1898. p >iTn uhfcfcJ «ÄSi. 3I-IMW Sonntag den 2V. Februar ^IHÖSSi ilHSli N Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. Am anderen Vormittag sah sich Constanze von dem Besuch der Schwägerin überrascht. Helenes ernstes Gesicht schaut noch ernster drein als sonst, ihre Augenbrauen sind finster gerunzelt. „Ich komme," erklärt sie, nachdem sie auf Constanzes Einladung Platz genommen, „ich komme, um Dir mein Bedauern wegen gestern auszudrücken. Du wärest gewiß gern noch geblieben." „O bitte," sagt Constanze, die sonst so Freundliche, Gutmüthige mit kühler Höflichkeit. Sie empfindet den Besuch der Schwägerin nach dem gestrigen Vorfall und mehr noch wie ihre Worte als eine Tactlosigkeit. „Ich bedauere," fährt Helene fort und sieht der Schwägerin mit einem herausfordernden Blick in die Augen, „ich bedauere, wenn wir Euch vertrieben haben sollten." Constanze &eijjt sich auf die Lippen. Sie ist außerordentlich peinlich berührt. Was soll sie auf die Worte der Schwägerin erwidern? Zn leugnen bringt sie in diesem i Augenblick nicht über sich und die Wahrheit zu sagen wäre allzu unhöflich. So schweigt sie also. Helene verletzt das Stillschweigen ihrer Schwägerin aufs Empfindlichste. Sie empfindet es wie eine directe Beleidigung. Ein Blutstrom schießt ihr in die Wangen, ihre Augen blitzen. I '/Ich hätte Euch ja," sagt sie und reckt sich im Widerspruch zu dem Inhalt ihrer Erklärung stolz in die Höhe, „ich hätte Euch ja gern die Unannehmlichkeit unserer Gesellschaft erspart." „Aber ich bitte," kann Constanze nun doch nicht umhin \ zu widersprechen, obgleich sich ihr stiller Aerger nur noch steigert. Ja, sie ist innerlich geradezu empört. Ueber solche Dinge spricht man doch nicht, wenn man dergleichen auch Sheffer ist es, mit seinem Glücke Abzuhängen von Wettertücke, Von Sturm und Hagel und Nebeldunst, Als von schwankender Menschengunst. Frieda Schanz. I empfindet. Was will Helene überhaupt von ihr? Ist sie I gekommen, um mit ihr einen Streit vom Zaun zu brechen? I ,, //Ich bitte," wiederholte sie, „Eure Gesellschaft ist uns I nicht unangenehm." I Das kommt in einem so kühlen und wenig verbindlichen I der ebenso gut für die gegentheilige Versicherung I f/O/ ich weiß, was ich von Deiner Betheuerung zu I halten habe", giebt Helene mit zuckenden Lippen zurück. I „Ich weiß längst, daß Du uns über die Achseln ansiehft, I daß Du uns nie geachtet hast und daß Du noch heute in I Carl . . ." Mit einer heftigen Handbewegung will Constanze ab- I wehren. //Lassen wir die unerquickliche Geschichte," sagt sie I ärgerlich, von oben herab. „Nein," begehrt Helene auf, deren glühender Unwille sich nicht länger zurückhalten läßt, „gerade davon will ich I einmal offen mit Dir sprechen. Wenn Du's auch nicht I aussprichst, Du läßt es uns doch deutlich genug in Deinem Benehmen fühlen, daß wir für Dich nicht zur Verwandtschaft rechnen, daß Du uns nicht für voll ansiehst, daß Du vor jeder Berührung mit uns zurückschauderst. Auch gestern, I als Du so hastig aufbrachst, in so verletzender Eile, hast Du ! es wieder bewiesen. Und doch hast Du gar keine Veranlassung, Dich uns gegenüber zn überheben, im Gegentheil!" „Im Gegentheil?" fragt Constanze, von der Leidenschaftlichkeit und dem triumphirenden Blick, der ihr aus den Augen der Schwägerin