amtsrath unter Thränen sagte: „Gott segne Sie, denn Sie haben Großes an uns gethan, nicht nur an meinem Bruder, sondern an uns Allen, Sie geben uns das Vertrauen zu uns selbst und zu der Menschheit wieder." Es waren nach vielen Monaten wieder die ersten glücklichen Stunden, die Adolf und seine Schwester und auch Carola verlebten. Sie kam jetzt täglich in Begleitung ihrer Mutter und ihre Nähe wirkte so wohlthätig auf den Genesenden, daß der Arzt schon nach kurzer Zeit seme Uebersiedelung nach Waldhof gestattete, denn der Amtsrath behauptete, die Luft daselbst sei für ihn weit heilsamer als die in Rapshagen. In Waldhof traf Adolf auch mit Doctor Holten zusammen, der zwar schon seinen Aufenthalt in Berlin genommen hatte, aber fast jede Woche auf einen Tag zum Besuch seiner Braut kam. Die Begegnung war für Beide schwer und peinlich, jedoch Carola und Meta hatten es so eingerichtet, daß sie in ihrer Gegenwart stattfand. Unter dem besänftigenden Einfluß der liebenswürdigen jungen Mädchen überwand Doctor Holten sein Widerstreben und reichte Adolf Göbener versöhnlich die Hand. Beide Männer fühlten indeß, daß ein wirklicher Ausgleich zwischen ihnen sich nie oder doch erst nach langer Zeit vollziehen könne- zwischen ihnen stand der Schatten der armen Anna. Es war indeß auch keine Aussicht vorhanden, daß ihre Wege sich so bald wieder kreuzen würden, denn schon Ende October sollte Adolf Göbener dem Vaterlande für eine Reihe von Jahren, wenn nicht für immer, Lebewohl sagen. Carola, die im lebhaften Verkehr mit der russischen Fürstenfamilie, in der sie seit Jahren gelebt hatte, geblieben war, hatte ihm einen ausgedehnten Wirkungskreis verschafft. Eine der jungen Prinzessinen, die sie erzogen, hatte sich wiederum an einen Fürsten verhcirathet, der auf seiner großen Herrschaft in der Krim ein Schloß und andere bedeutende Bauten ausführen lassen wollte, die eine Reihe von Jahren in Anspruch nehmen mußten. Die Leitung dieses großartigen Unternehmens war Göbener übertragen worden. Nach einer stillen Hochzeit reiste der Genesene, der in dem milden Klima Livadias und noch mehr im Sonnenschein seines jungen Liebes- und Eheglückes völlige Wiederherstellung erwarten durste, mit Carola dahin ab. Schon vorher hatten seine Schwestern mit ihren Familien Deutschland verlassen. Den im Provinzialzuchthause befindlichen ehemaligen Amtmann Göbener hatte keins von seinen Kindern wiedergesehen. Er blieb hartnäckig bei seine« Vorsatze, keinen von seinen Angehörigen wieder zu sich zu lassen. „Sie möchten hingehen, wohin sie wollten, er sei so gut tobt für sie wie die auf dem Reppenhagener Kirchhof ruhende Mutter," ließ er ihnen sagen. Sie erfuhren indeß, daß er sich gut führe und sein körperliches Befinden nichts zu wünschen übrig lasse. Er hatte in den Verkauf von Rapshagen gewilligt, das auch bald von den neuen Besitzern, die eine Kinderschaar mitbrachten, bezogen und bald gänzlich umgewandelt wurde. Die Gräber der Frau Göbener und Annas, die sich nebeneinander auf dem Kirchhof befinden und mit einfachen Gedenksteinen versehen worden sind, haben Frau Münter und ihre Schwester in Obhut genommen. Beide waren bei dem Amtsrath in Waldhof geblieben, nachdem Meta ihren Gatten zu Anfang des neuen Jahres nach Berlin gefolgt war. Der Amtsrath hatte allerdings bei der Wahl und Einrichtung der neuen Wohnung, wobei er eine gewichtige Stimme hatte, darauf Bedacht genommen, daß immer ein paar Zimmer für ihn in Bereitschaft ständen, sodaß er, ohne das junge Paar in seinen Bewegungen zu beschränken, sich so oft bei seinen Kindern aushalten konnte, als ihn seine Sehnsucht zu ihnen trieb. Anna Haltens Andenken wurde außer durch den stets sorgfältig geschmückten Hügel auf dem Kirchhof zu Reppen- hagen noch in anderer erkennbarer Weise in Ehren gehalten. Die