m A**«l »• t• «pUj* nä^^wii i ii doo Tnii^^M jfcPÄgUjM^^f^MFQS L !M S D»n Saus und Braus leben, E Kann nur Herzeleid geben. Lieber ohne Abendbrod zu Bette geh'n, Als mit Schulden aufsteh'n Sprichwort. Ina. Novelle von S. Halm. (Fortsetzung.) Schmollend concentrirte sich das Kind rückwärts, einen Blick voll Bedauerns auf die Cassette und einen voller Grimm auf Thea, die sich ihr Etgenthum wieder zugeeignet, werfend. So schlau, so vorsichtig eingefädelt und nun Alles zu Wasser; die Hellen Thränen schossen ihr in die Augen. Wie sehr sie noch Kind und Backfisch war, bewies sie in diesem Augenblick. Schon in der Thür, wandte sie sich nochmals an die Schwester. „Eins möchte ich nur wissen", sagte sie giftig, „wo Du Dich hineingeschlichen hast? Vielleicht durch den Schornstein? Jetzt traue ich Dir Alles zu, nachdem Du —!" und verächtlich zeigte ihr Finger auf die Cassette mit dem interessanten Inhalt. „Alle Thüren habe ich selbst verschlossen!" „Nur die kleine Flurthür nicht, liebe Ina, die hattest Du vergessen, ganz recht!" erwiderte Thea voll Ruhe und mit beleidigender Kälte fügte sie hinzu: „Und jetzt laß uns allein, liebes Kind. Was ich mit Papa zu besprechen habe, taugt nicht für Deine Ohren." „Schlimm genug!" rief die Kleine erbost; die niedlichen Hände in Fäuste ballend, stürmte sie hinaus. — Mit einem Achselzucken wandte sich die Aeltere von ihr ab und dem Vater zu. Der stand noch immer halb verlegen, halb grollend und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er begriff seine älteste Tochter nicht. Unverständlich war sie ihm schon immer gewesen. Ina stand seinem Herzen, seinem Verständniß näher; dieses Kind mit seiner aufbrausenden Leidenschaft bei kleinen Anlässen, mit seiner ruhigen Entschlossenheit, die vor nichts zurückschrak, seinem Muth in allen großen Lebensfragen war ihm fremd, ein fremdes und gleichsam auch ein höheres Wesen. Ungewiß betrachtete er sie auch jetzt. Wie bleich sie doch war, trotz der äußeren Ruhe! Wie ihre Nasenflüae bebten! ö „Wollen wir auf Dein Zimmer gehen, Vater?" Der Commerzienrath trocknete sich wohl zum fünften Male während des Alleinseins mit der Tochter den Schweiß von der Stirn. — /-Ja- Nein. Das heißt, ganz wie Du willst!" Sonderbar, der Lieblingstochter gegenüber war er schwach aus Liebe und aus Princip, der älteren gegenüber aus Verlegenheit, in dem Bewußtsein, ihr innerlich fremd zu sein. Thea schwieg, doch sie setzte die Cassette nieder und legte Hut und Handschuhe daneben. „Wie Du willst, Vater," und sie setzte sich neben ihn. Wieder schwiegen Beide, wohl war es dem alten Herrn, als ob es ihm zukomme, eine energische Frage zu stellen, Aufklärung zu fordern, aber er fand nicht gleich den rechten Anfang. Er wollte nicht schwach, aber auch nicht brüsk sein, denn wie er Thea so neben sich sitzen sah, blaß, eine Falte zwischen den Brauen, da that sie ihm doch unendlich leidste war doch auch sein Kind, und sein weiches Herz hatte doch sicher auch für diese Tochter Raum. So that er denn, was er nicht hatte thun wollen. Er streichelte die Hand des schweigsamen Mädchens, was als eine stumme Aufforderung zum Reden zu nehmen war und auch wohl als eine solche aufgefaßt werden mochte, denn Thea begann ux sprechen. 