entgegeniprach, betroffen und geärgert zugleich. „Was soll das heißen?" „Das soll heißen," ruft die Andere und die Empörung, die sich in ihr seit mehr als einem Jahre angesammelt hat, drängt zu offenem Ausbruch, „ich dulde es nicht mehr, daß Du uns behandelst, als ständen wir tief, tief unter Dir, als müßten wir uns vor Dir verkriechen. Ich kann es nicht mehr mit aniehen, daß Du, so oft mein Carl in Deine Nähe kommt, eine Miene aussteckst, als fürchtest Du Dich vor ihm, als möchtest Du am liebsten davonlaufen. Mein Carl ist ein Ehrenmann, der noch nie in seinem Leben etwas Unrechtes gethan hat. Und Du — Du und Otto, Ihr habt am allerwenigsten Grund, vor Carl zurückzuschrecken wie vor einem Verbrecher." Auch Constanze verliert ihre kühle Gelassenheit. Die Hartnäckigkeit und Heftigkeit, mit der Helene ein ihr so Peinliches Thema breittritt, empört sie auf's Tiefste. Dazu 110 * Sie schickt ihr Dienstmädchen nach einer Droschke und kleidet sich und ihr Kind in aller Eile zum Ausgehen an . . . Otto ist sehr erstaunt, als er zur Mittagszeit nach Hause kommt und weder Frau noch Kind vorfindet. Eine lebhafte Unruhe bemächtigt sich seiner, während er das Dienstmädchen befragt. Die Frau Assessor habe sehr blaß und ausgeregt ausgesehen. Kurz vor ihrem Weggange sei eine Dame zum Besuch gewesen. Zwischen den Damen muß ein Wortwechsel stattgefunden haben, denn man habe die Stimmen bis in die Küche hinausgehört. An der Beschreibung, die ihm das Mädchen von der Unbekannten entwirft, erkennt Otto seine Schwägerin. Er ahnt es ohne dies, daß es nur Helene gewesen sein kann, und wie zerschmettert sinkt er nun auf den Sessel nieder, der vor seinem Schreibtisch steht. Er schickt das Mädchen wieder in die Küche und grübelt nun düster vor sich hin. Er hat es immer geahnt, gefürchtet. Nun doch noch, so kurz vor dem Termin, der ihm die Rettung gebracht hätte! Eine ganze Weile brütet der Unglückliche dumpf vor sich hin. fügt wird. „Die Schande meines Mannes, sagst Du," ruft sie außer sich, noch lauter als zuvor. „Die Schande meines Mannes! O Du — Du — mit einem Wort kann ich Dick vernichten, kann Dich zwingen, vor mir auf die Kniee zu sinken und mich um Verzeihung bitten. Du Stolze, Du hängst ja von unserer Gnade ab, Du und Dein Otto. Wenn Carl nicht ein so edler, hochherziger Mensch wär', so säße er längst im Gefängniß, der stolze Herr Assessor, Dein sauberer Herr Gemahl. Die Schande meines Mannes! Ja, er hat im Gefängniß gesessen, mein Carl, aber unschuldig, hörst Du, für die Schuld eines Anderen. Und wer hinter Schloß und Riegel gehört, längst gehört, das ist Dein Otto!" Sie weidet sich mit einem langen, triumphirenden Bl ck an dem starren der Anderen und ^ehrt sich erhobenen Hauptes um, der Thür zu. Sie ist eben im Begriff, die Thür zu öffnen, als ihr heisere Laute nachschallen. Wie ein Verzweiflungsschrei klingt es: „Du lügst, Du lügst!" Sie dreht sich noch einmal um. „Ich lüge nicht," giebt sie zurück. „Frage nur Deinen Otto, wer damals die viertausend Mark aus Vaters Geld" tasche genommen hat!" Sie geht. Constanze bricht mit einem Aufschrei auf dem ihr zunächst stehenden Stuhl zusammen. Eme ganze Weile sitzt sie wie betäubt und stiert halb bewußtlos vor sich hin. Dann greift sie mit einer wilden Bewegung in die Höhe. Sie sieht sich