Nr. 109 1898. e: M M in trüben Kummertagen Dir das müde tzerz verzagen, Steht Dir Trost und Hilfe fern, Flucht' in Deine stillste Kammer Und vertraue Deinen Jammer Deinem Gott und Deinem Herrn. I. Sturm. Felsgarten. Roman von Clara Bucker. (Fortsetzung) Hilde trat ins Zimmer. Sie trug ein spitzenbesetztes Kleid und sah darin besonders zart aus. Sie bot den Herren Likör und Cigarretten, saß dann wie eingesponnen in ihrer Art bei ihnen und trank ihre Milch, als enthielte die Tasse Luft. Sie verschmäht den Alltag mit uns nicht, aber sie lebt innerlich über ihm, dachte Wulffen. Die schattige Promenade zur Stadt gingen sie, die Männer im Gespräch, Hilde für sich und voraus. Sie war so still und in sich gekehrt, daß Heinrich seine Räthsel- lösungen schwerer fand, als er vorher gedacht hatte. Vor einem besseren Miethshause machten sie Halt,' nachdem zwei Treppen erstiegen waren, blieb noch die Meldung eines Dienstmädchens zu überstehen, ehe Irmgard ihnen entgegeneilte- hinter ihr her kam langsamer der Oberlehrer Hollmann. Irmgard mochte größer und voller gewachsen sein, als ihre Schwester, ihr Gesicht, regelmäßiger und blühender, wurde von einer natürlich krausen Haarwelle, die goldblond schimmerte, gleichsam idealisirt. Nur die großen, hellblauen Augen besaßen einen unveränderlich gleichmäßigen Ausdruck, der von geringer geistiger Regsamkeit sprach. Kannte sie diesen Fehler? Sie forcirte das Spiel ihrer Blicke etwas, jedenfalls ohne Ahnung, wie unnatürlich dies für sie war. Sehr freundlich äußerte sie sich über Heinrichs Kommen, ja, sie machte ein kleines Fest daraus, einen Spielkameraden ihrer Kinderzeit und der goldigen Tante Wulffen Sohn hier haben zu dürfen. Hollmann lächelte dazu wie zu einem gelungenen Extemporale seines Primus, ja, er schien es zu lieben, bei fast gleichen Jahren den Aelteren, Besonneneren gegen das Frauchen herauszukehren, was sie sich dagegen herzlich gerne gefallen ließ. Ihrem Hauswesen zeigte sie sich dagegen als verantwortungsvolle Herrin, das Pflichtbewußtsein, wirkte in ihrem weichen Gesicht sehr anziehend. „Die Kinder sind mit dem Mädchen aus- die müssen Sie sich nachher noch ansehen, Heine, und entscheiden, ob ich ein Recht habe, stolz zu sein. Hilde, nimm doch den Hut ab, Ihr bleibt zum Abend hier, natürlich. Ich muß hören, wie es Tante geht und was der Heine eigentlich treibt in der Welt." „Ihr Bruder ist der Offizier und Sie der Gutsbesitzer?" fragte Hollmann nun, bemüht, dem Gaste sein Verständniß zu zeigen. „Dann erzog die Wulffen ihre Söhne ja zu den ältesten und menschlich natürlichsten Berufsarten, für den Nähr- und Wehrstand." „Kain und Abel?" bemerkte Wulffen lachend. „Bloß todtgeschlagen haben wir uns noch nicht. Es bliebe auch kein Grund dazu, denn Franz ist ein Götterliebling in jeder Weise." „Oh!" rief Hollmann. „In dem Ausspruche liegt Unzufriedenheit mit sich selbst." „Gewiß nicht," sagte Wulffen. „Mein Stand ist mir ganz nach dem Herzen!" „Haben Sie auf Ihren Gütern bereits mit der Unzufriedenheit des Volkes zu thun?" „Oh ja. Das kommt schon vor." „Schrecklich, wie die Ansprüche um sich greifen und das Volk durchsetzen," räsonnirte Hollmann. „Von Noth reden und schreien sie, dabei sind die meisten Lustbarkeiten unter ihnen im Schwange. Wo jauchzen und kreischen sie am tollsten?" „Wo die Menschen noch