ri »SS ;! 1 K 'iWFl !-Wj- 2J tiller und bescheid'ner Fleiß Ziert den Mann, der tüchtig; Meist jedoch kriegt Der den Preis, Der nichts thut, als — wichtig! Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) Befangen waren sie einander entgegengetreten,- Jeder glaubte sich gegen den Anderen schuldbewußt, nicht lange waren sie aber beisammen, da gelangte die alte Kindersreund- schäft wieder in ihre Rechte, und sie plauderten so harmlos und vertraulich miteinander, als wäre Adolf noch der Gymnasiast und Meta das kleine Mädchen mit den kurzen Röcken und den langen, goldblonden Zöpfen. Auf einem langen Spaziergang durch den Park vertraute ihr Adolf, trotz des strengen Verbotes seines Vaters, daß er heimlich mit Anna Holten verlobt sei, und sie erwiderte dieses Geständniß dadurch, daß sie ihm die eigentliche Veranlassung zu ihrer Reise, ihre Liebe zu Stephan Holten, bekannte und sich weinend über die Grausamkeit ihres Vaters beklagte, der davon nichts wissen wollte und den Geliebten schroff abgewiesen hatte. Adolf horchte auf. Also war an dem Gerüchte doch etwas Wahres! Es war ihm, als sein Vater so sehr in ihn gedrungen, einen Besuch in Waldhof zu machen, die Befürchtung aufgestiegen, der schlaue Alte, dem es mit der Einwilligung in seine Heirath mit Anna nicht Ernst sei, F auf eine Ueberrumpelung abgesehen. Nun waren diese Besorgnisse zerstreut und die Genugthuung half ihm sogar darüber hinweg, daß Metas Erwählter, trotzdem er Annas Bruder, doch wenig nach seinem Sinn war. Er vermochte es sogar über sich, ihr Muth zuzusprcchen. Ihr Vater habe ja zuletzt ihr immer den Willen aethan, sie solle nur fest bleiben, er werde schon nachgeben, wenn er sehe, daß er mit ihr nicht anders durchkomme. Jubelnd war ihm Meta um den Hals gefallen und hatte ihn zum Dank für diesen Zuspruch tüchtig abgeküßt, dann aber traurig gesagt: * ' „Ach, Adolf, wenn er nur nicht gerade ein Arzt wäre, Du weißt doch, welche Abneigung der Vater gegen diesen 5 ^are er freilich nicht Arzt, würden wir uns ? f° gelernt haben," fügte sie schon wieder i ^chelnd hinzu. „Ich habe ihn schon gefragt, ob er nicht mir zu Liebe umsatteln wollte." „Er könnte ja Landwirth werden und Waldhof über« nefltnen, damit die schöne Pachtung nicht in andere Hände HE Adolf darauf geantwortet, ehe MEaber ^6er .bJ^en Uschlag äußern konnte, hatte sich der Amtsrath zu ihnen gesellt und sie mit ins Schloß ae- genommen, wo das Mittagsmahl ihrer wartete. . ., ®_rft war Adolf den als Gäste auf Waldhof wellenden Damen vorgestellt worden und er hatte staunend vor Carola Münter gestanden. Es waren ihm schönere, anmuthigere Mädchen vorgekommen, er gestand sich, daß Anna einen Liebreiz besaß, dessen diese junge Dame ent- behrte, aber ihre Erscheinung war von einer Eigenartigkeit, die so leicht Niemand vergaß, dem sie einmal begegnet war' n, Mi es in ihrer Absicht lag, sich vorzudrängen und auch ohne daß es nur den Anschein davon gewann, hatte Carola übende Element der kleinen Tafelrunde 4e6tI&et* fesselnder Weise hatte sie von lhren Erlebnissen tn Petersburg und auf den Gütern der russiichen Fürstenfamilie, in deren Mitte sie fünf Jahre ver- lebt, erzählt, und später auf Veranlassung der Mutter mehrere der werthvollen und originellen Andenken, die sie von dort mitgebracht, herbeigeholt. Sie war mit ihren beiden Zöglingen und deren Eltern in Frankreich, England und ? ? ™ Aw.es.e"/ sp^ch, wie aus gelegentlichen, ihr ganz selbstverständlichen Aeußerungen hervorging, die Sprachen ^s" Lander, und sang mit einer wohl ausgebildeten Sopranstimme russische und deutsche Volkslieder und italienische . n^?