H 1898. - Nr. 70 Sonntag den 8. Mal. ft ftOmilict.hr 7: u: T Äi H Hl ft LL-L MM fia Sghnnnil lyr? w?grrwr: »7 niMii MMMll ilM »]•_ il lÄÄkM1 JTJTr EWA x KnIechaldmgsblÄl M jGießmerAnzeiger Geneml-AnMZrr) ächst eines Menschen Anseh'n bloß Um einen Zoll, — im Nu Wächst allermeist desselben Stolz Um einen ganzen Schuh! Das Fräulein. Roman von ®. Ve ly. (Fortsetzung.) Wie scblicht und schmucklos sie war in dem einfachen, blauen Wollkleid — ein solches konnte jede kleine Bürgerstochter tragen. „In einem weißen Kleide wünschte er sie zu sehen, einem, das die Arme zeigte." „Einer Beichte," sagte sie, „pflegt die Absolution zu folgen, mein Herr Doctor — können oder wollen Sie mir dieselbe nicht ertheilen." — Sie sah so demüthig dabei aus. Es wäre doch kein rechter Mann gewesen, wenn das nicht auf ihn gewirkt hätte — und Ebba keine Me Frau, wenn sie instinctiv nach den richtigen Mitteln gegriffen hätte, welche dem anderen Geschlecht gefährlich sind: Schmeichelei und die Hilflosigkeit. Sie hatte, weil es ihr bisher wirklich gleichgiltig war, ob sie gefiel oder nicht, ob sie Wünsche erregte oder Mißstimmung hervorrief, niemals kokettirt — jetzt war sie eine erfahrene Meisterin. Und der Mann, welcher sich allen Künsten gegenüber gewappnet glaubte, der schroff sein wollte, weil er dachte, das sei eine Männlichkeit, war wie umgewandelt. Immer reizvoller erschien ihm die bewegliche Gestalt, ihre abstoßende Sicherheit von neulich war geschwunden — sie gab es ja selber zu: besiegt durch ihn. Daß er schroff hatte sein können! Natürlich, das gereizte Volk, die Situation — er hatte das Alles in ganz anderem Lichte gesehen. Hier floß der ruhige Schein der electrischen Lampen über ein Bellinisches Madonnenköpfchen. „Gnädige Frau — aus dem plumpen Ankläger, der ich war, ist ein reuiger Sünder geworden. Sie haben das erlösende Wort zu sprechen." „Nein!" sie hielt ihm die kleine, weiche Hand hin, wie einem längjährigen Bekannten. „Ich bin nun aus meiner Gedankenfaulheit aufgerüttelt, ich danke Ihnen. Ich kann \ meinen öden Stunden einen Inhalt geben. Und an Sie ■ habe ich eine Bitte: Wenn der kleine Wilhelm Henzen aus dem Krankenhause entlassen ist und zu den Eltern zurückkehren kann, so nehmen Sie ihn in ärztliche Obhut." Eine stille Zustimmung. „ Er soll mein besonderer Schützling werden. Und dann — möchte ich Sie meinem Gatten vorstellen, gleich jetzt!" Werthvolle Bilder hingen an den Wänden, meistens südliche Landschaften — gewiß, diese Frau konnte sich nur in der Sonne wohl fühlen. Er kannte ja den Namen, welchen sie trug — er wußte, wie großartig die Verhältnisse waren, die sie umgaben. Aber das schien ihm plötzlich Alles so selbstverständlich — für sie mußte das Heim sein, wie es war — schimmernd und flimmernd — sie war ja selber so ein kleiner Colibri. Ebba Lund sah den hübschen, stattlichen Mann an, dessen Bekanntschaft sie auf eine so ungewöhnliche Weise gemacht. Sie war jetzt dahin gekommen, nach dem Pikanten, dem Außergewöhnlichen herumzusuchen, hatte sie doch Alles ausgekostet im Dasein — „Alles?" Wieder diese Blutwelle nach dem Herzen, dies Zusammenziehen — das eine nicht, die Liebe! Also — Betäubungsmitel, Zerstreuung. Und hier war eine: den Grobian bekehren! Sie lachte in sich hinein, während sie über die Stimmung auf einem Fiesler'schen