Nr. 58 1898. MWMWW ■ MMWUß B änderbar sind die Schätze vertheilt: Der Arme hat wenig, nichts der Bettler, Zu viel der Reiche; genug — o, nicht Einer I Leben lassen, um zu leben, Gelten lassen, um zu gelten, Nicht, was Dir nicht ansteht, schelten, Weil es Andern ansteht eben: Diese Lehre laß' Dir geben: Eine gab man selten besser. Rückert. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) Sie stand auf, legte den Arm in den des Amtsraths und Beide kehrten nach dem Hotel zurück, ans dessen breiter Terrasse die Gäste bereits versammelt waren, das herrliche Schauspiel des Untergangs der Sonne über dem Brienzer See genießend und des Zeichens wartend, daß in dem großen Speisesaal die Abendfuppe aufgetragen werde. Meta kam dem Vater und der Tante schon entgegen und schalt lachend über ihr langes Ausbleiben. Sie wollte llch an den Arm des Amtsraths hängen, der wnßte sich aber geschickt von ihr loszumachen und in das dicht neben dem Hotel befindliche Postbnreau zu schlüpfen. Dort gab er der freundlichen und unermüdlichen Beamtin em wortreiches Telegramm auf, für das er eine ganz am sehnliche Gebühr zu bezahlen hatte. u @ilL .T°ge vergingen dem Amtsrath und seinen berden Gefährtinnen unter Spaziergängen und weiteren Ausflügen, wozu sie die den Verkehr nach dem Gießbach bewirkende Drahtseilbahn, wie Dampfschiffe und Eisenbahn rtorr ber 6ef,en Laune, vergeblich hoffte ledoch Meta, daß sich eine Gelegenheit finden werde, wo sie mit ihm von ihres Herzens heißem Wunsche sprechen könne • im Gegentheil, als weiche er einer solchen recht geflissentlich aus. Haltens Namen ward nicht genannt und auch Elisabeth hatte das Gespräch, das sie am Tage vermocht^""^ 9eWt/ nicht zu wiederholen Am Abend, während die Bewohner des Hotels, wie die i Touristen, auf die den Fällen gegenüberliegende Seitenterrasse l geströmt waren, um die Beleuchtung mit anzusehen, war | zwischen den Bekannten, welche der Amtsrath und die beiden Damen gewonnen hatien, füe den nächsten Vormittag ein weiter Spaziergang bis hoch hinauf zum dritten Fall verabredet worden. Als jedoch die für den Aufbruch bestimmte Stunde des anderen Tages kam, erklärte Wenzel, er fühle sich nach den vielen voraufgegangenen Partien ermüdet, wolle im Hotel bleiben, in der damit verbundenen Waffer- 1 Heilanstalt ein Bad nehmen, recht gründlich der Ruhe pflegen I und allenfalls einen Brief schreiben. Elisabeth und Meta ! Möchten das strapaziöse Vergnügen nur allein mitmachen. I Trotz ihres Bittens und Zuredens beharrte er bei l diesem Vorhaben und so brachen Beide ohne ihn mit ihrer ' Gesellschaft auf. < ®ie Ruhe mußte ihm vortrefflich bekommen sein, denn ; als die Wanderer kurz vor dem Mittagsmahl erhitzt, bestaubt ! und müde zurückkehrten, kam er ihnen in seinem leichten leinenen Anzuge iehr frisch und heiter entgegen, erzählte l er sei durch die Ankunft eines Bekannten angenehm über- l rascht worden und ein diner apart für vier Personen be- j stellt, das in einer halben Stunde in dem kleinen, nach den j Fullen hinausgehenden Saal aufgetragen werden würde. ( r+ "®eJ* auf Eure Zimmer und macht Euch schön, mein - Gast ist Kenner!" rief er in bester Laune, Meta aber ward ä das Herz eentnerschwer. Wer war dieser urplötzlich aufqe- l tauchte Freund, mit dessen Namen der Vater so geheimniß- l voll that? Hatte er vielleicht einen von ihm ausgewählten Freier 1 h-erherberufen? Glaubte er, daß sie Holten vergessen habe ; und sich geneigt finden lasse, einem anderen Bewerber i Gehör zu leihen? ' r Sie vertraute ihre Befürchtungen Tante Elisabeth und j diese