3 ■■ MM. er Schmerz verschmerzen kann, der trägt Sein Trauerkleid ein Trauerjahr. Wer höchstes Glück in's Grab gelegt, Geht leidumflort für immerdar. Denn wenn auch endlich wie im Traum Des Kummers schwerste Zeit verging, Unwandelbar am Lebensbaum Verbleibt der dunkle Jahresring. Frieda Schanz. Das Fräulein Roman von ffi. Vely. (Fortsetzung.) „Wo sind die Kinder heute gewesen?" fragte er in Ermangelung eines jeden anderen Einsalls. „Mit dem Fräulein aus —" „Zu Fuß?" „Selbstverständlich!" sagte Ebba, „Sie müssen doch Bewegung haben." „Es regnet." „Sie gehen gern unter den Schirmen, für Kinder ist Aller ein Ereigniß," meinte sie, zu dem Arzt gewandt. Der Consul dachte an Line — wer fragte auch darnach, ob es ihr angenehm sei oder nicht — Wind, Regen, Schnee, Hitze — es war für sie immer das Gleiche. Und, als ob Ebba diesmal seine Gedanken erriethe, setzte sie hinzu: „Ueber die Ansichten des Fräuleins habe ich mich allerdings nicht orientirt." Unter den langen Wimpern hervor beobachtete sie Bruno. Es kam ihr wieder in den Sinn, daß Line Arabin seinen Namen gewußt hatte — wenn er sie kannte, über ihre Stellung hier im Hause unterrichtet wäre, dann würden seine Züge nicht ganz so gleichgiltig bei ihrer Erwähnung geblieben sein! Als man ausgestanden war, beurlaubte sich der Hausherr gleich. „Es wird dem Vater Freude machen, wenn ich ihm in den Kaffee falle — und ich bin so selten mit den Kindern — Sie kennen unsere Kinder noch nicht, Herr Doctor. Nein, kein Stammhalter darunter. Ich gestehe, ich besitze auch den Ehrgeiz nicht, mir einen solchen als unentbehrlich zu denken. Ja, die Menschen sind verschiedenartig." Als er in den Wagen stieg, lachte er noch. Mochte dieser Mustermensch nur ruhig von seinem Dorf, in dem er unzweifelhaft geboren war, erzählen — er war dieser nüchternen Viertelstunde entwischt. Line Arabin saß dem alten Herrn gegenüber, zwischen ihnen die Kinder. Sie fühlte sich wirklich behaglich in den Räumen, die in gediegener Weise ausgestattet waren. Wenn Herr Johann Conrad Lund auch nicht die ersten Schritte auf Smyrnaer Teppichen gemacht hatte, er ging jetzt ganz selbstbehaglich darüber hin. Schwere Plüschgardinen und Thürbehänge in dunklen Tönen, schwarze Möbel und eichene, ein Paar gute Bilder, Harzgegenden darstellend, die er, als geborener Harzer, liebte und sich hatte malen lassen — es ließ sich gut in den Räumen hausen, die groß und hell waren. Auch der Diener Fritze war ein Inventar — als Ausläufer war er bei seinem Herrn eingetreten, hatte gute und böse Tage mitgemacht und war zur Höhe eines „Kammerdieners" avancirt, wie ihn scherzweise der alte Lund nannte. „Mein liebes Fräulein," hatte Herr Johann Conrad Lund verschiedene Male gesagt und seine fleischige Rechte ihr über den Tisch hingereicht, „gefällt es Ihnen denn nun auch ein Bischen bei mir?" Und wenn sie es bejaht, kam es regelmäßig nach: „Das freut mich aber, freut mich ganz außerordentlich." „Ja, ja — so alt fühle ich mich auch gar noch nicht", sagte Lund, und seine Augen bekamen ein Zwinkern. „Das Bischen Schnee liegt wohl auf dem Kopfe — aber, Sie wissen, wenn das Herz nur jung bleibt! Und daS — das, Fräulein Line — das ist wahrhaftig noch ganz frisch! Giebt sich nicht, absolut nicht, freut sich ganz närrisch über Alles, was hübsch ist!" Und er blinzelte ihr verliebt zu. „Sieh da — wahrhaftig umgeben von Jugend und Schönheit, das richtige Recept gegen das heraufsteigende Alter!" rief Herr Conrad Lund, in das Speisezimmer tretend. Sein Vater hatte ihn nicht kommen sehen, jetzt schob sich die Hand über seine Schulter, und ein ganz klein wenig neigte sich des Sohnes Haupt an daS seine. „Alter Sünder," flüsterte er. „Hahaha!" „Hahaha!" lachte Herr Johann Conrad, aber gar nicht so ungemein erfreut. „Melde mich zum Kaffee an — Ihr wollt wohl gerade ■ „Gesegnete Mahlzeit" sagen? \ „Allerdings." 