ZW 3BEgES W 1898. - Sir. 2? Samstag dm 19. Fedmar. ß. ^^drbeitstage Voll rüstiger Plage Sind die besten Von allen Festen. Frieda Schanz. Was einmal voll und rein Das Herz besessen, Bleibt unverlierbar sein Und unvergessen. F. v. Löwe. Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. Er wirft einen Blick um sich und macht eine heftige Bewegung nach |bem Garderobehaken herum, auf dem sein Hut hängt. Aber die Mutter fällt ihm in den Arm. Ihre Augen heften sich in verzehrender Augst auf seine entschlossenen, finsteren Mienen. In ihren verzerrten Zügen, in der Leichenblässe ihres Gesichts malt sich eine wahre Todesfurcht. „Was willst Du thun?" redet sie ihn mit fliegendem Ahem an, „wo willst Du hin?" „Wohin?" Er sieht sie erstaunt, entrüstet an. „Wohin? Nach dem Gericht! Habe ich nicht lange genug warten müssen? Glaubst Du, ich will noch länger als Dieb gebrandmarkt sein vor aller Welt?" „Du willst . . . willst . . . O—Otto anzeigen?" lallt sie mit erlöschender Stimme. „Freilich will ich. Hot er's vielleicht besser verdient? Er erntet nur, was er gefäet hat, er und Ihr, Ihr, die Ihr ihn von klein auf verhätschelt und verzogen habt und ihm immer eingeredet habt, daß er was ganz Besonders sei. Ihr . . . Ihr seid eben so viel schuld als er!" Sie greift das Wort auf, wie ein Ertrinkender nach einem schwachen Strauch, nach einem Zweige hascht, um sich zu retten. „Ja, Carl," fällt sie mit dem Eifer der Verzweiflung ein, „Du hast Recht. Mich trifft die Hauptschuld. Warum habe ich ihm immer den Willen gethan? Ich hätte strenger sein sollen mit ihm. Es wäre nicht so weit gekommen. Ich bin die eigentliche Schuldige. Lieber, lieber Carl, strafe mich nicht so schwer!" Sie hängt sich mit ihrem ganzen Gewicht an ihn. Er kehrt seinen Blick ab, er kann nicht in das flehende, thränende Auge der Mutter sehen. Frau Köster wendet sich nach Helene um. „Hilf mir doch bitten, Helene!" ruft sie ihr zu. „Du bist doch auch eine Mutter und hast ein Kind, für das Du gezittert hast, wenn Gefahr es bedrohte. Und Du würdest lieber Dein Leben hingeben als es verlieren. Hilf mir doch, Helene!" Aber die junge Frau blickt lautlos zu Boden. Das Flehen der alten Frau schneidet ihr tief in's Herz, aber sie vermag es nicht über sich, von Carl das unmögliche Opfer zu verlangen. Carl fährt auf, ergriffen und erbittert zugleich. „Bin ich denn nicht auch Dein Kind?" sagt er. „Warum hast Du mich weniger lieb als ihn, warum willst Du, daß ich büße, was er verschuldet hat? Nein! Nein! Nein!" Sein Zorn flammt wieder heller auf und wüthend stampft er mit dem Fuße auf. „Ich thu's nicht. Ich schweige nicht länger. Und wenn Ihr mich Alle bittet, ich will nicht länger als der Spitzbube gelten, während er frei ausgeht!" Er macht ein paar heftige Bewegungen mit seinem Arm, um sich von ihr loszureißen. Aber sie klammert sich in ihrer Todesangst nur noch fester an ihn. „Du darfst ihn nicht anzeigen," ruft sie außer sich, „Du darfst nicht! Glaubst Du, er würde die Schande überleben? Willst Du ihn tödten, willst Du Deinen Bruder tödten? Und glaubst Du, ich ertrüg's, wenn er sich ein Leid anthäte? Willst Du auch mich, willst Du auch Deine Mutter unter die Erde bringen?" Ihre Erschöpfung zwingt sie, eine Pause zu machen, das leise Schluchzen