Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) Seinen aufmerksam beobachtenden Augen entging es nicht, daß Constanze zusammenzuckte und daß ihre Stimme leise zitterte, als sie jetzt sagte: „Glaubst Du, Papa, daß er dann kommen wird?" „Gewiß!" gab er zurück. „Wenn er sieht, daß ihm das Unglück, das seine Familie betroffen, in unseren Augen nichts geschadet hat, daß er uns heute nicht minder angenehm ist als früher." • Constanze Göring hatte ihre Hände gefaltet, ihre Augen strahlten, als sie jetzt den Blick zu ihrem Vater erhob. Das, was in diesem Moment ihre hochathmende Brust erfüllte, drückte sich in dem Ausruf aus: „Du bist doch herzensgut, Papa!" Der Gelobte lächelte. „Das Compliment kann ich Dir zurückgeben" — sagte er neckend — „Du bist es ja, die mich darauf gebracht hat, und Dein Herz scheint bei der Aussicht, Herrn Köster bald wieder als Gast bei uns zu sehen, eine mindestens ebenso freudige Genugthuung zu finden als das meine." Constanze Göring bückte sich mit einer hastigen Bewegung zu ihrer Stickerei hinab, über und über erglühend. * * » Es war ein aus Freude und Wehmuth gemischtes Gefühl, das Otto Köster empfand, als er Constanzens Brief erhielt. Sie schrieb im Auftrage ihres Vaters. Nach den liebenswürdigen Vorwürfen, die sie ihm über sein langes Ausbleiben machte, gab sie der Hoffnung Ausdruck, ihn am nächsten Jourfix bei sich begrüßen zu können. Ein heftiger Kampf entspann sich in des jungen Mannes Brust. Den ganzen Tag sann er über die Frage nach: durfte er das gastliche Haus des Kammergerichtsraths je Samstag dm 12. Aebmar KM M InLerhattungsblüll M(ÄMml-AnzeM). > Ithubii! em ein Helles Äug' und Herz gegeben, Dem wird der beste Theil im Leben: Der echte Frohsinn im Gemüthe Ist eines guten Herzens Blüthe! Fr. Bodenstedt. wieder betreten, durfte er sich in die Gesellschaft ehren- werther Menschen mischen und an ihren geselligen Freuden theilnehmen, durfte er seine befleckte Hand in die des reinen jungen Mädchens legen? Nein, nein! Ein instinctives Gefühl hatte ihn während der letzten Monate abgehalten, den Kreis seiner Bekannten aufzusuchen. Sollte er diesem Gefühl Trotz bieten, weil ihm Constanze Göring in ihrer Ahnungslosigkeit ein paar freundliche Zeilen geschrieben? Würde sie ihm nicht voll Entsetzen und Abscheu den Rücken kehren, wüßte sie, wie eS in Wahrheit um ihn stand? Nein, nein, er durfte nicht gehen. Doch trotz dieses Entschlusses begann er am zweiten Tage die Frage noch einmal von allen Seiten zu überdenken. Sollte er sein ganzes Leben als menschenscheuer Einsiedler vegetiren? War es nicht inconsequent, weiter zu leben und in seinem Berufe mit ehrenhaften Leuten Verkehr zu Pflegen, sich aber geschfäftlich zu isoliren und von aller Berührung sich ängstlich zurückzuziehen. Am dritten Tage entschloß er sich zu gehen. Kammergerichtsrath Göring sowie die älteren Herren begrüßten ihn mit ostentativer Freundlichkeit, und wenn sie es auch mit keiner Silbe aussprachen, er las es doch in ihren Mienen und fühlte es an ihrem herzhaften Händedruck, daß sie ihm sagen wollten: „Du irrst Dich, wenn Du geglaubt hast, wir achten Dich jetzt weniger als früher. Für uns bist Du der Alte." Nur seine speciellen Freunde, die Herren von Markwald und Wattenfeld, legten eine auffallende Veränderung ihres Benehmens ihm gegenüber an den Tag. Sie begrüßten ihn kalt, mit förmlicher Verbeugung, als wäre ihre Bekanntschaft mit ihm immer nur eine oberflächliche gewesen und als wollten sie von vornherein jeder intimeren Annäherung vorbeugen. Otto hatte Mühe, sich die zornige Empörung, die in ihm glühte, nicht anmerken zu