^'"uschl hatte Adolf Göbener sich an jenem Abend von Waldhof nach Rapshagen auf den Weg gemacht, und als .b°rt Anna, die gerade Schlachttag gehabt, mit noch aufgestrelften Aermeln, aufgestecktem Rock, eine weite, blaue Schürze um die Taille gebunden, im Hausflur entqeaen- getreten war, hatte er die Empfindung gehabt, als sei er aus emer Landschaft voll üppiger Farbenpracht und warmer Beleuchtung plötzlich auf ein Feld versetzt worden, wo freundlich aber einförmig Küchenkräuter wachsen. Schon an dem Tage, wo er Anna in ihrem Zimmer ausgesucht und ihr verkündet hatte, daß sein Vater ihrem Bunde nicht länger feindlich gegenüberstehen wolle, war eine leise Ernüchterung über ihn gekommen, die er sich jedoch lange selbst verhehlte. Sie war ihm seiner über- 162 strömenden Freude gegenüber doch gar zu verständig und hausbacken erschienen und am wenigsten hatte ihm die Aufnahme gefallen, welche das sonderbare Verlangen seines 1 Vaters, ihr Leben zu versichern, bei ihr gefunden. Elgent- ) lich hätte er ihr dankbar sein müssen für die gute Art, wte . sie es auffaßte, aber das Gegentheit war der Fall, es hatte I darin etwas gelegen, wodurch sein Feingefühl verletzt worden war und worüber er nicht ganz hinauskommen konnte. Adolf hatte diese Empfindung niedergekämpft, aber er fühlte sie wieder und in verstärktem Maße in sich aufsteigen, als er Anna in die erleuchtete Wohnstube folgte, wo sie seiner Mutter mit dem Ernst und der Wichtigkeit, die einem solchen Ereigniß in der Landwirthschaft gebührt, von den Ergebnissen des heutigen Schlachtfestes berichtete. Sie war dabei hold und lieb wie immer und er hatte sie ost genug gerade durch dieses gänzliche Aufgehen in die häuslichen Geschäfte, reizend und begehrenswerth gefunden. Heute aber hatte er einen anderen Klangin Ohr und Herzen- mit einem leifen Schauer gestand er sich die Beschränktheit ihres Blickes, die Gebundenheit ihrer Anschauungen ein. Auch früher war er dafür nicht blind gewesen, da war aber die Weltfremdheit und Unwsisenheit des jungen Geschöpfes nur ein Reiz mehr, und wahrlich nicht der geringste, in seinen Augen geworden. Er hatte sich ausgemalt, wie er ihren Gesichtskreis erweitern, ihren Geschmack bilden, ihren Sinne erschließen wolle für all das Schöne und Erhabene, was die Welt zu bieten hat. Er hatte ihr Bücher gebracht, in denen sie in jeder Mußestunde las und über welche er mit ihr sprach und er hatte sich eingebildet, schon Fortschritte an ihr zu bemerken. Jetzt überkam ihn plötzlich eine große Muthlosigkeit. Es wollte ihn bedünken, als sei jede Mühe vergeblich, lange Versäumtes nachzuholen- ja er fragte sich, ob bei Anna die Vorbedingungen vorhanden, welche für das Gelingen eines solchen Bildungswerkes doch unerläßlich sind. Nicht an jenem Tage waren ihm alle drese Zweifel gekommen, sondern