MW W S r Ns ie Erde sagt es den Lerchen an, Daß der Frühling gekommen sei. Da schwingen sie sich himmelan Und singen es laut und frei. Es hört's der Wald, es hört's das Feld, Die Wiesenblumen und Quellen, Und endlich hört's die ganze Welt, Auch der Mensch in seinen Zellen. Hofsmann v. Fallersleben. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) Die Großmagd berichtete ihm jetzt, was sie von der alten Suse erfahren hatte, während diese sich furchtsam in einen Winkel drückte, und Göbener schrie, mit dem Fuße stampfend: //Das ist ja eine saubere Bescheerung, sieht beinahe aus, als wäre sie durchgegangen!" und er schlug ein böses, heißeres Lachen auf. „Der Braten auf der einen Seite roh und auf der anderen verbrannt, solche schöne Hammelkeule, ist ja eine Sünde und Schande!" fuhr er fort, nachdem er die Thür des Bratofens geöffnet und hinein geblickt hatte,- „da stehen die Pflaumen und der Reis noch, roh, wie sie eben in den Topf gethan sind, und das Fleisch ist nicht angekocht. Na, warte, mein Herzchen, Du sollst den alten Göbener kennen lernen." „Weißt Du denn nicht, wo sie steckt?" drang er auf die Alte ein, welche nur den Kopf schüttelte. „Hast wohl hier auch geschlafen wie ein Murmelthier, sonst müßtest Du sie doch gesucht haben." Er packte sie heftig am Arm. „Hab' im ganzen Haus gesucht, da ist sie aber nicht!" wimmerte die Alte, machte sich von ihm los und rieb sich die schmerzende Stelle. „Aber nach dem Garten ist sie nicht gegangen," legte sich Anneliese, die Großmagd, ins Mittel, „und wir haben Fräulein Annechen, als wir in die Kirche gingen, dort sitzen gesehen." „Auf dem Rückweg sind wir durchs Hofthor gekommen" fügte die Kleinmagd hinzu und der Amtmann erwiderte i spöttisch: j „Du meinst wohl, Ihr hättet sie sonst wecken können, - sie wird bei ihrem Buche eingcnickt sein. Na, warte, ich i will Dich lehren! Zum Lesen und mit Deinem Vogel j Possen zu treiben, halte ich Dich hier wahrhaftig nicht in = Rapshagen. Das kommt aber davon, wenn die Frau aus dem Hause geht und solch unreifem Dinge die Wirtschaft überläßt." Die letzten Worte, deren Ungerechtigkeit Niemand besser zu beurtheilen wußte, als die Mädchen, welche täglich Zeugen von Annas Fleiß und Umsicht waren, murmelte er nur halblaut, während er durch die Hinterthür schritt, um nach dem Garten zu gehen. „Komm mit!" sagte die Großmagd zu ihrer Nebendienerin, „ich muß sehen, was aus dem Fräulein geworden ist." j //Er wird zanken!" antwortete diese mit einer bezeichnenden Geberde nach der Richtung, in welcher Göbener verschwunden war. Anneliese zuckte geringschätzig die Achseln. „Das thut er ja so wie so. Ich muß wissen, was aus dem Fräulein geworden ist, das kann ja gar nicht mit rechten Dingen zugehen." a '/Aber Anneliese, Du kannst einem ja ganz gruselig machen! rief die Kleinmagd, und der soeben hinzukommende Knecht fragte: „Was soll denn einem Menschen am Hellen Vormittag hier geschehen?" ."Ach/ es treiben sich Strolche herum!" seuftze die Großmagd. „Dem wär's schlecht ergangen, der auf den Hof gekommen wäre, ich hatte den „Faßan" losgemacht," erwiderte der Knecht, schloß sich aber den beiden Mägden an, die ihren Weg nach dem Garten nahmen. Sie fanden den Amtmann neben dem Tisch unter dem Apfelbaum stehen und zwar so voll Verwunderung, daß er darüber