lassen. Er hätte vorstürzen und den blasirten Gecken mit dem Einglas in das hoch- müthige Gesicht schlagen mögen. War Markwald nicht schuld an Allem, was geschehen? War er nicht der Versucher gewesen, der ihn mit listigen Reden auf die abschüssige Bahn gelenkt? Das, was der Vater einst beim ersten Abschied aus dem Vaterhause zu ihm gesprochen, kam ihm ins Gedächtniß: „Ichuldenmachen kommt gleich nach dem Stehlen." Ein wahres, nur zu wahres Wort war es gewesen, das er leider leichtsinnig in den Wind geschlagen hatte! Ja, Herr von Markwald, der ihn zu der ersten 9Ö - Wechselanleihe verführt hatte, war der intellectuelle Urheber seines Verbrechens. Constanze Göring war die Einzige, die den nach langer Pause wieder erschienenen Gast genau ebenso empfing wie früher. Das feinfühlige junge Mädchen wollte ihn auch nicht einmal durch eine merklichere Freundlichkeit an das Unangenehme erinnern, das hinter ihm lag. Sie plauderte mit ihm so unbefangen, als wäre nichts geschehen und als wäre in ihrem gesellschaftlichen Verkehr nicht die mindeste Stockung gewesen. Freilich, hin und wieder stahl sich, ohne daß sie sich dessen so recht bewußt gewesen wäre, ein warmer Blick zu ihm hinüber, der ihrer Genugthuung, ihn wieder zu haben, und ihrer Sympathie für ihn deutlich Ausdruck gab. Ihrem tactvollen und zugleich warmblütigen Wesen war es zu danken, daß Otto die peinliche Befangenheit, die ihn Anfangs in ihren Banden gehalten, endlich überwand und ein paar schöne, reine Stunden verlebte, wie seit langer Zeit nicht. Von da ab wurde Otto Köster wieder ein regelmäßiger Gast im Hause des Kammergerichtsraths. In der Nähe Constanzens wich Alles von ihm, wrs seine Seele bisher gequält und bedrückt hatte. Ihm war zu Muthe wie dem Wüstenwanderer, der nach unsäglichen Mühsalen und Entbehrungen, die grünende, labende Oase erreicht hat. Vergessen waren alle überstandenen Leiden und die Lust und Freude am Leben regte sich wieder in ihm. Ihm war, als sei er durch eine gute Fee von einer bösen Verzauberung befreit worden. Die bösen Geister hatten in ihrer Nähe keine Macht über ihn. Sobald ihre Worte an sein Ohr tömen, ihre Hand die seine berührte, verflog Alles, was ihm das Leben zur Marter gemacht hatte, wie ein böser Spuk vor dem anbrcchenden Tageslicht. Seine Seele spann sich in einen süßen, berückenden Traum ein, in seinem Herzen sproßte und blühte es, die Ahnung einer köstlichen, an der Seite einer geliebten Frau in Harmonie und Reinheit dahinfließenden Zukunft zog beseligend durch seine Brust. Auch außerhalb des Hauses traf Otto häufig mit Constanze Göring zusammen, so auf den großstädtischen Bällen, auf dem Juristenball und auf dem Presseball. Viel ungezwungener und herzlicher aber als hier im hellen Saale, im Gewühl einer lebhaft durcheinander schwatzenden und lachenden, sich drängenden Menge konnte man auf der Eisbahn plaudern. Da konnte man sich unbeobachtet in die Augen schauen, die Hände drücken und den Empfindungen Äaum geben, die Herz zu Herzen zog. Und hier war es auch, wo eines Tages das Gefühl in dem jungen Manne überfloß und wo er von Constanze Göring das Geständniß der Liebe erhielt. Dem jungen Brautpaar verflossen die Tage in ungetrübtem Glück. Wohl regte sich in Otto, wenn er allein war, zuweilen ein leises Gefühl von Bangigkeit und eine warnende Stimme rief ihm zu: „Darfst Du das Schicksal dieses schuldlosen, reinen Geschöpfes an dein schuldbeladenes Leben ketten?" Aber die Selbstliebe und das Sehnen seines Herzens nach Glück und Freude gab ihm eine ganze Anzahl von Gründen ein, mit denen er sich selbst zu entschuldigen wußte. War nicht jede