Bilde, ein Stück Orient, sprach, das er gedankenvoll ansah, weil sie eine Handbewegung nach dorthin gemacht hatte. „Kommen Sie," sagte sie und ging vor ihm her. Wie leicht diese kleinen Füße schritten und doch wie sicher — jede Linie des ebenmäßigen Körpers trat knapp in der enganliegenden Kleidung hervor. „Hm! Na!" Die große Hand Conrad Lunds hatte sich leicht gegen die Achsel des Lieutenants gelegt, als Ebba vorhin nach der Anmeldung das Zimmer verlassen. „Drüben bei mir eine Cigarre, was? Die alten Herren verschmähen das, aber Sie? und dann eine kleine Beichte! Hm! nämlich, wie Sie zu der Bekanntschaft mit dem Fräulein gekommen sind." Ob Joachim deshalb ablehnte, weil er ein „unter vier Augen" fürchtete, um nicht bekennen zu müssen? Der Consul hatte ihn in dem Verdacht. Ihm selber war nun auch, als gutem Wirth, die Pönttenz auferlegt, auf seine gewohnte Havanna zu verzichten. Augenzwinkernd fuhr er fort: „Was mich betrifft — weil sie hier im Hause ist, müssen Sie nicht etwa denken, daß ich kleinlich bin — lieber Gott, in der Beziehung — „Wenn Sie mir die Antwort dennoch sparen möchten!" Joachim drehte mit nervösen Fingern seinen kecken Schnurr« 278 bart, und so etwas „wie Wort - Lage" kamen unter . diesem hervor. i „Oh — so — hm! nicht aufdringlich sein in discreten Sachen," lächelte der Hausherr. , „Mein Wort, Herr Consul, es giebt ja mchtS, was das Tageslicht, die volle ehrliche Beleuchtung zu scheuen hätte, in dem — dem Zufall der Bekanntschaft mit Fräulein von Arabin, die — übrigens Jahre zurückliegt -" „Basta! Sie ereifern sich ja förmlich, was chre ganze Sache nicht werth ist," fiel Lund ein, seine großen Zähne zeigend. „Hübsches Gesicht, schöne Figur, Rasse, das ist nicht zu leugnen!" Joachim bereute fast sein Versprechen. „Aus alter Familie," sagte er. „Sehen Sie, die Geschichte kennen Sie auch?" lachte ! der Andere. ,, ... _ „Sie ist Wahrheit — dafür bürge rch Ihnen!" Der Lieutenant richtete sich höher, vertheidigungsbereit. „Wenn schon —!" Der Consul zuckte die Achseln. „So'n Bischen Romantik kann ja auch im Leben von solch'nem Fräulein sein. Warum nicht!" Ebba trat mit dem Doctor ein. „Mein Mann — Herr Doctor Hallsberg." Der Riese verbeugte sich vor dem Anderen. „Sie wollen meine Frau för Wohlihätigkeit interesstren? Sehr recht, das ist ja ganz fashionable — habe absolut nichts dagegen!" versicherte der Consul gnädig oder gleichgültig, das hatte so ziemlich denselben Anschein bei ihm. „War die Sache von neulich gut verlaufen? ich glaube, ich habe Ursache, Ihnen ganz besonders dankbar zu sein." „Alles, was mit den Borstricks zusammenhängt, ist menschenfreundlich gesinnt," sagte Frau Meyerling, „es ist eine Familieneigenschaft." Herr Johann Conrad schüttelte dem Doctor bte Hand: Na, wie steht es um die liebe Menschheit? Gott sei Dank, jetzt ein gesegneter Krankheitszustand!" das war sein stehender Witz bei jeder Begegnung mit einem Mann der Medicin. „Nun, zufrieden mit der Praxis?" fragte der Chef des Hauses Meyerling & Co. „Oder kann sie sich immer noch ein wenig ausdehnen? Sehr viele Arzte in unserem lieben Berlin, sehr viel." Auch darüber war Frau Ebba ortentirt, daß Bruno Hallsberg es noch weit habe bis zu einem gesuchten und berühmten Arzt. Sie schob den Arm in den des Vaters, zog ihn bei Seite und zischelte: „Du, Papa, das mußt Du in die Hand nehmen, das Empfehlen! Du kannst darin so unendlich viel thun — Du mußt, Papachen, das ist noch ein ganz besonderer Geburtstagswunsch." Die Kinderhände legten sich bittend gegeneinander. „Ist er denn geschickt? Hat man ihn Dir empfohlen." „Aber natürlich — Alles, was Du willst." „Na — dann — warte mal! Ja, mein Personal und Alles, was damit zusammenhängt — bte erwarten boch immer bte Parole von uns." Sie streichelte liebkosenb seinen Arm — so, auch bas nahm sie für bett Gewaltsmenschen, wie er sich selber genannt, in bte Hanb. Sie that nichts halb." Als ber Arzt sich von bem kleinen Kreise verabschiebet hatte, trat Joachim von Monken zur Hausfrau heran. „Schöne Cousine, es ist noch viel zu früh für biesen Sport — Wohlthätigkeit! Man benkt an bas veraltete Charpiezupfen! Wahrhaftig, Ihre schönen Augen unb Hänbe haben ganz anbete Aufgaben. — Wunben schlagen unb wieber linb heilen. Schweifen Sie boch nicht in bte Ferne — ich bin ein tobtwunber Mann!" Er war hübsch mit seinen sprechenben Augen, ber eleganten Gestalt, bett krausen, blonben Haaren — und Wiesenau war es auch unb Viele Andere dazu, die ihr den Hof zu machen suchten. Vielleicht früher, aus Langeweile, hätte sie Joachim Monken so etwas wie einen Ritterdienst gestattet — aber nun nicht — sie mußte an den Doctor, an seine ernste, knappe Art denken — nein, der gefiel ihr besser. Und sie glaubte, sie sei auf dem Wege, es statt mit der Liebe, mit der Freundschaft zu versuchen. „Wenn mir eins zu Hilfe käme, daß ich Chance hätte!" flüsterte Joachim. „Was denn?" „Daß Sie sich so recht unglücklich fühlten — einen besseren Bundesgenossen giebt es nicht bei einer schönen Frau, deren Herz man belagert. Aber, wie sollte das" mit einem Blick durch das reichdecorirte Zimmer und einem Seufzer zur Decke hinan — denn hier wohl möglich sein. Schöne Cousine - somit ist Joachim Monken der Unglücklichste der Sterblichen." Sie ließ ihn schwatzen, zerstreut lächelnd- in dtesem Augenblick hatte er für sie keine andere Bedeutung, als die eines Clowns. Und er dachte daran, daß er Jacqueline von Arabin vor Jahren auch „schöne Cousine" genannt hatte — und nun saß sie oben in irgend einem niedrigen Zimmer mit ausrangirten, unmodern gewordenen Möbeln und abgetretenen Teppichen und las den Kindern Geschichten vor oder spielte mit ihnen. Sie — und die Stellung eines „Berliner Fräulein", die nicht das bessere Ansehen einer Lehrerin genoß und nicht von den Hausmädchen als über ihnen stehend betrachtet wurde. Er kannte diese Wesen, die Morgens und Mittags vor den Pensionaten erscheinen, die kleinen und großen Schülerinnen zu bringen und zu holen, die in den Corridoren der eleganten Wohnungen schattenhaft auftauchen unb verschwinben. Die meisten blaß unb traurig unter ben sehr selten angenehmen Verhältnissen sich ber aus besseren Tagen baheim erinnernb. War mal eine hübsche unter ihnen, so ging bie nicht allzu lange bie Schulwege — bafür sorgten bte Gelegenheiten ber Großstabt, mit „Vorurtheilen zu brechen, um es besser zu haben." Unb Jacqueline? — wenn bte stolze, kleine, skeptische Hausfrau wüßte, baß er auch zu jener unb zwar noch mit ganz anberer Betonung „schöne Cousine" gesagt — nein, sie hatte Recht — für ihn mußte sie auch sein, was sie für bie Anberen war — bas Fräulein! Ein