1898 «f W f öhern Sieg hat der errungen, Der der Wahrheit Blitz geschwungen, Der die Völker selbst befreit. Freiheit der Vernunft erfechten, Heißt für alle Völker rechten, Gilt für alle ewige Zeit. Schiller. Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) Herr Vogel bückt sich hastig und rafft die Papiere, die zu Boden geflattert sind, mit ängstlicher Sorge wieder aus. Ein häßlicher Aerger und Angst blitzt in seinen grauen Luchsaugen aus und zuckt über sein unschönes Gesicht und macht es noch abstoßender, als es schon ohnedies ist. „SBte?" ruft er, scheinbar sehr erstaunt und sehr entrüstet, „Sie wollen Ihren Sohn im Stich lassen, Sie wollen ihm seine ganze schöne Carriöre verpfuschen?" Der Alte starrt ihn zusammenschreckend verständnißlos an; Carl macht unwillkürlich einen Schritt auf den Sprechenden zu. Frau Köster beherrscht ihre Schwäche und wendet sich, im Stillen die ihr zu Gebote stehenden Mittel überschlagend, mit der schüchtern gestammelten Frage an den Geldmann: „Wieviel ist es denn?" Herr Vogel kehrt sich sofort mit freundlichem Grinsen zu der Fragenden um und höflich dienernd erwidert er: „Dreitausend Mark, nur dreitausend Mark, meine verehrte, liebe Frau Köster." Frau Köster taumelt zurück; sie wäre zu Boden gesunken, wenn Helene Zimmermann nicht rasch einen Stuhl herangeschoben und die Wankende hätte darauf sitzen lassen. Carl schlägt seine Hände ineinander mit einer Gebärde des Entsetzens. Der alte Köster stößt e>nen unarticulirten Schrei aus, dem ein gellendes Auflachen folgt. „Nur dreitausend Mark!" schreit er. „Und Sie glauben, daß ich Ihnen mein sauer Erspartes in den Rachen werfen werde?" > Herr Vogel macht ein beleidigtes, geärgertes Gesicht. „In den Rachen?" fragt er. „Wieso in den Rachen! Hab' ich Ihrem Sohn nicht das Geld gegeben baar auf den Tisch? Hat er eS nicht verwendet für sich?" Die Fäuste des alten Köster ballen sich, seine Augen sprühen Zornesfunken. Der alte, ruhige Mann ist wie umgewandelt, jeder Nerv, jede Fiber in ihm bebt in wüthender Erregung. „Wer heißt Sie," schreit er, „den Leichtsinn des Burschen mit Ihrem Geld unterstützen, obgleich Sie doch wissen, daß er noch nichts verdient, keinen Pfennig? Sehen Sie zu, wie Sie wieder zu Ihrem Gelde kommen. Von mir kriegen Sie nichts, nicht so viel." Er schnipst mit seinen Fingern und dreht dem Geldverleiher den Rücken und beginnt mit stürmischen Schritten in der Stube auf- und abzugehen. Herr Vogel sieht sich fragend, ängstlich um. Aber Niemand erwidert seine Blicke mit dem erwartenden tröstenden Zublinzeln. Aller Augen wurzeln am Boden. Sein Gesicht färbt sich aschgrau, seine Züge verzerren sich in Wuth und Haß. „Gut!" sagt er und steckt die beiden Wechsel wieoer in seine Brusttasche. „Wenn Sie's denn durchaus nicht anders wollen, wenn Sie denn kein Mitleid haben mit Ihrem eigenen Sohn — gut! Aber das sage ich Ihnen, wenn ich mein Geld verliere, dann soll auch Ihr Sohn dran glauben. Darauf können Sie sich verlassen." Er zeigte eine drohende, rachsüchtige Miene. Der alte Köster machte eine abwehrende, geringschätzige Handbewegung. Frau Köster sieht zu dem Geldmann mit einem Gesicht auf, in dem sich eine aussprechliche Angst malt. Ihre Hände ruhen in ihrem Schooß, aus ihrer Brust ringen sich keuchende, würgende Laute empor. „Was meinen Sie damit?" fragt Carl Köster und runzelt seine Stirn. „Was ich meine? Sehr einfach. Wenn ich nicht mein