«KU W « roir rarrrrr,««: arr rn m< '■^Qöenn Jemand Deines Nächsten Ehre Verkleinern oder schmähen will. So setze Dich für ihn zur Wehre, Schweig' nicht aus blöder Vorsicht still. Herrn. Lingg. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. lFortsetzung.) Doctor Köppens Erklärung hatte ihm indeß die Wege geebnet, und jetzt, wo Brenner den Amtmann mit dem jungen Mädchen, das er so hoch versichern wollte, zusammen sah, schwand auch ihm jedes Bedenken. Der Alre schien ganz vernarrt in das hübsche, stille Mädchen und diese hing mit der Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit eines wohlerzogenen Kindes an seinen Augen und Lippen. „Ist Dir nun Alles so recht, Anna?" fragte er sie, nachdem ihnen die ausgefertigte Police vorgelesen und zur Unterschrift vorgllegt war. Sie nickte stumm. „Nein, nein Kind, so geht das nicht," mahnte er, „Du mußt Dich aussprechen- hast Du einen Wunsch?" „Nein, nein," erwiderte sie und schaute mit den hellbraunen Augen ängstlich und doch voll unaussprechlicher Dankbarkeit zu ihm auf. „Wie Sie bestimmen, so ist es gut. Ich weiß ja gar nicht, womit ich das Alles verdiene." Der Amtmann lachte und sagte zu den beiden Beamten: „Da hören Sie nur das drollige Mädchen, bildet sich Wunder ein, was ich ihr schenke, während sie von dem ganzen Gelde doch nie einen Pfennig genießen wird." „Wir hoffen und wünschen, daß die Auszahlung dieser Versicherung erst von unseren sehr späten Nachfolgern geleistet werde," entgegnete Ringleb warm. Sein College nickte zustimmend, Göbener aber brummte halb unruhig, halb belustigt: //Ja, ja, machen ein gutes Geschäft mit dieser Versicherung, können lachen. Weiß wohl, daß ich eigentlich ein Narr bin und viel Geld zum Fenster hinauswerfe." „Aber warum thun Sie es denn?" konnte Brenner sich nicht enthalten zu fragen, obwohl dies sich im Grunde für ihn gar nicht schickte. Amtmann Göbener zog ein sehr drolliges Gesicht, trat den beiden Herren näher und raunte ihnen zu: „Bin ein sonderbarer Kerl, kann halbe Arbeit nicht leiden. Habe mich wider meinen Willen breitschlagen lassen und meinem Sohn erlaubt, das Mädchen, das keine tausend Mark im Vermögen hat, zu heirathen, weiß aber, wie's nachher geht, wenn eine Frau so gar nichts mitgebracht hat. Da soll sie doch wenigstens auftrumpfen und sagen können: „So ganz nackt und bloß bin ich doch nicht zu Dir gekommen." Es ist auch meiner anderen Kinder wegen, sie mögen glauben, Anna bezahlt die Versicherung aus ihrem Eigenen." • Das junge Mädchen, welches diese Auseinandersetzung mit ihren feinen Ohren doch vernommen hatte, vermochte jetzt nicht mehr au sich zu halten. Sie kam hinzu, ergriff Göbeners Hand, wobei ihr Thrünen an den Wangen Hersbflossen. Er wehrte unbehilflich und verlegen ab. „Laß das Kind, weißt, ich kann dergleichen nicht leiden, und was sollen die Herren von uns denken? Machen wir schnell ein Ende, damit wir mit dem nächsten Zug wieder nach Greifswald fahren können. So viel Zeit wird aber noch sein, daß Du bei Brandt eine Taffe Chocolade trinken kannst." Er befragte mit den Augen den an der Wand hängenden Regulator, zog seine große altmodische, goldene Repetiruhr aus der Tasche und verglich sie damit und bezahlte die erste Rate des Betrags für die Versicherung, obwohl ihn Brenner bedeutete, daß