am natürlichsten fühlen, im Volke, lieber Schwager," antworte die stille Hilde fest. „Heldin Hilde ergreift das Schwert," spottete Irmgard nicht ganz so liebenswürdig wie vorher. „Laß doch die Männer reden, was verstehen wir von den Leuten!" „Ich will etwas davon verstehen," antwortete Hilde kurz. „Menschliches liegt der Frau ebenso nahe wie dem Manne." „Laß doch den Unsinn, Hilde," sagte Hollmann. „Zugegeben, Deine Arbeiter oder ganz Armen sollen bei ihrem Schnaps und Tanz vom Alltagsleben aufathmen, so brauchen sie deshalb noch lange nicht das Gemeinwesen und den Staat zu belästigen, wie kein anderer Stand. Sie heirathen mit zwanzig Jahren, Haden eine Last Kinder und einen Haushalt, daran wir noch lange nicht denken dürfen." „Erstens," sagte Hilde, „sind sie von ihrem vierzehnten 434 Jahre ab so selbstständig, wie unsere Leute mit fünfundzwanzig, sie verdienen. Zweitens gründen sie ihren Haushalt unter so viel Entsagung! Wollten unsere jungen Damen und Herren die Hälfte davon aufwenden, brauchten sie ihre Ideale nicht vor der Ehe an den Schuhsohlen abzulaufen. Drittens aber willst Du die Natürlichkeit des Daseins verunglimpfen. Es ist ihr Naturrecht, mit zwanzig Jahren an die Ehe zu denken, und allein Eure widersinnige Cultur mit Examina, Stand und Einkommen macht es Euch unmöglich." Hilde sprach feurig, sie war erblaßt. Tauchlitz schüttelte den Kopf über sie, Irmgard verließ das Zimmer, nur Hollmann rief aufrichtig: „Woher hast Du diese Erfahrung, Hilde? Um sociale Fragen bemühst Du Dich auch?" „Ja," sagte sie. „Wie stellst Du das an?" „Nachahmenswerth nicht," wies sie ihn ab, daß er die Lippen biß. Irmgard kehrte zurück und zerstreute sofort die ernste Stimmung wieder, Hilde ließ sie gewähren- der Schwester sorgliche Art hatte die Wohnung zierlich eingerichtet, daß man genug des Einnehmenden zu sehen bekam in den wenigen Räumen, die ein Oberlehrer bezahlen kann, wie Hollmann äußerte. Nun sprangen auch die Kinder herzu und begrüßten zärtlich die Bekannten, schüchtern den Fremden. Danach bat die Hausfrau zu ihrem Abendessen, das allerliebst hergerichtet war- übrigens aßen die beiden Knaben ihre Weißbrod- schnittchen manierlich und possierlich am Tische der Großen mit; auch ein Studienfreund Hollmanns, der in letzter Minute kam, mußte Irmgards Aufforderung zur Theilnahme Folge leisten. „An dieser Belästigung bin ich unschuldig," sagte der große blonde Mann, Held Siegfried, wie sie ihn spottend rannten, ,-Jhr Abendessen hielt ich für längst überwunden. Jndeß, ich halte dankend mit, weil der Magen, gewissen Damen zufolge, nun einmal meine schwache Seite ist." „Stärkste Seite, wollen Sie sagen, neben den anderen schwachen," lachte Irmgard, indeß Hilde aus abwesenden Gedanken die Blicke auf ihn richtete. Er schien tief berührt von diesem großen verschleierten Auge, denn unschlüssig fuhr er mit der Gabel auf dem Teller herum, worauf er sich zurücklehnte und schnell mit Wulffen ein Gespräch anknüpfte, weil er dessen aufmerksames Beobachten wohl gewahrt hatte. „Sie werden es mir am meisten nachfühlen, Herr Wulffen, wenn ich mich unter dem häuslichen Dach meines Jugendfreundes geduldig mißhandeln lasse, es bleibt wirklich die einzige Gelegenheit, ihm nahe zu kommen. Als er gleich mir noch überzeugter Junggeselle war, bedurfte es freilich nur eines