Geld erhalte innerhalb vierundzwanzig Stunden, so gehe ich zu seiner Exeellenz dem Herrn Präsidenten des Kammergerichts und lege ihm die Wechsel vor und erzähle ihm, daß ich beschwindelt, geprellt worden bin. Und dann, wissen Sie, was dann geschieht? Ihr Bruder ist noch nicht angestellt, Ihr Bruder ist noch kein Beamter; ohne Weiteres, ohne Disciplinaruntersuchung, einfach durch eine Verfügung des Herrn Präsidenten wird Ihr Bruder entlassen, mit Schimpf und Schande davongejagt. Die ganze schöne, stolze Carriöre ist futsch. Zum Assessorexamen wird er überhaupt gar nicht wehr zugelassen. Dann kann er zu einem Rechtsanwalt gehen und Schreiber werden, oder er thut sich als Volksanwalt auf, als Winkeladvocat und setzt Klagen auf für Civilprocesse, fünfzig Pfennig das Stück, fünfzig Pfennig! Das ist dann das Ende vom Liede, eine verpfuschte Existenz. - 88 Ern elender Hungerleider wird er dann, der stolze Herr Referendar, weil sein Vater ein Rabenvater ist, der kein Herz hat für seinen Sohn." Der alte Köster unterbricht seinen Gang und schüttelt die geballten Fäuste gegen den Geldverleiher. „Hinaus!" schreit er und macht eine drohende Bewegung gegen Herrn Vogel hin. Dieser ist im Nu an der Thür und legt seine Hand auf die Klinke. Aber ebenso rasch ist Frau Köster aufgesprungen. Alle Schwäche, alle Hinfälligkeit scheint überwunden. Mit einer wunderbaren Kraft, die ihr die Liebe zu ihrem Sohne, die Angst um sein Schicksal verleiht, drängt sie ihren Mann zurück. „Laß doch!" ruft sie ihn zürnend an. „Willst Du Deinen Sohn in's Unglück bringen?" „Der Lump, der Verschwender, der Schuldenmacher!" grollte der Alte, nicht im Stande, seine gerechte Entrüstuna zurückzuhalten. Frau Köster aber hört nicht auf ihn. Sie ist zu dem Geldverlehrer hin und erfaßt ihn bittend, beschwörend am Arm. „Ich zahle," sagt sie fliegenden Athems. „Alles werde ich Ihnen bezahlen. Sie sollen nichts verlieren, nicht einen Pfennig! Haben Sie nur 'n bischen Geduld, 'n bischen Nachsicht, lieber Herr! Ich zahle Ihnen jeden Monat zwanzig, nein dreißig Mark. Tag und Nacht will ich arbeiten. Nur zeigen Sie meinen Sohn nicht an!" Herr Vogel, der sich bei ihren ersten Worten mit hoffnungsseliger Miene zu der Sprechenden herumgedreht hat, schneidet ein Grimasse, als habe er etwas Saures verschluckt und schüttelte mit einer verächtlichen Gebärde Frau Kösters Hand von seinem Arm. „Gehen Sie mir doch mit so faulen Geschichten!" sagt er grob. „Glauben Sie, ich habe ein Abzahlungsgeschäft? Könnte mir fehlen! Dreißig Mark 'n Monat. Wie viel Mal habe ich schon prolongirt. Und nun soll ich wieder warten, zehz Jahre warten? Vierundzwanzig Stunden warte ich noch, keine Minute länger. Hab' ich bis morgen Mittag um eins nicht mein Geld, dreitausend Mark, meld' ich mich zur Audienz bei dem Präsidenten." Er klingt auf. Schon auf der Schwelle, dreht er sich noch einmal um und ruft in voller Entrüstung zurück: „Dreißig Mark 'n Monat! Machen Sie doch keine faule Witze!" Herr Vogel ergreift die Flucht, denn auch Karl hat ein paar drohende Schritte auf ihn zu gemacht. Für einen Augenblick herrscht ein beklemmendes, dumpfes Schweigen im Zimmer. Helene Zimmermann kämpft einen secunden- langen heimlichen Kampf mit sich. Ohne es eigentlich zu wollen, ist sie Zeugin einer intimen Familienscene geworden, und sie möchte nun gern auf und davon, aber das Mitleid mit der armen, alten, schwächlichen Frau, die