Donnerstag den 12. Mai. m W er in der Jugend sich durch Mühsal mußte schlagen, Den rührt's im Alter nicht, wenn sich die Jungen plagen. Rückert. Der Prophet gilt nicht an seinem Ort — Das ist vielleicht ein wahres Wort; Nur schade, daß Manche, die nichts galten, Sich deshalb für Propheten halten. Alb. Roderich. Das Fräulein. Roman von E. Vely. (Fortsetzung.) Die Mutter streckte die hageren Arme von sich. ,Ja, das is nu unser Kleinster — Gott, der Schrecken von damals, den habe ich noch in den Gliedern, erst als der Junge am Abend nicht da war. Und ich kam gerade von's große Reinmachen von der Frau Räthin in der Potsdamerstraße nach Hause und hatte ein Bisken zu Schnabuliren für den Bengel mitgebracht. Wenn das nicht manchmal abfiele, gnädige Frau, was sollte denn werden bei den schlechten Zeiten und dem dämlichen Telephone, das meinem Mann den Verdienst wegnimmt? Jüngelchen, hatte ich dem Willem gesagt, daß Du in der Nähe bleibst, daß Du da bist, wenn ich da bin, wenn ich komme. Aber Kinder sind Kinder, gnädige Frau! Wo soll denn daher der Verstand kommen —" „I wo, Mutter," rief der Junge, „ich bin doch Helle!" „Also, ich komme nun gerade von der Arbeit, lieber Gott, mit müden Knochen. Na, wie meinem Ludwig und mir denn war, bis die Polizei kam und uns ein Licht aufsteckte. So schlimm, wie mit'n Canal, in dem ich meinen Jungen schon sah, war's ja nich" — sie führte die Schürze an die Augen. „Aber Elterngefühle, das sind ganz besondere," fiel die Kubaitzen ein. „Kennen Sie die, gnädige Frau? Na, denn werden Sie auch wohl wissen, wie das is, wenn so'n Wesen zwischen Leben und Tod schwebt, alle Kinder werden mal krank. Ich habe keine gehabt, schad' auch nich, denn sie machen viel Aerger. Aber, was meiner Schwester ihr Aeltester ist, vor den habe ich Muttergefühl und darum is es ganz egal." Erleichtert athmete Ebba auf, als die Klingel wieder ertönte — das war der Doctor. Er war frisch und geröthet vom hastigen Gange und sah überrascht aus, als er Ebba Lund erblickte. Die Kubaitzen knixte. „Habe ich noch die Ehre, vom Herrn Doctor gekannt zu sein?" Er bestätigte kurz, eher unwillig. „Na, seh'n Sie wohl! Von der da, Herr Doctor, habe ich aber gar nichts wieder gehört, die is eines Tages weggewesen, wie vom Winde fortgeblasen." Sie bekam keine Antwort, rieb die Handflächen aneinander und holte tief Athem. „Hübsch war das nicht, Herr Doctor, ich bin 'ne ordentliche Wirthin gegen sie gewesen — aber kein Vertrauen, gar kein Vertrauen! Und denn, der Doctor meinten es auch ganz gewiß gut —" Ebba Lund achtete wenig auf das Geschwätz der Frau- Bruno Hallsberg neigte sich zu dem Jungen, um Fragen an ihn zu stellen und ihn zu beobachten. „Frisch von der Leber weg, sag', was Du weißt," ermunterte ihn sein Vater. Frau Ebba bedeutete der Henzen, daß sie auch ferner noch auflUnterstützung zu rechnen hätten, wenn die ärztlichen Vorschriften befolgt würden, wovon sie sich selber überzeugen würde. „Sie?" sagte der Doctor gedehnt. „Sie, gnädige Frau?" fragte auch die Henzen mit einem leisen Kopfschütteln, — „ach, das kann Ihnen doch Keiner zumuthen." Im Hintergründe des Raumes war das große Familienbett sichtbar, ein schwarz-weißes Tuch bedeckte es. Neben demselben stand ein Glasschrank mit allerlei bunten Tassen, Tellern und Gläsern, an der Wand gegenüber