dies jetzt noch nicht erforderlich sei. „Lassen Sie mich nur machen, bin einmal hier, wir können uns gegenseitig das Porto sparen," erwiderte er, während er die Papiere sorgfältig in eine schon stark abgegriffene, große lederne Brieftasche legte, und in die Brusttasche seines Rockes steckte, den er fest zuknöpfte. Von Brenner bis zur Thür begleitet, verließen Beide das Bureau. „Was sagen Sie nun?" fragte Ringeleb seinen Collegen, als dieser zurückkehrte und seinen Platz am Pult wieder einnahm. „Da heißt es immer, die Originale sterben aus. Hier in diesem gesegneten Pommerlande sind sie noch anzutreffen. Herr Amtmann Göbener scheint ein Exemplar erster Ordnung von dieser Gattung se n." „Das scheint so!" geb Brenner zu,' machte dabei aber ein Gesicht, als ob ihm die Sache noch immer nicht ganz geheuer vorkomme. „Und das hübsche Mädchen mit den hellbraunen Augen 154 „Ausverkauft, ja ich darf sagen, so viel verkauft, wie der Saal nur irgend zu fassen vermag," antwortete Adolf mit dem Stolze des Mannes, der das Werk, das er bereitet, sich wohl gestalten sieht, „aber die Herrschaften haben Plätze in der zweiten Reihe. Darf ich um ;Jhren Arm bitten, Fräulein Münter, damit wir Ihrer Frau Mutter und dem Herrn Amtsrath bahnbrechend voraogehen." „Gern," antwortete die Augeredete und legte die mit einem halblangen weißen Glacehandschuh bekleidete schmale Hand leicht auf den Arm des jungen Mannes. „Nun denn en avant!" rief gut gelaunt der Amtsrath und folgte mit seiner Begleiterin am Arme dem langsam voranschreitenden jungen Paare, rechts und links Grüße mit den zahlreich im Saale anwesenden Bekannten und Berufsgenossen tauschend. Das laute Geschwirre und Gesumme im Saale verstummte für einige Minuten wie auf ein gegebenes Zeichen, um alsdann um so lauter und lebhafter einzusetzen. Aller Augen richteten sich auf die „Damen des Amtsraths", von denen man viel gehört, die aber nur ein sehr kleiner Theil der Versammelten schon zu Gesicht bekommen hatte. Es waren in der That Erscheinungen, wohl geeignet, Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erregen. „Die hochgewachsene, sehr stattliche ältere Dame, trug ein schweres scbwarzes Seidenkleid und ein Spitzenhäubchen auf dem silberglänzenden Scheitel- das fein geschnittene Gesicht zeigte Spuren großer Schönheit- die von dunkle« Brauen und Wimpern eingefaßten blauen Augen blickten noch recht lebhaft, dagegen lag um den etwas eingefallenen Mund ein Zug von stiller Entsagung, gleichzeitig aber auch von Wohlwollen und Fürsorglichkeit. Bei näherer Betrachtung mochten sich zwischen ihr und der jüngeren Dame, ihrer Tochter, mancherlei gemeinschaftliche Züge herausfinden lasten, für den oberflächlichen Beobachter glichen sie einander gar nicht, und war die Jüngere, nicht bloß ihrer Jugend halber, diejenige von Beiden, welche die Blicke am längsten feffelte. Sie war hoch gewachsen, hatte eine volle Büste und runde Hüften, erschien aber trotzdem schmal durch die bewegliche Länge ihres Oberkörpers, die graziös abfallenden Schultern und den kleinen Kopf mit den winzigen Ohren, der von braunem Haar gekrönt ward, einem Braun, das einem goldenen Gewebe glich, das man gebräunt hat und dessen glänzendes Metallroth nun unter dem Patina hervor- müssen. Die Künstler hatten sich Bereit