der stürmische Auftritt völlig erschöpft hat, hält sie zurück. Frau Köster ist auf einen Stuhl gesunken, der nicht weit ab von der Thür steht, durch die der Geldverleiher verschwunden ist. Ihre verzehrende Angst macht sich in ernem heftigen Schluchzen Luft, das, allzulange zurückgehalten, nun in vollem Ungestüm hervorbricht und erschütternd durch das Zimmer dringt. Der alte Köster fährt mit beiden Händen in sein Haar. Er hat seine Wanderung durch das Zimmer wieder ausgenommen. Halblaute Verwünschungen spricht er vor sich hin, die sich theils auf den Geldverleiher, theils auf Otto beziehen. Solch ein Gauner, solch ein Halsabschneider! . . . O der Prasser, der Lüderjahn!" Helene Zimmermann beugt sich zu Frau Köster hinab und schlingt ihren Arm um die unablässig Schluchzende. In dem heißen Drang zu trösten, flüstert sie ihr in Ermangelung besserer Trostgründe allerlei triviales Zeug ins Ohr. „Lassen Sie nur gut sein, Frau Köster, es wird ja nicht so schlimm werden.". Carl steht dicht am Sophatisch und stemmt sich mit der einen Hand auf die Tischplatte, «r hat den Kopf auf die Brust gesenkt, aber unter den halbgeschloffenen Augen- ltdern hervor schweift sein Blick zur Mutter hinüber. In seinen Mienen zuckt und arbeitet es, seine Brust hebt und senkt sich in kurzen Zwischenräumen unter lauten, stürmischen Athemzügen. Der stille Zorn, der ihn Anfangs ganz erfüllt hat gegen den leichtsinnigen, gewissenlosen Schuldenmacher, ist nun völlig erstickt worden von dem Mitgefühl mit "der Weinenden, deren Schluchzen ihm in die Seele schneidet. Unmöglich, die Qual des verzweifelnden Äutterherzens länger mitanzusehen, „Mutter" - sagt er und eilt zu ver Tiefgebeugten hin — „weine nicht! Der Mann wird ja mit sich reden lassen. Mehr als die Hälfte hat er ja nicht gegeben, der Wucherer. Fünfzehnhundert Mark, damit wird er sich schon zufrieden geben. Höchstens zahl'» wir ihm noch fünf Procent Zinsen dazu. Weine doch nicht, Mutter! Wegen fünfhundert Thaler werden wir Otto doch nicht zu Grunde gehen lassen." Er sieht mit einem bittenden, beschwörenden Blick zum Vater hinüber. Der aber wehrt mit einer ungestümen Bewegung seines Armes ab und schüttelt heftig mit dem Kopf. Die Erbitterung des rechtschaffenen, gewissenhaften Mannes, der vor allen leichtsinnigen Geldmanipulationen einen tief eingewurzelten Abscheu hat, ist noch immer eine so starke, daß sie alle anderen Empfindungen verdrängt. „Nein, nein, nein!" schreit er. „Ich lasse mich nicht wieder breit schlagen. Nicht einen Groschen gebe ich mehr für den Nichtsnutz. Mag er zu Grunde gehen. Seine Schuld ist's, seine allein. Hat er nöthig zu schlemmen und zu prassen und den Feinen zu spielen, wenn er's Geld nicht dazu hat? Was gehen mich seine sauberen Cumpane an? Soll ich meinen sauer ersparten Nothgroschen hergeben und soll im Alter Roth leiden, damit mein Herr Sohn es den noblen Herren gleichthun kann im Verthun und Verschwenden? Der Lump der! Bei seinen Eltern ist's ihm nicht mehr vornehm genug. Aber ich werde ihm die vornehmen Rücken schon austreiben, ich werde . . . ." Der schrille Ton der Flurglocke unterbricht den Zürnenden. Alle fahren erschreckt zusammen. Nur Helene Zimmermann athmet wie' erlöst auf und eilt aus dem Zimmer. Frau Köster will ihr nach, aber die zitternden Kniee tragen sie nicht. Schwach sinkt sie auf ihren Stuhl zurück. Ein Gedanke blitzt in ihr auf, der ihr das Blut in