9 ■1 KU WM Ml fin rechter Mann muß heute Bei seinem Leisten bleiben: Die unbrauchbarsten Leute Sind die, die Alles treiben. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) Meta ward todtenbeich, ihre Augen füllten sich mit Thränen und am liebsten wäre sie vom Tische aufgestanden, um ihrem Schmerze freien Lauf zu lassen, denn sie verstand sehr wohl den in den Worten des Vaters verborgenen Sinn, aber sie sah auch das gespannte, lauernde Gesicht des alten Göbener, mochte dem um Alles in der Welt kein Schauspiel geben und bezwang sich heldenmüthig. Der Appetit war ihr freilich gänzlich vergangen, sie nippte nur aus ihrem Glase und pflückte später ein paar Beeren von der Malvasiertraube. Auch der Amtsrath aß wenig, um desto besser ließ sich der Amtmann den saftigen Rehbraten und den Nachtisch munden, auch sprach er der Flasche eifrig zu. Er war ein großer Freund von wohlschmeckenden Essen und einem guten Glase Wein, nur mußte er diese Genüsse nicht aus der eigenen Tasche zu bezahlen haben, und während er es sich wohl sein ließ und die Zubereitung der Speisen, wie den vortrefflichen Wein beinahe überschwänglich lobte, schalt er in seinem Innern den Amtsrath Wenzel einen heillosen Verschwender, der an Wochentagen Dinge aß, die bei ihm nicht an den höchsten Festtagen auf den Tisch kommen durften. Auch sonst trug Göbener zum größten Theil die Kosten der Unterhaltung, denn der Amtsrath war einsilbig geworden und Meta gänzlich verstummt. Die Tafelfreuden mußten den Amtmann jedoch sehr milde gestimmt haben, denn er schien gegen seine Gewohnheit mit der ganzen Welt zufrieden. Er rühmte seine gute, sanfte Frau, seine Schwiegersöhne und Töchter als tüchtige Landwirrhe und Landwirthinnen, besonders floß sein Mund aber vom Lobe seines einzigen Sohnes, seines Adolf, über. „Ich habe ja lange mit ihm gegrollt, daß er mir den Strich durch die Rechnung gemacht und nicht Landwirth ge- ' i worden ist," fügte er hinzu, „aber jetzt bin ich völlig aus- i geahnt damit. Hat was los, der Junge, kann was, ich ! hoffe ihn noch als Baurath oder Oberrath zu sehen. Wie i gefällt Ihnen der Titel, Fräulein Meta?" Er nahm die Hand des neben ihm sitzenden jungen ! Mädchens, tätschelte sie und suchte ihr schalkhaft ins Gesicht ! zu sehen, was sie indeß durch eine entschiedene Wendung vereitelte, mit welcher sie ihm auch die Hand entzog. „Sie wirthschaften so lange, bis die beiden Söhne Ihrer Tochter Minna herangewachsen sind, daun haben Sie Nachfolger auf Rapshagen," bemerkte der Amtsrath, um doch etwas dazu zu sagen, Göbener aber machte ein trauriges Gesicht und sagte: „Ach, das ist noch lange hin, wer weiß, wie lange ich dann schon unter der Erde liege. Ich wünschte, es wäre schon einer von den Burschen groß- ordentliche Landwirthe werden sie, das merkt man jetzt schon, was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten, und ich hätte eine solche passende Frau!" „Auch schon!" lachte Wenzel. „Die müßte ja noch gar nicht geboren sein, oder in den Windeln liegen, die Burschen sind doch erst acht und sechs Jahr." „Ach, so meine ich's ja nicht!" schrie Göbener auf den Tisch schlagend, der Rauhenthaler schien ihm zu Kopfe gestiegen zu sein. „Wenn Heinrich jetzt groß wäre und das : Gut nehmen könnte, dann hätte ich eine Frau für ihn, die Anna Holten." „Wen?" fragte der Amtsrath sehr erstaunt, und Göbener wiederholte lachend: „Die Anna. Denken wohl, weil sie kein Geld hat, thät's der alte Göbener nimmermehr. Bin nicht so dumm, weiß, was eine sparsame, wirthschaftliche Frau für den Landmann Werth ist. Hätte ich noch einen Sohn, der Rapshagen annehmen könnte, und er wollte das Mädchen, ich sagte nicht nein." Er erging sich in Lobeserhebungen des jungen Mädchens, wobei es