Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) „Aergerst Du Dich, Ottchen" fragte sie kleinlaut, „weil Deine Freunde nun weggegangen sind?" Er machte eine verneinende Bewegung. „Wenn's nur das wär'!" „Was denn noch, Ottochen?" fragte sie weiter, und eine dunkze Ahnung, daß sie mit ihrem unerwarteten Besuch ihn erzürnt haben könnte, stieg beklemmend in ihr auf. Wie ein 'Dolchstoß fuhr es ihr in's Herz. „Du . . . Du ..." Nein, sie brachte es nicht über ihre Lippen. Es war ja nicht möglich, daß er sich seiner Mutter vor seinen Freunden schämte. „Nun ja," fuhr Otto fort, ernst auf- und abschreitend, „dieser Wattenfeld ist ein so boshafter Mensch. Er wird ihnen heute Abend die ganze Scene in seiner ironisch-boshaften Weise schildern. Wie Du plötzlich unseren Scat gesprengt hast und wie Du" ... er unterbrach sich und blieb vor seiner Mutter stehen, sie von oben bis unten mit verdrießlichen Blicken musternd. „Weißt Du, Mutter . . . nimm's mir nicht übel, aber ein bischen moderneren Hut hättest Du Dir schon aufsetzen können und solch buntes Umschlagetuch siehst Du heutzutage in ganz Berlin nicht mehr, höchstens noch bei Euch draußen auf'm Gesundbrunnen." Die Knie zitterten ihr, sie mußte sich setzen. Neben ihr stand einer der kostbaren Plüschsessel. Aber sie zog sich bis an die Wand zurück und ließ sich hier auf einen Rohrstuhl nieder. Die Thränen liefen ihr über die Wangen, ohne daß sie es wußte. Otto erschrak, halb ärgerlich, halb begütigend redete er • uz.-, r-iiWk-v»,,, o Alle thätig sind, sich glücklich fühlen. Die Künste blüh'n, und Jeder, wer es sei, In seinem Thun und Denken fühlt sich frei: Da herrscht und dienet Jeder, wie er will, Der rohen Willkür nicht, nur dem Gesetz, Das Jedem ist gegeben, Jeden bindet; Da knüpft ein holdes, unzertrennlich Band Den Bürger an das theure Vaterland, Wo er der Seinen Glück, das eig'ne findet. auf sie ein. „Du wirst doch nicht weinen, Mutter! Ich bitte Dich. Wenn meine Wirthin kommt, was soll die denken! So war es doch nicht gemeint. Es verdrießt mich nur, daß sie mich nun anulken werden. Wenn Du nur wüßtest, wie furchtbar ironisch dieser Wattenfeld sein kann. Ich würde überhaupt mit dem Menschen gar nicht Verkehren, aber fein Vater ist Oberstaatsanwalt und man kann nicht wissen . . ." Sie weinte noch immer. Er trat an sie heran und streichelte ihren Kopf. Sie drückte ihr Gesicht gegen seine Brust. Seine Liebkosung rührte sie so sehr und ihre Thränen stossen noch reichlicher. „Aber so hör' doch endlich auf, Mutter!" sagte er, wieder ein wenig ungeduldig. „Man sollte glauben, ich hätte Dir wer weiß was gethan,- ich bin ja nur ein Bischen verstimmt, weil ... na ja, sie werden nun sagen, daß ich unter Curatel stehe und daß Du gekommen bist, um bei mir zu inspiziren." Sie hob erschrocken ihr Gesicht. „Das werden sie doch nicht denken, Ottochen. Das thäte mir wirklich leid. Nimm's mir nicht übel, daß ich gekommen bin, und wenn Du's nicht gern siehst, komme ich gewiß nicht wieder. Es war ja nur, weil ich so sehr unruhig war Deinetwegen." Er lächelte. „Aber ich bin doch kein kleiner Junge, Mutter, der unter'n Wagen kommt! Man kann doch mal 'ne Abhaltung machen. Markwald hat uns gestern zum kleinen