m LLLLL ew\ W 111 Wßi'MK # '.fe fummle Dich, o junges Blut, willst Du nicht verachtet liegen, Niemand ist durch Müßiggang in der Welt emporgestiegen, Fleiß ernähret, Arbeit ehret, laß nur bald die Kinderschuh'; Müh' und Tugend hört der Jugend, Rast und Ruh' dem Alter zu! Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) „Sieben ?" wiederholte der und zuckte nachlässig mit den Achseln. „Sie gefällt mir." „Aber —" Der Sprechende athmete schwer und nur mit Mühe stieß er das Folgende heraus: . .. „Hast Du denn schon bedacht, daß Du vorläufig gar nicht ans Heirathen denken kannst? Bis Du soweit bist, Helene heirathen zu können, vergehen mindestens noch vier bis fünf Jahre?" „Heirathen?" Der Referendar hob in namenlosem Staunen den Blick zu dem Gesicht des Bruders. „Ja, wer denkt daran, Helene Zimmermann zu heirathen! Ich nicht! Ich bin doch nicht verrückt. Wenn ich heirathe, muß das Mädel entweder Geld haben oder aus vornehmer Familie sein und mir Connextonen gewähren, oder noch besser Beides, wie Göring. Das wär 'ne Partie für mich!" Er schmunzelte Mitb lächelte selbstgefällig vor sich hin. „Na, wer weiß, was noch in der Zeiten Hintergründe —" Er unterbrach sich, denn er fühlte sich plötzlich von der Hand des Bruders am Arm gepackt. Eine mühsam beherrschte Aufregung schüttelte den großen, starken Menschen. „Du willst sie nicht heirathen?" herrschte ihn der Andere an. „Ja, was hast Du denn mit ihr vor?" Otto faßte mit der freien Hand nach dem Arm des Bruders. „Thu mir mal zuerst den Gefallen," sagte er mit trockener Ruhe, die seltsam mit der Erregtheit des Anderen eontrastirte, „und laß mich los! Du hast eine Faust — der reine Schraubstock! So! Was ich mit ihr vorhabe? Nichts! Mich 'n Bischen amüsiren. Das arme Kind thut mir leid. Sie ist noch so fremd hier, hat noch nichts gesehen. Da will ich ihr mal 'n bischen die Herrlichkeiten des Berliner Lebens zeigen. So haben wir zum Beispiel für morgen eine höllisch feine Sache verabredet. Zuerst gehen wir Alle in den Circus Renz, Markwald mit seiner Clara — sie ist Confectionsdame bet Mannheimer, Du weißt, in dem großen Mäntelgeschäft — Wattenfeld mit seiner Kleinen, die in einem Bijouterieladen der Friedrichstraße Verkäuferin ist, und ich mit Helenen. Nachher essen wir irgendwo Abendbrod zusammen! Das Mädel freut sich schon riesig." Eine furchtbare Entrüstung arbeitete in dem Empörten, ein flammender Zorn. Er hätte den leichtsinnig Lachenden zu Boden schlagen können. Er mußte sich Gewalt anthun, um nicht von Neuem Hand an ihn zu legen. Aber er konnte sich nicht enthalten, wüthend auf seinen Bruder loszufahren: „Das ... das ist gewisienlos, das ist gemein von Dir. Wie kannst Du Dich unterstehen, Fräulein Zimmermann mit einer so anrüchigen Gesellschaft zusammenbringen zu wollen!" „Erlaube mal," fiel dor Jüngere ein. „Anrüchige Gesellschaft . . . von Markwald und Wattenfeld? Ich muß doch sehr bitten . . ." „Mit so leichtsinnigen Mädchen . . ." „Leichtsinnig? Wie so? Weil sie sich gern 'n bischen amüsiren? Als ob sich nicht jedes junge Mädchen gern ’n bischen amüsirte! Die Mädels benehmen sich übrigens ganz anständig, wenigstens in Gesellschaft. Besonders die Cläre, und eine Toilette hat sie . . .!" Doch die zornige Erregung des Bruders ließ sich nicht so leicht beschwichtigen. „Siehst Du denn nicht ein," grollte er, „daß