finden lassen, in einem zu Gunsten eines naheliegenden, durch eine Feuersbrunst schwer heimgesuchten Dorfes veranstalten Concert, mitzuwirken, oder besser, den Löwenantheil auf sich zu nehmen. Trotz der für Greifswald ziemlich hohen Eintrittspreise, war Alles herbeigeströmt, was Kunstsinn zu haben glaubte und darauf Anspruch machte, zur gebildeten Gesellschaft gezählt zu werden. Nicht bloß die Stadt selbst, sondern auch die Umgegend hatte ihre zahlreichen Vertreter gesandt. Zu den Letzteren gehörte auch der Amtsrath Wenzel, welcher in Begleitung einer älteren und einer jüngeren Dame erschienen war. Am Eingänge erwartete sie Adolf Göbener im tadellosen schwarzen Gesellschaftsanzuge, den Hut unter dem Arm, im Knopfloch des weitausgeschnittenen Rockes eine dunkelrothe Nelke, oberhalb derselben eine kleine weiße Schleife als Abzeichen, denn er gehörte zu den Mitgliedern des Comitös, das sich behufs der Veranstaltung dieses Wohlthätigkeitseoncertes gebildet hatte. „Ist es Ihnen wirklich gelungen, uns Plätze zu verschaffen, lieber Adolf?" fragte der Amtsrath den jungen Bauführer nach der ersten Begrüßung, „da müssen wir Ihnen sehr dankbar sein, es scheint ja riesig voll zu sein. ' Adolf Göbener empfand mit Stolz den Eindruck, weichen die an seinem Arm hängende junge Dame machte und fand darüber nicht recht den Eingang zu einem Gespräche. Etwas ungeschickt, wie er selbst zu seinem stillen Aerger sich ein- qestand, erkundigte er sich bei ihr, ob sie wahrend der Fahrt nicht stark von der Kälte gelitten habe, denn der Februar hatte, obwohl er sich seinem Ende zuneigte, noch einmal Schnee und starken Frost gebracht. Nicht doch," erwiderte sie lachend, „ich bin von Rußland her ganz andere Kälte gewöhnt und habe mir von bort Pelze mitgebracht, mit denen man ihr trotzen kann. Dir Schlittenfahrt von Waldhof bis hierher war köstlich. „Sie sollten sie öfter machen, so lange wir noch so vortreffliche Bahn haben, ich kann Ihnen freilich am Ziel derselben nicht immer solche Kunstgenüsse versprechen, wir Ihrer heute warten." _ Ix . „£), ich tummele mich auch auf dem See mit den Schlittschuhen," antwortete sie und ihre Augen leuchteten tn der Erinnerung an dieses Vergnügen- „ich sehne mich wirklich gar nicht nach der Stadt." „Das Concert heute hättest Du Drr aber doch nicht entgehen lasten," scherzte der Amtsrath, denn man hatte inzwischen die vorderen Sitzreihen erreicht. „Das haben Sie aber gut gemacht, Adolf," fügte er, die Platze musternd, hinzu. „Sie selbst können wohl nicht bei uns bleiben? „Leider nicht," entgegnete der Bauführer, „es würde ist auch in ihrer Art ein Original," fuhr der heute besonders | redselige Ringleb fort. „Vergeht fast vor Dankbarkeit, weil der Alte ihr Leben versichert. Was sie sich nur dabei denken mag? Ob sie schon mütterliche Vorsorge für ihre demnächst zu erwartende Nachkommenschaft empftnder." „Das glaube ich nicht. Es imponirt ihr einfach, daß der Alte ihretwegen in den Beutel greift, das ist wahrscheinlich bisher noch niemals geschehen," antwortete Brenner, während er die Feder zur Hand nahm und in seinem Folianten eine Sette umschlug. Er bl ckte jedoch wieder auf und richtete an seinen Gefährten, der ans Fenster getreten war und auf die Straße hinausschaute, die Frage: „Sagten Sie nicht, der Sohn