Bummel aufgefordert nach Halensee. Man kann sich doch nicht immer ausschließen." „Freilich nicht, Ottochen. Wenn Du nur 'ne Zeile geschrieben hätt'st —" Sie erhob sich. „Aber ich will Dich nicht länger aufhalten und" — sie griff in die Tasche und lächelte verschämt, während sie ihr Portemonnaie zum Vorschein brachte und demselben ein sorgsam in Papier gewickeltes Zehnmarkstück entnahm — „ich habe Dir auch 'ne Kleinigkeit mitgebracht. Da, Ottochen! Nimm nur! Es kommt von gutem Herzen!" Eine brennende Röthe ergoß sich jäh über sein Gesicht und er machte unwillkürlich eine zurückzuckende Bewegung. Aber im nächsten Moment griff er hastig zu und steckte das Goldstück in die Westentasche. „Danke, Mutter," sagte er, beugte sich vor und küßte sie in einer plötzlichen Gefühlsaufwallung auf die Wange. Dann faßte er sie an der Hand und geleitete sie zu einem der großen Plüschsessel. „Du wirst doch nicht schon wieder gehen, Mutter! Wenn Du nun doch schon mal hier bist!" Er drückte sie, die sich ein wenig sträubte, auf den Sessel nieder. Sein Wesen war mit einem Male ein anderes 22 geworden. Sein Gesicht hatte sich aufgeheitert, er nickte ihr lustig zu. „Deinen Besuch müssen wir doch begießen, Mutter!" Er deutete auf den Krug, den die Herren von Markwald und Wattenfeld im Stich gelassen. „Echtes Löwenbräu, Mutter! So was giebt's bei Euch da draußen gar nicht." Er goß die beiden Reste der Freunde in ein Glas zusammen und spülte das leergewordene Glas über seiner Waschtoilette aus. Dann kehrte er zum Tisch zurück, füllte das eben gereinigte Glas und eredenzte es der Mutter, sich auf die Lehne ihres Fauteuils setzend und ihre Schulter mit seinem linken Arm umschlingend. Und nun stieß er mit ihr an. „Auf Dein Wohl, Mutter, Prost!" Sie wollte nur nippen, aber er drängte sie, ihr Glas zu leeren. „Rest, Mutter, Rest! Selbstverständlich!" Sie schluckte und schluckte, innerlich ganz glückselig über seine Liebenswürdigkeit. Vergessen waren seine unfreundlichen Worte, seine Kälte von vorhin. Im Grunde war er ja doch ein herzensguter Junge. V. Trübe Tage waren für die kleine Familie in der Rügenerstraße gekommen. Frau Köster hatte sich bei ihrer Expedition nach der Neuenburgerstraße eine heftige Erkältung zugezogen. Ein starkes Fieber war die Folge, das den ohnedies von dem anhaltenden Maschinennähen und der sonstigen schlechten körperlichen Pflege außerordentlich geschwächten Körper sehr mitnahm. Der Arzt verordnete vorläufige Bettruhe, überhaupt längere Schonung und Enthaltsamkeit von allen häuslichen Arbeiten. Das erste war, daß Köster ein weibliches Wesen engagirte, das die Kranke pflegte und daneben die Wirthschaft besorgte. Denn er und Carl durften sich durch die Krankheit der Mutter nicht abhalten lassen, pünktlich ihren Pflichten nachzukommen. Er fand ein junges Mädchen, das sich in der Zeitung annoncirt hatte. Er hatte sie gewählt, weil sie zu fällig nicht weit ab wohnte und nach Hause schlafen gehen konnte, und weil ihr bescheidenes Wesen und ihre saubere, nette Erscheinung ihm zusagten. Sie war eine Waise, die erst vor Kurzem nach Berlin gekommen war und nun hier bei Verwandten wohnte und irgend eine passende Beschäftigung suchte. Daß Küsters