wirr um. War das Alles nur ein böser Traum! Nein! Nein! Die Stimme der Rasenden gelt ihr noch in den Ohren. Aber ist es denn möglich, das Undenkbare, Unfaßbare? Sie sinnt und sinnt. Ottos eigenthümliches Wesen, seine Nervosität, Rastlosigkeit, sein eigenthümliches Verhalten seinem Bruder gegenüber, Alles, alles das sieht sie jetzt in einem neuen Lichte. Und doch, nein, nein es ist ja nicht möglich! Es wäre zu furchtbar! Der Kopf schmerzt ihr, wie ein Fieber glüht es in ihr. Ihre Gedanken verwirren sich. Was soll sie thun? Sie kann nicht mehr denken, sie schaudert bei dem Gedanken, jetzt Otto gegenüberzutreten. Sie will zu ihrem Vater. Er soll ihr rathen, Helsen. nun geht die Thür auf. Er taumelt zurück. Carl steht vor ihm. Ein eisiger Schreck überrieselt ihn. Nun ist Alles verloren, alles. Aber was ist das? Carls Stimme klingt an sein Ohr weich, sanft, im Ton des Bedauerns. Ueberrascht hebt er seine Augen. Der alte, gutmüthige Ausdruck von ehemals glänzt ihm von Carls freundlichem Gesicht entgegen. „Es thut mir herzlich leid," sagt Carl, „daß Helene sich von ihrer Erregung hat hinreißen lassen, zu plaudern, ich versichere Dir, daß es ganz gegen meinen Willen geschah. Hoffentlich hat Helenes Uebereilung keine weiteren Folgen sür Dich. Wo ist denn Deme Frau?" Otto zuckt zusammen. Also doch! Also hat Helene ihn doch verrathen! Und Constanze weiß nun Alles — alles! Erschüttert schlägt er seine Hände vor das Gesicht und stöhnt aus tiefster Brust. Mit ein Paar raschen Schritten ist Carl an seiner Seite. Otto sühlt zusammenschauernd, wie der Bruder ihm seinen Arm um die Schulter schlingt. „Fasse Dich, Otto!" sagt Carl herzlich, voll Mitgefühl. Beruhige Dich! Constanze wird's überwinden, wird Dir verzeihen, sie ist ja doch Deine Frau und hat Dich lieb. Siehst Du, ich — na ja, ich hab's ja doch auch überwunden und wahrhaftig, Otto, Du kannst mir's glauben: ich habe keinen Groll mehr gegen Dich. Gestern, siehst Du, gestern ist auch der letzte Rest von Zorn gegen Dich aus meinem Herzen geschwunden. Mein Gott, man sieht Dir's ;a an: Du bist bestraft genug. Man müßte ja ein fuhlloser Stein sein . . . Helene thut's ja auch schon lexö und sie möchte es ja jetzt gern ungeschehen machen. Mein Gott, einmal muß ja doch Alles in der Welt ein Ende nehmen. Sollen wir denn immer unversöhnt miteinander bleiben? ! Begraben wir die alte Geschichte, denken wir nicht mehr ; daran! Komm', sein wir wieder die Alten!" Ottos Gemüthsbewegung ist so ungestüm, daß er ein i lautes Aufschluchzen nicht unterdrücken kann. Carls Worte ■ tönen wie ein Friedensgesang, wie Engelsmusik in se>n Ohr. ■ Vergessen ist in diesem Augenblick Alles, was ihn bedroht, die dunkle, beleidigende Anspielung, als ob gerade sie, Constanze, Helenes Mann eine besondere Rücksicht schuldig wäre. „Ich muß Dich doch dahin ersuchen," sagt sie heftig zurechtweisend, „Dich zu mäßigen. Du solltest doch wahrhaftig nicht die Schande Deines Mannes bis zu den Dienstboten in die Küche hinausschreien." Zornbebend springt Helene von ihrem Stuhl auf. Jede Mäßigung, jede Rücksicht ist in diesem Moment ver- geffen. Es ist ihr unmöglich, den neuen Schimpf ruhig hinzunehmen, der dem Manne, den sie liebt, und der schon so viel unschuldig gelitten, gerade von Ottos Frau zuge- Plötzlich springt