Fräulein Zimmermann ganz und gar nicht in Eure Gesellschaft paßt ?" Dem Jüngeren war die Aufregung des Bruders unbegreiflich. „Warum denn nicht?" sagte er und zuckte mit den Achseln. „Ich verstehe Dich nicht. Ist denn die Zimmermann etwas Besseres als die Anderen? Sie arbeitet bei fremden Leuten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdi neu. Was Anderes thun doch die Anderen auch nicht. Oder meinst Du, daß Mäntelzuschneiden weniger anständig ist, als anderen Leuten die Stube aufwischen und das Essen kochen? Du thust ja gerade, als ob Fräulein Zimmermann eine Prinzessin wäre!" Sie waren an ihrem Hause angelangt. Otto sprang leichtfüßig die Treppen hinan. Carl blieb zögernd in der Hausthüre stehen. Er war noch zu erregt, als daß er den Augen der Eltern hätte begegnen und sich in der Enge des Zimmers hätte einpferchen mögen. Mit energischem Ruck machte er Kehrt und trat wieder auf die Straße hinaus. 30 Als er nach einer Stunde nach Hause zurückkehrte, war Otto schon wieder fort. VII. In dieser Nacht kam wenig Schlaf in Carls Augen. Unaufhörlich legte er sich die Frage vor: „Was soll ich thun?" Es dünkte ihm unmöglich, es ruhig geschehen zu lassen, daß Helene Zimmermann sich in der Gesellschaft von Menschen amüsirte, deren wahrer Character der Unerfahrenen gewiß nicht im Entferntesten bekannt war. Ein unbestimmtes Gefühl von Angst, Eifersucht und Entsetzen schnürte ihm die Brust zusammen, wenn er sich Helene Zimmermann an der Seite des Referendars von Markwald, dieses geleckten, gezierten und eingebildeten Gecken vorstellte, der sicherlich nichts Ehrenhaftes bezweckte, wenn er einfachen Mädchen aus dem Volke seine Gesellschaft widmete. War es nicht Menschenpflicht, hier rettend einzuschreiten und die Arglose, die die Gefahren des Berliner Lebens nicht kannte, vor der Gesellschaft lockerer Lebemänner zu bewahren? Aber wie? Welche Mittel standen ihm zu Gebote, seinen Zweck zu erreichen? Wie ein Fieber glühte die Aufregung in den Adern des ruhelos sich auf seinem Lager Wälzenden und der Angstschweiß brach ihm aus, während er rathlos hin und her sann. Am anderen Morgen hatte sich seiner eine verzweifelte Stimmung bemächtigt. Wenn sich ihm denn absolut kein anderes Mal bot, so würde er mit Helene Zimmermann selbst sprechen. Die Zähne schlugen ihm vor Aufregung zusammen, während er mit sich zu Rathe ging, wie er es ihr sagen sollte. Was würde sie von ihm denken. Als elf Uhr vorüber war, brach er von der Fabrik auf. Er wußte, daß Helene in der zwölften Stunde nach Hause ging. Richtig, an der Ecke, wo die Rügener- und Badstraße zusammentrafen, begegnete er ihr. Sie erwiderte seinen Gruß freundlich wie immer. Das Blut schoß ihm glühend in Stirn und Wangen. Aber er raffte sich gewaltsam zusammen. „Ich ... ich habe Sie erwartet, Fräulein Helene, ich möchte Ihnen etwas sagen," begann er zaghaft und unwillkürlich den Blick senkend —" „wenn Sie es mir erlauben ..." Sie war stehen geblieben, während er sie begrüßt hatte. Jetzt setzte sie ihren Weg fort. „Bitte!" sagte sie und sah ihn erstaunt von der Seite an. Heiß und kalt durchschauerte es ihn. Die Zunge klebte ihm am Gaumen. Es war doch schwerer, als er es sich schon so vorgestellt hatte. Endlich faßte er sich ein Herz. „Ich habe Sie gestern mit Otto gesehen," brachte er schüchtern heraus mit einer Miene, als