ziemlich verwickelte Rechtsfrage, ob die Versicherungsgesellschaft „Vorsicht" zur Zahlung der Hunderttausend Mark verpflichtet sei und an wen dieselbe gezahlt werden muffe, war durch einen Vergleich gelöst worden. Die Gesellschaft hatte eine nahmhafte Summe hergegeben und aus dieser war eine „Anna Holten - Stiftung" zu Gunsten bedürftiger Frauen und Jungfrauen errichtet worden. Aus der Seinestadt. Plaudereien von Dr. M. Evers. __(Nachdruck verboten.) I. Das Quartier Montmartre. KO. Wenn es nicht Talleyrand war, so war es Jemand nach oder vor ihm, aber immerhin muß es ein Franzose gewesen sein, der den Ausspruch that: „Der Deutsche baut seine Schlösser in die Lust, der Engländer aufs Wasser und der Franzose auf die Erde." Es ist in der That so. Die Stadt an der Seine ist ein kleines Paradies auf Erden und macht auf den Fremden, der sie zum ersten Male zu sehen bekommt, einen unauslöschlichen Eindruck. Es ist nicht die -- 239 — Größe und Ausbreitung des Häusermeeres allein, die den Beschauer gefangen nimmt, auch nicht die Masse von geschichtlichen Erinnerungen, die auf den Gebildeten einstürmt, ja, selbst nicht die Herrlichkeit der baulichen Anlagen, die Len ästhetischen Sinn entzückt, es ist ein unbeschreibliches Etwas — ein — ein Paris! Es giebt eben nur ein Paris und dieses Paris ist eben das einzige, an der Seine gelegene — Paris! Das ists! Das sagt Alles. „Veni, vidi, vici“ ruft Cäsar, woraus wir entnehmen können, daß der Römer me Paris gesehen hat, denn sonst hätte er rufen müssen: .„Veni, vidi, victus sum!" Siehe Neapel und — stirb I" ruft Ler Italiener. Er kennt eben Paris nicht, denn sonst würde er sagen müssen: „Siehe Paris und — lebe!" Doch zur Sache! Man darf nicht gelangweilt an die Betrachtung von Paris gehen und lange Vorreden langweilen. Also — Paris! Was wollen wir herausgreifen? Paris ist das „volle Menschenleben" und muß, wo wirs „packen", „interessant" sein. Also packen wir hinein ins volle Menschenleben und reden wir ein wenig über das — nun das Quartier Montmartre! „H n’y a qu’un Montmartre!“ ruft der Pariser stolz und in der That ist das hochgelegene Viertel der Seinestadt -einzig in seiner Art und in dem Trio der Pariser Quartiere — die beiden andern sind das Quartier der großen Boulevards und das Quartier latin — ganz sicher das interessanteste. Interessant ist es für uns nicht wegen der vielen Socialisten und Anarchisten, die es beherbergt, sondern weil sich das lustige Völkchen der Künstler, der Maler und Poeten, zusammengefunden hat und in den sogen. „Cabarets“ oder Kneiplocalen sein harmloses, ungemein frohes, Humor- und Zeistsprühendes Wesen treibt. Im Allgemeinen ist es nicht leicht, in diese Stätten zu gelangen und der Duchschnittsbesucher des Seinebabel hat Meist gar keine Ahnung von ihrer Existenz. Wer aber einen Begleiter hat, der dieses Viertel genau kennt (und das Glück war mir Sterblichen in der Person eines früheren Studiengenossen zu Theil geworden), der wird in alle Geheimnisse dieses Montmartre eingeweiht; er weiß garnicht, wie. Mit der Omnibuslinie Odeon—Batignolles—Clichy tritt man die Fahrt in dieses Viertel an und findet sich überreichlich belohnt für den Einblick in das interessante Leben, das sich da oben entwickelt. Haufenweise schlendern in jenen Straßen die Maler und Poeten umher und kaum eine Dachstube giebt es hier, wo nicht so ein junges Dichterblut seinen Pegasus reitet oder -ein junger „Raphael" vas ganze Jahr hindurch die Leinewand Meterweise mit Farben beklext. Sie alle träumten von Reichthum und Ruhm und groß sind die Hoffnungen all dieser Künstler, wenn es auch noch so bescheiden mit ihren Finanzen aussieht. Wie schon erwähnt, giebt es hier in großer Anzahl sogen, „cabarets artistiques“, wo die junge Künstlerschaar allabendlich zusammenkommt. Das