Felsgarten. Roman von Clara Bücker. (Fortsetzung.) Elenderes Zeug hätte er nicht reden können, wie er meinte, wobei ihm indeß außer Acht blieb, daß die tiefe, ehrfürchtige Bewegung seines Innern ihm die Stimme mit edlem Klang, die Augen mit Sehnsucht füllte, weshalb nicht die Verstellung, sondern die durchleuchtende, wahre Empfindung seine Hörer traf. „Lockt es Dich so? Dann schlage ich vor, wir gehen jetzt Beide um und durch die Stadt, über einige Sehenswürdigkeiten verfügt sie denn doch- am Nachmittag unternehmen wir eine Partie nach der Landeskrone. Was meinst Du, Hilde?" „Gewiß, Papa!" rief sie lebhaft. „Vielleicht bleiben wir —" „— zum Abendessen oben?" unterbrach Tauchlitz sie lachend. „Selbstverständlich, Du sollst Deinen Willen wieder einmal haben. Sie ist der richtige Zigeuner und nur froh, wenn sie unter freiem Himmel direct aus der Hand eine Mahlzeit halten kann. Frische Luft und Alleinsein sind ihre Lebensbedürfnisse, ich wette, sie lief heute Morgen schon wieder zwei Stunden in der Welt herum." „Bloß im Garten, Papa. Noch nehme ich Rücksicht auf Deinen Gast." „So enthaltsam warst Du? Auf so viel Bedachtsamkeit um die häusliche Ordnung kannst Du Dir etwas einbilden, Heine." Der sah sie an. „Zumal ich mir auf die eigene Entsagung Einiges zu gute halte, denn die nahen Felder wie der Wald lockten vom Fenster ungemein." Ijon fs gäb' noch mehr der Zähren In dieser trüben Welt, Wenn nicht die Sterne wären Dort an dem Himmelszelt. Wenn sie nicht niederschauten In jeder klaren Nacht Und uns dabei vertrauten, Daß Einer droben wacht. Martin Greif. „So erlebe ich es noch, daß Ihr während der Morgenstunden gemeinsam durchbrennt," fuhr Tauchlitz fort. „Kaum, Onkel. Alleinsein nanntest Du Fräulein Hildes Lebensbedürfniß — das werde ich wohl zu achten wissen." Ein zutrauliches, unbekümmertes Lächeln war Hildes Antwort. „Ach, Du denkst wohl, sie weiß sich ihr Alleinsein nicht selbst zu verschaffen?" meinte ihr Vater. „Wenn es auch aussieht, als leite sie das Hauswesen, ihre dienstbaren Geister weiß sie derart zu drillen, daß Alles am Schnürchen und lautlos genug geht, um bloß hin und wieder mit dem Stift oder dem Pinsel in der Hand aus dem eigenen geheiligten Bannkreis zu laufen und nachzusehen, ob die Welt, der Kochherd und die Anna dabet noch stehen." „Sie malen?" fragte Wulffen. „Ja, jetzt steht sie im Zeichen der Palette. Vor einigen Jahren dachte sie mit der Feder — nachdem der Ausgangspunkt ihrer Künste, Frau Musika, aus dem Hause compli- mentirt worden war." Einen unbeschreiblichen Blick voll innerer, niedergehaltener Erregung richtete Wulffen auf sie, die glühroth zur Thür eilte. „Lebt wohl! Biel Vergnügen den Herren!" Fort war sie. „Du hast Deine Tochter gründlich verscheucht," sagte Wulffen beherrscht. „O, zur Mittagszeit kommt sie schon wieder, Pflichtgefühl hat sie genau so viel, wie sie verschwiegen über sich selber ist. Darin ist Irmgard ganz, ganz anders." „Offenherziger?" fragte Heinrich. „Sie hat mehr Familiensinn," antwortete der Onkel. Hilde dagegen bleibt ein Wesen für sich, ein Räthsel oft, das nur immer aus Einsicht oder Herablassung in meine Welt steigt, innerlich lebt sie ihr eigenes Leben, obwohl sie gütig auf das Anderer sieht." — Die kühle