Schuld auf Erden sühnbar? Hatte er nicht zum Theil schon gesühnt durch die Beschränkung, die er sich in der Wahl seines Berufes auferlegt, durch ein exemplarisch sittenstrenges Leben? Hatten ihn nicht gerade die furchtbaren Seelenkämpfe, die er durch- rungen, sittlich geläutert? Hatte sich nicht erst in der letzten Zeit sein ursprünglich auf rein äußerlichen Motiven beruhendes Interesse für Constanze Göring zu einer tiefen, wahren Herzensneigung entwickelt? Ja, er fühlte die Fähigkeit und Kraft in sich, Constanze glücklich zu machen, jetzt, da er innerlich ein Anderer geworden, jetzt, da die Irrungen und Verschuldungen seiner Jugend hinter ihm lagen wie Krankheiten, gegen die man, wenn man sie einmal überstanden, für immer gefeit ist. Hatte ihm Constanze nicht gestanden, daß sie sich schon längst im Stillen zu ihm hingezogen gefühlt hatte und daß sie sich ihm eine Zukunft ohne seine Liebe nicht denken könne? Wenn er sich von ihr zurückgezogen hätte, würde er sie dann nicht ebenso sehr beraubt haben wie sich selbst? Mit diesen und ähnlichen Reflexionen lullte er die Gewissensregungen ein, die hie und da seinen Glücksrausch störend unterbrachen. Eines Sonntags Vormittags fuhr Otto mit seiner Braut nach der Rügenerstraße hinaus, um sie mit seinen Eltern bekannt zu machen. Der alte Köster empfing seine Schwiegertochter mit einer aus respectvoller Bewunderung und väterlichem Wohlwollen gemischten Empfindung und er konnte auch während der ganzen Dauer des Besuchs eine gewisse Zurückhaltung nicht überwinden. Frau Köster aber kam sehr rasch mit ihrer Schwiegertochter in ein herzliches, zwangloses Plaudern. Sie hatten ja einen Berührungspunkt, in dem sich ihre Herzen fanden und eins wußten: in der zärtlichen Liebe zu Otto. Seine Jugend war ein Thema, das Beide gleich interessirte und das die Eine zu unerschöpflichen Mittheilungen, die Andere zu angespanntester Aufmerksamkeit anregte. Eine Stunde verschwand im Fluge, und als sie sich trennten, war Frau Köster überzeugt, daß Otto die rechte Wahl getroffen und daß Constanze Göring des Geschenkes seiner Liebe nicht unwerth war. Die Empfindungen, die in der jungen Braut der Besuch bei den Ettern ihres Bräutigams zurückgelassen, drückten sich, während sie neben Otto die Treppe hinabschritt, in dem Ausruf aus: „Du mußt ja ein wahrer Mustersohn gewesen sein, Otto!" „Sage lieber," wehrte er ab, ,;daß sie, die so liebevoll beredt mein Lob singt, ein Juwel von einer Mutter ist." „Ja, das ist sie," sümmte Constanze mit wahrem Gefühl bei, „das ist sie und deshalb habe ich sie auch schon jetzt von Herzen lieb." Vom Gesundbrunnen aus begab sich das Brautpaar nach der Bergmannstraße. Hier gestaltete sich der Verlauf des Besuches wesentlich anders. Das Gespräch schleppte sich mühsam hin. Worte und Mienen der um den Sopha- tisch Herumsttzenden athmeten eine gezwungene Freundlichkeit. Frau Helene war wortkarg und befangen. Carl hatte sich zu einem Stuhl am Fenster zurückgezogen und brütete stumm vor sich hin, als gehörte er nicht zur Gesellschaft. Sein Herz war mit Bitterkeit gefüllt. Er hatte es wohl bemerkt, mit einem wie scheuen Ausdruck Ottos Braut ihre Blicke auf ihn gerichtet und wie ihre Hand unwillkürlich einen Moment gezögert hatte, bevor sie sich ihm entgenstreckte ... Drei Monate später wurde ihm Hause des Kammergerichtsraths die Hochzeit bereitet. An die ganze beiderseitige Verwandtschaft und an eine größere Anzahl von Freunden und Bekannten der Familie der Braut wurden Einladungen verschickt. Carl Köster konnte sich eines Gefühls freudiger Genugthuung nicht wehren, als er die elegant