0 Was der alte Herr nun erfuhr, war so selsam, so überraschend für ihn, daß er Anfangs, nachdem Thea geendet, noch immer in seinem vorherigen Schweigen verharrte und als er dann endlich sprach, nur ein leises: „Mein armes, armes Kind und eine innige Umarmung für das Beichtkind hatte." — Noch denselben Abend wurde „Pußchen" höchst eingehend examtnirt und da Papa Lentze bei diesem Verfahren — nur die Flunkerei des Lieblings, sonst nichts herausbekam, so fand die ganze Angelegenheit damit ihren Abschluß, daß Pußchen schwören mußte, keiner Seele, weder der besten Freundin noch der eigenen Mama von der Cassette und ihrem Inhalt etwas zu sagen und Thea mit jeglicher Frage oder Anspielung unbehelligt zu laffen, nach welchem nur höchst ungern gegebenen Versprechen Pußchen einen väterlichen Klaps bekam und sich trollen durfte. Von jenem Tage an aber datirte ein anderes Verhältniß zwischen Papa Lentze und seinen Töchtern. Pußchen war nicht mehr allein seine ständige Begleiterin, Thea war die Dritte im Bunde, so oft sie nur 354 die Lust verspürte, Pußchen aber zerbrach sich fast den hübschen Kopf über Dinge, die sie wußte und doch nicht wußte.-- Seit jener Episode waren drei Jahre vergangen Welche Wandlungen pflegt im Verlauf dreier Jahre nicht das Schicksal der Menschen im Allgemeinen und des Einzelnen im Besonderen durchzumachen? und doch, es ist nur das urewtge Naturgesetz des Werdens und Vergehens. Drei Jahre, sie hatten Ina Lentze zum ernsten Mädchen, ihre Schwester Thea zur siechen Dulderin und den Herrn Commerzienrath zum Wittwer gemacht. Frau Lentze war vor einem halben Jahre an den Folgen einer Operation verschieden, und noch stand das der Herrin beraubte Haus im Zeichen der Trauer um die Verewigte. Wer Ina Lentze im Uebermuth ihrer sechszehn Jahre gekannt, den hätte die nun Neunzehnjährige durch die mit ihr vorgegangene Wandlung nicht wenig in Erstaunen gesetzt. Das Leben erzieht den Menschen, so sagte sich auch wohl zuweilen der Herr Commerzienrath, wenn er seufzend der Eigenart seiner Töchter gedachte/ das Benehmen und Wesen seiner Aeltesten, die jetzt noch dazu seit Monaten zu den unheilbar Kranken gehörte, überraschte ihn kaum nach den Erfahrungen früherer Jahre; desto mehr aber die Character- entwicklung Pußchens, seines Lieblings. Wo war die reizende Ungezogenheit von einst geblieben? Er vermißte sie ordentlich, der gute Papa Lentze und getraute sich heute kaum, den beliebten Kosenamen Pußchen aus das energische jüngste Fräulein Tochter anzuwenden. Zwar tröstete sich der alte Herr mit der Selbsttäuschung, Theas Siechthum, deren Leiden, die Trauer um die Mutter bewirkten zum größten Theil diese augenfällige Wandlung bei seinem Liebling/ und noch Eins — — Ina hatte noch Launen. „Gottlob, Launen hat sie noch!" er sagte sich das oft frohlockend, der kleine, behagliche, jeder Anstrengung geistiger Art abholde Commerzienrath, denn ihm wurde es nachgerade zuweilen langweilig und ungemüthlich in der Gesellschaft zweier cor- recter Töchter. Er freute sich denn auch nicht wenig und rieb sich die Hände, wenn Ina einmal das „Pußchen" herausbiß, wie er es nannte und ihrem Bräutigam gelegentlich einmal energisch die Zähne zeigte. Ja, Ina war Braut! Eine glückliche--? Kaum! Dazu war sie zu correct, zu selbstbewußt und zu wenig verliebt! Sie waren nicht einmal öffentlich verlobt, die kleine Ina und der weniger geistvolle, als herzensgute Franz von