Promenade mit ihrem grotesken Abhang kannte Wulffen nun schon. Der Landrath bog heute nicht von ihr zur Stadt ab, sondern ging mit ihm geradeaus nach dem Blockhaus, einer von der besseren Gesellschaft besuchten Wirthschaft, deren Getränke nach süddeutscher Manier Kellnerinnen austrugen. Die Aussicht vom gut gehaltenen, großen Garten über die grünen, gelben oder frisch gepflügten Felder nach den fernen Höhen des Gebirges war reizvoll, besonders für träumerische Gemüther. Rechts erhob sich die nahe Landeskrone, die breit in die flache Landschaft gelagert, ihr einen entschiedenen Character gab. — 438 - und ein Gespräch ab. (Fortsetzung folgt.) Sie und gut des elegante Frau über Papa! Guten Tag, und erreichten einen großen Platz, den schmückte." In diesem Augenblick eilte eine die Straße her auf sie zu. „Wie nett, daß ich Dich treffe, ersten Eindrucks. Hilde erwähnte, daß Irmgard hier gewesen. „Was wollte sie?" fragte Tauchlitz. „Nach dem Rechten sehen." „Und?" „Sie fand es wohl nicht, deshalb ging sie bald ' „Wir trafen Ihre Frau Schwester, verplauderten auch Stündchen zusammen- wo war es doch gleich, Onkel? Tauchlitz nannte die Wirthschaft und lenkte damit da bekritteln." „Bekritteln? Ich sehe und höre nur Eindrucksvolles. „Ach, gehen Sie, in Ihren Augen liest man es anders" — sie sah ihn forschend an. Tauchlitz lachte. „Jrmchcn, mußte Du denn stets gleich Herz und Nieren Herr Wulffen!" „Irmgard, wo kommst Du her?" rief Tauchlitz. „Von Euch," sagte sie neben dem Vater gehend. „Ich wollte Hilde helfen, weil sie leicht und ungeschickt ist bei größeren Vorbereitungen. Doch was sehe ich ? Der Haushalt wie immer, sie wie alle Tage, die Küche im alten Geleise. Ich war empört. Das ist Deine Gastsreundschaft? Ja, sagt sie, und die beste, die ich zu bieten habe. Mindestens die bequemste, sagte ich, freilich etwas scharf, zu Allem taugst Du, nur nicht zur Hausfrau. — Was daraus 'mal werden soll, begreife ich nicht, Papa." Sie sprach von ihrer moralischen Höhe herunter mit der kühlen Hoffnungslosigkeit sittlich hochstehender Leute- Tauchlitz schien betroffen und mißgestimmt davon- er antwortete nur zögernd: „Du stellst sie als nachlässig hin, wo sicher nur eine ihrer absonderlichen Ideen leitend war." „Gehören die an Deinen Tisch, wenn es gilt, für Deine Familie zu repräsentiren?" fragte Irmgard, worauf sie unter einnehmender Besorgtheit zu Wulffen sprach- „Für heute müssen Sie nun schon vorlieb nehmen, morgen bitte ich Sie mit dem Papa zu mir, ja?" Um nichts in der Welt hätte der Angeredete jetzt Hilde in Schutz genommen. Schutz? Den brauchte sie überhaupt nicht, wie sie war, gehörte sie auf den Thron, mochten die Anderen sich die Zungen müde scandaliren, vor allen Dingen diese hier, die ihm mit ihrer Würde koketter schien, als Frauen, die bloß ihre Schönheit ins schmeichelnde Licht setzen wollen. „Sie sind zu liebenswürdig, Frau Irmgard. Ich bin wohl wie noch nie." „Dennoch werden Sie morgen kommen?" drängte sie. „Es wird mir eine Ehre sein." Irmgard begnügte sich hiermit, ihre Unternehmungslust fand bereits einen neuen Ausweg, die Schatten in Tauchlitz damit sie ruhen könne. Als Tauchlitz und Wulffen zu Hause anlangteu, sanden sie gegen den Tumult da draußen eine wohlthuende