L-Z «MbM jkPÄaJp, MAWll » as ist so schön am frischen Frühlingswind: Sein Rauschen mahnt: Das Beste kommt noch, Kind! Das ist so schmerzlich an des Herbstes Prangen, Sein Schimmer sagt: Das Beste ist vergangen! Frieda Schanz. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) „Es war eine Falle!" keuchte Göbener, „und ich bin hlneingefallen. Mein Sohn hat gar keinen Selbstmord begangen^ meine Frau ist wohl auch nicht gestorben und meine Töchter —" „Ihre Frau ist todt," unterbrach ihn der Amtsrichter, „und Ihr Sohn hat sich durch einen Schuß in die Brust schwer verwundet. Er lebt noch, ob er aber davonkommt, das ist die große Frage. Die Aerzte geben wenig Hoffnung." „Wer bürgt mir dafür, daß Sie mir jetzt die Wahrheit sagen?" fragte Göbener. „Welche Veranlassung hätte ich, das nicht zu thun?" erwiderte der Amtsrichter mit verächtlichem Achselzucken. „Richtig, Sie haben ja aus mir herausgelockt, was Sie wissen wollten," sagte Göbener höhnisch. „Nicht Alles, aber ausreichend, um Sie vor das nächste Schwurgericht zu verweisen," entgegnete der Amtsrichter, schloß das Verhör und ließ den Gefangenen in seine ReHe zurückbringen. „Sind Sie aus dem Mann klug geworden?" fragte Kroh den Protocollführer, als er mit ihm allein war. „Nein, und es liegt auch gar nicht in der Absicht des Herrn Daniel Göbener, daß wir das werden sollen," antwortete ,Ehrenberg. „Seine Schlauheit verläßt ihn auch jetzt nicht und er sucht sich bereits mildernde Umstände zu verschaffen. Die Hauptsache ist, daß wir sein Geständniß haben." „Alles Uebrige können wir dem Staatsanwalt und den Geschworenen überlassen," versetzte Kroh. „Den Vertheidiger nicht zu vergessen. Bin wirklich gespannt, was der zu Gunsten dieses alten Sünders Vorbringen wird," erwiderte der Protocollführer zornig. „Nun, was würden Sie denn an seiner Stelle sagen?" < fragte der Amtsrichter, den die Entrüstung des braven | Mannes belustigte. „Nur ein paar Worte: Werft das Scheusal in die Wolfsschlucht!" „Kurz und drastisch!" sagte der Amtsrichter, „aber Unrecht kann ich Ihnen nicht geben." XXIV. „Auf diese Bank von Stein will ich mich setzen," citirte etwas außer Athem gebracht der Amtsrath Wenzel und ließ sich auf eine Bank, unweit des zweiten Falles auf dem Gteßbach in der Schweiz nieder, zu dem er an einem wolkenlosen und ziemlich heißen Junitage in Begleitung seiner Cousine, Elisabeth Wenzel emporgestiegen war. Schon etwas länger als eine Woche hatten Elisabeth und Metha Wenzel im Hotel Gießbach Wohnung genommen, das sich gegenüber von Brienz, da wo die Gießbachfülle in einer Höhe von 300 Fuß in den Brienzer See stürzen, umgeben von frischen grünen Matten und prachtvollen, sich weit ausdehnenden Waldungen erhebt, und den Besuchern dieses Theiles der Schweiz vorübergehend, wie für längere Rast einen sehr angenehmen Aufenthalt gewährt. Am Mittag dieses Tages war von Luzern und über den Brünig kommend, auch der Amtsrath Wenzel eingetroffen, der sich nach einer Trennungszeit, die ihm endlos gedünkt, so wenrg er äußerlich sich das auch hatte merken lassen, nun endlich wieder mit der geliebten Tochter vereinigt sah. Der Amtsrath war nicht, wie dies beabsichtigt gewesen, m der Gesellschaft der Frau Professor Münter' und deren Tochter gekommen- beide Damen hatten den Aufenthalt in Waldhof der Reise vorgezogen. Wenzel gab seiner Tochter, die, so sehr das Wiedersehen mit dem Vater sie beglückte, doch das Ausbleiben der Verwandten beklagte, dafür einige mehr oder minder stichhaltige Gründe an, den wahren und ausschlaggebenden, daß Carola den Ort nicht verlassen gewollt, in dessen Nähe Adolf