ob er sich einer wer weiß welch großen Dreistigkeit schuldig gemacht habe. Sie erröthete und erhob forschend und verwundert den Blick zu ihm. „Ich habe Sie wirklich nicht bemerkt," erwiderte sie wie entschuldigend. „Warum sind Sie denn nicht herangekommen ?" „O ... ich ... ich sah Sie ja ... ja nur von Weitem," stammelte er. Sie schritten eine Weile schweigend nebeneinander, Beide besangen, Beide im Stillen nach einer passenden Fortsetzung des Gesprächs suchend. Er war es, der zuerst wieder das Wort nahm. Es kostete ihn eine gewaltige Anstrengung, als er jetzt mit der krampfhaften Entschlossenheit eines Menschen, der unter allen Umständen sprechen muß, die Bemerkung wagte: „Otto hat mir erzählt, daß Sie heute Abend mit ihm in den Circus Renz gehen wollen, mit ihm und den Anderen." Sie erröthete wiederum. Aber ihre Verlegenheit war nur momentan. Ihren Blick wieder zu ihm erhebend, sagte sie schlicht, mit der Miene eines Menschen, der sich keines Unrechts bewußt ist: „Ja, Ihr Bruder war so liebenswürdig, mich einzuladen. Es ist sehr freundlich von ihm." „Nein, es ist sehr unrecht von ihm und Sie sollten die Einladung nicht annehmen." Es war ihm in seiner Aufregung fast rauh und heftig entfahren. Sie sah ihn erstaunt, erschreckt an. „Unrecht?" fragte sie, und nicht nur in ihren Mienen, auch im Ton ihrer Stimme drückte sich Befremden und eine leise Nuance von Mißtrauen aus. „Wieso?" Ist Ihr Bruder denn nicht ein ehrenhafter Mann, dessen Schutz sich ein anständiges junges Mädchen anvertrauen darf?" Wieder kam der junge Mann in's Stocken und eine rathlofe Verlegenheit malte sich in seinen zuckenden Mienen. Seine Lippen bewegten sich mechanisch, brachten aber kein lautes Wort hervor. Was sollte er ihr antworten? Sollte er seinen eigenen Bruder bei ihr anschwärzen! Sollte er ihr sagen: „Otto ist ein leichtsinniger Mensch, der es nicht ehrlich mit Ihnen meint. Hüten Sie sich vor ihm!" Was würde sie von ihm denken? Würde sie seine Worte nicht für eine Verleumdung halten, die ihm sein Neid, seine Eifersucht eingegeben? „Aber die Anderen," stieß er endlich krampfhaft hervor. „Die Anderen? Die Freunde Ihres Bruders? Ja, wenn Herr Otto mit ihnen verkehrt, ist das nicht ein Beweis für die Ehrenhaftigkeit der Herren?" Carl Köster starrte das junge, arglose Mädchen, das den reinen Sinn, der ihm selbst eigen, auch auf alle anderen Menschen zu übertragen schien, rathlos an. Endlich raffte er sich zu ein paar allgemeinen Worten auf: „Ich bitte Sie, Fräulein Helene, gehen Sie nicht! Glauben Sie nur, es geschieht nur in Ihrem eigenen Interesse, daß ich Sie darum bitte. Es ist wirklich für ein junges Mädchen in Berlin nicht rathsam, sich von Herren in allerlei Vergnügungslocale führen zu lassen." Er sah ihr dringlich in's Gesicht und er bemerkte, wie ein Schatten von Verstimmung sich über ihr freundliches, hübsches Gesicht verbreitete. ,,Jch begreife Sie nicht, Herr Köster," entgegnete sie gekränkt, empfindlich. „Ihr Bruder ist doch für mich kein fremder Mensch. Ich habe ihn doch fast tagtäglich wochenlang in der Wohnung seiner Eltern gesprochen und habe gesehen, daß er ein guter Sohn ist. Und Ihre Mutter hat mir so viel Gutes und Schönes von ihm erzählt. Soll ich ihm für seine Freundlichkeit danken, indem ich ihm erkläre: nein, ich kann Ihre Begleitung nicht annehmen, ich kenne