Stille. Im Eßzimmer war gedeckt wie gestern, Hilde grüßte unbefangen, man aß die paar Gerichte wie gestern, sie waren und appetitlich zubereitet, nichts fehlte an dem Behagen Gesicht mußten herhalten. „Du siehst angegriffen aus, Papa. War Dein Frühstück nicht genügend? Komm, trinke schnell eine Tasse Brühe mit Ei, Du mußt etwas für Dich thuu. Nicht wahr, Heine, opfern sich- morgen können Sie G. weiter bewundern prüfen?" „Aber, Papa!" entgegnete sie, die Augen niederschlagend. Jedenfalls sind ihr die Nieren nicht ästhetisch genug, dachte Wulffen, während sie ein elegantes Restaurant betraten und durch die Reihen schritten, bis Irmgard den Tisch gefunden hatte, der ohne Zugluft und demnach für Papa am passendsten schien. Der Kellner setzte die bestellte Tassen Brühe wie das echte Bier ab, sür Irmgard in einem zierlichen Pokal, den sie ebenso zierlich zum Munde führte. „Ich muß etwas genießen, ich fühle mich noch ganz abgejagt," seufzte sie. Eben erhob Tauchlitz sich, um einen Bekannten am Nebentisch zu begrüßen, deshalb fuhr die junge Frau leiser fort: „Mit meiner Schwester ist das kaum zum Aushalten, glauben Sie mir. Ich bewundere Papas Geduld — Niemand fühlt sich in ihrer Nähe wohl, weil sie stets über ihren Kreis hinaus denkt, die Wirthschaft geht drunter und drüber." „Das ist mir nicht neu. Ihr Fräulein Schwester erzählte mir selbst, Sie wären des Onkels rechte Hand gewesen, Frau Irmgard." „Oh, man thut ja gern, was man kann." Dem folgte eine Aufzählung aller Haushaltslasten, daß Wulffen sich vor innerlicher Langweile verwünschte. Endlich ging man, und endlich war Frau Irmgard vor ihrer Wohnung abgesetzt, wobei Wulffen die Bemerkung nicht unterdrücken konnte, wie sehr der Haushalt seine führende Herrin während der arbeitsreichsten Stunden am Tage entbehrt haben mochte. Irmgard lächelte liebreizend und erstieg nach einem verbindlichen „Auf Wiedersehen" ihre Treppen, höchst zufrieden, daß es noch Männer gebe, die weniger der verfänglichen Schönheit, vielmehr der Reinheit und Opserfähigkeit echt weiblichen Sinns nachgehen. Ihr nster Gang galt dem Spiegel — ob man wohl erträglich ausgesihen habe — ihr zweiter der Küche. Während der Mahlzeit fühlte sie sich mitgenommen- weshalb die Kinder nachher zum Mädchen verbannt wurden, indeß Hollmann sein liebes Clarierspiel aufgab, die Gärten nachher anzuschen. „Die Leute trifft solches Ereigniß meist unvorbereltet- wie viel Hab und Gut, Leben und Besonnenheit dabei zn Grunde gehen, ist nie zu berechnen. Ich selbst sah die Flüchtigen eines tief gelegenen Dorfes mit Bündeln und Kindern eine morsche Brücke passiren, bis Sachkenner unter lautemHalloh vorsprangen und vor ihrem Betreten warnten. Ein Landmann, wie die Leute sagten, ein geistiger Filz, hörte nicht darauf. Er trieb sein Pferd an, um einige Säcke Besitz hinüber zu retten. Mir wurde schwarz vor den Augen. Unten das kreiselnde, rauschende, tollbrausende Wasser, eigentlich mehr weißer Gischt im dunklen Strudel, und oben die zeternden, abgehasteten Menschen. Den Mann focht es nicht an. Unentwegt befuhr er die Brücke — noch nicht die Mitte hatte er erreicht, als Bretter, Balken und Gefährt und Mensch in einem wirren Gemengsel in die Tiefe schossen." „Aber die Behörden, Onkel. Können