des Amtmann Göbener sei Bauführer?" , „Gewiß. Er hat aus dem Polytechnikum in Berlin studirt und ist jetzt in Greifswald beschäftigt. Was fällt Ihnen denn dabei auf?" „Daß ein junger Mann, der eine gute Bildung genossen hat und sich doch auch unter Menschen bewegt haben muß, sich so sterblich in die kleine Landpommeranze verliebt hat." „Aber das Mädchen ist ja allerliebst!" rief Ringleb. Ich -->• " „Sie sind schon bis über beide Ohren in sie verliebt, lieber Ringleb, will bei Ihnen nicht viel besagen, kommt alle Tage vor," unterbrach ihn Brenner trocken, „wenn ich Sie aber aufs Gewissen frage: möchten Sie Fräulein Anna Holten heirathen?" Ringleb zuckte die Achseln: „Das bedürfte längerer Erwägung. Ich glaube überhaupt nicht, daß ich zum Ehemann pcädestinirt bin." „Gut parirt!" lachte Brenner. „Nun überlassen wir die Herren Göbener senior und junior, wie Fräulein Holten, ihrem Schicksal, wir sind nicht verantwortlich dafür und de gustibus non est disputandum." Er wandte sich jetzt eifrig seiner Arbeit zu und auch Ringleb kehrte zu seinen Briefen zurück. XI. Der große Saal des Vogler'schen Locals in Greifswald war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Herren standen sogar an den Seiten und in dem Mittelgange, so daß Spatkommende Mühe hatten, zu den für sie reservirten Sitzen zu gelangen. Den Bewohnern der pommerschen Universitätsstadt ward heute der seltene Genuß zu Theil, zwei Sterne der Berliner Oper und einen gerade jetzt in Berlin befindlichen berühmten Geigenspieler zu hören, ohne deshalb eine mehrstündige Eisenbahnfahrt machen und in einem Hotel übernachten zu 155 sich für mich als Comits-Mitglied nicht schicken, wollte ich mich hierher in die ersten Reihen setzen- auch habe ich noch manche Pflichten." „So wollen wir Sie nicht aufhalten, Herr Göbener, vielen Dank und auf Wiedersehen," sagte die ältere Dame und reichte ihm die Hand. „Schade, daß die kleine Anna nicht hier ist," bemerkte der Amtsrath, lediglich, um Adolf noch etwas Verbindliches zu sagen, denn von den eigentlichen Beziehungen der jungen Leute zu einander war ihm nichts bekannt, „ich hätte ihr wohl das Vergnügen gegönnt." Adolf ward plötzlich wie mit Blut übergossen und antwortete so verlegen, daß es dem ganz harmlosen Amts- rath auffiel. „Ach, nein, das geht nicht gut an. Sie kennen ja die Verhältnisse in Rapshagen." „Hätten Sie mir nur einen Wink gegeben, so würde ich versucht haben, sie loszueisen," fuhr Wenzel fort und Göbener erwiderte: „Anna konnte doch nicht allein Herkommen und meine Mutter ist nicht in der Lage, sie zu begleiten." „Meine Cousine würde sie gern in ihre Ohhut ge- uommen haben," versicherte mit einer beängstigten Hartnäckigkeit der Amtsrath, während er recht steif einen Gruß des Doctor Stephan Holten erwiderte. Adolf Göbener brach mit einer gewissen Hast das Gespräch ab und verabschiedete sih mit dem Versprechen, die Herrschaften während des Concertes und nach dessen Beendigung wieder aufzusachen und sah sich bald umringt von neuen Ankömmlingen, die ihn begrüßten, sowie von anderen Mitgliedern des Comitäs, welche Anfragen an ihn richteten. (Fortsetzung folgt.) Wie große Männer sterben. Von Dr. Ernst MaaSburg. ------- (Nachdruck verboten) Niemand denkt gern an den Tod, vor Allem der nicht, dem es gut geht