Sonntag den 15. Mai lSSK WM 5» Br uuteln muh der Himmel rings im Runde, N Daß sein Sternenglanz zu leuchten wage; M Stürmen muß das Meer bis tief zum Grunde, Daß an's Land es seine Perlen trage. Klaffen muß des Berges offne Wunde, Daß sein Goldgehalt ersteh' zu Tage; Dunkle Stunden müssen offenbaren, Was ein Herz des Großen birgt und Klaren. Anastasius Grün. Das Fräulein. Roman von E. Ve ly. (Fortsetzung.) Als sie in dem Wagen dem Consul gegenüber saß, lächelte er. „Circe — Alt und Jung bezaubernd!" Sie gab keine Antwort, sie blickte in das Regengrau hinaus. Er beugte sich nach der Seite hin. „Glauben Sie nicht etwa, mein Fräulein, daß ich verdamme — es ist ja das Metier der Frauen. Dem alten Herrn hat die romantische Geschichte natürlich sehr gefallen, sie ist in guten Händen und er wird sie colportiren! Was Herrn von Monken anbetrifft, so haben Sie wieder Glück, einem so verschwiegenen Cavalter begegnet zu sein. Die Verschwiegenheit ist nicht gerade das, was man sonst den Herren der großen Welt am meisten nachrühmen kann. Wir besitzen Alle die Schwäche, uns kleiner Abenteuer zu rühmen, durchblicken zu lassen, daß uns Eroberungen nicht schwer fallen. Nein, wirklich, der Herr von Monken macht da eine —" Sie starrte ihn mit groß aufgerissenen Augen an. „Nicht weiter, mein Herr! Bisher quälten Sie mich nur, jetzt beleidigen Sie mich — ein wehrloses Mädchen!" „Wehrlos?" gab er ganz unbewegt zurück. „So lange Ihre Augen solche Geschosse sprüyen und versenden, sind Sie das längst nicht. Ich habe mich umsonst um ein freundliches Lächeln bemüht —"‘ Die Uhr glitt in ihren Schooß, sie preßte die Hände, nach ihrer Gewohnheit, fest gegeneinander. „Sie treiben mich mit Ihrer Feindschaft aus dem Hause," sagte sie tonlos. Und in dem grauen Regengeriesel sah sie sich, wie damals, hin und her wandern, Obdach suchend, immer mit den gleichen Redensarten hin und her geschickt. Ein Glück war's gewesen, daß sie in Ebbas Haus gekommen — und ein Weh schnitt ihr durch die Brust,- sie war so beseligt gewesen, sich Jemandem anhänglich zu sehen — die beiden Kinder ihr gegenüber, die sie wieder lieb haben konnte — sie wußte es jetzt erst, wie glücklich sie geworden war. — „Henny und Sonnt) zählten einander die blanken Stücke vor und beachteten die Erwachsenen nicht. „Feindschaft!" erwiderte Conrad Sund. „Wie sehr Sie mich verkennen, ich suche ja Ihre Freundschaft." „Bedeutet das nicht für mich das gleiche?" fragte sie mit thränenersticktem Tone. „Wie wunderlich Sie sind, wie Sie Harmlosigkeiten mißdeuten!" lenkte er wieder ein. Sie schüttelte den Kopf, sie wußte jetzt, dieser Mann war gefährlich, eisern in seinem Wollen, rachsüchtig, wenn sich ihm Widerstand aufthürmte. Conrad Sund sah auf das feine Profil. „Wir werden doch noch eines Tages gute Freundschaft schließen. Dann sprach er vom Wetter, von Sommerreisen, von den Hüten der Kinder und dem Turnunterricht, höflich, sachlich — am Hause sprang er hinaus, um den Dreien zu helfen und fuhr dann in die Stadt. Als Sine Arabin den Fuß auf die unterste Stufe der Marmortreppe setzte, seufzte sie leise. Sie wußte es ganz genau, die Tage hier im Hause würden für sie gezählt fein. * • • „Diese Mutter, Herr Doctor, die Sie so hoch stellen, möchte ich kennen!" sagte Frau Ebba, den schimmernden Kopf leicht gegen die Sehne des Stuhles legend und die Augen groß zu ihm aufschlagend. „Und — glauben Sie — daß sie — mich leiden möchte?" setzte sie leiser, fast zaghaft hinzu. „Bitte, nein, nur um Alles in der Welt keine Höflichkeit, keine leere