Sie nicht genug, Sie sind mir zu fremd? Wie würden Sie es aufnehmen, wenn ich Ihnen nun sagte: Herr Köster, ich kann mit Ihnen hier auf offener Straße nicht gehen und sprechen, Sie sind ein Fremder für mich. Und von wem soll ich mich denn begleiten lassen, wenn ich mir mal eine Zerstreuung gönnen will? Mein Onkel und meine Tante, bei denen ich wohne, sind alte Leute, und von meinen jüngeren Verwandten hier fällt es Niemandem ein, mich einmal zu irgend einem Vergnügen einzuladen. Sie haben gut reden, Herr Köster, Sie sind ein junger Mann, Sie können hingehen und sich amüsiren, wo und wann es Ihnen beliebt. Glauben Sie, unsereins möchte nicht auch einmal etwas von den vielen Wunderdingen sehen, von denen man nun schon so viel gehört hat? Ich bin nun schon sechs Monate in Berlin und bin noch nirgend gewesen, in keinem Theater, in keinem Concert. Immer nur Arbeit und Arbeit. Man ist doch auch jung und möchte einmal ein Vergnügen haben. Warum gönnen Sie mir das nicht? Ich muß ja Ihrem Bruder noch dankbar sein, daß er sich meiner erbarmt und daß er so freundlich ist, mir seine Begleitung anzubieten, da ich doch als junges Mädchen allein nicht gehen kann." Sie hatte das Alles in schnellen Flusse, in steigender Erregung gesprochen mit blitzenden Augen und rothen Wangen. Jedes ihrer Worte hallte im Innersten seines Herzens wieder. Ein tiefes Mitleid glühte in ihm auf mit dem armen jungen Mädchen an seiner Seite, mit seiner Verlassenheit, mit der Freudlosigkeit ihres Lebens, und zugleich erfaßte ihn ein rasender Zorn gegen sich selbst. (Forts, folgt.) 31 Der Fuchs des Waffers. Ohne Jägerlatein geschildert von Dr. Fritz Skowronnek. ------- (Nachdruck verboten.) Man sagt, daß jeder Vergleich mehr oder weniger hinkt. So will ich denn gleich von vornherein eingestehen, daß das Bild, das ich zur Schilderung eines Wasserwohners gewählt habe, auch nicht ganz paßt. Aber nicht etwa, weil der Hecht, den ich mit dem Fuchs vergleichen will, diesen Vergleich nicht aushielte, sondern weil Meister Reineke dabei als Ausbund von Verschlagenheit und Gewandtheit gelten soll. Ich befinde mich nämlich mit einer großen Zahl jüngerer Jäger und Naturforscher in Hellem Widerspruch zu der landläufigen Ansicht, die meiner Meinung nach von dem bekannten Thierepos Reineke de Voß' herrührt und dem Mäusevertilger ganz wunderbare Eigenschaften zuschreibt. Der Fuchs zeichnet sich weder durch Schärfe der Sinne aus — darin wird er von jedem Jagdhund übertroffen — noch durch besondere geistige Fähigkeiten. Ja, ich bin kühn genug, den Jägern, die noch immer in den Geschichten schwelgen, wie sie den Schlauberger überlistet, den Rath zu geben, weniger Jägerlatein zu reden. Denn bei näherer Prüfung könnte es sich doch Herausstellen, daß weniger die Schlauheit des Fuchses als die noch größere Schlauheit des Jägers ins rechte Licht gestellt werden soll. Es könnte nun womöglich passiren, daß Jemand, der sich getroffen fühlt, mir mit gleicher Münze heimzahlt und behauptet, ich hätte auch keinen andern Grund, die Eigenschaften des Hechtes so hoch einzuschätzen, als die Beleuchtung meiner höchst eignen Schlauheit. Ich wäre bescheiden genug, diese Erwiderung für ein Compliment zu nehmen, dessen ich mich allerdings erst würdig zu zeigen hätte. Denn das, was ich berichten will, ist zwar zum großen Theil selbst