Wahl eine gute gewesen, erwies sich schon in den ersten Tagen. Die Wirthschaft ging wie am Schnürchen, und Fräulein Helene Zimmermann schaltete in der fremden Umgebung mit einer Umsicht, als ob sie in der Familie groß geworden wäre. Die beiden Männer hatten über nichts zu klagen und daß der Kranken ebensowenig etwas abging, sah man an den zufriedenen Mienen derselben und an dem günstigen Verlauf, den die Krankheit nahm. Helene Zimmermann hatte etwas in ihrem Gebühren, das unwillkürlich Achtung abnöthigte. Es lag etwas Bestimmtes und Sicheres in ihrer ganzen Art, obgleich sie wenig Wesens von sich machte, und eher etwas Stilles, in sich Gekehrtes an sich hatte. Vater und Sohn behandelten das Fräulein von allem Anfang an mit einer Rücksicht, die man den beiden rauhen Männern gar nicht zugetraut hätte. Besonders Carl ließ es sich angelegen sein, dem jungen Mädchen gefällig zu sein, wo er nur konnte. Er litt nicht, daß sie die schweren Hausarbeiten, wie das Zerkleinern des Brennholzes und das Heraufschleppen der Preßkohlen aus dem Keller selbst verrichtete. „Das müssen Sie mir schon überlassen, Fräulein," sagte er mit feinem Lächeln. „Das hat schon immer zu meinem Ressort gehört." Als das Fieber der Patientin nachgelassen hatte, war es das Erste, daß sie der neuen Hausgenossin von ihrem abwesenden Sohn erzählte. Und da Helene Zimmermann eine aufmerksame Zuhörerin war, die sich immer für das, wovon man ihr gerade sprach, angelegentlich zu interessiren schien, so holte die Erzählende immer weiter aus, indem sie von der frühesten Kindheit und Jugend ihres Lieblings berichtete. Ein wie kluger, lieber und hübscher Junge er immer gewesen! Und am nächsten Sonntag würde er gewiß kommen. Aber wer nicht kam, war Otto. Die Kranke war den ganzen Tag über sehr unruhig und richtete sich alle paar Minuten im Bett auf, im stilleu Sehnen nach ihrem Liebling lauschend. Am anderen Tage war das Fieber um einen Grad gestiegen. Sie klagte nicht. Aber daß ihre Gedanken unablässig sich mit ihrem Liebling beschäftigten, sah man an ihren Augen und hörte man an ihren unwillkürlichen Seufzern. Carl erbot sich, an Otto zu schreiben. Aber sie wehrte heftig ab. „Beileibe nicht! Nächsten Sonntag wird er schon kommen. Bis dahin bin ich wieder gesund. Wozu den armen Jungen beunruhigen." Doch Carl jammerte es, mitanzusehen, wie sie sich in stillem Sehnen verzehrte. Und so schrieb er heimlich eine Postkarte an Otto, legte ihm dringend ans Herz, sofort nach Empfang zu kommen, da Mutter erkrankt sei und sehnlich nach ihm verlange. Aber zwei, drei Tage verstrichen, ohne daß sich der Herr Referendar in der Rügenerstraße sehen ließ. Carl war innerlich empört über Ottos Lieblosigkeit. Am Freitag Abend beschloß er, persönlich bei dem Säumigen vorzusprechen. Er nahm sich nicht einmal die Zeit, seine Kleidung zu wechseln. Nur einen frischen Kragen um und ein paar Bürstenstriche über seinen staubigen Werktagsanzug, der allerlei unvertilgbare Spuren der Arbeit trug, und fort ging es nach der Neuenburgerstraße zu. Es war schon in der neunten Stunde, als er an seinem Ziele anlangte. Ein Dienstmädchen öffnete ihm, einen^koketten, schmalen, weißen Haubenstreif auf dem Kopfe und vor