Redensart jetzt. In diesem Augenblicke vertrüge ich sie weit weniger — als eine grausame Wahrheit." Bruno Hallsberg blickte in dem käsigen Raum um sich, das war ein weiches, farbenreiches Nest, in dem eine fast betäubend schwüle Suft herrschte — Ebba liebte starke Parfüms, weiche Sitze, deckenüberhängte Ruhebetten, Polster, goldgestickte Seidenstoffe, hundert kleine Nippes — seine immer noch schlanke, immer schöne Mutter in ihrer ruhigen, milden Freundlichkeit, konnte er sich nicht in diesem Gemach denken. Daheim war es hell, altmodisch — steif an den Wänden standen die Sophas und Stühle — sehr wenig Schmuck und Ueberflüsstges war da, aber Bücher in Unzahl in den großen 294 Schränken und Prachtwerke aller Art. Und der Arbeitsraum seines Vaters genau hergerichtet, wie er immer gewesen war. Wie grundverschieden waren diese beide Frauen. „Meine Gnädige — es sind zwei ganz ungleiche Welten, in der Sie Beide leben — wenn meine Mutter Sie genau kennen würde, so müßte sie Sie gewiß lieb gewinnen. Sie schätzt Klugheit und Güte —" er lächelte. „Diese letztere durfte ich ja entdecken." Sie ballte ihr Spitzentaschentuch.zusammen. „Ehrlich — sind Sie! Ich danke Ihnen, daß Sie mich mit keiner Phrase abfanden. Also — im Anfang würde sie mich wohl mißtrauisch betrachten — „die Weltliche", die „Oberflächliche." Sie reckte plötzlich ihre Arme aus, als fasse sie nach etwas in der leeren Luft. „Aber sehen Sie, ich würde um Ihre Liebe betteln und werben, bis sie mir gut würde. Ja, das wollte ich — und — ich, ich würde siegen." Dann sprang sie auf. „Lassen Sie sie kommen, machen wir die Probe." Sie hielt ihm die Hand entgegen, als solle er gleich einschlagen. Er schüttelte aber den Kopf. „Gnädige Frau, meine Mutter würde das kaum thun, sie haßt das Brausen der Weltstadt, sie giebt ihre Beschaulichkeit nur einer zwingenden Nothwendigkeit halber auf." Ebbas Blicke suchten den sinkenden Tag draußen. „Wenn die sich einmal einstellte, dann also —" sagte sie, wie traumverloren. Ihn überkam ein tiefes Mitleid mit ihr, sie war eine arme „reiche Frau". Und sonderbar, wie wenig sie die eigenen Kinder ausfüllten, sie liebte den Vater derselben nicht. „Nun," sagte sie plötzlich, sich zu ihm zurückwendend, „kommen wir zu dem anderen Capitel, nach der Kindheit die Studien. Das kann ich ganz allein durchblättern. Sie waren natürlich der fleißigste Student, Sie machten ein glänzendes Examen, denn Sie sind ein ganzer Mensch und können nichts Halbes thun." „Frau Lund —" „Sehen Sie, da ist auch nicht eine Correctur." Das Tuch wurde wieder spielend auf ihrem Schooß geglättet, die kleinen unruhigen Finger mußten immer etwas zu thun haben. „Und nun sind Sie wieder dran — die Liebe! Natürlich, die erste rührende und blödeste fällt in die Schuljahre — sie hieß?" Er lachte. Wie gern sie ihn lachen hörte. „Natürlich lvar's — Nachbars Käthchen. Nicht mal ein Honoratiorenkind, das blonde Töchterlein eines ehrsamen Schlossers, zwölf Jahre alt. Wir theilten uns Aepfel, pflückten heimlich aus den elterlichen Gärten die schönsten Blumen und versprachen einander feierlich, uns, wenn wir groß geworden, zu heirathen. Sie war die Treulose, denn während ich auf dem Gymnasium war, trat sie das Hausfrauenregiment im „Weißen Roß", dem ersten Gasthof des Städtchens an — kaum siebzehn alt. Sie hat mir später manchen Schoppen Bier eigenhändig kredenzt, die hübsche Wirthin und dann sprachen wir von der glücklichen Kindheit." „Können wir nummernweis fortfahren?" fragte die schöne Frau. „Ja — denn die ernste Arbeit ließ mich nicht viel an Allotria denken. Die zweite war eine Professorstochter, lichtbraun und überschlank, mit Rosen und Lilien auf Wangen und Teint — von der Schwindsucht gemalt. Sie starb als Braut eines Theologen und ich las die Gedichte Ernst Schultzes „An Cäcilie" und Höltys melancholische Lieder". „Kenne ich nicht einmal," gestand Frau Ebba! „Himmel, welch ein modernes Geschöpf ich bin! Verachten Sie mich nicht und — werden Sie positiver, mein Herr Doctor." „Werden Sie mich sehr verspotten," die Beichte, welche er dem reizend fragenden Gegenüber ablegte, amüsirte ihn nun selber, „wenn ich gestehe, daß mich für die ganze Zeit meines Studiums in München eine Neigung an ein Naturkind, eine rothhaarige Kellnerin fesselte —" er seufzte leise. „Es war mir nicht leicht, von der armen, guten Toni zu scheiden — aber sie war geständig. Mir wars bange, als habe sich die Jugend mit ihrer Sorglosigkeit und Fröhlichkeit von mir gewendet — damals. — Und," nach einer Pause, „das wäre Alles, gnädige Frau, für das betreffende Capitel." „Ah —" sie sah zur Decke empor. „Sie sind ein ganz verständiger Mensch gewesen, Herr Doctor! Nun, wer "weiß, ob sich das nicht rächt, wenn erst einmal die „große Liebe" kommt. Es soll nämlich Leute geben, die daran glauben." „Sie auch — gnädige Frau?" Sie schien diese Frage nicht beachtet zu haben. „Eines ist mir aufgefallen, Herr Doctor, Sie haben sich immer in ltchten Nüancen bewegt, nicht einmal sprachen Sie von einer Braunen. Das ist nichts, als eine statistische Wahrnehmung." Er machte eine rasche Bewegung, seine Gesichtsfarbe erhöhte sich. „Ah, nein, ich war ungenau — nur einmal, hi.r in Berlin, faßte ich ein kurzes, aber sehr lebendiges Interesse für ein schönes, schwarzhaariges Mädchen — sie erinnerte an eine belebte Statue — aber, Sie sehen, sie ist fast ganz vergessen gewesen, sie war nur kurze Zeit in meiner Praxis aufgetaucht, ich behandelte einen Angehörigen von ihr. Ueber das „guten Tag" sagen ist es nicht hinausgekommen, auch war das Interesse nur auf meiner Seite." Sie spielte mit einem Kaminfächer, einem kleinen Meisterwerk der Miniaturmalerei, unter dem ein berühmter Name stand. „Und nun gehört Ihr Herz der Wissenschaft, den Kranken, der ganzen Menschheit —" „So sollte es eigentlich sein," meinte er, aufstehend. Die Uhr zeigte seine herannahende Sprechstunde. Ihre Finger waren kalt, als sie dieselben in die seinen legte. „Grüßen Sie mir Ihre Mutter, obwohl wir so verschieden sind. Es wird schon irgend etwas geben, wo unsere Meinungen sich begegnen — irgend ein Gebiet oder eine Ansicht- zum Beispiel bei der, daß Sie ein sehr verständiger Mensch sind." „Das unterschreibt Frau Anna Hallsberg nicht bedingungslos," erwiderte er. Als sich die Thür hinter ihm geschlossen, ließ sie den Fächer achtlos aus den Händen gleiten. Wie sonderbar er gefragt hatte, ob sie an die große Liebe glaube! Bah — das Märchen, der Kinderglaube! * * * Als die Kubaitz, den Federhut auf, ein dreieckiges Tuch umgeschlagen, die Finger in Handschuhen, die sie nur zu seltenen Gelegenheiten aus der Commode nahm, durch den großen Garten schritt, welcher die Lundsche Billa umgab, schüttelte sie mißbilligend den Kopf. „Nee, solch ein Reichthum! Das ist garnicht möglich, daß den ein Mensch allein bewegen kann. Was blos man das Grundstück kosten muß." Als sie die Klingel zog, dachte sie wieder an einen Ausspruch ihres Seligen. „Das Eisen schmieden, so lang es heiß ist! Die Pfoten kann man sich ja freilich dabei wohl verbrennen, aber, das heilt wieder." Ja, in