war ebenfalls nicht unbedenklich. Beide besannen sich 1 sttzst daß der Vater eine geheimnißvolle Geschäftigkeit ent- : wickelt, Telegramme abgesandt und empfangen habe. ''3dl hätte die größte Lust, große Ermüdung vorzu- schutzen und gar nicht zum Essen hinunterzugehen," sagte Meta, ein Mäulchen ziehend. ° Elisabeth stellte ihr vor, daß sie dadurch ihren Vater und dessen Gast, der möglicher Weise ein alter Duzfreund von ihm sei, beleidigen würde und redete ihr auch das Vorhaben aus, in ihrem arg mitgenommenen Touristenkleide zu bleiben. Sie bequemte sich denn auch, Toilette zu machen nnd sah in dem weißen gestickten Kleide mit der Rose im goldenen Haar reizend aus, obwohl sie sich bemühte, in 230 gewesen, selbst herein und sagte, während der Schaum in den Gläsern perlte: „Heuer fängt's gut an, wir haben erst Juni und schon eine Verlobung. Sie müssen nämlich wissen, daß selten ein Jahr vergeht, ohne daß wir hier aus dem Gießbach ein geschah etwas Seltsames. , \ Einen Schrei ausstoßend, stürzte Meta vorwärts und . lag im nächsten Augenblick in den Armen des ihr kurz zuvor - noch so unwillkommenen Gastes. Wer von Beiden den Anderen zuerst umfangen, das hätten später weder die Betheiligten, noch die beiden Zuschauer zu entscheiden vermocht. | Thatsache war nur, daß die Letzteren gar keine Anstalt machten, gegen den ungehörigen Auftritt einzuschreiten und daß Beiden die Augen voll Thränen standen. „Stephan!" — „Meta!" Das waren lange die einzigen Ausrufe, welche mau von den vereinten Glücklichen hörte, bis endlich der Amtsrath doch hinzutrat, dem jungen Mann die Hand auf die Schulter legte und sagte: „Aber, Doctor Holten, das ist doch gegen die Abrede!" „Was sind Befehle, was sind Versprechen gegen holde, süße Wirklichkeit," antwortete Stephan Holten, ohne die Geliebte aus den Armen lassen zu wollen. Jetzt war es aber Meta, die sich von ihm losmachte, vor ihrem Vater niedersank, sein Knie umfing und seine Hände mit Kliffen bedeckend, schluchzte: „Mein Vater, Du giebst mir Stephan! O, ich wußte es ja: Du konntest nicht für die Dauer unerbittlich bleiben. Er zog sie empor, küßte sie und sagte mit verstelltem Unrnuth: „Das Kind muß ja doch seinen Willen haben. So nimm ihn denn." Er reichte dem Doctor die Hand, legte Meta wieder in seine Arme und wendete sich dann zu Elisabeth mit den Worten: r . Du bist nun gewiß recht stolz auf bte Standrede, die Du mir gehalten hast, zu viel darfst Du Dir aber doch nicht darauf einbilden, denn ich muß Dir sagen, ich war halb und halb mit dem Entschluß hierhergekommen, wenn Meta noch au dem Doctor hing, dem Jammer ein Ende gu machen. Den letzten Ausschlag hat freilich Deine Predigt gegeben, noch an demfelben Abend telegraphirte ich an Holten und lud ihn ein, herzukommen." „Ach, wie sich das zugetragen, ist ganz gleich, die Hauptsache ist, daß es ist," entgegnete Elisabeth, fiel dem Amtsrath um den Hals und küßte ihn herzhaft ab. Es verging eine geraume Zeit, bevor der erste Freudeu- stnrm sich gelegt hatte und schmunzelnd sagte der Amtsrath: „Es war doch schlau von mir, daß ich das Diner eine halbe Stunde später bestellt habe, als ich Euch angegeben, sonst wäre Alles eiskalt geworden oder zu Pulver verbrannt. Nun aber bitte ich doch, daß Ihr zu Tische kommt, der Mensch hat nicht bloß ein Herz, sondern auch einen Magen." Er gab das Glockenzeichen und unverzüglich erschien der Kellner mit der dampfenden Suppenschüssel. Dem vorzüglichen Mahle wurde jedoch nicht viel Ehre angethan, keiner von den Tischgenossen war in der Stimmung, reichlich zu essen. Den