Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) Er hätte sich mit beiden Händen an den Kopf fahren und sich das Haar vor Aerger, Beschämung und Zerknirschung ausraufen mögen. Welch ein plumper, unbeholfener Mensch er doch war! Eine rechte Kunst: ihr nur das Vergnügen, auf das sie sich so freute, ausreden zu wollen! Warum war es ihm denn noch nicht eingefallen, der armen Alleinstehenden seine Begleitung, seinen Schutz anzutragen und sie nach einem besseren Theater zu führen oder ihr sonst einen der edlen erhebenden Genüsse, an denen das Berliner Leben nicht arm war, zu erschließen? Hätte er ihr nicht eine große Freude und sich selbst das schönste, beneidenswertheste Glück damit bereitet? Wie schön wäre es gewesen, Lust und Freude in ihr einsames, abwechslungsarmes Leben zu bringen, sich zu erfreuen an ihrer Freude? Nun war es zu spät. Er konnte ihr doch nicht rathen: sagen Sie Otto ab, gehen Sie mit mir! Mit welchem Rechte konnte er von ihr verlangen, daß sie ihm mehr Vertrauen entgegenbringe als seinem Bruder? Er war so darniedergeschlagen, so zerknirscht, daß er sich zu gar keiner Entgegnung aufzuschwingen vermochte. Stumm schritt er an ihrer Seite dahin, bis es ihm plötzlich einsiel, es sei das Beste, sich von ihr zu verabschieden. Kleinlaut, mit sehr gedrückter Stimme, sagte er ihr Adieu. Sie reichte ihm mit ihrer gewöhnlichen freundlichen Miene die Hand. Aber auf den Gegenstand ihres so plötzlich abgebrochenen Gesprächs kam auch sie mit keiner Silbe zurück. Carl war den ganzen Tag über wie im Fieber. Als der Abend kam, war sein Entschluß gefaßt. Er vertauschte sein Werktagskleid mit seinem Sonntagsgewand und bestieg die Pferdebahn, um nach der unteren Stadt zu fahren. Der Andrang zum Circus Renz war wie gewöhnlich ein ungeheuerer und Carl war froh, daß er noch ein Billet 1898. - Är. 9. Dienstag den 18, Januar, /j M KMechajkmMall M MreßmerAnMr OmM-Anzeiger). V >8; T sh Bl! iTgÜl i UW k= u weintest einst, als Du die Welt begrüßt, Doch Aller Lächeln grüßte Dein Erscheinen, Gott gebe, daß, wenn Du die Augen schließt, Dein Antlitz lächle, während Alle weinen. zum „zweiten Rang" erhielt. Mit hochklopfendem Herzen saß er hier, das Gesicht dunkelroth vor geheimer Erregung, und ließ seine Augen suchend in dem Riesenraum umherschweifen. Endlich entdeckte er sie. Ganz unten im Parquet, dicht an der Manöge, saßen sie. Der Vorstellung, die ihn sonst wohl interessirt hätte, schenkte er heute keinerlei Aufmerksamkeit. Er saß nur immer vornübergeneigt, sich duckend, um sich möglichst klein zu machen und aus der vielköpfigen Menge der oberen Regionen nicht hervorzuragen, und starrte mit glühenden Blicken zum Parquet hinab. Kein Zug, keine Miene ihres lebhaft bewegten Gesichts ging ihm verloren. So hatte er sie noch nie gesehen. Wie ihre Augen leuchteten, ein wie verklärender Schimmer über ihr rosig angehauchtes Antlitz gebreitet war! Lust und Freude sprach aus jeder ihrer Gesten und Bewegungen. Ab und zu wandte sie sich mit einem rührenden Ausdruck der Dankbarkeit an ihren Nachbar und flüsterte ihm ein paar Worte zu. Und der arme Lauscher im zweiten Rang empfand es jedesmal wie einen Stich ins Herz, so oft er mit ansehen mußte, wie Otto kopfnickend mit seinem selbstgefälligen Lächeln den Dank seiner Nachbarin in Empfang nahm. Ein Sturm erhob sich in seiner Brust und wie am Mittag empfand er Reue