290 Man ging in das anstoßende Zimmer, wo der Jüngere sofort eine Cigarre nahm. Line Arabin stand mit den Kindern über ein Reisewerk geneigt. „Nein, liebes Fräulein," rief der alte Herr, „lassen Sie nur die kleinen Damen da alleine fertig werden. Sie müffen mir schon den Gefallen thun, und hier auch die Hausfrau machen und den Kaffee einschenken. Sehen Sie, dann kann ich alter Knabe für einen Augenblick glauben, ich hätte es wirklich so gut." Sie trat an den Tisch, lächelte freundlich und füllte die Tassen. Der Consul, der sich eine behagliche Stellung in seinem Lehnstuhl gegeben, hob den Kopf und blinzelte scharf nach seinem Vater hinüber — an dem Zusammenkueifen seiner Lippen sah man, daß er einen Ausruf unterdrückte. „Hm — hm! ja, ja, schöne Hände!" sagte er dann, als ihm der Trank geboten wurde. „Das ist wahr!" rief der alte Herr, „solch feine, schlanke Finger! schlagen Sie einmal ein, Fräulein —" er wartete nicht ab, bis Line der Aufforderung folgte, sondern zog die Hand sofort in die seine. „Hast Du so was schon gesehen? verschwindet ganz in meiner, das Marzipanhändchen." „Race! — Aristokratisch!" sagte der Consul. „Fräulein von Arabin," plauderte er dann weiter, „es war mir ganz interessant, zu erfahren, daß Sie den Lieutenant von Monken schon vor Ihrem Eintritt in dieses Haus kannten!" Sie blickte rasch auf, sie schien wie von einem Schrecken befallen —. Er machte eine lässige Handbewegung. „Sehr mittheilsam ist er übrigens nicht gewesen — vielleicht erzählen Sie mir gelegentlich ein wenig von der Vergangenheit?" Sie hatte sich schon wieder gefaßt. „Ich glaube kaum, daß das unterhaltend sein würde." „Doch, dock!" beeiferte sich der eite Herr einzuwerfen. „Wie Sie da vorhin von Westfalen sprachen, von dem Landleben, das Sie so gern haben, von dem Schloßgarten und der alten Burg und der noch älteren Ruine dahinter. — Ich habe ordentlich wieder Sehnsucht nach dem Lande gekriegt." Conrad Lund beobachtete jede Miene des schönen Mädchens — sie war gar zu originell, besonders mit dieser trotzigen Zurückhaltung. Sie schien ihren vollen Werth zu kennen! Einen Monken mit dem kühnen Schnurrbart, den stach Conrad Lund mit den vollen Taschen doch wohl zehnmal aus. „In welcher Stellung waren Sie denn da drüben auf dem famosen Landsitz, mein liebes Fräulein?" Sie richtete sich gerade auf und blickte ihn fest wieder an: „Auf dem Schlosse unserer Vorfahren — mütterlicherseits!" „Jawohl, auf dem Schlosse," rief der alte Herr, „und wie sie sagt, hat sie ein Bischen von dem westfälischen starren Sinn mitbekommen." „Und — die verfallene Burg? ich liebe romantische Erzählungen, mein Fräulein — bte —" „Na, aber Conrad," meinte der Vater, „die gehört doch auch dazu!" „So — ja — hm! ich bin ein Bischen schwer von Begriffen — im Romantischen. Ich bin — eben ein Realist." Nun traf ihn ein Blitz aus den dunklen Augen — sie legte die Hände zusammen und machte einen Schritt, auf ihn zu und sagte durch die Zähne hindurch: „Warum quälen Tie mich so!" halb drohend, halb schmerzlich klang's. „Ah —," sie erschien ihm mit diesem Zorn, der ihre Selbstbeherrschung übermannt hatte, noch