verabredeten Pfiffs unter dem Fenster, um den Anderen herunter zu locken — es war eine köstliche Zeit." „Na ja," sagte Frau Irmgard schalkhaft. „Sehen Sie," fuhr Wiedebach fort, „da geht das Zerren mit mir armen Bären schon an. Sollte es Ihnen, nachdem Ihnen die Zeit den Reiz der Neuheit genommen, ähnlich ergehen, bitte ich Sie zum gegenseitigen Trost zu mir." „Denn dort werden Sie allerhand leere oder halbvolle Cognakflaschen, viel Tabak und gute Sophas finden," ergänzte Hollmann. „Behufs Deiner geistigen Anknüpfung," setzte Tauchlitz hinzu, „gebe ich Dir, Heinrich, noch einige Anhaltspunkte: Unser Freund, Hans Wiedebach, ist der Sohn eines unserer angesehensten Prediger, selbst dagegen Atheist, von Beruf Mediciner, dabei keine Heilkraft anerkennend, als die Individualität, Junggeselle, aber überzeugt, das einzige Heil des Daseins liege in der harmonischen Ehe! Du wirst begreifen, daß es nicht ganz leicht für Freund Wiedebach ist, zu leben und derart behaglich auszusehen." Wiedebach warf eine Bemerkung dazu, das Gespräch verpuffte in Irmgards Lachen- bald nach dem Abendessen gingen die Drei- denn Wiedebach hatte im Arbeitszimmer des Hausherrn eine Besprechung vor. Von der Treppe mußte Tauchlitz noch einmal umkehren, die Kinder wollten nicht schlafen, ehe zihnen Großpapa nicht am Bett gute Nacht gesagt hätte. Wulffen und Hilde standen allein unten. Sie sahen sich nicht an und sprachen nichts. Erst als sie die Schritte des Landraths auf der Treppe hörten, fragte Heinrich: „So still, Fräulein Hilde? Fehlt Ihnen etwas heute Abend?" „Etwas? Alles! Wie klein ist das um uns her! Ich bleibe schon lieber zu Hause für mich allein," sagte sie mit erstickter Stimme. Ihr Vater kam hinzu und redete ihn an. Hilde schritt gesenkten Hauptes vor ihnen her, die Dunkelheit erlaubte ihm, sie nicht aus den Augen zu laffen. So fremd blieb ihre Art selbst in der Familie! So jung und so allein! Wie Viele mochten Ines jetzt umdrängen! Nachdem man sich getrennt hatte, verweilte Heinrich noch längere Zeit am offenen Fenster in bleischweren Gedanken. Langsam wandte er sich nun zu dem einfach weißen Bett — betroffen blieb er davor stehen. Die selbstgearbeiteten Decken der Mutter fielen ihm ein — jetzt kannte er ein Verständniß, einen Sinn für die schlichten Dinger. Fast unmöglich wurde ihm das Liegen, zu dem er sich zwang. An Schlaf war nicht zu denken- erst nach stundenlangem Warten schob er sich zwischen die glänzenden Funken und Wirrnisse, die Heinrich umtanzten. Er träumte, ihm war es, als erblicke er zwischen glühenden Wolken eine Gestalt, Hilde. Ich will schon lieber nach Hause, sagte sie. Bleib! schrie er- da lächelte sie und kam über die feurigen Nebel fort eiligst auf ihn zu- fest schlang er den Arm um sie. Herzu zu mir, sprach er laut, daß er davon erwachte und noch ihre beiden gefalteten Hände an seinem Halse, und seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen fühlte. Hatte er je ähnliche Empfindungen von der Zusammengehörigkeit zweier Menschen gehabt? Sein Zimmer verließ er erst, als Tauchlitz die Treppe hinunterstieg. Sie begrüßten sich und gingen zusammen nach dem Eßzimmer, wo Hilde beim Kaffee wartete und die Brödchen mundgerecht machte. Wie wohlig muthete dies Alles nun wieder an! Das große Gemach besaß drei Fenster in einer Reihe, durch welche Luft und