auf der Welt oder der, den sein Gewissen Sei dem Gedanken an das Ende mit Unbehagen erfüllt. So hing Ludwig XIV. von Frankreich so sehr am Leben, daß das Wort „Tod" in seiner Gegenwart nicht einmal genannt werden durfte. Aber auch zahlreiche gute Menschen hören nicht gern vom Sterben sprechen und mögen durchaus keine Leiche sehen. Zu Letzteren gehörte bekanntlich auch Goethe, der sich nicht entschließen konnte, an das Todtenbett eines seiner Freunde zu treten. Die meisten Menschen schieben den Gedanken des Todes von sich, bis der alte Sensenmann sie holt, ein Umstand, der vielleicht mit die Ursache ist, daß wir so wenig über das Sterben selbst wissen und vor A>lem die Frage, ob der Tod schmerzhaft ist oder nicht, bisher «absolut ungelöst gelassen haben. Ein großes Interesse wird immer die Darstellung der letzten Stunden großer Männer bieten. Wenn anderen die Furcht vor etwas nach dem Tod, Das unentdeckbar Land, von deß Bezirk Kein Wand'rer wiederkehrt, den Willen irrt, so gewährt es Trost und Beruhigung, zu sehen, wie denn eigentlich die geistigen Größen der Menschheit dem unbekannten Jenseits entgegen gegangen sind, ob mit gefaßtem Muth oder mit Furcht, ob gern oder ungern, ob sie schmerzlos oder in Qualen verschieden sind. Freilich ist hierbei nicht unberücksichtigt zu lassen, daß die Ruhe in der Todesstunde manchmal auch nur eine Folge bereits eingetretener Apathie oder großer körperlicher Schwäche oder das Gegentheil die Begleiterscheinung schwerer körperlicher Leiden ist. Rur wenn Jemand mit ungeschwächten Geisteskräften muthvoll und gefaßt dem Tode entgegensieht, ist sein Beispiel für uns von Bedeutung. Wir wollen heute einmal den Leser an das Sterbebett einer Anzahl unserer besten und bekanntesten Dichter führen, und es ihnen überlassen, ob sie in der Todesart derselben auf die Zweifel und Fragen des eigenen Herzens eine Antwort finden. Aeußerlich ein starker, robuster Mann, wurde Lessing, wie viele große Geister schon frühzeitig — fünfzehn Jahre vor seinem Tode — von Todesahnungen heimgesucht. Nach dem Ableben seiner Frau, die er nur zwei Jahre sein genannt, stellten sich körperliche Beschwerden ein. Er litt an Brustschmerzen und Athemnoth, häufig überfiel ihn eine unnatürliche Neigung zum Schlafe. Er vermochte nur noch mühsam zu gehen und seine Gedanken zu ordnen. Eines Abends kehrte er krank nach Hause zurück, wollte aber keinen Arzt rufen lassen, sogar sein Diener mußte ihn verlassen und das Zimmer verschließen. Schwerkrank, fiel es ihm eines Morgens ein zu verreisen, und er ließ den Friseur kommen, daß er ihn zurecht mache. Mit Mühe brachte man ihn von dem Gedanken ab und überredete ihn, einen Arzt rufen zu lassen, der ihm zur Ader ließ und Zugpflaster verordnete. Während seiner Krankheit zeigte er sich ruhig und gefaßt, empfing zahlreiche Besuche und ließ sich vorlesen. Manchmal glaubte er seinen Tod sehr nahe, manchmal sehr fern. Er sei auf Leben und Tod gefaßt, sagte er. Eines Tages fühlte er sich außergewöhnlich wohl, als er jedoch Abends sein Lager aufsuchen wollte, trat heftige Athemnoth ein, und wenige Minuten später hauchte der streitbare Denker sein Leben aus. Wieland entschlummerte im Alter von achtzig Jahren sanft nach kurzem Krankenlager. In den letzten Stunden gingen Bilder aus der