und Beschämung, Neid und Eifersucht. Was hätte er nicht darum gegeben, wenn er an Ottos Stelle hätte sein können, wenn er sich mit dem Gedanken, Helene Zimmermann eine so dankbar empfundene Freude bereitet zu haben, hätte schmeicheln können! Welch ein süßer, unvergleichlicher Genuß mußte nicht in dem Bewußtsein liegen, Jemanden, den man lieb hatte, für ein paar Stunden froh und glücklich gemacht zu haben! Noch ehe die Vorstellung zu Ende war, eilte er hinaus. Es dauerte eine geraume Weile, bis er die kleine Gesellschaft in dem Strom des aus den weiten Thüren des Circus sich ergießenden Publikums bemerkte. Im Schatten der Häuser sich haltend, sah er, wie die sechs jungen Leute, Damen und Herren, in zwei Droschken Platz nahmen. Als sie davonfuhren, durchzuckte ihn plötzlich die Idee, sich ebenfalls in eine Droschke zu werfen und den Anderen nachzusahren. Aber er gab diesen Gedanken ebenso schnell wieder auf. Was hätte es für einen Nutzen gehabt? Er hätte sich ja doch nur lächerlich gemacht, wenn er ihnen nachgeschlichen wäre und von einem Nachbartisch ans mit angesehen hätte, wie sie in einem der feinen Restaurants der Friedrichstadt vergnügt schmausten und zechten. 34 VIII. Als Carl am nächsten Mittag von der Arbeit nach Hause kam, traf er Helene Zimmermann noch in der Wohnung an. Sie hatte sich am Morgen etwas verspätet und die Erledigung ihrer Pflichten hatte sie deshalb etwas länger als sonst festgehalten. Sie rüstete sich eben zum Weggehen, als draußen die Flurkliugel ertönte. Das junge Mädchen eilte hinaus, um zu öffnen und kehrte mit einem fremden Herrn in's Wohnzimmer zurück. Alle blickten erstaunt auf,, während der Herr sich mit den Worten: „Habe ich das Vergnügen, Herrn Köster zu sprechen?" dem sich mechanisch von seinem Stuhl erhebenden Hausvater näherte. Der Fremde ist sehr anständig gekleidet, in der Hand hält er einen tadellosen, glänzenden Cylinderhut. Aber in dem Blick seiner luchsartig umheripähenden Augen, die jeden Gegenstand im Zimmer auf seinen materiellen Werth hin zu Prüfen scheinen, sowie in seiner ganzen Physiognomie, in der sich ein raubthierartig lauernder Character ausprägt, liegt etwas Abstoßendes, etwas peinlich Berührendes. Der alte Köster ist noch immer so erstaunt über den unerwarteten und ihm unerklärlichen Besuch, daß er sich nicht einmal zu der selbstverständlichsten Höflichkeit aufzuschwingen vermag. Frau Köster aber, die im Stillen einen Zusammenhang dieses Besuchs mit irgend einer Angelegenheit ihres Lieblingssohnes ahnt, trägt einen Stuhl herbei und ladet freundlich zum Sitzen ein. Herr Vogel nickt dankend und setzt sich. Er schlägt behaglich ein Bein über das andere und schickt sich an, zu sprechen. Helene Zimmermann, die noch immer im Zimmer ist und neben Frau Köster steht, wendet sich, um zu gehen. Aber Frau Köster faßt mit einer unwillkürlichen Bewegung nach ihrer Hand und hält sie zurück. Carl steht am Fenster, seine Augen wandern hin und her- sein Interesse ist getheilt zwischen dem Fremden und Helene Zimmermann und er überlegt, wie er es anstellen soll, sie zu sprechen und über die Vergnügungen des letzten Abends zu befragen. „Sie haben einen Sohn, Herr Köster, — beginnt der Fremde mit einem Lächeln, das verbindlich sein soll, — der Kammergerichtsreferendar ist ... . ein sehr netter, feiner, junger Mann." Ueber Vater Kösters Züge breitet sich ein