Helenens dringt durch das Zimmer. Carl kehrt das Gesicht ab und blickt nach der anderen Seite. Aber wenn auch Niemand seine Mienen sehen kann, an dem heftigen Alhmen seiner Brust hört man, daß er innerlich schwer mit sich ringt. Frau Köster sinkt vor Ihrem Sohn in die Knie nieder und ihre Arme um seine Hüfte schlingend, greift sie im Delirium ihrer Angst in die Vergangenheit zurück. „Lieber Carl, habe doch Erbarmen mit mir! Bin ich nicht immer eine gute Mutter gegen Dich gewesen und Du willst nun ein so unbarmherziger Sohn sein? Habe ich Dir nicht das Leben gerettet, als Du noch ein ganz kleiner Junge warst und schwer an Diphtheritis darniederlagst? Acht Tage und acht Nächte habe ich Dir Eisumschläge gemacht und bin in kein Bett gekommen. Und als Du nachher außer Gefahr warst, weißt Du, was da der Arzt zu mir gesagt hat? Das ist Ihr Werk, hat er gesagt. Ihnen hat er's zu danken. Sie haben ihm das Leben gerettet. Und nun, Carl, nun willst Du mich zum Dank zu Grunde richten?" Er wendet sich mit heftigem Ruck zu ihr. „Steh doch auf, Mutter!" sagt er und will sie an ihrem Arm emporziehen. Aber sie wehrt ihm heftig. „Nicht eher, als bis Du mir versprochen hast, daß Du ihm verzeihst. Dir . . . Dir geschieht ja nichts mehr, Du bist ja frei. Alles ist vergessen. Wozu willst Du noch einmal die unglückselige Geschichte aufrühren? Er würde ja doch Hand an sich legen, wenn's nun herauskäme, wenn er nun ins Gefängniß müßte. Kannst Du ihm denn nicht verzeihen?" „Nein, niemals!" „Aber schonen kannst Du ihn doch wenigstens. Und wenn Du's nicht seinetwegen, nicht meinetwegen thust, so denke doch an seine Frau und an sein unschuldiges, armes Kind! Hast Du denn gar kein Herz im Leibe, Carl?" Er kann's nicht mehr ertragen, die alte, schwache Frau vor sich auf dem Fußboden liegen zu sehen und ihr Klagen und Jammern mit anzuhören. Mit Aufbietung seiner- ganzen Kraft hebt er sie in die Hohe und läßt sie auf den Stuhl neben ihm niedergleiten. Und als sie sich von Neuem in die Knie fallen lassen will, hält er sie fest und ruft ihr zu': „Siebe Mutter! Ich will ja schweigen, um Deinewillen. Aber mit dem da," er deutet mit wüthender Geberde auf Otto und sein Gesicht widerleuchtet von Neuem von dem Zorn und Abscheu, die in ihm lodern, „mit dem habe ich nichts mehr zu schaffen. Das ist nicht mehr mein Bruder. Für den habe ich nur noch Haß und Verachtung." Der zerknirscht in halber Betäubung an der Wand Lehnende fährt in die Höhe. In sein wachsbleiches Gesicht steigt eine jähe Röche und seine Brust keucht hörbar. Der Impuls durchzuckt ihn, vor Carl hinzutreten und ihm zu sagen, daß er sein Opfer nicht annehme. Er solle nur hingehen und ihn anzeigen. Er, Otto, sei bereit, zu büßen für das, was er gefehlt habe, menschlich gefehlt in einer verzweifelten Minute, da er nicht Herr seiner Sinne gewesen. Er werde büßen, wie er schon gebüßt habe, wochenlang, monatelang in geheimer, bitterer Qual. Aber das Bild seiner Frau, seines Kindes tritt vor seine Seele und ausstöhnend wendet er sich ab und schleicht leise zur Thür, ohne daß Jemand darauf achtet. Frau Köster aber drückt, unfähig zu sprechen, krampfhaft die Hände ihres ältesten Sohnes, der vor ihr steht, und im Ueberschwang ihres Dankgefühls würde sie seine Rechte geküßt