ausgestattete, goldberänderte Karte empfing, die die formelle Einladung des Kammergerichtsraths Göring zur Theilnahme an der Hochzeit seiner Tochter enthielt. In seiner grämlichen Verbitterung hatte er es nicht für unmöglich gehalten, daß man ihn einfach überging. Nun freute und rührte ihn dieser Beweis der Achtung um so mehr. Dennoch war sein erster Entschluß, unter irgend einem Vorwand abzuschreiben. Er war in seinen Unglückstagen so menschenscheu und unsicher geworden, daß ihm der bloße Gedanke, sich inmitten einer großen und noch dazu vornehmen Gesellschaft bewegen zu sollen, den Angstschweiß auf die Stirn trieb. In den folgenden Tagen aber fing er an, die Sache von einer anderen Seite zu betrachten. Wenn er bei der Hochzeit seines einzigen Bruders fehlte, würde das nicht unter seinen Bekannten und Verwandten auffallen? Würde man das nicht in einer für ihn kränkenden Weise auslegen? Er sah schon die höhnischen, schadenfrohen Gesichter, hörte die hämischen Anspielungen und Stichelreden. Er konnte — SL — doch nicht zu Allen herumgehen und ihnen die empfangene Einladung zeigen. Hatte sein Vater nicht recht? Gab er der bösen Nachrede nicht immer neue Nahrung, wenn er sich so ängstlich vor jeder Berührung mit seinen nächsten Verwandten zurückzog? War es nicht seine Pflicht gegen sich selbst, gegen seine Frau und sein Kind, daß er seine natürliche Scheu und Zaghaftigkeit überwand und wenigstens an den Ehrentagen der Familie theilnahm? Das Ende dieses stillen Kampfes war, daß er beschloß, die Einladung für sich und Helene anzunehmen. Er wollte einmal seinen Verwandten und Bekannten beweisen, daß er keinen Grund habe, sich ängstlich vor ihnen zu verbergen. Es war an demselben Tage in der Mittagstunde, als ganz unvermuthet Otto in der Werkstatt erschien. Carl befand sich allein, seine Gehilfen waren zum Essen gegangen. Es war eine eigenthümlich zaghafte Weise, in der sich sein Bruder ihm näherte. In Geberden und Mienen legte er ganz das Wesen eines Menschen an den Tag, der sich einer unangenehmen, peinlichen Mission zu entledigen hat. Ueber Carl kam bei dem unerwarteten Anblick des Bruders eine so freudige Erregung, daß er nichts davon merkte. „Ich danke Dir," sagte er, dem Bruder entgegeneilend und ihm die Hand bietend — „ich danke Dir und Deinem Schwiegervater für die freundliche Einladung." „Du ... Du kommst?" fuhr es dem Anderen hastig heraus, während er den Blick scheu, in sichtlicher Spannung zu dem ihm Gegenüberstehendeu erhob. „Ja . . jawohl, ich nehme die Einladung mit Dank an für Helene sowohl wie für mich." Was Otto für ein Gesicht zu dieser Erklärung machte, konnte Carl nicht sehen, denn der Bruder beugte sich eben zu einer Kneifzange herab, die vor ihm auf dem Werktisch lag. So verstrichen zwei oder drei Minuten in beiderseitigem Schweigen. Endlich nahm Otto zuerst wieder das Wort und seine Blicke prüfend in dem ganzen Raum umherschweifen lassend, sagte er: „Wie geht's Geschäft, Carl?" „Ich kann nicht klagen," entgegnete dieser. Es könnte schlechter stehen. Man muß zufrieden sein. Den Com- merzienrathstraum hate ich freilich aufgegeben. Ich arbeite in einem bescheidenem Maßstabe, man bringt eben seine Familie anständig durch. Das ist vorläufig Alles." Otto legte dem Bruder seine Rechte auf die Schulter. „Wenn Du nur nicht ein so närrischer Kauz wärest," redete er ihn in einem erzwungenen, munteren Ton an, „ich habe Dir's schon einmal angeboten. Wenn Du Deinen Betrieb vergrößern willst, das Geld steht Dir gern zur Verfügung." Carl machte eine abwehrende Geste mit der Hand, und schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. „Laß