langsam, allmälich und sie hatten sich verstärkt nach jeder Begegnung mit Anna, nach jedem Wiedersehen mit Carola Münter. Je näher er die Letztere kennen lernte, desto ungünstiger fiel der Vergleich für, Anna aus, und er hatte sie während der letzten Monate ziemlich oft gesehen. . Der Amtsrath Wenzel hatte nicht den Wunsch, wahrend der Abwesenheit seiner Tochter eine lebhafte Geselligkeit zu pflegen und seine Cousine, wie Carola stimmten ihm darin vollkommen bei, er war jedoch zu billig denkend, um dem jungen Mädchen jeden Verkehr mit Altersgenossen abschneiden zu wollen und hatte deshalb Adolf Göbener dringend eingeladen, so oft es seine Zeit erlaube, nach Waldhof zu kommen. Der Letztere hatte bei jenem Abschiedsbesuch, den er Meta gemacht, seinen besonders guten Tag gehabt und Allen gefallen, besonders aber Carola. Dem Amtsrath, der, wenn er wollte, ein recht feiner Beobachter sein konnte, war dies ebenso wenig entgangen, wie daß der Eindruck ein gegenseitiger und bei Adolf wohl noch ein viel stärkerer sei, und merkwürdigerweise war ihm die Lust gekommen, hier ein wenig Vorsehung zu spielen. Er hatte gegen Adolfs Persönlichkeit durchauv nichts einzuwenden, man nannte ihn tüchtig in seinem Fache und als Sohn eines anerkannt reichen Mannes mußte ihm früh oder spät ein ansehnliches Vermögen zufallen, er konnte seiner zukünftigen Gattin eine nach allen Seiten gesicherte und angenehme Stellung bieten. Die Bedenken wegen der nahen Verwandtschaft mit dem alten Göbener, die er im Falle der Heirath seiner eigenen Tochter mit Adolf gehabt hätte, fielen bet Carola weg, und zu alledem kam, daß er sich dem jungen Mann gegenüber ein wenig wie ein Schuldiger vorkam. Man hatte ihn doch lange in der Hoffnung gewiegt, daß er Metas Hand erhalten sollte und war ihm einen Ersatz schuldig, schon wegen der guten Art, mit welcher er die Sinnesänderung der jungen Dame hingenommen hatte. Amtsrath Wenzel war weit entfernt davon, zu ahnen, daß und bei wem Adolf diesen Ersatz schon längst gefunden hatte. Hätte ihn selbst Jemand darüber aufgeklärt, so würde er ungläubig den Kopf geschüttelt haben, denn Anna Holten wäre ihm, nach Allem, was er von ihr kennen gelernt, durchaus nicht als das Mädchen erschienen, zu welchem Adolf eine so tiefe Liebe fassen könne, um es ihretwillen auf einen Eonflict mit dem Vater ankommen zu lassen. Viel stärkeren Zweifeln wäre -allerdings noch die Mittheilung begegnet, der alte Göbener hätte seinem Sohn erlaubt, das arme, nach seiner Auffassung bei ihm das Gnaden- brod essende Mädchen zu heirathen. Befürchtete er jedoch, falls sein Plan mit Carola greifbare Gestalt annehmen sollte, ihrer Vermögenslosigkeit halber den Widerstand des Alten, dem er nur durch eine angemessene Aussteuer zu begegnen hoffte. Es kam jedoch Niemand, welcher den Bewohnern von Waldhof eine solche Kunde gebracht hätte, und so überließ sich der Amtsrath seinen Zukunftsplänen und Carola gab sich ohne solche practische Erwägungen ganz einfach und naturgemäß dem Wohlgefallen hm, das Adolf ihr einflößte. Das Geheimniß wurde gewahrt, obwohl Adolfs Geschwister doch darin eingeweiht worden waren. Das Ueber- aewicht des Alten war viel zu stark, als daß Jemand