der Flottwellstraße schmiedeten sie ihr das Eisen lange nicht heiß genug. Sie hatte gegen die Schwester ihre größte Mißbilligung aussprechen müssen, als sie gestern gekommen war, um zu hören, was die gehört und gesehen. „Gar nichts," hatte die Henzen gestehen müssen, ganz flüchtig war nur der Doctor dagewesen und hatte nach dem Jungen gesehen, Henzen aber, von dem war zu erzählen. Der' machte sich einen guten Tag und saß meistens vorn in der Destille und hatte, als er betrunken nach Hause kam, behauptet, solch ein wundervolles Frauenzimmer, wie die Ida, die dort hinter dem Schreibtisch stehe, sei in ganz Berlin nicht zum zweiten Male. Die könnte auf einen rechten Witz eine rechte Antwort geben. 295 „Kubaitzen," hatte die Henzen wehmüthig geschlossen, „er is nun all die vielen Jahre ordentlich und treu gewesen und die Tassen haben gehalten. Aber gestern, wie ich man blos die mit den Vergißmeinnicht in die Hand nehme und sie abputzeu will, da bricht der Henkel ab. Kubaitzen, das hat was zu bedeuten. Und ich bin 'ne unglückliche Frau und lege mich ins Bett, denn ich kriege meine Brustschmerzen wieder." „Leg Dich man hin, Henzen," hatte sie gerathen, „und das Andere bringe ich in Ordnung, das laß man sein. Dein Dienstmann, ach Du mein Güte, der kriecht in ein Mauseloch vor mir. Laß ihn man Witze machen, ich kann auch welche. Und den hat das Mädchen zum Besten, das hat doch einen Bräutigam und wenn sie genug gespart hat, so heirathen sie sich auch. Die Ida macht Dir den alten Weltbürger nicht abspenstig, — aber zu viel Geld soll er nicht aus dem Hause tragen, das ist der schlimmste Witz, das sage ich." Auf das Zeichen, das sie kaum gegeben, flog die Thür der Villa auf. Sie sah dem kleinen Groom mit den feinen Strümpfen über den prallen Waden freundlich ins Gesicht. „Ich will die Gnädige sprechen!" Der Bursche veränderte keine Miene. „Ich weiß nicht — ich glaube nicht —" „Na ob," sagte sie und befreite ihre Arme von dem Tuch. „Ich habe sie doch eben da hinter den geblümten Vorhängen stehen sehn! Man keine Flausen, ich kenne sie doch — und sie kennt mich, ich heiße Kubaitzen." „Das ist noch kein Beweis, ob die Frau Consul," das Stümpfnäschen reckte sich bedeutend höher, „zu sprechen ist." „I — na, das kann ich ganz genau sagen, sie is es!" Damit löste sie auch die große Schutznadel, welche das schwarz und weiß karrirte Tuch über der Brust zusammenhielt. „Heben Sie man Ihre Beine auf und laufen Sie een Bischen, damit Sie nicht auf dem Fleck da anwachsen. Das könnte doch een Malheur geben. Für mich is sie zu sprechen, die gnädige Frau — sagen Sie, die Kubaitz, hergeschickt vom Herrn Doctor Hallsberg." Sie blickte so resolut, daß sich Toni, anschickte, ihren Wunsch zu erfüllen, auch schon deshalb, weil der laute, ordinäre Klang ihrer Stimme in diesem stillen Hause etwas Ungewöhnliches war. (Fortsetzung folgt.) Der gute Geist. „Station Elbersburg, Wagenwechsel in der Richtung nach Langenau — eine halbe Stunde Aufenthalt" riefen die Schaffner, und einem Abtheil erster Klasse entstieg ein älterer, hochgewachsener Herr, dem der lange, der starken Kälte wegen festzugeknöpste Pelzrock ein vornehmes Aussehen verlieh. Eine kleine, elegante Reisetasche behielt er, die Anerbieten der Packträger gemessen abweisend, in der Hand und drängte sich nicht ohne Mühe durch die Menge der zahlreich mit ihm eingetroffenen Passagiere zum Restaurationssaal. Dieser, nicht übermäßig groß, war schon ziemlich'gefüllt, es gelang dem Fremden kaum, noch einen kleinen Tisch in einer Ecke