doch das!" sagte er ablehnend, „Du weißt, ich will nichts davon wissen." Und um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fügte er hinzu: „Es wird wohl eine glänzende Hochzeit werden?" Merkwürdiger Weise veranlaßte diese Frage den Anderen, einen leisen Seufzer hören zu lassen. „Jawohl," sagte er mit einer Miene, als wenn er eine Trauerbotschaft mittheilte, „es wird eine ganz große Sache werden. Die ganze Verwandtschaft meines Schwiegervaters wird vertreten sein, zum großen Theil von außerhalb. Ein Oberst, ein Staatsanwalt, ein Regierungsrath und so weiter. Dazu eine ganze Anzahl von hiesigen Collegen. So gemüthlich, wie's bei Deiner Hochzeit war, wird's nicht werden. Ein bischen förmlich und steif wird's wohl zugehen. Ich weiß, daß Dir dergleichen ein Gräuel ist und deshalb will ich keinen . . . Zwang auf Dich auLüben, Carl, und wenn es Dir kein Vergnügen macht und Du nur . . . nur kommst aus Rücksicht auf mich, so . . . so . . ." „So?" wiederholte Carl fragend und sah seinen Bruder, der in's Stammeln gerathen war, aus weit geöffneten Augen an. „So, na so will ich," fuhr Otto fort, während seine Blicke scheu in der Werkstatt hin- und herhuschten, „so will ich eben nicht, daß Dir meinetwegen eine Unbequemlichkeit auferlegst." (Fortsetzung folgt.) Ein neuer See in Central-Afrika. Von Dr. M. Schmidt. ------- sNachdruck verboten.) KO. Aus Central - Afrika sind wieder einmal Neuigkeiten von großen Entdeckungen herüber gedrungen in das alte Europa. Man hat im Stromgebiet des Kongo einen ziemlich großen See aufgefunden, von dem bereits Stanley in seinen Retseschilderungen berichtete. Durch Vernachlässigungen mancherlei Art und durch geographische Un- kenntniß gerieth dieses Gewässer völlig in Vergessenheit und nur einem Zufall ist es zu verdanken, daß ein Agent des Congostaates, ein Herr Rossignon, auf einer Geschäftsreise in Central-Afrika den Leopoldsee Nr. 2 wieder auffand, und daß wir dadurch nun in der glücklichen Lage sind, Näheres über dieses Gewässer und über Land und Leute seiner Umgebung anführen zu können. Die Länge des Sees beträgt ungefähr 12 Kilometer, seine landschaftliche Umgebung ist Flachland, seine User sind bewaldet. Zur Regenzeit treten die zahlreichen Zuflüsse dieses jSees, unter denen besonders der Msini und der Lukanga zu nennen sind, aus und überschwemmen weite Strecken das Land, so daß jede Annäherung auf dem Wege einer Karawane oder Expedition gänzlich unmöglich wird. Trotz dieser colossalen Ueberschwemmungen soll das Land dennoch eines der gesündesten im ganzen Congo gebiet sein. Die Wasserfarbe des Leopoldsees und seiner Zuflüsse ist stark salzhaltig. Die Tiefe des Sees ist eine sehr geringe. An einigen Stellen nehmen die Ufer einen felsartigen Character an. Die Schiffahrt ist zu jeder Jahreszeit sehr gefahrvoll. Das ganze umgebende Gebiet des Leopoldsees ist sehr reich an Naturalproducten. Kautschuk ist im Ueberfluß vorhanden. Der Salzexport dürfte aus dem alkalischen Boden der Uferwälder ein sehr beträchtlicher werden- auch bilden sich eigenartige Salzcrhstallisationen an den abgestorbenen Zweigen der Bäume. Die Einwohner dieses Landstriches sind durchweg Waldbewohner - ihre Sitten sind roh, ihre Gewohnheiten zum größten Theil noch ganz barbarisch. Nur eine geringe Anzahl von Dörfchen begrenzen die Ufer des Sees. Diese Leute nennen sich selbst Tomba- ihre Nachbarn im Norden sind die Tollos, im Süden die Babuma und Matumba, im Osten die Gundo und im Westen die Buzanko. Die Tomba sind schlank gewachsen, ihre Gliedmaßen haben einen schlottrigen und übermäßig langen Character. Ihre