Interieur dieser Kneipen sieht immer äußerst originell aus. Wir treten in eine solche, die von Cloquet an der Place blanche, ein und befanden uns in einem engen, finstern, Personen und Gegenstände in graue Nebel von Tabaksqualm hüllenden Raum. Zwischen dem Buffet und einem Wirthstische war ein Clavier eingeklemmt, woran ein talentvoller, aber unendlich verhungert aussehender Spieler auf einem wackeligen Sessel thronte. Zwischen den anwesenden Künstlern und Schriftstellern herrschte der ungezwungenste Verkehr. Als ich durch meinen Begleiter legitimirt worden war, konnte ich mir das Leben da drinnen ruhig mit ansehen. Man ist nämlich sehr eifersüchtig auf Alle, die dort sich heimisch machen wollen. Irgendwie muß man den Nachweis erbringen, daß man auch entweder den Thon geknetet, die Leinewand gefärbt oder den Hippographen geritten hat, ehe man als vollberechtigt angesehen wird. Dann freilich gehört man auch sofort zu der Gesellschaft und darf sich als Genosse der Tafelrunde geriren, wie die Uebrigen. Man darf mit der Faust auf den Tisch schlagen, wenn der Kellner nicht auf unser Rufen wie ein „geölter Blitz" anschwirrt, man darf die am anderen Ende der Tafel Sitzenden mit Brotkügelchen oder sonstigen harmlosen Geschossen bombardiren, ohne gegen den „guten Ton" zu verstoßen. Der Wirth in diesen „Cabarets“ ist gewöhnlich eins von den zahlreichen „verkannten Genies." Vielleicht war er ein alter Schauspieler, ein aus der Mode gekommener Poet, ein Maler oder ein verpfuschter Bildhauer. Kurz er ist der Wirth und hält es für seine Pflicht, zwischen den Gästen umherzugehen und sie zum Trinken zu ermuntern. Auf einmal stellte er sich auf einen Stuhl, kündigte mit lauter Stimme das Auftreten eines Dichters an und todtenstill wurde es im Local. Der junge Poet erhebt sich dann von seinem Sitze, legt die Pfeife auf den Tisch, schüttelt seine Mähne und trägt in würdevoller Haltung seine neuesten Schöpfungen vor. Allgemeines Bravorufen folgt. Man trinkt auf die Gesundheit des Zukünftigen und gratulirt ihm zu seinen ferneren Erfolgen. Ach! Für Viele ist der Beifall in solch einer Kneipe das Einzige gewesen was sie erreicht, sie blieben die „Poeten des Montmartre" und die Welt, geschweige denn Paris, hat ihnen nie Lorbeeren geflochten. Uebrigens sind auch schon gefeierte literarische Größen in diesen Kneipen entdeckt und viele der berühmtesten Pariser Schriftsteller von heute trugen einst ihre Verse in solchen „Cabarets“ auf dem Montmartre vor. An den Wänden der „Cabarets“ und an den Decken prangen Malereien von allen Dimensionen, farbenreiche Landschaften, reizende Studienköpfe von hübschen Montmartraisen und oft befinden sich Schöpfungen darunter, die im „Salon" bewundert werden würden, wenn — wenn der arme Maler nicht damit seine Zeche dem Wirthe bezahlt hätte. Die Hausbesitzer, die ihre Dachstuben an Künstler ausmiethen, werden ebenfalls auf keine andere Weise bezahlt. Nach dem ersten Quartal werden die Gesichtszüge des Vermiethers auf die Leinewand gebracht, drei Monate später, wenn der Kunstjünger noch kein Geld hat, kommt die Hausfrau an die Reihe, dann die Kinder, die Tanten, kurz die ganze Familie. Dasselbe thun die Poeten mit ihren Gelegenheitsgedichten und so kommt es, daß viele Hausbesitzer auf dem Montmirtre ganze Bildergallerien besitzen und in ihren Schubladen ganze Pakete von Gelegenheitsgedichten aufbewahren. Erst wenn die ganze Familie bis auf das Schooß- hündchen gemalt ist und wenn im Hause keine Geburtstage, Hochzeiten, Taufen und sonstige Festlichkeiten mehr in Aussicht stehen, wird dem Künstler gekündigt. Froh und unbesorgt packt er seine Siebensachen (oftmals sind es nicht einmal so viel), zieht aus und findet gar bald ein neues Heim, wo er seine Miethe auf dieselbe Weise bezahlen