1898. Nr. Mi. ib.ililifl Wil W er felt’ne Mann will seltenes Vertrauen, gebt ihm den Raum, daS Ziel wird er sich setzen. Schiller. Felsgarten. Roman von Clara Bucker. (Forti etzung.) Obwohl Heinrich wenig schrieb, las Frau Wulffen den kurzen Zeilen trotzdem ab, daß eine Last auf ihm lag. Nun, bloß nicht seinen Heldenmuth durch Mitleid entfachen, dann war er im Stande, Ungemach für sein ganzes Leben auf sich zu nehmen. Er wollte nach Ostern kommen- verschlug es eigentlich Onkel Wulffen etwas, wenn er seine Frühjahrsreise nach Berlin jetzt schon unternahm, damit er nachsehe, ob. Heine krank war oder vor einem verantwortungsvollen Schritte stand ? Onkel Wulffen ließ sich zu der Reise schon jetzt bereit finden und fuhr nach Berlin. Heinrich schien nicht sehr erstaunt darüber — wie konnten sie da oben wissen, daß- er an ganz andere Wunder gewöhnt war! Sie sprachen von ihren Angelegenheiten wie früher, gleichwohl fühlte der Onkel sich nicht zufrieden mit dem erhabenen und im Grunde doch zerfahrenen Ernst Heines. Was, der Bengel lacht nicht und erzählt keine Witze wie sonst? Wart', Dir will ich kommen I „Onkel," sagte Heinrich mitten in dessen landwirthschaft- liche Auseinandersetzungen hinein, „Sinn werde ich immer dafür behalten, aber die Musik hat mich zu sehr in der Gewalt. Ich habe vor, umzusatteln " „Kiek eens!" entgegnete Onkel Wulffen bloß. „Die Pläne der letzten sechzehn Jahre, oder sind es mehr, fallen dabei zusammen, ich weiß es wohl- Mama, auch Du und Franz, Ihr werdet arg enttäuscht sein und Sorge haben, wo nun die berufsmäßigen Hände herbekommen, denen Ihr Euer Besitzthümer anvertraut." „Ich frage nicht nach den berufsmäßigen Händen, die finden sich, denn Leute, die etwas gelernt und erfahren haben, werden ja wohl für Geld zu haben sein. Ich denke dabei aber an Deine Mutter. Sie ist die Einzigste, die mich rührt, Du weißt das wohl, und die spricht immer das schöne Wort: „Deine lieben Hände." Das hat so was an sich, wenn eine Pfote, die das Zugreifen gewöhnt ist, von einer Frau, wie Deine Mutter, lieb genannt wird. In liebe Hände würden nun Felsgarten und Hohenried nicht kommen. Das wäre vorbei." Er saß breitbeinig, ließ die dicken Hände gefaltet zwischen den Knieen hängen und guckte sich die Dielen an. Heinrich hatte, am Tisch stehend, nervös mit dem Notenpapier geknittert, jetzt trat er zurück, die Arme fest über der Brust gekreuzt. „Ihr werdet doch jedenfalls lieber mein Leben in guten Händen sehen, als Euer Fleckchen Erde." Der Onkel nickte und knurrte. „Dein Leben in guten Fingern — will ich gewiß. Doch was nennst Du so, Heine? Daß es Deine Musik nicht allein war, wußte ich wohl, die hat Deine Landwirth- schaft nie gekränkt, die vertrugen sich doch allemal." Heinrich wurde glühroth. Dann erblaßte er und sagte eintönig: „Man muß mit der Wirklichkeit rechnen, nicht mit Märchen. In diesem Falle bin ich hochbeglückt durch die Hand, wie sie ist." „Jung!" Das war ein Ton aus aufwallendem Herzen, doch der derbe Mecklenburger drückte es noch einmal nieder. „Also sie kann den Bauer nicht vertragen, sie muß einen Kunstbeflissenen haben. Dann ist sie wohl auch sehr reich? Denn daß wir keine Reichthümer aus den Gütern ziehen können für so'n Comödiantenleben, mußt Du mit Deinen