prangte ein Ledersopha, auf dem lagen die Sachen des heimgekehrten Söhnchens und der Federhut der Frau Kubaitz, unter welchen sie zur Vorsicht ein Taschentuch gelegt hatte. An den Wänden hingen kleine Photographien, auch eine, die Ludwig Henzen als Soldat darstellte. Die Frau stieß die Thüre zum nächsten Raum auf. „Da schläft unser Hans, der große, und noch ein Schlosser, auf Schlafstelle — ja, die schwere Miethe bringt sich sonst nicht auf." Wilhelm war nach der Gehirnentzündung im Kranken- hause von den Pflegerinnen verwöhnt, er versuchte jetzt auch mit Wohlbehagen einige seiner Kunststückchen, pfiff und sang — 286 „Ja, ein Berliner Junge!" sagte der Dienstmann mit Vaterstolz. „Laß mir man erst Soldat sein," krähte der Junge und salutirte mit der Hand. „Hulane!" und dann sang er: „Wer will unter die Soldaten," mit dünner Stimme und sah sich nach Beifall um, und der Vater trat den Tack mit dröhnendem Schritte dazu. „Darf ich Sie nach Ihrem Wagen bringen?" fragte Doctor Bruno Ebba. Es hatte etwas Rührendes für ihn — seinethalben stand sie hier, gestreift von den Gewändern der Frauen, getroffen von dem Athem des Mannes — eine Folter all das für sie. In seinen Augen suchte sie Rechtfertigung, weil er sie der Hartherzigkeit beschuldigt hatte. „Ich bitte." Sie ließ etwas in die Hand der Henzen gleiten, nickte Allen zu, und folgte ihm rasch. Die Henzen öffnete und schloß die Finger wieder über den drei Goldstücken, welche darin geblieben waren, ihr Mann und die Kubaitz reckten die Hälse, und selbst der kleine Wilhelm sprang auf und fragt: „Orndlich, Mutterken?" mit der altklugen Verständigkeit der Kinder, vor denen Alles verhandelt wird. „Du bist ein Glückspilz," sagte die Frau und ließ nun die Münzen auf den Tisch fallen. „Hurrah! so'n Regen, den möchte ich alle Tage," meinte ihr Eheherr und bekräftigte diesen Ausspruch mit einem sicher hinabgegossenen „Süßen". „Aber so oft kann ich mir doch wirklich nicht überfahren lassen," rief Wilhem und verdrehte die Augen. „Nee, das können wir nicht verlangen!" Und die Eltern lachten, und „nippen schadt't nich," ermunterte der Vater, und schob ihm das auf's Neue gefüllte Glas hin. „Js Familienfest." „Die mußt Du festhalten, die Kundschaft, Henzen," meinte die Kubaitz und stieß ihre Schwester in die Sette. „Die halte fest." Sie sprach leiser. „Dieser Doctor ist ein hübscher Mensch, dagegen kann Einer nichts sagen. Und er mag das weibliche Geschlecht leiden, davon habe ich Beweise." „Du — Kubaitzen — aber?" sagte die Andere gedehnt und ungläubig. „Ach, dumme Gans! Da wohnte doch die Schwarze bei mir mit dem ausländischen Namen und dem Bettelstolze — auf die hatte er es abgesehen, aber sie war ja zu dumm! Und vorhin wollte er nicht viel davon hören. Daß ihm aber die schöne Frau Consuln Lund gefiel, das konnte ein Blinder sehen. Und warum kam sie wohl hierher, wo sie doch Andere schicken kann? Um Deine Glasservante und die Tassen mit den Vergißmeinnichts und dem was drauf steht wie „Znm Andenken" und „Aus Freundschaft" anzusehen, doch gewiß nicht." „Auf die Tassen weißt Du immer was, es ist man blos, weil Du keine solche hast!" sagte die beleidigte Schwester. „Und wenn noch Kaffee in der Kanne gewesen wäre, so hätte ich die blaue rausgenommen, extra, daß sie doch wußte, daß ich mich mit so was