haben, wenn er sie ihr nicht erschrocken mit raschem, heftigem Ruck entzogen hätte. XXII. Alle Freunde Ottos und in erster Linie der Kammergerichtsrath sind sehr ungehalten über des jungen Mannes Wankelmuth. Nun Plötzlich, ohne daß sich irgend ein plausibler Grund dafür finden ließe, zieht er seine Kündigung bei der Bank zurück und zugleich seine Bewerbung um eine Anstellung im Staatsdienst. Auch sonst giebt der Assessor den ©einigen Grund zum Erstaunen und zur Sorge. Er wird von Tag zu Tag blasser und nervöser. Sein Appetit nimmt ab, sein Schlaf ist unruhig, ja, ganze Nächte kommt überhaupt kein Schlaf in seine Augen. Er schließt sich in seinem Studirzimmer ein unter der Vorgabe, daß er wichtige Arbeiten zu erledigen habe. Aber Constanze, die ihn sorgenvoll belauscht, hört, daß er rastlos in seinem Zimmer auf und ab schreitet. Bei dem geringsten ungeahnten Geräusch schrickt er heftig zusammen und wechselt die Farbe. Die wiederholte Bitte seiner Frau, sich doch ärztlich behandeln zu lassen, fertigt er mit der stereotypen kurzen Antwort ab, daß ihm nichts fehle und daß er keinen Arzt gebrauche. In der That, der Arzt, der sich nur mit körperlichen Leiden befaßt, könnte ihm wenig helfen. Sein Leiden sitzt tiefer. Es ist das böse Gewissen, die Furcht vor der Strafe, die ihm keine ruhige Minute mehr läßt. Täglich, stündlich zittert er vor der Entdeckung. Drei Menschen außer ihm wissen von seinem Verbrechen. Der Mutter freilich ist er sicher. Die würde lieber ihr Leben lassen, als daß sie sich je das Geständniß seiner Schuld entschlüpfen ließe. Aber Carl und Helene! Wer garantirt ihm, daß Carl nicht schließlich doch die Geduld verliert und nm sich gegen üble Nachreden zu vertheidigen, das Geheimniß preisgiebt? Noch wahrscheinlicher ist es, daß Helene eines Tages in der Erregung, vielleicht im Streit mit einer Nachbarin seine Schuld verrathen wird. Und dann wird sein Name als der eines Diebes von Munde zu Munde gehen, bis ein Zufall seine Schuld zur Kenntniß der Staatsanwaltschaft bringt. Alle Martern, die er vor drei Jahren durchlebt, kehren in verstärktem Maße zurück. Damals handelte es sich um ihn allein, jetzt aber würde von den Folgen seines Verbrechens fast ebenso hart wie er seine Frau und sein Kind betroffen. Seine geheimen Qualen steigern sich von Tag zu Tag in unerträglichem Grade. Wahnvorstellungen suchen ihn heim,- in den ihn verwundert und sorgenvoll beobachtenden Augen liest er Argwohn und Zweifel an sich. Wie ein gehetztes Wild kommt er sich vor. Dieses unablässige Bangen vor der nächsten Stunde, die möglicherweise zu seiner Entlarvung führen kann, dieses entsetzliche Comödiespielen mit den Seinen, vor denen er sich den Anschein der Sorglosigkeit und Unbefangenheit geben muß, macht ihm das Leben zu einer folternden Strafe. Schon ein Paar Mal ist die Frage in ihm aufgetaucht, ob er sich nicht lieber freiwillig dem Richter stellen soll. Im Vergleich zu seinem jetzigen Loose würde das Leben hinter den stillen Gefängnißmauern nur beneidenswerth sein. Die Ungewißheit, die unerträgliche Spannung, die entsetzliche, beklemmende Angst, die ihn nicht mehr zu einem freien Aufathmen kommen läßt, wird dann von ihm genommen sein. Wenn er nichts mehr zu verbergen hat, wird er endlich Ruhe, vielleicht