Champagner, in welchem die Gesundheit des Brautpaares getrunken ward, brachte Herr Hauser, der liebenswürdige Besitzer des Hotels, der ein wenig mit im Complot glückliches Paar haben." Erst viel später kam es zum Anssprecheu und Erzählen und da ergab es sich denn, daß der Amtsrath, der seinen zukünftigen Schwiegersohn von Brienz abgeholt, doch ein Compromiß mit ihm geschlossen hatte. Stephan entsagte dem ärztlichen Beruf und wandte sich ganz den Natur- wisseiischasten zu, für die er schon immer große Neigung gehabt. Da er ganz mittellos war, hatte er ein Brod- studium ergreifen müssen, als Schwiegersohn des Amtsraths Wenzel konnte er jedoch, allen materiellen Sorgen enthoben, sich ganz der Wisseitschaft widmeli und diesem blühte bte Aussicht, den Mann seiner Tochter doch einstens als Universitätsprofessor zu sehen, ohne dabei fürchten zu müssen, daß ihm ansteckende Krankheiten ins Haus geschleppt würden. Die üblen Nachreden, welche der alte ©öbener gegen Stephan geführt, hatten sich, sobald der Amtsrath sich nur etwas näher damit beschäftigt, als Ausgeburten der Bosheit ergeben, und persönlich hatte ihm der junge Mann eigentlich immer zugesagt. Ihre gemeinschaftliche Thätigkeit tn Ermittelung des gegen des Doclors Schwester begangenen Verbrechens hatte beide Männer einander recht näher gebracht, so war der Amtsrath, wie er seiner Cousine erklärt, schon eigentlich mit dem Entschlüsse nach der Schweiz gekommen, der Heirath seiner Tochter mit Holten nicht länger entgegen zu sein, und nun er das glückliche Paar neben sich sah, konnte er es nicht recht begreifen, wie er sich so lange gegen ihre Wünsche zu sperren vermocht hatte. Meta hatte von dem Tode Anna Hottens erfahren, aber nicht von der gräßlichen, gewaltsamen Art, in der sie ums Leben gekommen war, nun vernahm sie das Geschehene aus dem Munde ihres Vaters und ihres Verlobten und weinte dem armen Opfer aufrichtige Thränen des Mitleids nach. Schon vor Stephans Abreise von Greifswald hatte die Schwurgerichtsverhaadlung gegen den alten Göbener stattgefunden. Die Geschworenen hatten einstimmig das Schuldtg über ihn ausgesprochen und der Gerichtshof ihn zum Tode veruriheilt, die Gnade des Königs dieses Unheil jedoch tn lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt. „Ob das wirklich eine Gnade ist?" fragte Elisabeth Wenzel kopfschüttelnd. „Mit einer solchen Last auf dem Gewissen viele Jahre hinter Kerkermauern sitzen!" „Ich glaube nicht, daß Göbener an dieser Last allzu schwer tragen wird," sagte der Amtsrath, „und für seine Kinder ist es doch eine Wohlthat, daß er nicht auf dem Schaffot endigt." „Die Schwiegersöhne mit ihren Familien wollen auswandern," berichtete Holten weiter. „Die Töchter haben versucht, den Vater im Gefängniß zu besuchen und es ist ihnen auch gestaltet worden, er htt sich aber entschieden geweigert, sie zu sehen und starr behauptet, er sei für feine Familie gestorben." „Das sieht ihm ähnlich, er bleibt sich selbst getreu," sagte der Amtsrath mit einer gewissen Anerkennung. Und Adolf? Du hast mir noch gar nicht erzählt, wie Adolf das Alles trägt?" fragte Meta, die noch immer von dem Selbstmordversuche des jungen Göbener nichts wußte. Ihr Verlobter setzte sie davon in Kenntniß und sie legte über das Schicksal des Jugendfreundes eine so lebhafte Betrübniß an den Tag, daß Holten ganz uuwtlltg sagte: „Spare Dein Mitleid für einen würdigeren Gegenstand, liebe Meta, Adolf Göbener verdient es nicht." (Fortsetzung folgt.) Haltung und Miene so viel Abweisendes und Unnahbares m legen, daß der Ankömmling, sei