dem Hauskleid eine zierliche, weiße Latzschürze. „Ist Herr Köster zu Hause?" fragte Carl höflich. Das Mädchen musterte ihn stirnrunzelnd und entgegnete mit schnippischem Aufwerfen ihrer Lippen und mit deutlich zurechtweisender Betonung: „Ja, der Herr Kammergerichtsreferendar ist anwesend." Carl wurde roth, aber er begnügte sich, mit den Achseln zu zucken, während er zugleich Miene machte, einzutreten. Doch das Mädchen stellte sich ostentativ vor den schmalen Spalt, den die nur wenig geöffnete Thür freiließ, und fragte, den vor ihr Stehenden mit Blicken messend, aus denen un- verholen die tiefe Geringschätzung sprach, die seine äußere Erscheinung ihr einzuflößen schien: „Was wünschen Sie von dem Herrn Referendar?" Carl schoß das Blut noch heftiger zu Kopf. Er war schon so wie so wegen des weiten Weges, den ihn Ottos Rücksichtslosigkeit zu machen gezwungen, ärgerlich und ungeduldig. „Das werde ich ihm selbst sagen," entgegnete er sehr kräftig und sehr bestimmt und faßte nach dem Knopf der Thür. Doch das Mädchen ließ sich nicht einschüchtern) mit aller Kraft versuchte sie die Thür noch mehr zuzudrücken, indem sie von oben herab erklärte: „Ohne Anmeldung darf ich Niemand einlassen. Wer sind Sie?" Carls Geduld war zu Ende. Mit den Worten: „Machen Sie doch nicht so viel Umstände!" drückte er die Thür vollends auf und schob das Mädchen bei Seite, in den Corridor eintretend. Ein gellender Schrei tönte aus des Mädchens Munde. Zwei Thüren wurden aufgerissen. In der einen erschien eine ältliche Dame mit erschrecktem, verstörtem Gesicht, in der anderen Otto, der seinen Bruder in dem halbdunklen Raum nicht sofort erkannte. „Was giebt's denn?" riefen zwei Stimmen, die der Wirthtn und die Ottos. „Ach, ich wollte mir nur die Freiheit nehmen, meinen Bruder zu besuchen," gab Carl mit derbem Sarkasmus zurück, „aber es scheint, daß man bei Dtr antichambriren muß, als wenn Du schon Minister wärest." 23 Carl schritt auf seinen Bruder zu, der erschreckt zu- ä sammenzuckte und mechanisch in sein Zimmer zurücktrat. Carl folgte. Als er die Thüre hinter sich in's Schloß gezogen hatte, blieb er staunend stehen. Eine große, strahlende Hängelampe und eine Tischlampe erleuchteten das Zimmer bis in die äußersten Winkel. Den ganzen Ranm durchströmte ein feines Parfüm, das von einem auf dem Schreibtisch stehenden geöffneten, zierlichen Flacon herkam. Otto selbst befand sich in vollem Staat, in Frack, weißer Halsbinde und trug glänzende Lackstiefel an den Füßen. Auf dem Sopha lag ein eleganter Chapeau-Claque. Otto betrachtete stirnrunzelnd seinen Bruder, der in seiner einfachen Kleidung, die noch Spuren der Arbeit aufwies, zu der behäbigen Eleganz der Umgebung in einem grellen Kontrast stand. „Willst Du mir sagen" — begann er, ohne sich die Mühe zu geben, seinen Verdruß zu verbergen, — „was das bedeuten soll? Warum dieses gewaltsame lärmende Eindringen bei mir?" Carl stand noch immer in der Nähe der Thür. Er schnupperte mit der Nase nach der Richtung, von wo der Patschuliduft herkam. In seinen zuckenden Mienen spiegelten sich deutlich die Gefühle, die ihn in diesem Augenblick erfüllten. „Nimm mir nicht übel," sagte er mit beißender Ironie, die ganz gegen seine sonstige