wieder erquickenden Schlaf finden. Aber die Rücksicht auf seine Frau und seinen Sohn, deren Leben mit Schmach und Schande bedeckt ist, wenn er in öffentlicher Gerichtsverhandlung als Dieb gebrandmarkt wird, bestimmt ihn, den verzweifelten Gedanken immer rasch wieder fallen zu lassen und die Qual seines Daseins weiter zu tragen. So vergeht ein Jahr, ein furchtbares Jahr. Und nun beginnt der Unglückliche von Neuem aufzuathmen und zu hoffen. Vier Jahre sind seit seinem Verbrechen bereits vergangen. Noch ein Jahr und die That ist verjährt. Geht auch dieses Jahr vorüber, ohne daß seine Schuld an den Tag kommt, dann ist er gerettet. Kein Richter hat dann mehr Gewalt über ihn/ vor entehrender Strafe, vor öffentlicher Schande ist er dann für immer bewahrt. Er zählt die Tage, er zählt die Wochen, er zählt die Monate. Drei Monate sind glücklich verstrichen — mit fieberndem Sehnen sieht er dem Tag entgegen, da er sein Haupt wieder in Sicherheit betten, da er sich der Liebe seiner Frau, seines Glückes als Vater wieder ruhigen Herzens wird erfreuen können. Mit Carl ist er in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal zusammengetroffen. Er bangt vor dem Augenblick, der sie zum ersten Mal wieder zusammensühren wird. Dieser Augenblick kommt an einem Augustabend, als er mit seiner Frau und seinem Schwiegervater sich im Landes- ausstellungspark befindet. In einer der Alleen des großen Parkes begegnen ihm Carl und Helene, die ihr Kind, einen munteren fünfjährigen Knaben, bei sich haben. Otto möchte ausweichen, denn er zittert bei dem Gedanken, seinen Bruder, der ihm ewigen Haß geschworen, wieder unter die Augen zu treten. Doch auch sein Schwiegervater hat die Familie erblickt und läßt sich nun ein gegenseitiges Begrüßen nicht vermeiden. Mit niedergeschlagenen Blicken streckt Otto seinem Bruder und seiner Schwägerin die Hand entgegen, die Beide flüchtig --- 107 — •+- Unter dem Zwatige der Verstellung berühren. Man nimmt auf eine höfliche Aufforderung des Kammergerichtsraths gemeinsam an einem der Restaurationstische Platz. Carl t macht ein finsteres Gesicht, aber er fügt sich. Im Stillen beobachtet er seinen Bruder, der nicht wagt, den Blick zu ihm aufzuschlagen. Wie elend Otto aussteht, seit sie einander nicht gesehen! Um Jahre ist er in der kurzen Zeit gealtert. Ist es das Gewissen, die Furcht, die ihn so mitgenommen? Ein Gefühl der Genugthuung durchzuckt ihn bei dem Gedanken. Doch je weiter der Nachmittag vorschreitet, je mehr er sich von der furchtbaren Veränderung überzeugt, die mit dem Bruder vorgegangen, desto weichere Empfindungen regen sich in ihm und eine Ahnung steigt in ihm auf von den furchtbaren Leiden, die der Schuldige, trotzdem er der öffentlichen Strafe entgangen, insgeheim zu erdulden hat. Constanze und Helene unterhalten sich miteinander, aber es ist ein kaltes, gezwungenes Gespräch, das sich zwischen ihnen hinschleppt, und ihre Mienen zeigen einen kühlen, fast frostigen Ausdruck. Es ist etwas wie eine instinctive Antipathie zwischen Beiden. Constanze kann in der Nähe ihres Schwagers sich noch immer nicht eines Gefühls des Unbehagens, des Widerwillens erwehren, und Helene, die die Empfindungen ihrer Schwägerin ahnt, ist innerlich empört. Neid und Zorn, ja, Entrüstung