allerdings nicht an argen Seitenhieben auf Vater und Bruder fehlte. Er wiederholte, daß er sich genöthigt gesehen habe, dem Doctor den Besuch von Rapshagen zu verbieten und deutete an, er könne in Metas Gegenwart die Gründe für eine solche Maßregel nicht nennen. Das junge Mädchen saß wie auf Kohlen, wurde bald blaß, bald roth und hätte den Geliebten so gern vertheidigt, sah sich aber dazu außer Stande. Auf ihre Bemerkung, Doctor Holten sein ein sehr geschickter, sorgsamer Arzt und sie sei ihm zu großem Dank der- — 146 pflichtet, zog der Alte ein sehr verschmitztes Gesicht und antwortete: „Will ich nicht bestreiten, obschon er seine Schulden wohl kaum gemacht hat, um die vielen Collegien, die er besucht hat, zu bezahlen, kann ihm ja auch so angeflogen sein. So viel weiß ich aber, hätte ich eine junge Frau oder schöne Töchter, Stephan Holten würde nicht Hausarzt bei mir." . Meta vermochte es jetzt nicht mehr zu ertragen. Sie warf ihrem Vater einen flehenden Blick zu, und dieser hatte Mitleid mit ihr, obgleich es ihm gar nicht unlieb war, daß sie das Urtheil Göbeners über Holten gehört hatte. Er hob die Tafel auf und gleich darauf verabschiedete sich auch der Amtmann. Er habe noch auf der Buschmühle zu thun und wolle vor Nacht wieder zu Hause sein. Der Amlsrath hielt ihn nicht und Meta athmete auf, als er sich entfernt hatte. Sie ging in das von ihr bewohnte, mit einer ganz hellgrünen Tapete bekleidete, reizend mit meergrünen Möbeln und Vorhängen, Schreibtisch, Bücherschrank und Nähtisch, Kupferstichen, Statuetten und Blumen ausgestattete Zimmer und wenige Minuten später folgte ihr Vater ihr dahin. Sie blieb auf dem , kleinen Divan, auf den sie sich, den Kopf in die Hand gestützt, niedergelassen hatte, sitzen, schaute mit einem traurigen Blick zu ihm auf, und er setzte sich neben sie. „Meta," sagte er, den Arm um ihren Nacken schlingend und ihren Kopf an seine Schulter lehnend, „Du hast mich verstanden." „Ich habe Dich verstanden," wiederholte sie, „Du hast ihn abgewiesen. O Vater, Vater, mußte es sein?" „Es mußte sein," erwiderte der Amtsrath mild, aber fest. „Meta, Du kennst mich, ich kann meine einzige Tochter nicht an einen Arzt verheirathen!" Sie machte sich aus seinen Armen los und schaute mit ihren wundervollen Nixenaugen zu ihm: „Kannst Du ihn wirklich abweisen um dieser —" Sie suchte nach einem Ausdruck, der Vater kam ihr zu Hilfe und sagte: „Um dieser Schwäche willen. Nenne es immerhin so, es ist eine Schwäche, ich weiß es, aber sie würde mein ganzes Leben vergällen, eine Scheidewand aufrichten zwischen meiner einzigen Tochter und mir, mich trennen von dem Liebsten, was ich auf Erden habe. Kannst Du mir dieses Opfer zumuthen?" Meta schwieg und drückte den Kopf gegen die Kissen des Sophas. Der Amtsrath stand auf, machte einen Gang durch das Zimmer, ergriff ein zierliches Petschaft, das auf dem Schreibtisch stand, betrachtete es, ohne doch recht zu wissen, was er in der Hand hielt, legte er es wieder nieder, ging nach dem Sopha zurück und blieb neben der Tochter stehen. „Du antwortest mir nicht," redete er sie wieder an. Sie blickte auf, es schien, als sei ihr Gesicht Plötzlich älter geworden und habe scharfe Züge bekommen. „Ich will, ich darf Dir keine Opfer zumuthen, Du hast mir so viel gebracht," sagte sie. „Um meinetwillen bist Du nach dem frühen Tode meiner Mutter einsam geblieben, um meinetwillen —" „Sprich nicht davon!" unterbrach er sie. „Ich habe nichts für Dich gethan, was ich nicht gern und freudig zehnmal wieder thäte." „Nur das Eine nicht," sagte sie tonlos, „das Eine, von dem mein Lebensglück abhängt." „Ich sagte Dir heute schon einmal, das ist Einbildung." „Und wenn ich nun den Grund Deiner Abneigung gegen Stephan auch in der