Sonntag den 10. April. Sum Osterfeste! Von Curt Rohden. —--- (Nachdruck verboten.) Nun künden die Glockentöne Das Auferstehungsfest! — Das Fest, das wieder das Schöne Und Heit're erwachen läßt! — Schon läuten die weißen Narzissen Den ersten Frühling ein, — Der Rasen, ein seidenes Kissen, Glänzt goldgrün im Sonnenschein! — Nun schwellen die Ströme und Seeen. — Geküßt von der Sonne Strahl Schmilzt rings auf den Bergen und Höhen Der Schnee hinunter in's Thal. — Nun liegt der Winter erschlagen Todtzuckend auf grünendem Feld! — Und lachend auf goldenem Wagen Fährt Hoffnung und Lenz durch die Welt! — Nun keimt in tausend Herzen Ein.goldener Frühlingstraum! — Nun schimmern, wie leuchtende Kerzen Die Knospen an Strauch und an Baum! Es brausen, wie Orgelklängez Der Frühlingsstürme Wehn! Laut jubeln der Lerchen Gesänge Das Lied vom Aufcrstehn! — Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arneseld. (Fortsetzung.) Sie wollten ihnen die Versicherung als Hochzeitsgeschenk geben, schade nur, daß es nicht dahin gekommen ist" sagte mit eisigem Ton der Amtsrichter, den das Verhalten des Amtmannes im hohen Grade aufbrachte. Er richtete öannt so wenig aus wie mit Vorstellungen, mit Strenge und mit freundlichen Zureden. Göbener war zu keiner Antwort zu bringen, durch welche die Untersuchung nur um emen Schritt gefördert worden wäre, auf Fragen, die ihm besonders verfänglich erscheinen mochten, antwortete er gar nicht, und wo er es that, da bewies er eine Schlagfertigkeit geeignet, den Untersuchenden selbst in die Enge zu treibend „Das wird eine verzweifelte Geschichte," sagte der Amtsrichter, als das zweite Verhör ebenso ergebnißlos ver- laufen war wie das erste, zu seinem Protocollführer. ausdehnen^" ° kann die Untersuchung sich endlos „Der alte Fuchs ist mit allen Hunden gehetzt, wer den fangen will, muß früh aufstehen," erwiderte dieser, ein nicht mehr iirnger Mann, der vermöge seiner Erfahrungen sich erlauben durfte, ein Wort mitzusprechen, „und dabei hat man die volle Ueberzeugung von seiner Schuld." 9 I rief ! x . irf), unt“ bert Geschworenen säße, spräche ich das Schuldig über ihn aus, wenn selbst nicht die Beweist die gegen ihn vorliegen, vorhanden wären!" rief der ?pa°t0fCORä?rer “r"? fdn Vorgesetzter mußte über den Zorn tad)eJ°nt ° mtIben unb gelassenen Mannes unwillkürlich „Hätten wir ihn erst vor dem Schwurgericht!" stustte er dann. „Ich habe es seinem Schwiegersohn, der Heute Morgen bei nur war, auch angemerkt, daß er dem Alten die That zutraut, so sehr er sich auch zusammcnnahm." „Was hilft das?" brummte Ehrenberg. „Wenn ich mir em scheit erlauben darf, so wird nicht viel zu machen sein, wenn der Alte nicht eingesteht." 6 „Aber, wie ihn dahin bringen? Die Frau soll im Sterben liegen Glauben Sie, daß ihr Tod einen großen Eindruck auf ihn machen wird?" 8 B Ehrenberg zog die Achseln so hoch, daß sein Kopf beinahe darunter verschwand. p „Verspreche mir keine große Wirkung davon," sagte er trocken. ' 1 ö „Aber was fangen wir an?" Der Protocollführer zog seine Tabaksdose hervor, nahm eine Prise und antwortete, nachdem er sie langsam und bedächtig eingeschnupft: 8 hnvf.