sie nicht wenigstns für Dämme, Brücken und bessere Rettung sorgen?" „Zu viel grüner Tisch und Rechenexempel," antwortete Tauchlitz, „im Volke dagegen zu viel Verlaß auf eigene Kraft, deshalb wird es schwer, das Nichtige zu treffen." Sie wandten sich zum Gehen, die Landschaft hatte für Beide einen Schleier bekommen. Vom Bahnhof aus bogen sie in breite Straßen hinein ein marmornes Bassin Tauchlitz erörterte sür den Landwirth noch besonders t gar nicht verwöhnt Und fühle mich bei Onkel Tauchlitz so die Ertragfähigkeit der Felder, denen allerdings die Hoch- " fluth, sobald das schmelzende Gebtrgseis den kleinen, trägen Fluß zu einem Strom voller Schrecken verändere, gefährlich sei. „Und nicht bloß den Feldern, viel mehr noch den Menschen. Wärst Du wenige Stationen weiter gereist, hättest Du die frischen Schäden überall merken können, da das zeitig warme Frühjahr auch die Katastrophe verfrühte. In L. lagen die Bahngeleise sammt ihren Bohlen aus dem Erdreich gewaschen wie Gerippe, ganze Straßen wurden von den nachgerutschten Dämmen, sörmlich verwischt, bei H. standen die Häuser bis zum ersten, wenngleich niedrigen Stockwerk, in den trüben Fluthen, daß es ein Jammer war, 439 Ler Tiger unter de» Jnseeten. Von Dr. William Fricke. ------- (Nachdruck verboten.) Der prachtvolle Goldkäfer wird die Hyäne, der Hirschkäfer der Elefant unter den Jnsecten genannt, die Hornisse aber ist der Tiger unter ihnen. Glücklicher Weise hat ihr die Natur nicht dieselbe Stärks und Größe verliehen, denn ihre Waffen sind im Vergleich zu jenen des Tigers noch verderbenbringender. Ihr Leib ist mit einem Küraß umgeben, und ihr Element ebensowohl die Erde wie die Luft. In Brasilien soll sie sogar Kolibris angreisen und überwältigen. Und dies ist wohl glaubhaft- wird sie doch auch den Menschen und größeren Thieren gefährlich. Ist es doch schon vorgekommen, daß bei Kindern ein einziger Stich tödtlich gewesen ist, und Pferde wie Rinder müssen in den meisten Fällen dem Angriffe von sechs bis sieben solcher Bestien unterliegen. Wehe dem unvorsichtigen Holzhauer, welcher mit der Axt an einen Baumstamm klopft, der von diesen Räubern bewohnt ist- die schnellste Flucht vermag ihn kaum vor diesen Feinden zu retten. Trotzdem ist der Character der Hornissen dem Menschen gegenüber im Großen und Ganzen ein friedfertiger, sodaß sie ihn nur gereizt anfallen. Das Nest der Hornisse, dessen Durchschnittsbevölkerung sich im Sommer auf etwa fünfhundert beziffert, befindet sich gewöhnlich in der Höhlung alter Bä rme. Wir wollen uns eine solche Raubburg mir ihrer Besatzung einmal etwas näher besehen, und laden den Leser ein, uns zu begleiten. An dem Eingänge, aus dem ein gewaltiges Brummen dringt, sind mehrere große Hornissen als Schildwachen anfgestellt, bereit, sich bei der ersten feindseligen Herausforderung auf den Angreifer zu stürzen. Schwerfällig fliegt eine Hornisse daher, einen runden grauen Klumpen tragend. Ihr folgen noch andere, die ebenso beladen sind, alle aus derselben Richtung. Sie kommen aus einer alten Holzwand, wo sie mit ihren starken Kiefern Faser um Faser des altersgrauen morschen Holzes losreißen, das sie dann zu einer Kugel zusammenrollen und durchfeuchten. Ist die Kugel groß und fest