Einbildung suchte?" Er lachte kurz auf. „Ich habe gar nicht gewußt, daß Du eine so geschickte Dialectikerin bist. So will ich Dir denn gestehen, daß ich bereits hart mit dieser Schwäche gerungen habe. Nachdem ich Holten abgewiesen hatte, stiegen mir Bedenken auf, ob ich recht daran gethan " „O, mein guter Vater, ich wußte es ja!" rief sie aus, haschte nach seiner Hand und drückte sie an seine Lippen. Er nahm ihre Hand und sprach, sie in der seinigen haltend, weiter: „Freue Dich nicht zu früh. Wohin ich mit meinen Erwägungen gelangt wäre, weiß ich nicht, sie waren noch lange nicht abgeschlossen, als Göbener kam. Was er mir über Holten mitgetheilt, hat mich überzeugt, daß ich Recht gethan habe. Wollte ich selbst meine Schwäche, meine Einbildung, meine Abneigung — nenne es wie Du willst — zu überwinden suchen, so kann ich einen Menschen, wie ich ihn durch Göbener kennen gelernt —" „Du glaubst, was der alte Schleicher sagt!" suhr Meta auf. „Es ist nicht ein wahres Wort daran." „Aber Kind, jetzt bist Du verblendet." „Durchaus nicht- ich sehe ganz klar." „Göbener war heute in einer so guten, menschenfreundlichen Stimmung, wie ich ihn selten gesehen. Er lobte Frau und Kinder und Schwiegersöhne —" „Um desto glaubwürdiger zu erscheinen, wenn er einem Anderen Böses nachsagte." „Ich glaube, Du thust ihm zu viel Ehre an, wenn Du ihm eine so feine Berechnung zutraust. Er gilt wohl in Handel und Wandel für sehr verschmitzt, aber das wäre beinahe ein Diplomatenstückchen, das traue ich ihm nickt zu. „Es giebt gar nichts, was ich ihm zmraute!" rief Meta in immer steigender Erregung. „So lieb ich immer seine Frau gehabt habe, so wenig kann ich den Alten leiden. Schon als Kind fürchtete ich m'ch vor ihm und am meisten, wenn er mir schön that, mir die Wangen streichelte und mich sein liebes Schwiegertöchterchen nannte. Als er heute so liebevoll von Anna Holten sprach, erfaßte mich eine wahre Angst um das Mädchen." „Wer Dich reden hörte, müßte denken, Göbener sei ein Menschenfresser und mästete Anna, um sie später zu schlachten," scherzte der Amtsrath. „Was sollte er gegen Anna im Schilde führen k" „Das weiß ich nicht, aber etwas Gutes ist es sicher nicht. Vielleicht will er sie nächstens unter irgend einem Vorwand aus dem Hause werfen und sich vorher weiß brennen. Vielleicht sollte ihr Lob nur dazu dienen, um die Verleumdungen gegen Stephan glaubhafter zu machen." „Thut nichts, der Jude wird verbrannt!" lachte der Amtsrath, „lobt Göbener, witterst Du eine Absicht, tadelt er, witterst Du sie auch. Warum sollte er Holten verleumden?" r , , Meta schüttelte den Kopf. „Muß ich Dtr das wirklich erst sagen, Vater?" fragte sie und wurde glühend roth. „Er hat bereits ausgeschnüffelt, wie es zwischen mir und Holten steht, ist lediglich hergekommen, um zu spioniren." „Hat sich nebenbei auch das Mittagsessen und den Wein recht gut schmecken lassen," schaltete Wenzel ein. „Und hat es sich angelegen sein lassen, Holten bei Dir und bei mir anzuschwärzen. Man könnte ihm schon zutrauen, er habe es lediglich aus Bosheit gethan, weil er seine Freude daran hat, die Leute zu verhetzen, aber es war doch durch- sichiig genug, daß er dabei noch einen anderen Zweck im Auge hatte. Solche überkluge Leute, wie Göbener, begehen immer den Fehler, daß sie die Anderen für dümmer halten, als sie sind." „ „Und das läßt sich mein Töchterchen nicht gefallen, sagte der Amtsrath belustigt und durch die allerliebste altkluge Miene, mit welcher Meta diesen Spruch der Weisheit hervorbrachte. „Jst's die Krankheit oder etwas Anderes, wodurch Du so scharfblickend geworden bist? fügte er, ihr die erröthete Wangs streichelnd hinzu. , „Ach, Vater, Du kannst scherzen und mir ist so sterbenstraurig zu Muthe!" seufzte