gewagt hätte, seinem bestimmt ausgesprochenen Willen entgegen zu handeln, zumal man fürchten mußte, ihn dadurch zu veranlassen, die gegebene Erlaubniß zurückzunehmen. Man traute in dieser Beziehung dem Frieden ohnehin nicht, da Goebeners Handlungsweise gar nicht recht mit seinem sonstigen Character in Einklang zu bringen war. Auch Doctor Holten wußte oder ahnte vielmehr rote Die Dinge lagen, abgesehen davon, daß er der Letzte gewesen wäre, durch welchen der Amtsrath hätte davon erfahren können, war er viel zu stolz und fühlte er sich viel zu tief verletzt, um sich den Anschein zu geben, als sei er von einer Angelegenheit unterrichtet, die ihn so nahe anging und in die man ihn doch nicht eingeweiht hatte. Da er nicht mehr nach Rapshagen kam, hatte er die Schwester seit Monaten nicht gesehen- sie wagte, eingeschüchtert durch den Alten, ihm kaum einen Gruß oder ein Paar Zeilen zu senden und so war eine leichte Entfremdung zwischen den Geschwistern eingetreten. , , ra Am strengsten wurde jedoch seit einiger Zeit das Ge- heimniß von Adolf Göbener selbst gewahrt — so streng, daß er am liebsten für sich selbst ein solches daraus gemacht hätte, und nicht ohne Bangen dachte er der Möglichkeit, sein Vater könne plötzlich anderen Sinnes werden und die Verlobung veröffentlichen wollen. Amtmann Göbener konnte sich jetzt nicht mehr darüber beklagen, daß sein Sohn allzuhäufig Gast in Rapshagen sei. Dringende Arbeiten vorschützend, lleß er sich nur selten und auf kurze Zeit int Elternhaufe sehen und war, wenn er sich dort aufhielt, von so wechselnder, ungleicher Stimmung, daß es seiner Mutter bald ausfiel und sie sich und ihn mit der Besorgniß quälte, es möchte mit seiner Gesundheit nicht gut bestellt sein. „ . Sie wäre nie auf die Ursache für sein verändertes Weisen gekommen. Wie hätte die gute, ehrliche Frau den Gedanken saffen können, ihr vergötterter Sohn habe dem Mädchen, das sie tote ihre leibliche Tochter liebte, um dessen Besitz er mit allen Kräften gerungen, bereits wieder tm Herzen die Treue gebrochen. „ . Fndeß „was kein Verstand der Verstandtgen dem ; einfachen, kindlichen Gemiithe Annas war der wahre Zustand ihres Verlobten nicht ein solches Buch mit sieben Siegeln : geblieben. Hatte sie seinem Liebeswerben doch nnr sehr : langsam und zagend Gehör gegeben, nicht nur aus Furcht , vor dem alten Göbener, sondern im Gefühl der eigenen . Nun sie ihm aber einmal ihr Herz geschenkt hatte, h:ng . es an ihm mit unzerreißbaren Banden und je weniger sie 163 im Stande war und sich getraute, ihrer Empfindung einen lebhaften, leidenschaftlichen Ausdruck zu geben, und so tief waren sie. Anna machte Adolf nie einen Vorwurf über sein seltenes Kommen, wie über sein verändertes Wesens sie 1 fragte nicht und forschte nicht, was und wer sein Herz von i ihr gewendet hatte, es war genug, daß sie es verloren hatte. * Sie begegnete ihm fortdauernd mit der gleichen ; Liebenswürdigkeit, duldete seine Liebkosungen, wenn er ihr - solche spendete, erwiderte sie in ihrer schüchternen Weise und war bemüht, ihn durch ihr Geplauder zu unterhalten — dieses Geplauder, das ihm einst so süß geklungen und das ihm jetzt so schal und inhaltsleer erschien. Es fiel ihr auch