//8affen b'n Paar Tage gar nicht zum Verhör vorfuhren, vielleicht machen Einsamkeit und Langeweile ihn doch etwas mürbe. Daß das Mittel helfen wird, kann ich fretlrch nicht versichern." ' ia) „Da wir vorläufig kein besseres kennen, mag es in Anwendung gebracht werden, die Folter ist doch nun einmal 218 abgeschafft!" bemerkte der Amtsrichter mit einem gewissen Galgenhumor. t „Ach, ich fürchte, der hielt etliche Grade aus/ entgegnete Ehrenberg, während er sein Pult schloß und sich zum Fortgehen rüstete, wie dies auch seitens des Amtsrichters geschah. — . Die in Rapshagen so schnell auf einander folgenden traurigen Ereigniffe bestimmten Amtsrichter Kroh indeß, von dem gefaßten Vorsatz abzugehen und Göbener schon am anderen Tage wieder vorführen zu taffen. „Haben Sie mir noch keine anderen Mittheilungen zu machen als in den vorhergehenden Verhören?" fragte er den Angeschuldigten, der womöglich noch trotziger als die früheren Male vor ihm stand. „Wie sollte ich denn dazu kommen?" entgegnete Göbener gleichmüthig, ja, beinahe mit einem Anfluge von guter Laune. „Geben Sie sich keine Mühe, Herr Amtsrichter, ich kann Ihnen nichts weiter sagen und will es auch nicht," er sprach die letzten Worte mit verbissener Miene und in einem sehr bestimmten Ton. „Nun, so ist es an mir, Ihnen die Mittheilungen zu machen, um derentwillen ich Sie herrufen ließ. Sie mögen sich setzen," nahm der Amtsrichter das Wort und deutete aus einen in der Nähe stehenden Stuhl. Göbener lachte kurz aus. „Oho, Herr Amtsrichter, fürchten Sie, mir könne schwach werden? Ich dächte, Sie hätten schon gemerkt, daß das Holz, aus dem ich geschnitzr bin, nicht allzu weich ist." Er machte von der ihm ertheilten Erlaubniß keinen Gebrauch, sondern blieb stehen und richtete sich geflissentlich recht straff auf. „In Folge des Schrecks über Ihre Verhaftung und des Kummers über das Ihnen zur Last gelegte Verbrechen ist Ihre Frau in Krämpfe verfallen und gestern Vormittag gestorben," sagte der Amtsrichter langsam und jedes Wort betonend, ohne das Auge von Göbeners Gesicht zu wenden. Es ging darauf auch eine Veränderung vor, zuerst malte sich Schreck, dann Betrübniß darauf. „Meine arme Frau! Kein Wunder, daß ihr das den Rest gegeben hat!" murmelte er und wischte sich mit dem Rücken der Hand Thränen aus den Augen, deren Vorhandensein der Amtsrichter bezweifelte. „Die Stärkste war sie ja schon lange nicht mehr. Das ist auch die Schuld Derer, die mich so niederträchtig verleumdet haben." „Sagen Sie lieber, es ist die Schulo dessen, welcher die grausige That begangen hat," entgegnete der Amtsrichter sehr ernst. „Amtmann Göbener, gehen Sie noch nicht in sich? Ihre Frau ist gestorben, weil sie der Anklage Glauben schenkte. Auch Ihre Kinder halten Sie für schuldig." „Schlimm genug, wenn sie so entartet sind," entgegnete Göbener,- „ich glaube es aber nicht, bis sie es mir ins Gesicht sagen." „Leider liegen die Beweise schriftlich vor. Ihr Sohn Adolf hat einen Brief hinterlassen." (Fortsetzung folgt.) Getrennt und vereint. Novellette von Louis Callas. (Schluß.) Allmählich hatten sie sich wieder dem Hause genähert, als Frau von Bange plötzlich fragte: „Sie erkundigen sich ja gar nicht nach meiner Schwester Clementine?" Sie schien die Bewegung, welche er bei Nennung dieses Namens machte, nicht zu bemerken. Nur mit Mühe gelang es ihm, seine Kaltblütigkeit zu bewahren, und er versetzte mit vibrirender Stimme: „Ihre Schwester hat sich jedenfalls verheirathet." „Nein." 4 „Was ist denn aus ihr geworden?" „Sie ist Erzieherin!" „Erzieherin ist sie geworden?" wiederholte er, „wie ist sie denn dazu gekommen?" „O, sie ist es ganz freiwillig geworden. Sie erinnern sich wohl, daß wir bei einem Onkel lebten, der