sehen lassen kann!" „Na, also!" Es trat eine Pause ein, die Kubaitz nahm ihren Hut in die Hand,- die Henzen folgte ihr nach ein paar Sekunden. „Na, so brauchst Du auch nicht gleich zu sein. Um den Jungen is sie aber doch gekommen." Blitzschnell, trotz aller Rundlichkeit, drehte sich die Aeltere um und tippte mit dem Zeigefinger auf die Brust der Anderen: „Alibi nennt man das, der Junge soll ihr Alibi sein, bei ihrem Manne." „Ja — ja! Die Klügere bist Du immer gewesen, schon in Cottbus!" gestand die Henzen zu. Der Hausherr steckte seine Pfeife wieder in Brand. Wilhelm warf ein kleines Kegelspiel gegen die Wand, nach einer weißen Stelle, die als Scheibe diente, und er sang dazu das eben aufgefangene Wort: „Alibi! Alibi!" --„Mein Gott, so hausen Menschen/" sagte Frau Ebba Lund, als sie mit dem Doctor draußen stand. „Und sind ganz zufrieden," ergänzte der Arzt. Sie blickte zu Boden — ein Stückchen von dem zerrissenen Regenhimmel, ein Fleckchen Blau spiegelte sich in einer Pfütze wieder. „So — könnte man zu Zeiten sich ja schämen müffen, daß man über Teppiche geht —" „Tolstoische Ansichten, gnädige Frau! Eins aber ist gewiß', wer sehen kann, soll sehen, wer zu helfen vermag, soll's thun." Sie gab ihm die kleine Hand mit festem Druck. DaS Weib drüben am Kellerfenster sah dem Paare wieder nach, während sie ihre Haare kämmte. „Nun gehn Sie weg —", sprach jsie in den Raum zurück, „Stiefel hat die an — o je! Und Markstücke werden sie wohl drüben gelassen haben, daß die sich einen guten Tag machen können. Wir haben sieben Mäuler, aber so'n Glück haben wir nich —." Ein Fluch drang von unten empor, dann das Wimmern einer Kinderstimme. Um Ebbas Wagen hatte sich die Straßenjugend angesammelt, diesmal neugierig, wer das Gefährt besteigen würde, vor dem die schönen Pferde ungeduldig stampften. Walter eilte herbei, um den Schlag aufzureißen. „Hurrah, da kommen Braut und Bräutigam," schrie ein großer Junge aus voller Kehle, und „Hurrah, Hurrah!" brüllten laute dünne Stimmen im Chore nach. Als Ebba saß, bog sie sich noch einmal aus dem Fenster. „Kommen Sie bald!" Er sah dem dahinrollenden Wagen nach. In der letzten Zeit hatte er sich wirklich sehr wenig ernsthaft um die Frauen gekümmert, er wollte ganz in seinem Beruf aufgehen. Freilich, der ließ immer noch so grausam viel Freiheit. Eine Weile lang war noch ab und zu Line Arabins dunkler Kopf aufgetaucht, und er war sich bewußt gewesen, daß er nahe daran war, sich in sie zu verlieben. Und dieses Mädchen wäre wohl ganz darnach gewesen, Unvernünftigkeiten um sie begehen zu können. Als vorhin die Kubaitz die Andeutungen gemacht, hatte er sich gesagt: Gut — daß es so gekommen! Nun gaukelte diese kleine Frau wie ein zarter Falter da über seinen Lebensweg, — weshalb sollte er sich nicht freuen an der bunten Flügelpracht, an den graziösen Bewegungen? Mit ihr eine Wegstrecke zurückzulegen, warum nicht? wo sie war, da war Licht, da dufteten Blumen! Weshalb nicht ein kleines Capitel in dem Buche seines Lebens mit der Ueberschrift „Ebba" versehen? Er hatte wahrhaftig keinen anderen Ehrgeiz, als ein Kind seiner Zeit zu sein. * * * Der Consul Lund fand das Wohlthätigkeitsgespräch, in das sich Ebba und der Doctor Hallsberg, welcher heute der einzige Tischgast in der Rokokovilla war, vertieft hatten, nicht gerade