nicht ein, daß es in ihrer Hand liege, l das noch so wenig feste Band zu lösen und ihm seine Freiheit zu geben. Sie war gebunden, sie hatte zu warten und sich zu bescheiden, und geduldig wie das Lamm, das man zu der Schlachtbank führt, erwartete sie den tödtlichen Streich, der ihre Liebe und ihr Herz treffen sollte. Adolf hatte keine Ahnung von dem, was im Innern des äußerlich so ruhigen und gleichmäßigen Mädchens vorging. Durch kleine Geschenke, die, er ihr bei jedem Besuch mitbrachte, durch eine Zärtlichkeit deren Gemachtheit und Unwahrheit fie nur zu wohl erkannte, suchte er sich vor l seinem Gewissen loszukaufen. Röthete sich dann ihre Wange, i nahm ihr Auge einen ihm sonst fremden feuchten Glanz an, i h hielt er sie für glücklich und überredete sich, daß er ja kein Unrecht gegen sie begehe und fest entschlossen sei, ihr die Treue zu halten. War das nicht genug, nein mehr als von einem Menschen mit heißem Herzen und aufgeschlossenen Sinnen zu verlangen war? Er hielt sich für einen Märtyrer, für einen unglücklichen Sclaven seines Wortes und bemerkte darüber nicht, daß Annas Wangen immer schmäler und blässer, daß ihr Gang und ihre Bewegungen matter wurden, das sanfte Licht ihrer Augen wie von einem Thränenschleier verhüllt war. Auch Frau Göbener merkte nichts, denn sie nahm sich in ihrer Gegenwart mit übermenschlicher Kraft zusammen, und wenn der Amtmann, dem so leicht nichts entging, auch sah und hörte, so hütete er sich, etwas zu sagen, da Anna ihre Arbeit that. Seine Töchter waren lange nicht in Rapshagen gewesen l und ebenso wenig vor Anna zu ihnen gekommen. So gab \ es denn keine Zeugen ihres Leids als der Papagei, dessen ! Lieblingsruf jetzt der Refrain eines Gedichtes war, das Anna in einer Zeitschrift gefunden hatte und oft unter Thränen las: „Er liebt nicht mehr! Er liebt nicht mehr!" (Fortsetzung folgt.) Die schwarze Perle. Von Hugo Klein. ------- (Nachdruck verboten.) ! „ . . . Die Heldin meiner Geschichte/' sagte der ! Juwelenhändler, indem er sich eine Cigarette anzündete, i „ist eine Perle, und zwar eine tiefschwarze Perle von über- i raschender Größe und seltenem Glanz. Ihre Kostbarkeit j läßt sich schwer in Ziffern ausdrücken." Es sind nun gerade zwanzig Jahre her, da trat eines i Morgens ein junges Mädchen in einen großen Juwelenladen t in der Hartengasse zu Budapest. Ihre Kleider waren seltsam ; ungeschickt angefertigt, auf dem Kopfe trug sie einen Hut von - schreienden Farben, in der Hand einen großgeblumten Sonnen- j schirm aus alter, vergilbter Seide. Man merkte dem Mädchen auf zehn Schritte die „Landpomeranze" an. > Mochte wohl irgend ein kleines Silber-Armband mit dem emaillirten Worte „Souvenir" als Andenken an die Reise ; nach der Hauptstadt kaufen wollen oder dergleichen. Sie sah so simpel aus trotz ihrer hübschen schwarzen Augen und der Grübchen in dem rothbackigen Gesichte, daß sich weder der Chef noch sein Commis veranlaßt fühlten, ihr auch nur einen Sitz anzubieten. Das junge Mädchen schien aber diese Mißachtung gar nicht zu bemerken, ließ sich ruhig in dem kleinen roth- sammtenen Fauteuil nieder, welcher für die noblen Kunden des Ladens in Bereitschaft stand, kramte dann in ihrem Gretchentäschcheu