nach dem Tode der Eltern unsere Vormundschaft übernommen hatte? Mehrfach hatte er versucht, sie zu verheirathen, doch sie hatte alle Parthien ausgeschlagen- schließlich hat sie sich der Erziehung von Kindern gewidmet." „Sie hatte Vermögen?" „Sie hat darüber verfügt und nichts für sich behalten." „Daran erkenne ich die Großmuth ihres Herzens. Sie, die durch ihre Schönheit, und Vornehmheit dem ersten Salon zur Zierde gereichen würde, ist zur Armuth herabgedrückt! Sagen Sie mir, bitte, wo sie sich aufhält!" „Das kann ich nicht, denn sie hat es mir nicht gestattet." Herr von Broladre schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: „Hören Sie mich an, Madame. Als ich meine Reisen antrat, verfügte ich bereits über ein ziemlich großes Vermögen, das sich im Laufe der Jahre infolge Betheiligung an mehreren lucrativen Unternehmungen verzehnfacht hat,- ich bin heute reich- ein an Entbehrungen gewöhnter Mensch braucht jedoch wenig. Ich werde einen Th eil für mich zurückbehalten, um meine Zukunft sicher zu stellen, das Ucbrige bestimme ich für Ihre Schwester. Ich werde zufriedener abreisen, wenn ich ihr das Vermögen wiedergegeben habe, das sie nicht mehr besitzt, und rechne auf Sie, die Vermittelung bei ihr zu übernehmen." „Unmöglich, mein Freund, wie soll ich ihr die Sache erklären?" „Sie haben recht- wir müssen ordnungsgemäß zu Werke gehen, aber die Zeit drängt, da ich noch heute Abend wieder abreise." Frau von Bange überlegte einige Augenblicke und erwiderte dann: „Es giebt nur ein Mittel - mein Notar in Moret gehört zu meinen Freunden- kommen Sie mit, er wird uns aus aller Verlegenheit helfen." „Schön, Madame, ich stehe zu ihren Diensten." „Gut denn, ich werde anspannen lassen." * * * Sie bestiegen den Wagen "und hatten Moret bald erreicht. Der Notar empfing seine Gäste in der liebenswürdigsten Weise, und der Fremde setzte den Zweck seines Besuches auseinander. Nach einem kleinen Frühstück zog der Notar sich in seine Canzlei zurück, wo er ein Schriftstück aufsetzte, das er Frau von Bange überbrachte. „Werther Freund", sagte diese zu ihm, „Sie haben die Absichten des Herrn von Broladre also verstanden?" „Gewiß." „So bleibt uns nichts weiter übrig, als Ihnen zu danken und so schnell wie möglich nach Hause zurückzukehren. Beeilen wir uns, denn wir haben uns bereits verspätet . . . Uebrigens, Herr von Broladre, Sie haben vergeffen zu unterzeichnen." Ohne sich Zeit zu lassen, das Document zu lesen, setzte er seinen Namen darunter, worauf die junge Frau das Papier an sich nahm. Dann bestiegen beide wieder den Wagen. Während der ganzen Fahrt zeigte sich Frau von Bange sehr heiter. — Der Schloßherr, ein Mann von einfachem, herzlichem Wesen, war inzwischen auch zurückgekehrt- er empfing Herrn von Broladre bereits wie einen Freund. Plaudernd saßen die beiden Herren im Salon, und die Unterhaltung nahm bald eine vertrauliche Wendung. Herr von Bange fragte seinen Gast nach seinen Reisen, seinen Plänen und schien an allem, was sein Leben betraf, lebhaftes Jntereffe zu nehmen. Er bat ihn sogar, seinen 219 Aufenthalt zu verlängern, doch seine Bitten stießen auf unerschütterlichen Widerstand. Während sie im eifrigsten Gespräch waren, erklangen Plötzlich aus dem Nebenzimmer die Töne eines Claviers, und eine frische klangvolle Stimme sang ein entzückendes Lied. Eine tiefe Erregung malte sich in Herrn von Broladres Zügen- er hielt den Athem an, um auch nicht einen