er, wer er wolle, sogleich beim ersten Zusammentreffen sich sagen mußte: „Laß alle Hoffnungen hinter Str; für Dich ist btefe Blume nicht erblüht." _ . ... ™... Beim Eintritt in den kleinen L-aal, tn dessen Mitte ein mit Blumen geschmückter sehr einladend gedeckter Tisch stand fanden sic den Amtsratb und seinen Gast schon anwesend; Beide standen am Fenster und der Erstere hielt hinaus- deutend und erklärend den Arm des Anderen so fest, daß er sich nicht sofort umzudrehen vermochte, obwohl er das Rauschen der Frauenkleider hinter sich vernahm. Trotzdem konnte kein Zweifel darüber fein, daß er ein junger Mann war. Nun aber wandte er sich, feinen Arm mit einem Ruck aus der Hand des Amtsraths befreiend, um — und jetzt 231 Sollen Herren tanzen? Folgende sensationelle Nachricht macht die Runde durch Ne Blätter: „Ein eigenthümlicher Fall aus einem Ballsaale wird demnächst vor Gericht verhandelt werden- eine junge Dame hatte während des Tanzens das Unglück, hinzufallen und sich das Bein zu brechen. Sie hat nun eine Klage gegen ihren Tänzer auf Schadenersatz angestrengt . . Sollte das Urtheil zu Gunsten der jungen Dame ausfallen, dann werden wohl die Herren in den Ballsälen durch ihre Abwesenheit glänzen!" Dieser Satz enthält den Versuch, einen hohen Gerichtshof durch Androhung eines Generalstrikes der tanzenden Männer einzuschüchtern, eine sträfliche Handlung, die ich als loyaler Bürger öffentlich nicht billigen kann, wenn auch Mein Herz sich heimlich dem Schrei der Entrüstung an- schließe, der in jener Drohung zum Ausdruck gelangt. Denn vor meinen geistigen Augen erscheinen alle die zarten Füßchen, die durch mein allgewichtiges Auftreten Schaden gelitten, alle Schleppen, die ich abgetreten, alle Caram- bolagen und Rippenstöße, die ich im Gewühl verschuldet, und heischen schauerlich gerichtliche Sühne. Ach, .meine Heuern Freunde, in diesem Punkte sind wir, die wir'überhaupt noch tanzen, allzumal arge Sünder. Die Nachricht ist aber um so sensationeller, als das Ereigniß, welches sie mittheilt, zu gleicher Zeit in zwei ver- ichiedenen Welttheilen sich abgespielt zu haben scheint, denn einige Zeitungen verlegen es nach Newyork, während andere als Schauplatz der Handlung Birmingham nennen. In dieser Stadt sollen sogar die Damen — damit die Herrenwelt nicht vollends entmuthigt und zum verzweiflnngsvollen Strike getrieben werde — sich entschlossen haben, im Falle der Verurtheilung des Miffethäterö die Strafsumme auf dem Wege der Collecte aufzubringen . . . Es ist kein Zweifel, daß diese Angelegenheit wie keine andere dazu geeignet ist, philosophische Naturen zu veranlassen, an diese seltsame Doppelthatsache tiefsinnige Betrachtungen zu knüpfen, oder einen witzigen Kopf zu verleiten, die Blüthen seines Spottes darüber auszustreuen — die Sache läßt sich von den verschiedensten Seiten beleuchten, ohne an Interesse einzubüßen- wenn ich jedoch weder betrachte noch scherze, so liegt der Grund in einem Punkte, der mir bei dem ganzen Handel als das Allermerkwürdigste erscheint- genau derselbe Fall hat sich nämlich vor einiger Zeit in Berlin selbst nicht nur ereignet, sondern auch that- sächlich zu einem gerichtlichen Nachspiel geführt, das, wenn es auch die berufsmäßigen Berichterstatter übersahen, geradezu denkwürdig genannt werden muß. Da mir das stenographische Protocoll der an Aufregungen und seltsamen Enthüllungen reichen Verhandlungen vorliegt, bin ich in der glücklichen Lage, auf Grund dieser gewissenhaften Aufzeichnungen über den Proceß berichten zu können. Ich enthalte mich dabei jedes