vergaß, über ihr Kommen zu schelten- er schien es vielmehr für etwas Selbstverständliches zu halten und gar nicht ungern zu sehen. „Was soll man nun davon eigentlich denken?" rief er, auf den offen stehenden Bauer deutend, „der Vogel ist fort und das Mädchen auch!" Die Dienstboten schauten mit offenem Munde und erschrockenen Mienen den leeren Bauer, ihren Dienstherrn und sich untereinander an, vermochten aber auf seine Frage 174 keinen Bescheid zu geben. Erst nach einigen Minuten brachte der Knecht die nicht sehr durchdachte Bemerkung hervor: „Am Ende ist sie doch wohl ins Haus gegangen." „Da steht auch der Korb mit der Stickerei, mit der sie immer so viel Zeit unnütz verthan hat." „Aber wir können ja mal zusehen, wer kann wissen, was solch ein Mävchenkopf für Einfälle kriegt!" fügte er gelassener hinzu und ging, begleitet von den Dienstboten, ins Haus und zunächst ins Annas Stube, wo die ihr eigene Ordnung und Sauberkeit herrschte. Das Zimmer war leer, sah jedoch aus, als habe es eine Person verlassen, die in der nächsten Minute wiederzukehren gedenke. Unter dem Rufe: „Anna! Anna!" ging es nun treppauf, treppab, durch das ganze Haus, auf den Boden, in den Keller, in die Milchkammer, sogar nach dem Hühnerstall und zum Taubenhaus kletterte der Knecht hinauf, so wenig Wahrscheinlichkeit auch vorhanden war, daß die sonntäglich gekleidete Anna sich dorthin begeben haben sollce. „Vielleicht ist ein Bote von Fuchsberg gekommen und hat sie geholt?" muthmaßte die Kleinmagd, als Herr und Gesinde, zu dem sich nun auch noch der zweite Knecht und die alte Suse gesellt hatten, wieder auf dem Hofe standen und einander rathlos anschauten. „Unsinn!" schnob sie der Amtmann an, „meine Frau weiß doch, daß Anna hier nicht abkommen kann." „Nein," sagte Suse, welche ausnahmsweise die Bemerkung gemacht hatte, „es war Niemand hier." „Und Fräulein Annechen wär' auch nicht fort gegangen, ohne der Suse Bescheid zu sagen!" stimmte die Großmagd bei. „Ich hab' mich in ihrer Stube umgesehen- ihr Hut, ihr Umhang, Alles ist da. Sie kann nicht vom Hof gegangen sein. Ich hab' es gleich gedacht, es ist ihr ein Unglück geschehen!" Sie fing an zu schluchzen und ihre Gefährtin leistete ihr sogleich Gesellschaft. Der Amtmann schalt zwar über den verdammten Weiberunsinn und verbot das Heulen, aber sein Ton verrieth doch, daß ihm bei der Sache selbst nicht mehr recht geheuer war und auch die Gesichter der Knechte drückten Angst und Schrecken aus. Die Magd hatte nur den Gedanken Worte gegeben, die ihnen sämmtlich bereits aufgestiegen waren. ^Sollten wir nicht doch wieder nach dem Garten gehen, Herr Amtmann?" schlug der zweite Knecht vor. „Na, auf den Bäumen wird sie ja wohl nicht sitzen!" antwortete Göbener unwirsch, „aber meinetwegen, ob wir hier hernmstehen oder dort." Wieder bewegte sich der ganze Zug nach dem Garten, wieder klang es „Anna! Anna! Fräulein Anna!" und wieder hörte man nichts als das Summen der Jnsecten, das leise Rauschen der Bäume und das Quaken der Frösche, die sich in großer Anzahl in dem Teich aushielten, wovon er dann auch den Namen „Paddenteich" erhalten hatte. Plötzlich stürzte Jochen vorwärts, hob von dem Rasen dicht am Wasser etwas auf und hielt cs den Anderen hin. Es war eine Feder des Papagei. „Das verwünschte Thier ist ihr