Kenntnissen von unserer heutigen Landwirthschast selbst wissen." „Wir wollen nicht weiterreden, Onkel. Bitte, behalte die Angelegenheit für Dich, bis ich der Mutter selbst Mit- theilung mache. Du hast gesehen, ich verstecke nichts und habe Dir sofort Vertrauen geschenkt, jetzt wollen wir es ruhen lassen. Franz hat sich ein Rennnpferd gekauft?" „Habe es gesehen, Heine. Ein vollendetes Thier, Abstammung leider unbekannt. Jedenfalls ist es vierjährig, und eine Hinterhand, sag' ich Dir —" Wulffen schnalzte mit der Zunge. „Wird er es dies Jahr laufen lassen?" „Der übermüthige Mensch will nach England mit ihm, denke, Und dann will er das Polospiel studiren — wird wohl mit 'ner Ponyheerde wiederkommen." „Zwar auch kein billiges Vergnügen nach meiner Auffassung, warf Heinrich hin, ihm ging jetzt das Interesse für den Sport ab. — 422 „Heinrich! Es kam so anders!" Sie war wirklich erschrocken. „Richtig," wandte er sich an den Vater, „nur störten ja Ihre Berechnungen, es blieb nicht bei der weitherzigen Freundschaft. Wir lieben uns, Ines will mein werden, Alles, was ich bin und besitze, soll sie entschädigen —" er mußte innehalten. „Für mich hat sich nichts geändert, lieber, junger Freund. Ich, der Vater, muß für Ines sorgen, und sollte sie wirklich Ihre Frau werden wollen, brauchte sie das ihr zustehende Vermögen erst recht. Denken Sie, bis Sie als Künstler so viel Namen haben, um auf Einnahmen rechnen zu können! Sie staunen, Sie starren — vermuthen Sie, ich würde mein Kind auf Ihrem Platten Lande versauern lassen? Sie brauchen doch nur zu wollen, um die Höhen neben Ines zu erreichen." Ein Schmerz krallte sich um Heinrichs Herz, den er nur jetzt noch nicht aufkommen lassen wollte. „Sie haben recht," rief er heiser, „ich brauchte nur zu wollen! Ob ich Ihnen dann aber willkommener wäre? Mein Onkel reiste soeben ab mit dem berechtigten Ausspruch, daß Bauerngüter für Künstlerlaunen nichts übrig haben. Es fehlt mir also nichts zur idealen Laufbahn, nicht einmal die Mittellosigkeit, haha!" Erder schlug ärgerlich die Hände zusammen. „Mit Ihrer falschen Offenherzigkeit haben Sie sich gleich alle Auswege verlegt!" Ines wurde roth und blaß. In ihrem reizvollen Putz stand sie vor den Männern wie eine arme Sünderin, man sah ihr die Pein deutlich an. „Armes Kind," sprach Heinrich zu ihr, „Du weißt, ich halte Dir mein Wort — nur brauchen kannst Du es nicht so recht, nicht wahr? Aber, ich lasse Dir Zeit und muthe Dir nichts zu, was unmöglich ist- bist Du entschieden fest'. Rufe oder verstoße mich. Ich reise nach Hause." „Heinrich, bleib' doch. Sieh, es könnte Alles so heiter, so vergnügt sein —" „,Vergnügt?" Jetzt lachte er zornig. Hoch aufgerichtet trat Erder zwischen Beide. „Ja wohl, Herr Wulffen, Sie thun gut, zu reisen - eine kurze Trennung wird am besten klären und entscheiden. Einer wird dem Anderen entgegen kommen, weder Sie noch Ines werden sich vollkommen opfern. Vorläufig hat Niemand ein Recht zu Vorwürfen, Freunde, die nehmen sich im Grunde nichts übel. Vielleicht gelingt es Ihnen, für Ines etwas zu erreichen. Adieu, Herr Wulffen, auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!" , . An der Thür holte Ines ihn em, umschlang ihn, küßte ihn- sein Gesicht ruhte an ihrem wenig