den Adern gerinnen macht. Wenn es nur Otto nicht ist! Und richtig, schlürfende Schritte, die sich langsam, wie zögernd der Thür nähern, lassen sich vernehmen. Aller Augen wenden sich in Spannung nach der Thür. Da steht er, im Rahmen der Thür, blaß, mit verstörten Mienen, zerknirscht, ein Schuldbewußter. Das böse Gewissen hat ihn hergetrieben. Die Thür hinter sich läßt er offen. Helene Zimmermann bringt es nicht über sich, wieder einzutreten. Aber sie wagt es auch nicht, nach Hause zu gehen. Die Empfindung, daß ihre Gegenwart noch nöthig sein könnte, bannt sie und so bleibt sie draußen auf dem Flur, hinter der halb offenen Thür stehen. Jedes Wort, das im Zimmer gesprochen wird, dringt zu ihr hinaus. „Taugenichts! Lump!" brüllt der Alte und will sich mit geballten Fäusten auf den Eindringling stürzen. Aber wie ein Blitz fährt die alte Frau in die Höhe. Wieder besiegt das Muttergefühl, der zähe Wille die Schwäche ihres Körpers. Mit beiden Händen klammert sie sich an den Zornigen und drängt ihn mit der Gewalt ihres Körpers zurück. Er stemmt sich dagegen und schiebt sie mit sich vorwärts. Doch mit eisernen Griffen umklammert sie seine Handgelenke und der große, starke Mann ist wehrlos, er müßte denn die arme schwache Frau mit roher Gewalt von sich stoßen. Zu gleicher Zeit springt Carl auf seinen Bruder zu, der bleich, mit schlotternden Gliedern dasteht und den der Schrecken und die Angst gelähmt zu haben scheint. „Fort doch, fort!" raunt er ihm zu und drängt ihn über die Schwelle. Otto gehorcht instinctiv, eilt an Helene Mit einem schwachen Seufzer, unfähig, sich länger aufrecht zu halten, sinkt sie wieder wie ohnmächtig zurück. „Mutter!" ruft Carl entschlossen. „Gräme Dich nicht, Mutter! Ich bezahl es, noch heute bezahl ich es. Ich gehe auf die Sparkasse und hebe mein Geld ab. Hier meine Hand darauf!" Er erfaßt ihre Hand und drückt sie. Der alte Köster aber fährt zornig auf. „Bist Du verrückt," schreit er, „Dein ganzes bischen Geld, das Du mühsam all die Jahre hindurch zurückgelegt hast? Du hast doch Deine Stelle gekündigt und willst Dich etabliren. Mit leeren Händen kannst Du doch nichts anfangen!" „Dann werde ich noch 'ne Weile warten und werde mich um eine andere Stelle umthnn," ruft Carl zurück und sieht seinem Vater energisch, mit unverhülltem Unwillen ins Gesicht. „Soll ich zusehen, wie Mutter sich abhärmt und hinsiecht? Und soll ich meinen Bruder im Stich lassen, weil er mal n bischen leichtsinnig gewesen ist? Herrgott, er allein ist doch mcht schuld daran. Hast Du ihn nicht selber verhätschelt und verzogen und ihm nachgegeben? Und nun er mal über die Stränge schlägt, nun willst Du ihn gleich hilflos zu Grunde gehen lassen. Was soll denn aus ihm werden? Hat er nicht fleißig gelernt und studirt und manche Nacht aufgesessen ber seinen Büchern? Und das soll nun Alles vergebens gewesen sein, weil Du Dein Geld lieber hast als Dein Er wendet sich nach dem Nagel, wo sein Hut hängt. Er reißt ihn herab und will zur Thür. Helene Zimmermanns Augen folgen ihm mit dem Ausdruck herzlicher Bewunderung. Da, stampft der Alte plötzlich heftig mit dem Fuße auf. „Bleib! ruft er dem Sohne nach. „Ich werd's be- — —• zahlen . . . zum Teufel denn! Aber das sag' ich Euch, das letzte Mal ist's gewesen. Und das mach' ich mir aus: Das Zimmer in der Stadt giebt er auf. Unter meinen Augen will ich den leichtsinnigen MoSjeh haben und auf die Finger will