davongeflogen!' sagte er dabei, es den Uebrigen überlassend, die Schlußfolgerung aus dieser Bemerkung zu ziehen. „Er hat's schon ein paar Mal gethan und ich habe meine Noth gehabt, ihn wieder zu bekommen," erzählte der zweite Knecht. „Ich wollt ihm die Flügel verschneiden, aber sie ließ es durchaus nicht zu!" „Hätt' ich ihm nur den Hals umgedreht, wie ich immer Lust gehabt!" brummte Göbener, „hab's immer gesagt, der infame Schreier bringt uns noch ein Unglück in's Haus - ich —" Ein lauter Jammerschrei schnitt ihm das Wort vom Munde- Anneliese, welche am Rande des Teiches suchend entlang gegangen war, hob Etwas in die Höhe. Es war ein ausgeschnittener, schwarzer Lederschuh mit einer Band- rosette und mäßig hohem Hacken, wie Anna sie im Hause zum Sonntagsanzug über einem weißen Strumpfe zu tragen liebte. Eine Feder deS Papageis, ein Schuh des jungen i Mädchens am Rande des Paddenteiches! Der Schluß, welcher daraus zu ziehen war, lag zu nahe, als daß es noch eines erklärenden Wortes bedurft hätte. Es entstand dann auch ein minutenlanges, banges, beklemmendes Schweigen, das der Amtmann mit dem Befehl an die Knechte unterbrach : „Holt das Netz! Und Ihr seid still und heult nicht!" setzte er zu ben Mädchen gewendet, hinzu, ohne daß man sich indeß viel daran kehrte- das außergewöhnliche Ereigniß übte bereits die unausbleibliche Wirkung eines solchen- eS lockerte die Bande des Gehorsams. Schneller als es sonst die Art pommerscher Landleute zu "sein Pflegt, kehrten die Knechte zurück- sie hatten die Sonntagsanzüge mit den Werktagskleidern vertauscht und Wasserstiefel angezogen. Das Netz wurde in den Teich versenkt und nach etlichen Minuten zurückgezogen, auch die Mägde legten mit Hand an - es hätte dessen nicht bedurft, denn es war ziemlich leicht. Außer Schlamm, einigen kleinen Fischen und Padden und losgerissenen Sumpfgewächsen kam nichts zum Vorschein. Alles athmete auf. Vielleicht hatte man sich doch einer unrichtigen Voraussetzung hingegeben. „Los!" befahl der Amtmann, und der zweite Zug wurde gethan. Wieder war er leicht, um so schwerer wurden die Herzen aller Umstehenden. In die Maschen des Netzes mit den Krallen verwickelt, hing der tobte Papagei. Jetzt war kein Zweifel baran, baß man auch seine Herrin auf bem Grunbe bes Teiches finden werbe. Noch zwei Mal tauchte bes Netz indeß nieder und kam wieder zum Vorschein, ehe man die Gesuchte an das Tageslicht brachte. Endlich ward der Aufzug schwerer, mühsamer — und da lag sie vor den Augen ccr entsetzten Leute, ein Anblick so jammervoll, daß selbst die Klagerufe verstummten und eine tiefe, herzbeklemmende Stille herrschte. Die Nadeln waren aus dem Haar gefallen und die schwere braune Flechte hatte sich einer Schlange gleich um den Hals der Unglücklichen geschlungen, die Augen waren geschlossen, aber der Mund mit den bläulichen Lippen stand halboffen, als hätte er soeben erst einen Schrei ausgestoßen - auf dem bleichen Gesichte glaubte man noch den Schreck, die Angst zu lesen, die sich ihrer bemächtigt, als sie sich so plötzlich dem unbarmherzigen Tode preisgegeben sah. Sie befreiten das arme Opfer aus dem Netze und legten es auf den blumigen Rasen nieder. „Der Papagei ist ins Wasser geflogen und sie ist ihm nachgesprurigen!" sagte die Großmagd. „Es war kein Mensch auf dem ganzen Gehöft, den