Göbener mit dem Tode rang, gestand er seiner Cousine Elisabeth erst in einem langen Gespräch auf einem weiten Spaziergang, den er wenige Stunden nach seiner Ankunft mit ihr unternommen und der sie bis zur Felsgrotte des zweiten Falles geführt hatte, während Meta auf dem unweit des Hotels befindlichen Lawn-Tennies-Platz mit einer aus Engländern und Deutschen bestehenden Spielgesellschaft zurückgeblieben war. Meta sollte davon, wie überhaupt von den furchtbaren Ereignissen, die ihren Jugendgespielen Adolf Göbener zu fernem Selbstmordversuch getrieben hatten, vorläufig nichts erfahren. - 886 - und nun sagte dieser: „Im Gegentheil, wir können und dürfen es ihr nicht wehren." „Der Sohn eines Mörders, der sein Leben unter dem Henkerbeil endigen wird!" „Der arme Bursche leidet schon schwer genug an diesem Fluch!" „Adols Göbener selbst ist nicht ganz frei zu sprechen. Er hat gegen die arme Anna eine schwere Schuld auf sich geladen. Er hat sich so haltlos, so unbeständig gezeigt." „Er war unbeständig, bis er die Rechte gefunden hat," entgegnete der Amtsrath mit mildem Lächeln. „Alle Einwürfe, die Du da machst, Elisabeth, sind von Deiner Schwester und mir unzählige Male erhoben worden. Wir Der Amtsratb liest sich auch gegen seine Cousine nicht I lassen sie jetzt schweigen, denn wir haben uns überzeugt, Der Amtöraty ne« jt« nuoj J .... \ machtlos sind gegenüber einer Liebe tote sie Carola empfindet. Ich kann Dir nur rathen und Dich bitten, laß sie unbehindert ihren Weg gehen." Mit einem tiefen Seufzer nahm Elisabeth wieder neben dem Vetter Platz und Beide lauschten schweigend dem lauten darüber aus, ob er dafür besondere Gründe habe oder ob nur der Wunsch maßgebend sei, das erste Beisammensein mit der lang entbehrten Tochter sich nicht trüben zu lassen. Elisabeth Wenzel kümmerte sich auch nicht darum, sie äESSsSSSsä I SM=W-Ä SMK iSi-ÄStM 3 SÄ ?* 3-H dazu. «-»6- R-chtt -I», Th-odo-, .HO ®« da« «ui m -nb°r-» „ÄgXX«™/'ÄSW 8 ,3« « .4 mii .H-..-U.. palten tat M * L-Üdlchuh-i, "aus feinem Hulfi-n Sebn betieibeten Hand- Sitte echt, tief, beflunbig ift unb Bit (einem Opfer "ÄMbi. tftÄÄ SWÄL’» «j „Du willst damit nicht sagen, daß Carola an dieser lebensfrisch. . 25X"* ®nmb' 9'6‘n Eän”*'?" "Sei* Wete“ rief ber Aml-r-th, „ich meine, f,e T®er Amtsrath zuckte die Achseln. „Wer kann das I ist es." „ , faaen? jedenfalls befindet sie sich in einer gefährlichen I „Sie ist es auch, wenn Du so willst, gab Elis ab: ; Krisis und ihre Mutter und ich sind übereingekommen, es I zu, „aber nur, weil in ihr die feste Ueberzeugung , Mkrde das Beste sein sie qewähren zu lassen." daß ihre Vereinigung Mit dem Geliebten nur eine Frage Ist Hoffnung' vorhanden, daß der junge Göbener I der Zeit sein kann. Daß ihr verständiger, 9^tT9e^_$ater mit dem Leben davon kommt?" fragte Elisabeth mit plötzlich I ihr Lebensglück nicht einem Vorurtheil opfern wird Erwachender Besorgniß für den jungen Mann/ dem sie bis „Es ist kein Vorurtheil!" brauste der Amtsrath aufi iebt nur eine mäßige Theilnahme geschenkt hatte. „Doch, und zwar eins, von dem ein Mann, der sich $ «hoffnuna soaar große Hoffnung ist vorhanden," I über ganz andere Bedenken wegzusetzen vermag, sich nicht erwiderte der Amtsrath," indeß sind bei einer so schweren I beherrschen lassen dürfte," erwiderte Elisabeth, dem Zornigen L ndu aLi Complieatwnen nicht ausgeschlossen, so sest ins Angesicht schauend, daß er d°v°r 6» -ug« Wenn er sterben sollte niederschlug. „Du kannst gegen Doctor Holten nichts haben, „L wird Carola mit sich fertig werden, das Zutrauen als seinen Beruf und seine VermögenslosigkM letztere rmt.