sie. „Meinst Du, mir wäre leicht ums Herz?" sragte er - dagegen, „doch bleiben wir bei Göbener. „Du meinst, er — 147 — denke noch immer an den Plan, aus Dir und Adolf ein Paar zu machen?" „Gewiß, das trat doch klar genug zu Tage, und wie denkst Du darüber, Bater?" Ihr Ton war angstvoll. „Laß mich zuvörderst Deine Ansicht hören." „Brauche ich die Dir erst zu erklären, da Du meine Liebe zu Holten kennst? Und doch, ich will mich aussprechen. Hätte ich Stephan auch nie kennen gelernt, so würde ich mich doch niemals entschlossen haben, Adolf Göbeners Frau zu werden." „Du hattest ihn früher gern." „Das habe ich noch, aber er ist der Sohn seines Vaters, man kann nicht wissen, wie viel von dessen Eigenschaften noch verborgen infihm schlummern. Wäre das aber auch nicht zu befürchten, ich könnte mich doch niemals entschließen, in ein so nahes verwandtschaftliches Verhältniß zum alten Göbener zu treten." „Wenn Du Adolf liebtest, würden Dir solche Bedenken nicht aufsteigen." „Ich liebe ihn aber nicht und er liebt mich nicht so, wie es sein Vater gern darstellen möchte," versicherte Meta. „Nun sprich Du, Vater." „Ich denke ungefähr wie Du, wenn meine Jdiosinkrasie gegen den alten Göbener auch nicht so groß ist, wie die Deine. Hättest Du darauf bestanden, Adolf zu heirathen, so würde ich zugestimmt haben, lieber ist's mir aber, ich brauche mich mit seinem Vater nicht zu verschwägern." Das junge Mädchen fiel dem Vater um den Hals und rief tiefaufathmend: „Gott sei Dank!" (Fortsetzung folgt.) Das Schlachtefest. Von Lina Fabian. - (Nachdruck verboten.) Seit sechs Jahren war ich nicht mehr in meinem märkischen Heimathsdörflein gewesen. An Einladungen zum Besuch hatte es zwar nicht gefehlt, aber ich hatte sie sammt und sonders ablehnen müssen, denn in der Großstadt einem gut bürgerlichen Haushalt vorzustehen, das ist keine Kleinigkeit. Da muß man „voll und ganz" auf dem Posten sein und hat keine Zeit, Besuche in der Provinz zu machen. Jetzt war wieder eine EMladung zum Schlachtefest gekommen. Ich sprach mit meinem Mann darüber, und der meinte gleichgültig: „Kannst ja mal auf fünf Retourbillet- Täge hinrutschcn. Die Hälfte von dem geschlachteten Schwein bringst Du in Gestalt von Wurst, Speck, Schinken und so et cetra mit. Es kann gar nichts schaden, wenn wir wieder ein Mal leben wie les bona gous de provence oder auf deutsch: ländlich, schändlich." „Ach", antwortete ich ärgerlich, „wirf doch nicht mit Deinen paar Sprachkenntnisfen so herum, Du kannst mit Deiner sächsischen Heimath den Berlinern ganz und gar nicht imponiren —" Ohne seine Entgegnung abzuwarten, verließ ich das Zimmer, ich wollte den Nationalitätenstreit nicht bis auf die Spitze treiben. Im Uebrigen aber befolgte ich den Rath meines Mannes: ich nahm die Einladung an und reiste ab. Die ersten Stunden mit dem Schnellzug war es ganz nett, aber dann mußte ich umsteigen in eine „Klingelbahn", Sekunquerbahn, meinte der Schaffner lachend. Das ist so etwas wie die „stille Pauline", die ab Paulinenaue bis Neu-Ruppin ihre segensreiche Thätigkeit ausübt. Man kann alt bei werden, ehe man ankommt.... Nach zwei Stunden Wagenfahrt, die dann folgten. — Gummiräder und elastische Federn sind an den Wagen dort noch nicht angebracht — langte ich endlich in etwas aufgelöstem Zustande an. Na, es hatte sich nichts geändert. Da war das rothe Ziegelhaus, ringsherum die Scheunen und Ställe, mein l Vater, über den Knechten, meine Mutter, die den Mägden ■ eommandirte. Mein Bruder war ein Mann geworden. i „Tag, Line," sagte er und drückte mir die Hand, als ob er mir den ganzen Arm zerquetschen wollte. „Bist ja so zimperlich geworden, die Großstadtluft bekommt Dir nicht. Abends reden wir mehr, — ich habe jetzt keine Zeit, ich