Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) Der Sprechende sah sich mit ironisch bewundernden Blicken im Zimmer um. „Das muß man Dir lassen, Du hast 'nen feinen Geschmack und es sieht ja bei Dir wie beim Baron aus. Aber ich an Deiner Stelle, ich könnte mich in dem Luxus nicht wohl fühlen, weil ich mir sagen müßte, daß ist Alles vom Schweiße meiner alten Mutter. Auch das da!" Er deutete nach dem Flacon auf dem Schreibtisch und machte eine höhnisch schnuppernde Bewegung mit der Nase, während er mit derbem Spotte hinzufügte: „Freilich, Du hast es nöthig, Dich mit aller Gewalt in einen guten Geruch zu bringen." „Unverschämt!" brauste der Referendar auf und reckte sich in die Höhe und sah seinen Bruder von oben herab mit Blicken an, die ihm die Verachtung, die er seiner niedrigen, socialen Stellung entgegenbrachte, ausdrücken sollten: „Wie kannst Du Dich unterstehen, Du . . . ." „Ich?" unterbrach ihn der Andere und trat dicht an den Jüngeren heran und hielt dessen hochmüthigen Blick mit funkelnden, zornsprühenden Augen aus „Ich? Na, sag's doch, wer ich bin! Nur ein einfacher Werkmeister, ein ordinärer Handwerker. Aber meine Groschen waren Dir nicht zu ordinär, Du feiner Herr Referendar. Weißt Du, was ich noch bin? Ich bin auch Dein älterer Bruder und darum nehm' ich mir die Freiheit, Dir einmnl gründlich die Wahrheit zu sagen. Und weil ich's nicht mitansehen kann, wie sich die Mutter für Dich quält und sorgt und erntet doch st 1898. - Nr. ?. Samstag dm 15. Jamm. i yrrag-Tniw; nichts als schnöden Undank von Dir. Und wenn Du auch hundertmal Minister wirst, tauschen möcht' ich doch nicht mit Dir. Denn wer 'n schlechter Sohn ist, der ist auch j'n schlechter Mensch!" ' Er sah dem Jüngeren noch immer herausfordernd in's Gesicht, während er eine Weile stumm verharrte, als erwarte er eine Antwort. Aber der Andere war ganz still geworden,- aus seinem Gesicht, das er zu Boden gekehrt hatte, war mit einem Male alle Farbe gewichen. Carl nickte kurz, schnellte herum und schritt zur Thür. Man hörte seine kräftigen, energischen Schritte über den Corridor schallen. Dann war es still. Otto stand wie regungslos mitten im Zimmer und starrte zur Decke, heftig an der Unterlippe nagend. Plötzlich blickte er auf und sah mit wirren, verstörten Blicken um sich, als erwache er aus einem bösen, quälenden Traum. Und nun faßte er mit jähem, nervösem Griff nach seinem Frackaufschlag, in dessen Knopfloch eine weiße duftende Tubarose stak. Die riß er mit kräftigem Ruck heraus und schleuderte sie weit von sich in's Zimmer hinein. Dann trat er ungestüm zum Sopha und warf sich der Länge nach darauf und drückte die Hände gegen Augen und Stirn. So lag er lange, lange und rang mit den Gewissensbissen und Selbstvorwürfen, die die rücksichtslosen Worte des Bruders in ihm wachgerüttelt hatten. Es mochte eine Stunde und mehr verstrichen sein, als er sich endlich aufrichtete und erhob. Wieder staud er geraume Zeit, mit sinnenden Augen in's Leere starrend. Seine träumende Phantasie trug ihn zu einem fernen Ort. Lockende, heitere Tanzmusik hörte er und vor seinem geistigen Auge bewegten sich tanzende Paare mit fröhlichen, lustersüllten Mienen. Die chönste von allen schönen Tänzerinnen war Constanze Göring, )ie Tochter des Kammergerichtsraths. .... Ein schwerer Seufzer rang sich aus der Brust >es