Collectivbegriff! * * * Seit Line Arabin bas Mansardenzimmer bewohnte, hatte Frau Ebba Lund dasselbe heute zum ersten Male betreten. Ein Staunen, bann ein Jubeln hatte bas bei ben Kinbern hervorgerufen - sie saß jetzt in einem Schaukelstuhl. Lonny war sofort nach einem Fußpolster gelaufen, auf bem noch ein halbes, perlengesticktes Wappen sichtbar war, unb Henny hatte ein Kissen für ben Rücken herbeigeschleppt, damit bie gute, schöne Mama es bequem habe. Lächelnd ließ die blonde Frau die kindliche Fürsorge über sich ergehen, sie dehnte die geschmeidigen Glieder ein wenig, sandte bte Blicke bnrch ben Raum unb sagte bann: Sie gewöhnen bie Kinber an Aufmerksamkeiten, Fräulein — das ist recht, bas habe ich gern — unb bas spricht von eigener, guter Erziehung." Vorhin, auf bem letzten Absatz ber Treppe war thr bte Fischern entgegengetreten. „Na, Frau Ebbachen," unter vier Augen erlaubte sie sich bas Kosewort aus vergangener Zeit noch, „bas ist gut, baß Sie mal raufkommen unb selber nachsehen. Gott, bte armen Kinber, unb bie hochmüthige Person! Immer Bücher unb lehrreiche Geschichten unb ganz wohlerzogen ans den Stühlen sitzen unb sich gar nicht balgen unb rumwälzen sollen. Kinber müssen unartig sein, bas gehört mit dazu. Wenn ich baran denke, wie mein Ebbachen gleich schrie, wenn es nicht seinen Willen bekam." Unb wie sie jetzt ba saß, bte kleinen Fuße auf bem Borstrickschen Wappen, bas Hennys emsige Fingerchen, Perle um Perle herausholenb, früher unter ber Alles bulbenben Obhut bir Fischern zerstört hatten — lächelte sie gutrnüthig. Sie war zufrieben, sie hatte etwas, bas ihre Gedanken beschäftigte. , Drüben von ber Wand bückte etn Ahnherr des 279 Borstrickschen Hauses, Olaf, der unter der Lochte» Gustav Adolfs eine glanzvolle Rolle gespielt. Diesen Mann mit den kurzgeschorenen Haaren und dem spitzen Knebelbart hatte Ebba auch in ihrer Kinderstube gehabt, und die Fischern hatte sie, wenn sie gar nicht zu gewinnen war, mit dem Worte bedroht: „Olaf kommt gleich von der Wand." Sowie ihre Alteste geboren war, hatte ihre Mutter das Bild über deren Wiege aufhängen lassen, damit sie unter den Blicken der Vorfahren aufwachse. So oft ein neues Fräulein in das Lundsche Haus kam, stieg Frau Karin Meyerling zu den Mansarden hinauf und weihte es ein in die Geschichte Olafs. Das Gegenstück zu dem Ritter mit der goldenen Kette bildete seine ehr- und tugendsame Hausfrau, ein wie unter Thränen dreinschauendes, blondes, bleichsüchtiges Wesen — der volle Gegensatz zu dem selbstbewußten Herrn. „Die gute Tante," wurde sie von Frau Fischern genannt. O, die unbewußte Kinderzeit, als „Olaf" noch drohend durch ihr Leben ging! Dann kam die Ehe. Als sie sich mit Conrad Lund verlobte, hatte ihr Vater sie in sein Zimmer geführt. (Fortsetzung folgt.) Livingstones letzte Reise. Ein Gedenkvlatt zn des Forschers 25 jährigem Todestag (L Mai 1898). Von Alexander Bauer. ——- (Nachdruck verboten.) Die Geschichte großer Forscher hatte einst einen armen Knaben, der in seinem Innern eine glühende Sehnsucht nach fernen Ländern trug, derart begeistert, daß es sein sehnlichster Wunsch war, es ihnen nachzuthun. Aber wie sollte er je dazu gelangen? Er war ja arm und unwissend. Schon mit zehn Jahren mußte er sich in einer Fabrik sein Brod verdienen, und der Beruf, den seine