Duft des frischen Morgens strömten- zarte Vorhänge, über die ein grauer, mit rother Seide bestickter Shawl fiel, umrahmten sie. Oben an der Schmalwand stand ein Sopha, dessen hellgrauer Damast die stilistrte rothe Seidenstickerei die Uebergardinen wiederholte. Oberhalb desselben hatte man ein Zierbrett mit altdeutschen Trinkgefäßen besetzt. Darüber hing ein Spruch in altdeutschen Buchstaben auf graues Packpapier gemalt und von dunkler Eichenleiste umrahmt. Der Spruch selbst hatte ihn in seiner trotzig-düsteren Sprache schon gestern beschäftigt. Ein kluger Rittersmann behält's Gemäss beim Gelage an. Wer heißt Euch in streitbarer Zeit ganz zu ruh'n Und beim Genuß Schild wie Speer abzuthun? Für ein Eßzimmer konnte Heinrich sich nichts Sinnvolleres denken, als diese grüblerischen Worte. Vom wem stammten sie? Hinter ihnen an der Wand wußte er ein Bücherspind und ein Buffet von dunkel gebeiztem Eichenholz in geraden, einfach wirkenden Linien, dann kam ein bunter Ofen — grün und braun — nächst diesem eine große, schöne Standuhr neben einem originellen Credenztisch. Vor ihm an der Frühstückstafel saß Hilde. Das Licht vom Fenster aus umwob sie gar lieblich, wovon sie in ihrer unbekümmerten Art nichts wußte, sie hörte dem Vater vollkommen von sich abgezogen zu. Irmgard hätte das nicht vermocht. Diese liebte es, ihre Umgebung auf sich zuzu- ’ spitzen und hätte, wie er gestern wohl sah, auch hier sicher 435 eine schöne Blattpflanze oder einen raffinirt geordneten Blumenstrauß in ihrer Nähe gehabt. Eine Pause im Gespräch belehrte Heinrich über seine Unaufmerksamkeit. Ec wollte sie verschleiern, irrte mit den Blicken zum Fenster und sprach: „Es wird ein köstliches Wetter heute." (Fortsetzung folgt.) Die Bewohner des Aehrenfeldes. Von Hermann Greiling. ------- (Nachdruck verboten.) Giebt es wohl einen erquickenderen Änblick, als ein blühendes Getreidefeld? Eng an einander geschmiegt, ragen die Tausende schlanker Halme kerzengerade empor, die üppig entwickelten Aehren wie Köpfe in die Luft streckend. Zwischen ihnen prangen die blauen Cyanen und rothen Kornraden, an den dünnen Stengeln ranken sich die klettergeschickten Wicken und Winden empor, und mit den beweglichen Aehren spielt der Wind, so daß das goldene Feld einem wogenden Ozean gleicht. Ein glühender Sommertag liegt über der roeiten Flur, nur leichte, weiße Cirruswölkchen schmücken hier und da den tiefblauen Himmel. Wie ruhig, wie einsam Alles umher! Nur die Stimmen der Heimchen und Zirpen erklingen -aus dem Gra e, und hoch oben im Aether jubilirt eine Lerche. Wir lassen bewundernd unfern Blick über das wogende Aehren- feld ichweifen — wie Majestät! ch-ruhig es daliegt! Und das -foH bewohnt sein? Wo stecken denn da die Bewohner? Wir brauchen nicht lange nach ihnen zu suchen. Das Feld ist voll von ihnen, großen und kleinen. Selbst ein Mensch würde sich unter dem üppigen Gräserheer mit leichter Mühe unsren Blicken zu entziehen vermögen, wie viel mehr die kleinen vier-, zwei- und sechsfüßigen, die geflügelten und ungeflügelten Bürger dieses Terrains, für welche die Halmenflur ein ungeheurer Wald ist. Die Lerche dort oben, deren herrlicher Gesang uns begeistert, gehört auch zu ihnen. Sow >hl die Feld- als die Haubenlerche gründen sich ihr kleines Nest in einer Vertiefung des Getreideackers, von Lessen