mit offenen Augen vor sich Hinträumenden. Endlich wg er mit einer entschlossenen Geberde seinen Frack aus md warf ihn auf das Sopha. Dann löschte er die Lampe ms und entzündete das auf seinem Nachttisch stehende Stearin- icht. Die Lust nach Spiel und Tanz war ihm nun doch ergangen. VI. eklage Dich nicht auf Deinem Pfad, IT Daß Dir's an Raum zum Handeln fehle; Ein jeder Klang aus voller Seele Ist eine wirkungsvolle That. Emanuel Geibel. Geh' des Weges sonder Trübe, Führet er auch wirr und kraus, Deines Gottes ew'ge Liebe Leitet sicher Dich nach Haus. Anna Nitschke. Am anderen Tage, in einer Nachmittagsstunde, erschien o in der Rügenerstraße. Er konnte in seinen Mienen Geberden doch nicht ganz sein böses Gewissen unterdrücken, er sich der Kranken näherte. 26 „Sei mir nicht böse, Mutter," stammelte er, „daß ich t noch nicht früher gekommen bin. Aber . . . Sie schnitt ihm das Wort ab. „Laß doch, Ottochen!" sagte sie. „Ich weiß ja, wenn Du Zeit gehabt hättest, wärst Du schon gekommen." Sie strahlte über das ganze Gesicht und nahm seine Hand und streichelte sie und drückte sie in der ihren. Und als er nun ein paar Apfelsinen aus der Tasche zog und ihr reichte, sah sie mit triumphirenden Blicken zu Helene Zimmermann hinüber, als wenn sie ihr zurufen wollte: „Hab' ich's nicht gesagt? Ist er nicht ein lieber, guter Sohn?" Helene Zimmermann war nach Otto in's Zimmer getreten. Sie halte ihm geöffnet und sich ihm auf seinen erstaunten Blick in ihrer Eigenschaft als Krankenpflegerin und Haushälterin bei seinen Eltern vorgestellt. Denn sie hatte ihn gleich erkannt. Seine Mutter hatte ihn ihr nicht nur in seinen geistigen Eigenschaften, sondern auch körperlich mit liebevoller Genauigkeit geschildert. Otto nahm auf dem Bettrand zu Häupten der Mutter Platz, während sich Helene Zimmermann auf das Geheiß der Kranken auf einen Stuhl am Fußende des Bettes setzen mußte. Und nun mußte Otto berichten, wie er seine freie Zeit hingebracht hatte. Otto ließ sich nicht lange nöthigen. Er erzählte, daß er an einem Abend bei seinem Intimus Markwald gewesen wäre, der eine Anzahl Collegen zu einem kleinen Souper mit darauffolgenden Seat zu sich geladen. Ein riesig feudaler Scherz sei's gewesen und zu dem Angenehmen habe sich das Nützliche gesellt, denn mit fünfzehn Mark Gewinn habe er abgeschnitten. An einem der anderen Abende habe er eine Einladung zum Thee bei Görings gehabt. Rath Göring, unter dem er am Kammergericht arbeitete, sei ein sehr humaner Vorgesetzter, und ihn, Otto, beehre er mit seinem besonderen Wohlwollen. Im geselligen Verkehr sei der Rath von größter Liebenswürdigkeit, und ein heiterer, ungezwungener Ton herrsche in seiner kleinen Familie, die nur aus einer erwachsenen Tochter und einem jüngeren Sohne bestehe. Mit sichtbarer Genugthuung lauschte Frau Köster ihrem Sohne und ab und zu warf sie einen strahlenden Blick zu Helene Zimmermann hinüber, in dem sich jedes Mal der Stolz und die Helle Freude ihres Mutterherzens malte. Auch Ottos Blicke richteten sich häufig auf das liebliche, frische Antlitz des jungen Mädchens, und so oft sie ihre ernsten, braunen Augen zu ihm erhob, verfehlte er nicht, die Bewunderung, die ihm ihre adrette, hübsche Erscheinung einflößte, in seinen Mienen deutlich wiederzuspiegeln. Als Carl nach Feierabend in's Zimmer trat, nickte er seinem Bruder