sieden in sihr empor und ihre erregte Phantasie spiegelt ihr bei Constanze Gefühle vor, die gar nicht vorhanden sind. Sie hält ihre Schwägerin für dünkelhaft und hochmüthig und glaubt sich von ihr verachtet. Und diese stillbohrende Empfindung steigert sich im Lause der Stunden zu einer wahren Wuth. Es liegt für sie eine geheime Genugthuung in dem Gedanken, daß sie nur ein Wort zu sagen brauchte, um die Stolze klein und demüthig vor sich zu sehen. Der Kammergerichtsrath und der kleine Paul sind die einzig Unbefangenen am Tisch. Herr Göring plaudert freundlich mit dem Knaben, der ihm voll Stolz mittheilt, daß er seit zwei Tagen die Schule besucht. Der Kammergerichtsrath hört dem Kleinen mit freundlichem Lächeln zu. Sein Herz weiß nichts von Vorurtheil und Animosität und wenn er seinerzeit dem Bruder seines Schwiegersohnes nahelegen ließ, zur Hochzeit nicht zu erscheinen, so geschah es lediglich in Rücksicht auf Andere. Plötzlich ist der kleine Paul verschwunden. Seine knabenhafte Lebhaftigkeit scheint nach einer anderen Be- thätigung zu verlangen, als ihm hier am Tisch der Erwachsenen gestattet ist. Doch schon nach einer halben Stunde kehrt er zurück, erhitzt, weinend, mit beschmutztem Gesicht und zerrissenem Hemdkragen. Allseitig erkundigt man sich nach der Ursache seiner B-trübniß und unter Thränen schluchzt der Knabe hervor, daß er auf dem großen Spiel- und Turnplatz vor dem Hauptportal zwei Schulfreunde getroffen und mit ihnen zu spielen begonnen habe. Ein dritter sei als Störenfried dazu gekommen und habe die Anderen gegen ihn aufgestachelt. Mit ihm sollten sie nicht spielen, sein Vater sei ein Dieb, sein Vater habe gesessen. Es ist, als ob eine Bombe plötzlich neben dem Tisch der kleinen Gesellschaft eingeschlagen sei. Frau Constanze o macht eine unwillkürliche Bewegung, als wolle sie ausspringen und dreht sich ängstlich nach dem Nachbartische um. Helene wird blaß und roth und beißt sich die Lippen wund. Carl steht mit einem furchtbaren Blick zu seinem Bruder hinüber und Otto ist zu Muthe, als müsse er ersticken. Nur der Kammergerichtsrath verliert seine Ruhe nicht. Er tröstet den Knaben und streichelt ihm die Backen und lenkt seine Aufmerksamkeit auf die Militärcapelle, die eben ein neues Musikstück beginnt. Ein paar unendlich peinliche Minuten verstreichen, bis sich Constanze Iplötzlich mit der Erklärung erhebt, daß es kühl zu werden beginne. Niemand widerspricht, und man rüstet sich zum Aufbruch. Der Abschied fällt noch kürzer, frostiger aus als vorher die Begrüßung. Der Kammergerichtsrath giebt jedem Einzelnen die Hand, auch Carl zwingt sich, seinen! Bruder auf einen kurzen Moment die Fingerspitzen zu reichen. Nur Helene und Constanze bringen es nicht über sich, ihre Hände ineinander zu legen. Sie trennen sich mit einem flüchtigem Kopfnicken, während ihre Blicke eine Secunde lang einander begegnen mit einem fast feindseligen Ausdruck. (Fortsetzung folgt.) Für Dittas Brautkleid! Novelle von E. Reinhold. ------- (Nachdruck verboten.) „Führt da nicht eben die Drösche vor, liebes Kind? Ja? Dann ist also der bange Moment der Trennung gekommen, und wir müssen nun definitiv von einander Abschied nehmen. Füge Dich in das Unvermeidliche, meine liebe Marianne, trage mit Grazie das schwere