Erzeugnissen — den Spitzen der zarten Getreideschöß- ünge — sie sich im Frühling ernähren. Das Nest besteht aus kleinen Würzelchen, Härchen und Hälmchen, das Gelege aus fünf, auf gräulichem Grunde brauugefleckten Eiern. Obwohl die Saat Anfangs noch tief steht, ist das Nest doch schwer zu finden, da die Eier wie auch der Vogel selbst die Farbe des Bodens besitzen. Die Haubenlerche verräth uns häufig aber selbst ihren Zufluchtsort durch das sogenannte «Rütteln", indem sie, nachdem sie längere Zeit mit flatterndem Flügelschlag auf ein und derselben Stelle in der Luft verharrte, plötzlich senkrecht herabstößt. Des gleichen Schutzes durch ihre Aehnlichkeit mit der Farbe ihrer Umgebung erfreuen sich die Eier und Jungen des Rebhuhnes und der Wachtel, gleichfals Bewohner des Aehrenfeldes, deren ebenso wie der Lerche außer Jnsecten und Würmern die frischen Spitzen der jungen Saat zur Nahrung dienen. Beide legen ihr Nest ebenfalls in Bodenvertiefungen an, die Zahl der Eier beträgt bei dem Rebhuhn zehn bis zwanzig, bei der Wachtel acht bis sechzehn. Erstere haben eine graugrünliche Farbe, letztere sind gelb mit braunen Flecken. So häufig man Rübhühner in Begleitung ihrer flinken, zierlichen Schaar erblickt, so selten gelingt es uns, eine Wachtel zu Gesicht zu bekommen, so laut und häufig auch ihr trauliches „Pickberwick" in unsere Ohren tönt. Ein weniger willkommener Gast im Getreidewald ist unseren Landleuten die Trappe, ein ansehnlicher, hühnerartiger Vogel von Putergröße, der mit seinen langen, kräftigen Beinen fast einem kleinen Strauße gleicht. Auch sie trägt auf ihrer Oberseite die Farbe ihrer Umgebung, denn sie ist vorwiegend ackerbräunlich und schwarz gewellt. Ihre Länge beträgt über 1 Meter, ihr G wicht bis 32 Pfund. Das Weibchen ist kleiner und leichter. Bevor sie in einer selbst gescharrten Vertiefung ihr Nest bereitet, wartet sie ab, bis die Halme hoch genug stehen, um ihr Schutz zu bieten. Ihr Gelege besteht nur aus zwei bis drei olivgrünen, gefleckten Eiern, die aber fast die Größe von Gänseeiern besitzen. Sie ist fo scheu und vorsichtig, daß man sie nur selten zu Gesicht bekommt. Den Jäger scheint sie dabei von dem gewöhnlichen Landmann und von einem gewöhnlichen Spazierstocke scharfsinnig zu unterscheiden. Es ist leicht einzusehen, daß ein so großer Vogel, der außer Kerbthieren mit Vorliebe junge Saatpflanzen und Getreidekörner verzehrt, beträchtlichen Schaden anrichtet und das Wegfangen von Mäusen, durch das die Trappe sich andererseits hervorthut, bietet dafür kein ausreichendes Aequivalent. Die Feldmaus (Arvicola atvalis) nimmt ebenfalls ihr Quartier im Getreidefeld, nur bewohnt sie nicht das Parterre, sondern das Souterrain. Auch kommt sie nicht vereinzelt vor, sondern in Massen, und fügt daher dem Getreide bedeutenden Schaden zu, da sie nicht nur ihren Bedarf befriedigt, sondern auch noch ihre Vorrathskammern bis an die Decke füllt. Ihr unterirdischer Bau ist nämlich gar kunstreich hecgestellt, mit Genist ausgepolstert, durch fünf bis sechs Eingangsthüren von allen Seiten zugänglich und mit mehreren Vorrathskammern versehen. Die ungeheure Fruchtbarkeit dieses unbeliebten Nagethieres spottet aller angewendeten Gegenmittel. Doch das Souterrain unseres Getreideackers enthält noch mehr Wohnungen. Der Hamster richtet sein Heim noch künstlicher her