ich ihm sehen." Carl hängt seinen Hut wieder an die Wand und wechselt mit Helene Zimmermann einen freudigen Blick. Frau Köster bricht in hysterisches Weinen aus. Sie kann nicht anders. Die Aufregung und Angst war zu groß, sie muß sich duft machen, soll sie nicht ersticken. (Fortsetzung folgt.) Wiener Ballmoden. Von Hermine Hahn. Januar 1898. KO. Die großen Ballsäle haben ihre Pforten eröffnet, denn der tolle Bursche, der Fasching ist wiedergekehrt, und die tanzfrohe Jugend läßt sich ihr angestammtes Recht, denselben zu durchjubeln, nicht rauben, trotz Nationalitätenhader und künstlich gesätem Rassenhaß. Und wenn man auch im Auslande die Köpfe schüttelt, und die vielen Colportage- romane, in welchen die geringfügigsten Einzelheiten zur Senfatron aufgebauscht werden, — das schöne Wien als den unangenehmsten Wohnort stempeln, — der echte Wiener hängt mehr denn je an seiner Vaterstadt, und das Walzerlied: „Mein Liebchen wohnt am Donaustrand, Dort zieht's mich mächtig hin. Mein Liebchen ist mein Vaterland — Mein Liebchen ist mein Wien!" paßt nach wie vor auf die verrufene Schöne. — Der Tropfen Leichtsinn, der den Wienern im Blut steckt, läßt sich die Lebensfreude nicht unterdrücken, sie macht sich Platz um jeden Preis- aber trotz aller Gutmüthigkeit wird sich der Wiener seine Feinde mit ein paar kräftigen Fauststößen vom Halse zu schaffen wissen- da aber politische Erörterungen einer Plauderei über Ballmoden eigentlich nicht entsprechen, so verlassen wir dies heikle Thema, und erwähnen nur noch, daß man, um das Elend zu lindern, und der Armuth zu helfen, Nachtaus, Nachtein, bei zahllosen Bällen, Kränzchen und Akademieen,- zu Gunsten der Armen tanzt. Und diese wohlthätigen Bestrebungen zu unterstützen, ist die Pflicht des Familienoberhauptes, das sich derselben zwar nicht immer mit Grazie, aber doch nolens volens unterzieht. Denn wenn die philantropischen Gründe ihm nicht immer zwingend genug sind, um mit einer größeren Staatsnote sich so indtrect, wie es doch ein Ballabend eigentlich ist, an demselben zu betheiligen, wird ihm dennoch der Rückzug abgeschnitten, wenn die fühlende Gattin und Mutter kategorisch erklärt, daß „Aennchen unfehlbar sitzen bleiben würde", wenn man sie nicht endlich „einfühct". Dieser schrecklichen Perspective vis ä vis gestellt, senkt der Hausherr die Fahne und ergibt sich — zwar etwas brummig — in sein Schicksal. Drin im Wohnzimmer aber versammeln sich Tanten, Cousinen und Freundinnen, und jede beeilt sich eine andere Farbe, Fayon und Stoffart als unwiderstehlich anzurathen, und die Erwartung, welche die ganze Familie vor dem bedeutungsvollen Abend erregt, concentrirt sich schließlich in hochgradigem Ballfieber derZjungen Debütantin. Als Wiener Specialität sind hauptsächlichst die „Kränzchen" hervorzuheben, dessen Publikum sich aus der guten bürgerlichen Gesellschaft recrutirt und welche eine weniger anspruchsvolle Toilette von ihren Besucherinnen erfordern, als die großartigen „Elitefeste", oder die prätentiösen „Hausbälle." Wir wollen der Reihe nach die Toiletten skizziren, welche Heuer zu den verschiedenen Ballabenden getragen werden. Schon die Toilette der Gardedame stellt sich für ein „Kränzchen" weit anspruchsloser. Ein schwarzes Duchesfekleid mit kurzer Schleppe, Fatzon Louis XV. mit einer Weste von weißem, mit Blümchen brochirtem Atlas, dazu ein Jobot aus echten Zimmermann vorüber und stürzt in rasender Eile die Treppe hinab. Mit Frau Kösters Kraft ist's vorbei. Ihre Hände lösen sich, sie sinkt erbleichend zurück und sie würde zu Boden fallen, wenn sie nicht Carl in seine Arme auffinge und zum Sopha träge. Sie liegt bewußtlos auf dem Polster, mit marmorblassem Antlitz, mit geschlossenen Augen. „Mutter!" schreit Carl erschreckend. „Mutter! Was ist Dir? Mein Gott, Mutter, so hör doch!" Auch Köster beugt sich erschüttert über die Ohnmächtige. „Wasser!" schreit er, sich zur Thür wendend. 