genug, so wird sie nach dem Neste getragen. Hier wird sie der Trägerin von einer anderen Hornisse abgenommen, auseinandergerollt und verarbeitet. Dieses Material liefert den Stoff zur Herstellung der Wabenkuchen und der schützenden Hüllen, welche das Nest umgeben. Die Zuträgerin selbst eilt ofort wieder davon, um eine ähnliche zweite Bürde zu holen. Da eine große Anzahl mit dem Zutragen dieser Holzballen beschäftigt ist, erlangt das Nest bald ganz ansehnliche Dimensionen. Aber es kommen noch andere dem Neste zugeflogen, die nicht Holzballen, sondern zappelnde Jnseeten tragen. Die eine bringt eine Biene, die andere ein Würmchen, eine dritte eine Fliege. Das sind die Räuber, die entweder in ihrem eigenen Interesse oder um das Futter für die Jungen zu holen, auf die Jagd ziehen, während die anderen mit dem Ausbau und der Vergrößerung des Nestes beschäftigt sind und hierbei eine außerordentliche Kunstfertigkeit an den Tag legen. Auch das Familienleben dieser Räuberbanden ist in hohem Grade interessant, sodaß ein Blick in dasselbe sich wohl verlohnt. Die Larven der Hornissen sind den Bienenlarven sehr ähnlich. Gleich diesen haben sie einen wurmförmigen Körper, ohne Füße, mit einem Kopf, der einen auffa'tend stärken Kiefer trägt. Sie füllen den Raum der unregelmäßigen Wabe, in welcher sie erzogen wurden, ganz aus. Es bedarf sicherlich einer großen Menge unglücklicher Bienen, um die Larven zu ernähren und die Erziehung dieses häßlichen Wurmes zu vollenden. Endlich kommt der Tag, an dem sich die gefräßige und äußerst fette Larve in die Nymphe verwandeln soll. Sie spinnt sich selbst einen ihr Gehäuse hermetisch abschließenden Deckel, was wir in den ersten Stunden sehr gut zu beobachten vermögen. Bereits nach wenigen Tagen ist mit dem wehrlosen Wurm eine vollständige Verwandlung vor sich gegangen. Die Zelle öffnet sich, und es entschlüpft derselben eine ausgebildete Hornisse. Sie ist anfangs zwar noch sehr schwach, ihr Körper weich und ihre Flügel sind naß und zerknittert, doch bald hat der milde Sonnenschein stärkend gewirkt, ihre Körpertheile sind fest geworden und b;e Flügel haben sich geglättet, sie ist im Stande, ibr ungebundenes Räuberleben zu beginnen. Bald unterstützt sie auch ihre Mutter beim Nestbau oder hilft ihr in der Erziehung ihrer noch unmündigen Brüder, und das ist wieder ein schöner Zug aus dem Leben dieser Räuber. Ist das Weiter warm und günstig, so erreicht das Nest in kurzer Z-it einen großen Umfang. Ist das Frühjahr aber kalt und feucht oder beginnt der Spätherbst mit seinen kalten Nächten und eisigen Frösten schon sehr früh, so erreicht die Bevölkerung nur eine geringe Zahl. Gegen Ende des Sommers sind auch unbewehrte Männchen, die, wie die Drohnen bei den Bienen, zu jeder Arbeit unfähig sind, und fruchtbare Weibchen geboren worden. Unter den soeben erwähnten ungünstigen Umständen schwinden die Kräfte der Bevölkerung, wilde Verzweiflung bemächtigt sich ihrer, und vom Hunger getrieben machen sie sich auf zu einer letzten Jagd auf die über die übriggebliebenen Blüthen vor Kälte erstarrt hintaumelnden Bienen und Fliegen und schreiten schließlich zu einer grauenvollen That. Sie reißen die Larven, welche bis jetzt der Gegenstand ihrer schwesterlichen Liebe