sehr unterhaltsam. Welch' eine neue Grille das war von seiner Frau. Allerdings eine, die er ihr sicherlich nicht zu zerstören beabsichtigte. Aber — daß sie jetzt schon dahin kam! Wie er sie so betrachtete in dem schlichten weißen Kleid, die blonden Flechten anspruchslos um den zierlichen Kopf gewunden — da that sie ihm fast leid. Schon da, auf dem Gebiete der Nächstenliebe, wo sich sonst erst in reifem, abgeklärten Alter die Weltdame und die höhere Beamtenfrau, die Bankiersgattin und die gut verheiratete, im Hafen geborgene ehemalige Künstlerin begegnen — Ebba — dies junge Geschöpf, über das noch nicht einmal | ein Liebessturm hingegangen war, schon in dem Fahrwasser, 5 wo sich nicht Wind und Welle regt —! Seine Frau! Ja, 5 wenn sie das nicht gewesen wäre! Aber, das war's ja eben. 287 der sichere Besitz! So wenig, wie es sich je ereignen könnte, Laß man ihm dies weiße Haus mit den Schnörkeln und Emblemen nehmen könnte — so wenig konnte er sich vorstellen, daß sich in Ebbas kühles Köpfchen eine phantastische Idee einniste. Um seine Rennpferde zitterte er, die schlechte Laune eines Jokeys regte ihn auf, die Heiserkeit einer kleinen Soubrette, der er seine Huldigungen darbrachte, konnte ihn verstimmen, weil immer Einer da sein konnte, der die Bemerkung machte: „Welch einen schlechten Geschmack "T hat der gute Conrad Lund — das ist schon kein Gesang mehr!" Aber die stets gesunde, nie launenhafte, immer ladhlike Ebba! Vorhin hatte Bruno der reizenden Frau erzählt, wie sich in der letzten Zeit seine Praxis ungemein ausgedehnt habe — er hielt nicht mit dem Bekenntniß zurück, daß es in seinem Beruf schon sehr muthlose Stunden für ihn gegeben, jetzt blähe plötzlich ein frischer Wind die Segel. Es war schon wie ein Bündniß, ein stilles Verstehen zwischen ihnen, das fühlte sie wohl. „Sie müssen mir nach Tisch einmal aus Ihrem Leben erzählen," sagte jetzt. Conrad Lund trank seinen schweren Rothwein aus. Auch das noch, das konnte recht erfreulich werden, wenn die Höflichkeit ihn noch zu dem Kaffeeviertelstündchen zwang. Die Frau war unberechenbar. Sie hatte Herren und Damen -aus der Hofgesellschaft, aus der Gelehrten- und Künstlerwelt zur Berfügu g und sie langweilte ihn mit diesem Gesundheitsapostel. (Fortsetzung folgt.) Die Gefahren des Acetylengases. Auf keinem Gebiete der Technik ist wohl in den letzten 'Jahrzehnten ein solcher Fortschritt gemacht worden wie in der Beleuchtungs-Industrie. Dieser ist ganz allein in der Erfindung der Dynamomaschine zu suchen, auch hinsichtlich aller anderen, die Electricität nicht benutzenden Beleuchtungsarten. Als die electrische Beleuchtung in ihren beiden Haupt- modificationen, als Bogenlicht und Glühlampe aufkam, war man geneigt anzunehmen, daß nun wohl für Gas und Petroleum das letzte Stündlein geschlagen haben würde. Es ■galt daher für die Vertreter dieser beiden letzteren Beleuchtungsarten den Kampf mit der Electricität aufzunehmen, um dieser nicht zu unterliegen. Dies war nur dann möglich, wenn es gelang, Gas und Petroleum billiger wie bisher zu liefern, oder aber die Beleuchtungsapparate so zu vervollkommnen, daß sie ein intensiveres Licht und dieses noch billiger wie früher ergaben. Den besten Beleg dafür, daß nur die Concurrenz mit dem elektrischen Lichte die großen Verbesserungen der anderen