er in die Höhe und ein Hoffnungsschimmer leuchtet in ihm auf. Wer sagt ihm denn, daß der Kammergerichtsrath thn zur Anzeige bringen wird? Muß er nicht schon in Rücksicht aui seine Tochter schweigen? Ja, hat er denn überhaupt Gewißheit, daß Helene ihn wirklich verrathen hat? Vielleicht handelt es sich nur um eine bloße Zänkerei zwischen den beiden Frauen und er quält sich nnnöthig nvt Befürchtungen, die gegenstandslos sind. , Er eilt in Constanzes Zimmer und durchsucht eifrig, in fieberhafter Spannung, ihren Schreibtisch und andere Möbel. Aber nichts, nichts, nicht eine Zeile von ihrer Hand. Die Hoffnung regt sich immer stärker in ihm. Gewiß, er ängstigt sich ohne ernsten Grund. Wäre sie int Ernst für immer von ihm gegangen, sie würde ihm sicherlich Nachricht zurückgelassen haben. Aber schon in der nächsten Minute fällt wieder der Zweifel in seine Seele. Hat ihm nicht das Mädchen gesagt, daß Constanze sehr erregt und sehr blaß gewesen sei, als sie kurz nach dem Besuch davongefahren ist? Und welch andere Bedeutung kann denn Helenens Erscheinen gehabt haben, als die von ihm ge- sürchtete? O, wenn er doch Gewißheit hätte! Er stöhnt und kämpft mit sich und ringt mit seinen folternden Zweifeln. Einmal ist er sogar schon an der Thür, im Begriff, zu dem Kammergerichtsrath zu eilen. Aber ihm sehlt der Muth und kraftlos sinkt er auf seinen Stuhl zurück, um seine Lage auf's Neue zu bedenken. Da treibt ihn Plötzlich das Geläut der Corridorglocke aus seinem verzweifelten Grübeln in die Höhe. Er springt auf. Mitten im Zimmer steht er, die Hand auf das ungestüm pochende Herz gepreßt. Ist es Constanze, die zurückkommt ? Ist es der Kammergerichtsrath? Er hört, wie das Mädchen öffnen geht, wie sie mit einem Manne im Corridor ein paar Worte wechselt, und 111 alles Unangenehme, Peinliche. Er fühlt des Bruders Wange an der seinen, die milden, versöhnlichen Worte klingen in seinem Herzen nach. Er, dem er so tiefes Weh zugefügt, -em er so bitteres Unrecht angethan, er kommt von selbst und bietet ihm völliges Versöhnen, bietet ihm völliges Vergessen, Verzeihen. Daran erkennt er ihn wieder, sein gutes, opferwilliges Herz. Er ist so ergriffen, daß er sich kaum mehr aufrecht erhalten kann, und er macht eine unwillkürliche Bewegung, als wolle er in seine Kniee niedersinken. Aber Carl hält ihn in seinen Armen fest und läßt ihn sanft auf einen Stuhl gleiten. Und um seiner und des Bruders Ergriffenheit eine Ablenkung zu geben, wiederholt er seine Frage: „Wo ist denn Constanze?" „Bei ihrem Vater," stöhnt Otto. „Bei — Wie?" fährt Carl beunruhigt auf. „Du meinst, sie wird ihm Alles erzählen?" Otto nickt. Carl geht eine Weile aufgeregt auf und ab, seinen Empfindungen und Befürchtungen in kurzen, unzusammenhängenden Worten Ausdruck gebend. „Weißt Du was, Otro?" sagt er, wieder an den Bruder herantretend. „Ich werde Deinen Schwiegervater aufsuchen, ich werde mit ihm reden. Ich werde ihm erklären, wie Alles gekommen. Er soll Dir die alte dumme Geschichte nicht weiter nachtragen ?" Otto richtet sich rasch in die Höhe und will seinen Bruder zurückhalten, aber dieser ist schon an der Thür. Es ist wieder der ganze freudige Eifer in Carl, für den jüngeren Bruder Sorge und Mühen auf sich zu nehmen. (Schluß folgt.) Für Dittas Brautkleid! Novelle von