freundlich zu, als wenn der heftige Auftritt zwischen ihnen am Tage vorher niemals stattgefunden hätte. „Na, da bist Du ja, Otto!" begrüßte er ihn freundlich und streckte ihm die Hand entgegen, in die Otto zögernd, mit gemessener Zurückhaltung die seine legte. Wenn auch Carl mit seinen Vorstellungen im Grunde nicht so ganz unrecht gehabt, er hatte doch seine Empfindlichkeit zu gröblich beleidigt, als daß er es ihm so schnell hätte vergessen können. Es war einer der glücklichsten Abende in Frau Kösters Leben. Ottochen blieb zum Abendessen, und Helene Zimmermann mußte ertrafeineu Aufschnitt vom Fleischer besorgen: Spickgans und andere theuere Raritäten. Als das junge Mädchen in der zehnten Abendstunde aufbrach, erbot sich Otto höflich, sie zu begleiten, obgleich sie einen dem seinen entgegengesetzten Weg hatte. „O, ich bitte, sich meinetwegen nicht zu bemühen, Herr Referendar," gab sie bescheiden zurück, „ich fürchte mich nicht, ich gehe ja jeden Abend allein." „Aber ich bitte sehr, mein Fräulein," widersprach Otto galant. „Ich würde mich einer großen Unterlassungssünde schuldig machen, würde ich zugeben, daß Sie sich so spät Abends allein auf die Straße wagen." Carl erröthete bei diesen Worten, aus denen er einen versteckten Vorwurf für sich heraushörte. Er ärgerte sich über sich selbst um so mehr, als er seinem Bruder im Stillen völlig recht geben mußte. Freilich, aus Unhöflichkeit war's ja nicht geschehen, daß er dem jungen Mädchen noch niemals seine Begleitung angeboten, sondern nur, weil er überhaupt nicht daran gedacht hatte. Von da ab lieh Carl Helenen jeden Abend seinen Schutz auf ihrem Nachhausewege, nur wenn Otto zum Besuch erschien — und er kam jetzt merkwürdig oft — verstand es sich von selbst, daß Helene und er zusammen aufbrachen. Frau Kösters Krankheit nahm van nun an eine entschiedene Wendung zum Guten, wozu die häufigen Besuche ihres Lieblings sicherlich nicht wenig beitrugen. Sie konnte wieder den größten Theil des Tages außerhalb des Bettes zubringen und ihre Kräftigung machte von Tag zu Tag erfreulichere Fortschritte. Helene Zimmermann kam nur noch des Vormittags auf ein paar Stunden, da Frau Köster wieder einen Theil der Haushaltungsgeschäfte selbst übernahm. Diese Veränderung hatte erstens die Folge, daß der Referendar wieder ,wie zuvor ein seltener Gast in der Rügenerstraße wurde und zweitens, daß Carl trübe Mienen und ein stilles, in sich gekehrtes Wesen zu zeigen begann. Er hatte sich so sehr daran gewöhnt, wenn er nach des Tages Last und Mühe nach Hanse kam, dem freundlichen Gesicht Helene Zimmermanns zu begegnen und mit ihr behaglich zu plaudern, daß ihm nun ordentlich etwas fehlte. Sein Leben war bisher ein so einförmiges und in Bezug auf den Einfluß zarter Weiblichkeit so armes gewesen, daß die Erscheinung des frischen jungen Mädchens und der von Tag zu Tag sich vertraulicher gestaltende Verkehr mit ihr einen tiefen, unauslöschlichen Eindruck auf ihn hervorgebracht hatte. Welch ein Unterschied zwischen ihr und den Mädchen, die unter ihm in der Fabrik arbeiteten und die ihn mit ihrem frechen Reden und Gebahren mißtrauisch und vorurtheilsvoll gegen die Berliner Mädchen aus dem Volke gemacht hatten. Nie war ein unschönes Wort aus Helene Zimmermanns Munde gekommen und in allen ihren Gesprächen und in ihrem ganzen Wesen hatte sie