sie hätte anrufen und der ihr hätte beispringen können," fügte Jochen hinzu, die Kleinmagd nahm sich aber sogar heraus, den alten Göbener, der wie geistesabwesend dastand und immer nur auf einen Punkt starrte, am Aermel zu zupfen und ihn zu fragen: „Herr Amtmann, sollten wir nicht den Bader aus Reppenhagen holen. Vielleicht lebt sie noch." Göberen fuhr auf, aber anstatt auf die dumme Dirne zu schelten, lächelte er nur wehmüthig und sagte: „Der hilft kein Bader und kein gelehrter Doctor mehr, aber meinetwegen holt ihn- macht, was Ihr wollt! Ich weiß nicht, was ich sagen oder thun soll!" Er wankte. Mitleidig faßte ihn die Großmagd unter dem Arm und führte ihn zu dem Stuhl, auf welchem vor wenigen Stunden Anna gesessen, wo auf dem Tische davor noch der leere Bauer und ihr Arbeitskörbchen stand, wo das Buch lag, aufgeschlagen auf der Seite im Wilhelm Tell, wo die Worte zu lesen waren: „Fort mußt Du, Deine Uhr ist abgelaufen!" Hatte ihr Auge zuletzt darauf geruht. Waren sie ihr zur schaurigen Weisung geworden! Ehe die Leute noch mit sich einig waren, ob sie die Ertrunkene ins Haus tragen oder zur Ankunft des Baders auf dem Rasen liegen lassen sollten, erschien der Letztere. 175 * Der Knecht, der ihn zu holen gegangen war, hatte ihn unweit von Rapshagen getroffen, denn der Mann pflegte am Sonntag einen Rundgang zu machen und einen Theil seiner Kundschaft zu besuchen, der an Wochentagen schwer zu Hause anzutreffen war. Er erklärte jeden Wiederbelebungsversuch für eine völlig aussichtslose Thorheit und stellte mit wichtiger Miene und großer Sicherheit fest, die Todte müsse schon paar Stunden im Wasser gelegen haben. „Ich hab's gesagt!" stöhnte der Amtmann, der wieder hinzugetreten war und rang fassungslos die Hände. „Mein ■> liebes, liebes Annachen! Mein armer Adolf!" Schluchzend beugte er sich über die Leiche. Kopfschüttelnd stießen sich die Leute an. Das hätten sie ihrem harten, polternden Herrn gar nicht zugetraut. Es sah ja wirklich aus, als habe er das Fräulein lieb gehabt und hatte sie doch so viel geplagt und gescholten. Erst heute früh noch hatte er ihr den Aufemhalt im Freien nicht gegönnt. „Bringt mir das Vieh aus den Augen, grabt es ein, damit ich es nie wieder zu sehen bekomme!" schrie jetzt Göbener und zog den Fuß zurück, als habe er glühendes Eisen berührt/ er war damit gegen den Papagei gestoßen, der nicht weit von Anna am Boden lag. Krischan, der zweite Knecht, hob den Bogel auf und trug ihn bei Seite, der Bader sagte aber: „Wir wollen die Todte doch ins Haus tragen." „Und müssen wir nicht nach Fuchsberg schicken und es der Frau sagen lassen?" fragte die Großmagd. Göbener wehrte mit beiden Händen! Nein, nein, meine Tochter könnte von dem Schreck auch den Tod haben. Und was wird meine Frau sagen? Sie hatte ja die künftige Schwiegertochter so sehr lieb!" (Fortsetzung folgt.) t Die „Säkechets-Tändstickor". 