Beleuchtungsarten zeitigte, bietet das Gasglühlicht. Denn diese wichtige Verbesserung auf dem Gebiete der Gasbeleuchtung wurde schon vor der Erfindung der Dynamomaschine gemacht. Da aber damals die Gastechnik noch keine Ursache hatte, die Electricität zu fürchten und man andererseits auch die Gasbeleuchtung als einen überwundenen Standpunkt zu betrachten geneigt war, so fand die Auersche Erfindung nicht die geringste Beachtung. Erst als die electrische Glühlampe auch die Beleuchtung geschlossener, kleinerer Räume ermöglichte und hier dem eigentlichen Felde der Gasbeleuchtung so empfindlich nahe trat, erinnerte man sich endlich des Auerlichtes wieder, fand dasselbe plötzlich vortheilhast und ersetzte eine Unmenge schon gemachter electrischer Anlagen durch diese billigere und doch so intensive Gasbeleuchtung. So große Annehmlichkeiten nun auch die Beleuchtung mittelst des gewöhnlichen Leuchtgases und der Electricität bietet, so bildet doch die Abhängigkeit des Gebrauches dieser Lichtquellen von einer Central-Erzeugungs-Anlage immerhin einen gewissen Uebelstand. Hinsichtlich der Gasbeleuchtung that deshalb Justus Liebig den Ausspruch, daß man den Erfinder der Kerze für ein großes Genie gepriesen haben würde, wenn die Gasbeleuchtung die ursprüngliche gewesen wäre. Der große Gelehrte ließ damit erkennen, daß seiner Ansicht nach die Zerlegung des Rohmaterials bei der Gas- fabrication in gewisser Hinsicht eine Unnatürlichkeit darstelle, indem die complicirten Manipulationen der Gasfabrikation bei einer Kerze sich alle im kleinsten Raume abspielen. Gegen die Kerzenbeleuchtung wäre in der That auch nichts einzuwenden, wenn sich in dem kleinen Verbrennungsraum größere Intensitäten der Leuchtkraft erzielen ließen. Ganz dasselbe gilt auch von der Petroleum^ Beleuchtung, die mit den von Centralen erzeugten Lichtquellen auch nicht con- curriren kann. Es fehlte bisher eben neben Gas und Electricität ein diesen ebenbürtiges, aber ohne stabile Erzeugungs-Anlage herstellbares Licht, welches für isolirte Objecte, wie Schiffe, Leuchtthürme, Eisenbahn- u. a. Fahrzeuge, Laternen, sich benutzen läßt. Diese Lücke auszufüllen, dürfte die Aufgabe des Acetylen-Gases sein. Dieses empfiehlt sich bei seiner leichten Herstellbarkeit mittelst Calciumcarbid und Wasser in allen jenen Fällen, wo die Verwendung des Leuchtgases oder die Electricität nicht möglich ist. Wenn auch die electrischen Accumulatoren in hohem Grade die Möglichkeit bieten, im kleinsten Raume, ohne weitere Umstände, ein Licht von beliebiger Stärke zu erzeugen, so sind dieselben doch auch in ihrer Ladung von einer größeren Kraftquelle abhängig, andererseits sehr schwer. Es ist daher kein Wunder, daß die Acetylenbeleuchtung bei ibrem Erscheinen mit Freuden begrüßt wurde. Denn sie füllt in der That eine Lücke aus, die bei unseren verwöhnten Ansprüchen an gute Beleuchtung sehr fühlbar war. Dieses neue Leuchtgas ist auch aus einem anderen Grunde von großer Bedeutung. Es dient nicht allein zu Beleuchtungszwecken, sondern kann auch zum Betriebe von Gaskraftmaschincn, Motorwagen und Fahrrädern angewandt werden, da eben die Gaserzeugung so wenig Umstände macht, daß sie, wie schon gesagt, überall und im kleinsten Raume ausführbar ist. Aber mit so großen Erwartungen man auch auf diese neue Errungenschaft