kann. Der Pariser kennt eben nur zwei Tempora, ein bischen Vergangenheit und dann die Gegenwart,- die Zukunft? Nun ja! Zukunft! Zukunft ist eben — die kommende Gegenwart! Ein leichtlebiges Völkchen, nicht wahr? Bei einer meiner Abendwanderungen war ich Augenzeuge des „Umzuges" eines solchen wandernden Kunstjünglings. Keinen Dienstmann, keinen Möbelwagen, nicht einmal einen der hier gebräuchlichen zweirädrigen Handkarren konnte ich in der Dunkelheit entdecken. Voran marschirte sein etwa zwanzigjähriges „Modell", vorsichtig die brennende Lampe tragend, dann kam der Maler selbst, in der einen Hand die Staffelei, in der andern (er hatte leider nur zwei) die Palette, die Pinsel und — den Malkastey. Hinter ihm folgten vier seiner besten Freunde, welche majestätisch im Gleichschritt das eiserne Bett auf den Achseln trugen, auf dem noch ein durchlöcherter Stuhl die Beine flehentlich stumm gen Himmel streckte. So zog man mit feierlich ernster Miene aus einer Dachstube in die andere oder vielmehr ins neue „logis“. Wäre das in einem anderen Stadtviertel passirt, so hätte die Polizei den Anfang jedenfalls inhibirt 240 und die übermütigen Leutchen ungehalten - doch hier im Künstlerviertel, auf dem Montmartre läßt man dergleichen lächelnd gewähren. Wie wenig brauchen wir Menschen doch, um glücklich und zufr'eden zu sein, dachte ich mir, als der Zug vorüber war und um die nächste Ecke bog. Die Pariser sind zu beneiden um ihren köstlichen, genialen Leichtsinn. Einfach zu beneiden! Die „Cabarets“ führen auf ihren Schildern gewöhnlich die sonderbarsten, ost komischen, oft pathetischen Namen. Das bekannteste in diesem Viertel ist der „Chat noir“, der „schwarze Kater", der im ersten Stockwerk ein eigenes kleines Theater hat, auf welchem schon oft kleinere Werke lyrischen Genres aufgesührt wurden. Andere Kneipen führen die Namen z. B. „L’ane roug“, „der rothe Esel", „Le Carrillon“, „Les quartres arts“ u. s. w. Ueberaus bezeichnend für die absolute Religions- und Glaubenslosigkeit des modernen Parisers ist das Cabaret „Le Neant“ (das Nichts). Es ist gerade diese Kneipe die originellste und wird gegenwärtig besonders stark von Fremden besucht. Von Außen unterscheidet sich dieses Cabaret in beinahe nichts von den übrigen. Nur eine Laterne mit grünlich fahlem, unserm Gasglühlicht ähnlichem Scheine bezeichnet den Eingang. Eine kleine Thür führt in einem dämmerlich, jämmerlich schwach erleuchteten Raum, dessen Wände kohlschwarz angestrichen sind. Das Innere dieser Kneipe ist so schauerlich, daß es am gerathensten ist, lieber Leser, gerade hier unsere Plauderei —■ abzubrechen. Wir haben ja wohl das Vergnügen, länger mit einander, plaudernd über die Seinestadt, zu verkehren. Dann will ich Dir mittheilen, was ich zu sehen bekam. Für heute genug. Au revoir, nmn eher; darf ich hinzufügen: ma chäre? Nichts für ungut! — — GeinernnÄtziges. Während bei Reuairlagen voll Obst im Allgemeinen jetzt die Regel gilt, möglichst wenige Sorten anzupflanzen, hat man in den Vereinigten Staaten Nordamerikas neuerdings wissenschaftliche Beobachtungen gemacht, die obige Regel einigermaßen einschränken. Man hat festgesiellt, daß es zur Befruchtung von Blüthen und damit zu einem reichhaltigen Fruchtansatz nöthig ist, Sorten gemischt zu bauen, weil die Befruchtung durch eine andere Obstsorte bedeutend reicheren ssruchtanfltz und damit bessere Ernten giebt, wie durch dieselbe Sorte. — Man ist dann in diesen Beobachtungen weiter gegangen und hat festgestellt, daß es eine ganze Anzahl von Obstsorten giebt, deren Blüthenstand überhaupt unfruchtbar ist, während bei anderen Sorten eine besonders reiche Fruchtbarkeit des Blüthenstandes festgestellt ist! Ein deutscher Landsmann in Wisconsin, Herr F. A. Richter theilt in der soeben ausgegebenen Nummer des „praetischen