1848—1898» Von Friedrich Thieme. ------- (Nachdruck verboten.) Welchen Werth besitzt heutzutage ein Zündholz? Gar keinen. Es ist die nichtigste der Nichtigkeiten. Fünfzig oder gar hundert kosten einen Pfennig. Wozu also damit geizen? Fängt das Erste nicht Feuer, so vielleicht das Zweite oder Dritte, und oftmals brennt ein ungeduldiger Raucher nach einander gar ein Dutzend ab, bevor die bläuliche oder gelbröthliche Flamme seine Cigarre in vergnüglichen Brand steckt. Warum also davon Notiz nehmen, daß wir im Jahre 1898 das fünfzigjährige Geburtsjubiläum der jetzt beliebtesten Zündhölzchen, der sogenannten schwedischen, begehen? Und doch — was wären wir ohne dieselben? Was ohne Zündhölzchen überhaupt? Die Frage, was die Menschen ohne Feuer anfingen, wollen wir gar nicht erst aufwersen, denn das wäre zu weit ausgeholt. Aber schon der Raucher, der sein Feuerzeug daheim gelassen hat und keiner feuerführenden Seele auf seinem Spaziergange begegnet, lernt den Werth eines Zündhölzchens schätzen/ und wenn er Zufällig noch ein einzelnes in seiner Westentasche findet, so geht er so vorsichtig und feierlich damit zu Werke, als ob ♦ es sich um etwas besonders Kostbares handelt. Noch kritischer gestaltet sich die Sache, wenn man ä la Robinson auf eine einsame Insel verschlagen worden ist und glücklicherweise noch oder unglücklicherweise nur noch ein einziges Streichhölzchen im Besitz hat. Da erlangt das eine Streichhölzchen, das man sonst achtlos von sich warf, plötzlich die Bedeutung eines unersetzlichen Kleinods, das man, wenn es unter besagten Umständen einen Marktwerth haben könnte, dem Eigenthümer nicht blos mit Gold aufwiegen, sondern für das man mit Freuden das Tausendfache seines Gewichts in Gold bieten würde. Ohne Feuer kein Leben! Da hängt der Blick voll Spannung an dem unscheinbaren Gegenstand, zitternd reibt die Hand ihn und unendlich vorsichtig an einem sorgfältig ausgewählten Stoffe / der Athem wird zurückgehalten, damit er das schwache Flämmchen nicht erlösche. Dann sehen wir ein, was das Zündhölzchen für ein wichtiges Culturwerkzeug ist — eine von den vielen Wohl- thaten der Technik, die wir als etwas Selbstverstiindliches hinnehmen, ohne darnach zu fragen, woher sie kommt und wem wir sie verdanken. Kennt doch die undankbare Menschheit, so wenig sie sich sonst die Gelegenheit zu einer Feier entgehen läßt, vielfach nicht einmal die Geburtsjahre der bedeutungsvollsten Entdeckungen und Erfindungen, von den Geburtstagen und den Namen der Erfinder ganz zu schweigen. Um voll und ganz den Werth unserer modernen Feuererzeugungsmittel zu schätzen, muß man wissen, welch' ein unendlich schwieriges Geschäft in früheren Zeiten die Feuerbereitung war, wie sorgfältig man den werthvollen Prometheus- funken bewahrte und verpflanzte, je von Hütte zu Hütte, von Dorf zu Dorf weiterlieh, wie wir jetzt ein Buch oder eine Maschine, und welch ein Unglück der Verlust der wärme- und lichtspendenden Flamme war. Besondere Personen waren speciell zum Zwecke der Feuerbewahrung angestellt, ja das Feuer ward zum Gott, der Feuerdienst zum Cultus, die damit Betrauten zu Priestern und Priesterinnen. Und die Zeit, wo die Feuererzeugung so schwierig war, liegt nicht etwa weit zurück: noch zu Anfang unseres Jahrhunderts sahen sich die Culturvölker auf Feuerstein, Stahl und Schwamm angewiesen. Es mußte erst der Verbrennungs- proceß überhaupt näher erforscht werden, bevor die Möglichkeit, Feuer auf anderem als dem Primitiven Wege der Reibung zu erzeugen, den Gelehrten sich bot. Wir lächeln, wenn wir lesen, daß die Wilden sich vermittelst der Reibung zweier Hölzer Feuer machen. Vergeblich versuchen wir, dies nachzuahmen, denn erstens eignet sich nicht jede Holzart zur