muß Dung bereiten." Unwillkürlich hielt ich mir die Nase zu, — es war kein feines Parfum, was mir da cntgegenströmte .... Aber so riechts nun mal auf dem Laude! Endlich setzten wir uns zu Tisch: junge Hühner, — das Fleisch vorzüglich, nur die Sauce war nicht nach meinem Geschmack. „Das Jahr war ganz leidlich," meinte mein Vater, „die scheckige Lies' hat vorzüglich gekalbt . . . ." „Nur die Ferkel wollten Anfangs nicht so recht gerathen," fiel meine Mutter ein, „aber seit Vater bei ihnen ein paar Nächte im Stall geschlafen hat, hat sichs gegeben." . „Nachbar Naumann hat seinen lahmen Ochsen dem Schlächter doch noch für dreihundert Thaler aufgehängt," begann mein Vater wieder, „der alte Esel hat doch immer noch Glück." „Ach ja," bestätigte meine Mutter, „was das Rindvieh anlangt, so kann er nicht klagen." Dieses Tischgespräch sagte mir wenig zu, und um von den Kälbern, Ferkeln, Ochsen, Eseln und dem sonstigen Rindvieh mal wegzukommen, fragte ich: „Habt Ihr denn schon die heutigen Morgenblätter erhalten?" Mein Vater warf mir einen verwunderten Blick zu. „Wir lesen das Kreisblatt," antwortete er, „und das bringt jeden Sonntag Vormittag der Briefträger." „Und auch da lesen wir nur die Anzeigen," fügte meine Mutter wie entschuldigend hinzu, „wir müssen nämlich wissen, wenn der Viehmarkt in Weilenburg abgehalten wird." „Jawohl,bestätigte mein Vater, „das letzte Mal kaufte ich da zwei Kälber, — das sind Prachtkühe geworden, echt friesisches Rindvieh Da gab ich meinen Versuch auf und ließ dem Tischgespräch freien Lauf. Wir kamen über das Rindvieh wirklich nicht hinaus, sodaß ich die Tafel sobald wie möglich aufhob. Als ich durch die Gesindestube ging, saßen Knechte und Mägde ebenfalls um den Tisch: in der Mitte die dampfende Schüssel mit Kartoffelsuppefi sümmtlich hatten sie den linken Unterarm auf den Tisch gelegt, die rechte Hand hielt den Löffel. All' die acht Löffel wurden in fast gleichmäßigem Taet in die Suppenschüssel versenkt und wieder herausgehoben. Dann ein Schleckern, ein Schlürfen, — sapperlot, das war ganz außerordentlich ländlich! Ich wandte mich ab mit Grausen .... Zum Abendbrod hatte sich auch Bruder August eingefunden. „Ach," gähnte der, „man kriegt's satt, so vom frühen Morgen bis zum späten Abend." „Es ist doch erst neun Uhr," warf ich ein. //Dann das Essen, sofort das Essen," schrie mein Bruder, „ich muß ins Bett . . . ., um fünf muß ich schon die Kühe rauslassen." „Ich werde um vier aufstehen," erwiderte mein Vater bedächtig, „ich muß nachsehen, ob das Schwein die Schlempe noch ausgefreffen hat." „Dann soll mich August bei Sonnenaufgang wecken," fügte meine Mutter hinzu, „ist die Schlempe ausgefreffen, mache ich noch neue, — die Henkersmahlzeit." „Die Sau wird sich rentiren," lachte mein Vater. //Die Sau wird sich ren . . . ., kicherte meine Mutter. //Die Sau, die Sau wird sich . . . meinem Bruder fielen die Augen zu, er fiel wie ein Plumpsack in die Ecke. //Dann können wir ja Alle schlafen gehen," sagte meine Mutter, „bei uns ist es in den langen Sommerabenden nicht üblich, erst noch die Lampe anzustecken." Wohl oder übel mußte ich mich fügen, eine halbe 148 ein. mich mit •SebactiMi: T. Echryda. — Druck und Verlag der Brühl'schen 8uiverfitätS-Bnch- und Gteindruckerci (Pietsch & Scheyda) ia Meßen. eine nach wie Bett um diese Zeit noch! Inzwischen hörte ich auch die Stimme meines Vaters, laute Begrüßungsscene folgte, schließlich schien Alles dem Stallgebäude zu marschiren; es wurde ruhig. Ich mich auf die andere Seite und schien jetzt die noth- versuchte ich vergeblich einzuschlafen, und als ich endlich in einen unruhigen Schlummer verfallen war, plagten mich wirre Träume. Ich war in die Bleikammer des Dogenpalastes in Venedig gesteckt