verhüllten Halse, erst der Ruf des Vaters scheuchte sie auf, und Wulffen ging. Denselben Abend hatte er reisen wollen, er verschob es zum nächsten Tage, vielleicht schickte sie ihm eine Botschaft. Mittags konnte er die Qual nicht länger ertragen, er ging noch einmal hin. Man ließ ihn ein wie stets. Aus dem Speisezimmer tönte Gläserklirren, Ines' Lachen, ihr Trällern. Betroffen trat er zurück. Und als er einen Blick in die Garderobe that, sah er dort Offiziers-Mützen hängen. „Prinz Dagobert," flüsterte die kleine Zofe. Da wandte er sich, nun konnte er reisen. Während seiner Eisenbahnfahrt ging ein tosender Regen nieder, nachdem das Wetter grau und kühl blieb. In gedrückter Stimmung begrüßte er seine Mutter, trübselig ging er im Hause umher, und er athmete erst auf, als er durch den Garten nach dem Walde schritt. Da lag die Sphinx, voll lächelnden Ernstes ihr Kopf, voll Macht und Kraft der Leib — er stöhnte, während er sie ins Auge faßte. . Was stierst du? Der Peitschenhieb von damals ist mir vergolten, du kannst zufrieden sein, alter Stein, denn jetzt Wulffen sah ihn mißtrauisch an. Meinte der Starrkopf etwa, daß die Scholle Land diesem eine Laune erlaube und ihm nicht? Gemeint hatte Heinrich den Hieb allerdings so, doch ihn auszunutzen, war er nicht gesonnen. Sie sprachen noch eine Weile ohne Wärme über Dies und Das. Dann ging der Onkel. — Onkel Wulffen reiste ab, ohne daß zwischen Beiden noch einmal ihre Meinungsverschiedenheit zur Sprache gekommen wäre. Selbstverständlich hielt er Heinrich sein Wort: Frau Wulffen erfuhr nichts über ihren Heine als — gesund wäre er, und kommen würde er bald. Das war Alles. Sie wartete. Heinrich ging unterdessen zu Erder, da er glaubte, ihm Offenheit schuldig zu sein. Dieser ließ unbemerkt durch die Mädchen jeden weiteren Besuch abweisen, kürzte das Zwiegespräch der Liebenden merklich ab und wurde sogar ungeduldig gegen Ines, als diese sich nicht gleich zurückzog. „Wulffen hat mit mir zu reden " „Laß mich zugegen sein, Papa. Mir ist Angst um thn, bat sie stockend. Wulffen ergriff ihre feinen Finger. „Vielleicht paßt es nicht für Ihre Ohren, Ines, besänftigte er sie. , Doch, ich weiß Alles. Aber ich habe Sie letzt so gut kennen gelernt, Wulffen, Sie werden uns verachten, sicher —" „Ich glaube gar," lachte Erder scharf. „Die wir waren, bleiben wir, und Du vor allen Dingen behältst Deinen Werth, auch wenn Du mir gehorsam und verschwiegen warst. Außerdem erzählt man nicht jedem Fremden seine Familiengeschichte, sondern läßt ihn erst zur Familie in Beziehung treten." Was für eine langathmige Entschuldigung, dachte Heinrich, aufmerksam den Sprecher ansehend, der immer selbstgefälliger in seine Rolle hineinwuchs. „Ich bin zufrieden, daß Sie mich Ihres Vertrauens würdigen!" antwortete er. „Schön, schön, lieber junger Freund. Dann erfahren Sie also, wie sehr Sie uns vom ersten Augenblick an gefielen, da Sie zu uns in den Eisenbahnwagen stiegen. Als ich Ihren Namen von dem jungen Beamten hörte, da hoffte ich, wir würden gute, sehr gute Freunde werden. Verstehen Sie mich recht — ich dachte dabei an die weitherzige Freundschaft wahrer Künstlernaturen." Er räusperte sich und fuhr dann fort: „Wir sind nicht reich, Ines verbraucht Vielaus besonderen Gründen