Art die Behandlung seitens des Dienstmädchens sowie sein Empfang durch Otto Plötzlich in ihm erweckt hatte, „nimm nur nicht übel, daß ich Dir nicht, wie es bei den vornehmen Seilten ja wohl Mode ist, meine Karte hineingeschickt habe. Ich habe sie zufällig vergessen. — Du bist wohl bei Ministers zur Fste geladen?" „Laß die dummen Witze?" brauste der Referendar auf. Carl trat ein paar Schritte in's Zimmer hinein. Ironie und Spottlust schwanden mit einem Male aus seinem Gesicht und machten einem düsteren Ernst Platz. „Hast Du meine Postkarte erhalten?" fragte er, den ihm Gegenüberstehenden scharf in's Auge fassend. Otto wandte unwillkürlich den Blick ab. Etwas wie Verlegenheit drückte sich in seinem Mienenspiel und der Bewegung aus, mit der er seine Handschuhe vom Tische nahm und sie scheinbar aufmerksam betrachtete. „Die Postkarte?" fragte er und that, als ob er in seiner Erinnerung suchte, . . „ach so . . . ja . . . Muttern geht's doch hoffentlich besser." „Nein, schlechter geht ihr's und daran bist Du schuld." „Ich?" Otto zeigte eine ungläubige Miene und versuchte zu lächeln. „Ja, Du!" bekräftigte Carl. „Aber das hindert Dich nicht, aus'n Ball zu gehen und Dich zu amüsiren." Otto zuckte zusammen, seine Hände schloffen und öffneten sich; eine dunkle Röthe ergoß sich über sein ganzes Gesicht bis zur Stirn hinauf. Seine Lippen bewegten sich, aber er brachte kein lautes Wort heraus. „Weißt Du, warum sie krank ist?" fuhr Carl in demselben lauten, anklagenden Ton fort, in dem er all das Borhergegangene gesagt hatte. Der Jüngere zuckte die Achseln. „Weil Du ein schlechter, liebloser Sohn bist," rief ihm Carl ins Gesicht. Der Referendar fuhr nun doch zornig auf und machte eine hochmüthige Bewegung, dem Bruder Schweigen zu gebieten: „Ich muß Dich doch dringend ersuchen" . . . „Weil Du ein liebloser, gewissenloser Mensch bist," überschrie ihn der Andere, dem die Zornesader auf der Stirn anschwoll und oem sich das, was schon seit Wochen in ihm gährte, nun einmal über die Lippen drängte: „Wärst Du Deiner Pflicht nachgekommen, hätte die Mutter nicht zu Dir kommen brauchen und hätte sich nicht erkältet. Und wenn Du nicht diese noblen Neigungen hättest und über Deine Mittel hinaus lebtest, dann brauchte sich die arme alte Frau bei der Nähmaschine vollends nicht zu Schanden arbeiten." (Fortsetzung folgt.) Gruseliges aus der Lindener Mark. Von C. D., Gr.-L. Ich wende nichts dagegen ein. Es müssen wohl Gespenster sein. (Lessing.) Ja, die Alten, die haben Mancherlei erlebt, wovon unsere aufgeklärte Zeit wenig Ahnung mehr hat. Daß die Nacht keines Menschen Freund ist, das glaubt man auch jetzt noch und, daß sich in dunkler Nacht die Pforten der geheimen Geisterhorte auch jetzt noch öffnen, um ihre Bewohner in sonderbarlichen Gestalten auf der Oberwelt umher wandeln zu lassen, dieser Glaube dürfte bei Manchen trotz der Aufklärungen ebenfalls noch nicht ausgeschlossen sein. — Zu gewissen Zeiten und an gewiffen Orten erscheinen diese Gestalten, um zaghafte Menschenkinder zu foppen, zu ängstigen, zu quälen oder ihnen auch Unheil zu verkündigen. Der Alte, der weiß es. Den Mann mit der Leuchte im Brückerfeld, den hat ihm als kleiner Junge seine Mutter