herum und zog schließlich einen sorgsam in Seidenpapier gehüllten Gegenstand von dort hervor. Langsam schälte sie diesen Gegenstand heraus, winkte dann den Chef der Firma näher und hielt ihm zwischen Daumen und Zeige finger ein großes, rundes Etwas entgegen. „Was ist das werth?" fragte sie mit jugendlich melodischer Stimme. Der Juwelier nahm den Gegenstand, sichtlich gespannt, aus der Hand der Fremden. Es war die erwähnte Perle, von einer Schönheit und Pracht, daß der Mann seinen Augen kaum traute. An einem Punkte hatte sie einen kaum merklichen Defect. Der mochte Wohl von einer Spange oder Schlinge herrühren, aus welcher die Perle genommen war. „Die Perle hat einen Fehler," sagte der Juwelier. „So!" sagte die Fremde gedehnt, indem sie sich vorbeugte, um die kleine Verletzung des Kleinods zu betrachten. Der Juwelier faßte das Mädchen genau ins Auge. Ihr Erstaunen war ganz aufrichtig, nicht die geringste Heuchelei lag darin. Sie war keine Kennerin. „Woher haben Sie die Perle?" fragte nun der Mann. „Das ist wohl gleichgültig," erwiderte das junge Mädchen lächelnd. „Uebrigens ... ich bin Besitzerin eines kleinen Pfandleihgeschäftes in der Provinz, das ich von meinem Vater geerbt habe Eine hohe Herrschaft will den Schmuck bei mir versetzen. Sie verlangt viel dafür. Sagen Sie mir, was die Perle Werth ist, und ich will Sie für Ihre Mühe bezahlen." „Ich kann die Perle nicht schätzen," sagte der Juwelier, indem er sie bewundernd betrachtete. „Warum nicht? Warum können Sie die Perle nicht schätzen?" fragte das Mädchen ein wenig ärgerlich. „Ich will Sie ja für Ihre Mühe entschädigen!" „Gut, gut," beeilte sich der Manu begütigend zu sagen. „Ich wollte damit nur andeuten, daß die Perle unschätzbar, weil sehr selten ist." Das junge Mädchen überlegte einen Augenblick, indem sie den Mann prüfend betrachtete. Dann fragte sie: „Kann ich darauf zweitausend Gulden leihen?" „Unbedingt." „Und fünftausend?" „Auch." „Und zehntausend?" Der Juwelier nickte lächelnd mit dem Kopfe. Der Provinzschönen war ganz heiß geworden und sie fuhr sich mit ihrem Tüchelch-n über das Gesicht. Ihre Augen funkelten nun, wie die schönsten Diamanten in dem Laden nicht schöner leuchteten. Sie bat um ein Glos Wasser. Der vorhin erwähnte, respektlose Commis stürzte eilfertig und gefällig mit einem Glase fort. „Und zahlen Sie mir für die Perle die zehntausend, Gulden, wenn ich sie verkaufen möchte — denn ich habe auch dazu die Ermächtigung?" fragte das junge Mädchen, noch immer ein wenig mißtrauisch, ob der Mann keinen Scherz mit ihr treibe. „Nein —" Sie lachte herzlich. „Ah! Da sehen Sie!" rief sie. „Es giebt nur eine Firma in Oesterreich, welche für diese Perle Verwendung hat und sie kaufen dürfte. Es ist die eines Hofjuweliers in Wien." „Können Sie mir die Adresse angeben?" e*i 184 US „Gern." Der Verkäufer schrieb die Adresse auf ein Blatt Papier. Die Fremde dankte freundlich, indem sie es entgegennahm und mit ihrem Kleinod wieder in der Gretchentasche verbarg. Dann trank sie das Glas Waffer, welches ihr der Commis unter Bücklingen darreichte, erhob sich, legte trotz aller Ablehnung einen Gulden als „bescheidene Schätzungsgebühr" auf den Tisch und entfernte sich. Vierundzwanzig