als die Maus. Er überläßt ihr die oberen und nimmt für sich die tieferen Räume in Anspruch. Seine eirunde, glittwandige Kammer liegt 1 bis 2 Meter tief unter der Erde, die Polster sind von weichem Gras, mehrere Vorrathskammern stehen mit ihr in Verbindung, eine Eingangs- und eine Nothröhre vermitteln die Verbindung mit der Außenwelt. Der Hamster bringt bis zwölf, ja sogar bis sechzehn Junge zur Welt, und da er sich fast ausschließlich von Körnern und Hülsenfrüchten ernährt und in seinen Backentaschen auf einmal 400 Gramm Getreidekörner davonschleppen kann, so läßt sich die „Vorliebe" des Landmanns für den habsüchtigen Ge ellen wohl begreifen, findet man doch allein in seinen Vorrathskammern oft 30 Pfund Körner! Als Baumeister übertrumpft sowohl die Feldmaus als den Hamster der Maulwurf, der zwar nicht zu den eigentlichen Bewohnern der Getreidefelder gehört, aber seine zahllosen Gänge unter ihnen hinzieht. Wir sehen hieraus, daß der Boden unter unserem scheinbar so friedlichen Getreidewald so unterminirt ist wie das Pflaster einer Großstadt, unter dem Wasser- und Gasleitungsröhren, Canäle, Abflußröhren, Kabel, Rohrpoströhren u. i. w. einträchtig neben- und übereinander dahinlaufen. Haben wir doch mit unserer Darstellung das Röhrensystem im Ackerboden noch nicht einmal erschöpft. Dicht unter der Oberfläche, also gewissermaßen im Obersouterrain, finden wir noch eine zahlreiche Gesellschaft Grillen und Heimen, von denen jede eine Wohnung für sich inne hat. Die kleine Feldgrille begnügt sich mit kurzen Röhren, nicht viel umfangreicher als ihr eigener zierlicher Körper, während die erheblich größere, wunderlich geformte Maulwurfsgrille (auch Werre oder Erdwolf genannt) ein eiförmiges Nest mit schneckenförmig gewundenen Gängen anlegt, dessen Wände mit Speichel befeuchtet und dann geglättet werden. Nicht nur durch das fortwährende Unterwühlen und Auflockern der Wurzelerde der Halmen macht sich daher die Maulwurfsgrille unnütz, sondern auch durch Verzehren und Abbeißen der Pflanzen- und Wurzeltheile, so daß sie bei Mafienauftreten zu einer äußerst gefürchteten Feindin des Feldbaues wird. Als harmloser ist der Regenwurm anzusehen, der gleichfalls wie überall so auch hier seine engen Röhren wühlt, wogegen die Engerlinge, die bekannten Larven unseres Maikäfers, hinsichtlich der Schädlichkeit mit den Werren, deren Vorliebe für Pflanzenwurzeln sie theilen, auf einer Stufe stehen. Wahrlich, so ein Getreidefeld ist die reine Mieths- caserne! Nur gemach, wir sind noch lange nicht zu Ende. — 436 — Die Classe der Jnsecten ist noch durch eine ganze Reihe Exemplare vertreten, die sämmtlich mehr oder weniger den Fleiß des Landmannes bestehlen, indem sie zum Dank sür das gewährte Unterkommen seine Ernte dezimiren oder doch die Früchte auf andere Weise schädigen. So finden wir in den blühenden oder auch mit weichen Körnern versehenen Aehren ost eine Unzahl winzige orangegelbe Thierchen, die Larven des nur zwei Millimeter langen Getreideblasenfußes (Thrips cerealram), welche die Aehren und Körner zerstören. In den sogenannten Gichtkörnern" des Weizens, die sich durch ihre Mißgestalt und Mißfarbe kennzeichnen, lebt ein Rundwurm von nur vier resp. zwei Millimeter Länge (das Weibchen wird vier Millimeter lang), das Weizenälchen. In den Gichtkörnern befindet sich die Brut