gezeigt. Auch Andere haben ihn in der Richtung von Hörnsheim nach Lützellinden zu wandeln sehen, aber Niemand hat ihm ins Antlitz geschaut. Daß es früher am „Woellschloß" und am „Gerichtshaus" nicht geheuer war, das wußte früher,,jed' klan Keind". Das „Kasserche" im Dorf, das hat Manchen gar oft erschreckt und ihn zu später Nachtstunde von der Straße verscheucht. „Die Obergässer Schäferei" war versammelt, und mein Vater war auch dabei gewesen, so erzählte uns oft die alte Großmutter. „Durch die Wahl eines neuen Salzmeisters hat es etwas lange gedauert. Derselbe mußte erst noch etwas abgeben, darüber war es 12 Uhr geworden. Mein Vater und der neue Salzmeister waren die letzten, welche gingen. Vor der Thüre schlupfte der Nachtwächter an ihnen vorbei, um die Zwölf auf der Pfarrgasse abzurufen. Am Spritzenhäuschen hielten die beiden noch ein Ständchen und dabei einen „Nachschwatz." Da, auf einmal trottet etwas an ihnen vorbei und glotzt sie eine Weile mit seinen glühenden Augen an. Der ebenso plötzlich hinter den Wolken hervortretende Mond beleuchtet ihnen im kleinen Lichtkreis das kleine Wesen. Es war klein und „wusselig", so groß wie ein Spitzhund und kohlschwarz. Sein Haar war „struppig." Das Ding erweckte ein wirkliches Gruseln. Geräuschlos hatte sich meines Vaters Begleiter abgedrückt und war im Dunkel der Nacht verschwunden. Mein Vater aber hatte mehr Courage im Leib und ging dem unheimlichen Wesen nach. Am Todtenthore machte es ein wenig Halt, trottete dann die Junkergasse hinunter, bog dann in den Wächtersgang ein nach der Pfarrgasse zu. Da war es verschwunden! Das war das „Kasserche!" Aber noch gruseliger klingt eine andere Beigabe eines alten Greises. Er weiß noch Personen zu nennen, die ihn gesehen haben, — „den Reiter ohne Kopf." Einige Spätlinge stehen nach 12 Uhr noch in dem Schatten einer düsteren Ecke und halten noch ein flüsterndes Consilium. „Horcht einmal", spricht einer derselben, „da kommt ja noch ein Reiter." „Aber der Gaul kleppert so awicht an ihnen vorbei. Neugierig, doch zögernd traten sie näher. Da sehen sie, daß sein Teppich auf der Erde schleift. Einer von ihnen will ihn erhaschen, kann ihn aber nicht erreichen, obgleich dies sehr einfach und leicht erscheint. Da machte einer der übrigen darauf aufmerksam, daß der Reiter ja keinen Kopf habe. Grausiges Entsetzen ergreift Alle und treibt sie nach Hause. Noch Andere haben diese grauenhafte Reitergestalt gesehen. Mehrmals ist sie die Hauptstraße auf- und abgeritten, ist zuletzt bei „Gossis Haus" in dem Feldweg nach dem „Luh" verschwunden. 24 Die Chaussee führt von Großen-Linden nach Kleine Linden eine kleine Strecke durch Wald, dessen linker Zipfel kurzweg das „Eichelstück" genannt wird. Hier auf dem Bergrücken und auch weiter thalabwärts nach dem „Osterfeld" über das Gerichtshaus hinaus bis zur Rheinfelser Straße mag die alte „Hessenluft" stürmend und wetternd die Kronen alter Eichen gezaust und geschüttelt haben. In einer. großen Curve bog damals die Straße von ihrer jetzigen geraden Richtung nach links und wand sich am Gerichtshaus vorbei nach der Rheinfelser Straße zu. So war es dazumal, als ein Postkutscher von der Rheinfelser Straße abbog und durchs Hüttenberger