erlebt, aber zu einem nicht geringen Theil beruht es auf ben Erfahrungen alter Fischer. Und dieser Beruf hat das Eigenthümliche an sich, daß er den Menschen schweigsam macht — während der Jäger gar nicht die Zeit erwarten kann, bis er in die Kneipe und unter Menschen kommt, denen er seine Erlebnisse oder die Producte seiner lebhaften Phantasie mittheilen darf. So darf ich denn mit etwas Selbstbewußtsein behaupten, daß diese anspruchslosen Plaudereien über die Bewohner des nassen Elementes manches Neue enthalten, was man selbst in umfangreichen Monographien vergeblich suchen dürfte. Eine genaue Beschreibung des Hechtes kann ich mir wohl ersparen, denn es wird wenige Menschen geben, die diesen Fisch nicht schon erblickt oder gegessen haben. Nur auf eins will ich htnweisen, auf die langgestreckte scharfe Bauart seines Körpers, die starke Schwanzflosse und die mächtigen Rücken- und Bauchfloffen, die so weit hinten am Körper stehen, daß sie die Wirkung des Schwanzes unterstützen. Diese Körperconstruction macht den Hecht zum ge- fürchtetsten Räuber, denn sie befähigt ihn, mit einer Schnelligkeit, die nicht einmal der aus der Luft herabstoßende Habicht oder Falke erreicht, über sein Opfer her- zusallen. Und was er packt, das hält er fest! Im Unterkiefer stehen große, ungleiche, mit der Spitze nach hinten gerichtete, konische Fangzähne, alle übrigen Mundknochen tragen Hechelzähne von verschiedener Größe. Der Hecht Pflegt am Tage möglichst gedeckt still zu stehen und seine Beute mit einem einzigen Sprung zu erhaschen. Er gleicht darin, wenn man überhaupt solche Vergleiche ziehen darf, dem Löwen, der sein Opfer nach dem ersten Fehlsprung unbehelligt weiter ziehen lassen soll. Der Barsch dagegen, ein plumper Gesell, ähnelt darin dem Tiger; er verfolgt seine Beute so lange, bis er sie ermüdet und eingeholt hat. Wählerisch ist der Hecht nicht, er nimmt Frösche, Fische, Wasserratten, Enten, kurzum alles, was ihm vor die Schnauze kommt und was er bezwingt. Ich habe sogar schon zwei Hechte angetroffen, wobei der kleinere den größeren querüber den Kopf gepackt hielt. Nur einen Fisch verschont er, den Stichling. Dagegen ist es eine gut beglaubigte Thatsache, daß der unersättliche Räuber auch gegen badende Kinder Attentate versucht hnt. Damit habe ich gewiß die Frage rege gemacht, wie groß denn der Hecht überhaupt wird. Auf die alten Märchen von den moosbewachsenen Exemplaren, die auf Metallringen das Datum ihrer Geburt mit sich Herumtragen, lasse ich mich garnicht ein. Das ist eine Spezialität des Hochsommers, die in den Spalten der Tagesblätter genau so regelmäßig wiederkehrt, wie die uralte Frau, die noch Friedrich den Großen als Kind gesehen, oder der gewaltige Wels aus dem Schlachtensee, der alljährlich den staunenden Berlinern von dem verschmitzten Fi'cher gegen Entree gezeigt wird. Der Großstädter wird selten einen Hecht über zehn bis zwölf Pfund erblicken, da das Fleisch solcher großen Exemplare als nicht besonders schmackhaft gilt. Es giebt aber weitaus schwerere Hechte. Der größte, den ich mit meinen eignen Augen gesehen, wog rund 40 Pfund- doch sind im Spirding, in dem größten norddeutschen Binnensee, einige noch schwerere Hechte gefangen worden, von denen der größte etwas über 50 Pfund gewogen haben soll. Leider hat man versäumt, die genauen Maße dieser gewaltigen Burschen