der Töne zu verlieren. „Was haben Sie, verehrter Freund?" fragte Herr von Bange. „Diese Melodie, diese Stimme! ich kann sie nicht hören, ohne bis ins Innerste meiner Seele bewegt zu werden. Sie -rufen eine Fülle schöner und schmerzlicher Erinnerungen in mir wach. Wer ist die Sängerin, der so herrliche Töne ru Gebote stehen?" „Es ist die Erzieherin meiner Kinder," versetzte Herr von Bange, „an der sie mit fast abgöttischer Liebe hängen. Sie sollen sie sehen." Er öffnete die Thür- Frau von Bange saß neben dem Clavier, während die Sängerin sich erhob. Es war ein junges Mädchen von fünfundzwanzig Jahren, deren schöne regelmäßige Züge den Stempel seltener Vornehmheit trugen. Herr Broladre stand unbeweglich, und auch das junge Mädchen war nicht weniger lebhaft bewegt, in ihrem Gesicht malte sich eine Mischung von Bestürzung, Entrüstung und Zorn. „Sie hier, Herr von Broladre? Sie hier? fragte sie mit einer Stimme, die ihren Seelenzustand deutlich verrieth. „Clementine, liebe Schwester, unterbrach sie Frau von Bange, sei nicht so streng gegen ihn. Er will heute Abend abreisen, doch es hängt von Dir ab, ihn zurückzuhalten, lies dieses Papier!" Sie reichte das von dem Notar aufgesetzte Document. „Herr von Broladre, sagte Clementine in hochmüthigem Tone, wollen Sie mir erklären, was dies zu bedeuten hat?" Er fühlte sich angesichts der feindlichen Haltung des jungen Mädchens schüchtern und verlegen und entgegnete: //Mein Gott, ich bin ohne Familie, will wieder fortreisen und habe gedacht, ich könnte keinen besseren Gebrauch von meinem Vermögen machen, als wenn ich es Ihnen aussetzte." Sie richtete sich empört auf und rief: „So haben Sie also geglaubt, mich durch ein Almosen demüthigen zu können? Oh, Herr von Broladre, ich dachte. Sie kennen mich besser!" Mit fiebernder Hand zerriß sie das Document und warf die einzelnen Stücke zur Erde. „Verzeihen Sie mir," erwiderte er in demüthigem, fast traurigem Tone, „gern hätte ich mein Vermögen in anderer Weise mit Ihnen getheilt, hätten Sie meine Liebe nicht mitleidlos zurückgestoßen!" /,Jch Ihre Liebe zurückgestoßen? was wollen Sie damit sagen?" „Haben Sie mir nicht verboten, Sie zu sehen, und haben -ste sich nicht geweigert, mein Lebewohl entgegenzu- nehmen,^ als ich mich .gebrochenen Herzens entschloß, abzu- Clementinens Augen drückten nicht mehr Zorn, sondern ern schmerzliches Erstaunen aus. „Nein, das ist nicht wahr, sagte sie, ich wartete auf sw und habe eine grausame Enttäuschung empfunden, als tch Sie nicht erscheinen sah- doch als man mir mittheilte, Sie wären abgereist, um sich zu verheirathen, habe ich mir Vorwürfe gemacht, Ihren Worten geglaubt zu haben." /Mich verheirathen? oh, ich sehe, man hat uns beide getauscht, Clementine- doch wer hat etwas so Abscheuliches begehen können?" Das will ich Ihnen erklären, sagte Frau von Bange, so schwer es mir auch ankommt, einen Todten anzuklagen - ich muß unserem Onkel die Schuld zuschieben. Er konnte Sie nicht leiden, Herr von Broladre, und hatte für Clementine einen anderen Gatten bestimmt. Um Sie auf immer zu trennen, hatte er diese doppelte Lüge erfunden. Als Du in der Folge alle Bewerber ausschlugst, Clementine, und Dich bei uns niederließest, um Dich der Erziehung meiner Kinder zu widmen, habe ich das Geheimniß, das Du so sorgfältig vor mir verbargst, nicht errathen, obwohl eine Fülle kleiner Einzelheiten, die mir jetzt einfallen, mich hätten aufklären