„ ,u js,rfi»r Eliiabeih ein. I kann bei Dir wahrlich nicht ins Gewicht fallen. „Ich auch!" stimmte der Amtsrath bei, „aber frag „Sieh, sieh, welch ein beredter Anwalt Du ist, mich nur nicht wie! - Ob es in der Luft liegt, daß ich Elisabeth," entgegnete der Amtsrath, lange nicht so anst immer citiren muß?" schaltete er lächelnd ein und setzte hinzu, gebracht, wie seine Cousine erwartet hatte. „Habe ich da „Mit Jugend und Lebenslust wird es freilich für immer I vielleicht den Bock zum Gartner bestellt? vorbei sein " „Nicht halb so beredt wie Du soeben erst für Carola „Und'wenn er am Leben bleibt?" fragte Elisabeth warst," antwortete sie schlagfertig auf den ersten Thell und sah den Amtsrath mit Augen an, als wollte sie ihm seiner Rede, wahrend ste den zweiten- mit Stillschweigen die Worte vom Munde lesen. I überging. „Theodor, ich meine, was Dir für Carola recht „Dann wird sie ihn heirathen, so sern er sich nur erscheint, das müßte Dir für Meta billig sein, oder gilt irgend dazu herbeiläßt, gleichviel, ob er ganz hergestellt wird I für Deine Tochter em anderes Maß? o?er ein Schwächling für den Rest seiner Tage bleibt." „Eines schickt sich nicht für Alle. Carola und Meta „Sie wird ihn "heirathen!" schrie Elisabeth und sprang sind sehr verschieden geartet, antwortete der Amtsrath - so heftig von der Bank auf, daß der graue Strohhut auf I Elisabeth wollte es bedünken, als klinge es etwas kleinlaut, ihrem Kopf in den Nacken rutschte. „Das dürfen wir nicht Schnell erwiderte sie: ruaeben'" „Das sind sie, nur in Einem sind ste sich gleich: im „Wir können und dürfen es nicht zugeben," wiederholte treuen, zähen Feststhalten an ihre Liebe. Du magst Meta sie noch lauter, als der Amtsrath nicht sogleich antwortete bis ans Ende der Welt schicken, so wirst Du doch mmmer 1 ’ - ' - > die Liebe zu Holten aus ihrem Herzen reißen, nie wirst Du sie dahin bringen, einen anderen Mann zu heirathen. Du hast mir vorhin einen Rath ertheilt, lieber Vetter, empfange als Gegengabe einen solchen von mir: gieb den Widerstand auf, er ist doch nutzlos." „Meinst Du?" murmelte der Amtsrath. „Gewiß- überlege es Dir, der Aufenthalt hier zwischen Bergen und Wäldern und Seeen ist so recht geeignet, das Fassen guter Entschlüsse zu erleichtern," erwiderte sie ausstehend und die in ihrem Gesichte aufblitzende Schelmerei verlieh demselben einen entzückenden Schimmer von Jugendlichkeit. „Jetzt müssen wir uns aber beeilen, hinunterzukommen, sonst verspäten wir uns für die Abendtafel." (Fortsetzung folgt.) - äH — Hebet „atme Mädchen" plaudert Johannes Ziegler im „N. W. T." und was er von Wien, von Wiener Hausfrauen und Dienstmädchen sagt, das kann auch bei uns als im Ganzen zutreffend bezeichnet werden. Es heißt da: Nothwendig ist es, aber empörend zugleich, daß jetzt so viele weibliche Wesen selbständig dem Erwerbe nachgehen müssen, statt von den Männern in der Ehe erhalten zu werden. Dies wird noch immer mehr zunehmen, und die Armen sind genöthigt, weit in das Gebiet hinüberzugreifen, das bisher den Männern allein Erwerbsquellen bot. Namentlich ist dies in England der Fall. Dort giebt es schon jetzt weibliche Geschäftsreisende, Schriftsetzer, Lithographen, Holzschnitzer, Vergolder, Uhrmacher, Gefängniß- beamte, Buchbinder, Gold- und Silberschmiede, Prediger, Handlungsgehilfen, Bürstenmacher, Buchdrucker, Polirer, Kunsthändler, ja in der letzten Zeit auch weibliche Droschenkutscher- dazu kommen noch die selbständigen Gärtnerinnen, Buchhändlerinnen, Verlegerinnen, Architectinnen, Redactricen, Aerztinnen, Kupferstecherinnen, Briesbotinnen, Musikalienhändlerinnen, Missionärinnen, Reporterinnen, Tapeziererinnen, Tischlerinnen