weit entzückender. „Ja, solch ewiges Fragen kann auch quälen," stimmte der alte Mann bei, mißbilligend den weißen Kopf schüttelnd. „Ja, das Landleben, liebes Fräulein — Sie erlauben doch, Line? Das ist ein Name, den ich immer gern gehabt, meine einzige Schwester hieß Line. Die ist jung gestorben. Du lieber Gott, jetzt hätte ich ihr ein besseres Leben machen können." Er wischte eine Thräne aus dem Auge. „Ja, wenn ich nicht allein stände, möchte ich wohl wieder auf dem Lande leben —," er schloß halb die Augen und blinzelte nach dem Mädchen hinüber, das jetzt seine alte vornehme Haltung wieder hatte. Jenny kam mit einer Frage über ein Bild gelaufen. Line trat rasch in das Nebenzimmer. „Du, Alter," sagte die Stimme des Consuls, „was — hast Du denn, ohne Umschweife — mit der da vor?" „Wie so?" Er hustete. Die Hand des Sohnes legte sich auf seine Schulter. „Na, wir stehen doch ohne Complimente und Faxen miteinander." Noch ein leichtes Husten, dann war die Stimme mehr als nöthig laut. „Nun, was soll's denn auch, ich bin ja doch mein eigener Herr! Das einsame Leben ist mir lange schon leid — und da — sie gefällt mir — wenn sie mich will, die i könnte ich vom Fleck weg heirathen —" „So — so —" „Ja!" Eine Pause, dann räusperte sich der Jüngere. „Du, Vater, was Du thun willst, das ist Deine Sache." „Freilich — ich überlege es mir erst sechs Mal noch. Du kennst mich doch!" „J°!" „Und einstweilen, seid gut in Eurem Hause mit ihr — ja?" Der Jüngere lachte vergnüglich. „Aber natürlich in Anbetracht, daß sie noch mal Deine Frau werden kann, muß ich mich schon gut mit ihr stellen! Hahaha!" „Na, so komisch finde ich das gar nicht," sagte Herr Johann Conrad, ein wenig belerdigt. „Ich kann mich noch sehen lassen!" „Gewiß, gewiß!" „Nämlich —" das Auge des alten Herrn suchte den Boden, „wenn sie mich nur will." „Hahaha! nur will — sie? aber Vater? Wie kommst Du denn auf den Gedanken! Meinst Du nicht, eine Jede würde mit beiden Händen zufassen? Ganz Andere noch, als solch ein alleinstehendes Kinderfräulcin — Du weißt doch, alle alte Jungfern und mittleren Wittwen aus unseren Kreisen machen Dir schöne Augen." „Hm!" Die dicken rothen Finger fuhren durch das ergraute, buschige Haar. „Die ist fein — für ein Bischen Wohlleben verkauft die sich nicht." Eine Unruhe kam über ihn, er sprach rascher. „Sieh, ein Fräulein aus einer- alten, vornehmen Familie, so hübsch, daß, wer sie sieht, sich in sie verlieben kann. — Eine Waise, ohne jeden Anhang, das habe ich auch schon raus und das ist angenehm! Ja, was meinst Du, in Euren Salons hätte sie sich ja schon irgend einen Millionär erobern können. Kommt aber nicht rein. Muß immer bei den Kindern sitzen. Grausam, gerade zu." „Ein ausgezeichnetes Kraut, Alterchen — ja, so —" Der jüngere Lund lächelte wieder. „Sie war doch aber auch schon auf der Welt, ehe sie zu uns kam. Ebba gefiel bekanntlich ihr schönes Gesicht — vielleicht ist sie früher nicht so abgeschlossen gewesen — was früher war, müßte man am Ende doch auch zu erforschen suchen." „Hm!" „Ja, die Vergangenheit ist zuweilen eine Sache, die genirett kann, mein lieber Herr Johann Conrad Lund." Der zog die Brauen zusammen. „Hm! — ach was, dummes Zeug! Für die lege ich die Hand ins Feuer." Der Consul stand auf. „Dein Kaffee war auch gut, Vater!" — 2sr „Go — na, ja!" Er hielt den Sohn zurück. „Wenn Du kannst, so sondire mal," sagte er zögernd. „Wie? — Was hinter ihr liegt?" An die Kinder vertheilte der Großpapa erst „die Spielmünzen", blanke