müssen- aber in der Verblendung meines Egoismus nahm ich Dein Opfer an, ohne nach der Erklärung desselben zu suchen." Dann wandte sie sich an Herrn von Broladre. „Ihr Freund Delsarte ist der Verräther- er hat mir die Augen geöffnet und mich auf meine Pflicht aufmerksam gemacht, indem er mir schrieb: Ich schicke ihn Ihnen, lassen Sie ihn nicht wieder fort. Sie haben mich in Ihrem Herzen lesen lassen und ich verrathe diese Kenntniß. Liebe Clementine, er hat nie aufgehört, Dich zu lieben, deshalb bitte ich Dich, hebe die Papierstücke auf, die Du in einer Anwandlung verletzten Stolzes zerrissen hast, und lies!" Du wirst darin den Entwurf zu einem Heirathscontract finden, den ich habe aufsetzen lassen." Clementine strahlte vor Glück- der Ausdruck ihres Gesichtes sprach beredter, als es Worte hätten thun können. „Emil, sagte sie, Herrn von Broladre ihre Hand reichend, verzeihe mir!" „O, sprich nicht von Verzeihung, wenn mein Herz von Freude und Dankbarkeit überströmt." „Soll ich jetzt vielleicht Ihr Gepäck nach dem Bahnhof bringen lassen?" fragte Frau von Bange lächelnd. „Nein, nun ist's aus mit dem Reisen, es sei denn, daß Clementine mich begleitet." Osterblumen. Erzählung von S. Halm. ------- ^Nachdruck verboten.) KO. Ein dürftiges Gemach, noch unbearbeiteter Kleiderstoff, Nähutensilien, Zeugabfälle bedecken Tisch und Nähmaschine- auf der wurmstichigen Commode steht im Wasserglas ein Strauß halberschlossener Anemonen — Hell fluthet das Licht der Ostersonne über das Alles hin und läßt die rothblonden Haare des schönen Mädchens, das in sichtlich kampfbereiter Haltung einem alten, sehr vornehm aussehenden Herrn gegenübersteht, wie lauteres Gold blinken und glitzern. „Also Sie weigern sich wirklich Vernunft anzunehmen?" fragt eben der Herr in etwas hochmüthig gereiztem Tone. In des Mädchens Augen blitzt es auf. „Allerdings" sagt sie hart, „wenn Ihr Sohn es wirklich über's Herz bringt, mich in Unglück und Schande zu stoßen — gut — ich kann ihn nicht daran hindern- aber daß Sie mich mit schnödem Gelbe abzufinden gedenken, das ist--das ist . . ." und sie bricht in Thränen aus. Der alte Herr zuckt ungeduldig die Schultern. „Mein Kind, Sie können wohl nie im Ernst geglaubt haben, mein Sohn würde ein Mädchen aus dem Volk, eine kleine Schneiderin heimführen!" Noch zuckt des Mädchens Mund. „Ich war allerdings so thöricht, seinen Versicherungen zu glauben!" sagt sie bitter, und ihre Hand weist auf den Frühlingsstrauß. „Den brachte mir Ihr Sohn noch heute Morgen! Es sollte ein zarter Gruß, eine Anspielung darauf sein, daß sich unsere Herzen vor einem Jahr im Walde fanden. Können Sie cs wirklich übers Herz bringen, uns zu trennen?" Er macht abermals die Geberde der Ungeduld. „DaS Glück meines Sohnes, das Ansehen seines und meines Namens geht mir allerdings über die Rücksicht gegen Sie und Ihre Sentimentalität! Sie hätten sich über die Folgen Ihres Handelns eben von Anfang an klar sein müffen, Fräulein Meta!" Diese lacht schrill auf. „Da haben Sie allerdings 22» Recht! Nun — ich halte Felix ja nicht! Mag er gehen und eine Würdigere heirathen; mein und meines Kindes Schande aber komme über ihn!" Der alte Herr zuckt doch leicht zusammen. „Da ist cs allerdings die höchste Zeit zum endgültigen Bruch!" murmelt er in sich hinein- laut sagte er kalt: „Nach dieser Ihrer letzten Andeutung halte ich es für meine Pflicht, Ihnen nochmals eine gütliche Einigung vorzuschlagen. Wir wollen