ging sie bisher sogar ihres mütterlichen Erbtheiles verlustig." Ihr ritterlicher Character soll sie jetzt unterstützen bei ihrem gesetzlichen Recht, das ich aus Delieatesse nicht verfolgen kann." Vor Heinrichs Augen sank es nieder. Und es enthüllte sich ihm etwas Widerliches: Geld, durch ihn zu erlangen, träumte er denn? „Möchten Sie mir erklären?" fragte er ohne Bewußtsein, wie schrecklich kalt und spitz sein Aussehen würde. „Ihre Angehörigen standen Ines' Mutter nahe. Deren Familie soll herausgeben, was ihr und ihrem späteren Kinde zukommt." Er begriff immer noch nicht. Ja, ja, solch ein bäurischer Schädel, dachte Erder, nahm sanft den Arm des Widerstandslosen und führte ihn nach dem Nebenraume, seinem Schlafzimmer, das Wulffen noch nicht betreten hatte. Vor dem großen Gemälde einer blendend schönen Dame hielt er inne. „Meine Frau — Ines' Mutter." „Tante Tauchlitz," sagte Heinrich. Ihm war zu Muthe, als ob seine Haare sich hoben und kalte Schauer seine Nerven durchliefen. Dann dehnte ein tiefer Athemzug seine Brust, er erwachte. Erregt trat er Ines näher. „Du, Du wußtest und schwiegst?" 423 -- weiß ich dein Geheimniß: Nichts mehr fragen! Das muß von jetzt an weine Weisheit sein! Weiter ging er. Wie hatten die Bäume doch damals gerauscht von Allem, wonach sein Herz gedrängt Heute trennte ihn kein Hirngespinnst mehr von der gewaltigen Natur, Äug' in Auge standen sie und begriffen sich. Wenn das nur nicht so schmerzhaft wäre, was er in seinem Innern trug! Wird Ines sich nie darauf besinnen, daß ein liebendes Weib das Heilige im Manneslcben ist, was ihm Glauben und Reinheit wiedergiebt? Gewiß, sie ist ja noch jung. Gehörte sie ihm nur erst. Ihm gehören? Der Kunst, den Zujubeluden, ihrem Vater und dann vielleicht H)m. — ah! Nach zwei Tagen traf Franz ein. Betroffen sah er Heinrich an, verstohlen beobachtete er ihn. Dessen ungeachtet würde er gewiß nichts geäußert haben, wenn sich die Mutter nicht an ihn gewandt hätte. „Franzing, sprich Du doch mal mit ihm!" (Fortsetzung folgt.) Hochgebirge oder Meeresstrand?*) Ein Fingerzeig für dieWahl der Sommerfrische. Von Dr. med. Kurt Kreusner. Wir Deutschen sind ein reiselustiges Volk in des Wortes ureigenster Bedeutung. Während unsere angelsächsischen Stammesvettern jenseits des Aermelkanals alle Welttheile nur zu dem ausgesprochenen Zweck überfluthen, um Reichthümer zu sammeln und sich so bald wie möglich in ihr nebliges Albion zurückziehen, von wo aus die wohlhabend gewordenen Familien der Mode und dem Sport zu Liebe nur hier und da einmal eine Reise nach dem europäischen Festland unternehmen, führt der teutonische Wanderirieb alljährlich zur Sommerszeit Hunderttausende ins Alpenland, in die deutschen Mittelgebirge, oder an Seeküsten, und zwar lediglich wegen des Vergnügens am Rei en an sich. Ungleich zahlreicher noch aber ist das Heer Derjenigen, welche alljährlich zum Beginn der Schul- und Gerichtsfcrien aus dem nervenaufreibenden Gewühle der Großstädte mit Frau und Kind entfliehen, um in friedlicher Ruhe die nöthige geistige Spannkraft und körperliche Frische für neue Arbeit zu sammeln. Unsere Voreltern, deren Leben im Allgemeinen weit ruhiger verfloß, als dasjenige der modernen Menschen, welches man nicht ohne Berechtigung oft genug