neben angeborener Herzensgüte und einer guten jSchulbidung einen echt mädchenhaft reinen Sinn an den Tag gelegt. Und merkmürdig, diese Vorzüge des jungen Mädchens nahmen jetzt in Carls Einbildung in der Entfernung von ihr noch zu und es wollte ihm bedünken, als sei Helene Zimmermann ein Muster ihres Geschlechtes, und als sei es ganz unmöglich, daß ihm noch je im Leben ein Mädchen begegnen könnte, das wie sie gleich ausgezeichnet sei durch Reize des Körpers und der Seele. Es begann sich etwas Träumerisches, Suchendes in Carls Wesen bemerkbar zu machen, etwas Unruhevolles und Reizbares, das früher gar nicht in seiner Natur gelegen hatte. Er war mürrisch und unzufrieden geworden, es schien ihm in der einfachen Häuslichkeit seiner Eltern nicht mehr zu behagen. Jetzt, da die Lichtgestalt des jungen Mädchens in die armseligen Räume nicht mehr ihren klärenden Schimmer warf, erschien ihm Alles unendlich nüchtern und öde. Während er sich früher von der Fabrik birect nach Hause begeben hatte, fühlte er jetzt das Bedürfniß, zuvor einen längeren Spaziergang zu machen. Seine Phantasie beschäftigte sich unablässig mit Helene Zimmermann, und es war kein Wunder, daß seine Füße sich nach der Richtung bewegten, die seine Gedanken einzuschlagen pflegten. Was er ihr sagen würde, wußte er nicht, aber mehr und mehr machte sich das Verlangen in ihm geltend, sie zu sehen und zu sprechen. Des Morgens bei seinen Eltern bot sich kaum Gelegenheit zu einem flüchtigen Gruße, und wenn er des Mittags nach Hause kam, war Helene Zimmermann bereits verschwunden. Eines Abends, als er wieder einmal in der Gegend der Pankstraße umherftreifte, wurde ihm ein unerwarteter Anblick, bei dem er eine jähe Erschütterung fühlte, als sei er plötzlich von einem eleetrischen Strom berührt worden. Drüben auf der anderen Seite der Straße ging Helene Zimmermann --- 27 — unb neben ihr schritt in seiner affectirt würdebollen Haltung sein Bruder Otto. Die Beiden führten eine lebhafte Unterhaltung miteinander. So oft sie an einer der Straßenlaternen vorüberkamen, sah er es deutlich, wie sie ihrem Begleiter ihr Gesicht zukehrte und mit Interesse an seinen Lippen zu hängen schien. Eine ungestüme Bewegung ergriff den Ueberraschten, Schmerz, Zorn, Wuth und Enttäuschung in einem wunderbaren Gemisch. Daneben glühte etwas wie ein Gefühl von Angst und Bangigkeit und einer unsagbaren Trauer in ihm auf. Er hielt gleichen Schritt mit den auf dem anderen Trottoir ahnungslos Dahinwandelndrn, auf die Gefahr hin, von ihnen bemerkt zu werden. Erst als sie vor dem Hause, in welchem Helene Zimmermann wohnte, angelangt waren, hielt er sich vorsichtig zurück. Er sah, wie sie Otto zum Gruß die Hand reichte und wie sie dann in dem Hause verschwand. Eine ganze Weile stand er noch wie betäubt und starrte immer zu dem Hause hinüber und zu den Fenstern des obersten Stockwerkes hinauf, in welchem sich, wie er wußte, die Wohnung voll Helenens Verwandten befand- Endlich raffte er sich auf und das Verlangen, Otto zu sprechen und von ihm eine Erklärung zu fordern, packte ihn mit Ungestüm. Lag hier nur der Zufall vor, der die Beiden hatte einander auf der Straße begegnen lassen. Er eilte nach der anderen Seite hinüber, aber von Otto keine Spur mehr. Ein grenzenloses Erstaunen erfaßte den Heimkchrenden, als er auch zu Hause den Bruder nicht