Steffens. Die Veröffentlichung sollte erst nach Ablauf des Trauerjahres vollzogen werden und in der Bedientenstube wollte man wissen, daß das Fräulein nicht eben mit Ungeduld den Tag, von dem ab sie vor aller Welt die Braut des Herrn von Steffens heißen sollte, entgegensetze. Und dieses Mal war an dem Bedientenklatsch etwas Wahres. Die Verlobung und Verheirathung einer ihrer Töchter mit Franz von Steffens war ein besonderer Lieblingsplan der verewigten Commerzienräthin gewesen und da sie bei ihrer Aeltesten auf einen sehr entschiedenen Widerstand gestoßen, so hatten sich ihre Wünsche und Hoffnungen auf Ina übertragen. Vielleicht war es das einzige Mal, daß hier Mutter und Tochter nicht aufeinanderstießen. Ina nahm die Hand des adeligen Bewerbers an, weil — — ihre erste Liebe eine unglückliche gewesen. Im Herzen krank, gerührt durch die aufrichtigen, wenn auch zahmen Liebeswerbungen des guten Franz, müde des Kampfes der unermüdlich projectirenden Mutter, gab sie nach. Da starb die Commerzienräthin, noch eine Woche vor der Erfüllung ihres Lieblingsplanes und Inas Verlobter hatte sich den Wünschen der etwas eigenwilligen Braut wohl oder übel zu fügen und den Verlobungstag verschieben müssen. Doch war er ein täglicher Gast in der Villa seines Schwiegervaters in spe und es aller Welt daher kein Geheimniß mehr, welches Berhältniß zwischen den beiden jungen Leuten bestand. Ina war keine zärtliche Braut, nicht einmal der Form halber/ darin war sie noch ganz die alte ehrliche Ina. Sie wollte nicht scheinen was sie nicht war. — Franz von Steffens, der gute Junge, litt darunter, ohne jedoch den Muth zu haben, eine Aenderung der Verhältnisse durch ein energisches Eingreifen herbeizuführen. Er schloß sich zu Zeiten, wenn der Braut Launen selbst ihm den Gleichmuth wankend zu machen drohten, an die Schwägerin, an Thea an, die ihm ein schwesterliches Verständniß, eine fast mütterliche Neigung bewies. Sie war es auch, die mit kluger Hand oft den Launen der Schwester den bittersten Stachel benahm, die Ina zur Einsicht und Rücksicht ermahnte und deren Wort es vergönnt war, nicht ungehört und ohne Wirkung zu bleiben. Nach einer solchen Aussprache zwischen den Schwestern war das Bräutchen denn auch jedes Mal voll Rücksicht und Duldsamkeit gegen den, ob ihres Entgegenkommens entzückten Franz und doch entging es den Beobachtenden, selbst dem wenig scharfsinnigen Papa Lentze nicht, daß Inas Benehmen gegen den Bräutigam selbst in solchen Momenten nie ganz frei von einem leisen Hauch der Geringschätzung war. Thea, aufrichtig besorgt um das Glück des biederen Franz und auch um das der Schwester, stellte Letztere auch darüber einmal zur Rede/ doch erhielt sie nur ein ungeduldiges Achselzucken zur Antwort und als die Aeltere der Jüngeren darauf rieth, das Verlöbniß lieber rückgängig zu machen, da sie aus einem Bund ohne gegenseitige Neigung kein Glück erhoffe, erklärte ihr Ina, mit der sie sich im Uebrigen doch so gut verstand, mit einer scheinbar sehr kaltherzigen Offenheit, sie gedenke den guten Franz nicht freizugeben/ einen bequemeren Ehemann könne sie kaum bekommen, zudem sei er vermögend und von Adel, vor Allem heirathen müßte sie ja doch einmal, da sie weder Kränklichkeit noch eine unglückliche Liebe vorschützen könne, um dem gewöhnlichen Loose der Frau zu entgehen. Wozu