Verhältnisse ihn zu ergreifen nöthigten, war der eines Baumwollenspinners. Doch ein energischer Wille vermag viel, und Gelegenheit zum Lernen giebt es überall. So setzte der Knabe alles daran, um Latein zu lernen, worauf er, älter geworden, in Glasgow 'in den Wintermonaten Medizin und Theologie studirte. Der einfachste Weg, zu seinem Ziele zu gelangen, war der, Missionar zu werden. Inzwischen war der Knabe zum Manne herangereist, er hatte sich zum Arzte emporgeschwungen und war bereits über 27 Jahr alt geworden. Die Londoner Missionsgesellschaft acceptirte sein Anerbieten und rüstete ihn 1840 für eine Reise nach Südafrika aus. Dieser Knabe war David Livingstone (geboren 19. März 1813 zu Blantyre bei Glasgow). Mit kurzen Unterbrechungen verbrachte er von nun an sein Leben im dunklen Erdtheil. Er hatte es der Erforschung desselben gewidmet, groß waren seine Erfolge, und sein Ruhm stellt noch heute den Emin Paschas und Stanleys in Schatten. Seine geschickte Art, mit den afrikanischen Eingeborenen umzugehen, sicherte ihm deren Freundschaft und Hochachtung. Kaltblütig, vorsichtig und von großer Herzensgüte, hatte er sich vor allem drei Hauptaufgaben gestellt, gegen welche er die der äußerlichen Christenbekehrung zurücktreten ließ: die Erforschung des schwarzen Erdtheils, die Bekämpfung des Sclavenhandels und die Verbreitung der Civilisation unter den Negern. Alle Gefahren und Strapazen achtete er gering, wenn es die Erreichung dieser Zwecke galt. Im Dienste seiner großen Sache hat er thatsächltch sein Blut tropfenweise verbraucht. Die Geschichte seiner Reisen füllt Bände- sie ist niedergelegt in seinen Werken. Vor allem danken wir ihm die Entdeckung der Victoriafälle des Sambesi (1855), des Schirwasees (1859), des Njassasees (>859), des Bangweolosees (1868) und des Bualaba, was er außerdem zur geographischen und ethnographischen Aufschließung Afrikas, sowie zur Verbreitung der Eultur unter den dortigen Einwohnern beigetragen, verdient die höchste Anerkennung aller Gebildeten. Im Jahre 1865 (nach seiner Ernennung zum britischen Consul sür das Innere Afrikas) trat er seine letzte große Reise an, welche ihn acht Jahre lang in Anspruch nehmen und von der er nicht mehr nach Europa zurückkehren sollte. Im Januar 1866 brach er von Sansibar auf, von in der englischen Mission erzogenen Eingeborenen und indischen Sepohs, sowie einem Trupp Lastthieren, Eseln und Kameelen begleitet. Sein erstes Ziel war der Nyassasee. Leider bewährten sich aber die Sepoys und ein Theil seiner übrigen Mannschaften so wenig, daß er die unbrauchbaren Elemente zurückschicken mußte. Die Zurückgesandten verbreiteten, um ihre Schmach nicht eingestehen zu müssen, in Sansibar die Nachricht von seiner Ermordung, ein Gerücht, dessen Unrichtigkeit sich jedoch bald herausstellte. Dagegen blieben vom Jahre 1869 ab wirklich alle Nachrichten von dem berühmten Reisenden aus, er schien verschollen, bis der von I. G. Bennett, dem Eigenthümer des „Newhork Herald", zu seiner Auffindung ausgesandte Reporter Stanley ihn im November 1871 in Ujtji krank und von allem Nothwendigen entblößt auffand. Nie ist wohl das Project einer Afrikaexpedition rascher gefaßt und ausgeführt worden als dasjenige der Forschungsreise Bennets und Stanleys. Henry M Stanley, der als Correspondent des Newyorker