vorfand. Die heftig schmerzenden, aufstachelnden Empfindungen, die ihn schon vorher auf der Straße bestürmt hatten, kehrten in verstärktem Maße zurück, und er mußte alle seine Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht zu verrathen, was innerlich in ihm vorging. Jeden Abend eilte nun Carl nach Fabrikschluß mit fiebernder Unruhe nach der Pankstraße. Schon am dritten Abend wurde ihm derselbe Anblick wie neulich: Otto und Helene miteinander plaudernd und lächelnd. Nun war kein Zweifel mehr möglich: nicht ein Zufall lag diesen Begegnungen zu Grunde, sondern eine bestimmte Verabredung. Ein so heißer Schmerz durchfuhr den heftig Erregten, daß er hätte laut aufschreien können. Kaum hatten Otto und Helene sich getrennt, als Carl in zitternder Aufregung zu dem Bruder hinüberstürzte. „Was hast Du mit Fräulein Zimmermann?" fragte er ihn ohne Weiteres. „Ich?" Otto blickte ein wenig verlegen. „Nichts. Ich bin ihr zufällig begegnet." „Zufällig!" Der Aeltere lachte bitter. „Und vor drei Tagen?" Otto sah seinen Bruder erstaunt an. „Also Du spionirst!" bemerkte er spöttisch. „Sieh' 'mal an! Du bist doch nicht etwa eifersüchtig?" Eine flammende Röthe ergoß sich über das ehrliche Gesicht des Anderen. „Unsinn!" brauste er auf und sah seinem Brudex zornig in die listig blinzelnden Augen. „Aber ich achte Fräulein Zimmermann, der wir Alle zu Dank verpflichtet sind, und ich werde nicht dulden, daß Du sie ins Gerede bringst.^ „Ins Gerede? Lächerlich! Wer achtet denn auf uns? Wer kümmert sich denn darum? Ueberhaupt, was ist denn da weiter? Sie hat mir erzählt, daß sie des Nachmittags über in der Badstraße beschäftigt ist, und da hole ich sie manchmal des Abends ab, wenn ich gerade nichts Besseres vorhabe. Sie ist doch ein ganz nettes Mädchen." Dem Anderen strömte alles Blut zu Herzen. Er zitterte vor Aufregung und er hatte das Gefühl, als stieße ihm Jemand ein Messer in die Brust. Also Helene selbst — ! Freilich, Otto- hatte ein hübsches, glattes Gesicht, besaß feine Manieren und war Referendar! „Du liebst sie?" fragte er und seine verstörten Blicke hingen in angstvoller Spannung an dem Gesicht des Bruders. (Fortsetzung folgt.) Damensport im Winter. Von M. Kossak. ------- (Nachdruck verboten.) Auf den Bäumen liegt feiner glitzernder Reif, unter den Füßen knirscht der Schnee — ein kalter Wintertag! Doch, was thuts! Wenn man sich tüchtig regt, erwärmt man sich schon. Wer die Kälte scheut, der kann ja im Zimmer am prasselnden Ofenfeuer bleiben. All die jungen Mädchen, die da plaudernd und lachend daher kommen, die Riemen mit den Schlittschuhen über den Arm gehängt, sehnen sich nicht nach seiner Wärme, im Geist befinden sie sich schon auf der spiegelnden Eisfläche, nach dem Tact der Musik dahinschwebend, — wie das lockt! Die Freundinnen rufen und nicken, die Herren schwenken grüßend die Hüte, man eilt sich, zu ihnen zu kommen, denn schade um jeden Augenblick, der verloren geht. Rasch werden die Stahlschuhe an den Füßen befestigt und dann gehts vorwärts. Welch' ein reizendes Bild ist doch solch' eine fröhlich belebte Eisbahn, auf der alles Kraft, Jugendmuth und Lebenslust athmet! Wie hübsch die Damen aussehen in ihren knappen pelzverbrämten Tuchcostüms, die kleinen flachen Mützen keck auf die Seite gerückt, die zierlichen Muffs auf die Hände gestreift. Nie kommen die weichen Linien