mit einer Hetzjagd vergleichen könnte, hatten kein so starkes Bedürfniß nach sommerlicher Erholung, daher kommt es auch, daß die ältere Generation den jetzt ganz allgemein gewordenen Zug in die Sommerfrische oft nicht versteht und zuweilen als Modcsache lächerlich zu machen sucht — doch mit Unrecht! Denn nach der Anstrengung eines langen Jahres sind wir Alle mehr oder minder abgearbeitet und haben ein ernstes Bedürfniß nach dem dolce far niente der sommerlichen Erholungszeit. Die glücklichen oberen Zehntausend, bei denen die Geldfrage keine Rolle spielt, und welche nach Belieben einen ihnen nicht zusagenden Sommeraufenthalt mit einem anderen besser convenirenden vertauschen können, werden freilich nicht lange zu überlegen brauchen, wohin sie gehen sollen. Anders aber liegt die Sache bei dem minder Begüterten, welcher nur mühsam die für den Sommeraufenthalt erforderliche Summe erübrigt hat und für den ein Fehlgriff in der Wahl des Ortes ein kaum wieder gut zu machender Schaden ist. Er muß darauf bedacht sein, in den wenigen Wochen Sommerurlaub und Ferienzeit durch richtige Wahl des Ortes den größtmöglichen ge undheitlichen Vortheil für sich und seine Familie herauszuschlagen. * Wir empfehlen diesen Artikel unfern Lesern einer freundlichen besonderen Beachtung. Die Redaction. Wo also nicht äffische Nachahmungssucht und Hoffahrt dem wahren Gesundheitsbedürfniß entgegen über die Wahl der Sommerfrische entscheidet, wird man zunächst die Persönlichen Verhältnisse, Beschäftigungsweise und Leidenszustände des Einzelnen zu Rathe ziehen müssen, um nachhaltigen Nutzen zu erzielen. Es ist nun ein weitverbreitetes Vorurtheil, daß die stillste Sommerfrische gleichzeitig auch die beste fei; in vielen Fällen trifft dies aber durchaus nicht zu; denn es ist nicht nach Jedermanns Geschmack, wochenlang an einem weltfernen, jeder Zerstreuung baren Orte sich in die Einsamkeit zu vergraben, wo vielleicht nicht einmal die Naturlchönheiten abwechselungsreich genug sind, um einen Ersatz für den Mangel jedweder Zerstreuung zu bieten. Treten dann noch länger anhaltende ungünstige Witterungsverhältnisse ein, so kann der Aufenthalt in solchen Einsiedeleien geradezu unerträglich werden und die Großstadt, der man kaum entronnen ist, als einen begehrenswerthen Ort erscheinen lassen. Derartige Eremitagen eignen sich nur für solche Leute, deren Nerven durch eine aufregende Lebensweise und Beschäftigung auf bat Aeußerste überreizt sind und absoluter Ruhe bedürfen, also beispielswei e für Parlamentarier, welche die Rolle eines Vorkämpfers in der Redeschlacht der Volksvertretung spielen, für ehrgeizige Künstler, deren unstetes Leben ihre geistige Elasticität aufzureiben droht, oder für Spekulanten, bei denen fortwährend ganze Vermögen auf dem Spiele stehen und quälende Sorge den Schlaf der Nächte verscheucht. Ein Beamter aber, ein Geschäftsmann oder sonst ein anderer, dessen arbeitsames Leben sich durch 11 lange Monate mit jener Monotonie abgespielt hat, wie sie des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr nun einmal Tausenden vorschreibt, wird gut thun, sich für den einzigen Ruhemonat des ganzen Jahres einen Ort zum Aufenthalt auszuwählen, wo die maßvollen Freuden einer anregenden Geselligkeit