und Sorgfalt gewesen sind, unbarmherzig ans den Zellen heraus und verzehen sie. Die männlichen Mitglieder der Familie, für die nicht mehr gesorgt wird, gehen zuerst zu Grunde, ihnen folgen die andern- nur einige Wachen überstehen die grimmigen Fröste, um im nächsten Frühjahr neue Colonien zn gründen. In sicheren Verstecken, die sie sich wahrscheinlich im voraus wählen, bringen die Hornissen den Winter in lethargischem Schlafe zu - kaum läßt aber der erste Lenzhauch die Erde, so erwachen sie und erfüütn sofort ihre Lebensaufgabe. Glücklicherweise kommen Viele in den im Frühjahr noch herrschenden kalten Nächten um, ehe sie dieselbe erfüllt haben, oder verlieren in den wilden Kämpfen, welche sie den ihnen begegnenden Nebenbuhlerinnen liefern, ihr Leben. Verweilen wir nun noch einige Augenblicke bei ihrer Nahrungsweife. Die Hornisse nährt sich von Jnseeten, womit auch die Jungen gefüttert werden, ihr Leibgericht aber sind, wie wir schon oben gesehen habedie Bienen. Die Art und Weise, wie sie sich dieselben verschafft, . ist ebenso interessant, wie der Schaden groß ist, den sie dadurch anrichtet. Ein eifriger Bienenzüchter und sinniger Beobachter der Natur erzählt uns darüber Folgendes: „An einem schönen Julitage beobachtete ich vor meinen Bienenstöcken die zahlreichen von der Sommerhitze aus ihren Wohnungen getriebenen Bienen, als mit dem bekannten schwerfälligen Fluge, an dem man schon von weitem die Hornisse erkennt, einer dieser Räuber herbeiflog, sich in das fröhliche Gewimmel stürzte und mit einer Biene davonfliegen wollte. Sofort entstand unter den wachsamen Thieren ein gewaltiger Tumult, und ich beeilte mich, zu Gunsten meiner Lieblinge zu intcrtieniren und den frechen Räuber zu vernichten. Dieser aber mochte unerwarteten Widerstand gefunden haben und entzog sich einer unliebsamen Bekanntschaft mit meiner Hand durch die Flucht. In demselben Jahre war das Obst vortrefflich geraden, und fast vor jedem Bauernhause sah man eine ober mehrere lange Hürden mit zum Trocknen bestimmten Früchten der Sonne ausge etzt. Der ihnen entströmende herrliche Duft hatte eine nnzähliche Menge Jnseeten angelockt, vor Allem natürlich das lästige Volk der Wespen die Erfinderinnen des Holzpapiers, dann zahlreiche goldgrün glänzende und haarig schwarze Fliegen, die mit lautem Gesumm um die Hürden herumflogen. Der Bienenbesuch war so stark, daß von den zahlreichen Früchten kaum mehr übrig blieb als leere Hülsen. Neben einer Anzahl von schöngefärbren Schmetterlingen hatten sich auch die Hornissen, angelockt durch ihr Lieblingswildpret, das sie sich hier ohne viel Mühe erjagen konnten, eingefunden, setzten sich geraden Weges auf die Hürden, liefen - 440 mit großer Schnelligkeit über die Früchte, stürzten sich dann wie der Blitz auf eine der mit ihrer süßen Arbeit beschäftigten Bienen, und in einer Sccunde war das blutige Werk beendet. Mit ihren gewaltigen Kiefern trennten die Hornisse den Leib ihres noch lebenden Opfers am Vereinigungsstücke von Vorder- und Hinterleib in zwei Stücke, worauf sie dieselben verzehrte, oder auch ein Stück mit sich forrttrug. Jedenfalls ist die Hornisse das einzige Jnsect, welches Raublust und Blutgier in gleicher Weise verbindet, sodaß sie mir vollem Rechte „der