klassischen Zeit an seiner Seele vorüber, er murmelte italienische Worte und starb mit Hamlets „Sein oder Nichtsein" auf den Lippen. Auch Goethe schlief ruhig ein, nachdem er mehrere Tage an Fieber und Beklemmungen gelitten hatte. Der Einundachtzigjährige plauderte noch am Morgen seines Todes — den 22. März 1832 — vergnügt mit feiner Schwiegertochter, sprach von dem nahen Frühling und den schönen Tagen/ die frische Luft werde ihn wiederherstellen. Er hatte, wie Lewes erzählt, keine Ahnung, daß sein Ende so nahe sei. Während er im Lehnstuhl saß, begann er plötzlich zu phantasiren: „Seht den schönen, weiblichen Kopf — mit schwarzen Locken — im prächtigen Colorit — auf dunklem Hintergründe!" Dann wies er auf ein Stück Papier auf dem Boden und fragte, warum man Schillers Briefwechsel so nachlässig herumliegen lasse. Seine Sprache wurde immer undeutlicher. Die letzten verständlichen Worte waren: „Mehr Licht!" Zuletzt zog er noch mit dem Zeigefinger Buchstaben in der Luft, und als er matter wurde, auf der Decke. Um die Mittagsstunde legte er sich ruhig in eine Ecke des Lehnstuhls, schlief ein und erwachte nicht wieder. Einen schweren Todeskampf kämpfte Schiller. Am 1. Mai kündigte sich seine letzte Krankheit an. Schon den ganzen Winter vorher hatte sich eine außerordentliche Milde und Ruhe seines Wesens bemächtigt. In der linken Seite, wo er seit Jahren immer Schmerz gehabt, fühlte er gar nichts mehr; wie sich bei der Sektion heraus stellte, war der linke Lungenflügel total zerstört. Während seiner Krankheit phantasirte er viel, in lichten Stunden führte er Gespräche über Tragödien und philosophische Materien. Am Abend vor seinem Tode antwortete er auf die Frage seiner Schwägerin, wie er sich befinde, indem er ihr die Hand drückte: „Immer besser, immer heiterer." Er verlangte, man sollte den Vorhang öffnen, er wollte die Sonne sehen. Mit heiterem Blicke schaute er, wie seine Schwägerin mit- theilt, in den schönen Abendstrahl, und die Natur empfing seinen Scheidegruß. Einige Male rief er Gott an, ihn vor einem langsamen Hinscheiden zu bewahren. Am 9. Mai früh trat Bewußtlosigkeit ein, er sprach nur unzusammenhängende Worte, meistens Latein. Ungern nahm er ein ihm verordnetes Bad, später trank er zur Hebung der sinkenden 156 Kraft und Blut und Geister schwinden, Äug' und Feuer löschen aus. Und des Leibes schwache Säulen tragen kaum ihr morsches Haus. Also schließ' ich meinen Tod aus den innerlichen Zeichen, Und so mach' ich mich gefaßt, ihm getrost die Hand zu reichen , und in dem ergreifend herrlichen Gedicht„Bußgedanken" heißt es: Die Geister sind erwacht, die Nerven leer und trocken, Die Lust will in der Brust, das Blut in Adern stocken, Das Auge thränt und zieht die scharfen Strahlen ein. Das Ohr klingt fort und fort und läutet mir zu Grabe, Und da ich überall viel Todeszeichen, habe, So zagt dabei mein Herz in ungemeiner Pein. tragen/ wie der neue Wirth ihn auszunehmcn. Der bisherige Wlrth mochte jedoch auch den Sterbenden nicht behalten, da die Vortheilhafte Weitervermiethung des Zimmers durch den Todesfall verhindert werden könnte. Vergeblich waren die Vorstellungen der Freunde des Sterbenden, bie Polizei selbst mußte sich einmischen und während man noch hin- vnd herstritt, löste Seume selbst den Knoten, brach seine