eine angenehme Abwechselung in sein an allzugroßer Eintönigkeit leidendes Leben bringen. Leider geht aber auch Mancher, der lieber die Stätten stiller Einsamkeit aufsuchen wllte, in die geräuschvollen Weltbäder und Sommerfrischen, in welchen er, im Grunde genommen, die ganze Gesellschaft seines Heimathsortes wiederfindet. Unter solchen Umständen wird er natürlich auch die leidigen städtischen Gewohnheiten beibehalten, statt den prächtigen Sommermorgen zu genießen, bis tief in den Tag hinein schlafen, statt zeitig zur Ruhe zu gehen, im gewohnten Bekanntenkreise noch in später Abendstunde rauchen und trinken, und vor Allem auf Schritt und Tritt an jene Sorgen und Verdrießlichkeiten erinnert werden, welche man nun schon einmal auf einige Zeit von sich abschütteln muß, wenn der Sommeraufenthalt den erwarteten Nutzen bringen soll. Das unruhige, nervöse Gesellschastsleben, welches die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht macht, läßt sich eben in keiner Weise mit einer kurgemäßen Zeiteintheilung in der Sommerfrische vereinbaren, für welche als oberster Grundsatz das Sprichwort gilt: „Morgenstunde hat Gold im Munde". In Fällen, wo eine ernstliche Krankheit vorliegt, wird natürlich der Arzt bet Bestimmung des aufzusuchenden Badeoder Luftkurortes ein entscheidendes Wort mitzusprechen haben. Für allgemeine Leidenszustände hingegen, welche nicht den ausgesprochenen Character einer Krankheit tragen, sondern als Constitutionsschwächen aufgefaßt werden müssen, kann im Allgemeinen Folgendes als Norm gelten: Seebäder, insbesondere diejenigen der kalten, windbewegten Nordsee, eignen sich namentlich für an sich kräftige und widerstandsfähige Personen, welche an Trägheit des Stoffwechsels und der körperlichen Functionen leiden oder deren Nerven in ruhigem Wohlleben erschlafft sind. Die enorme Steigerung des Stoffumsatzes zeigt sich bei ihnen in dem Auftreten eines phänomenalen Appetites, eines prächtigen Nachtschlafes und einer außerordentlichen Zunahme der geistigen und körperlichen Regsamkeit. Dagegen ist es geradezu unverantwortlich, wenn schwächliche, blutarme Individuen jene 424 Men, an welchen saft ununterbrochen ein mit Meerwasser geschwängerter, mehr als frischer Wind weht, aufsuchen und sogar Bäder in dem ewig bewegten Meere nehmen, dessen heftiger Wellenschlag aus die Haut und das gesammte Nervensystem solcher Leidenden oft einen so heftigen Reiz ausüben, daß andauernde Schlaflosigkeit auftritt, welche nicht eher weicht, als bis der Ort mit einem anderen von milderen klimatischen Bedingungen vertauscht wird. Als solche empfehlen sich namentlich die sanfteren Ostseebäder und die in waldreicher Gegend liegenden Sommerfrischen des Mtttel- gebirges. Auch für mäßige Grade von Nervosität, sofern sie mcht eben auf Blutarmuth beruhen, ist der Meeresstrand empfehlens- werth und merkwürdiger Weise, obwohl die Verhältnisse fo durchaus entgegengesetzte sind, auch der Aufenthalt im Hochgebirge. Ebenso eignen sich beide in gleichem Grade für Personen von sitzender Lebensweise- was die Muskulatur des Herzens und die Lungen durch einen Aufenthalt und Bewegung im Hochgebirge gewinnen, wird am Meeresstrande durch die überaus gesteigerte Nahrungsaufnahme und den Ozongehalt der Luft