Land wollte. Schwerfällig und unsicher schleppten die müden Gäule die Kutsche dem nahen Walde zu. Ein eisig kalter Schneesturm umtobte heulend und musternd unfern armen Schwager auf seinem ohnedies luftigen Sitze. Er weiß, dort, an jener Biegung steht eine Herberge. Zwar ist sie verrufen, doch will er die Nacht hier verbringen und warten, bis Sturm und Wetter sich ausgetobt haben. Schnell sind die Rosse vom Wagen gelöst und untergebracht. Er selbst begibt sich hierauf in die erleuchtete Stube. Lustig flackert das Feuer im Kamin, und eine behagliche Wärme strahlt ihm entgegen. Aber es befremdet ihn, daß ihn keine menschliche Seele bewillkommt und seiner Wünsche Begehr erfüllt. Ein runder Tisch inmitten des Zimmers ist mit zwölf Gedecken versehen und mit Speisen reichlich besetzt. Ein banges Grauen erfüllt sein Herz und zagend legt er sich auf seinen Mantelsack nieder. Da, um die zwölfte Stunde knarrt die Thür, und herein treten zwölf schwarz vermummte Männer und nehmen an dem runden Tisch Platz. Mit Entsetzen muß er hören, wie sie sofort beginnen über ihn Gericht zu halten. Angstvoll drückt er sich in den Schatten des Kamins. Die Berathung dauert lange. Sie können sich über das Urtheil nicht einigen. Da ertönt plötzlich aus dem Walde ein kurzer Eulenruf, und ebenso plötzlich sind die geheimnißvollen Gestalten verschwunden. Die Geisterstunde war vorüber. Wohl freudig begrüßt er den erwachenden Morgen und verläßt eiligst die abenteuerliche Stätte. Ob unser Schwager an jenem Morgen mit dem fröhlichen Klange seines Posthorns die Wipfel dreier Linden begrüßte, darüber schweigt die Mär'. Nun zum Schluffe noch eine kleine Anmerkung, lieber Leser, ich sehe Dein überlegenes Lächeln, das bei der Lectüre dieser Zeilen Deine Lippen umspielt. Du bemitleidest mich, daß ich solches sage, aus der Rumpelkammer einer längst verflossenen Zeit hervorgeholt habe. Ich bitte um Entschuldigung, Du stehst mit Deiner Intelligenz auf der Höhe Deiner Zeit. Auch bist Du kein Beschränkter und Leichtgläubiger mehr, um verlacht zu werden. Dir kann man nicht mehr gruseln machen. Aber wisse: Saul war auch ein kluger Mann und lief doch zuletzt noch zur Hexe von Endor. So wird es auch immerhin noch sein, daß die Nacht keines Menschen Freund ist. Schwach benervten Menschen, ängstlichen Gemüthern wird die dunkle Nachtzeit Visionen vorgaukeln, die das Herz unter dem Gewände schneller schlagen lassen. Der Aberglaube hat bestanden und wird auch noch weiter bestehen. Drum dürfte man dem Aberglauben nachforschen, um das Wahre vom Falschen zu trennen, die Ursachen zu ergründen, welche übersinnliche Dinge ?. -fen; dann gebe man der Wissenschaft, was ihr gehört yiv? dem Glauben, was des Glaubens ist. GEeinnAtziges. Was ist Porridge? Dieses Wort hört man so oft in Amerika und England, daß man als Nichtkenner desselben unwillkürlich zur Frage veranlaßt wird, was darunter zu verstehen ist. Die Antwort lautet: Porridge ist ein gei kochter Brei, dargestellt aus Qlläker Oats ^amerikanischem, präparirten Hafer) mit Wasser oder Milch nach Recept auf den Packeten. Für mehr als 120 Millionen Menschen (in Amerika und England) ist Porridge die beliebteste erste Mahlzeit des Morgens. Millionen