also der Welt, der ihre Verlobung ja längst kein Geheimniß mehr sei, Stoff zu unnöthigem Gerede geben! Thea war rathlos. Sie besprach sich mit dem Vater. Der war zu bequem, die Sache ernst zu nehmen. Er lachte und meinte: „Laß sie nur! Das Prinzeßchen hat Launen! Die werden ihr in der Ehe schon vergehen, wenn der Franz erst die Zähne zeigt!" Beide Hoffnungen des alten Herrn vermochte die Tochter aber nicht mit ihm zu theilen. Armer Franz! dachte sie und noch schwesterlicher nahm sie sich ihres Schützlings an, den sie kraft ihrer Fünfundzwanzigeinhalb gegen seine Vierundzwanzigelfzwölftel bemutterte! Launen! Es wird so viel und so gern in der Gedanken^ faulheit Mißbrauch mit diesem Wort getrieben! Hatte Ina Launen? Sie fühlte sich unbefriedigt, unverstanden und auch ein wenig verbittert. Jung, kaum flügge war sie gewesen, als Amor sie sich zum ersten Male als Opfer ausersehen. Ein Glücksjäger, ein Angestellter ihres Oheims war es gewesen, dessen Bekanntschaft sie gemacht und dessen Aufmerksamkeit sie weniger durch den Reiz ihrer Persönlichkeit als durch den Nimbus des Goldes, der ihren Vater umgab, erregt. Ina liebte bald den jungen kecken Buchhalter zum Theil seines hübschen Aeußeren, zum Theil seines ihr damals imponirenden „Geistes" wegen. Erst später erkannte sie, wie wenig Gemüth und Herz sich unter dem angenehmen Aeußeren verbarg. Damals liebte sie und glaubte an Alles, an seine Liebe und Treue, den Adel seiner Gesinnungen, an seinen Geist und doch war der Ritter ihres Herzens nichts weiter als ein Blender. Zu spät sah sie es ein, erst dann, als er sich schon längst ihr Herz gesichert. Doch beging der junge Streber einen Fehler. Er nahm Ina nur als Kind, er lebte in dem Wahne, die schlummernde Individualität des Mädchens völlig ersticken, sich ein Weib, ein bequemes geduldiges Ehegesponst, kurz ein Product seiner nüchteren Phantasie heranbilden zu können. 355 VEkicht hätte er, zum Theil wenigstens, doch sein Ziel er- rercht, wenn er den richtigen Weg dazu nicht verfehlt hätte! Anstatt mit Liebe und Güte seine Gewalt über das junge seinen Zwecken auszunutzen, that er es in der bruralen Manier des Egoisten, die dem Weib seiner Wahl den Tyrannen zeigt. Inas ganzes Wesen bäumte sich dagegen auf und erbittert durch solchen unerwarteten Widerstand, zog Hans Lipkow die Zügel straffer, anstatt sie zu QiSr"s cilt E'ger Bruch zwischen den ^b-nden, der hübsche Hans verließ die Stadt, um anderen Orts sein Glück zu suchen, und Ina gab dem Drängen der Mutter nach, sie wurde die Braut Steffens- wußte sie sich hier doch wirklich geliebt. ' 'w Wenn ihr diese Art Liebe, die Liebe eines lauen Durschnittsmenschen auch kaum genügen konnte, so war sie doch froh, endlich Frieden vor sich selbst und der Mutter zu haben. — o: ü 9Zuri.5^e.° unb Verlobter wußten um ihre erste Liebe, und Beide hüteten sich wohl, an diese Wunde zu rühren. (Fortsetzung folgt.) Das Rosenfräulein?) (Nachdruck verboten.) Fritz Rauschart hatte ein Lustspiel geschrieben. Der Mann war bisher nur als Lyriker bekannt und gefeiert gewesen. Den Jünglingen hatte er von Kampf, den Frauen von Lrebe, den Männern von Ehre gesungen. Als er Umschau gehalten nach einer Genossin, hatte er die Wahl unter den Jungfrauen der Stadt- sie liebten den Dichter, weil er ein hübscher Mann war und liebten den hübschen Mann noch SS !”