blickte, so hat diese jüngste Beleuchtungsart doch gleich zu Anfang eine schwere Schädigung erlitten. Verschiedene Unglücksfälle, die bei der Handhabung des Gases und bei wissenschaftlichen Experimenten mit diesem vorkamen, verbreiteten einen solchen Schrecken im Publikum, daß auch jetzt noch kein Vertrauen zu dem neuen Beleuchtungsmittel vorhanden ist. Aber dies war seiner Zeit beim Schießpulver, dem Leuchtgas, dem Petroleum, dem Dynamit genau so der Fall. Auch bei diesen Materien mußte man erst durch schwere Unglücksfälle Erfahrungen sammeln, um den schlimmen Eigenschaften derselben begegnen zu lernen. Techniker und Gelehrte ließen sich dadurch keineswegs abschrecken, mit diesen Stoffen weiter zu arbeiten, bis sie schließlich Miitel und Wege fanden, die Gefährlichkeit dieser sonst so nützlichen Hilfsmittel zu beseitigen. Genau so verhält es sich mit dem Acetylen. Es muß zugegeben werden, daß der Character dieses Gases noch keineswegs genügend erkannt und seine Eigenschaften noch nicht hinreichend erforscht sind. Wohl aber tst man in wissenschaftlichen und technischen Laboratorien zur Zeit an keinem Stoffe mehr interessirt, wie eben an dem Acetylcngase. Als neuestes Resultat solcher Forschungen liegt ein sehr beruhigendes, wichtiges Resultat vor. Dieses besteht in der gemachten Erfahrung, daß das absolut chemisch reine Gas selbst bei ziemlich starker Compression, durchaus keine explosive Zersetzung erleidet, und nur das gewöhnliche, direct dem Generator entnommene unreine Gas zu so verhängnißvollen Katastrophen führt. Diese Untersuchungen ergaben an fremden Beimischungen Schwefelwasserstoffgas, Arsenwasserstoffgas, und als ganz besonders gesährliches Gas, Phosphorwasserstoff. Dieser letztere entzündet sich bekanntlich an freier Luft von selbst, wodurch Explosionen des Acetylens sehr leicht erklärlich werden. Diese Beimischungen sollen der Verwendung unreiner ! Materialien zur Herstellung des Calciumcarbides zuzu- ’ schreiben sein. Denn es ist klar, daß, wenn der mit der Kohle 288 gemischte Kalk GYPs oder phosphorsaure Salze enthalt, sich sehr wohl Verbindungen ergeben können, die bei der Zersetzung des Carbide- diese Gase zu liefern im Stande sind. Die Entdecker dieser wichtigen Thatsache,, zwer englische Chemiker, rathen daher dringend zu einer chemischen Reinigung des rohen Gases. Wie diese auch durch fernere Versuche feststellten, ist die Giftigkeit des Acetylen-Gases eine viel geringere wie die des Leuchtgases. Daß das Acetylen mit vielen Metallen, namentlich Kupfer, explosive Verbindungen bildet, ist wohl allgemein bekannt. Diese Verbindungen, deren Gefährlichkeit eine genaue chemische Untersuchung nicht zuläßt, zeigen einen ähnlichen Character, wie der berüchtigte Jodstickstoff, Clorstickstoff, das Knallquecksilber und ähnliche. — Aus diesen Angaben geht ohne Weiteres hervor, daß das Gas einen in jeder Hinsicht interessanten Körper darstellt, dessen Eigenschaften zu studiren schon aus wissenschaftlichem Interesse anregt. Aber auch nur streng wissenschaftliches Vorgehen kann hier das gewünschte Resultat ergeben, nämlich zu lernen, das Gas möglichst bald richtig zu behandeln, und in Anbetracht ferner sonstigen großen Vorzüge, dessen Verwendung ohne jede Gefahr zu ermöglichen. (Mitgetheilt von M. E h r e n b a ch e r, Patent- und