ihrer Gestalt so zur Geltung, wie bei diesem Hin- und Herwiegen, nie sind ihre Augen so blitzend, ihre Farben so rosig, als wenn die rasche Bewegung in frischer Luft das Blut schneller in Umlauf setzt. Sie wissen das auch recht gut und freuen sich darüber — wer wollte es ihnen verdenken? Frauen sollen ja bis zu einem gewissen Grade eitel sein, und jener Schminke, welche Gesundheit und Frohsinn auf die Wangen zaubert, braucht sich keine zu schämen. Ja, die Mädchen von heute haben es im Grunde doch besser als ihre Mütter und mehr noch ihre Großmütter in ihrer Jugend! Denn die letzteren wußten nichts von dem fröhlichen Sport, mit dem ihre Enkelinnen sich nach Herzenslust vergnügen dürfen, sie mußten hübsch daheim bleiben und im Hause schaffen; wenn das Roth, in welches das Herdfeuer die Gesichter getaucht, verblichen war und sie wieder am Stickrahmen oder Webstuhl saßen, dann sahen die Züge so fahl aus, und die Haltung wurde so schlaff! „Ihr müßt Eisen nehmen", hieß es, aber daß es ein anderes wirksameres Mittel gegen die Bleichsucht gab, ein Mittel, das so angenehm war zu gebrauchen, daran dachte Niemand. Eine junge Dame auf Schlittschuhen! Schrecklicher Gedanke! Dergleichen schickte sich für halbwüchsige Jungen, die mochten auf ihren ungefügigen Holzkufen, die Arme weit von sich gespreizt, dahin schlenkern, ein sittsames, wohlerzogenes Fräulein aber — dem erlaubte man so etwas nicht. Und heute? Da vermag man es kaum zu erwarten, bis man die Kleinen in diesem oder jenem Sport sich üben läßt. Kaum können sie auf dem Eis auf eigenen Füßen stehen, so schnallt man ihnen die Stahlschuhe an. „Nun sieh, wie Du Dir forthilsst", wird ihnen zugerufen. „Fällst Du, so stehst Du wieder auf, nur sieh Dich vor, daß Du nicht zu oft fä'ist, denn dann wirst Du ausgelacht." Ob es die Kinder nicht besser auf den Kampf ums Dasein vorbereitet, wenn man sie früh im Spiel schon auf ihre eigene Kraft verweist, als wenn man diese immer nur schont? „Ja, aber sie können sich doch gar leicht beim Fallen schaden thun", denken die überzärtlichen Mütter. Gewiß ist das nicht ausgeschlossen, indessen — vermag ein Kind das nicht auch, selbst wenn es noch so ängstlich behütet wird? Körperliche Gewandtheit ist entschieden der beste Schutz gegen Unglücksfälle. Uebrigens giebt es auch allerhand Schutzvorrichtungen, die man beim Erlernen des Schlittschuhlaufens anwenden kann — Laufkörbe — die nämlichen, welche für die ersten Gehversuche der Babies benutzt werden — harkenartige Instrumente, breitfüßige Stühle und dergleichen mehrt Keine — wenigstens nennenswerthen — Gefahren biete, dagegen das Schneeschuhlaufen, welches in den letzten Jahren - 28 Luch bet uns Eingang gefunden hat. Seltsam erscheint es, daß es so langer Zeit dazu bedurfte, denn in einigen Ländern bediente man sich der Skis seit einer Ewigkeit schon, um bei starkem Schneefall weitere Touren zu unter« nehmen. Sie haben für schwächliche oder kränkliche Personen entschieden mancherlei Vorzüge vor den Schlittschuhen voraus; einestheils schließen sie die Möglichkeit, sich zu erkälten, viel mehr ans als jene, bei denen der Wind unter den Stahlkufen durchbläst, und anderntheils strengt das Laufen auf ihnen auch weniger an. Frauen mit schwachen Muskeln bekommen beim Schlittschuhlaufen leicht einen Krampf in den Knöcheln oder Waden, der beim