Ausführung, und zweckens verlangt t dieselbe auch einen gewissen, durch Uebung bedingten Kunstgriff, der uns abgeht. Die Thatsache aber steht fest, wenn auch bereits in uralter Zeit bei allen sich entwickelnden Völkern der bequemere Feuerbohrer die Methode der Hölzchenreibung verdrängte. Der Handfcuerbohrer besteht, wie E. B. Tylor berichtet, aus einem Pfeilförmigen Stück Holz mit stumpfer Spitze, welches zwischen den Händen in schnelle Drehung versetzt und zugleich gegen ein zweites Holzstück gedrückt wird, so daß in das letztere eine Vertiefung eingebohrt wird und sich der durch das Bohren erzeugte Kohlenstaub entzündet. Als Zünder benutzte man Moos, trockene Blätter oder manche Pilzarten, wie man deren Ueberreste in den schweizerischen Pfahlbauten gefunden hat. Der Feuerbohrer ist noch jetzt bei einzelnen wilden Völkern im Gebrauch, auch die Römer benutzten ihn noch bis in das erste Jahrhundert nach Christi/ selbst als sie bereits die Kunst des Feuerschlagens vermittelst des Feuersteins verstanden, diente derselbe noch zur Entzündung des heiligen Feuers der Vesta. Noch heute entzünden die Brahmanen ihre Opferfeuer mittelst des Feuerbohrers, weil die auf andere Weise erzeugte Flamme als nicht würdig hierzu gilt, und in Schweden und einigen anderen europäischen Ländern besteht noch heute der Gebrauch, bei besonderen Gelegenheiten Feuer auf diese Weise hervorzurufen. So bei Viehseuchen, wo man die Thiere dadurch vor der Seuche zu schützen glaubt. Noch 1876 wurde in Perth, wie Ranke mittheilt, ein solches Feuer entzündet. Die alten Römer bedienten sich vorher des Epheu- und Lorbeerholzes, später kam der Feuerbohrer in Gebrauch, der natürlich im Laufe der Zeit mannigfache Verbesserungen erfuhr, bis er schließlich durch Feuerstein und Eisenkies verdrängt wurde. Nicht zu ver- gessen ist das während der Regierung des Titus aufgekommene Verfahren, die Spitze eines Schwefelstengelchens in vermodertes Holz zu stecken und durch Reiben an Steinplatten in Brand zu setzen. Das war schon ein Uebergang zu den chemischen Zündmitteln, und doch sollten noch 176 1700 Jahre vergehen, bevor die Menschheit durch Erfindungen auf diesem Gebiete der Mühe und Feuerbereitung enthoben wurde Den hauptsächlichsten Anstoß zur Weiterentwicklung der Feuerbereitungstechnik geben Scheele und Priestley durch Entdeckung des Sauerstoffs (1774) und Lavoisier durch seine bahnbrechenden Untersuchungen des Wesens der Verbrennung. Diese führten nicht zu der Erkennmiß, daß die Luft ein wesentliches Erforderniß der Verbrennung, sondern daß die Entzündlichkeit der einzelnen Körper eine durchaus verschiedene ist. Manche Körper müssen erst bis zum heftigen Glühen erhitzt werden, ehe sie in Flammen aufgehen, andere wie der Phosphor, braut en nur gerieben zu werden, um zu verbrennen, manche sogar nur mit der Atmosphäre in Berührung zu kommen. Was lag näher, als die so gefundenen Eigenschaften der Substanzen für die Zwecke der Feuerbereitung zu benutzen? So entstand 1812 in Wien das erste chemische Feuerzeug, die Tunk- oder Tauchzündhölzchen, deren Erfinder Chancel war. Man tauchte dünne Hölzchen in geschmolzenen Schwefel, ließ denselben erstarren und überzog dann die vorher geschwefelten Köpfchen mit einer Mischung aus chlorsaurem Kali, Rohrzucker und Zinnober. Die