Commentars und lasse nur die Thatsachen sprechen. * * -i- Vorsitzender: Angeklagter, treten Sie näher! Sie heißen Fritz Eberhardt, sind einunddreißig Jahre alt, ledig, Doctor der Philosophie, bisher unbestraft . . . Angeklagter: Ja. Vorsitzender: Sie haben gehört, wessen der Herr Staatsanwalt und der Vertreter der Privatklägerin Fräulein Lieschen Treu Sie beschuldigen? Angeklagter: Ja. Vorsitzender: Bekennen Sie sich schuldig jener groben Fahr- -assigkeit, infolge deren die Privatklägerin zu Schaden kam? Angeklagter (fest): Nein, Herr Präsident. (Murmeln Zm Auditorium, das zumeist aus Damen besteht.) Vorsitzender: Ich mache Sie aufmerksam, daß Sie durch ein reumüthiges Geständniß Ihre Lage verbessern könnten. Angeklagter: Ich bin unschuldig. Staatsanwalt: Ich möchte mir erlauben, den hohen Gerichtshof darauf aufmerksam zu machen, daß der Angeklagte in der Voruntersuchung selbst zugestanden hat, er sei einer der schlechtesten Tänzer des Jahrhunderts. (Sensation.) Vorsitzender: Diese Aussage kommt einer Schulderklärung nahe. Angeklagter, war Ihnen diese Thatsache, daß Sie nicht tanzen können, vor jenem Abende nicht bekannt, an welchem das bedauerliche Ereigniß stattfand? Angeklagter: Es war mir bekannt. (Bewegung.) Staatsanwalt: Um so größer war Ihre Leichtfertigkeit, Fräulein Lieschen Treu zum Opfer Ihrer übrigens durch Zeugen festgestellten notorischen Unfähigkeit zu machen. Vorsitzender: Haben Sie jemals Tanzunterricht genossen? Angeklagter: Nein, niemals. (Eine Dame aus dem Publikum ruft: „Unerhört" und wird vom Vorsitzenden zur Ruhe verwiesen.) Staatsanwalt: Es ist thaisächlich unerhört, daß Sie es trotzdem unternahmen . . . Doch ich will nicht vorgreifen. Haben Sie schon früher einmal den Versuch gemacht, öffentlich Proben Ihrer Tanzkunst abzugeben? (Gelächter.) Angeklagter: Ja, vor siebzehn Jahren bei einem Schülerkränzchen . . . Vorsitzender: Erinnern Sie sich vielleicht damals ebenfalls Unheil angerichtet zu haben? Angeklagter: Ich erinnere mich, daß Niemand zu Schaden kam, als ich selbst. Ich fiel hin und verletzte mir das Knie. (Lachen.) Staatsanwalt: Dieser Schaden hätte Sie klug machen sollen. (Bravo!) Haben Sie an jenem Unglücksabende, ehe das bedauerliche Ereigniß eintrat, mit einer anderen Dame getanzt? Angeklagter: Nein. (Bewegung.) Staatsanwalt (scharf): Sie hatten es also durchaus auf Fräulein Treu abgesehen. (Starke Bewegung.) Meine Herren, ich muß gestehen, daß ich das außerordentlich auffallend finde. Was veranlaßt Sie, gerade Fräulein Treu mit einem Engagement zu jenem Walzer zu beglücken? (Tiefe Stille.) Angeklagter: (schweigt.) Vorsitzender: Kannten Sie Fräulein Treu von früher? Angeklagter (nach einer ausdrucksvollen Pause): Ja. (Starke Bewegung im Auditorium.) Eine ältere Dame kreischt: „Scandal, ein Racheact!" (Sensation.) Staatsanwalt: Sie kannten die achtungswerthe Dame! Ich . . (sarkastisch) ich meine, Sie kannten sie näher . . . Waren Sie nicht mit dem Fräulein verlobt? Angeklagter (leise): Ja. Vor fünf Jahren . . . Staatsanwalt (stark): Aber das Verhältniß wurde dann aufgelöst . . . Angeklagter: Ja. Vertheidiger: Von welcher Seite? Angeklagter: (schweigt). (Große, anhaltende Bewegung.) Es wird hierauf die Beschädigte als Zeugin vorgerufen. Fräulein Lieschen Treu ist siebenundzwanzig Jahre alt, blond und sieht sehr sanft, fast schüchtern aus. Da ihr das Stehen schwer fällt, darf sie auf einem Stuhle Platz nehmen. Vertheidiger: Mein Fräulein, Sie beanspruchen eine Entschädigung von dreißigtausend Mark von meinem Clienten. Zeugin (ohne aufzublicken): Ja. Vertheidiger: Sie geben an, daß der Fehler, den Ihnen die Tanzungeschicklichkeit des Angeklagten zugezogen hat, Ihre werthe Persönlichkeit sozusagen für den Heirathsmarkt entwertet habe? Vorsitzender: Ich muß den Herrn Vertheidiger ersuchen, von der durch Religion und Gesetz geheiligten Institution der Ehe nicht in diesem Tone zu sprechen. Uebrigens haben wir uns hier mit den Entschädigungsansprüchen der Zeugin nicht zu beschäftigen. Vertheidiger: Ich wollte nur andeuten, daß der Unfall 232 möglicherweise auf eine Speculation der Zeugin hinausläuft. . . . (Eine Dame im Zuschauerraum ruft „Pfui! Wie gemein!") Staatsanwalt: Ich fühle mich verpflichtet, diese Insinuation des Vertheidigers energisch zurückzuweisen. Zeugin (weint.) Staatsanwalt: Man braucht nur einen Blick auf die rührende Leidensgestalt dieser Märtyrerin zu werfen ... (er wischt sich die Augen, die Damen im Zuschauerraum fangen an zu schluchzen), um die ganze Gefühllosigkeit des Angeklagten zu durchschauen. Vertheidiger (boshaft): Wenn der Herr Staatsanwalt sentimental wird, so geht daraus hervor, baß seine Gründe nicht fest genug sind. Er wendet sich an das Herz der grauen; hier aber, meine Herren, haben Gott sei Dank noch wackere, klardenkende Männer ein Urtheil zu fällen. . . | (Zischen im Publikum). Vorsitzender: Mein Fräulein, haben Sie denn Grund zu der Annahme, daß der Angeklagte Sie zu Schaden bringen wollte. Zeugin (nach einer Weile des Ueberlegens): Ach nein! (Eine Dame im Zuschauerraum: „Wie edel!" Man weint wieder.) , Staatsanwalt (bewegt): Diese Antwort macht Ihnen Ehre, indessen wir haben hier nicht Regungen der Großmuth zu gehorchen. Der Angeklagte hat zugegeben, daß vor fünf Jahren ein Verlöbniß zwischen Ihnen bestand, das jedoch gelöst wurde. Wollen Sie uns sagen, von welcher Seite dies geschehen ist. (Allgemeine Spannung). Zeugin (tonlos): Mein Gott, ich ■ (zögernd). Wenn ich gewußt hätte, daß hier solche Dinge zur Sprache kommen — (stockt). Vertheidiger: Ich will der Zeugin zu Hilft kommen. Ich habe mich bisher von dem Taetgesühl meines Clienten verführen lassen, zu schweigen, aber das kann ich mit meiner Pflicht als Vertheidiger nicht mehr vereinbaren. Jenes famose Verlöbniß ist von dem Angeklagten gelöst worden. (Sensation, Entrüstungsrufe.) Staatsanwalt: Dann haben wir ein psychologisches Räthsel vor uns und die That des Angeklagten ist um , so verdammenswerther. — (Zeugin weint) — Fassen Sie sich, mein Fräulein, der Vertheidiger hat das humoristische Bestehen, es Ihnen als Verbrechen anzurechnen, daß Sie sich den Fuß gebrochen baden (stürmische Heiterkeit), damit die Engelsunschuld seines Clienten strahlend hervorgehe aus dieser Anklage. . Vorsitzender: Mein Fräulein, wann haben Sie den Angeklagten wieder gesehen? Zeugin: Etwa vierzehn Tage vor jenem Balle. Vertheidiger: Angeklagter, wie begegnete Ihnen Ihre ehemalige Braut? Angeklagter: (schweigt). Vertheidiger (enttäuscht): Zeugin, können Sie es leugnen, daß Sie dem Angeklagten nach jener ersten Begegnung einen Brief schrieben, in welchem Sie ihm einluden, Sie zu besuchen, und ihn baten, das Vergangene zu vergessen? (Murren.) Staatsanwalt: Das würde, selbst wenn es wahr wäre, kein Grund dasür sein, daß der Angeklagte der Zeugin zu einem Beinbruch verhalf. (Heiterkeit.) Zeugin (erröthend): Es ist wahr, ich habe ihm geschrieben. , , _ Vertheidiger: Erinnern Sie sich eines zweiten Brieses, welcher davon handelte, daß Sie nicht die Liebe meines Clienten wünschten, sondern seine Freundschaft? Sie erinnern sich nicht, gut, hier ist der Bries. Staatsanwalt: Mein Gott, wes hat denn das alles mit dem Beinbruch zu thun? Es kann nur ein gutes Licht auf die Zeugin werfen. Vertheidiger: Sie werden zugeben, daß sich thatsächlich ein gewisses sreundschastliches Verhällniß zwischen Ihnen entwickelte. . - . Zeugin (schwer): Ja — ein rein sreundschastliches . . Mein Gott, wie konnte ich ahnen . . . Vertheidiger: Und daß Sie es waren, die meinen Clienten veranlaßt hat, jenen Ball zu besuchen . Zeugin (verlegen): Mein Gott, er ... er suhlte sich so einsam . . . Vertheidiger: Daß Sie es waren, die ihn durch ein gewonnenes „Vielliebchen" zwangen, nach siebzehn Jahren wieder zu tanzen ... und mit Ihnen . . . Sie, die wußten, daß er schlecht tanzt . . . Zeugin (sehr verlegen): Ein Scherz . . . Vertheidiger (einen Brief hervorziehend, trimnphirenb): „Meine Herren, hoher Gerichtshof! Dieses Schriftstück fiel zufällig in meine Hände. Es hat den Vorzug, meinen Clienten zu entlasten und zugleich ein scharfes Licht auf die Wege zu werfen, auf denen heutigen Tages die Mädchen unter die Haube kommen — wollen. (Große Bewegung.) Dieser Bries ist vom Vorstände des „Vereins zur Ausrottung der Junggesellen", deren Vorsitzender sich heute hier burdi allerlei Zuruse bemerkbar gemacht hat — (im Zuschauerraum fällt eine Dame in Ohnmacht), an die Zeugin gerichtet und eine Antwort auf die Anfrage. Er lautet ganz kurz: „Verehrtes Mitglied! Wenn Sie ihn — „Ihn" mit Gänsefüßchen — soweit haben mit der „Freundschaft" und ihn — wieder mit Gänsefüßchen — sonst als Ehrenmann kennen, dann brauchen Sie einmal die in § 134 unserer Instruction am gesührten, mit „Die letzten Mittel" bezeichneten, unfehlbaren Anweisungen. Ihr ergebenster „Verein zur Ausrottung der Junggesellen". Postskriptum. Wir bitten um Einsendung des letzten Monatsbeitrages!" Dies der Brief. Und nun meine Herren die Instruction: „§134. Die letzten Mittel. Absatz 1- Fassen Sie „Ihn" bei seiner Ehre. Das erreichen Sie dadurch, daß Sie sich mit „Ihm" irgendwie öffentlich compromittiren. — Absatz 2. Fassen Sie „Ihn" von der Gerichtsseite. Wenn Sie durch seine Schuld beit Arm brechen können ober gar bas Bein, so wirb es ein Leichtes sein, „Ihn" zur Heirath zu bewegen, da er Sie nicht gern unglücklich sehen wird. In der Ehe können Sie sich für den Schaden revanchircn, heirathet er sie nicht, dann steht ihnen jedenfalls ein Ersatzanspruch zu . . (Während der Verlesung haben sich die Damen aus dem Auditorium in wilder Flucht entfernt.) Und nun Fräulein Zeugin . . . Zeugin wird ohnmächtig hinausgetragen. Die Verhandlung endigte mit der Freisprechung de§ Angeklagten. GsinelirirÄtztgeO. Kalbskeule gevämpft. Zehn Personen. Bereitungs- i ,cit 3 Stunden. — Eine gut abgelegene Keule wird gehäutet, gespickt und in eine passende Pfanne gelegt mit 125 Gramm siedender Butter übergossen, der man 1/i Liter starke Bouillon aus Liebigs Fleisch Extract zusetzt. — Nachdem das Fleisch hierin langsam 1 Stunde gedämpft wurde, schüttet man nach und nach Vi Liter sauren Rahm zu, dämpft es eine weitere halbe Stunde, nimmt dann den Deckel von der Pfanne und läßt die Keule, unter fleißigem Begießen, auf der Oberseite braun werden. — Aus dem Fond genommen, schlägt man diesen durch ein Sieb, verkocht ihn mit einigen Löffeln weichgedünsteten, gröblich gehackten Morcheln ober Champignons, schärst ihn mit etwas Citronensast und reicht bie sehr wohlschmeckenbe Sauce zu bem tranchirten Braten. Redaction- I. V.: Hermann EU-. Druck und V-rlag d-r Brüh-'sch-n Unw-rfitat-.Buch. und St-indruck-r-i (Pi-tsch & Sch-Yda) in Gi-ßm,