.cit ,er bin Dichter war. Des Stadtbaumeisters Töchterlein hatte ihn herabgeholt von der Dachkammer und in em stattliches, wohlausgestattetes Haus geführt. Sein Arbeitszimmer ward geschmückt mit sammtenen Sitzen, mit meisterhaften Oelgemälden. Das Gemach der jungen Frau ward geziert mit einer Wiege und einem Kindlein drin. Und dieses glückliche Heim war beschattet von Lorbeerkränzen, denn der Lorbeer war dem Herrn Fritz Rauschart lieber, als alle Blumen und Sträucher des Paradieses. Nun hatte er ein Lustspiel geschrieben, welches benamset war: „Das Rosenfräulein." Die Theaterdirectoren der Stadt hatten sich überboten an Liebenswürdigkeiten und Versprechungen- der Dichter gab das Stück dem, der die vollendetste Aufführung und die größten Ehren zusichern konnte. Die Theaterkreise waren in Aufregung und schon tagelang vor der Erstaufführung waren die Plä«e vergriffen. Rauscharts Familienkreis bestand um diese Zeit in seinem Weibchen und seinem siebenjährigen Töchterlein Rickerl, welches er vor Liebkosungen manchmal fast erstickte. Diesen Beiden las er eines Abends in sroher Laune das neue «tück vor. Frau Paulina war entzückt über dasselbe und äußerte nur ein Bedenken über den letzten Act. "Nir diesen fürchte ich nichts", sagte der Dichter, „die Leute sind derlei bereits gewohnt worden und je naturalistischer heutzutage, desto sicherer der Erfolg. Der Hauptzweck des Dramatikers ist die Wirkung, der Erfolg, alle anderen Ziele sind nebensächlich." „Du wirst ja recht haben, Fritz", sagte sie, „ich freue mich darauf wie ein Kind." Und in der That, sie dachte voller Glückseligkeit an die Ehren, die der Abend bringen werde Klein Rickerl, welches in seinem Bettchen hockend dem Vorleser zugehört hatte, jubelte in eitel Lustigkeit besonders über das Rothhöselein, wie der Lustigmacher hieß, der im Stück vorkam. „Halte Dich nur hübsch unter der Decke, Kind", mahnte die Mutter, „wenn bis zur Aufführung Dein Husten heil ist, darfst Du mit in die Loge kommen!" *) Aus P. K. Roseggers Schriften. Volks-Ausgabe, 2. Serie. P«>s eompl. 35 Mark. A. Hartlebens Verlag, Wien. . Dbr Tag der Erstaufführung kam immer näher, aber ward nicht heil und der Arzt meinte, dem blassen Magdele-n thue das Bett besser als die Aufregung, die im Hause herrschte. Deshalb mußte Frau Paulina die Schneiderin Juwelenhändler in einem anderen Zimmer empfangen, deshalb konnte Herr Rauschart die Künstler, mit denen er angeblich zu thun hatte, nicht in seinem Hause sehen, denn die Herren haben so vernehmliche Stimmen und ein so lebhaftes Gebühren. .^bim Rickerl saß stets eine wohlgemuthe Kindeswärterin, die dem Kinde kleine Geschichtchen vorlas, frohe Liedlein sang und von Stunde zu Stunde ein Silberlöffelchen voll Honigseim ,hm zwischen die Lippen flößte. Die zarten Lippen waren schier rosenfarbig - denn es giebt auch weiße Rosen. Aber manchmal nach den Anfällen des Krampfhustens lag es auf diesen Lippen wie kleine rothe Blüthlein. Das Kind war in den letzten Tagen sehr brav geworden, es verlanqie nicht mehr so aus dem Bette, es ließ die blaue Seidendecke ruhig auf sich liegen, sonst zjedoch war es überaus aufgeweckt und wollte immer von dem „Rosenfräulein" Hören, und wie das im Theater vor sich gehen werde. Am Tage der Aufführung, als an allen Straßen die großen Placate