ersetzt, welche den ganzen Organismus in hohem Grade stärken. Personen, welche an schweren Graden von Neurasthenie leiden, s llen das Hochgebirge ebensowenig aufsuchen wie die Seeküste, sondern in die klimatisch milden Curorte und Sommerfrischen des Mittelgebirges und Hügellandes gehen und sich hier der möglichsten Ruhe befleißigen. Der Neurastheniker ist oft in viel höherem Grade bedauernswerth als ein organisch Kranker. Er bedarf vor Allem der Ruhe, welche er nur dann mit Zerstreuung und abwechslungsreicherer Lebensweise vertauschen darf, wenn er selbst das Bedürfniß dazu empfindet. In seiner Familienumgcbung, welche seine Klagen leider meist für maßlose Uebertreibung hält, findet er diese Ruhe aber nicht- man nimmt nicht die genügende Rücksicht auf ihn, und obendrein zwingen ihn unverständige, schablonenhaft arbeitende Aerzte und Laien, welche die Formeln einfach nachbeten, zu reichlicher Bewegung und Anstrengungen, welche seinen Zustand nur verschlimmern. Solche Neurastheniker werden ebenso wie blutarme oder nervenschwache Damen zweckmäßig mit einem mindestens einmonatlichen Ausenthalt in einer waldreichen, stillen Sommerfrische beginnen und ebenfalls, wenn sich das Befinden genügend gehoben hat, als abhärtende Nachkur einen zwei- bis dreiwöchigen Aufenthalt an der Ostsee nehmen können. Schwächliche oder zur Skrophulose neigende Kinder, welche in der Stadt dahinwelken und verkümmern, gleichen in mehr als einer Beziehung jenen wachsbleichen Blumen, denen man Licht und Luft entzieht. Für sie wird im Allgemeinen jede Sommerfrische vortheilhaft sein, in welcher sie jene beiden Grundbedingungen aller Gesundheit in reichem Maße genießen können. Kurze Hosen, Röckchen und Aermel, welche Beine und Arme freilassen, sind die beste Tracht, in welcher unsere Kinderwelt sich in den Mußestunden der schönen Jahreszeit in Licht und Sonne herumtummeln soll. Während man aber den Knaben diese Freiheit jetzt ziemlich allgemein vergönnt, girbt es noch so manche Mutter, welche es entweder für anstößig findet, ihr Töchterchen in diesem Costüm Herumspielen zu lassen oder den zarten Teint der zukünftigen Ballkönigin dadurch conserviren zu müssen glaubt, daß jedes Stückchen Haut unter Stoff und Handschuhen vor den Einwirkungen der Sonnenstrahlen geschützt wird. Daß man den Kopf des Kindes, welcher leicht unter Ueberhitzung leidet und mit fieberhaften Zuständen reagirt, durch schattenspendende Hüte vor direkter Besonnung schützt, ist zu selbstverständlich, um noch besonders hervorgehoben werden zu müssen. In den letzten Jahren ist eine einseitige Ueberschätzung der Heilwirkung deS Hochgebirges eingeriffen, welche sich auf die an sich richtige Beobachtung stützt, daß in hochgelegenen Orten von 1500 Meter Meereshöhe und darüber die Zahl der Blutkörperchen im Blute Desjenigen sprunghaft zunimmt, welcher aus der Ebene dorthin kommt. Leider hält diese Steigerung der Zahl der Blutkörperchen, von welcher die Leistungsfähigkeit unseres Blutes abhängt, nicht in vollem Umfa-'ge an, sobald die Sommerfrischler ins Flachland zurückkehren, und nur eine theilweise Blutverbefferung bleibt ihnen als dauernder Gewinn des Aufenthaltes, der für Viele wegen der weiten Reise und der exorbitanten Preise des Aufenthaltes