zu verzeichnen. Und da es unter den Hechten sowohl kurze, gedrungene, wie lange, dünne Gestalten giebt, so läßt sich nur ganz allgemein schätzen, daß solch ein alter Herr bis zu zwei Meter Länge gehabt haben muß. Doch das sind seltene Ausnahmen, und es giebt nicht viel Menschen, die das Vergnügen genossen haben, ein solches Exemplar zu erbeuten. Mir war war es beschieden . . . . Eines Tages, im Hochsommer des Jahres 1876, kam unser alter Fischmeister in heller Aufregung auf den Hof gelaufen. Die Kinder hätten beim Baden einen gewaltigen Hecht gesehen. Das Unthier sei den Kindern kaum ausgewichen. Ich stürmte davon, um den Schlüssel zum Kahn zu holen, der Alte hatte inzwischen aus der Geschirrkammer ein Handruder und den Speer geholt. Während wir den Berg hinab zum See eilten, erklärte mir der alte Stomber, daß seiner Meinung nach der dreitägige Weststurm den Fisch auf dem flachen Ufer überrascht und durch den starken Wellenschlag so müde gemacht habe, daß er sich kaum von der Stelle rühren könne. Da er aus Erfahrung sprach, glaubte ich ihm, denn ich wußte keine andere Erklärung dafür. Am Ufer standen die Kinder und zeigten uns die Stelle, wo sie den Fisch gesehen. Ich schob den Kahn langsam vorwärts, da merke ich, wie Stomber vom Jagdfieber gefaßt wird. Er hebt den Speer- einen Augenblick spannen sich alle Sehnen, dann fährt die furchtbare Waffe mit scharfem Schlag ins Wasser. In demselben Moment läßt der Alte den Schaft aus der Hand schießen- blitzschnell fährt der Fisch mit dem Speer im Rücken zur Tiefe. In athemloser Spannung schauen wir auf die stille Wasserfläche. Lange kann auch der stärkste Fisch dem Auftrieb des Holzschaftes nicht widerstehen. Da, Zda, zwanzig Schritt von uns taucht die Spitze des Schaftes aus dem Wasser . . . Vergeblich dränge ich den Alten dazu, den Fisch am Speer aus dem Wasser zu ziehen. Noch ist die Zeit nicht gekommen. Noch mehrere Mal taucht der Schaft empor, immer kürzer werden die Zwischenräume . . . endlich schwimmen Fisch und Speer auf der Oberfläche. Vorsichtig schiebe ich den Kahn hinzu. Noch ein schwacher Versuch, hinabzutauchen . . . Dann greift Stomber zu, erfaßt das mächtige Thier in die Kiemenspalte, ich helfe am Speer, der bis zum Griff hineingedrungen war, nach. So hoben wir den gewaltigen Burschen, der rund vierzig Pfund wog, in den Kahn. Das Stechen der Hechte mit dem Speer wird nur noch selten geübt, da es gesetzlich verboten ist. Vor zwanzig, dreißig Jahren jedoch wurde diese Kunst häufig angewendet. Sowie im Frühjahr das Eis an den Rändern aufgeht und das Thauwaffer die flachen Uferstellen überschwemmt, be- - 32 ginnen die Hechte zu laichen. Um einen großen Rogner sammeln sich drei vier, ja manchmal bis zehn kleinere Milchner. Langsam zieht die Hochzeitsgesellschaft am Ufer entlang, bis die passende Stelle zum Absitzen des Laichs gefunden ist. Dann beginnt das Wasser unter den heftigen Bewegungen der laichenden Fische zu brodeln und zu schäumen. Dies ist der richtige Augenblick zum Wurf. Der Fischer hat sich unmerklir, der Laichstelle genähert, aber nicht immer gelingt es ihm, sich heranzupirschen, denn auch in diesen weihevollen Momenten ist der Hecht scheu und vorsichtig. Wie ein Bündel Blitzstrahlen fahren die Thiere auseinander. Leichter ist es jedenfalls, laichende Hechte mit einem starken Schrotschuß