Markstücke, welche er ihnen gewissenhaft sammelte, dann sah er Line in das ihm freundlich zurückgewandte Gesicht. „Wenn ich nur auch für das Fräulein Line etwas hätte, immer so gut mit den Kindern und mit alten mürrischen Leuten auch. — So'n Andenken, was?" Da stand, seiner Hand eben erreichbar, eine reizende Pariser Bronce-Spielerei — eine Miniaturuhr, eine Amorette trug sie auf den Flügeln, das Fingerchen direct auf die Lippen gelegt, deutete sie an, daß man bedenken sollte, wie den Glücklichen keine Stunde schlüge. Er drückte ihr das kleine Kunstwerk in die Hände. „Das sollte Ihnen nur gute Stunden schl igen — nicht wahr, Sie nehmen sie, Sie machen mir die Freude?" Sie konnte sich nicht sträuben, es lag so viel Herzensgüte in seinem Tone. (Fortsetzung folgt.) Ans der Seinestadt. Bon Dr. M. Evers. II. Das Cabaret „Le Neant“. ------- (Nachdruck verboten.) KO: Eine der originellsten Künstlerkneipen des Quartier Montmartre in der Seinestadt ist das Cabaret „Le Neant“ (das Nichts). Ist der Name dieses Cafes schon an und für sich außerordentlich bezeichnend für die absolute Religions- und Glaubens- losigkeit des modernen fin de siöole-Parisers, so ist doch der rege Fremdenbesuch, dessen es sich zu erfreuen hat, nicht minder characteristisch für dasselbe. Das Aeußere des Cabarets ist so unscheinbar und wenig augenfällig, wie das „Nichts" eben nur sein kann. Sehen wir von der einzigen Laterne ab, die des Nachts mit grünlich fahlem Lichte, ähnlich unferm Glühlicht, über dem Eingänge flimmert und dem Eingeweihten zum Führer dient, so sind wir sehr geneigt, dasselbe ganz zu übersehen. Aufmerksam werden wir schon, wenn wir die winzige kleine Thüre öffnen und vollends überrascht, wenn wir das Innere des Locals selber betreten. Haben wir mit deutscher Bescheidenheit die Thür sachte hinter uns ins Schloß gedrückt, so befinden wir uns in einem eigenthümlich dämmerhaft erleuchteten Raum, dessen Wände schwarz gestrichen sind. Haben wir uns an die herrschende, durch den Tabaksqualm noch vermehrte Dunkelheit etwas gewöhnt, so bleiben wir gewöhnlich starr vor Schrecken und keines Wortes mächtig stehen, denn aus allen Ecken und Winkeln grinsen uns — man denke! — Todtenschädel und nackte Knochengerippe an. Ein Gruseln überläuft uns und steigert sich zu eisigen Schauern, wenn wir den von der Decke herabhängenden Kronleuchter erblicken, der ganz aus Menschenknochen und Schädelstücken hergestellt ist. Wir fangen an zu zittern und kalter Schweiß bricht auf unserer Stirne aus, wenn wir um uns schauen und bemerken, daß Särge als Tische dienen, zwischen welchen Kellner, nicht etwa im üblichen Frack, sondern in der schwarzen Tracht der Pariser officiellen Leichenkutscher den Gästen aufwarten. „Soyez le bien venu ä la mort!“ ruft uns einer dieser Kellner mit dumpfer Stimme und feierlicher Miene und ladet uns mit gravitätischer Geste ein, an einem der Särge, d. h. Tische, Platz zu nehmen. Wir gehorchen ihm mechanisch und setzen uns. Wir hätten uns so wie so nicht mehr lange auf den schlotternden Knieen-aufrecht halten können. Damit hat aber auch unser Erstaunen und Schrecken sein Ende erreicht, denn im Uebrigen herrscht unter den anwesenden Gästen die zügelloseste Ausgelassenheit und das Schwatzen und Lachen, das Johlen und Schreien, das Singeri und Pfeifen läßt uns die grausenerregende Ausstattung des Loeals momentan vergessen. Wir athmen erleichtert auf, bestellen uns von dem Leichenkutscher, d. h. Kellner, der uns den Platz anwies, ein Glas „boc“, d. h. Bier, stärken uns nach dem gehabten Schreck durch einige kräftige, deutsche Männerschlucke, zumal das Gebräu gar nicht so übel mundet, zünden eine Cigarette an, fühlen flüchtig unfern Puls, um uns zu vergewissern, daß wir noch leben und warten der Dinge, die da kommen sollen. Kommen muß nämlich Etwas, denn zu welchem Zweck sollte man sonst das am Ende des Loeals befindliche, kleine Podium errichtet haben, welches durch einen aufrechtstehenden, großen, offenen, den Gästen zugekehrten Sarg ausgefüllt wird? Was soll das große, weiße Tuch, das zur Seite des Sarges über einer Stuhllehne hängt? Wozu dient denn die Orgel, die mit geöffnetem Manual und aufgesetzten Noten gleichsam des Spielers zu harren scheint? Was hat jener langgelockte, glattrasirte Herr, dem man den Schauspieler von Weitem ansieht, so eifrig mit einem der Gäste zu flüstern? Kommen muß Etwas. Auch der Lärm im Locale verstummt allmählig. Man macht nur ab und zu einige halblaute Bemerkungen, die je nach ihrem Inhalt bestaunt, benickt, belacht oder belächelt werden. Hier und dort erhebt man sich und dreht die Stühle um, so daß man das Podium bequem überschauen kann. Kommen muß Ewas. Ein wie aus weiter Ferne herüberhallendes Glockengeläute läßt sich hören. Die halblauten Bemerkungen erstarren in ein Geflüster und dieses in Stillschweigen. Mdr Augen heften sich auf den Schauspieler, der noch immer eifrig, aber leise, mit dem Gaste verhandelt. Kommen muß Etwas! Der leibhaftige Teufel halte die Nervenanspannung aus! Die Cigarette verlöscht, das „boc“ beginnt warm zu werden, unser Puls fängt an, auszusetzen — kommen muß Etwas oder —! Aha! Siehe da! Voila! II vient enfin! Schauspieler und Gast erheben sich und treten unter Glockengeläute auf das Podium. Indessen nimmt ein ä la Liszt frisirter Musiker seinen Platz auf der Orgelbank ein, das Glockengeläute erstirbt und er beginnt leise' zu präludiren. Der Gast stellt sich in den Sarg mit der Front nach den Zuschauern hinein. Der Schauspieler, als Regisseur der Vorstellung, nimmt das große, weiße Tuch von der Stuhllehne und wirft es dem im Sarge Stehenden über, so daß derselbe ganz davon eingehüllt wird. Unter dieser Manipulation intonirt der Organist einen feierlichen Trauermarsch mit den sanftesten Registern. Die Sache fängt also an, interessant zu werden, lieber Leser. Unsere Ausrnerksamkeit wendet sich naturgemäß weniger der gedämpften Musik als vielmehr dem Sarge zu, der soeben ein „blühendes Menschenleben" verschlungen hat. Nun aber heißt's, die Zähne zusammenpressen, daß sie nicht zu klappern anfangen und man sich die halbe Zunge abbeißt! Nun gilts, alle Muskelfibern und dito Fibrillen straff gespannt zu halten, daß man nicht wie ein Waschlappen vom Stuhle zur Erde sinkt, denn unfern Augen bietet sich ein gräßlich, entsetzenvolles Schauspiel dar. Unter den feierlichen Orgeltönen geht nämlich mit dem „Eingesargten" eine seltsame Verwandlung vor. Man sieht, wie sein Leib nach und nach einschrumpft und — zum Todtengerippe wird. Dieser grauenvolle Proeeß beginnt zunächst am Kopf. Die Schläfen, die Augen, die Nase, die Wangen und schließlich die Kiefern sinken ein; die Haare, der Bart und das Fleisch schwinden und nur die nackten, gelblich weißen Knochen bleiben übrig und grinsen den Zuschauer mit jenem, dem menschlichen Schädel so charactenstischen, verzweiflungsvollen Hohn ins Gesicht. Dann kommt der Hals an die Reihe, dessen Rundung zur nackten Wirbelsäule zusammenschauert, und so geht es