angeschlagen waren, in den Blumenhandlungeu Strauße und Kränze bestellt wurden, die Vornehmen der Stadt sich noch rissen um Plätze zum Festbankette, welches dem Dichter zu Ehren nach der Vorstellung gegeben werden sollte, als in den Zeitungsdruckereien schon die Besprechungen des neuen Stückes fertiggestellt wurden, so daß der mvrgiqe Tag noch ein größeres Ruhmesfest als der heutige zu werden versprach, trat Frau Paulina tiefbekümmert in das Zimmer ihres Mannes und begann vor ihm zu schluchzen. .. r Was das bedeutet? Ob etwa gar die Aufführung verschoben sei? fragte Herr Rauschart erschrocken. Davon habe sie nichts gehört. Aber es wäre vielleicht ein Glück, denn heute würde sie kaum ins Theater gehen können. Der Arzt habe zur Kindesfrau eine eigenthümliche Aeußerung fallen gelassen. Der Abend sei ihr jedenfalls verdorben und so wolle sie lieber daheim bleiben beim kranken Kinde. „Beim kranken Kinde?" sagte Herr Rauschart. „Wenn Kinder, die im Winter husten, deshalb schon krank wä en, da liefen wenig gesunde Kinder auf der Gasse herum." „Meinst Du, daß es nichts auf sich hat?" „Natürlich nicht. Die Aerzte mit ihrer Wichtigthuerei und Angstmacherei! Es war überhaupt überflüssig, einen Arzt zu rufen." „Du beruhigst mich, Mann." „Wir wollen das Kind selber fragen." Und als sie vor dem Bette der Kleinen standen, die aus dem schmalen Gesichtlein mit den großen Augen herschaute, und als sie fragten: ,Wie geht cs Dir, Rickerl?" antwortete das Mädchen leise und traurig lächelnd: „Gut geht es mir." „Nun also. Du bist ja unser liebes, kluges Kind," sprach Herr Rauschart auf die Sackuhr blickend, es waren nur mehr eine Stunde und zwanzig Minuten bis zum Beginne der Vorstellung. „Sage einmal, Rickerl . . . Siehe, Deine liebe gute Mama geht so gerne ins Theater, sage, ist es Dir unangenehm? Dann wird sie zu Hause bleiben." „Mama soll ins Theater gehen," antwortete das Kind. „Es wird so schön sein! Mama wird mir dann vom Rothhöselein erzählen, nicht wahr?" „Ja sicher, mein Kind, wir werden Dir Alles erzählen und ein anderes Mal wirst Du auch dabei sein." „Bitte," hauchte das Rickerl. „Dann muß ich aber schnell ans Toilettemacheu gehen," sagte Frau Paulina, „es ist die höchste Zeit." Ein Freuden roth blüthe auf ihren Wangen und eine Stunde später trat sie in weiße Seide und Hermelin gehüllt in das Rimmer des Kindes. Die Kiudesfrau deutete mit dem Finger: Stille! Sie 856 schlummert jetzt! — Auf den Zehenspitzen huschte Frau Paulina davon, um bald nachher am Arme ihres Gatten die Treppe niederzurauschen zum harrenden Wagen. ♦ * ♦ Als unser Paar an der Theatercasse vorüberkam, fluchte dort ein alter Cavalier. Fünfzig Gulden hatte er für einen Platz geboten und der Cassenwart hatte, den Schalter schließend, für dieses schöne Angebot nichts als ein bedauerndes Achselzucken gehabt. Drinnen rauschte schon die Musik. Als der Dichter in der Loge erschien, erhob sich ein mächtiger Applaus. Bald ging der Vorhang auf. Lautlose Stille, schon die ersten Scenen fesselten. — Fräulein Rosa, auch genannt das Rosenfräulein, liebt einen Lieutenant und verlobt sich mit einem braven Kausmanne. Der Lieutenant ist arm und will sie entführen, der Kaufmann ist reich und drängt zur Hochzeit. Fräulein Rosa fleht den Geliebten um Geduld an, um nur so viel Geduld, daß sie ruhig den Kaufmann