Weltblattes bei dem Carlistenaufstand in Spanien weilte, erhielt am 16. October 1869 Morgens um 10 Uhr in Valencia ein Telegramm James Gordon Bennetts mit folgenden Wortlaut: „Kommen Sie sofort wichtiger Geschäfte wegen nach Paris." Stanley fuhr um 3 Uhr Nachmittags von Valencia ab und kam, da er in Bayonne einige Stunden Aufenthalt hatte, erst in der nächsten Nacht in Paris an. „Ich eilte", erzählt er in seinem von der Expedition handelnden Werke, „sofort ins Grand Hotel und pochte an Herrn Bennetts Thür." Herein! rief eine Stimme. „Ich trat ein und fand Herrn Bennett im Bette." „Wer sind Sie?" fragte er. „Ich heiße Stanley, war meine Antwort." „Richtig! Nehmen Sie Platz. Ich habe einen wichtigen Auftrag für Sie. — Nachdem er in den Schlafrock geschlüpft war, fragte er mich: Wo dürfte sich jetzt Ihrer Meinung nach Livingstone befinden?" „Das weiß ich wahrhaftig nicht." „Glauben Sie, daß er noch am Leben sei?" „Vielleicht, vielleicht auch nicht." „Ich glaube, daß er noch lebt und aufzufinden sei." Und ich möchte Sie dazu ausschicken. „Was?" rief ich aus. Sie glauben wirklich, daß ich Doctor Livingstone auffinden könnte? „Sieglauben wirklich, daß ich nach Central-Afrika gehen sollte?" „Jawohl! Ich meinte, daß Sie ihn aufsuchen, wo immer auch Sie ihr. vermuthen, und daß Sie alle Nachrichten, die Sie von der Sache einholen können, sammeln. Vielleicht — fügte er nachdenklich hinzu — ist der alte Mann in Nöthen. Nehmen Sie genug mit, um ihm beizustehen, falls er es braucht. Sie können ganz nach Gutdünken thun und handeln, aber — finden Sie Livingstone auf!" Stanley, ganz erstaunt über diesen kaltblütigen Auftrag, erinnerte an die großen Kosten, welche die kleine Reise verursachen würde. „Was mag sie kosten?" fragte Bennett kurz. Der Reporter nannte als Geringstes 2500 Pfund. Da erwiderte der Zeitungsbesitzer: „Gut, da will ich Ihnen etwas sagen. Beheben Sie vorerst 1000 Pfund, und wenn diese verausgabt sind, ziehen Sie auf uns weitere 1000; sind diese verbraucht, wieder 1000, noch einmal 1000, und so weiter, aber — finden Sie Livingstone auf." Der kühne Missionar war, als er 1866 seine Reise antrat, bis zum Südende des Nhassa vorgedrungen, hatte dann den Tanganikasee besucht, den Luapula und den Moerosee erreicht und suchte von Kasembes Stadt nach Ujiji vorzudringen. Die Regenzeit nöthigte ihn indessen zur Umkehr, worauf er auf einem anderen Wege unter großen Mühseligkeiten und Gefahren am 13. März 1869 in Ujiji eintraf. Von hier aus drang er weit in das Innere ein, indem er 280 immer neue bedeutungsvolle Entdeckungen hinzufügte. Noch gedachte er nicht Halt zu machen, aber seine durch einen sechzehnjährigen Aufenthalt in Afrika geschwächte Gesundheit begann ihm jetzt ernstliche Hindernisse in den Weg zu legen. Fieber und Dyflenterie quälten ihn abwechselnd, und vor Allem gegen letzteres Nebel erwiesen sich alle Mittel machtlos. Dazu kam der allmählich immer fühlbarer ^werdende Mangel an den nöthigen Bedarfsartikeln. Nicht einmal Schreibutensilien besaß er mehr und mußte seine Notizen mit einem von ihm selbst zubereiteten gelben Baumsafte auf altes Zeitungspapier schreiben. Alle diese Umstände zwangen ihn zur Rückkehr nach Ujiji, wo er am 23. October 1871 völlig erschöpft eintraf. Hier erreichte ihn wenige Tage später zu seinem Glücke