und zahlreiche weibliche Beamte im städtischen Dienst. In dieser langen Reihe fehlen noch immer die, welche auch bei uns dem Erwerbe nachgehen müssen, als da sind die Lehrerinnen der französischen Sprache, die Clavier- lehrerinnen, die Malerinnen und Coloristinnen, die Postfräulein, die Telephonistinnen, die Schneiderinnen und Näherinnen, die Probirmamsellen, die Buchhalterinnen, die Lehrerinnen, die Cassirerinnen und dann noch das ungeheuere Heer der eigentlich Dienenden, von der gräflichen Hofdame bis zum kleinsten Mädchen für Alles. Diese bleiben wenigstens innerhalb des weiblichen Gebietes- überall dagegen, wo die Erwerbsuchenden in das männliche Gebiet hinübergedrängt werden, gestaltet sich die Sache zweischneidig, denn in gleichem Maße, wie den Männern der Verdienst erschwert wird, sind sie gehindert, einen Hausstand zu gründen, zum Schirm und Schutz einer geliebten Gattin. Die Folge davon wird Abnahme der Bevölkerung sein. Freilich, ist darin einmal eine Grenze erreicht, ist Ebbe eingetreten, dann wird wohl der normale Zustand wieder erreicht, und dann brauchen die weiblichen Wesen nicht mehr in das Arbeitsfeld der Männer hinüberzugreifen, sondern werden wieder heirathen, bis abermalige Uebervölkerung eintritt. So werden in dieser Sache Ebbe und Fluth einander ablösen bis in die späteste Zeit. Nach dem dreißigjährigen Kriege war Deutschland so entvölkert, daß Hungersnoth eintrat, weil nicht genug Mannschaft zur Bestellung des Ackers vorhanden war. Seitdem sind zwei und fast ein halbes Jahrhundert verflossen- die Fluthwelle ist also nach menschlichen Begriffen sehr lang, sehr hoch, sehr groß. Wie hat sich während der Zeit Alles langsam verändert! Vor hundert Jahren beispielsweise herrschten bei den großen vornehmen Kaufmannshäusern in Hamburg ganz andere Bräuche wie jetzt. Da waren die Handlungsdiener — heute Commis genannt — wie Kinder im Hause, aßen mit ihrem Herrn am selben Tisch, gingen Sonntags mit ihm und den Seinen in die Kirche, wurden in Zucht und Ordnung gehalten und mußten Abends zu rechter Zeit im Hause sein, denn dort wohnten sie. Damals hatte noch jeder Mensch einen Werth. Heute dagegen ist Hamburg förmlich von Handelsbefliffenen überschwemmt, die aus allen Gegenden Deutschlands dahin strömen, um dort eine Stelle zu finden. Nur ganz Wenigen gelingt dies. Die übrigen laufen herum; um sie kümmert sich Niemand. Aber auch um die, welche das Glück haben, ihre Füße täglich unter das Pult des Comptoirs stecken zu dürfen, kümmert sich ihr Principal nicht weiter, als sie ihre Pflicht thun- sie essen nicht mehr an seinem Tisch, sie gehen nicht mehr mit ihm in die Kirche, werden außerhalb des Geschäftes i nicht mehr in Zucht und Ordnung gehalten und können schlafen wo sie wollen. Die Menschen sind eben wohlfeil geworden. Unter meinen Fenstern auf der Straße, da geht sie jeden Tag vier Mal vorbei, mit ihren kleinen spitzen Füßchen, die abwechselnd so zierlich unter dem Saum des Kleides hervorblicken. Sie geht jahraus jahrein durch den Schmutz, sie geht durch den Schnee, sie geht durch den Staub in die nahe Schule, wo sie die Kinder unterrichtet. Sie unterrichtet sie jahraus jahrein in den gleichen Dingen und hat es so satt, so herzenssatt. Aber sie muß. Die Einförmigkeit hat ihr ein schweres Kopfleiden zuwege gebracht, aber sie muß weiterthun im ewigen Einerlei, denn sie hat wenigstens eine feste Anstellung. Andere müssen in der weiten Stadt Herumlaufen, um Unterricht in der französischen Sprache zu geben. Es sind ihrer so viele- daher wird es