zu erlegen. Nur muß man sich beeilen, die gische mit einem Hamen schnell aus dem Wasser zu heben, denn in den meisten Fällen sind sie von dem Aufschlag nur betäubt und erholen sich schnell. Eine Fangart von unendlichem Reiz ist das Stechen der Fische bei Fackellicht. Dazu gehören handlange, daumendicke Stückchen von kienigem (harzigem) Fichtenholz, die in einem Drahikorb etwa zwei Fuß vor der Kahnspitze brennen und das Wasser bis zu einer Tiefe von drei und vier Fuß durchhellen. Jo der Spitze des Kahns steht der Fischer mit dem Speer, ein zweiter schiebt den Kahn langsam und geräuschlos vorwärts. Es gewährt einen wunderbaren Anblick, die sonst so scheuen Fische von dem Lichtglanz geblendet, unbeweglich stehen zu sehen. Es gehört aber eine feste Hand und ein sicheres Auge dazu, um nicht fehl zu stoßen. Auch auf die Waffe kommt es viel an. Ich hatte mir nach Angaben des Königsberger Professors Benecke, der nicht nur eine große Autorität auf dem Gebiet der Fisch- wiffenschaft, sondern ein noch größerer Praktiker war, einen Speer construirt, der das Entzücken jedes erfahrenen Fischers war. In ein Stahlstück von Handtellergröße waren zwölf recht starke, gutgeglühte, feingespitzte Stricknadeln eingelassen. Zahlreiche Widerhaken aus dünnen Stahlspitzen waren aufgeschweißt. Als Schaft diente eine dünne, glatte Bambusstange von vier Meter Länge. Mit diesem Speer entging mir so leicht kein Fisch, auch wenn nur zwei Spitzen getroffen hatten. Selbst ein starker Aal, der sich zur Nachtzeit auf flache Uferstellen hinausgewagt, mußte manchmal daran glauben. Die Ausübung dieser aufregenden Fischerei ist nur noch in geschlossenen Gewässern möglich, die dem Fischereigesetz nicht unterliegen, oder in einsamen kleinen Seen, die das Auge des Gesetzes nicht überwacht. Früher sah man in stillen, warmen Sommernächten die hellen Feuer rings um den See aufleuchten. Damals fing man auch die Krebse meistens bei Kienlicht. Einer trug den Sack mit dem Holzvorrath, ein Anderer an langem Skiel den Drahtkorb mit dem lodernden Feuer, und rechts und links von ihm wateten die eigentlichen Krebsfänger, die mit sicherem Griff die geblendeten Rückschrittler aus dem flachen Wasser herausholten. Wo man jetztInoch es wagt, diese leichte Fangmethode anzuwenden, da wandert einige hundert Schritt vor und hinter den Krebsfängern je ein Wachtposten mit einem wachsamen Hunde. Ein Pfiff, der Drahtkorb fährt zischend ins Wasser hinab, und lautlos flüchtet die ganze Gesellschaft in die Ufergebüsche oder in den nahen Wald. Die Verordnungen der Behörde mögen ja für die Schonung der Wasserbewohner sehr heilsam fern, aber sie haben dem Fischerleben viel Poesie geraubt. Wie wundersam war es doch, wenn man im leichten Kahn in der Stille der Sommernacht dahinglitt und die qualmende Gluth des Feuers grelle Lichter auf die dunklen Fichten am Ufer warf. Oder wenn man beim Dämmerlicht des grauenden Morgens die letzten Kienscheite an einem Busch zusammenwarf und die Beutel leerte, um die gefangenen Krebse zu zählen. Dann fand sich auch meistens noch ein letzter Schluck in der Flasche, der die nassen, in der Morgenkühle erschauernden Glieder wohlig durchwärmte. Wie die alten Erinnerungen alle wieder lebendig werden! Ist es mir doch, als wäre es gestern gewesen, daß ich zum letztenmal mit unserem alten Fischmeister das große