des Würmchens, welche, sobald das Korn in die Erde gepflanzt w rd, durch den Einfluß der Feuchtigkeit zum Leben erwacht, an den Pflanzen emporklettert und sich in die Fruchtknoten einbohrt, wo die Thiere wachsen und sich ihrerseits wieder fortpflanzen. Wie alles derartige Ungeziefer, sind diese Würmer mit äußerster Zähigkeit ausgerüstet, und ihre Brut erhält sich in den trockenen Körnern jahrelang, bis sie durch Versenkung in das feuchte Erdreich wieder in den für ihr Gedeihen erforderlichen Zustand versetzt wird. Ebenso verderblich wird dem Weizen (und auch dem Roggen) der Getreideverwüster oder die Hessenfliege, eine winzige Gallmücke, die zwei Bruten im Jahre erzeugt. Das Weibchen legt seine ca. 80 Eier zwischen zwei Längsnerven eines Blattes ab, die nach wenigen Tagen auskriechenden Larven gleiten am Blatte hinab und setzen sich hinter dessen Scheide fest. Die erste Brut beschädigt in der Regel nur die Halme, so daß diese vom Winde leicht geknickt werden, die zweite, erst Ende August oder im September erscheinende, richtet dagegen die Pflanzen der jungen Wintersaat, auf denen sie schmarotzt, völlig zu Grunde. Die Getreidehalmwespe (Cephas pygmaeus) entwickelt eine ähnliche verderbliche Thätigkeit, da das Weibchen die Eier in einem zu diesem Zwecke angebohrten Knoten des Weizen- oder Roggenhalmes unterbringt, worauf sich die nach wenigen Tagen ausschlüpfenden Larven unterwärts durchfressen und dadurch eine mit vorzeitigem Absterben des Halms verbundene Nothreise des Getreides bewirken. Die höchst gefräßige und schädliche Raupe der Wintersaateule treffen wir nicht im entwickelten Getreidefeld, sondern in der Winter saat, deren zarte Pflänzchen das über 5 Zentimeter lange, gänsekielstarke Ungeziefer mit Behagen verzehrt. Sie geht aber nicht am Tage, sondern nur des Nachts ihrer Nahrung nach, während sie sich am Tage verbirgt, so daß wir ihrer nicht ohne Weiteres habhaft zu werden vermögen. Raupen der Ackereule und des Ausrufezeichens leisten ihr treulichen Beistand. Ein weiterer Bewohner aus der Ordnung der Schmetterlinge, der Getreidezünsler (Botys frumentalis), erweist sich hingegen als ein Freund unserer Brodgewächse, indem sich seine Raupe nicht das Getreide selbst, sondern lediglich diverse zwischen den Pflanzen wuchernde Unkräuter schmecken läßt. Auch die Erntemilben, die als kleine rothe Pünktchen oft in Massen an den Halmen hängen, macken ihrem nicht gerade Gutes versprechenden Namen zum Glück keine Ehre. Sie werden nur den Arbeitern oder auch Thiereu gefährlich, die mit dem Getreide m Berührung kommen und in deren Körper sie sich einbeißen. Ihre Anwesenheit verräth sich durch peinigendes Jucken, das unter Umständen einen sehr hohen Grad erreichen, ja sogar von Fieber begleitet sein kann. Die Eindringlinge sind jedoch durch Einreibungen mit Steinöl leicht zu vertreiben. Der wogende Getreidewald verbirgt noch manchen Gast anderer Art. So die schöngefärbten Feldwanzen, deren abscheulicher Geruch allerdings die schöne Farbe Lügen straft, die allerliebsten Marieukäferchen, die wie überall so auch hier eifrig der Blattlausjagd obliegen, die grünen FeldHeuschrecken, die bisweilen zu ungeheuren Schwärmen anwachsen sund in heißen Ländern ganze Ernten vernichten. Zu den Einmiethern, denen der Landmann alle Teufel an den Hals wünscht, gehören noch