heirathen könne. Man ist entzückt über die liebenswürdige Schalkheit, mit der sie den Galan foppt, und das Rothhöselein, der dummverschmitzte Bursche des Lieutenants, besorgt die Heiterkeit. — Schon nach dem ersten und zweiten Acte wird der Dichter stürmisch gerufen, er verneigt sich in seiner Loge. Frau Paulina ist selig. Nach dem dritten Acte wächst der Beifallssturm so gewaltig an, daß der Director den Dichter holt und auf die Bühne führt. Da fliegen Blumen, bunte Bänder und Kränze durch die Lüfte, das Freudengeschrei ist großartig und Frau Paulina, die glückliche Gattin des Gefeierten, schluchzt vor Wonne, als sie steht, wie er, der als dünnes schwarzes Gestaltlein auf der Bühne steht und sich nach allen Seiten mit der nöthigen Ungeschicktheit eines Dichters verneigt, von Blumen und Rosen fast eingemauert wird. Die Logenthür geht lachte auf. — Der Director kommt, um auch mich auf die Bühne zu führen, das ist ihr erster Gedanke, statt dessen ist es aber ihr Stubenmädchen, welches aus vieles Suchen nach der Loge die Nachricht bringt, das Rickerl habe wieder die heftigen Krampfanfälle. „Armes Stnb !" sagte Frau Paulina, „die Kindesfrau soll ihm nur Honigseim reichen, ich komme bald, um nachzusehen. Das Stück ist in einer halben Stunde zu Ende." Das Stubenmädchen entfernt sich wieder. Solche Tage wie der heutige, kommen selten, dachte Frau Paulina, man muß sie genießen, das Kind werde ich noch pflegen und liebhaben genug. Herr Rauschart kam nicht mehr in die Loge, blieb, schäumenden Sect schlürfend, hinter den Coulissen, damit er am Schluffe sofort wieder auf die Bühne treten könne. Der letzte Act begann. — Die junge Kaufmannsfrau Rosa nimmt die Casse ihres Mannes und entflieht mit derselben in Begleitung ihres Lieutenants. Unter einer frivolen Verhöhnung des Kaufmannes schließt das Stück. — Während dieser Vorgänge waren im Publikum verschiedenartige Meinungsäußerungen laut geworden, als der Vorhang fiel, Hub ein Händeklatschen an, das aber sofort durch lebhaftes Zischen stumm gemacht wurde, um nun einem schrecklichen Spectakel Platz zu machen. Man zischte, man pfiff, man trampelte, man trommelte mit Fäusten auf den Brüstungen, man rief: „Dummes Stück! Nichtswürdige Comödie! Man untersteht sich, uns so etwas zu bieten!" Das Geschrei war ohrenzerreißend, daß von der Gasse Feuerwehrmänner hereineilten, in der Meinung, es sei ein Brand zu löschen. — Frau Paulina war zur Thüre hinausgestürzt und irrte in den Gängen umher. Als die Leute aus dem Theater drängten, wandte sie ihr Gesicht der Wand zu, daß man sie nicht erkenne. Endlich fand sie eine Nebenpforte, nur für Feuersgefahr hergerichtet, durch die sie entkommen konnte. Wie ein gehetztes Wild huschte sie hinter das Theatergebäude in finsterer Nacht, um ihrem Mann zu begegnen, sie fand ihn nicht, so eilte sie endlich laut weinend ihrer Wohnung zu. Die Thüren derselben standen offen, in dem Zimmer hörte sie eine männliche Stimme, eS war die des Hausarztes. Das Stubenmädchen kam der Frau schluchzend entgegen und mit dem Ausrufe: „Ach gnädige Frau! ach gnädige Frau!" rang sie die Hände. „Wißt ihrs schon?" rief Frau Paulina, „ach, es ist eine schändliche Niederträchtigkeit!" „Gehen Sie nur herein, gnädige Frau. Wie sie schön daliegt, gleich einem Engelein! Oh weh, das liebe Kind!" „Was ist denn geschehen?" fragte