selbst fast unerschwinglich ist. Ihnen zum Tröste sei gesagt, daß auch in den Sommerfrischen des deutschen Mittelgebirges, welche auch für Leute mit kleinerem Portemonnaie erreichbar sind, ja selbst bei einem Land-Aufenthalt in der Tiefebene eine bedeutende Regeneration und Verbesserung der Blutbe chaffenheit eintritt, sobald nur Licht und Luft, Wald und frisches Wasser und eine kräftige Ernährung ihre Wirksamkeit entfalten können. Wir schließen unsere Betrachtungen mit der Beantwortung einer oft ventilirten Frage, ob man nämlich eine zu bestimmten Heilzwecken verordnete Brunnenkur auch an einem anderen Orte mit Erfolg brauchen kann, als gerade dort, wo die Quellennymphe das gesundheitspendende Naß aus der Erde rinnen läßt. Diese Frage kann für eine Familie oft sehr wichtig werden, deren Oberhaupt vielleicht eine am Biertisch erworbene Leberanschwellung durch eine Karlsbader Kur zu bekämpfen hat, während die durch Kinderpflege oder lebhaftes Gesellschaftsleben nervös gewordene Frau des Hauses vor Allem Ruhe braucht, das bleiche Töchterlein zweckmäßig eine Stahlquelle trinken würde und der emsig studirende Sohn am besten am Wanderstabe über Berg und Thal marschiren würde, um dann seine Studien mit ungeschwächten Kräften fortsetzen zu können. Die Frage ist unbedingt zu bejahen, wo Willenskraft genug vorhanden ist, um auch an einem anderen Ort die Lebensweise und Diät zu erzwingen, wie sie der Gebrauch der betreffenden Quelle erheischt. Wo dies zutrifft, kann eine Brunnenkur selbst am Orte des ständigen Aufenthalts Erfolg haben. Leider treffen diese Voraussetzungen nur selten zu. Wo man ständig lebt, löst man sich fast nie von den Sorgen des Alltagslebens in dem Maße los, wie in dem Badeort, welchen man zu dem ausgesprochenen Zweck aufsucht, gesund zu werden. Die für die Dauer der Kur verbotenen Lieblingsgerichte, welche die Gattin so schmackhaft zu bereiten versteht, duften zu verführerisch, um nicht auch eine große Standhaftigkeit zu erschüttern, und die lieben Bekannten thun das Uebrige dazu, um den zu Hause die Kur Gebrauchenden zu allen möglichen Seitensprüngen zu verlocken. Wo das Alles nicht zu befürchten ist, trinke man seinen Karlsbader, Kissinger, Emser, Gießhübler rc. getrost zu Hause oder schließe, wenn die Gesundheit eines Familiengliedes, den Kuraufenthalt wo anders nöthig erscheinen läßt, ein Kompromiß, welches Allen nützt und Keinem schadet. Auch schwächliche und zu allerhand Krankheiten neigende Personen können bei angemessener Lebensweise und wenn sie die reichlich vorhandenen Heilkräfte der uns umgebenden Natur richtig ausnützen, gesund und kräftig werden, und wir können dem Leser, der in der Sommerfrische Erholung sucht, nichts Besseres wünschen, als daß er aus dem unter Beobachtung aller Umstände gewählten Sommeraufenthalt, mit einem reichlichen Vorrath an Kraft und Gesundheit wieder zurückkehren möge. Humoristisches. Ein Wink. Zimmerherr: „Wissen Sie, Frau Müller, ich bewundere immer, wie Sie mit allen Arbeiten so schnell fertig werden!" — Vermietherin (geschmeichel): „Wirklich? Zimmerherr: „Ja, besonders morgens mit dem Kaffeemahlen !" Utiection: r. Burkhardt. — Druck und Lerla, der Brühl'schen Unwerfitiita-Buch- und Steinbruderti (Pietsch Erben) in Ließen.