Hautfarbe ist chocoladenbraun, sie tätowiren sich gern und beschmieren sich den Körper mit einem Gemengsel von Palmöl und rother Thonerde. Ihre Kopfform ist rund, ihre Stirn hoch, die Augen ein wenig hervortretend, die Nase klein. Sie lieben es, die Augenbrauen und den vorderen Theil der Kopfhaare zu rasiren. Ihre Lippen sind nach Art der Neger stark hervortretend, jedoch ihr Kinn klein und wenig nach vorn geschoben. An den Schläfen und auf der Slirn lieben sie es, kreisförmige Ringe aus Horn und Elfenbein als Zierrath zu tragen. In ihrem Auftreten sind sie sehr furchtsam. Ueberrascht sie ein Fremder, so geben sie sich gern einen kriegerischen Anstrich, obwohl sie niemals zuerst zum Angriff schreiten. Hat man sie jedoch von friedlichen Absichten überzeugt, so werden sie leicht zutraulich, kommen näher und lassen sich gern in einen Tauschhandel ein. Sie sind Menschenfresser, verzehren jedoch nur ihre Kriegsgefangenen. Ihre Religion ist der Fetischismus- sie - st - glaxben an ein Weiterleben nach dem Lode; bei den Leichen- bestattungen ihrer Häuptlinge werden Sklaven geopfert und zwar derart, daß die Menge der Opfer der Macht und dem Ansehen des Gestorbenen entspricht. Nur der Muthige und Tapfere lebt nach dem Tode fort, während der Feigling und Schwache in der Wildniß und in den Urwäldern umherirren muß auf der ewigen Suche nach seinem Heimaths- dorf, das er zur Strafe niemals wieder finden kann. Sie behängen sich gern mit Amuletten und Talismanen, welche plötzlichen Tod und das Begegnen umherirrender Geister fern halten sollen. Erst mit dem dritten Lebensjahre werden die Kinder officiell in die Dorfgemeinschaft ausgenommen. Ihre politische Organisation ist eine Art Monarchie, jedoch darf der Häuptling niemals etwas ohne den Rath und die Zustimmung der anderen waffenfähigen Männer thun. Im Großen und Ganzen sind die Tomba Jäger und Fischer, den Frauen fallen die Feldarbeiten und die Geschäfte des Haushaltes zu. Ihre Häuser sind fast durchweg auf den breiten Aesten ihrer heimathlichen Waldbäume aus Binsen und Schilf errichtet. Ihre Waffen sind Pfeil und Lanze, die sie mit dem schnell und sicher tödtenden Gift einer Euphorbie oder Amaryllis versehen, welches nur eine eng begrenzte, locale Wirkung ausübt, und nach Ausschneiden der Wunde erlaubt, das erjagte Fletsch ohne jede Gefahr zu verzehren. Bei der Elephantenjagd bedienen sie sich einer 10—12 Meter langen, sehr kräftigen Lanze und schleuderartigen Schlingen, die sie geschickt um die plumpen Füße des Ungethüms werfen. Das Eisen zu den Pfeilen und Lanzen beziehen sie aus dem Lande der Gundo. Ihre Hauptindustriezweige sind die Zubereitung der bereits erwähnten rothen Schminke und die Fabrikation von Kochtöpfen aus Thonerde- beide Arbeiten fallen den Frauen zu. Die Kleidung der Frauen besteht aus einem Lendenschurz, der aus einem weichen Holzfaserstoff hergestellt ist, und etwa vier Finger breit ist- je nach den Vermögensverhältnissen ist derselbe noch mit Kaurimuschcln verziert. Die Kleidung der Männer sind lange Thierfelle, welche von den Schultern bis auf die Knie herabfallen. Das Haar wird bei den Frauen in eine Anzahl kleiner Zöpfchen geflochten, welche fransenartig um Stirn und Kopf herum- hängen. Zu Kriegszeiten nehmen die Männer auch noch große Schilde aus Thierhäuten in Gebrauch und zieren das Haar am Scheitel mit rothgefärbten oder weißen Federn. Als Tauschmittel gelten hauptsächlich Perlen von blauer, rother oder weißer Farbe, die blauen, amerikanischen Glasperlen sind die am meisten begehrten. Sonstige Bedarfsartikel sind: Spiegel, Scheeren, Kupferdraht, Pfeifen, Stoffe, Tabak