fort, immer weiter nach 292 ein großes, II „galanten1 Literarisches eine solche der Wand Dauerhafte Bettvorlage. Man tauft sich einen Kaffee- oder Reissack, welcher sich zum Besticken eignet und schneidet daraus einen 70 Zentimeter breiten, 110 Zentimeter nicht die I langen Th eil. Auf diesen Theil setzt man der Länge nach bestäubt man sie mit Reispuder und Talkum. Eine poröse Wolleinlage in den Aermel ist anzurathen. Ebenso der möglichst weite Schnitt der Aermel, damit Luft genügend Zutritt hat. unten, bis der ganze Körper zum Skelett geworden ist. Am scheußlichsten nächst dem Kopfe nimmt sich dabei das Schwinden der Bauchhöhle aus, an deren Stelle r~ r1*' SRebaction: E. Burkhardt. - Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in «i-ßen. finsteres Loch erscheint. Während des ganzen Vorganges herrscht Stille im Local, daß man die Fliegen an schnarchen und die Flöhe in den Dielenritzen ihre Abenteuer erzählen hören könnte, wenn uns -w . Zangen «.yeu. «ui ~—o- > knarrenden Stiefel des Organisten dieses Genusses berauben drei Streifen Tuch, je 14 Zentimeter breit, einen derselben würben. „Boe“ und Zigarette sind längst vergessen und I jn die Mitte, die anderen zu beiden Seiten. Man kann Alles starrt entsetzt das Todtengerippe im Sarge an dazu noch starke abgetragene Hosen verwenden, wenn die Nachdem dasselbe sich eine Weile unverändert gezeigt, Farbe ansehnlich geblieben ist oder auch Möbelstoff. (Beim um einen möglichst nachhaltigen Eindruck auf die Netzhaut I Ueberziehen des Sophas finden sich an dem alten Ueberzuge des Beschauers zu hinterlassen, beginnt die allmähliche Rück- I immer noch verwendbare Streifen.) Die zwei Streifen vom Wandlung, bei der gerade die Vorgänge, welche vorher unser Kaffeesack, welche auf diese Weise frei bleiben, werden nun Haar zu Berge brachten, am komischsten wirken und das I m|t einer einfachen Bordüre in zwei Farben bestickt. Am Zwerchfell unwillkürlich in bibrirenbe Bewegung versetzen. I Besten eignet sich Kreuzstichstickerei unb finbet gewiß jebe Unter allgemeinem Gelächter, Bravogeschrei unb Hänbe- I der freunblichen Leserinnen eine passenbe Vorlage unter ihren klatschen giebt bann ber „Orcus" schließlich bas „blühenbe I Stickvorlagen. Zum Besticken verwendet man stärkste Baum- Menschenleben" in Gestalt des dem Sarge entsteigenden I wolle, da sie sich bedeutend länger hält und nicht so leicht Gastes der Welt wieder zurück. Der dienstfertige Leichen- I abgetreten wird als Wolle. (Will man sich, nicht im Sticken kutschcr, b. h. Kellner, credenzt bem „Auferstanbenen" sofort I aufhalten, so kann man auch einfach schräge ZarreauS im ein Glas schäumenben „boc“ und bieser feiert feine „Umkehr", I Kreuzstich abnähen, in jebes biefer ZarreauS befestigt man indem er sich mit Wohlbehagen in bas würzig buftenbe Naß I m|t Festonstich einen Tuchstern, ben man mit ein paar Stichen vertieft." I verziert, was sich auch hübsch ausnimmt unb schneller geht.) " Sofort geht die Orgelmusik in einen flotten Zancan I Der Teppich wirb nun mit gutem Futter versehen, eine leichte über unb erstickt schließlich im Gläsergeklirr unb Zigaretten- I Watteinlage ist noch besser, unb mit starker Litze eingefaßt, qualm. Zwei Minuten später ist ber ganze Vorgang ver- I Diese Vorlagen finbe ich dauerhafter unb billiger, als jebe gcffen, neues „boc“ wirb bem alten nachgeschickt und bie I andere, da sie auch leicht gereinigt werden können. Unterhaltung nimmt ihren gewöhnlichen d. h. lärmenden I Sicherung -es