Sie und Ihr--Kind ja nicht nothleiden lassen." Meta unterbricht ihn herb: „Genug Herr Troßet! Sie hören ja, ich will nichts von Ihnen und Ihrem Sohne!" und stumm, fast gebieterisch weist ihre ausgestrcckte Hand auf die Thür. Langsam entfernt sich der Besucher. In der Thür wendet er sich nochmals zurück. „Weiß mein Sohn um--" „Um seine Vaterschaft?" vollendet das Mädchen bitter. „O nein und Sie brauchen es ihm auch nicht zu sagen! Ein Opfer will ich von ihm nicht!" Erleichtert aufathmend schließt der Alte die Thür- hinter sich. „Gottlob das wäre überstanden! Es war aber auch die höchste Zeit, daß ich den Jungen zur Raison brachte! Fast könnte sie mir leid thun! Wenn wir nicht Alle so nothwendig auf Felix Heirath mit der reichen Margot angewiesen wären--ja wer weiß, was ich dann gethan hätte!" Drinnen aber liegt Meta auf den Knieen- ihre Finger krallen sich ins lockige Haar, ihr ganzer Körper bebt unter convulsivischem Schluchzen- dann aber springt sie plötzlich auf, reißt den Anemonenstrauß aus dem Behälter, wirft ihn zu Boden, und zertritt ihn unbarmherzig. „Das sei auch Dein Loos Felix!" und düster starrt sie auf die zertretenen Frühlingskinder zu ihren Füßen. —-- Nahezu fünfzehn Jahre sind vergangen. Wieder ist es Ostern. Durch die gartenreichen Straßen des Villenviertels schleicht ein müder, vor der Zeit gealterter Mann. Von Zeit zu Zeit bleibt er stehen und drückt die Hand auf die schmerzende, von vielem Husten mitgenommene Brust. Ein Schwindsüchtiger! Matt, schmerzlich blicken die Augen auf die entstehende Pracht. Der Lenz ist mit Sang und Klang und Blüthenregen ins Land gezogen. Ist es der letzte Frühlingseinzug, den er, der Kranke, Gebrochene miterleben darf? Was hat ihm das Leben, das ihm einst so viel versprochen, gehalten? Sein Vermögen ist durch mißglückte Börsen- speculationen auf ein Minimum zusammengeschmolzen- lein schönes, zwar ungeliebtes Weib hat ihn betrogen und verlassen. Wieder erschüttert ein Hustenansall den Körper des Kranken, seine Hand krampst sich um das Brückengeländer, an dem er jetzt steht. Er starrt hinab auf d e schmutziggrauen Wellen des Flüßchens. Wenn er jetzt ein Ende machte? Dann wäre er erlöst. Doch er gönnt dem falschen, ungetreuen Weib da draußen in der Welt nicht den Triumph, den Gedanken an die Möglichkeit, er habe um ihretwillen zum Selbstmord gegriffen. Nein, er will weiter leben, mit dem Fluch des langsam schleichenden Leidens: Vergeltung! Er denkt an Meta und wie ein Schauer gehts ihm durch die Glieder. Was mag aus ihr geworden sein? daß ihn die Erinnerung an sie auch noch immer verfolgt! Und heute ist es Ostern, da steigen die Schatten der Vergangenheit doppelt lebhaft vor seinem Geiste auf. Tief sinkt dem Grübelnden das Haupt auf die Brust- da weckt ihn ein dünnes, zitterndes Stimmchen aus seinem Brüten: „Herr, kaufen Sie mir doch ein paar Osterblumen ab!" und eine durchsichtige Mädchenhand hält ihm einen kunstlos geordneten Strauß halberschlossener Waldanemonen vor's Gesicht. Der Herr stutzt, blickt auf und gerade in ein blasses, verhungertes Kindergesicht. Zwei blaue, flehende Augen blickten ihm entgegen und um den jungen, och frhcn so vergrämten Mund zuckt es wie verhaltenes Weinen. Rothe, bis zur Schulter reichende Locken umgeben das blasse Gesicht- dürftige Kleiderumhüllen eine schmächtige Gestalt und pressen die doch schon knospenden Formen beängstigend ein. Der Wanderer starrt wie entgeistert