schlecht bezahlt. Im Sommer haben sie fast nichts zu thun. Manche ist froh, wenn sie von einer Familie mit auf's Land genommen wird, damit die Kinder während der Ferien nur nicht das kostbare Französisch verlernen. Sie gilt dann da draußen nicht viel höher als ein Dienstbote. Und wie viele Clavierlehrerinnen steigen nicht in Wien umher! Ich weiß von Einer, die es spottbillig thut und deshalb vom Morgen bis zum Abend Stunden hat. In Sturm und Regen rennt sie durch die Straßen und kommt bei Dunkelwerden heim, müde und mit nassen Kleidern. Wie lange sie es so treiben wird, mag Gott wissen. Und wenn sie in dieser aufreibenden Lebensart krank niederbricht, hilft ihr kein Mensch. Zuweilen sieht man in den Blättern Inserate, in denen Clavierlehrerinnen aufgefordert werden, ohne Entgelt Unterricht zu ertheilen. Lange konnte ich diese unverschämte Aufforderung nicht begreifen, und als ich mich erkundigte, welche Bewandlniß es damit habe, erfuhr ich, es gebe eine Vorschrift, nach welcher der Unterricht unausgesetzt fortgeführt werden muß, denn nach einer längeren Unterbrechung werde eine neue Prüfung verlangt. Darum ist eine Lehrerin oft froh, unbezahlte Stunden zu geben, wenn es ihr an bezahlten gebricht. Es giebt so viele Maler und Malerinnen in Wien, daß nur die am meisten vom Glück Begünstigten sich über Wasser halten können, ohne in ihrem Fach hinabzugreifen. Die für illustrirte Blätter zeichnen, sind nicht so übel daran, aber sie müssen gar oft den Verdruß erleben, daß ihre sorgsam nusgeführten Originale bei der Wiedergabe im Druck kaum zu erkennnen sind, so grob ist sie bei den meisten dieser Blätter. Andere und dahin gehören vornehmlich die Malerinnen, coloriren die Photographien, welche, zumeist in München, nach Gemälden angefertigt werden, oder die mit Figuren geschmückten Festkarten. Im Preise unterbieten sie einander, um nur Beschäftigung zu erhalten. Der Unterricht im Malen und Zeichnen wird allerdings weit besser bezahlt, als der in Clavier und Französisch, doch dafür ist er weniger gesucht. Diese Erwerbsquellen sind auch schwankend und unsicher. Darum kann man sich nicht wundern, daß so viele Mädchen feste Stellen bei der Post und dem Telephon suchen. Haben sie solche erhalten, so sühlen sie sich bei der kargen Besoldung doch wenigstens sicher. Dies zeigt sich bald in ihrem ganzen Habitus. Es ist recht erfreulich, wenn man sieht, mit welcher schönen Gelassenheit und Ruhe ein Postfräulein, das Binocle auf der Nase, ihr Geschäft versieht und dabei noch immer Muße findet, ihre Meinungen mit den Colleginnen auszutauschen. Beim Telephon hat die Sache oft sogar einen Stich in's Uebermüthige. Manchmal — natürlich nicht in Wien — kommt es vor, daß die angestellten Damen, wenn sie hören, die anrufende Stimme komme von einem weiblichen Wesen, gar nicht weiter antworten, und der Anrufenden bleibt dann nur das Vergnügen, durch das Hörrohr die Conversation und das silberne Lachen der lieben Mädchen in der Contrale zu vernehmen. Vielleicht sind sie die glücklichsten unter allen weiblichen Angestellten. Die Cassirerin in einem Laden hat es nicht so — 228 - angenehm auf ihrem Katheder. Ihr Geschäft ist einförmig, daher geiftiödtend. Sie hat nicht viel mehr zu thun, als nach dargereichten Zetteln Geld entgegenzunehmen. Scheinbar besser ist die Cassirerin eines Caffeehauses daran. Sie ist umgeben von zierlichen Tellerchcn mit Zucker, von Liqueur- flaschen und kleinen Gläsern, und wenn auch ihr Berufs ein verantwortlicher ist, könnte man sie doch glücklich schätzen wegen des Verkehres mit den interessanten Persönlichkeiten, die das