stolzes Lächeln. Er nickt bejahend. Frau Köster aber, strahlend vor gerechtem Mutterstolz, fällt freudig, triumphirend ein: „Das ist unser Otto, jawohl! kennen Sie ihn?" Herr Vogel aus der Jägerstraße nickt. „Habe die Ehre," sagt er und seine Luchsaugen bemühen sich, einen wohlwollenden Ausdruck zu zeigen. „Ich kann Sie nur zu einem solchen Sohn beglückwünschen," fährt er fort und sein Oberkörper macht eine sich neigende Bewegung nach Frau Köster hin: „Ein talleutvoller junger Mann, ein kluger, fleißiger junger Mann und, wie ich höre, steht ihm eine große Zukunft bevor." Frau Köster ist aufgelöst in Wonne und Glück. Ihre freudige Erregung möchte sich irgendwie Luft machen. Sie erwägt, ob sie dem Fremden nicht ein Gläschen von dem Weine, den ihr der Arzt zur Stärkung verordnet hat, anbieten soll. Sie Preßt die Hand Helene Zimmermanns, die sie noch immer in der ihren festhält, mit einer Kraftaufwendung, die auf das junge Mädchen eine fast schmerzhafte Wirkung ausübt. Dem alten, ehrlichen Köster macht das geschmeichelte Vatergefühl warm und auch den jungen Mann am Fenster durchschauert ein angenehmes Gefühl als Bruder des Belobten. „Sie haben wohl mit meinem Sohn amtlich zu thun?" wagt Vater Köster zu fragen, der endlich gar zu gern wissen möchte, was den geheimnißvollen Fremden zu ihm führte und der in ihm einen Vorgesetzten Ottos oder eine ähnliche Respectsperson vermuthet. „Amtlich?" Ein flüchtiges, hartes Lächeln zuckt um die Mundwinkel Herrn Bogels. Er fährt mit einer unwillkürlichen Rechten an die Brusttasche seines Rockes. „Amtlich'? Nein! Ich stehe mit Ihrem Herrn Sohn nur in geschäftlicher Verbindung. Der Herr Referendar beehrt mich mit seiner Kundschaft. Mein Goit — die Gesichtszüge des Fremden verziehen sich zu einem Grinsen — Sie wissen ja, wie die jungen Herren sind. Ein Bischen leicht sind sie ja Alle und Geld brauchen sie immer. Aber schadet nicht, wenn nur etwas Tüchtiges nachher aus ihnen wird. Und aus Ihrem Sohn wird 'mal 'ne Excellenz. Darauf gebe ich Ihnen Brief und Siegel." Aber diese tröstliche Versicherung machte nicht mehr den beabsichtigten Eindruck auf die Anwesenden. In Aller Mienen malt sich eine instinctive, unbestimmte Unruhe. Vater Köster blickt ganz verdutzt drein und Frau Köster läßt unwillkürlich Helene Z'mmermans Hand fahren; von ihrem freundlichen, runzeligen Gesicht ist der verklärende Glanz geschwunden, ihre Augen irren ängstlich zwischen Köster und dem Fremden hin und her. Carl ist der Einzige, dem jetzt ein ziemlich klares Ver- ständniß der Situation aufgeht. Die elegante Einrichtung von Ottos Zimmer, das er vor wenigen Wochen betreten, die gestrige Scene vor dem Circus, wie Otto mit Helene eine Drösche erster Klasse bestiegen, tauchte vor seinem geistigen Auge auf und er ahnt die wahre Mission des freundlichen Lobredners seines Bruders. Herr Vogel knöpft seinen Rock auf, greift in die Tasche und zieht eine Portefeuille heraus, von verdächtig abgegriffenen und dickbauschigen Aussehen. Er öffnet seine Brieftasche langsam und entnimmt derselben einige zusammen- gefaltete Papiere von einem ganz bestimmten Format, bei dessen Aublick den alten Köster ein unwillkürlicher Schrecken befällt. Helene Zimmermann macht eine Bewegung, um sich discret zu entfernen, Frau Köster aber erfaßt im Nu ihre Hand und hält sie zurück. Während Herr Vogel langsam in den Papieren