9 Helene Zimmermann eilt in die Küche und bringt schnell das Verlangte, Carl und der Vater richten die noch immer Bewußtlose mit Kopf und Rücken ein wenig in die Höhe und versuchen, ihr Wasser einzuflößen und sprengen ihr em paar Tropfen ins Gesicht. Endlich sind die Augen auf. Wirr, fragend blickt die Erwachende um sich. „Wa ... was ist denn?" haucht sie schwach. Carl und der Vater schlagen unwillkürlich die Augen nieder und nun kommt ihr die Erinnerung und mit einem leisen Klageruf sinkt sie auf das Kopfpolster zurück. Die Thränen rollen ihr über die Wangen und in ihren zuckenden Mienen Prägt sich ein so schneidendes Weh aus, daß dem weichherzigen Carl die Augen feucht werden. „Vater!" sagt Carl bittend, vorwurfsvoll. „Vater!" j Un& auch Helene Zimmermann sieht ihn mit flehenden Blicken an. Die Mutter richtet sich mühsam wieder in die Höhe und tastet nach ihres Mannes Hand und drückt sie wieder und zwingt die zitternden Worte über die bleichen Lippen: „Nur das eine Mal noch, Vater, nur das eine Mal noch'" Der alte Mann steht im stillen Seelenkampf- das finster gerunzelte Gesicht kehrt er zu Boden. „Ich ... ich kann doch nicht mein ganzes Geld für den Taugenichts opfern!" stößt er immer noch widerstrebend hervor. „Soll'n wir Beide betteln gehen, wenn wir alt find ?" I Ein wehmüthiges, trauriges Lächeln spielt um die Lippen der Erschöpften. „Ich werde Dir nicht mehr lange zur Last fallen, Vater!" ' I 40 alten Spitzen, kämt ünzähligemale getragen, und gleichzeitig al- Besuchstoilette verwendet werden. Die Frisur zeigt als Schmuck weder Federn noch Blumen, sehr elegant sind Seitenkämmchen mit farbigen Edelsteinen besetzt, welche auch vielfach in gelungenen Imitationen getragen werden. Jüngere Ballmütter — unsere feschen Wienerinnen, sehen oft wie die Schwestern ihrer Töchter aus — können sich auch das Tragen Heller Seidenkleider erlauben, welche schon von der Sommermode sehr begünstigt waren. Weißer Taffet z. B. mit weit auseinanderstehenden schwarzen, schmalen Atlas- ftreifen, dazu ein Bandgürtel aus gelbem Sammet, mit einer Schnalle von „pierre de strass“ geschlossen, und in ersterem, ein Tuff frischer Parmaveilchen, ist eine besonders glückliche Zusammenstellung, welche vornehm wirkt, ohne prätentiös zu sein. Für Mädchen sind Batistkleider mit Einsätzen auf farbigem Seidenfutter und zu diesem correspondirenden Bandschleifen, welche ganz mit schmalen Mouffelinerüschen umrandet werden, en vogue. Türkisblaue sowie rosenroihe getupfte Mullkleidchen verlangen kein Seidenfutter, und junge Damen sehen graziös und duftig darin aus. Auch weißer Cachemir ist wieder salonfähig/ sowohl Rock als Taille besetzt man der Quere nach mit weißen Atlasbändern, die Mitte des blusenförmigen Leibchens hält ein schmaler Goldgürtel zusammen, und in diesen, genau in der Mitte voran, steckt die Ballschöne einen Strauß frischer Rosenknospen, mit Maiglöckchen vermischt. Zu