Skien fast nie eintritt. Es wird daher von ärztlicher Seite auch ganz besonders bleichsüchtigen oder nervenleidenden Damen empfohlen. So sah ich im vergangenen Winter, den ich in einem Dresdner Vorort verlebte, fast täglich Schneeschuhläuferinnen, welche diesen Sport aus Gesundheitsrücksichten übten, einzeln und truppweise daherkommen. Das Dorf lag vier Eisenbahnstationen von der sächsischen Hauptstadt entfernt, aber dennoch legten die jungen Damen den ziemlich weiten Weg, ohne sich ermüdet zu fühlen, zurück. Es war ein eigenthümlich phantastischer Anblick, diese Gestalten in ihren Pumphosen und kurzen Kitteln aus dicker weißer Wolle, mit den meist spitzen, weißen Fitzmützen auf den Köpfen dahersausen zu sehen. Eng verwandt mit den Schneeschuhen sind einige Abarten des Rennwolfs. Sie bestehen im Wesentlichen aus einem langen, schmalen Schiff auf einer entweder stählernen oder hölzernen Längskufe, das man stehend mit zwei Stöcken vorwärts schiebt. Es giebt indessen so viele Systeme ähnlicher Art, daß es zu weit führen würde, sie sammt und sonders zu beschreiben. Auch werden sie keineswegs immer und überall gleich benannt. Einmal gleichen sie mehr Schnee- bezw. Schlittschuhen, das andere Mal mehr Schlitten oder Schiffen. So zeigte man mir — ebenfalls in Dresden — einen „Rennwolf", der sich bei näherer Besichtigung als ein schmaler, vermöge einer Kurbel zu bewegender Eisschlitten entpuppte, während ein Deutsch-Amerikaner unter der Bezeichnung ein Paar durch eine Ziehkette nebst Segel verbundener Skis verstand. Am häufigsten wird der Name wohl für den Segelschlitten gebraucht, in dem sich's auf Eisbahnen ebenso wie auf beschneitem Erdboden fahren läßt. Indessen existiren auch die Segel in mannigfachster Con- struetion. Viel verspricht man sich von dem neuen Cyelonsegel, mit dem man bei uns noch wenig Erfahrungen gesammelt hat. Es gleicht äußerlich einem großen Regenschirm, der sich aus zwei getrennten Hälften zusammensetzt- fein Vorzug besteht darin, daß es unter dem Druck des Windes, mag er kommen, woher er will, das Gefährt vor dem Umkippen schützt. In England soll man sogar Schlitten oder richtiger Eisveloeipedes eoustruirt haben, die ein obenauf thronender Hund in Bewegung setzt. Immerhin befindet sich der Eis- und Schneefahrtsport noch in seinen ersten Anfängen, und die kommende Zeit erst muß es lehren, wie er sich entwickeln wird. Eine bei uns nur wenig bekannte Art des Sports ist die in der Schweiz „Hageage" genannte. Das Wesentliche dabei ist, daß man in einem niedrigen Schlitten einen Berg herunterfährt oder rutscht. Man sieht dergleichen hier wohl von Knaben als Spiel ausgeübt, daß dieses aber vollständig kunstgemäß von erwachsenen Perfonen betrieben werden kann, vermag man sich schwer vorzustellen. Und doch ist dem so. In Montreux und Davos, wo sich zur Winterszeit stets ein Häuflein Angehöriger verschiedenster Nationen aufhält, werden fast täglich Hugeageparthien unternommen. Aehnlich wie bei den oft beschriebenen Hörnerschlitten im Riefengebirge, auf denen vorn ein kundiger Gebirgsbewohner als verantwortlicher Lenker steht, der hinter sich früher eine Last Holz, jetzt einen Wintergast hat, findet auch hier der Herr vorn seinen Platz, während die Dame hinten sitzt- ersterer lenkt auch vermittelst zweier ruderartiger Stangen ober einem richtigen vorn