Loos einer einsamen Strohwittwe, behüte unsere kleine Ditta, und im Uebrigen vertraue, wie ich, auf ein fröhliches Wiedersehen in spätestens fünf Monaten." „Fünf lange Monate! Sag, Moritz, ist es denn unumgänglich nothwendig, daß gerade Du auf die Reise gehst, und noch dazu nach Amerika? Ist denn in dem ganzen großen Geschäft kein Anderer da, der geschickt werden könnte?" „Gott bewahre, Herzchen, zu der kniffigen Geschäftsreise ist bloß Dein alter Mor zu brauchen. Darum gieb Dich zufrieden. Und überdies bedenke, was ich von meinen Spesen erübrige, überweise ich Deinem „Fond zu Dittas Brautkleid.« „Spotte Du nur, Du böser Mann, noch im letzten Augenblicke über Dein armes Eheweib. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.« „Das dürfte Ditta sein, wenn sie dermaleinst das pro- jectirte seidene Brautkleid mit der Zweimeterschleppe bekommt. Für dasselbe liegen ja bereits wohlgezählte zweitausendvierhundert Mark, die Du, Gott weiß woher, zusammengescharrt, in meinem feuer- und diebessicheren Geldschrank. Da fällt mir übrigens noch ein, dort ist ja auch Dein Brillantschmuck verwahrt, willst Du den nicht heraus haben? Denn wenn ich Dir auch die Schlüssel hierlasse, aufschließen kannst Du ja meinen Geldschrank doch nicht." „Nein, Moritz, laß den Schmuck nur, wo er ist. Ich werde schwerlich Gelegenheit haben, ihn anzulegen." „Wie Du willst, mein Schatz,- und nun lebe Wohl, grüße Ditta noch einmal, wenn sie aus der Schule kommt, spare nicht zu viel an Deinem Wirthschaftsgelde, damit Dittas Brautkleid keine gar zu lange Schleppe erhält, und brauchst Du einmal irgend etwas, so wende Dich nur getrost an Herrn Weingärtner, meinen Chef. Behüt Dich Gott, meine liebe Marianne, auf Wiedersehen in fünf Monaten." — So kurz und wenig thrünenreich der Abschied der beiden Eheleute war, die Trennung, die erste nach zehnjähriger Ehe, kam sie doch hart an. Sie hatten bisher ein zufriedenes, glückliches Leben geführt. Sie hatten einander geheirathet, als er noch ein kärglich besoldeter Commis war, und sie beide zusammen gerade so viel hatten, daß sie nur immer abwechselnd sich satt essen konnten,- durch diese Periode hatten sie sich so leidlich durchgebracht, denn Er war, wenn auch nicht leichtmüthig, doch mit einem glücklichen Humor begabt, der in kargen Zeiten sich als ein tröstender Freund erwies, und Sie hatte Verständniß für die Naturanlage ihres Gatten und vermied es darum auch in bedrängter Lage, dem weiblichen Klagebedürfniß nachzugeben. Der mageren Jahre in ihrem Ehestande waren übrigens nicht viele. Bald wurde Moritz Schäfer als leitende kaufmännische Kraft für ein größeres Fabrikunternehmen engagirt, und nun hatte alle Knappheit ein Ende. — 10« - Wappensprüche des jüngsten Adels. Was aber in den beschränkten Verhältnissen nicht bemerkbar geworden, das kam jetzt, in den Tagen des Ueberflusses, immer deutlicher zum Vorschein: Die beiden Gatten waren in ihren Characteranlagen grundverschieden und huldigten über gewisse Dinge diametral entgegengesetzten Ansichten. Moritz, wie fast alle humorbegabten Leute einer gemäßigt epicuräischen Lebensweisheit ergeben, trat der rollenden Leidenschaft des Geldes nicht gerade hemmend entgegen. Es wäre ihm schwer geworden, sich einen erreichbaren Genuß zu