von Kindern dient Porridge als Ernährungsmittel, wodurch sie kräftig aufblühen. Reconvaleseenten, zumeist an Verdauungsmangel leidend, oder Greise mit bereits geschwächter Verdauungs- kraft, genießen Porridge und finden dadurch Ersatz für schwere unverdauliche Nahrungsmittel. Welchen Umfang die Fabrieation von Quäker Oats zur Porridge-Bereitung in Amerika und England erreicht hat, davon hat man im Allgemeinen in Deutschland keine Ahnung. Aehnlich wie bei uns die großen Export-Brauereien eigene Eisenbahnwaggons mit Firmenaufschrist den Güterzügen einreihen, um das goldgelbe oder dunkelbraune Naß auf dem schnellsten Wege den durstigen Kehlen zuzuführen, ebenso besitzt die amerikanische Quäker Oats-Gesellschaft in Chicago eine enorme Anzahl eigener Eiscnbahnwaggons zum Transport ihrer Fabricate. Fortgesetzt begegnet man bei Reisen in Amerika den weiß angemalten Eisenbahnwaggons der Quäker-Oats-Gesellschaft. Schon die Bereitungsweise der amerikanischen Quäker Oats durch das patentirte Verfahren des Zerquetschens und Prä- parirens bildet die Grundlage der vorzüglichen Qualität. Durch diese Zerquetschungsmethode werden die verschiedenen Cellulosewände des präparirten Haferkorns aufgeschlossen, wodurch der Magensaft direet mit der Arbeit des Auflösens der nahrhaften Bestandtheile beginnen kann, welche im Haser- korn zwischen bett einzelnen Cellulosewänden aufgespeichert sind. Durch dieses Verfahren wird kein Mehl, sondern eine präparirte Grütze dargestellt. Diese nahrhaften Bestandtheile enthalten 16 pCt. Eiweißkörper, sind also nahrhafter als Rindfleisch und dabei ea. 90 pCt. billiger. Warum dieses vorzügliche Nahrungsmittel noch nicht von Jedermann in Deutschland verwendet wird, ist ganz unverständlich. Vielleicht tragen diese wenigen Zeilen dazu bei. Hrriirsristisches. Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Vierteljährlich Mk. 1,30, Einzelnummer 10 Pfg. — Ein Nothschrei. Dichter (dessen fünftes Drama auch ausgepfiffen wird): „Zum Verzweifeln! Das Publikum bessert sich ja gar nicht!" — Er weiß es besser. Die kleine Ella: „Die Soldaten müßten eigentlich alle Lieutenants sein, nicht, Karlchen?" „Aber, Ella, wer sollte dann die Lieutenants grüßen?" — Zweifelhaft. Frau: „Ich gehe eben für unfern Zimmerherrn, den Studenten Spund, etwas einholen." Mann: „Was willst Du denn holen?" Frau: „Er will heute Abend zu Hause studiren, und da hat er mich gebeten, ich möchte ihm eine Flasche Bier und ein Fäßchen Tinte besorgen." Mann: „Na, na, da wirst Du Dich wohl verhört haben, jedenfalls hat er umgekehrt gesagt, — eine Flasche Tinte und ein Fäßchen Bier." * * * Theueres Erkennungszeichen. (Aus dem Briefe des Studiosus Bummel an seinen Onkel.) „. . . Es freut mich unendlich, lieber Onkel, daß Du mich nächsten Montag besuchen willst — ich werde pünktlichst am Bahnhofe fein. Da wir uns aber noch nie gesehen, so bitte ich Dich, als Erkennungszeichen einen Hundertmarkschein in der rechten Hand zu halten!" * * * Ballgespräch. Secundaner: „Mein Fräulein, haben Sie schon einmal in schwebender Pein gebangt?" Stebactfah «. Sch «»da. — Druck und «erlag der Brühl'schen UuiverfitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in «ießen.