E. Reinhold. (Fortsetzung.) Die große Wohnung! Das war etwas, worüber sich Marianne stets ärgerte. Wozu brauchte so eine kleine Familie sieben Zimmer? Sie wäre mit dreien zufrieden gewesen, aber Moritz wollte es nun einmal so haben, und so konnte sie nichts dagegen thun. Moritz behauptete immer, er müsse sich „ordentlich ausbreiten" können, wenn ihm wohl sein solle, aber sie hatte das Bedürfniß nicht. War es da nicht jammerschade, daß sie jetzt — der erste April nahte und die Vierteljahrsmiethe war fällig — wieder so viel Geld forttragen mußte für nichts und wieder nichts? „Wenn ich daran etwas ersparen könnte!" seufzte sie und blickte nachdenklich vor sich hin. Da schien ihr ein Gedanke zu kommen. Ihre Züge belebten sich und aus ihren klaren grauen Augen blitzte ein kühner Entschluß. „Natürlich, das geht, ich thu's!" Am Abend, nachdem Ditta in das Bett verbannt worden war, entwickelte Frau Marianne der alten Barbara ihren Plan. Diese hörte mit einem bedenklichen Gesicht zu. „Ich thäts nicht, Madame", sagte sie, „dem Herrn wirds gar nicht recht sein!" „Das freilich nicht", entgegnete Marianne, „und wäre er hier, so wäre keine Gedanke daran. Aber wenn ich ihm dann die blanken Goldstücke aufzähle, und wenn er sieht, was mein Finanzgenie wieder für unseres Kindes Wohl geschafft, wenn er sieht, wie glücklich ich darüber bin, meinst Du, daß er dann ernstlich und lange grollen wird?" Das meinte nun Barbara allerdings nicht, denn dazu glaubte sie ihren Herrn und ihre Herrin zu gut zu kennen, aber sie hatte noch andere Bedenken. „Was werden die Leute dazu sagen", bemerkte sie, „daß die Frau Schäfer vermiethet?" „Aber altes Kind, denen erzählen wir einfach, das ist ein alter Onkel, der aus Gefälligkeit für die paar Monate zu uns gezogen ist, damit wir nicht ohne männlichen Schutz sind. Jetzt, wo jeden Tag etwas von einem Einbruch in der Zeitung zu lesen ist, wird Jedermann das natürlich finden. Uebrigens werde ich dafür sorgen, daß wir nicht allzuviel neugierigen Besuch erhalten. Natürlich nehme ich nur einen feinen, ruhigen, würdigen und alten Herrn als Mieth er." Der alten Barbara schüchterne Einwürfe waren somit entkräftet und die Vermiethung von Moritz Schäfers Arbeitszimmer und dem daranstoßenden Fremdenzimmer beschlossene Sache. Marianne setzte ein Inserat auf, in welchem sie ihre elegant möblirten Zimmer distinguirten älteren Herren empfahl. Die Antwort der Herren Reflectanten wurde schriftlich unter bestimmter Chiffre postlagernd erbeten. Als nach einigen Tagen Barbara die eingelaufenen Meldungen abholen wollte, fand sich, daß nur eine einzige eingegangen war. Nur Einer hatte seine Karte niedergelegt, aber ein Löwe. „Freiherr von Kroker", las Marianne auf der in einem Couvert steckenden Karte, und als gegenwärtige Wohnung des betreffenden Herrn den „Schwarzen Schwan", das erste und theuerste Hotel in der Stadt. Das imponirte zwar Marianne, aber sie war vorsichtig, sie wollte nicht gleich auf den Leim gehen, wie sie sich sagte, sie wollte erst @r- kundigungen einziehen. Doch alle Auskünfte lauteten befriedigend. Die Freiherren von Kroker waren ein reichbegütertes Geschlecht, und der hier in Frage kommende Sprößling schien ein sehr vornehmer älterer Herr, der allerdings erst seit drei Tagen im Schwan wohnte, aber