befestigen Steuer das Gefährt. Doch muß er scharf aufpassen, um sich und seine Begleiterin nicht in Gefahr zu bringen, denn wenn ein anderer Schlitten gar zu nah hinter ihm kommt, so können beide einen bedenklichen Sturz erleiden. Zum Plaudern bleibt bei diesem Vergnügen wahrlich wenig Zeit. Wer einen Winter in Montreux verlebt und die dortigen sportlichen Vergnügungen mitgemacht hat, der kann nicht genug von ihnen erzählen. Schlittenfahrten, Bälle auf der Eisbahn wechseln mit Mntschparthien und Eiscarussels ab. Zu den ganz ungefährlichen Vergnügungen gehören auch die letzteren nicht- sie erfordern keinerlei Uebung der Theilnehmer, aber dafür kann gar leicht irgend ein Unglücksfall sich ereignen. Der ganze Apparat ist ja doch nicht auf die Dauer eingerichtet und daher vielen widerwärtigen Zufälligkeiten ausgesetzt. Aber lustig erscheints doch, wenn die kleinen Schlitten sich so rasch drehen und die winterliche Landschaft rings um die Fahrenden einen tollen Tanz aufführt. Selbst ältere ängstliche Damen werden von dem lockenden Anblick verleitet, sich's in den leichten schwankenden Sitzen behaglich zu machen. Denn das ist ja eben das Herrliche bei allem Sport, daß er das Kraftgefühl und den Math erhöht und zu lebhafterer Daseinslust anregt! Er bannt die hypochondrischen und pessimistischen Grillen und schafft aus weltschmerzlich angehauchten kränklichen Wesen gesunde voll empfindende Menschenkinder. Kaste« für Gratulationskarten. Das Herumliegen der Gratulationskarten in Schubladen und Schachteln bildet eine Quelle des Aergers für jede Hausfrau. Ein hübsches und zugleich praktisches Geschenk ist nun ein Glaskasten für Gratulationskarten. Die Herstellung desselben ist, nach dem „Praktischen Wegweiser", Würzburg, mit geringer Mühe und wenig Kosten verbunden. Man läßt sich vom Glaser aus gutem, weißem Glas vier Platten zuschneiden und zwar: Deckel und Boden in gleicher Größe 20 Ctm. lang, 15 Ctm. breit. Die Seitenwände: 2 Längswände 20 Ctm. lang, 9 Ctm. hoch, zwei Querwände 9 Ctm. hoch, 15 Ctm. breit. Die Kosten hierfür betragen etwa 25 Pfg. Sodann kauft man 5 Meter hellblau ober rosa Atlasband von zwei Ctm. Breite und faßt die Glasplatten ringsherum straff ein. Die Ecken näht man mit einigen Stichen fest ei«. Alsdann näht man die Platten an vier Ecken aneinander. Der Deckel wird nur an zwei Ecken festgenäht. Kleine, nette Schleifchen von demselben Band auf den zwei Ecken des Deckels vollenden die hübsche und lohnende Arbeit. * * * Zerdrückte Kleider a«fzufrische«. Wollene Kleider, besonders solche aus stumpfen Stoffen, sollte man nicht bügeln, da sie dadurch leicht speckig und glänzend werden. Solche Kleider werden wie neu, ja selbst fest eingekniffene Falten verschwinden daraus, wenn man sie im Keller an einen freistehenden Haken hängt. Besonders krause Stellen kann man vorher mit einem reinen Schwamm etwas anfeuchten. * * * Vogelkäfige geruchlos zu mache«. Man bestreut den Boden der Käfige mit einer Schichte Feldghps, und über diese den gewöhnlichen Sand. Dasselbe Mittel ist auch auf Taubenböden und in Hühnerställen mit bestem Erfolg anzuwenden und um so mehr zu empfehlen, als der Gyps die Düngkraft des Vogelmistes erhöht und vermehrt. Ktdactümr T» Bcheyda. — Druck uud Verlag der Brühl'schen Uuiverstläts-Buch- und Siemdruckerei (Pietsch & Scheyda) io Bießm.