Eafö besuchen, wäre unter ihnen nur nicht so mancher unausstehliche Geck, der sich vor ihr aufstellt und sie mit süßen Worten ansäuselt. Dann auch der scharfe Tabaksqualm. Nein, es ist ebenfalls nichts Gutes. Immer habe ich mir eingebildet, eine Probirmamsell müßte das beste Leben führen, denn ihre Pflicht beschränke sich nur darauf, auf ihrem tadellos geformten Körper den Damen schöne Kleider plausibel zu machen. Doch habe ich nie in meinem Leben mit einer Probirmamsel gesprochen, daher auch keine Gelegenheit gehabt, mich nach ihren Freuden und Leiden zu erkundigen. Es ist wahrscheinlich, daß unter allen weiblichen Erwerb- sichenden die gewöhnlichen Dienstboten sich am besten befinden. Aber es gehört zweierlei dazu: eine gutgeartete Hausfrau und gutgeartete Mädchen. Beide sind selten. Nehmen wir die Gnädige, wie es sich ziemt, zuerst vor. Ich kenne drei sonst ganz liebenswürdige Damen, die ihre Dienstboten so behandeln, daß diese ihnen gleich wieder davonlaufen. Die Eine ist durch trübe Erfahrungen mit schlechten Dienstboten so verbittert und demoralisirt, daß sie die neuangeworbenen Mädchen sofort mit Sarkasmen behandelt: „Nicht wahr? Zu dieser Arbeit haben Sie wohl keine Lust?" — „Aber, gnädige Frau, ich habe nichts dagegen vorgebracht." — „Nicht wahr? Heute wollen Sie wohl zum Tanz?" — „Aber gnädige Frau, ich gehe niemals ..." — „Nicht wahr? Rebhühner mögen Sie, aber Rindfleisch nicht?" Und so geht es fort mit zerfleischenden Stachelworten, und da die Dame eine Französin ist, kommt ihr Deutsch scharf und spitzig heraus, so daß die Mißhandelte sich ganz befremdet von ihr zurückzieht. Eine andere Dame, die sich selbst eine „gescheidte Frau" nennt und äußerst lebhaft ist, setzt bei neuen Dienstboten ganz außerordentliche Beschränktheit des Verstandes voraus. Jeden kleinen Fehler führt sie auf Dummheit zurück und dann gebraucht sie in ihrer Lebhaftigkeit Ausdrücke, von denen „dumme Gans" der mildeste, „dummes Luder" der strengste ist. Allerdings sucht sie hinterdrein die Sache durch einen Scherz gut zu machen, aber dies hilft dann nichts mehr- die Mädchen haben genug und gehen fort. Man muß nach der Beschaffenheit der Ausdrücke nicht glauben, daß besagte Frau den unfeinen Ständen angehöre. Gott bewahre! Man kann sie sogar vornehm nennen, und dabei ist sie im höheren Sinne des Wortes musikalisch. Dies ist auch bei einer Dame der Fall, deren Fehler darin besteht, daß sie ihre Dienstboten im Voraus für falsch, schlau, diebisch und gefräßig hält. Sie zeigt ihnen das größte Mißtrauen und verwahrt alle Schränke und Kasten vor ihren räuberischen Eingriffen, und da sich zu dem Mißtrauen Geiz gesellt, giebt sie ihnen nur geringe Lebensmittel heraus und schließt dann sofort Alles wieder zu. Erbittert durch diese Maßregeln und Hunger geplagt, laufen sie nach wenigen Tagen wieder davon. Ach, und dann die gutgearteteu Dienstboten! Daß sich Gott erbarm'! Ich habe es in Betrübniß miterlebt und kann einige Skizzen nach der Wirklichkeit liefern. Das erste Mäochen, das wir hatten, kam aus einem Dorfe und war ein ganz junges, hübsches Geschöpf mit schlichten Haaren. Kaum war sie eine Woche bei uns, da kam sie eines Morgens und machte mit zwei Fingern quer über die Stirn die Geberde des Haarschneidens und blickte dabei wehmüthig bittend aus den schönen treuen Augen. Diese Anstalten sollten darthun, daß sie ihre Haare gern als Fransen zugt- stutzt haben möchte. Man konnte es ihr nicht abschlagen, denn es war schon seit langer Zeit die Mode so. Als sie ihren Wunsch erfüllt sah, setzte sie uns einige Tage darauf in Kenntwß, sich nun in