für sich zu erlangen, wo er sich alsbald behaglich einrichtete. — Geschäftig liefen die Kellner hin und her, die ihre verschiedenartigsten Wünsche mehr oder weniger laut äußernde Menge zu befriedigen; endlich erfaßte der alte Herr einen der ihm nahekommenden dienstbaren Geister am Frackzipfel. „Was befehlen Euer Gnaden?" „Eine Tasse Bouillon, aber etwas plötzlich — viel Zeit habe ich nicht." „Sollen sofort bedient werden" und der Eisenbahnganymed stürzte fort. — Nicht lange, so stand der dampfende Trank vor dem Gaste; mißtrauisch rührte der Herr in der dünnen Brühe, kostete davon einige Löffel und sagte: „Br, das ist ja klares Waffer. Wie können Sie mir nur so etwas vorsetzen. Miserable Bouillon, soll der Herr Wirth selber trinken — ich nicht." Verblüfft blieb der Kellner stehen. „Was stehen Sie denn da, als ob Sie angewachsen wären. Richten Sie, was ich gesagt, nur an Ihren Principal aus, haben Sie keine Angst. Verstanden?" Der dienstbare Geist verschwand. „Ich hätte mir etwas Anderes bestellen sollen, murmelte der Fremde — vielleicht ein Glas Port oder Xeres . . . wie schnell und gründlich man nur bei dem Wetter durchkältet wird." Er zog den Pelzrock fester zu und sah mißvergnügt vor sich hin.-- Mit zornigen Mienen schritt der Bahnhofwirth durch das Local. „Dieser Herr", sagte der Kellner, der ihm folgte und wies auf den Gast, seine Schadenfreude, daß der Fremde von der Mißbilligung des Gekränkten, die er bereits hatte durchkosten müssen, nun auch sein Antheil abbekäme, kaum verhehlend. Mit einem effektvollen Bühnenschritte, die linke Hand auf dem Rücken, die Rechte in dem bis oben zugeknöpften Rocke verborgen, wie man es bet altmodischen Standbildern häufig sehen kann, trat er vor seinen Gast. Unwillkürlich imponirte ihm dessen Erscheinung und das zwang ihn, seine Berserkerstimmung um einige Grad herabzumildern. Aber etwas mußte geschehen, er räusperte sich, setzte mehrere Male an und begann endlich: „Mein Herr . . ." „Was beliebt?" und dabei sah der Fremde den Zornigen ruhig an, sich lächelnd über den langen, grauen Bart streichend. „Mein Herr! Sie haben sich erlaubt, meine Frühstücksbouillon schlecht zu finden. — Ich muß Ihnen sagen, meine Bouillon ist gut und wenn Sie das Gegentheil behaupten, so find Sie . . ." „Nun was denn? Wenn ich bitten darf . . ." „Ein Mensch, der nichts versteht" platzte der Wirth heraus. „Ei ei, das ist ja amüsant." „Nichts da, amüsant, zum Donnerwetter." „Ruhig, nur ruhig, mein lieber Chef" und wieder strich der alte Herr den Bart und nickte dem Andern freundlich zu. „Der Tausend! daß ich Sie doch nicht gleich erkannte! Entschuldigen Sie, Herr Beckers — aber wie konnte ich auch gerade an Sie denken." „Hat gar nichts zu sagen, Herr Jonas, oder, wie ich Sie wohl jetzt nennen muß, Herr College, da Sie sich selbstständig gemacht haben . . ." „Zuviel Ehre wehrte der Andere ab, Ihr großes Hotel und meine kleine Bahnhofrestauration . . ." „Ich habe noch kleiner angefangen und darauf bin ich stolz. Sie können es ebensoweit bringen, wenn Sie es beim richtigen Ohr anfassen und Sie haben das Zeug dazu." — „Wie geht es Ihnen denn sonst?" „O danke, ich kann nicht klagen, es macht sich, freilich bis zu dem, was Sie geworden sind, habe ichs noch wett . . ." „Nur ruhig, mein lieber Chef, Sie sind ja noch jung; Eile mit Weile!" Beide lachten in der Erinnerung an die Thätigkeit Jonas' als Chef in Beckers großem Gasthofe. „Nehmen Sie es nicht Übel, Sie sind doch noch immer der Alte und wie es Ihnen geht, brauche ich eigentlich gar nicht zu