dort allgemein den günstigstem Eindruck machte. So entschloß sich Marianne, den Herrn zur Besichtigung ihrer Räume einzuladen. Der Herr kam und stellte sich vor. Er mochte ein Sechziger sein, hatte weißes Haar und weißen Schnurrbart, hielt sich aber noch stramm, fast militärisch. Er sah sehr distinguirt aus, und seine Kleidung war die allerfeinste. Marianne war sonst nie befangen, und fand sich immer allen Persönlichkeiten gegenüber leicht zurecht, dem Baron gegenüber aber fühlte sie im ersten Augenblick eine leichte Verlegenheit. Sie hatte in ihrer Rolle als Vermietherin dem Miether gegenüber ein peinliches Gefühl der Inferiorität. Und fatal war es, daß der Baron das zu merken schien. Er, der ihr zuerst mit all dem Respect entgegengetreten war, den man einer Dame der guten Gesellschaft schuldig zu sein glaubt, ließ mit einem Male ganz ungenirt ein ironisches Lächeln sehen und sagte in sehr herablassendem Tone: „Zeigen Sie mir die Zimmer, die Sie vermiethen wollen." Marianne ärgerte sich unbeschreiblich, und zumeist über sich selbst. Sie erkannte, daß sie sich dem Baron gegenüber selbst durch ihre kindische Befangenheit den Respect vergeben hatte. Sie spürte, sie imponirte dem alten vornehmen Herrn recht wenig und dafür hätte sie ihn am liebsten gleich wieder fortgeschickt. Doch das ging nicht an, denn sie selbst hatte ihn ja hergerufen, und so führte sie ihn denn nach den Räumen, die sie abzutreten gewillt war. Der Baron betrachtete mit kritischen Blicken die beiden Zimmer. „Das sieht ja passabel aus", sagte er dann mit einer wohlwollenden Anerkennung, die Frau Marianne das Blut in die Wangen trieb, „aber liebe Frau, wenn ich Besuch erhalte, wo soll ich den empfangen? Etwa in diesem Zimmer, das Sie Wohnzimmer zu nennen belieben, und das wie ein kaufmännisches Comptoir mit Geldschrank und Schreibtisch ausgestattet ist?" Marianne schwieg. Die ironische Frage des alten Cavaliers hatte sie wieder ganz eingeschüchtert. Sie hatte sich das Vermieihen doch einfacher gedacht. „Und wieviel wollen Sie denn für die beiden Stübchen haben?" fuhr der Baron in seiner lässig wohlwollenden Art fort) Fünfzig Mark? Nun ich werde Ihnen etwas sagen, gute Frau, mit den zwei Zimmern kann ich nichts anfangen. Geben Sie mir dazu den anstoßenden Salon, dann sind 112 unsere beiderseitigen Logements von einander getrennt, wir sehen und hören nichts von einander und geniren uns nicht. Dafür biete ich Ihnen hundert Mark monatlich. Sie lieferen mir erstes und zweites Frühstück, dafür zahle ich Ihnen, was Sie verlangen. Sind Sie's zufrieden?" Marianne war gar nicht zufrieden, der alte blaublütige Aristokrat mit seiner hochmüthigen Sicherheit war ihr ganz und gar zuwider, sie wollte den alten gräulichen Peter an die Luft befördern, aber — sie fand nicht den Muth, ihren Willen zu äußern, sie schwieg. Der Baron faßte das wie erklärlich, als Zustimmung auf. „Also abgemacht", rief er, „ich ziehe heute noch ein." Damit ging er fort, seinen Umzug aus dem „Schwarzen Schwan" in Mariannens Haus zu bewerkstelligen. Marianne hätte weinen mögen über sich, über ihre Dummheit, ihre Schwäche, wie sie sich selbst sagte, aber es ließ sich nicht mehr ändern, was sie sich aufgeladen. Der Baron von Kroker war nun ihr Hausgenosse bis zum ersten August. Uebrigens