Stanley. Auf die Kunde von der Annäherung eines Weißen verließ Livingstone das von ihm bewohnte Haus, um in einem Kreise von Neugierigen die Ankunft des Fremden zu erwarten. „Als ich", erzählt Stanley „langsam auf ihn zutrat, bemerkte ich, daß er bleich war und abgespannt aussah. Er hatte einen grauen Schnurr- und Backenbart, trug eine bläuliche Mütze mit verblichenem Goldband auf rothem Grunde, eine Weste mit rothen Aermeln und graue Zwilchhosen. Gern wäre ich auf ihn losgestürzt, doch ich war in Gegenwart des Haufens zu feige dazu- ich wollte ihn umarmen, nur wußte ich nicht, wie er es auf nehmen würde. So that ich denn, was moralische Feigheit und falscher Stolz als das Beste zu thun mir riethen — ich schritt auf ihn zu und fragte, den Hut abnehmend: Doctor Livingstone, wie ich vermuthe? — Jawohl, antwortete er mit freundlichem Lächeln, die Mütze leicht lüftend. Ich setzte meinen Hut wieder auf, er seine Mütze, und wir drückten unS die Hände. Dann sprach ich laut: „Ich danke Gott, Doctor, daß es mir vergönnt ist, Sie zu sehen." Durch Stanley wurde Livingstone mit Allem versorgt, was ihm abging, auch nahm derselbe seine Papiere nach England mit. Er selbst aber wollte, so sehr ihm auch der Amerikaner zusetzte, von einer Rückkehr in die Heimath nichts wissen. Und warum nicht? Weil er sein großes Forschungswerk erst zu Ende führen wollte. „Meine innere Stimme", schreibt er in seinen Tagebüchern, „sagt mir: Alle Freunde werden wünschen, daß ich eine wirklich genaue Feststellung der Nilquellen beschaffe, ehe ich heimkehre. Meine Tochter Agnes schreibt: So sehr ich wünschen würde, Dich heimkehren zu sehen, so würde ich doch lieber sehen, daß Du zu eigener Befriedigung Dein Werk vollenden und mich dann mit gänzlicher Heimkehr erfreuen möchtest! Recht und edel gesagt, mein Liebling Nannte! Meinen Segen für sie und alle Uebrigen!" So begleitete er Stanley, nachdem Beide gemeinschaftlich eine Entdeckungsreise nach dem Nordende des TanganikaseeS unternommen hatten, nur an die Küste bis Unjanjembe, wo man im Februar 1872 anlangte. Hier erwartete Livingstone die Borräthe und Mannschaften, welche ihm der Amerikaner von Sansibar aus zu senden versprochen hatte, und machte sich, als er im August in ihren Besitz gelangt war, sofort wieder auf den Marsch nach dem Bangweolosee, dessen Erforschung zu vollenden. Bald jedoch zeigte es sich, wie unrecht er gehabt, Stanleys Rath, in der Heimath erst seine angegriffene Gesundheit wiederherzustellen, zu vernachlässigen. Die Anfälle seines Uebels traten immer häufiger und heftiger auf, und die Nothwendigkeit, wochenlang durch eine mit Wasser bedeckte Gegend zu reisen, förderte die Krankheit noch mehr. Theilweise mußte man auf riesigen Ametsenhügeln rasten, den einzigen trockenen Stellen in der allgemeinen Fluth. Der Reisende bediente sich eines Esels zum Reiten, häufig fühlte er sich dazu zu schwach und mußte getragen werden. Trotzdem drängte er unaufhaltsam vorwärts. Er war so schwach, daß er keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen konnte, und Milch war nicht aufzutreiben, da die Mazitu die ganze Gegend ausgeraubt und alle Ziegen entführt hatten, trotzderr? fiel es ihm nicht ein, umzukehren. Die letzten Tage wagte man kaum ihn noch zu transportiren, da er auszulöschen drohte. Er vermochte