fragen, denn . . ." „Ja, jünger geworden bin ich in der Zeit just nicht, ich denke mich so langsam vom Geschäft zurückzuziehen, um es meinem Sohne zu übergeben. — Es ging doch damals manchmal recht lustig zu. Die Krone Ihrer tollen Streiche ! aber war und bleibt, daß Sie einer Küchenelevin eine Liebes- - 296 - erklärung machten und darüber den ganzen Hammelbraten haben verbrennen lassen. Es war zu komisch." „Und doch hat uns der Braten zusammengebracht . . ." „Wir kamen darüber auseinander, ich trage Ihnen den Verlorenen nicht nach, Friede seiner Asche! Zum Zeichen der Versicherung sollen Sie mir aber gleich eine gute Bouillon besorgen." „Eine bessere kann ich hier nicht machen, achselzuckte Jonas, mir stehen nicht die Fonds und Glacss einer so großen Hotelküche wie die Ihrige zur Verfügung, wo das Fleisch gleich mit Viertel-Centnern hereinkommt- der Betrieb ist nur klein und da heißt es sich einrichten und sparsam sein. Ich könnte die Bouillon ja wohl mit Couleur oder etwas dergleichen dunkler färben, dann würden viele Leute sie schon für kräftiger halten." „Herr College, fuhr Beckers auf, so dürfen Sie mir nicht kommen. Gehen Sie zum.....mit Ihrer Couleur! — Was Sie Ihrer Brühe zusetzen müssen, ist Inhalt und Kraft, nicht irgend was, um die Geschmacksnerven über die Gehaltlosigkeit des warmen Wassers hinweg zu täuschen .... Fleischextract!" „Das würde mir eine theuere Geschichte, da sollte ich weit kommen." Beckers lächelte. „Mein Lieber, das verstehen Sie nicht, ich kann Ihnen auch jetzt keine lange Rede darüber halten, denn in zwanzig Minuten geht der Zug — lassen Sie mir vorerst ein Glas Morgenwein, aber guten, zukommen und ein Caviar- schnittchen." Jonas ließ es sich nicht nehmen, den früheren Principal selbst zu bedienen, lehr zum Erstaunen seiner Kellner. Er füllte auch ein Glas für sich und stieß mit dem Gaste an. „Ein guter Tropfen und so schlechte Bouillon," scherzte der Hotelier, „haben Sie denn nicht mehr gelernt bei mir als das? Da hatten Sie doch den guten Geist der Küche, den Liebig, stets bei der Hand und wußten ihn mit Nutzen zum Verbessern der Saucen u. s. w. zu verwenden. Heh?" „Das ist auch ganz etwas Anderes, da brauchte ich auch nicht zu fragen was es kostete. Mir steht keine so wohl sundirte Küche mehr zur Verfügung, es heißt sich einrichten und alle unnöthigen Ausgaben vermeiden." „Du himmlische Güte! Da sparen Sie ja gerade am unrechten Ende. Ich sollte denken, ein Mann wie Sie, und ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, Sie waren einer meiner besten Chefs, müßte das doch einsehen können." Wenn Sie Ihren Gästen so etwas vörsetzen, erweisen Sie ihnen keinen Dienst und nützen Ihrer Wirthschaft damit auch nicht, das ist klar. Ueber ein bestimmtes Quantum Fleisch dürfen Sie aber auch nicht hinausgehen, denn wollten Sie solche Quantitäten einkaufen als nöthig sind, um eine gute Bouillon herzustellen, so wüßten Sie mit dem gekochten Fleische nachher nicht aus noch ein. Da bietet uns der Liebig das einzige Mittel, diese Frage spielend zu lösen. Das Extract ist, wie Sie wissen, eingedickte Fleischbrühe, der man, um sie haltbar zu machen, die Fett- und Leimstoffe rc., die sich leicht wieder ersetzen lassen, entzogen hat. Es enthält also die löslichen Bestandtheile, also das, was den Hauptwerth der Fleischbrühe ausmacht, in concen- trirter Form. Wenn Sie also weniger Fleisch verkochen und das Ihrer Suppe Fehlende durch Exrract ersetzen, so haben Sie eine Bouillon, wie sie Niemand besser verlangen kann und Sie halten das