solchen kleineren Ballabenden tragen die jungen Mädchen die Taille nicht decolletirt, ein i jour Einsatz aus Mouseline, Stickerei oder Spitzen macht die Toilette tanzfähig. Nicht reich genug können die Stoffe für die Elitebälle sein. Schwerer Spiegelsammt in leuchtenden Farben, besonders türkisrosen und goldgelb ist diesmal vertreten. Eine vornehme Zusammenstellung sind schwarze Sammtröcke mit echten Spitzenblousep, welche ihrem harmlosen Aussehen nach, die Summe nicht zur Schau tragen, die ihre Herstellung verschlungen hat, und die nur Kenner zu errathen wissen. Ferner gibt es silbergraue und fliederfarbene Damaste, welche von langstieligen Arabesken, Blattpflanzen aus tropischen Ländern darstellend, durchwirkt sind, und unbedingt die echte Spitze als Garnitur fordern. Diese Roben werden in Prinzeßform geschnitten und im Rücken sehr tief, voran weniger decolletirt. Für Sammikleider wirkt der Courausschnitt, der auch die Schultern frei läßt, am Vortheilhaftesten. Schwarze Kleider aus Mousseline de soie zeigen den rasfinirten, runden Halsausschnitt, mit langen gezogenen ä jour Aermeln, durch welche die rosige Haut verführerisch schimmert. Diese Toiletten werden über und über mit schmalen Volants garnirt und durch ein Bouquet leuchtend rother Orchideen belebt. Die Mädchenkleider auf Elitebällen sind fast durchwegs aus Mousseline de soie oder aus flittergestickter Gaze hergestellt. Das Unterkleid aus rauschendem Taffet soll aber der Mode gemäß, von der Farbe des Oberkleides abstechen. So gehört z. B. zum weißen Oberkleid ein gelbes Unterkleid für Brünette, während Blondinen zum tirkisblauen Oberkleid rosa Futter wählen werden. Die Röcke haben meistens schmale Volants bis in Kniehöhe, das Blousenleibchen wird mit mehreren Bolantreihen am Ausschnitt umgeben, und hat ein kurzes Serpentineschößchen. Auch die Aermel bestehen aus zwei übereinanderfallenden Garnirungen, diese dürfen aber nur sehr kurz gehalten werden, da die Aermel blos maSkirt werden sollen. Für Mädchen ist ein nicht zu tiefer viereckiger Ausschnitt angezeigt. Der Ballfächer ist nach wie vor aus Ltraußfedern in Schildpattstäben, |ober solchen aus Perlmutter; noch eleganter ist der von Künstlerhand gemalte Gazefächer. Die früheren riesigen Dimensionen haben sich überlebt, der Fächer ist nunmehr ein anmuthiges Spielzeug, aber nicht mehr eine spanische Wand, welche für Liebeständeleien sehr geeignet, ihnen so sehr Vorschub leistete. Für Backfischchen hat man weiße Gazefächer/ in der Ecke ist ein Medaillon gemalter Amoretten zu sehen, während die ganze leere Fläche mit winzigen Silberflittern besetzt ist, welche bei jeder Handbewegung im Reflex des electrischen Lichtes wie Silberstrahlen erglänzen. Nicht so reich wie die Toilette zu den Elitebällen, oder tadellos in ihren Einzelheiten muß sie für den Hausball sein. Chaussure, Joupons, Handschuhe, Frisur und Parfum sind da und der Kritik sehr ausgesetzt, wie überhaupt die Medisance bei guten Freunden am besten zu treffen ist, und bei „Sir Roger“, „Kreuz Polka" und „Quatre pas“ finden sich immer genug nicht Tanzende, welche dieser lieblichen Gewohnheit in gewandter Weise nachzukommen wissen. Neuerdings pflegt man zu Hausbällen nur mehr die Jugend zu laden, die Hausfrau gardirt ihre Gäste selbst, und die jugendliche Tanzgesellschaft ist wie junge Anlagen dem Schutze des Publikums empfohlen. Gemeinnütziges. Sammelt