jetzt Frau Paulina. Man führte sie vor das Bett des Kindes und hier lag, wie süß schlummernd, nimmer hustend und nimmer lachend, das weiße Leichlein. Frau Paulina schrie nicht auf, fiel auch nicht in eine Ohnmacht, einen Seufzerhauch that sie uud eilte dann durch die lange Flucht der Zimmer. Im letzten, wo sie nicht mehr weiter kannte, sank sie händeringend zu Boden. Das einzige Kind tobt! das Mißgeschick im Theater war ausgelöscht, nach ihrem Manne schickte sie, daß er schnell nach Hause komme. Der Bote kehrte mit der Nachricht zurück, Herr Rauschart sei nirgends zu finden, und das Festbankett wäre abgesagt worden. Frau Paulina warf ihren Mantel um und ging hinaus auf die Straßen und Plätze, das erste Mal in ihrem Leben bei eitler Nacht allein. Sie dachte an nichts, als ihren Mann zu suchen, zu begegnen- was sie zu ihm sagen würde, das wußte sie nicht — in ihrer Brust wüthete es arg. Ein Bekannter begegnete ihr — der Friseur, der wußte zu sagen, daß Herr Rauschart die Niedergasse entlang geeilt sei und auf Zurufe von Freunden keine Antwort gegeben habe. Die Niedergasse führte hinab zum Flusse. Frau Paulina lief nun ebenfalls diese Gasse entlang - die Gegend wurde immer öder und düsterer und die wenigen Gaslaternen zeigten ähnliche Häuser mit ein paar Brotläden und Branntweinschänken. Durch die Glasthür einer solchen forschte sie ganz unwillkürlich hinein, zerlumpte Männer und freche Dirnen trieben ihr Wesen im Dunstqualm, und im dunklen Winkel kauerte er, Glas um Glas in die Gurgel schüttend. Frau Paulina stürzte hinein und stand vor ihrem Manne. Er wehrte ab: „Laß' mich, ich will nichts mehr. Ich kann nicht mehr leben, ich kann nicht mehr! Die Schmach ist unerträglich. Sie sind meine Feinde, alle, alle, die ganze Stadt! Morgen Schadenfreude, Hohn, Schimpf in allen Blättern, in aller Leute Mund, oh, gräßlich, gräßlich!" Die beiden Fäuste schlug er sich ins Gesicht. Frau Paulina beugte sich auf den Kauernden nieder, legte auf seine Achsel ihre Hand und sagte saft ruhig: „Fritz, das alles ist nichts, das ist ein Spiel, der Erfolg wäre ein Spiel gewesen und der Mißerfolg ist eines. Das vergeht wie Theaterschminke. — Fritz, ich weiß etwas anderes! — Unser Rickerl ist gestorben." Herr Rauschart ist nicht hinausgegangen zum Flusse. Der Schmerz hatte die Verzweiflung überwunden. Seinem Heim zu wandelte still und ernst das Ehepaar. Auf diesem kurzen Wege ging in dem ruhmsüchtigen Dichter eine Veränderung vor, zu der Andere eines halben enttäuschungsvollen Menschenlebens bedürfen. Mit allen Leidenschaften des Herzens nach Rauschgold gerungen und dieweilen, das liebe Kind verloren . . . Als sie in die Wohnung kamen, war diese belebt von Menschen. Aus derselben Stadt, welche vorher erbarmungslos wie ein Henker das Lustspiel gerichtet, waren nun Menschen gekommen, welche treue Theilnahme hatten für das schwere Familienunglück, das hier eingekehrt. Das schöne blasse Rickerl hatte die kleinen Händchen gekreuzt auf der Brust und war bedeckt mit weißen und rothen Rosen. Herr Rauschart, als er so seinen Liebling wiedersah, that er einen dumpfen Schrei und unheimlich gellend lachte er auf: „Das Rosenfräulein!" Redaction: E. Burkhardt. — Druck uud Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Bnch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.