blättert und zwei davon bedächtig entfaltet, nimmt er von Neuem mit einer widerwärtig häßlichen Miene das Wort: „Ich weiß, Sie sind ein ehrlicher, ein anständiger, ein gerechter Mann, Herr Köster. Ich weiß, Sie sind bei Jacobs & Co., eine feine Firma, eine respectable Firma. Sie wissen Bescheid in Geldsachen und Sie werden nicht zulassen, daß einem armen Geschäftsmann Schaden zugefügt wird. Sie wissen, daß Wechsel am Verfalltage eingelöst werden müssen und daß der Girant haftbar ist ebensogut wie der Acceptant." Er hält dem Alten die beiden Papiere hin, die er vorher langsam geglättet hat. Köster nimmt die ominösen länglichen Blätter mechanisch in Empfang und starrt sie mit wirren Blicken an. Aber er ist nicht fähig, zu lesen- die Buchstaben flimmern ihm vor den Augen- er sitzt wie betäubt, wie versteinert. „Was wolle» Sie von mir?" fragt er endlich mit heiserer Stimme. „Was ich will?" Der Sprechende zuckt mit den Achseln und in seinen Luchsaugen züngelt es. „Ich möchte Sie höflich ersuchen, hier die beiden Accepte Ihres Sohnes gefälligst einzulösen." Der Alte sitzt noch immer regungslos und blickt starr auf die Blätter in seiner Hand. Sein Gesicht hat sich völlig entfärbt- er ist blaß bis in die Lippen. Frau Köster hat zwar einen sehr unklaren Begriff von der Bedeutung eines Wechsels, aber sie weiß, daß ein Wechsel unter allen Umständen ein gefährliches, bedeutungsschweres Document ist, das zuweilen schon eine ganze Familie zu Grunde gerichtet hat. Sie zittert am ganzen Körper und hält sich mit der einen Hand am Kleide des neben ihr stehenden jungen Mädchens fest, das unwillkürlich seine Arme schützend um die Taille der kleinen, schwächlichen Frau schlingt. Carl Köster beugt sich vor und sieht seinem Vater über die Schulter. „Das ist ja gar kein Accept meines Bruders," ruft er utt'd steht mit nicht gerade freundlichem Gesichtsausdruck zu Herrn Vogel hinüber. Aber dieser läßt sich nicht ausFeiner sicheren Haltung bringen. „Ihr Herr Bruder hat gerirt," erklärt er. „Acceptirt hat Herr von Markwald. Faul die ganze Familie! Kein Geld zu haben, weder vom Sohn noch vom Vater. Hätte ich mich nur nicht eingelassen mit diesem Herrn von Habenichts! Sie, Herr Köster, Sie sind ein einfacher Mann, aber Sie sind ein anständiger Mann und Sie haben Ihren Sohn lieb und Sie werden mir zahlen, was mit der Herr Referendar schuldig ist." Vater Köster macht eine Bewegung mit der Hand, als wollte er die Wechsel zusammenknüllen, aber besinnt sich noch rechtzeitig und begnügt sich, die Unglückspapiere dem freundlichen Geldleiher zornig tn den Schooß zu werfen. „Nichts bezahle ich, keinen Pfennig bezahle ich," ruft er bebend vor Erregung und sein noch eben bleiches Gesicht färbt sich in einer Secunde dunkelroth. (Fortsetzung folgt.) Der Fuchs des Wassers. Ohne Jägerlatein geschildert von Dr. Fritz Skowronnek. (Schluß.) Noch erfolgreicher ist die Methode, den Köderfisch an der Angel auf der Oberfläche des Wassers tanzen zu lassen. Man kann dies, wenn man über die nöthige Kraft verfügt, sozusagen aus freier Faust ausführen: in manchen Gegenden bringt man jedoch praktischer Weise eine hochstehende Gabel an, auf der die Angelstange sich leicht auf und niederwippen läßt. Man muß es gesehen haben, wie der Hecht aus den Köderfisch zuschießt, wie er sogar fußhoch aus dem Wasser herausschnellt, um den Köder zu fassen! Eng verwandt