Pelzwerkes vor Motte«. Zur Verlauf. | Fernhaltung der Motten habe ich mit bestem Erfolge Wie das mit der schauerlichen Verwandlung zugeht, I Zeitungspapier verwandt. Die Motten scheinen den diesem lieber Leser? I Papier anhaftenden Geruch nicht zu lieben. Die Pelzsachen Nun, hinter die Zouliffen habe ich nicht zu schauen I toerben sorgsam in große Zeitungsblätter eingeschlagen und gewagt. Den Regisseur wollte ich anstandshalber nicht I tn einer dichtschließenden Schachtel oder Kiste aufbewahrt, fragen und der „Eingesargte" wußte auch nicht, wie thm I äut größeren Vorsicht klopfte ich jedoch vorher, sowie im geschehen war, denn die ganze Procedur ging eben vor sich, I gjjottat Mai und einige Zeit vor unb nach diesem Monate, ohne daß er selbst das Geringste davon gespürt hätte. Ich ba§ Pzhwerk gründlich aus. (Im Monate Mai pflegen denke, die ganze Geschichte wird mittelst großer, versteckter I ^mlich die Motten ihre Eier abzusetzen,- die sich au5 ben= Spiegel irgendwie ins Werk gesetzt und der „Sterbende I fet6en entwickelnden Larven sind bie eigentlichen Zerstörer selber hat gar keine Empfindung davon, was mittelst der I bc§ Pxlzwerkes.) Aus gleichem Grunde laffe man während geschickt inszenirten optischen Täuschung mit ihm an- | ber o6en angegebenen Zeit Pelzsachen nie frei aufhängen, gestellt wird. Der Wirth des „Neant“ aber, der den ganzen Plan ansgeheckt haben soll, weiß, auf weich' rafftnirte Dinge man verfallen muß, um die modernen Pariser und die neugierigen fremden anzuziehen und zu unterhalten. Das soeben im Verlage von Levy & Müller in Stuttgart zur Ausgabe gelangte zweite Bändchen der völlig umgearbeiteten und fast t i um die Hälfte vermehrten achten Auflage des bekannten Universal- Aus dem „Practischcn WegMe.se,", Wmzburg. HÄSÄ'ÄÄS ------- I lieber Reden, durch Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit seines Inhalts, Vavageien müssen Zweige unb Aeste zum Benagen I sowie durch Gediegenheit der Ausstattung aus. Es enthält em- große erhalten, denn sie haben dazu ein unbezwingbares Bedürfnib. I das Zranipaär, Indern Jn Ermangelung der Zweige Von Btrken oder Oostbaurnen I Angehörigen und die an der Feier theilnehmenden Freunde, gebe man weiches Tannenholz, wie man es in jebem Haus- I * * 16 halte zum Feuermachen hat. Der unbefriebigte Nagetrieb I Universalbuch für Polterabend und Hochzeit von äufcert sich gewöhnlich im Febemfressen unb Benagen ber I von E. Mensch und A. von Krane. Drittes Bändchen: Vortrage X.«. w.»*^**“0*" Zimmer frei, bann zerzausen sie gewöhnlich die Pflanzen des °^ Hochz-it für mehrere Personen. Zweite, völlig umgearbeitete und Blumentisches, um ihre Nagegelüste zu befriedigen. vermehrte Auflage. Stuttgart, Verlag von Levy & Müller. Preis Filiae darf man wenn sie mit Kanarienweibchen ge I j-des Bändchens 60 Pfg. Um Polterabende und Hochzeiten ihrer Zeisige bars man, wenn “1‘ I Bedeutung entsprechend recht feierlich zu gestalten, giebt es wohl kem züchtet haben, wahrend des Brutgeschaftes nicht im Zucht- I Mittel, als stimmungsvolle Vorträge und Aufführungen von käfig lassen. Es kommt sehr oft vor, daß sie Eier unb I @uten bec on bem gefte theilnehmenden Freunde und Freundinnen des ^unae aus bem Neste werfen unb damit die erhofften Brautpaares. All-, welch-in Verlegenheit um wirklich gediegene Vor- Srhe Terniditen träge bei Hochzeitsfeierlichkeiten sind, werden das „Uniersalbuch für Bastarde verntcyien. I mofteta6eni) unb Hochzeit" in der neuen Bearbeitung Mit Freuden be- D