ging die Sache besser als Marianne geglaubt hatte. Der Baron war ein ruhiger Miether, er kam ihr wenig in den Weg und machte nicht übertriebene Ansprüche. Man merkte fast gar nicht, daß er im Hause war. In der Erfüllung seiner pecuniären Verbindlichkeilen erwies er sich sehr prompt. Er hatte gleich am ersten Tage Marianne einen Fünfhundertmarksche n übersandt mit dem Bemerken, daß er die Miethe gleich für alle vier Monate voraus bezahlen wolle, die überschießenden hundert Mark sollten einstweilen als Deckung der Auslagen für Frühstück u. s. w. dienen. (Fortsetzung folgt.) Verdient der Pirol verfolgt zu werden. (Vortrag in einer Ausschußsitzung des Gießener Thierschutzvereins.) Der Pirol, der auch Goldamsel, Pfingstvogel genannt wird, muß leider auch zu den verkannten Vögeln gerechnet werden, denn über Nutzen und Schaden desselben gehen die Urtheile der Naturbeobachter, Garten- und Landwirthe sehr auseinander, und Sie erlauben mir daher, Ihnen über sein munteres Thun und Treiben in der Natur mit einigen Worten zu berichten: Dieser Vogel erreicht die Größe einer Schwarzamsel und trägt in der That eine prachlvolle Uniform, denn das Männchen ist auf dem Rücken, Kopf, Hals und Bauch sehr schön hellgelb, Flügel und Schwanz sind schwarz- braun- die Flügel sind auch mit gelben Flecken geschmückt und den Schwanz ziert ein gelbes Ende. Das Weibchen ist weniger schön/ es ist aus dem Rücken grünlich gelb, unten weißlich mit schwarzen länglichen Flecken. Als Seminarist hatte ich schon Ende der dreißiger Jahre vielfach Gelegenheit in Dautenheim (Rheinhessen) im sogenannten Wares (Weidaß) das stolze Gefieder der Goldamsel, das im Sonnenschein einen Prachlvollen Glanz verbreitet, zu bewundern und ihrem wirklich sehr angenehmen, flötendem Gesang, der zu den besten unserer einheimischen Sänger gerechnet werden muß, zu lauschen. Jedoch, was mich damals in das höchste Erstaunen versetzte, war das wahrhaft künstlich gebaute Nest benannten Vogels, das ich, auf einer jungen Birke etwa 2*/2 Meter hoch angebracht, entdeckte, und ich konnte es daher mit leichter Mühe einer näheren, genauen Betrachtung unterziehen. Dasselbe befand sich in der Gabel eines Astes, hatte die Form eines Napfes und hing freischwebend herab. Das Baumaterial bestand aus Halmen, trockenen Grasblättern, Wolle, Moos, Spinnengewebe und langen Wollsäden. Mit diesen Fäden, die um die beiden Theile der Gabel fest wie von Menschenhand gewickelt, war das Nest befestigt, und besten Inneres mit Federn, Spinnengeweben, Wolle und Halmen weich ausgepolstert. Em so höchst künstliches Nest kann gewiß nur dann vollendet werden, wenn die beiden Alten den Bau gemeinschaftlich betreiben, was bei dem Pirol der Fall ist, und bei den deutschen Vögeln findet man, wenn ich nicht irre, nur bei den Rohrsängern und den Goldhähnchen, annähernd ähnlich gebaute Wohnungen. Der Pirol ist ein Zugvogel, und den Namen Pfingst- v gel hat man ihm wohl darum beigelegt, weil er erst'gegen Pfingsten, demnach etwa Mitte Mai bei uns in Deutschland von seiner Wanderung ankommt. Sein Aufenthalt bei uns dauert nur kurze Zeit, denn schon im August tritt er seine weite, gefährliche Südreise, die sich nach Brehm über ganz. Afrika erstrecken soll, wieder an. Sogleich nach ihrer Ankunft begeben sich die