mit dieser Art ist das gesetzlich verbotene „Flimmern". An einer dünnen, aber starken Schnur ist in einem Wirbel ein löffelartiges Instrument aus silberglänzendem Metall befestigt. Am Ende des Löffels sitzt ein starker Haken. Man schleppt nun dieses Instrument hinter dem am Rohr entlang fahrenden Kahn in dreißig bis vierzig Meter Entfernung durch das Wasser. Das Blinken nnd Flimmern des wirbelnden Löffels reizt den Räuber. Er schießt aus dem Rohr der vermeintlichen Beute nach, und sitzt im nächsten Augenblick am Haken fest. Diese Art des Fanges ist sehr beliebt bei scheinbar harmlosen Spazierfahrten . . . und deshalb gerade streng verboten. Der Curiositäl halber sei erwähnt, daß man den Hecht auch mit einer dünnen Metallschlinge fängt. Wenn der Fisch im hellen Sonnenschein in nicht zu großer Tiefe steht, schiebt man sich mit dem Kahn leise heran und blendet ihn mit Hilfe eines guten Spiegels. Dabei zieht man die Schlinge, jedoch ohne ihn zu berühren, bis über die Mitte des Körpers. Ein schneller Ruck gegen den Kopf hin — und man hat ihn unter den Kiemen eingeschlingt. Die interessanteste und aufregendste Art, den Hecht zu fangen, ist jedoch unstreitig die Staaknetzfischerei im Spätherbst. Und gerade bet dieser Fischerei lernt man die Verschlagenheit des Räubers am besten kennen und bewundern. Vielleicht mag Manchem der letzte Ausdruck etwas stark erscheinen, aber wenn man sieht, wie ein Thier niederer Gattung die Gefahr erkennt, die ihm droht, wie dies Thier die Gefahr vermeidet oder gar überwindet, dann erstaunt man doch. Die alte Streitfrage: „Jnstinct oder Ueber- legung" will ich bei dieser Gelegenheit nicht aufwärmen. Für mich ist sie.schon lange entschieden. Wenn im Herbst die Seen sich Nachts in wallenden Nebel hüllen und am Rohr die ersten Eisstückchen im leisen Wellenschlag klirren, dann tritt der Hecht in die großen 85 -- Rohr- und Binsenkämpe auf flaches Wasser. Dann ist die Zeit gekommen zur Anwendung des Stäaknetzes. Das ist ein kunstvoller Apparat, aus drei Netzwänden zusammengefügt. Die erste und dritte Wand wird aus großen Maschen gebildet, deren Seitenwand je 25 Centimeter mißt. Dazwischen ist eine engmaschige Netzwand eingefügt, die kaum einem fingerlangen Ftschlein das Durch'chlüpfen gestattet. Stößt nun ein größerer Fisch auf diese zwischen Ober- und Untersimme ausgespannte Wand, dann geht er ungehindert durch die ersten großen Maschen. Das engmaschige Netz aber, das einen großen Ueberschuß haben muß, gibt dem Stoß nach und wird von dem Fisch mitgezogen durch die äußere dritte Wand. Der Fisch geräth dadurch in einem Beutel, in dem er sich nicht rühren, noch wenden kann. Natürlich muß das Netz durch zahlreiche Korkstücke an der obern und Bleistücke an der untern Simme straff gespannt sein. Es ist schon eine Reihe von Jahren her, seit ich das letzte Mal mit meinem Lehrmeister und Fischereikumpan, dem alten Stomber, an einem stillen Herbsttag auf den schönen Lycksee hinausgefahren bin. Der Alte ist inzwischen in die ewigen Jagdgefilde hinübergewechselt, aber er fühlt sich dort oben gewiß kreuzunglücklich, wenn es nichts zu fischen giebt. Ja, ich glaube, er würde lieber in der Hölle braten, wenn er dort ab und zu einen kleinen Fischzug machen könnte. Hoffentlich hat St. Peter, der alte Oberfischer mit ihm Mitleid . . . Mit der alten Flinte auf dem Rücken, die jetzt stumm und