der Saatschnellkäfer (der unter dem Namen Schmied bekannte, gelblichgraue, schlicht ausschauende Gesell), sowie der Getreidelaufkäfer und der Getreidelaubkäfer, jener von schwarzbrauner, dieser von grüner Färbung. Der genannte Laufkäfer wird durch Benagen der Körner höchst schädlich, ebenso seine Larve, welche die zarten Keime der jungen Saat verzehrt. In gleicher Weise schaden die Larven der beiden anderen Käferarten. Ein harmloserer Bursche ist dagegen der Feldsandkäfer (Cicindela campestris), der an schönen Sommertagen durch seinen tyrungar« tigen Flug olt unser Interesse erregt, uns auch häufig zu Jagdver- suchen reizt, die aber erst nach langer Anstrengung von Erfolg begleitet sind, da das äußerst gewandte Thierchen uns immer wieder entschlüpft. Schließlich wollen wir das bandfüßige Grünauge, eine kleine gelbe Fliege, nicht vergessen, deren. Maden durch ihr Saugen an Gersten- und Weizenhalmen die sogenannte Weizengicht erzeugen, bestehend in einer Verunstaltung der Halme, welche deren Entwickelung verhinderte Die erwachsene Larve verpuppt sich an der Pflanze, worauf das vollendete Jnsect im August erscheint, das wiederum seine Eier an die Wintersaat ablegt, deren kleinen Pflänzchen nun ihrerseits die ausschlüpfende Winterbrut den Garaus macht. So hatten wir also von den Bewohnern unseres Getreidefeldes im Ganzen nicht viel Gutes berichten, mit Ausnahme der Lerche und Wachtel, sowie des zierlichen Marienkäferchens^ der Erntemilbe und des Getreidezünslers zahlen sie sämmtlich ihren Zins durch Zerstörung ihres schützenden Heims. Der Leser dürfte indessen erstaunen über die Menge der Geschöpfe^ welchen unser herrliches Getreidefeld Wohnung und Nahrung giebt und deren Anzahl wir in unserer Plauderei nicht einmal erschöpft haben dürsten. Wie wenig ahnen wir die Existenz, oder das Vorhandensein der meisten am Platze, wenn wir den Blick über die üppig goldene Aehrenpracht hinschweifen lassen und noch weniger denken wir beim Verzehren unseres köstlichen Brodes daran, — welchen Gefahren — von Hagety Frost und' Unwetter ganz abgesehen — die nützliche Getreide- Pflanze hat Trotz bieten müssen, bevor sie sich uns in der Gestalt einer schmackhaften Butterstulle, einer duftenden Semmel oder gar eines leckeren Kuchens präsentiren kann.. Unangenehme Verwechslung. Dame des Hauses „Johann, hier bringe dem Herrn Lieutenant v. Plottwitz diese Einladung, wir ließen ihn sehr bitten zu kommen, es ist nur eine beschränkte Anzahl von Personen geladen. — Johann (bei dem Lieutenant): „Die Herrschaften ließen den Herrn Lieutenant bitten, zu kommen, es ist nur eine Anzahl von beschränkten Personen geladen." * * * Aus der Schule. „Wie nennt man die SBe'en, die theils auf dem Wasser, theils auf dem Lande Ie6en? * — Schüler: „Badegäste!" * * * Soldatenhumor. Feldwebel bemerkt, daß einige Soldaten während der Uebens nach den Dienstmädchen schielen. „Donnerwetter, Kerls, im Dienst wird nicht poussirt. Da habt Ihr nur an dem Herrn Lieutenant und mir Wohlgefallen zu finden." * * * Immer gründlich. Steuerbeamter: „Was sind Sie?" — Herr: „Entenhändler." — Steuerbeamter: „Drücken Sie sich gefälligst genauer aus — sind Sie ein Zeitungs» r-Porter oder ein Geflügelhändler?" Rriaction: ®. Burkhardt. — Druck und Settag der Br übt'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.