Tiger unter den Jnsecten" genannt werden kann. GeineinnützigeO. Anbau verhagelter Felder reicht es im Monat Juli noch zur Saat von Weißrüben, Wickfutter mit Erbsen, Buchweizen, Spörgel und weißem Senf zu Grünfutter. Bis gegen die Mitte dieses Monats können noch Runkeln, Kohlrüben und Tabak gepflanzt werden, auch kann man Buchweizen zum Reifwerden, sowie Frühmais zu Grünfutter säen. Auch mit dem Anbau von Johannisroggen, der dann in kräftigem Acker noch im Herbstgrünfutter und nächsten Sommer bet etwas Nachdüngung doch eine gute Körnerernte liefert, ferner mit Jncarnatklee, welcher bei kräftigem Boden in milden Gegenden bis Mitte oder Ende Mai des nächsten Frühjahrs einen starken Schnitt giebt, geht es noch. * * * Das Saufenlaffen erhitzter Pferde ist gefährlich. Wenn ein erhitztes Pferd nach dem Saufen nicht in Bewegung gesetzt wird, so stellen sich in vielen Fällen Zittern, Bauchkrämpfe und Brustfellentzündung ein, was eine Folge der plötzlichen Abkühlung ist. Wenn aber das erhitzte Pferd gleich nach dem Trinken des kalten Brunnenwassers in eine schnelle Gangart versetzt wird, so pflegen die'e Erscheinungen nicht einzutreten- denn das Wasser erwärmt sich bald in den Eingeweiden und nimmt deren Temperatur an. Das beste Mittel, erhitzte und in den Stall gebrachte, also nicht mehr scharf arbeitende Pferde ohne Nachtheil zu tränken, besteht darin, daß man ihnen stets warmes Wasser vorsetzt. Dasselbe ist sehr gesund und befördert die Thätigkeit der Gedärme, Pferdebesitzer, welche dieses Verfahren anwandten, haben bekundet, daß bei ihren Pferden innere Krankheiten zu den Seltenheiten gehören. Zu bemerken ist noch, daß das Wasser wirklich warm und nicht lau sein darf- denn letzteres ist ekelerregend und wird daher nur ungern von den Pferden genommen. • * * Wenn Pferde aus der Eisenbahn transportirt werden sollen, dann bestreue man den Boden des Wagens mit einer dichten Lage von Sand oder Sägemehl. Die Pferde müssen gut angebunden werden. Sollen edlere Pferde transportirt werden, dann sollte der Wagen mit Strohmatten ausgepolstert sein. Bei edlen Pferden empfiehlt sich auch das Bandagiren und Anlegen von Kniekappen. In einem Kastenwagen kann man ohne Schaden vier edlere und etwa sechs gemeine, ruhige Pferde unterbringen. Niemals soll man vergessen Nachts eine brennende Laterne an der Wagendecke aufzuhängen. Unterwegs füttere man die Pferde mit Hafer und Heu. Als Getränk empfiehlt sich Kleientränke. Das Getränk soll nicht zu kalt sein, da sonst die Pferde auf dem Transporte gerne Durchfälle bekommen. In der heißen Jahreszeit nimmt man am besten einen größeren Wasser- vorrath in Kufen mit und läßt ihn vor der Verwendung einige Zeit stehen, bis das Wasser sich etwas erwärmt hat. Beim Einladen nimmt man die widerspenstigen Pferde am besten in die Mitte. Vor dem Einladen in den Wagen, soll man ganz widerspenstigen Pferden, die gerne in die Höhe steigen, die Augen verbinden. Die Pferde steigen nämlich mit verbundenen Augen nicht leicht in die Höhe. Bei dem Höchsteigen überschlagen sie sich aber sehr gerne, oder sie verletzen sich häufig unter der Wagenthüre am Genick. * • * Getreide als Hühnerfutter. Vielfach ist man noch der Ansicht, schlechte bezw. verdorbene Futtermittel