traurig über meinem Schreibtisch hängt, umgeben von ein paar ausgestopften Habichten, die aus ihrem Rohr das Blei ereilte, steige ich an einem klaren, kalten Herbftmorgen zum See hinab, wo Stomber im leichten Kahn schon Netz und Stangen geborgen hatte. Die Sonne hebt sich gerade aus dem schwachen Nebel, der vom See emporwallt. Von zwei Schlagrudern getrieben, fliegt das leichte Fahrzeug über die glatte Fläche dahin. Da hebt Stomber sein Handruder und deutet nach dem steilen, mit einzelnen Gebüschen bestandenen Ufer. Ich lasse die Ruder fahren und greife nach der Flinte. Oben dicht unter dem Abhang sitzt Meister Lampe im warmen Lager. Aber schon lange hat er uns mißtrauisch beobachtet. Und sowie ich die Flinte an die Backe werfe, muß auch schon der Schuß krachen, denn im nächsten Augenblick ist er mit einem Satz über die Berglehne. Diesmal bin ich fix genug gewesen. Wie ein Stein rollt er den Abhang herab, bis dicht ans Wasser, so daß ich ihn vom Kahn aus erfassen kann. Ein guter Anfang. An der nächsten Landzunge steige ich aus, um die Enten zu überraschen, die in der stillen Bucht sich bis auf den Seerand hinaus wagen, um im Uferschlamm zu buddeln. O weh, sie sind schon hinter die Rohrkämpen hinausgeschwommen. Aber Stomber weiß Rath. Während ich mich durch das Gebüsch bis an Ufer schleiche, umfährt er die Enten im großen Bogen. Einige Koppeln stehen auf und streichen ab. Andere aber ziehen ins Schilf zurück, und als der alte Practikus in einem kleineren Bogen zurückkehrt, kommen sie mir in schußgerechter Entfernung vorbeigeschwommen, daß ich mit Erfolg eine Dublette an- bringcn kann. „Nun aber ist Jagd genug gemacht, jetzt wollen wir Hechte fangen", sagt Stomber, als wir mit einem tüchtigen Schluck Waldmeister „Begräbniß" feiern. Vor einem dichten Rohrkamp wird der Kahn mit zwei Stangen, deren Eisenspitzen in den Seegrund gebohrt werden, festgelegt. Aber leise, ohne jedes Geräusch, denn sonst zieht der Hecht, namentlich der große, der schon durch manche Erfahrung gewitzigt sein mag, sofort in die Tiefe ab. Dann legt Stomber das Netz über den Kahnrand und schiebt die eine Hälfte so dicht wie möglich am Grunde entlang steil durch das Röhricht bis dicht ans User. Die andere Hälfte wird fast parallel dem Rande des Rohrkamps ausgeschoben. Die dazu erforderliche, außerordentlich lange und dünne Stange 36 hat Stomber vorsorglich schon im Sommer üus einer Schonung geholt und geschält. Jetzt ist sie glatt wie polirtes Metall und leicht wie Rohr. Aber diese Eigenschaften muß sie besitzen, wenn sie brauchbar sein soll. Denn sie dient dem Fischer, wenn ich mich so ausdrücken darf, als Jagdspieß. Am vordern Ende trägt sie nämlich einen spitzen Nagel. Und während ich nun den Kahn in den Kamp hineinschiebe, läßt der Alte die Stange blitzschnell durch das Rohrdickicht gleiten. Hier und dort schießt ein Rohrstcngel, den der scharfe Stoß von seiner Wurzel getrennt, aus dem Wasser empor. Mit Spannung beobachte ich, im Kahn stehend, das Rohr wie die auf dem Wasser schwimmenden Netzkorke. Da hält Stomber mitten im Stoß die Stange an. Seitwärts drängt sich ein großer Fisch durch das Dickicht- deutlich kann man an der Bewegung der Rohr- Halme sehen, wie weit er abstreicht und wo er stehen geblieben ist. Jetzt ist sein Schicksal besiegelt. Mit selten fehlender Geschicklichkeit trifft ihn Stomber mit dem scharfen