und Spielsachen. Jedenfalls ist dem europäischen Colonialteufel wieder einmal ein neues Gebiet eröffnet worden und der Alkohol und ähnliche Culturvermittler haben neue Gebiete zur fröhlichen Verbreitung in Aussicht bekommen. Gein-innÄtziges. Gegelt Häsensratz. Wo Drahtgewebe sich nicht anbringen ließen, hat man stinkendes Thieröl mit großem Erfolge angewandt. Mit diesem Oel wurden Sägespäne gründlich durchtränkt und dann in Streichholzschachteln gefüllt. Letztere ließ man hierauf mittelst Packnadeln mit Hanfzwirn durchziehen und zwischen die unteren Aeste der Obstbäume binden. Dies hat noch den Vortheil, daß die Schachteln durch fortwährendes Hin- und Herdrehen abschreckend wirken. Man kann auch Pfropfen nehmen, ste in Thiertl tränk« oder damit beschmieren und dann aufhängen. * * * Wie schmiert man die Schuhe f Das am meisten angewandte Mittel zum Schmieren der Schuhe ist der Thran, obgleich er das schlechteste ist- denn er ist gleich dem Leinöl ein trocknendes Oel, und das Leder bleibt nur etwa einen Tag davon durchtränkt, wird dann wieder hart und brüchig. Die besten Mittel sind das aus Thierwolle gewonnene gereinigte Lanolin und gelbes Vaselin. Beide Mittel brauchen nur mit einem Läppchen aufgetragen zu werden- ste ziehen nach einigen Minuten vollständig ein, und das Leder bleibt viele Tage von ihnen durchtränkt und geschmeidig. Diese Mittel sind etwas theuerer als der Thran, man braucht aber weniger davon- auch sind sie geruchlos und für das zarteste Leder nicht von Nachtheil. * * • Uttt blanke Stahlflächen an Sägen, Meißeln, Stechbeuteln und dergleichen rostfrei zu erhalten, bediene man sich folgenden Mittels. Man löse V2 Pfund Kamphor in 1 Pfund ausgelassenen Speck auf, schöpfe den Schaum ab und setze soviel Graphit hinzu, daß die Masse eine Eisenfarbe erhält. Darauf reinige man die Werkzeuge und schmiere sie mit der Mischung ein, lasse dieselben 24 Stunden liegen und wische sie dann mit einem Leinwandlappen ab. * « * Sappen von Fasten- ober Langenbretzel«. Sechs Bretzeln übergießt man mit kaltem Wasser und läßt sie, wenn sie weich sind, mit 60 Gramm Butter langsam verkochen, dann treibt man sie durch und läßt sie auf schwachem Feuer noch etwas kochen. Nachher rührt man einige Eigelb mit zwei Eßlöffel süßem Rahm und thut dies nebst etwas Muskatnuß an die Suppe. Humoristisches» Ein Rad-Philosoph. Radfahrer Schulz: „Wie, Sie nehmen sich Ihren Werkzeugkasten nichr mit?" — Radfahrer Schmidt: „Nie! Das Ding ist mir viel zu schwer." — Schulz: „Ja was thun Sie denn, wenn Ihrem Rade unterwegs was zustößt?" — Schmidt: „Ach, man trifft ja jetzt alle Nasenlang einen Esel, der dumm genug ist, sich mit so einem Ding abzuschleppen." * « Stimmt! „Nennen Sie mir verschiedene Schädelknochen, Herr Candidat!" — „Die Schädelknochen sind — sind — Ach, Herr Professor, ich bin momentan so aufgeregt — ich, ich weiß sie augenblicklich nicht, aber ich — ich hab' sie alle — im Kopfe, Herr Professor." * * * Verkeh rte Welt. 1. Kinderfrau: „Nein, es thut mir recht leid, aber ausgehen kann ich am nächsten Sonntag nicht mit Ihnen." — 2. Kinderfrau: „Warum nicht?" — 1. Kinderfrau: „Na, Sie werden doch nicht glauben, daß ich das Kind mit seiner Mutter allein lasse." Humor des Auslandes. „Himmel Donnerwetter, Frau! Das halte ich nicht länger aus mit Deiner Tochter da und ihrer modernen Musik im Nebenzimmer!" — „Aber, lieber Freund, Du irrst, das ist ja Pauline, die die Tasten reinigt." Bei den echten . „Olaf Nilson: Gehst Du mit?" — Nils Oll 'n denn noch so spät?" — Olaf Nilson: „Ein h trinken." — Nils Olafson: „Wie dumm Du gst!" RrtatHeat