morsche Hütte ab und vertauschte die irdische Wohnung mit der himmlischen. So erfüllte fich sonderbarer Weise an ihm eine Weissagung, die er in seinen Gedichten lange vorher gethan: „Und weigert« man mir auch Sarg und Decke, Was liegt mir dran? Flaum oder Stein ist Eins; an welchem Flecke, Geht mich nichts an." resp. achtzigsten Geburtstages bereitete. Hölderlin und Lenau starben in geister Umnachtun g, Ewald Christiati v. Kleist und Theodor Körner auf dem Schlachtfelde. Heinrich von Kleist, der geniale Verfasser der „Hermannsschlacht," endete durch Selbstmord. Ein Opfer der unglücklichen politischen Verhältnisse der damaligen Zeit und als erbittet Feind Napoleons, an der Wiedergeburt des Vaterlandes wie an seiner Anerkennung als Dichter verzweifelnd, erschien ihm durch Selbstmord als einzige Rettung. Nur zögerte er, den dunklen Schritt allein zu thun. Da führte ihm das Schicksal die unglückliche Henriette Vogel entgegen, der er das Ehrenwort gab, ihr jeden, selbst den größten Freundschaftsdienst zu leisten. Als sie ihm eines Tages auf dem Clavier vorspielte, sagte der Dichter: „Das ist zum Erschießen schön". Darauf fragte die Frau, ob er ihr den Freundschaftsdienst, sie zu tödten, erweisen würde? Wahrscheinlich werde er ihren Wunsch nicht erfüllen, denn es gebe keine Männer mehr. Kleist erwiderte: „Ich werde es thun, ich bin ein Mann, der sein Wort hält." Am 20. November 1811 fuhr er mit ihr nach dem am Wannsee gelegenen Wirthshaus „Zum Stimming," wo er mit ihr noch einen schönen Tag verlebte und am Nachmittag des 21. November die Freundin durch einen Schuß ins Herz, sich selbst durch einen solchen in den Mund töbtete. Ein Jahr früher schloß in Teplitz ein anderer deutscher Dichter die Augen, dem es ebenfalls nicht bestimmt war, die MorgenrRhe deutscher Freiheit noch zu schauen: Johann Gottfried Seume (gestorben 13. Juni 1810). Der schwerkranke Dichter stand gerade im Begriff, sem Quartier zu wechseln, als der Tod an ihn, herantrat. Alle Sachen waren schon eingepackt, um sie in die neue Wohnung zu schaffen, als die Sänftenträger bei der unerwarteten Beschleunigung feiner Auflösung ebensowenig Lust bezeugten, einen schon halb zur Leiche gewordenen Menschen fortzu- Der Arme schließt seine „Bußgedanken" mit den Worten: Oft ist ein guter Tod der beste Lebenslauf" — nun, wenn äuch ein guter Tod einen guten Lebenslauf nicht ersetzen i kann, so ist auch für den besten Lebenslauf cm guter Tod jedenfalls eine wünschenswertste Zugabe! Kräfte ein Glas Champagner. Gegen 3 Uhr fing der Athem zu stocken an; Plötzlich fuhr es wie ein eleetrischer Schlag über seine Züge, sein Haupt sank zurück und die vell- kommeuste Ruhe verklärte sein Antlitz, seine Züge waren die eines sanft Schlafenden. Jean Jacques Rousseau, der berühmte Genfer, ver schied in dem Anblick der untergeheuden Sonne verloren. Nach den schweren Jahren der Verfolgung kehrte der Unglückliche, vom Verfolgungswahnsimr erfaßt, nach Parts zurück, um sich mit Nolenichreiben zu ernähren und seine „Confessions" zu vollenden. Im Mai 1778 folgte er einer Einladung des Marguis von Girardin nach Ermenon- ; Ville, wo er noch einen schönen und friedlichen Monat verlebte. Eines Abends kehrte er von einem Spaziergang heim und sank ermüdet in einen Lehnstuhl. Dann bat er feine