Nagel. In wilder Furcht durchbricht er das Dickicht und im nächsten Augenblick zeigt das Durcheinanderfahren der Netzkorke, daß der Fisch sich gefangen hat. Hastig treiben wir den Kahn auf die Stells zu, denn selbst das beste Netz hält manchmal dem scharfen Anprall des Hechtes nicht Stand. Besonders wenn das dichte Netz etwas straff gespannt ist, wird es oft von der keilförmigen Schnauze des Hechtes zersprengt, und statt der erhofften Beute findet man ein großes Loch. Diesmal jedoch steckt ein prächtiger Kerl von Hecht im Netz, der Von Stomber auf 6V2 Pfund geschätzt wird. Und der Alte irrt sich nie im Schätzen des Gewichts . . . Sorgfältig wird die emporgehobene Stelle des Netzes wieder ins Wasser gedrückt, bis es fest am Boden anliegt, denn die durch unser Durchqueren des Rohrs mobil gemachten Hechte finden sicherlich die kleine Lücke, wo sie sich unter dem Netz hindurchstehlen können. Nicht immer gelingt es, den Hecht mit dem ersten Stoß ins Netz zu treiben. Wenn der Schlag ihm nicht alle Besinnung raubt oder wenn ein Windhauch die Rohrhalme so stark bewegt, daß man den Standpunkt des aufgestöberten Fisches nicht genau erkennen kann, dann wird die Sache schon schwieriger. Dann schiebt sich der Hecht sacht bis ans Netz hinan und streicht daran entlang, bis er das Ende gefunden, oder er schnellt mit mächtigem Schwung durch die Luft über die obere Simme hinweg. Geradezu aufregend wird diese Art von Fischerei, wenn man einen recht großen Fisch antrifft und ihn, um einen waidmännischen Ausdruck zu gebrauchen, verprellt hat. Oftmals nämlich kommt es vor, daß der Hecht, von der Stange erschreckt, aber nicht getroffen, gegen das Netz geht, jedoch so vorsichtig, daß er sich keinen Beutel ausstößt. — Dann drückt er sich vor dem Netz hin und her und muß erst wieder ins dichtere Röhricht getrieben werden, wo man seine Bewegungen deutlich verfolgen kann. Aber wenn dann ein Stoß gesessen hat und die Korke zu tanzen beginnen, dann heißt es die Muskeln ampannen, um schnell ans Netz zu gelangen. Das ist manchmal kein leichtes Stück, denn so leicht der zu dieser Fischerei verwendete Kahn auch ist, so erfordert doch das schnelle Durchbrechen eines Binsen- oder Krautkamps eine außergewöhnliche Anstrengung. Vielleicht geht der Leser, der meiner Plauderei ein halbes Stündchen geopfert hat, mit mir nicht zu scharf ins Gericht, wenn ich nun behaupte, daß die Fischerei ebenso zur Passion werden kann, wie die Jagd. Wer freilich nur die Angler beobachtet hat, die an einem fischarmen Gewässer stundenlang in stumpfer Gemüthsruhe auf einen Biß warten, oder die Fischer, die mit dem Schleppnetz geduldig Zug um Zug thun — der hat noch nicht erfahren, daß das Angeln und Fischen soviel spannende und interessante Momente bietet. Die Hausfrauen, denen diese Zeilen zu Gesicht kommen, werden daran vielleicht noch etwas anderes auszusetzen haben: meine Vorliebe für große Hechte. Denn im Allgemeinen werden eben die großen Exemplare dieser Fischart in culi- narischer Beziehung etwas gering geschätzt. Das Fleisch soll trocken und zähe sein ... Da ich jedoch diese Ansicht nicht theile und ein gutmüthiges Exemplar der Spezies homo (soll ich sapiens dazu schreiben?) bin, so will ich auch das Recept mittheilen, das mich zu dieser abweichenden Meinung gebracht. Also: man nehme einen Hecht, ob man ihn kauft oder selbst fängt, ist mir