in des Mädchens- Gesicht. Dieses scheint eine Abfertigung zu fürchten. „Sitte,, bitte, lieber Herr, kaufen Sie doch ein!" fleht es angstvoll. Da geht ein Zucken über des Mannes Gesicht. „Wie — wie heißt Du?" bringt er mühsam heraus. Die Kleine scheint erstaunt. „Meta" antwortet sie schüchtern. Doch die Wirknng ist eine noch befremdlichere als der Torr der vorhergehenden Frage. Der Mann wankt und seine Hand sucht nach einer Stütze, er findet sie in des Mädches Arm. „Willst Du mich nach Hause bringen?" fragt er leise. „Es soll Dein Schaden nicht sein!" Stumm nickt das Mädchen, und auf den Arm des Bettelkindes gestützt schwankt Felix Troßet seiner Wohnung zu. Keines von beiden spricht ein Wort- nur Troßets Augen weichen kaum von den Zügen seiner jugendlichen Führerin und seine Lippen bewegen sich unhörbar. Als Meta aber vor des Patienten Wohnung stehen bleibt und zur Umkehr entschlossen scheint, nimmt der Mann sie bei der Hand und bittet mit schier brechender Stimme: „Komme mit hinauf, mein Kind!" und als sie etwas ängstlich zu ihm aufschaut, meint er mit einem sonderbaren Lächeln: „Du brauchst Dich vor mir nicht zu fürchten! Ich thue Dir nichts!" Droben läßt sich Troßet schwer athmend in einen Sessel fallen- er hat erst soeben wieder einen heftigen Hustenanfall überstanden. Dann winkt er das Bettelkind an seine Seite. „Wie heißt Du?" fragt er nochmals, „den vollen Namen bitte-" „Meta Friedmann!" gießt die Befragte etwas befremdet Auskunft. Da schüttelt Troßet leise den Kopf und sieht dem Mädchen wieder scharf ins Gesicht. Es ist unmöglich! diese Aehnlichkeit! das kann nur ihr Kind sein! „Leben Deine Eltern?" fragte er. Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich habe nur Pflegeeltern," berichtet sie, „die sagen, einen Vater hätte ich nicht und die Mutter sei längst tobt, gleich bei meiner Geburt sei sie gestorben \" „Und Deine Mutter hieß?" examirt er unerbittlich weiter- aber die Stimme klingt ihm rauh. Ein Stöhnen kommt von des Mannes Lippen- dann fährt er auf und reißt das erschreckte Mädchen in seine Arme. „Meta Du ihr — mein Kind!" stammelt er unter Thränen und küßt das blasse Gesichtchen in Jeinen Händen wieder und wieder. Wie betäubt liegt Meta an des fremden Mannes Brust. Sie begreift nicht- aber Entsetzen weicht langsam einem nie gekannten Gefühl des Glücks- die Thränen, die ihr so brennend heiß auf die Stirn fallen, „das sind Thränen der Liebe," das fühlt sie instinctiv — und fester schmiegt sie sich in die sie umschlingenden Arme. Und endlich, endlich versteht auch sie. Sie hat den Vater gesunden. — Jetzt hat das Bettelleben eine Ende- sie wird nicht mehr geschlagen werden^ sie wird sich satt essen und sich erwärmen können. Und unter bin Thränen ber Rührung und Dankbarkeit erzählt sie dem - neugefundenen Barer von ihrem bisherigen Leben und er, ber gebrochene Mann, beichtet dem Kinde die Sünde seiner Jugend. Um ben Vater unb sich vor bem Ruin zu retten, har er ein reiches, ungeliebtes, böses Weib gefreit unb bte Geliebte, sein Glück, von sich gestoßen. Daß er mit ihm auch sein eigenes Kind in Elend unb Schande gejagt, das hat er erst nach Jahren durch böse Nachrede erfahren. Doch alle Nachforschungen nach der Verstoßenen und seinem Kinde sind fruchtlos geblieben bis heute. Redaction: I. B.: Herman« Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitätS«Buch< und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gieße«.