nicht einmal bis zur Tragbahre zu gehen, man brachte diese daher in die Hütte bis an das Lager. Endlich erreichte man Tschitaniba, wo man ihn in einer Hütte auf ein Lager von Gras bettete. Hier starb er in der Frühe des ersten Mai, wo ihn am Morgen seine treuen Diener Susi und Majwara, vor seinem Lager knieend, tobt und kalt auffanden. Einige Tage vorher, am 27. April 1873, hatte er mit zitternder Hand die letzten Worte in sein Tagebuch geschrieben: „Knocked up quite, and remain—recover—sent to buy milch goats. We are on the banks of Molilamo.“ (Gänzlich aufgerieben, und bleiben — mich wieder erholen — fortgeschickt, um Milchziegen zu kaufen. Wir sind an den Ufern des Molilamo.) Der unermüdliche Forscher dachte also durchaus nicht an die Möglichkeit seines Endes, er wollte sich nur erholen und dann seine Reise fortfetzen. Er starb, wie man wohl sagen darf, auf dem Schlachtfelde der Wissenschaft und als Märtyrer der Wissenschaft und Cultur. — Man hört so oft von der Untreue und dem Leichtsinn der arabischen und afrikanischen Träger und Reisebegleiter, daß man den Dienern Livingstones für ihr Verhalten nach seinem Tode die höchste Achtung nicht versagen kann. Nachdem sie an Ort und Stelle zu seinem Gedanken ein Kreuz errichtet und seinen Namen und Todestag in einen Baum eingeschnitten hatten, conservirten sie die Leiche, so gut die vorhandenen Mittel es erlaubten, und begaben sich mit derselben, statt sie an Ort und Stelle zu beerdigen, an die Ostküste nach Sansibar, wo sie nach zehnmonatlichem Marsche im Februar 1874 eintrafen. Von dort wurde die Leiche des großen Verschiedenen nach England überführt, wo sie am 18. April desselben Jahrcs in der Westminsterabtei, der Ruhestätte der großen Engländer, ihren Platz fand. Huhn mit Estragon. In das sorgfältig gereinigte Huhn bringt man etwas gehackten Estragon, Pfeffer, Salz und ein Stückchen Butter und näht es zu, worauf man es mit Citronenschale einreibt, mit Speckstreifen umwickelt und es alsdann in eine Casserole legt, in der sich fetter und magerer Schinken, in Scheiben geschnittene Zwiebel und Möhren, sowie ein Löffel Estragon befinden. Dann schüttet man in die Casserole eine Taffe aufgelösten Liebigs Fleisch- Extract und ebensoviel Weißwein, läßt das Huhn über stillem Feuer gar werden und richtet es mit folgender Sauce an: Man macht eine braune Buttersauce, fügt zu derselben das Jus von dem Huhn und läßt diese Sauce zehn Minuten kochen, worauf man dieselbe mit zwei Eigelb bindet und etwas fein gehackten Estragon darunter mischt. * • Mit dem Beginn der besseren Jahreszeit eilen schon in der Morgenfrühe Radler und Radlerinnen schaarenweise wieder hinaus ins Freie. Eine höchst willkommene Stärkung ist dann unterwegs zum Frühstück eine Taffe Bouillon, wie sie sich aus Likhigs Fleisch-Extrakt binnen kürzester Zeit leicht und vorzüglich bereiten läßt. Aber nicht nur von Radlern, sondern von allen Freunden des kräftigenden Sports: Ruderern, Seglern, Touristen Turnern und Anderen wird diese Labung geschätzt. Humoristisches. Im Eifer. Junge Frau (zu ihrer Freundin): „Und was für theuere Hüte ich habe! Ich sage Dir, mein Mann wird von jedem Menschen bemitleidet!" #Ub«ction: I. v.: Hermrun Lll«. Druck und öerleg btt Brühl'schen UnivtrsitätS-Buch- und Sttindrucktrei (Pietsch & Schcyda) in Gitßtn