Pirole, Männchen und Weibchen, in niedergclegene Laubwälder,, worin Eichen und Birken Vorkommen, oder in Feldgehölzen mit gleichen Bäumen, und sie beginnen da sofort mit ihrem oben erwähnten, künstlichen Nestbau, der etwa zehn bis zwölf Tage in Anspruch nimmt. Nach kurzer Zeit liegen vier bis fünf glänzend weiße Eier im Neste. Das Weibchen bebrütet dieselben höchst sorgfältig und nach vierzehn bis fünfzehn Tagen erscheinen die Jungen. Dieselben sind sehr gefräßig, sperren sogleich die hungrigen Schnäbel auf und bitten dringend um Nahrung. Die beiden Alten füttern sie nicht nur vom frühen Morgen bis zum späten Abend außerordentlich fleißig, sondern bewachen auch die Jungen mit großer Sorgfalt und suchen dieselben sogar mit eigener Lebensgefahr gegen Herz- und gefühllose Menschen und Raubvögel zu schützen. Die reichliche Nahrung, die sie den Jungen täglich zutragen und auch für sich in Anspruch nehmen, besteht hauptsächlich nur in schädlichen Jnsecten. Man darf kühn behaupten, daß sie während des Aufenthaltes bei uns Millionen von diesem Ungeziefer, das besonders aus Raupen, Schmetterlingen, Maikäfern und Würmern besteht, aus der Welt schaffen,- sie müssen daher zu den nützlichen Vögeln gerechnet werden, und sie verdienen gewiß nicht von den Menschen verfolgt zu werden, sondern sie haben in hohem Maße Anspruch, Schutz und Pflege von denselben zu verlangen. Ich will jedoch nicht verschweigen, daß der Pirol dem Obstzüchter durch seine Plündereien, die er an den Obst» bäumen, namentlich an Kirschbäumen ausübt, einigen Schaden verursacht/ allein wenn wir seine Nahrung gewissenhaft im Großen und Ganzen ins Auge fassen, so muß sich doch die Wagschale so entschieden zu Gunsten des Pirols tief senken, daß der Schaden, den er stiftet, gar nicht in Betracht zu ziehen ist. Es ist gewiß sehr zu bedauern, daß es noch viele Menschen giebt, die oftmals von ihrem recht einseitigen Standpunkte aus ganz falsche Urtheile über die Vögel fällen und zu verbreiten suchen. Diese sind dann aber auch sogleich bereit, einen jeden Vogel, der sich erlaubt manchmal Mahlzeit mit den Menschen zu halten, den ärgsten Verfolgungen auszusetzen, und sie bedenken dabei gar nicht, daß die Vögel die mächtigsten Ausgleicher im Haushalte der Natur sind. Denn wenn man namentlich die Jnsecten fressenden Vögel, die auch hier und da am Obste, an ver- schieoenen Gartengewächsen und am Getreide einigen Schaden verursachen, immer mehr zu vermindern sucht, so wird es zuletzt dadin kommen, weil dann das den Pflanzen im höchsten Grade schädliche Ungeziefer eine so unermeßlich große Zahl erreicht hat, daß kein Blatt em Zweige, keine Frucht am Baume, kein Halm auf dem Felde zu schauen wäre, und somit das Dasein der Menschen gefährdet. Der Pirol, der wie oben bemerkt, auch die Namen Goldamsel und Pfingstvogel führt, ist bei weitem überwiegend nützlich/ er gehört bei uns zu den trauten Sommergästen/ er verschönert die Natur durch sein prachtvolles Gefieder/ er erfreut uns durch seinen herrlichen Gesang, und darum ersckeint die nochmalige Forderung: „Schutz diesem Vogel!" zweifellos gerechtfertigt. Gießen, im Februar 1898. H. Curschmann, Lehrer i. P. «ebacti»#: 8L Schepd,. — Druck unb verlaq btt Brühl'schen UmvtrsttötS-Buck» unb Steinbruck»« (Pietsch & Scheyba) in liegen.