Stunden später trat dasselbe junge Mädchen in der nämlichen, in Wien noch befremdlicher erscheinenden Toilette in den Laden des Hofjuweliers auf dem Graben, der ihr bezeichnet worden war. Dort empfing ich die Besucherin — ich war damals als Stellvertreter des Chefs und Geschäftsleiter bei der alten Firma angestellt. Ich sah die Perle — die Verkäuferin stand in gar keinem Verhältnisse zu ihrem Besitze. „Vor Allem, mein Fräulein," sagte ich, „werden Sie so gütig sein, mir zur Polizeidirection zu folgen, um sich dort auszuweisen, wie Sie in den Besitz dieses Schmuckes gelangt sind." Sie richtete einen zornsprühenden Blick auf mich. „Und wenn ich das nicht thue?" rief sie heftig. „Dann müßte ich bedauern, einen Wachmann holen zu müssen, der Sie dahin geleitet." „Gut," sagte das Mädchen, „ich folge Ihnen, wenn das so Sitte ist in Wien, mit Kunden umzugehen . . . Lassen Sie freundlichst einen Wagen holen." Der Wagen war bald zur Stelle. „Die müssen entschuldigen," sagte ich, „aber der Fall —- ein Kleinod von diesem Werth —" „ES ist schon gut," sagte sie kurz. „Was Sie thun, thun Sie ja auf Ihre Verantwortung." DaS Mädchen erschien mir nun durchaus rechtschaffen und ganz geschetdt. Ich verstehe mich auf das Benehmen von Schwindlern. Ich täuschte mich auch nicht. Im Polizeiamte wurde die junge Fremde aufgefordert, sich auszuweisen, wer sie sei und woher sie die Perle habe. Sie gab an, sie heiße Cäcilie Roth und sei nach Großwardein zuständig. Sie besitze von ihrem Vater ein kleines Pfandleihgeschäft, in welches häufig ein junger Bauersmann gekommen wäre, Akos Kelemen mit Namen, der verschiedene Habseligkeiten versetzt habe. Er sei sehr arm. Eines Tages kam sie an dem Häuschen Kelemens zufällig vorbei und hörte lauten Lärm im Hofe. Da ihr der Mann bekannt war, trat sie ein und hörte, daß man ihn wegen einer Schuld von achtzehn Gulden pfänden wollte. Kelemen rief sie zur Seite, zeigte ihr verstohlen die Perle und erbat sich zwanzig Gulden dafür, um seine Schuld bezahlen zu können. Er sagte, die Perle sei ein altes Andenken, von dem er sich ungern trenne. Mehr aus Mitleid mit dem armen Teufel als überzeugt von dem Werth der Perle, gab sie ihm die verlangte Summe. Sie wußte wohl, so viel verstand sie von der Sache, daß die Perle einen hohen Werth besitzen müsse, wenn sie echt war. Sie hielt sie jedoch nicht für echt. Das Weitere ist aus meiner Erzählung bekannt. Sie fügte noch hinzu, daß sie, in Pest über den Werth des Kleinods aufgeklärt, die Reise nach Wien gemacht habe, um es zu veräußern in der Absicht, den Erlös mit dem armen Kelemen ehrlich zu theilen. Fräulein Cäcilie Roth blieb in ihrem Hotel unter Polizeiaufsicht, bis man in Großwardein die nothwendigen Erhebungen gemacht. Ausführliche Depeschen gingen nach der ungarischen Provinzstadt. Die Aussagen des jungen Mädchens wurden in allen Punkten für richtig befunden. Es stellte sich ferner heraus, daß der Vater des Akos Kelemen ehedem Kammerdiener des Grafen Ludwig BatthLnyi, des Ministerpräsidenten der ungarischen Revolutionsregierung vom Jahre 1848, gewesen sei. Batthänhi trug die Perle als Busennadel und schenkte sie wenige Stunden vor seinem Tode — er wurde bekanntlich in Pest