technisches Büreau, Leipzigerstraße 115/116, Berlin W.) __________ Historische Brautan,jüge. Von Wilhelm Thal. (Nachdruck verboten.) KO. Fast zu allen Zeiten und bei allen Völkern spielte der Hochzeitstag eine höchst bedeutsame Rolle, und stets war das Brautkleid ein Gegenstand ernstester Erwägungen und Betrachtungen. Es ist bei uns gang und gäbe geworden, die Farbe des Brautkleides müsse weiß sein- doch war das nicht immer der Fall, und noch heut trägt die Braut bei den Bokhares ein rosenfarbenes Gewand an ihrem Hochzeitstag, während in Griechenland rothe Seide stehende Vorschrift ist- dieser Gebrauch stammt wohl noch aus dem Alterthum, wo roth allgemein zu Brautkleidern verwendet wurde, dagegen hielten die Landesmänninnen Julius Cäsars gelb für die geeignetste Farbe des hochzeitlichen Gewandes. — Bei den Armeniern erscheint die Braut an dem wichtigsten Tage ihres Lebens ir: einem sackähnlichen Gewände aus schwerer Seide, das Körper, Füße und einen Theil des Kopfes vollständig deckt. Das Gesicht verhüllt ein Leinenschleier, über den ein anderer Schleier fällt. Vor der eigentlichen Trauung hat nun die Frau des betreffenden Geistlichen die Verpflichtung, die Nägel der Braut mit Alhenna tiefroth zu färben. — In der Türker trägt die Braut schweren weißen Seidenbrokat, ihre Taille umschließt ein mit Juwelen oder Perlen besetzter Gürtel- das Gesicht ist vollständig weiß geschminkt, mit Ausnahme des Kinnes, auf welches ein herzförmiges Schönepflästerchen in rother Farbe geklebt ist und der Augenbrauen, die ganz schwarz gemalt sind. , Die Geschichte hat uns mancherlei wunderbare Hochzeltsgebräuche überliefert, aber der Pomp hielt sich zuerst immer in sehr bescheidenen Grenzen, und manche hohe Dame erschien in höchst einfachem Costüm vor dem Altar. So trug Anna von Oesterreich bei ihrer Hochzeit mit Ludwig XIII. ein einfaches Kleid aus weißer Seide, keine Krone schmückte ihr Haar, keine Juwelen, keine Perlen. Dagegen erschien Isabella von Portugal, als sie sich mit dem Herzog Karl von Burgund vermählte, in einem prächtigen Kleide mit wunderbarer Stickerei- darüber trug sie einen Hermelinkragen, eng gepuffte Aermel, einen mit Hermelin besetzten Sammetmantel, der von den Schultern bis zur Erde reichte- aber auch sie trug keinen Schmuck und der Stoff des Kleides war nur Musselin. Als Königin Anna von Frankreich Hand und Herz Karl VIII. schenkte, erschien sie an ihrem Hochzeitstage in einem zobelbesetzten, goldverbrämten Kleide und einem herrlichen mit Hermelin eingefaßten Seidenmantel. Anders lag die Sache schon, als Jakob I. von England die Hochzeit seiner Tochter Elisabeth ausrüstete. Die ehr- amen Bürger waren nichts weniger als erfreut, als Jakob I. hnen eine sogenannte Hochzeitssteuer auferlegte. Dre Kosten der Ausstattung betrugen das artige Sümmchen von 53,294 Pfund Sterling (— 1,065,880 Mark). Die Trauung and in Whitehall statt, und es war zu derselben eine derartige Pracht und Pomp aufgewendet worden, daß dreses Fest für alle späteren Hochzeiten am Londoner Hofe muster- qiltig wurde. Die Schleppe des Brautkleides, das ganz aus Silberstoff bestand, kostete 130 Pfund Sterling (= 2660 Mk.). In den aufgelösten Haaren der Braut schimmerten Perlen und Diamanten, während eine goldene Krone sich auf ihrem Haupte wiegte. Aber auch diese Hochzeit