Frau, das Feaster zu öffnen, daß er die Sonne sehe. Entzückt in die Pracht des Bildes versenkt, schied sein müder Geist von der Erde; wie Manche behaupten, habe er durch Vergiftung das Ende herbeigesührt. Noch am selben Tage erfolgte seine Bestattung auf der dortigen Pappelinsel. Er war sechsundsechzig Jahr alt. Sein Mitkämpfer, aber persönlicher Widerwcher Voltaire, der im selben Jahre starb, wurde das Opfer seiner Triumphe. Den zahlreichen Aufforderungen der Pariser folgend, entschloß er sich, als vierundachtzigjähriger Greis nach dreißigjähriger Abwesenheit noch einmal nach Paris zu gehen. Seine R-ise dahin glich einem Triumphzug, aber es war ein Triumphzug zum Grabe. Die Pariser, Hof, Gelehrte, Dictter, Publikum, überschütteten ihn mit Lorbeeren, sodoß er ermattet äußerte: „Ich wurde erstickt, aber mit Rosen." Die Ausregungen erschöpften seine Kräfte, er konnte soviel Freuden nicht ertragen, erkrankte und sta^b. Auch die deutschen Dichter Ernst Moritz Arndt und Grillparzer erlagen den Ehrungen, welche ihnen das dankbare Vaterland aus Anlaß der Feier ihres neunzigsten Ludwig Borne bewährte feinen sarkastischen Humor auch noch auf dem Sterbelager. Bon ihm wird erzählt, daß der Arzt, als er am Morgen seines Todes zu ihm ins Zimmer trat, die Bemerkung gemacht habe: „Sie husten heute viel besser, Herr Börne." Der Sterbende habe darauf lächelnd geantwortet: „Ich habe mich ja auch die ganze Nacht darin geübt." Bei dieser Gelegenheit sei auch der lakonisch-naiven Aenßerung einer Dichtermutter während ihres Hinscheidens gedacht. Wir meinen die Mutter Goethes^ welche am 13. September 1808 zu Frankfurt starb. W'.e erzählt wird, wurde die Frau Rath an ihrem Sterbetage zu Freunden zum Kränzchen gebeten, worauf sie in ihrer kernigen Weise den Bescheid gab: „Die Frau Riithin könne nicht'kommen, die müsse alleweile sterben." Der portugiesische Dichter Camoöns, der Versasser der „Lusiaden,"'verschied im Jahre 1579 im größten Elend im Hospital. Er besaß nicht einmal ein Sinnen, mit dem er sich hätte bedecken können. Edgar Allan Poe ward ein Opfer seiner unglücklichen Neigung zum Trinken. Man fand ihn besinnungslos in den Straßen von Baltimore, da ihn Niemand kannte, trug matt ihn ins Hospital, wo er, 40 Jahre «(t, am 7. October 1849 an Gehirnentzündung starb, ohne wieder zum Bewußtsein gekommen zu sein. Von deutschen Dichtern erlitt ein ähnliches tragisches Schickial der bedauerns- werthe Johann Christian Günther. Auch ibn stürzte der Hang zu geistigen Getränken ins frühe Grab. Dte Bemühungen feiner Freunde, dem hochbegabten Jüngling eine Existenz zu gründen, scheiterten an seiner Zügellosigkeit. Er erschien betrunken vor dem Kurfürst von Sachsen, als er sich behufs feiner Anstellung diesem vorstellte; und bei seiner Vorstellung vor dem Grasen Schaffgotsch, dem er als Er- rifber vorgeschlagen war, wiederholte fich der Vorgang von Dresden. So ereilte ihn (15. März 1723 in Jena) der Tod in der Vlüthe seiner Jugend, 27 Jahr alt. Der unglückliche Mann sah und verkündete sein frühes Ende in erschütternden Versen voraus, in Tönen bitterster Reue und sckmerzlicher Seelengual. So ruft er klagend in dem „Letzten Gedanken": Webactwn: L. Sch-vda. — Druck und «erlag der Brübt'lckeu UniversUätL-BuL. und Stemdruckerei lPrcisch & in ® f6