Cigarreitftummeln! Wir wiffen aus Erfahrung, daß Tabaksbrühe und Staub ein ausgezeichnetes Präservativ gegen Erdflöhe, Blattläuse und andere thierische Pflanzenschädlinge ist. Um uns nun dieses Mittel fast kostenlos zu beschaffen, sammeln wir schon jetzt die Cigarrenstummeln, die wir sonst unbeachtet wegwerfen. Sie enthalten das Nicotin in concentrirter Form und sind deshalb viel wirksamer als der gewöhnliche Tabak. Um sie gut aufbewahren zu können, müssen sie zuerst getrocknet werden. Wer sich aber selbst nicht die Mühe des Sammelns machen will, der beauftrage Jemand damit. Für Vereinsvorstände von Wohlthätigkeitsanstalten, sei dies ein Wink zur Beachtung. Abnehmer werden sich, wie der „Praktische Wegweiser", Würzburg, schreibt, gewiß finden. Literarisches In dem Deutsch-patriotischen Verlage, Berlin W., erscheint seit dem 10. Januar d. I. eine neue illustrirte Zeitschrift ,,Wehr und Ehr^, welche in erster Linie für die Kreise der deutschen Armee und Marine und deren Freunde bestimmt ist. Wehr und Ehr soll den wahrhaft deutsch-patriotischen Gedanken, die Liebe zum Vaterland und Herrscherhaus, zu Kaiser und Reich und die Erinnerung an die Ruhmesthaten aller deutschen Truppen in das deutsche Volk hinaustragen und pflegen. Aber auch der Sport aller Art, die Jagd und die Landwirthschast sollen in ausreichender Weise berücksichtigt werden. Die erste Nummer bringt bereits erste Schriftsteller als Mitarbeiter: einen spannenden Roman aus Bayerns Kriegsgeschichte von O. Elster, einen kriegswissenschastl:chen Artikel von Oberst Poten, eine Marine-Novelle von Freiherr v. Dincklage, humorvolle Erinnerungen an die vereinigte Artillerie- und Ingenieurschule, eine flotte Jagdskizze von R. Bach u. v. A. m. An guten Illustrationen ist ebenfalls kein Mangel. Der Abonnementspreis von „Wehr und Ehr" beträgt nur 1,80 Mark pro Quartal, und glauben wir die neue Zeitschrift allen Vaterlandsfreunden als gesunde Seetüre bestens empfehlen zu können. Die Flamingojagd im Sudan beschreibt ein Afrikareisender in dem soeben auszegebenen 14. Heft der bekannten illustrirten Familien- Zeitschrift »Für Alle Welt" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co. Berlin W. Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) in ausführlichster und anschaulichster Weise. In demselben Heft finden wir neben den beiden hochinteressanten Romanen. „Das Gold des Westmoreland" von Woldemar Urban und „Auf der Jagd nach dem Glück" von Ant. Andrea, eine spannende Novelle „Santa Madonna" von Kraft, eine Reihe von zum Theil reichillustrirten Artikeln über den „Brand in der Londoner City", „Die Dreyfus-Affaire in Paris" rc. Aus der kaum übersehbaren Fülle der neuesten litterarischen Production Frankreichs ragen zwei Romane hervor, deren Schöpfer auch in Deutschland so weit und so ruhmvoll bekannt sind, daß schon ihre Namen zur Empfehlung ihrer Werke genügen: Emile Zolas großer Roman „Paris" und des jüngst allzufrüh dahingeschiedenen, in der ganzen gebildeten Welt so tief beklagten Alphonse Daudet letztes größeres Werk „Die Stütze der Familie". Diese beiden Romane werden in dem soeben beginnenden 8. Jahrgang der Halbmonatsschrift „Aus fremden Zungen" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt) in deutscher Uebersetzung veröffentlicht. R'daetion: «. Scheyda. — Druck und «erlag der Brühl'schen UniversttätS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in eiejen.