seien für Schweine, Hühner u. s. w. noch sehr geeignet und man erziele mit denselben immer noch gutes Fleisch und gute Hühnereier. Es ist dies ein großer Jrrthum. Verdorbene, verschimmelte, dumpfig oder sonstwie riechende Futtermittel sind nicht allein der Ge undheit der Thiere höchst nachtheilig, sondern geben auch dem Fleisch bezw. den Hühnereiern einen schlechten Geschmack. Will man jedoch verschimmelte, dumpfige Getreidekörner an Hühner verfüttern, so muß man die Körner vorher mit kochendem Wasser abbrühen, damit sie die verdauungsstörende Wirkung und den fremden Beigeschmack verlieren und von den Thieren lieber ausgenommen werden. — Von den Getreidekörnern wird vielfach die Gerste als das eigentliche Hühnerfutter betrachtet, auch wird sie vom Geflügel gern genommen. Sollte letzteres nicht der Fall sein, so wird dies nicht selten durch Einquellen der Gerste erreicht. Im Winter ist es zweckmäßig, Morgens mit heißem Wasser gebrühte oder gekochte Gerste in noch warmem Zustande zu verabreichen. Auch ist Gerstenschrot zur Herstellung von Weichfutter geeignet- angekeimte Gerste oder Malz wird von den Hühnern ebenfalls gern genommen. Weizenkörner sind leichter verdaulich und für legende Hühner sehr zu empfehlen. Hafer eignet sich besonders für junges aber auch für Legegeflügel, da er fördernd auf das Eierlegen wirkt. Der Roggen wird von den Hühnern in trockenem Zustande nicht gerne gefressen, lieber nehmen sie denselben im eingeweichten Zustande. (Das Gleiche ist mit den sehr nährstoffreichen Hülsenfrüchten der Fall. Nur die Erbsen bilden ein beliebtes Hühnerfutter.) Der Mais eignet sich als wärmendes Winterfutter, sowie zur Mast. Alleinige Maiskörnerfütterung macht die Legehühner zu fett. Maisschrot paßt auch zu Weichfutter, insbesondere Mastgeflügel. Den Buchweizen kann man als gutes Hühnerfutter empfehlen. Humoristisches. Modern. Dame (zur neu eintretenden Köchin): „Können Sie auch Fahrräder putzen?" — Köchin: „Nein, gnädige Frau, aber ich kann Ihnen die Adresse geben, wo ich das Reinige putzen lasse!" * e * Merkwürdig. A.: „Haben Sie schon gehört, unser Freund Menzel ist gestern ertrunken!" — B.: „Das ist aber merkwürdig." — A.: „Was ist denn?" — B.: „Na, ich habe vor zehn Minuten mit Menzel gesprochen, und er hat mir nicht 'ne Silbe davon erzählt!" Literarisches. Zu -en Mutterpflichten gehört es, den Heranwachsenden Töchtern Gelegenheit zu bieten und dieselben dazu anzuhalten, practische Kenntnisse im Schneidern und Zuschneiden zu erwerben. Das Können auf diesem Gebiete wird im ganzen Leben von Nutzen sein, mag es nun dazu dienen, die Herstellung einer geschmackvollen Garderobe zu überwachen oder dieselbe selbst herzustellen. Um etwas Ordentliches zu erlernen, empfiehlt es sich sehr, sich der vorzüglichen und erprobten Lehrwerks und Hilfsmittel zu bedienen, die in reicher Auswahl in dem renommirten Verlag „Europäische Modenzeitung, Dresden" erschienen sind. Kein geeigneteres Geschenk giebt es, als der daselbst neu erschienene „Leitfaden für die moderne Damenschneiderei" (geb. 1 Mark) oder das vorzügliche Lehrwerk: „Die Perfects Schneiderin" (6 Mark). Prospecte werden auf Verlangen gern zugesendet. Siedaction: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.