Entzündung dieser Hölzchen geschah aber nicht durch Reibung an irgend einer Fläche- wer sie benutzen wollte, bedurfte vielmehr noch eines Fläschchens mit einer besonderen chemischen Füllung (mit concentrirter Schwefelsäure getränkter Asbest), in welche die Hölzchen zum Zwecke der Inbrandsetzung getaucht wurden. So unbequem uns die Anwendung des beschriebenen Zündmittcls erscheint, so bedeutete dasselbe für die Feuererzeugungstechnik dennoch einen gewaltigen und bahnbrechenden Fortschritt. Uns Modernen erscheint sreilich der Preis der Wiener Tunkhölzchen (hundert Stück zwei Mark) ungeheuer hoch, die damalige Zeit aber profitirte doch dabei, da die Erfindung eine großartige Zeitersparniß bedeutete. Damals hieß es eben, sorgfältig mit den kostbaren Dingern umgehen. Eins mußte hinreichen zur Feuererlangung, im Uebrigen dienten, so lange es irgend anging, Holzspahn und Fidibus. In England erfuhr die Chancel'sche Erfindung ei e Umgestaltung dahin, daß man Zündflüssigkeit und Zündkörper in einer Art Patrone vereinigte, die sich beim Zerdrücken des in ihr ent haltenen, die Zündflüssigkeit in sich fassenden Glasröhrchens entzündete. Einen großen Fortschritt bedeutete diescs Verfahren nicht, wohl aber die Erfiudung der Phosphorzündhölzchen, welche 1833 gleichzeitig in mehreren Ländern auftauchten. Wem das bedeutungsvolle Verdienst derselben zuzuschreiben ist, wissen wir nicht. Derosne soll 1816 zuerst den Phosphor zur Herstellung von Zündhölzchen benutzt haben. Die Engländer nehmen übrigens die Priorität der Erfindung für Walker in Stockton in Anspruch — ob mit Recht, darf billig bezweifelt werden. Die Congrcve'schen Streichhölzchen, wie man die ersten Phosphorhölzchen nannte, geriethen, da die Entzündung explosionsartig erfolgte, gar bald in den Ruf großer Feuergefährlichkeit, sodaß sie in verschiedenen deutschen Staaten verboten wurden. Später gelang es, die Zündmasse wesentlich zu verbessern, indem man anstatt des gefährlichen chlorsauren Kalis Mennige und Salpeter oder andere neutralere aber gleich wirksame Stoffe benutzte. Ein anderes Feuerzeug, das von Döbereiner in Jena erfunden wurde, stellte sich als ein zu complicirter Apparat dar, als daß es die bequemen Streichhölzchen hätte verdrängen können. Vielmehr arbeitete die Wissenschaft eifrig an der Beseitigung der den letzteren anhaftenden Mängel - vor Allem galt es, den gefährlichen Phosphor aus der Zündmaffe zu entfernen. Auch dieses Bemühen krönte herrliches Gelingen. Einem Deutschen, Professor R. Böttger- Frankfurt a. M., gelang die Herstellung von Streichhölzchen, deren Zündmasse nicht nur giftfrei war, sondern die sich auch durch sehr geringe Feuergefährlichkeit auszeichneten. Es sind dies unsere bekannten „Schweden" oder Sicherheits- zündhölzer, deren Erfindung in das stürmische Jahr 1848' fällt. Die Fabrikation geschah zuerst in Jöngköping in Schweden, daher der Name „schwedische Streichhölzchen." Diese Hölzchen entzünden sich nur auf einer besonders prä- Parirten Reibfläche, vereinzelte Ausnahmen abgerechnet — denn wer hätte wcht auch schon ein schwedisches Zündholz auf einer trockenen Glastafel zur Entflammung gebracht?" Die Zusammensetzung der Zündmasse ist in den einzelnen Fabriken verschieden und wird meist als strenges Betriebs- geheimniß gewahrt. I. G. Vogt theilt