versagen lediglich aus Sparsamkeitsrücksichten. Da er viel hatte, gab er viel aus, ohne jedoch dabei die Sorge für die Zukunft aus dem Auge zu lassen. Nur rechnete er sich nicht jeden etwa unnütz ausgegebenen Groschen nach, sondern brachte dem Dämon des Geldes jetzt, wo er dasselbe überreichlich besaß, eine gewisse noble Gleichgültigkeit entgegen. Anders Frau Marianne. An ihr war die Wertschätzung des Geldes aus den Zeiten der Noth haften geblieben. Sie drehte jeden Pfennig dreimal um, ehe sie ihn ausgab, besann sich sechsmal, ob es auch wirklich nöthig wäre, sparte und knauserte, wo es sich mit Anstand durchführen ließ, und suchte aus allem Capital zu schlagen. Darin hatte sie überhaupt ein eigenes Talent. Auch das scheinbar Werthloseste wußte sie in Geld zu verwandeln- sie verkaufte selbst die alten Zeitungen, Briefe und Packpapiere an den Lumpenhändler, das Pfund zu zwei ein halben Pfennig. Aber es war nicht gemeine Habgier, welche die junge Frau zu der Cultivirung dieses kleinen harpagonischen Talentes trieb. Sie erinnerte sich der sorgenvollen Vergangenheit lebhafter als ihr Mann, ihr war es noch in der Erinnerung peinlich, daß sie an dem wichtigsten Tage ihres Lebens, an ihrem Hochzeitstage, nicht in einem der Bedeutung des Tages würdigen Kleide vor den Traualtar hatte treten können. Ihrem Kinde, ihrer Ditta, sollte das einmal nicht widerfahren, und das sollte ganz ihre, der Mutter, Sorge sein. Ditta zählte erst acht Jahre, und es war nicht bekannt, ob sie schon ans Heirathen dachte, aber die Sorge um Dittas Brautkleid war bei Frau Marianne fast zur fixen Idee geworden. Darum sparte, knauserte sie und „machte Geld", so viel sie konnte. Ihrem Gatten war seiner Frau Sparsamkeitssinn zwar nicht recht, manchmal sogar unangenehm, aber er ließ sie gewähren, denn er kannte die keineswegs unedle Wurzel, aus welcher der ihm unsympathische Trieb entsproßte. Nur gelegentlich konnte Moritz sich seiner Marianne gegenüber eine harmlose Neckerei nicht versagen, die aber weiter nicht übel genommen wurde. Zu ernstlichen Differenzen zwischen den Eheleuten sührten die entgegengesetzten Anschauungen nicht, da auch Marianne denen ihres Mannes die gebührende Nachsicht entgegenbrachte, und so war das eheliche Leben von Herrn und Frau Schäfer bis jetzt das denkbar beste und friedlichste gewesen. Die bevorstehende Trennung, die in anderen Ehen vielleicht als eine willkommene Ruhepause aufgefaßt wäre, wurde also hier als eine äußerst schmerzliche Unterbrechung eines goldenen Ehestilllebens empfnden. Bei einer Trennung ist der am alten Ort Zurückbleibende am übelsten daran. Wenigstens hatte Marianne dieses Gefühl, und besonders in den ersten Tagen. Da fehlte ihr Moritz ihr an allen Ecken und Enden, und selbst ihr Töchterchen Ditta konnte ihr die Sehnsucht nach dem fernen Gemahl nicht verscheuchen. Schließlich aber gewöhnte sie sich doch an ihr Strohwittwenthum. Practisch, wie sie war, kam sie bald auf den Gedanken, für die Zeit ihrer Alleinherrschaft den Haushalt zu vereinfachen. Sie entließ das Stubenmädchen und behielt nur die alte Barbara, die Köchin, das war eine brauchbare, arbeitsame Person, mit der allein sich auch die große Wohnung in Ordnung halten ließ. (Fortsetzung folgt.) Zu jedem Wappen gehört