den Strudel des Wiener Lebens stürzen zu wollen. Dies führte sie auch aus, besuchte mit Eifer die Tanzböden und kam Sonntags in der Nacht so spät heim, daß u. s. w. Die zweite war ein zartes, hellblondes Mädchen aus Oberösterreich, das seine Kindheit in sehr armseligen Verhältnissen zugebracht hatte. Sie besaß eine Helle Gesichtsfarbe, war aber darauf erpicht, diese noch Heller zu machen, und bald darauf füllte sich ihr Zimmerchen mit Schminklöpfchen, deren Inhalt sie so ausschließlich beschäftigte, daß sie alles Andere darüber vergaß. Dann kam die Dritte. Sie war nicht mehr jung, aber sehr eitel, und man konnte oft beobachten, wie sie vor einem Spiegel freundliche, ja berückende Gesichter schnitt, mit denen sie ihrem Herzliebsten aufwarten wollte. Um diesen heimlich empfangen zu können, ölte sie schon am ersten Tage ihrer Anwesenheit die Wohnungsthür unter dem Vorgeben, ihr sei das Kreischen der Angeln in der Seele zuwider. Ihr Geliebter kam jedoch niemals, denn er wollte eigentlich gar nichts von ihr wissen, und darüber war sie allmählich so empört, daß sie ihren Zorn an uns ausließ und uns grob behandelte, so daß man sich das Weitere denken kann. Darauf kam Eine, die es im Grunde nicht näthig hatte, denn sie war die Tochter wohlhabender Wirthsleute in einem Dorse jenseits der Donau. Sie betrachtete sich als Volontärin. In der Absicht, Wien kennen zu lernen, war sie herübergekommen. Doch lag ihr eigentlich nicht viel daran, denn diese Absicht zu betreiben, war sie zu bequem. Sie kannte nur eine Freude auf der Welt, nämlich das Verzehren von Kuchen. Dafür gab sie ihren ganzen Lohn hin, und da sie auch vom Elternyause immer frische Zufuhr süßer Eßwaaren erhielt, mußte sie zu deren Consum die Nacht zu Hilfe nehmen. In der That saß sie beim schwachen Licht der Lampe Nachts auf dem Bette und aß ohne Unterlaß Kuchen in sich hinein. Davon wurde sie feist und so mürrisch, daß sie uns in ihrer Uebersättigung übel behandelte. Wir ertrugen dies mit Geduld, die aber doch einmal ein Ende nehmen mußte. Ich könnte noch mehrere solcher Fälle anführen, will aber nur kurz melden, daß wir in zwei Jahren nicht weniger als acht Mal die Dienstboten wechseln mußten, und doch haben sie es bei uns ganz gut, da wir nur zwei Personen, noch dazu freundliche Personen sind. Nach den zweijährigen Kümmernissen kam ein Mädchen, das nun schon viele Jahre bei uns ist und auch in Zukunft bleiben wird. Wenn Eine guten Willen hat, dabei geschickt und treu ist, muß man sie auch danach halten. Thut man dies und ist sie nicht mit Arbeit überbürdet, so hat sie unter allen Erwerbsuchenden wohl das ruhigste und sorgenloseste Leben. Aber manche Frauen behandeln ihre Untergebenen in der That zu miserabel. Wackere Dienstboten bekommen eine Belohnung, wenn sie lange auf einem Platze bleiben. Vielleicht könnte man auch für wackere Hausfrauen, welche ihre Mädchen lange bei sich zu behalten wissen, eine Prämie stiften. Damit soll nicht gesagt sein, daß sie alsdann das Gute nur des Lohnes halber üben, sondern daß sie Angesichts des Kleinods vielleicht zu der Erkenntniß gelangen, man müsse auch gegen Dienstboten gerecht und liebreich sein. So aber wissen nervöse Damen oft nicht, was sie thun, und darum wird Gott ihnen möglicher Weise ihre Sünden vergeben. ____________ Humoristisches. Scharfe Beobachtungsgabe. „Du, mir scheint, mit dem Protzmaher gehts auch schon abwärts!" — „Woraus schließt Du dies?" — Weil die Mädel Heuer auch | keine so weiten Aermel mehr haben wie voriges Jahr." Redaction: I. B.: Hermann Llle. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.