stand, an Pracht noch weit hinter der Vermählung Heinrichs I. mit Mathilde von Schottland zurück, als die Anwesenheit des gesammten Adels Englands und Schottlands gefeiert wurde. Margarethe Tudor trug zu ihrer Hochzeit ein seidenes Kleid mit Brokatstickerei auf ihrem Haupt, eine goldene mit Diamanten besetzte Krone und ihren Hals schmückte ein Perlenschmuck von unschätzbarem Werthe. So könnten wir wohl die Liste berühmter Brautanzüge bis ins Unendliche fortführen, doch wir wollen mit der Beschreibung einer Hochzeit schließen und zu diesem Zwecke mehrere Jahrhunderte überspringen. Am 25. Januar 1858 vermählte sich die Prinzeß Victoria von England, die jetzige Kaiserin Friedrich mit dem Kronprinzen von Preußen, weiland Kaiser Friedrich III. Die St. James Capelle, in welcher die Trauung stattfand, war mit rothem Sammet mit Goldfranzen ausgeschlagen. Die Kirche war qedrängt voll, in den drei ersten Sitzreihen saßen die fürstlichen Gäste, dahinter kamen die Minister und der Adel. Die Trauzeugen waren der König von Belgien und dre hochbetagte Herzogin von Kent. Zwölf Herzogstöchter trugen die Schleppe der Braut- das Kleid derselben bestand aus weißer schwerer Seide mit eingestickten Blümchen. Die Brautjungfern trugen weißen Tüll mit Besatz und Rosenkränzen in den Haaren. Als das Paar von dem Erzbischof von Canterbury eingesegnet worden, küßte der Bräutigam die Prinzeß zärtlich auf die Stirn, und der Zug begab sich in derselben Ordnung zurück nach Windsor-Schloß, wo das Hochzeitsmahl eingenommen wurde. Wir schließen unsere kurze Skizze mit dieser Hochzeit, die damals in ganz Europa die lebhaftesten Sympathien erregte und in der That zwei Nationen, England und Deutschland, inniger an einander knüpfte. Literarisches. Dür die Hausfrau! Eine reichhaltige Costümauswahl zum Gebrauch für Frauen aller Stände bietet das Schnittmusterbuch der Internationalen Schnittmanufactur, Dresden -R., Preis 50 Psg- Dieses Album enthalt sowohl für einfachere Bedürfnisse, als auch für aparteren Geschmack die vielseitigsten Costüme, wie Haus-, Straßen-, Promenaden-, Gesellschafts-, Ball- und Sportkleidung. Bestimmte Einzelheiten der Damengarderobe, so z. B. moderne Aermel, moderne Taillen und moderne Röcke, deren Zuschnitt namentlich für die Aus- arbeilunq gebrauchter Costüme von Werth ist, sind ebenfalls darin enthalten. Außerdem sind darin zu finden: Vorlagen für Knaben- und Mädchenqarderobe und zwar Einfach geschmackvollen Genres, die mit Hilfe der allen Schnitten der Internationalen Schmttmanufactur bei- qegebenen erschöpfenden Anleitung selbst von Ungeübten leicht zu verfertigen sind Schließlich sind auch Ueberkleider, wie Mantel, Jackets und Capes, sowie Specialcostümgattungen, wie Reformkleider rc. darin enthalten. Unsere Angaben über den Inhalt des Albums lassen die Reichhaltigkeit der Ausstattung desselben erkennen, sodaß für die verschiedensten Bedürfnisse darin Vorlagen geboten werden. Jede Dame, die bei Anfertigung ihrer Garderobe sich der Hilfsmittel der Internationalen Schnittmanufaclur bedient, wird ihren Vortheil baber finden, da durch di>selben und mit Hilse häuslichen Fleißes wesentliche Ersparnisse zu erzielen sind. Redaetion: I. Hermann «Oe. Druck und Verlag der Brühl'schm UniversttStS.Buch. und Steinbruderei (Pietsch A Scheyda) in Gieße«.