eine Devise als organisches Glied, welche auf die Gesinnung, besondere Tüchtigkeit oder eine andere Eigenschaft hinweist, die zur Zeit den Adeligen oder auch Bürgerlichen — denn auch solchen wurden früher Wappen verliehen — auszeichnete, der man der Verleihung eines solchen für würdig hielt. Auch in der Neuzeit wird noch dem mittelalterlichen Brauche gehuldigt, Adelstitel und Wappen zu verleihen und ist besonders Oesterreich ein Dorado für solche Leute (mit Geld), deren Sinn auf edlen Stand gerichtet ist. In diesem Lande ist der Stand der neugebackenen Ritter des Geld- Adels zahlreich, und kennzeichnend für den äußeren Schein, mit welchem sie sich zu umgeben suchen, sind die Wappensprüche dieser Persönlichkeiten. Eine Auswahl möge als Characteristicum hier folgen: Die Freiherren von Rothschild: Concordia, Integrität, Indu.etria (Eintracht, Unbestechlichkeit, Fleiß)/ die Ritter Pollak v. Rudin: Labori honor tuns (Der Arbeit ihr Lohn/ übrigens, wenn der Wortlaut so richtig wieder gegeben ist, ein nettes Latein)/ die Freiherren von Morpurgo: Semper recte (Immer recht)/ die Freiherren von Oppenheimer: Integrität, Concordia, Induttria (Unbestechlichkeit, Eintracht, Fleiß)/ die Freiherren von Henikstein: Pro Deo et Principe (Für Gott und Herrscher)/ die Freiherren von Günsburg: Laboramut (Wir arbeiten)/ die Ritter Danios: Labor, Integrität (Arbeit, Unbestechlichkeit)/ Ritter K. 8., Don Falk: Einit coronat oput (Das Ende krönt das Werk)/ Ritter von Frank: Per labor em ad honorem (Durch Arbeit zur Ehre)/ Ritter Freistädtler v. Röves-Ghür: Ferreo labore (Durch eiserne Arbeit)/ Ritter von Fürth: Fidut et conttant Treu und beständig) / Ritter Maximilian von Schnapper: Ette non videri (Sein, nicht scheinen) / Freiherr Schnapper von Wimsbach: Labor nobilitat (Arbeit adelt)/ Ritter von Singer: Per laborem ad honorem (Durch Arbeit zur Ehre). — Diese Proben, die sich leicht vermehren lassen, mögen genügen. Frau Ba. Httmomstisches, Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Vierteljährlich Mk. 1,30, Einzelnummer 10 Pfg. — Bed enklich. Sie: „Warum siehst Du so niedergeschlagen aus, war Papa wüthend, als Du um mich anhieltest?" — Er: „O, nein, gar nicht! Im Gegentheil, es schien ihn höllisch zu amüsiren!" Auch ein Jawort. Soldat: „Ach liebste Jette, ich liebe Sie rasend! Darf ich mich Ihnen nähern?" — Jette: „Heute giebts Sauerbraten mit Klößen!" Gedankensplitter. Viele Leute sind wie die Phonographen — nur was man in sie hineinredet, geben sie wieder! — Die daheim nicht an das Beste gewöhnt sind, pflegen draußen am anspruchsvollsten zu sein. Stolz. Erster Backfisch: „Du, Anna, gestern hat mir Einer einen Blick zugeworfen — er hat einen Schnurrbart gehabt." — Zweiter Backfisch: „Und mir hat Einer einen Blick zugeworfen, der ein Monocle gehabt hat!" In der Leihbibliothek. Backfisch: „Das Buch für die reifere Jugend war reizend — haben Sie nicht noch etwas Reiferes?" * # * Boshaft. Schriftsteller: „Diesen Morgen bin ich über meiner Arbeit eingeschlafen." — Bekannter: „Das ist i mir auch schon passirt!" — Schriftsteller: „Ueber welcher | Arbeit?" — Bekannter: „Na, über Ihrer!" R-daetüm: «. «cheyda. - Druck und Sttlag der Brühl'schm UmversttStS-Buch. und Stcindruckerei (Pietsch & Echeyda) m «teßcn.