zufolge kiegsgericht- lichen UrtheilS erschossen — seinem treuen Diener als Andenken. Nie wollte sich dieser davon trennen. Doch er starb, und sein Sohn löste schon früher die goldene Nadel und die Fassung ab, um sie, von Noth getrieben, zu veräußern. Das geschah schließlich auch mit der Perle, von deren Werth er keine Ahnung hatte. Die Perle selbst war gestohlenes Gut. Vor hundertundfünfzig Jahren wurden aus der englischen Krone, in welcher sich unter anderen kostbaren Stücken drei schwarze Perlen von unvergleichlicher Größe und Schönheit befanden, eins dieser Kleinode mit zwei großen Diamanten gestohlen. Seit hundertundfünfzig Jahren wurde diese Perle Seitens der englischen Regierung gesucht — vergebens! Sie blieb verschollen. Nun brachte sie ein Zufall wieder zum Vorschein. Wie die Perle in den Besitz des Grafen BatthLnhi gelangte, ist nicht bekannt. Vermuthlich hatte er sie von irgend einem Curiosttätenhändler gekauft und theuer, wenn auch nicht dem vollen Werthe nach, bezahlt. Diesen Werth kannte er selber nicht, als er den treuen Diener vor dem Tode ein kostbares Andenken, das einzige, das er noch besaß, zurücklassen wollte. Der englische Kronschatz löste die Perl;, treu seinem Angebot, um 2500 Pfund Sterling ein. Ein nettes Sümmchen! Fräulein Cäcilie Roth theilte das Geld durchaus loyal mit dem armen Akos Kelemen. Es blieb aber doch beisammen, denn die beiden sahen sich schon lange gern, und das unverhoffte Glück machte sie zu einem Ehepaar." Der Diamantenhändler schloß seine Erzählung. „So romantische Geschichten könnten viele Perlen und Diamanten erzählen," sagte er. „Gar merkwürdige Schicksale sind oft mit ihnen verknüft, Glück und Thränen . . ." Hrnnsvistisches. Unglaublich. Dienstmädchen: „Der Herr Assessor kommt doch schon vier Wochen zu Ihnen ins Haus und er hat Ihnen während dieser Zeit noch keinen Kuß gegeben,- na hören Sie, gnädiges Fräulein, das ist nicht schön von ihm." — Fräulein: „Der Herr Assessor ist eben sehr gebildet." — Dienstmädchen: „Mich hat er aber doch gleich den ersten Tag beim Fortgehen geküßt." — * * * Umschreibung. „Du hattest doch die Absicht, um Fräulein Körner anzuhalten. Aus der Sache ist wohl nichts geworden?" — „Nein, ich habe mich noch zuletzt an etwas gestoßen." — „Woran denn?" — „Hm, an einem kleinen Sprachfehler." — Wie, die iunge Dame stottert wohl?" — „Das nicht, aber sie hat nein gesagt!" * * * Ausweg. Frau (zu ihrem in früher Morgenstunde heimkehrenden Manne): „Jeden Morgen sind die Kinder schon auf, wenn Du nach Hause kommst,- schämst Du Dich nicht?" — Mann (zerknirscht): „Du hast recht, liebe Amalie, die Kinder müssen länger im Bett bleiben!" e * ft Anpreisung. Käuferin: „Ist die Matratze auch wirklich gut?" — Verkäufer: „O, meine Gnädigste, wenn Dornröschen die einmal benutzt hätte . . . hätte eS nach den hundert Jahren auf derselben noch weiter schlafen wollen!" * * * Mitunter. A.: „Guten Tag, Frau Müller! WaS macht Ihr Gatte — ist er ein recht folgsamer Patient?" — Frau Müller: „Mitunter schon! Gestern hat ihm der Arzt ein Glas Bier erlaubt — das hat er gleich getrunken!" Siedartion I. V.: Hermann Sil«. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch L Scheyda) in Gießen.