Zugnetz rüstete. Das war stets eine Art Familienfest. Zeitig am Tage zogen wir Fischer hinaus zu dem einsamen Waldsee im dunklen Forst. Am Nachmittag brachte ein Leiterwagen die Eltern und gute Freunde, die niemals fehlen durften. Dann loderte auf dem Rasen der Landspitze, die den See in zwei Hälften theilt, ein mächtiges Feuer empor, es wurde Kaffee gekocht und Grog gebraut und schließlich ein mächtiges Gericht frischgefangener Fische zubereitet. Aber nicht immer ist der Fang ergiebig. Die Witterung ist nicht immer günstig. Und wenn das Netz zu schwer auf dem Grunde schleppt, dann entwischt der schlaue Räuber, aus den es abgesehen ist, darüber hinweg. Auch mit der Angel läßt sich der Hecht fangen. Als Köder dient ein kleiner Weißfisch, ein großer Thauwurm oder gar ein Frosch. Die Methode des Fangens läßt fich schwer beschreiben, denn so viele Anhänger dieser Sport zählt, so viel Methoden giebt es. Die einfachste Art besteht darin, daß man die aus einer starken Ruthe und Schnur bestehende Angel mit einem kleinen Fisch besteckt und auswirft. Erfolgt der Biß, dann wird derffHecht angehauen, durch den Zug des elastischen Angelstockes müde gemacht, und dann mit Hilfe eines Käschers eingehoben. Es kommt jedoch vor, daß man bei drei oder noch mehr Bissen den Fisch nicht „anhaut". Das rührt daher, daß der Hecht wohl den Köderfisch, aber nicht den Haken mitgefaßt hat. Befferen Erfolg hat man mit der sogenannten Schluckangel. Der Hecht pflegt nämlich jeden Fisch, den er greift, erst eine Weile im Rachen zu halten, bis kein Widerstreben mehr stattfindet. Dann läßt er die Beute einen Augenblick los, um fie schluckgerecht über den Kops zu fassen. Zu dieser Procedur sucht er meistens das Röhricht des Ufers auf. Auf dieser Beobachtung fußt das Prinzip der Schluckangel, die nur aus einer bis zu hundert Meter langen Seidenschnur besteht. Etwa zehn bis fünfzehn Meter wirft man mit dem Köderfisch aus,- wenn der Hecht gebissen hat, läßt man den Rest der Schnur von einer leicht laufenden Rolle abspulen. Nach etwa zehn Minuten holt man die Schnur ein, in den meisten Fällen mit Erfolg. Denn der Hecht hat inzwischen den Fisch so tief verschluckt, daß er vom Haken nicht mehr loskommt. Ein vorsichtiger Angler tödtet jeden Hecht, sobald er eingeholt ist, denn es kommt gar nicht so selten vor, daß der Gefangene sich mit gewaltigem Schwung aus dem Kahn hinausschncllt, namentlich wenn er in einem mit Wasser angcfüllten Raum, dem sogenannten „Spiel", aufbewahrt wird. (Schluß folgt.) Humoristisches. Abergläubisch. Frau Huber: „., .. Sie werden sehen, Frau Nachbarin, 1897 wird ein „schlimmes Jahr", weil der Neujahrstag auf einen Freitag fällt!" — Frau Maier: „O mein, was gäbs erst da für ein Unglück, wenn er gar einmal auf einen Dreizehnten fallen thät'!" * * * Frei nach Goethe. „Rings auf allen Wegen — Partout, — Selbst auf den einsamsten Stegen — Siehst Du — Das Rad mit dem Schlauch,- — Schon radelt der Wilddieb im Walde — Warte nur, balde — Radelst Du auch." » * * Fauler Zauber. Sie: „Ach, wie reizend der Zauberkünstler arbeitet! Hast Du gesehen, wie er eben einen Hut in ein Goldstück verwandelt hat?" — Er: „Da bist Du doch noch viel bedeutender, Du kannst sogar Goldstücke in Hüte verwandeln!" Rcdactum: 8L Echeyda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schcyda) in Gießen.