in seiner „Jllustrirten Welt der Erfindungen" das Reccpt einer Augsburger Fabrik mit, wonach zur Herstellung der Zündmasse folgende Substanzen verwandt werden: Chlorsaures Cali 59,3, chlorsaurer Baryt 21,6, Schwefel 2,3, mineralische Bestand- theile 4,0, Klebstoff 12,8. Zur Herstellung der Reibfläche benutzt man amorphen (ungiftigen) Phosphor, Schwefelkies und Klebstoff zu gleichen Theilen. Nach Vogt genügen 80 Gramm dieser Substanzen zur Ueberziehung der 2000 Reibflächen für 1000 Schachteln. Die Fabrikation der Zündhölzchen ist keine so einfache, wie man sich beim Anschauen eines der kleinen Feuerwerkskörper wohl denken mag. Früher stellte man sie allerdings durch Handarbeit her, jetzt ist die Fabrikation in den größeren Fabriken durchaus eine maschinelle, und zwar ist es erstaunlich, durch welche Menge von Maschinen ein einziges Zündhölzchen hindurch gehen, welche Manipulationen es über sich ergehen lassen muß, ehe wir es zum Anzünden unserer Cigarre oder unseres Küchenfeuers verwenden können. Das Material besteht meist aus astfreiem Espen-, Fichten, und Tannenholz. Die einzelnen Holzklötze werden zuerst auf der Schälmaschine zu langen Bändern von Zündhölzchenstärke verarbeitet, sodann auf der Abschlagmaschine geschnitten. Aus dieser Maschine gehen die fertigen Hölzer, aber natürlich noch un- präparirt, hervor. Nachdem sie vollständig trocken geworden sind — denn das müssen sie sein, um sich später gut vollsaugen zu können — werden sie auf der Holzdrahtmaschine gereinigt, in der Ordnungsmaschine geordnet und sodann mittelst der Einlegemaschine in den Rahmen gespannt. Ein einziger Rahmen faßt etwa 2000 Hölzchen, die so in ihm befestigt sind, daß jedes Hölzchen durch einen leeren Raum von seinen Nachbarn getrennt bleibt. Der Rahmen wird mittelst eines Schraubengewindes so fest zusammengepreßt, daß kein Hölzchen herausfallen kann. In dieser Lage werden die Hölzchen getunkt oder imprägnirt, was auf die Weise geschieht, daß die Rahmen mit den gleichmäßig vorstehenden Hölzchen zuerst in geschmolzenen'Schwefel oder Paraffin und sodann in die Zündmaffe getaucht werden. Wiederum läßt man nun die Hölzchen trocknen, worauf die Rahmen mit Hilfe einer weiteren, der Auslegemaschine, entleert werden. Sie wandern dann in die Füllmaschine, welche die Verpackung in die Schachteln besorgt- einer weiteren Maschine liegt das Einpacken in Papier ob. Da nun auch zur Herstellung der Schachteln selbst eine besondere Maschine erforderlich ist, so bedarf es im Ganzen der Anwendung von neun Maschinen, um ein so kleines, unscheinbares Ding wie ein Streichhölzchen für den Gebrauch fertig zu machen. Noch immer gilt die Fabrik Jönköping als die größte, da sie täglich gegen 50 Millionen Stück liefert- doch blüht z. Zt. auch die Zündholzfabrikation in Deutschland, Oesterreich, Japan und Rußland, und besonders einige deutsche Firmen, wie die Sebold'sche Maschinenfabrik in Durlach, haben sich um die Fortbildung der Fabrikation durch Construction zweckmäßiger Maschinen verdient gemacht. Humoristisches. (EmP f ehle ns w er th.) Er: „Wo soll unser Rendezvous stattfinden?" — Sie: „Wie wärs auf dem Standesamts Redaktion I. B.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univeriitüts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schevda) in Gießen