gleichgiltig, er kann getrost zwölf Pfund und darüber wiegen. Dann spickt man ihn mit Speck, wie einen Hasen, legt ihn auf eine Unterlage von Speckscheiben in die Bratenpfanne, deckt ihn mit einer zweiten Speckschicht von oben zu und thut noch ein Stück Butter hinzu. Wenn er halb gar ist, fügt man saure Sahne und einige Wacholderbeeren hinzu und — doch das Urtheil will ich den gestrengen Eheherren überlassen. Ich hoffe, dies Recept wird meine culmarischen Fähigkeiten bei allen Hausfrauen, die es erproben, ins Helle Licht setzen! Für die größte Delicatesse jedoch erkläre ich die inneren Theile des großen Hechts. Von der Hechrleber spricht schon so wie so jeder Feinschmecker mit der größten Hochachtung. Ich behaupte aber, daß auch Magen und Eingeweide, gespalten und sauber gereinigt, denselben Beifall finden werden, wie der als Hase behandelte Brathecht. Ich kenne sogar Leute, deren Leidenschaft für diesen Leckerbissen vor keiner That zurückschreckt. Vor drei Jahren hatte ich mich zur Sommerszeit für einige Wochen in ein einsames Dörfchen am Spirdingsee vergraben, um meiner Passion für den nassen Sport nach Herzenslust zu frönen. Da führte ihr Beruf eines Abends zwei Fischereibeamte des Generalpächters an den kleinen Ort. Beiden war das Glück hold gewesen, denn jeder hatte in seinem Hüttkasten einen gewaltigen Hecht. Triumphirend zeigten sie sich ihren Fang. Und wie sie die mächtigen Exemplare mit einander verglichen, da las der eine auf des andern Lippe die unausgesprochene Frage, ob die Delicatesse, die von so vielen Leuten achtlos fortgeworfen wird, ihren Beruf so gänzlich verfehlen sollte. War es Jankel, der es zuerst aussprach, oder war es Simon — beide behaupten, es sei der andere gewesen — kurzum, nach wenigen Minuten hatten die beiden Feinschmecker den Hechten durch die Kiemenspalte mit einem gekrümmten Draht die Eingeweide herausgezogen. Und nach einer Stunde, da wischten wir uns schmunzelnd den Mund- die „Kischken", wie man dort in jüdisch-polnischen Jargon diese Delicatesse nennt, hatten zu köstlich geschmeckt. Dann wurden die Bäuche der Hechte, die unnatürlich dünn erschienen, durch die Kiemenspalte geschickt mit kleinen Fischchen gefüllt, und nun konnten die beiden Hechte den Weg in die weite Welt antreten. Der Zufall fügte es jedoch, daß in der Familie des Generalpächters ein großes Fest stattfand, und zum Festschmaus wurden nicht aus Zufall, sondern ihrer imposanten Größe wegen gerade diese beiden Hechte ausgewählt. Aber welch ein Schrecken überfiel die dienstbaren Geister, als sie beim Zerlegen das Wunder ersahen, daß diese gefräßigen Raubthiere Herz, Leber, Magen und Eingeweide von sich gethan hatten, um nur mehr Fischlein verschlingen zu können. Der Hausherr jedoch kannte seine Pappenheimer. Und als sie mit Zittern und Zagen zum Festmahl erschienen, da — wurde einem jeden ein gehäufter Teller winziger Fischlein lervirt. Simon und Jankel jedoch heißen fortan die „Kischkenfresstr". Wenn sie aber jetzt Appetit auf ihre Delicatesse verspüren, dann liefern sie wenigstens die Hechte nicht mehr in die Küche ihres Brotherrn. Und sollte einer Leserin mal ein Hecht mit gleich abnormem Körperbau vor das Messer kommen, dann kann sie sich wenigstens das Wunder erklären! Redaction: 8L Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stcindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.