sonst überflüssig verbrauchte Fleisch zu nützlicheren Zwecken übrig. Die Sache ist ein einfaches Rechenexempel. Sie wissen, daß 1 Pfund Extract herzustellen, 40 Pfund des besten Ochsenfleisches verbraucht werden, und zwar eine Qualität, wie wir sie hier gar nicht kennen, denn das freilaufende Vieh drüben hat einen ganz anderen Stoff an sich als das unsrige, in dumpfen Ställen mit Schlempe und anderem Abfall gemästete . . . ." Der alte Herr Beckers machte jetzt eine Pause und feuchtete die trocken gewordene Zunge aufs Neue an. „Sie haben in gewissem Sinne ja Recht, meinte Jonas, aber — es wird mir doch zu theuer." „Sie möchten das Extract wohl am liebsten geschenkt haben — ich auch, aber das geht nun einmal leider nicht. Wenn Sie übrigens bedenken, daß es die besten Säfte und Kräfte des Fleisches enthält und gramm- und theelöffelweise zur Verwendung kommt, wo man sonst ganze Pfunde frischen Fleisches verbrauchen müßte, so werden Sie das Gesagte voll und ganz bestätigt finden." — — „Richtung Langenau, einsteigen" rief der Bahnhofportier, Beckers verzehrte schnell den Rest fernes Caviarschnittchens und trank aus. „So schnell vergeht Einem die Zeit." „Sie haben noch zehn Minuten." „Das ist nicht lange. Also mein lieber Chef, es hat mich sehr gefreut, Sie wiederzusehen, ich wünsche Ihnen Alles Gute und mit der Bouillon — da machen Sie es einmal, wie ich gesagt habe, Sie werden es nicht zu bereuen haben." „Ich wills, und wenn Sie zurückfahren, Sie kommen doch dieselbe Strecke, nicht wahr ....?" „Jawohl". „Dann sollen Sie schon mit mir zufrieden sein. Den guten Geist der Küche werde ich nicht vergessen." Hrrniomstrsehes. Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Vierteljährlich Mk. 1,30, Einzelnummer 10 Pfg. — Enfant terrible. Besucherin: „Ein arrogantes Mädchen, Ihre Köchin!" — Hausfrau: „Ja, ja; ich hätte ihr auch schon längst gekündigt, aber ..." — Söhnchen: „. . . sie hat noch für sechs Monate den Lohn zu kriegen! Nicht wahr, Mama?" — Nach demProgramm. Tourist: „Sagt einmal, Huber, was ist denn da drinnen für ein Heidenspectakel?" Huber: „O, die feiern alleweil den Jockel fei' silberne Hochzeit, und da soll halt alles so hergeh'n wie vor fünfundzwanzig Jahren — jetzt sind s' beim Raufen." — Unglück wird stets als Bestimmung betrachtet, Glück als selbstbereitet. Man muß der Wahrheit Schellen umhängen, um sie volksthümlich zu machen. — Unbedacht. Wirth (entrüstet): „Wie, eine Mark ist Ihnen zu theuer sür den Hasenbraten?" . . . „Sie denken wohl, bei uns klettern die Hasen nur so zum Dachfenster herein?" * * * Gescheidt. Fräulein: „Woran ist denn Ihr Mann gestorben?" — Maurerswittwe: „Der Arzt meinte, seine Adern seien verkalkt gewesen." — Fräulein: „Also ist er ein Opfer seines Berufs geworden." * * * Garantie. Fremder: „Morgen müssen Sie mich aber um sechs Uhr aus dem Bett treiben; lassen Sie sich also unter keinen Umständen abweisen!" — Wirth: „Darüber seien Sie nur unbesorgt — ich komm' mit der Rechnung!" * * Möglich. Friseur: „Die Abonnementskarte ist zu Ende, Herr Hupfer, soll ich eine neue aussteöen?" — Abonneent: „Jawohl! Die abgebrauchte aber geben Sie mir! Vielleicht kommt einmal die Zeit, wo man auch solche Karten sammelt." * * * Zerstreut. „Herr Professor haben soeben aus einem fremden Glas getrunken!" — „D'rum wunderte ich mich so, daß ich noch nicht leer halte, trotzdem ich schon zwei Mal ausgetrunken habe!" Redaction: E. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brtthl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.