Rathgebers im Obst- und Gartenbau" aus „Farmers Bulletin Nr. 65" die Namen der Birnen mit, die man in Amerika als unfruchtbar, und solcher, die man als fruchtbar festgestellt hat. Die Entdeckung ist jedenfalls von sehe großer Tragweite für den deutschen Obstbau und dürfte auch bei uns zu sorgfältigen Beobachtungen Veranlassung geben. * * Hecht ä la Perigueux. Einen recht großen Hecht säubert man sorgfältig, zieht auf der einen Seite die Haut ab und spickt ihn mit feinen Speckstreifen. Dann bestreut man ihn mit Salz, Pfeffer, Muskat und feinen Kräutern und bringt ihn in den Backofen, in dem man ihn recht fleißig mit einer Mn'chung aus aufgelöstem Liebigs Fleisch- Extract, Butter, Weißwein und Citronensaft begießt. Sobald der Fisch gar ist, legt man ihn ans eine flache Schüssel und ferbirt ihn mit der Sauce, nachdem man derselben noch drei im Mörser zerstoßene Sardellen beigefügt, sie gepfeffert und gesalzen und alsdann durch ein Sieb gerührt hat. * * Spinat Uttv Sauerampfer. Zehn Personen. Be- reitungszeit eine Stunde. Gleiche Theile von Spinat mtfc' Sauerampfer, je 1 Kilo, werden verlesen, gewaschen und„ jedes Gemüse besonders, in schwach gesalzenem Wasser abgekocht, mit frischem Wasser gekühlt, abgetropft durch ein Sieb gestrichen und dann gemischt. — Nun schwitzt man einen Löffel Mehl in 90 Gramm Butter, fügt 10 Gramm Liebigs Fleisch Extract zu, dünstet das Gemüse hierin, streut einen Löffel geriebenen Zwieback über, verrührt diesen, gießt wenn erforderlich noch ein wenig Bouillon auf, würzt mit Salz, und kocht das Gemüse unter fleißigem Umrühren V4 Stunde, es mit verlorenen Eiern garnirt anrichtend, die geschnittene Fray BentoS-Zmtge besonders dazu reichend. Aus dem „Praetischen Wegweiser", Würzburg. Die Bienen sind von nnfchtitzvaren» Werthe für die Landwirthfchaft durch die Befruchtung der Blüthen. Ein gewöhnliches Volk hat im Sommer ‘20 000 Bienen,, von denen in der Minute 80 ausfliegen, dies macht täglich, den Tag in 10 Stunden gerechnet, 48 COO und in 100 Tagen etwa 5 Millionen Ausflüge. Jede Biene besucht bei einem Ausfluge mindestens 50 Blüthen, sodaß in 100 Tagen ca. 200 Millionen Blüthen besucht und davon mindestens 20 Millionen befruchtet werden. Den Hauptvortheil von der Bienenzucht haben also die Landwirthe- leider wird dies aber immer noch zu wenig anerkannt. * * * Bei Catarrh, besonders wenn die Brust schmerzt^ schafft es rasche Erleichterung, wenn man ein großes leinenes Tuch in heißes Wasser taucht, um den Oberkörper schlägt,, eine Wolldecke darüber wickelt und einige Zeit im Bette liegen bleibt. Vermischtes. Zukuusts-Bild. Auf dem Postamt, wo des Dienstes Ewig gleichgestellle Uhr Die Beamten treibt zur Arbeit, Herrscht heut' eitel Freude nur. Secretnre, Posteleven, Geldbriefträger, Diätar, Telegraphenassistenten, Schreiber, Supernumerar, — Aller Miene zeigt Erstaunen, Alle blicken unverwandt Auf das Schriftstück, das der Postrath Sinnend hält in seiner Hand. Und gerecht erscheint ihr Staunen, Wenn den Umstand man ermißt, Daß es eine Reichspostkarie Ohne jede Ansicht ist. Der B esuchs-A ut om at. (D. R.-P. Nr. 139 711.) Der Herr Privatier Gradaus hat neben dem Eingänge seines Hauses einen Automaten anbringen lassen mit der Aufschrift: „Gegen Einwurf einer Visitenkarte verabfolgt der Apparat eine der meinigen, womit Besuch und Gegensuch als gemacht gelten. K. Gradaus." * -t- * Beim Examen. „Herr Candidat, sagen Sie mir„ welcher Mensch kann mit ruhigem Gewissen den Offenbarungseid leisten?" „Ich, Herr Professor!" * * * Kindliche Frage. Die kleine Else (die zum ersten Mal die Hühner hat füttern sehen): „Mama, essen die Hühner immer mit der Nase?" Redaction: I. V.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch« und Stcindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen