U W ; M! Oder sich ohne Liebe verständigt. $1. Roderich. -Ach glaube, daß es kein Bündniß giebt, Bei dem so schnell die Freude endigt, Als wenn man sich ohne Verstand verliebt. Was lehrt das Leben? Gieb Mir gründlichen Bescheid; — Hingeben, waS Dir lieb, Hinnehmen, was Dir leid. P. Heyse. Der Amtmann von Rapshagen. Kriminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) XIII. „Ueberm Garten durch die Lüfte Hört ich Wandervögel ziehn, Das bedeutet Frühlingsdüfte Unten fängt's schon an zu blühn" sang Carola Münter. Die Fenster des nach dem Park gehenden Musikzimmers waren weit geöffnet, im Wipfel einer Roßkastanie, deren kerzengleichen Blüthen soeben aufgebrochen waren, schluchzte eine Nachtigall, es war einer jener sanften verschleierten Frühlingstage, wo das Sonnenlicht leise gedämpft durch einen ganz feinen Wolken- oder Dunstschleier fällt und die junge Blüthenwelt wie mit einem silbernen Schein umkleidet. In der Fensternische, mit einer Häkelarbeit in den Händen, lehnte die Frau Professor Münter, am Flügel saß Adolf Göbener und begleitete in einer Weise, welche kundgab, daß dies heute nicht zum ersten Male geschehe, die Sängerin, welche fortfuhr: Zauchzen möcht' ich, möchte weinen, Ist mir's doch, als könnt's nicht fein! Alte Wunder wieder scheinen Mit dem Mondesglanz herein, Und der Mond, die Sterne sagen's, Und in Träumen rauscht's der Hain, Und die Nachtigallen schlagen's: Sie ist Dein, sie ist dein!" — „Sie ist Dein," wiederholte Carola, aber mit einem leisen Mißton schloß die Begleitung. Adolf Göbener hatte die sonst so kunstgeübten Hände nicht ganz in der Gewalt gehabt. Was hätte er darum gegeben, hätte er cinstimmen können in die Worte Eichendorfs, denen Schumann den schluchzend jubelnden Ausdruck verlieh: „Sie ist Dein! Sie ist Dein!" Da stand sie neben ihm, schlank und schön, im duftig hellen Sommerkleide, die weiße, ausdrucksvolle Hand leicht auf den Flügel gestützt, den Kopf mit dem wunderbare« Haar wie umkränzt von den hellgrünen Blättern einer Linaria, deren Ranken aus einer von der Decke herabhängenden Ampel fielen, unter welcher sie ganz ungesucht ihren Platz eingenommen hatte. So fein, beherrscht und zurückhaltend Carola sich im Verkehr mit Adolf auch im Gespräch in der Gewalt hatte, wenn sie sang, verriethen die blauen Augen doch zuweilen ihres Herzens streng gehütetes Geheimniß. Beseligt und gleichzeitig tief elend las es Adolf. Vor sich sah er das Kleinod, nach welchem seine Seele : schrie. Er durfte nur die Hand auSstrecken, um es zu ergreifen, zu halten für das Leben,- ein Wort, eine Bitte, und sie war sein. Aber seine Hand war gefeffelt, sein Mund verschlossen. Und las er nicht auch in ihren blauen Augensternen die vorwurfsvolle Frage, warum er nicht endlich rede? Hatte er ihr nicht durch sein ganzes Verhalten ein volle- Recht dazu gegeben? Erwarteten nicht auch ihre^Mutter und der Amtsrath seine Erklärung? Oft hatte er sich vorgenommen, diesem Zustande ein = Ende zu machen, dem Amtsrath ein offenes Geständniß abzu- I legen, Carola nicht wieder zu sehen und seinen Vater mit ! Bitten zu bestürmen, seine Verlobung mit Anna zu veröffent- ! lichen, am liebsten ihn sogleich mit ihr zu verheirathen, um : so eine Schranke aufzurichten, die er nicht mehr zu über- j schreiten vermochte. Er hatte von dem Allen nichts gethan. Wie versiegelt | war sein Mund gewesen, sobald er ihn geöffnet, um sich - gegen den Amtsrath auszusprechen,- wie mit unsichtbarer ; Gewalt trieb es ihn nach Waldhof. Wenn er auch mit der ; Absicht ausgeritten war, nach Rapshagen zu gelangen, sein ? Pferd schlug ganz von selbst den Weg nach Waldhof ein, » und am allerwenigsten vermochte er mit seinem Vater zu sprechen. ; Er sah die scharfen Augen des Alten, die bis auf den Grund \ der Seele blickten, auf sich gerichtet, hörte sein kurzes Lachen, l und fürchtete nichts mehr, als er könne sich einmal wieder Zwiefacher Betrüger schalt er sich. Elender Schwächling, 166 und doch hatte er dieser Schwäche noch nicht Herr zu werden vermocht. Er konnte sich von Carola nicht losreißen, er vermochte Anna nicht zu kränken, nicht seinen Eltern und Geschwistern des Eingeständniß seines grenzenlosen Wankel- muthes zu machen. Er verlor Lust und Ausdauer an der Arbeit, der Schlaf floh seinen Nächten, eine peinvolle Unruhe hatte sich seiner bemächtigt, und nirgends sah er einen Ausweg, denn zu dem einzigen, welcher seiner würdig gewesen wäre, der Wahrheit die Ehre zu geben, konnte er sich nicht aufraffen. So war der Frühling herangekommen. Meta mußte jetzt bald in die Heimath zurückkehren und damit auch der Aufenthalt der Frau Professor Münter und Carolas in Waldhof ein Ende erreichen. Carola hatte sogar von einem Anerbieten erzählt, das ihr von einer in Paris lebenden russischen Familie zugegangen war, in ihrer Mitte eine Stellung anzunehmen, und hinzugefügt, daß dasselbe viel Verlockendes für sie habe. Es war dann nicht weiter die Rede davon gewesen, aber bei jedem Besuche, den er in Waldhof machte, erwartete er zu erfahren, sie habe zugesagt. Auch heute hatte er mit dieser Befürchtung das Schloß betreten. Es war Sonntag, Cantate, ein wonniger Frühlingstag schon in der Mitte des Mai, denn Ostern war in diesem Jahr spät gefallen. Aus dem blauen Saal, so genannt wegen seiner in dunkelblau gehaltenen Ausstattung, wo der sehr schöne Bechsteinsche Flügel, den der Amtsrath seiner Tochter erst zum letzten Geburtstag geschenkt, seinen Platz hatte, war Clavierspiel und Gesang ertönt und hatte ihm den Weg gezeigt. Den Diener, der ihn melden gewollt, mit einer Handbewegung zurückhaltend, hatte er geräuschlos die Thür geöffnet, sich mit Frau Münter durch ein stummes Neigen des Kopfes begrüßt und war dann, den Athem anhaltend, lauschend stehen geblieben, bis Carola daS Lied, das sie soeben gesungen, beendet hatte. Nun wandte sie sich um, erblickte Adolf und ein Ausdruck freudiger Ueberraschung glitt über ihre Züge. Ausstehend hatte sie ihm die Hand gereicht und er hatte sie nach kurzer Begrüßung gebeten, sich nicht stören zu lassen, sondern zu gestatten, daß er sich ihr zugeselle. Länger als eine Stunde hatten sie bereits miternander musizirt und sich wieder einmal durch Spiel und Gesang gesagt, was die Sprache nicht ausdrücken durfte. Der Eintritt des Amtsraths unterbrach sie. Er war im Reitanzuge und sah sehr frisch und vergnügt aus. „Oh!" rief er, auf der Stelle stehen bleibend, „ich störe doch nicht etwa? Ich nahm mir, als ich die Musik hörte, gar nicht die Zeit, mich umzukleiden, sondern bin, wie ich vom Pferde gestiegen, hierher geeilt, und jetzt schließest Du den Flügel, Carola!" „Wenn Du befiehlst, lieber Onkel, so können wir sortfahren," erwiderte Carola, den Deckel des Flügels in der Hand haltend und Adolf mit einem fragenden Blick ansehend, Frau Münter sagte aber: „Wenn Du gestattest, lieber Theodor, so machen wir jetzt eine Pause. Ich habe bestimmt, daß sogleich nach Deiner Rückkehr der Thee hierher gebracht wird, den wollen wir zunächst mit einander trinken, dann können unsere Musiker fortfahren. Ich denke, Herr Göbener schenkt uns den Abend." Während Adolf sich zustimmend verbeugte, erschien schon der Diener, auf einer großen Platte das Theegeschirr aus geschackvoll bemaltem Berliner Porzellan tragend, das er auf einem im Hintergrunde^des Zimmers stehenden, bereits mit einer Damastserviette bedeckten Tisch ordnete. Der Amtsrath ließ sich recht behaglich in einem Lehnstuhl nieder und sagte schmunzelnd: „Auch gut, Cousine- ich gestehe, daß mtr nach meinem Ritt eine Tasse Thee sehr willkommen ist!" „Es war schön draußen?" fragte Carola, die zu dem Tisch getreten war, um den Thee zu bereiten, zu welchem Zwecke ihr der Diener, nach wenigen Minuten zurückkommend, das in einem wie Gold glänzenden kupfernen Keffel über einer Spiritusflamme summende Wasser brachte. „Herrlich, entzückend!" rief der Amtsrath. „Bin ein so alter Landwirth und habe so manchen Frühling auf der Scholle, d e ich bebaue, erlebt, aber jedesmal ist es mir doch wie eine neue Offenbarung, wenn ich das Treiben und Sprossen der jungen Saat sehe- ich meine, immer so wie Heuer, sei es noch nicht gewesen." „Sie waren auf dem Felde?" erkundigte sich Adolf, ohne ein Auge von Carola zu lassen. „Ja, das wundert Sie wohl?" entgegnete der Amtsrath. „Sie meinen gewiß, ich hätte mich in der Woche dort genug zu tummeln und könnte mir Sonntags ein anderes Ziel für meine Spazierritte wählen." „Das sollte Dir nicht ganz leicht werden," bemerkte Frau Münter lächelnd. Nach welcher Richtung man sich auch wendet, überall stößt man auf Waldhof'sche Ländereien." „Ja, die Domaine ist sehr ausgedehnt und ich darf mir das Zeugniß geben, daß ich sie meinem Nachfolger in guten Zustande überliefere," entgegnete der Amtsrath, und ein Schatten flog über sein Gesicht, wie immer, wenn er daran dachte, daß das Gut, welches er mit so liebevoller Sorgfalt bewirthschaftet, in nicht zu ferner Zeit in fremde Hände übergehen müsse- schnell sich wieder erheiternd setzte er hinzu: . „Auch davon habe ich mich heute wieder mtt Genug- thuung überzeugt, doch das ist es nicht eigentlich, was ich bei einem Sonntagsritt über die Felder suche. Da bin ich gar nicht der Amtsrath, Pächter der königlichen Domaine Waldhof." „Was bist Du denn, Onkel!" fragte mit schelmischem Lächeln Carola, ihm die Tasse reichend, die sie für ihn gefüllt hatte. „Ein Mensch!" antwortete mit besonderem Nachdruck der Amtsrath, indem er den Thee mit Sahne, Zucker und Rum versah, „ein Mensch, der den alten Spruch beherzigt: O wunderschön ist Gottes Erde und werth darauf vergnügt 8U ^Sehen Sie," fuhr er, die Tasse in der Hand haltend, zu Adolf gewendet fort, den Carola jetzt ebenfalls mit Thee versah: „reite ich in der Woche über die Felder, so sehe ich bald diese Unordnung, die mich verdrießt, bald jene Lodderei, die ich rügen muß. Da kommt der Inspektor mit einer Meldung, dort ersieht der Schäfer eine Gelegenheit, mich wegen einer neuen Anschaffung anzureden, vor allem Reden und Antwort geben, Befehlen und Anordnen, Tadeln und Zustimmen komme ich gar nicht zum reinen Genüsse der schönen Gotteserde. Besuche ich aber Sonntags die Felder, so herrscht Ruhe und Friede. Das Geräusch des Tagewerks schweigt, lauter und jubelnder klingen die Stimmen der Vögel, grüner und frischer erscheint mir die sprossende Saat. Begegnen mtr Leute, so sind sie Spazigergänger gleich mir und wie Gleich zum Gleichen spreche ich zu ihnen, und lobe mit ihnen gemeinsam den Schöpfer aller dieser guten Gaben inbrünstiger, als wir es am Morgen in der Kirche gethan." Das ist wirklich Gottesdienst," sagce Carola leise. Der Amtsrath nickte, nahm einen Schluck aus der Tasse und sprach weiter: „Heute habe ich meinen Ritt nicht bloß auf die Felder beschränkt, ich bin immer weiter fortgeritten, bis zum Meere, und wißt Ihr, was ich gedacht habe, als ich die weißen Schaumkämme gegen den Strand schlagen, den dunklen Wald jenseits des grünblauen Meeres sich erheben sah? „Was?" fragten alle drei gleichzeitig. „Daß wir doch eigentlich Thoren sind, diesen prächtigen Fleck Erde, wo es sich so wohlig lebt, zu verlassen und uns der großen Heerde zuzugesellen, die auf abgegrasten Weiden Erholung und Stärkung zu finden glaubt." „Aber, lieber Theodor, der Plan zu dieser Reise ist 167 von Dir ausgegangen," sagte Frau Münter mit leisem Borwurf, „waS mich aubetrifft —" //Ja, ja, Felicitas," unterbrach sie der Amtsrath, sich mit der Hand über die Stirn fahrend, „und es soll auch dabei bleiben. Nimm es mir nicht so genau, ich bin ein Sonntagsschwärmer, so ungefähr, wie es in der Stadt Sonntagsreiter giebt." „Sie wollen verreisen?" fragte Adolf, der nur mit Mühe so lange an sich gehalten, bis der Amtsrath seinen Satz vollendet hatte. Der riß die Augen auf, zog die Brauen in die Höhe und rief verwundert: „Ja, wissen Sie denn das nicht? Hat man Ihnen die große Neuigkeit nicht mitgetheilt?" „Herr Göbener und Carola haben sich sogleich nach seiner Ankunft so sehr in die Musik vertieft, daß wir zur Unterhaltung Enoch gar nicht gekommen sind," antwortete Frau Münter lächelnd. „Nun, so erfahren Sie denn von mir," sagte der Amtsrath, indem er die geleerte Tasse aus der Hand setzte und aufstand. „Meine Cousine und Meta reisen in diesen Tagen nach der Schweiz und in ein paar Wochen treffen wir drei dort mit ihnen zusammen. Bis zur Ernte kann ich die Wirthschaft hier schon einmal meinem Inspektor überlassen." „Und dann?" fragte Adolf, den diese Antwort wie ein Donnerschlag traf. „Das möchten Sie auch sogleich wissen!" lachte der Amtsrath. „Sie machen ja ein geradezu verblüfftes Gesicht." „Ich bin so grenzenlos überrascht." „Daß ich eine Reise mache," neckte der Amtsrath, „ist freilich lange nicht mehr vorgekommen. Was thut aber ein Vater nicht, um seiner einzigen Tochter wieder habhaft zu werden. Ich lasse sie wahrscheinlich noch einige Zeit mit meiner Cousine Elisabeth „fern von Mrdrid" und kehre mit meiner getreuen Gesellschafterin, Frau Felicitas, allein nach Waldhof zurück." „Fräulein Carola wird nicht mit zurückkommen?" fragte Adolf, nur mit Mühe seiner Stimme einige Festigkeit gebend, und Wenzel, dem es offenbar Vergnügen machte, ihn etwas auf die Folter zu spannen, antwortete: „Sie will ja nach Paris zu ihren Russen. Hat keine Last, noch einen zweiten Winter im einsamen Waldhof zu verbringen. Jst's nicht so, Carola?" wandte er sich an die junge Dame, die sich am Theetisch zu schaffen gemacht hatte und zwang diese dadurch, ihr Gesicht ihm und Adolf zuzukehren. Es trug eine erhöhte Farbe und einen Ausdruck der Unsicherheit, der bei ihr selten war. „Ich habe nun lange genug der Ruhe gepflegt und muß endlich wieder in Thätigkeit kommen." „Ei, die hätte ich hier für Dich so reichlich, wie Du sie nur wünschen könntest. Ich hoffe, Du sprichst eine Machtwort und wir lassen Sie nicht wieder fort, Felicitas." Die letzten Worte richtete er an Frau Münter, die aber kopfschüttelnd erwiderte: „Carola ist schon seit Jahren allein für ihr Thun und Lassen ^verantwortlich, ich kann ihr meinen Willen nicht aufdrängen, so glücklich es auch mich machen würde, sie in meiner Nähe behalten zu können." Sie schaute liebevoll zu der Tochter empor, die neben ihren Stuhl getreten und ihr zärtlich die Hände streichelte. „Keine Rührscenen, Kinder!" rief der Amtsrath. Das wird sich Alles finden^ zuerst machen wir (die Reise miteinander, und hören Sie, Adolf, einen Vorschlag. Wie wär's, wenn Sie sich hier etliche Wochen Urlaub nähmen und uns begleiteten oder uns nachkämen?" Carola stieß einen leisen Ruf aus, der ebenso gut Zustimmung wie Abwehr bedeuten konnte und Adolf entgegnete, hastig aufspringend und einige Schritte vorwärts stürzend: „Das wäre köstlich! Ich — ich! —" (Fortsetzung folgt.) Einige ärztliche Rathschläge für Eltern. Bon Dr. Robert «chultze (Nachdruck »erboten.) Eine Frage, welche der Arzt oft beantworten muß, ist die, ob man ein Kind z. B. von zweifelhaftem Gesundheitszustand, mit sechs Jahren, wie gesetzlich vorgeschrieben ist, die Schule besuchen lassen soll oder nicht. Schwächliche, blutleere, nervöse, scrophulöse rc., mit einem Wort nicht ganz gesunde Kinder sollte man viel häufiger, als geschieht, in der Freiheit lassen und erst spät in die Schule aufnehmen, weil einestheils kränkliche Kinder durch den Schulbesuch meist gesundheitlich noch mehr zurückkommen und anderntheils nicht viel leisten können, so daß sie andere gesunde Kinder mit zurückhalten. Es ist ein ganz entschiedener Mangel unsrer öffentlichen hhgiemschen Zustände, daß bei der Schulaufnahme nicht auch ein Arzt mitzusprechen hat, um darüber zu wachen, daß nur gesunde Kinder ausgenommen, kranke aber zurückgestellt werden. Bei der Rekrutirung ist dies allgemein ein- geführt, für die Schulen fehlt eine solche Einrichtung dagegen überall, höchstens wird hie und da einmal von den Eltern kranker Kinder ein Zeugniß verlangt, daß ihr Kind körperlich nicht kräftig genug sei, um die Schule zu besuchen. In der Regel werden aber dann Kinder, die etwa ein Jahr zu spät in die Schule kommen, um ein Jahr länger in der Schule behalten, weil nach der Schablone der gesetzlichen Schulbesuchsdauer dies sein muß, ohne daß Rücksicht darauf genommen ist, daß gesunde und ältere Kinder leicht nachholen, was sie etwa versäumt haben. So droht den Eltern kranker Kinder und diesen selbst noch eine Strafe für das Kranksein und um dieser zu entgehen, werden heute viele Kinder, trotz entgegenstehender ärztlicher Gründe, doch in die Schule geschickt, oft zum lebenslänglichen Nachtheil für ihre Gesundheit. Gerade solche Kinder verfallen am häufigsten den sogenannten Schulkrankheiten, eine Krankheitsrubrik, die erst neuerdings, besonders in Mädchenschulen, sozusagen öffentliche Geltung gewinnt. Als die hauptsächlichsten sind Störungen der Blutbildung refp. der Ernährung und des Nervensystems zu nennen. Die Kinder sehen blaß aus, der Appetit nimmt ab, die Verdauung wird träge, sie klagen über Stirnkopfweh, Müdigkeit, auch ist der Schlaf schlecht und erquickt nicht, so daß sie müder aufstehen, als sie zu Belte gegangen waren, sie werden schlaff und weinerlich oder mürrisch und reizbar, unlustig zur Arbeit, unaufmerksam und träge, und bleiben deshalb sitzen, manche sondern sich ab und werden trübsinnig, excentrisch. Alle diese krankhaften Erscheinungen steigern sich im Laufe des Schuljahres und sind gegen Ende desselben am schlimmsten. Während der Ferien aber bessern sie sich rasch und verschwinden bei längerer Dauer dieser manchmal gänzlich, so daß die Kinder beim Wiederbeginn des Unterrichts frisch, neu aufgelebt sind, nur aber, um durch diesen allmählich von Neuem in den alten Jammer zu gerathen. Am leichtesten verfallen Mädchen solchen Zuständen, zumal in den Jahren der herannahenden Entwicklung, aber auch Knaben und zwar am frühesten die fleißigen und begabten. In einzelnen Fällen, besonders in solchen, bei denen erbliche Belastung mit Nervenschwäche vorhanden ist, entstehen schwere Leiden, Neurasthenie, Hysterie, selbst Geistesstörungen. Die Mehrzahl der Eltern beachtet die Anfänge aller dieser Leiden zu wenig, oder, wenn dies der Fall ist, medtciniren sie Anfangs mit Hausmitteln und wandern schließlich von einem Arzt zum andern, um den zu finden, der „das richtige Mittel trifftaber zu dem einen, was Noth thut und wozu ihnen in der Regel der erstgefragte Arzt schon gerathen hatte, die Kinder längere Zeit aus der Schule zu laffen, dazu entschließen sie sich meist nur, wenn ein „Nervenspecialist" am Ende dasselbe kategorisch verlangt, was der Hausarzt bloß schüchtern angerathen hatte. Solche Patienten, die in der Mehrzahl von Hause aus schwächlich oder verweichlicht oder überreizt durch allerlei gesellige Unsitten, wie Kinder- *- l«g ßchLschast«, KinderSSL» «. f. W, wer«, >u sogenannte UeberdürdungSftagr geschaffen, an der höchstens begründet war und ist, daß den Kindern zu vielerlei zu- gemuthet wurde und vielfach noch wird, zumal den Mädchen, Welchen Physik und Chemie, höhere Mathematik und Astronomie eingegeben wird. Daraus entsteht dann naturgemäß derselbe geistige Nachtheil, welcher bet körperlichen Leiden in der Siegel durch Bielmedieiniren bewirkt wird/ Erschöpfung der Kräfte. Unser heutiger Unterricht gleicht manchmal ja den Morphium - Jnjectionen, die auch lange scheinbar nützen, zuletzt aber daS Nervensystem zerrütten. Neurasthenie und -Hysterie find die nicht gerade seltenen Folgen des ruhelosen heutigen Vielerlei Lernen«. Manchmal kommen in Schulen förmliche Ansteckungen mit Nervenkrankheiten vor. Am längsten bekannt ist dies bezüglich des sogenannten Veitstanzes. Den Anfang macht in der Regel ein erblich nervös gelastete« Kind und ganze Klaffen — selbst in Dorfschulen ist das neuerdings vorgekommen — folgen nach. Es muß deshalb der erste Fall sofort a»S der Schule verbannt »erden. Rheumatismus. Bott vr. taed, A. Grumbach. (Nachdruck »«Boten.] Um nach einer Erkältung den Rheumatismus zu verhüten, oder die ersten Anzeichen zu vertreiben, reicht es in den meisten Fällen hin, eine künstliche Steigerung der Hautthätigkeit bis zum Schwitzen herbeizusühren. Am besten und leichtesten bewerkstelligt man dieses durch reichlichen Genuß heißen WafferS oder TheeS und warmer Bedeckung im Bette. Hat sich aber der Rheumatismus trotz aller Vorsicht ausgebildet, womöglich mit Fieber, so wird derselbe am schnellsten gehoben, wenn der Patient ruhig im Bette liegen bleibt, viel Waffer trinkt und die schmerzenden Körpertheile warm hält, indem er sie mit Flanell, Watte, Wolle oder Baumwolle umwickelt. Sehr heftige Schmerzen werden am besten durch warme Umschläge von Sand- oder Kleienkiflen vertrieben. Trockne Wärme ist überhaupt das einzige und sichere Mittel, rheumatische Schmerzen zu vertreiben, nur muß diese Wärme höher sein als die des Körpers. Auch chronischer Rheumatismus weicht der trockenen Wärme, nur muß sie mit Ausdauer angewandt werden, am besten in Form von heißen Sandbädern. Der Gelenkrheumatismus ist, wie schon gesagt, nach Ansicht hervorragender Aerzte eine ganz besondere Krankheit. Er befällt, wie der Name schon sagt, nur die Gelenke, am liebsten die des Kniees, der Schultern und der Hüften. In der Regel ist er von Fieber und starkem Schmerz begleitet. Die Entzündung verschwindet oft und schnell von einem Gelenk, um an einem andern zum Vorschein zu kommen. So wandert er oft von Gelenk zu Gelenk. Der Gelenkrheumatismus tritt oft epidenttsch auf und kommt häufiger in südlichen als in nördlichen Gegenden vor. Die Anfälle de« Gelenkrheumatismus sind stets periodisch, das heißt sie kommen und gehen, waS ihn von der Gicht unterscheidet. Die Behandlung ist die wie beim Rheumatismus. Bei besonders auffallender Entzündung der befallenen Gelenke kann der Arzt Blutegel setzen oder selbst einen Aderlaß indiciren. Haupt-ache bleibt es aber auch hier, daß die Hautthätigkeit bis zum Schwitzen befördert wird. Eines der qualvollsten Leiden ist der Knochenrheumatis- muS, zu dessen häufigster Form der rheumatische Zahnschmerz gehört, erkenntlich daran, daß der Zahn gehoben und bei Druck oder Anklopfen heftig schmerzt. Gewöhnlich ist eine kranke Zahnwurzel schuld daran. Fürchtet man dieses, so lindert das Setzen eines Blutegels an das Zahnfleisch sofort den Schmerz. Einreiben von Jodtinetur hilft manchmal, aber nicht immer. Als st« velicates Gericht für Geiresenvp darf „Beefsteak nach Wiel" bezeichnet werden, deffen Bereitung nur fünfzehn Minuten erfordert und deffen Reeept folgendermaßen lautet: Aus 150 Gramm mürbem Filet schneidet man zwei daumendicke Scheiben, di» man tüchtig klopft und in Form eines dicken, runden Kuchens zusammendrückt. Die eine Seite der Beefsteaks wird mit Salz gleichmäßig bestreut. In einer kleinen flachen Pfanne läßt man 30 Gramm Butter sich leicht bräunen, in ihr brät man die Beefsteaks bet lebhaftem Feuer auf der ersten Seite zwei Minuten. — Dann wendet man sie, begießt sie mit zwei Löffeln aufgelöstem Fleisch-Pepton der Compagnie Liebig und brät die zweite Seite noch eine Minute. —Man nimmt jetzt die Beefsteaks sofort aus der Pfanne, legt sie auf eine heiße Schüffel, bestreut sie mit einem halben Theelöffel gewiegten feinen Kräutern und giebt die mit wenig Waffer und LiebtgS Fleisch- Ertrart durchgekochte Sauce dazu. * * * Die Zeit der Eonfirmatlo« und ersten Cominrmioit naht und damit wandern wieder viele junge Myrtenbäumchen, daS finnige Geschenk der besten Freundin an die junge Con- firmandin, in das deutsche Heim. Hier soll die Myrte nach dem Willen der Geschenkgeberin neben dem Arbeitsplätzchen der Freundin wachsen und gedeihen, damit sie einst ihre Blüthen und Zweige zum Brautkranz hergeben. Mehr und mehr bürgert sich der Gebrauch in Deutschland ein. Natürlich wird das Bäumchen streng gehütet und gepflegt und die Myrte ist so anspruchslos, daß es auch leicht gelingen würde, sie groß zu ziehen, wenn nur die einfachen'Regeln der Myrtenpflege besser bekannt wären. So wird's meist versehen und oft schon nach wenigen Monaten laffen Myrte und Mädchen traurig den Kopf hängen! Da ist es freundlich und zeitgemäß, daß Robert Berten, einer der Redacteure des „Practischen Rathgebers" im Obst» und Gartenbau, die Pflege der Myrte in der soeben erschienenen Nummer der Zeitschrift eingehend behandelt. MinnaLaudienS Künstler- Hand hat die erklärenden Abbildungen dazu gegeben. Wir sehen die Myrte vom zarten Steckling bis zum kugelgeformten, blüthenbedeckten Stamme. Das Geschäftsamt in Frankfurt a. Oder sendet die Nummer gern auf Wunsch zu. Gefunden. „Hat ihre Frau Gemahlin in dem neuen Modejournal etwas Paffendes gefunden?" „Die liegt schon in Ohnmacht." * * * Ein Hochgenuß. Cadett A.: „Aeh, Kamerad, so vergnügt?" — Cadett B.: „Jawohl, eben unterm Rafir- meffer geschwelgt!" * * « Auch ein Sprachreiniger. Geschäftsführer: „Solche Manipulationen verstoßen gegen den Charakter und die Prineipien eines reellen Geschäfts." — Geschäftsinhaber: „Hör'n Se mer auf mit Ihre Fremdwörter!" * * * Grob. Gattin: „Warum heult denn der Hund so fürchterlich?" — Gatte: „Vielleicht hat er gestern gehört, daß Du heute kochen willst." * * * Kindermund. Tante: „Als ich in Deinem Alter war, Karlchen, habe ich nie eine Lüge ausgesprochen . . ." Karlchen: „Wann haft Du denn angefangen, Tante?" Redaktion Z. V>: Hermann Elle. — Druck und Verlag ber Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruck«« (Pietsch » Scheyda) in Gießen