worden, ich sollte eben einem der drei Männer im feurigen Ofen an Ort und Stelle angetraut werden, und was dergleichen warme Sachen mehr waren. Dann wieder hörte ich, wie ein Collegium gelehrter Männer unter dem Vorsitz von Professor Linde sich darüber unrerhielt, ob ich mich nicht unter Einwirkung einer genügend hohen Temperatur in flüssige Luft verflüchtigen lassen würde oder ob es für die Wissenschaft nicht vielleicht besser sei, wenn man mich als Versuchskaninchen in einem genügend geheizten Crematorium benutzte, — — in Schweiß gebadet wachte ich auf: fahles Dämmerlicht lag vor den Fenstern, der Tag graute. Da hörte ich unten schon polternde Tritte, laute Stimmen. Ich sah nach meiner Uhr, es war kurz vor vier! Nun, das war ja ebenso schlimm wie in der Großstadt, hier kommen die Leate ja auch erst bei Tagesanbruch aus der Kneipe nach Hause. Aber der Lärm wurde lebhafter, drei oder vier Hähne begannen zu krähen, Kühe blökten und das Geschnatter der Enten ertönte im Hofe. seit einem Jahrzehnt nicht zur Ruhe gegangen. Und was für ein Bett- es reichte aufgebettet fast bis zur Decke der niedrigen Stube, und als ich hineingeklettert war, — ich mollte mir zuerst eine Leiter holen! —, versank ich in den schwellenden Federkissen bis über beide Ohren. Es währte geraume Zeit, bis ich mich wieder so weit herausgekrabbelt hatte, daß ich Athem zu holen vermochte. Mit Ach und Krach warf ich drei der vier übereinander gethürmten Kopfkissen auf den Fußboden, die Last des centnerschweren Deckbettes vermochte ich aber nicht zu beseitigen. Lange Zeit Man stand also hier wirklich mitten in der Nacht auf, — sanft schlief ich sonst zu Haus in meinem behaglichen * * * Acht Tage später traf ich, noch halbkrank zu Hause wieder Mein Mann betrachtete mich mit prüfendem Blick. „Wars nett auf dem Schlachtefest?" fragte er und sah boshaft lächelnd an. „Ich habe mich vortrefflich unterhalten," antwortete ich bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung, „aber ich Schauder überlief mich, so schreit nur Jemand, der sich in Todesangst befindet, der gemordet wird! Mechanisch suchte ich mw die nothwendigsten Bekleidungsstücke, behing mich damit, so gut es ging und wandte mich zum Fenster. Mein Blick streifte den kleinen Spiegel, die Füße versagten mir den Dienst: — ja, gehörte denn dieses übernächtige aschgraue Gesicht, die tiefliegenden Augen, die zitternden Hände,-- gehörte den all das mir, war ich denn das noch? Wieder tönten laute Ruse empor, dazwischen ein Röcheln, ein nerven- zerrüttcndes Gestöhn. Ich stützte mich mit beiden Händen auf das Fensterbrett, meine Augen weiteten sich, ich brach kraftlos in einen Stuhl zusammen, denn vor mir sah ich eine Lache Blutes, einen dampfenden Körper, Menschen mit blitzenden Meffern .... Langsam nur klärte sich mir die Situation, endlich hatte ich mich aber so weit gesammelt, daß ich mir sagen konnte: „Das ist ja das Schlachtefest! Ein Schwein ist todtgestochen worden!" Aber die schlaflose Nacht, die Träume, der Schrecken waren mir derart in die ^lieber geiahren, daß ich wohl noch eine Stunde brauchte, ehe ich hinuntergehen konnte. Es hatte Niemand Zeit, sich um mich zu bekümmern. Schließlich aber brachte ich's doch zu einer Taffe Kaffee, die ich wohl oder übel hinabspülte. Dann kam mein Vater auf einen Augenblick. „So spät stehst Du zu Haus erst auf?" fragte er erlegte ... wendige Nachtruhe zu finden, ich fühlte deutlich, wie sich meine Augenlider schlossen, wie sich meine Athemzüge verlangsamten . . . ., als plötzlich, — ich fuhr jäh empor —, unten ein gellender Schrei — dann noch einer, — eine sammenhängende Kette von Schreien ertönte, die mir durch Mark und Bein gingen. Meine Haare sträubten sich, ein Hrrinsvistisches. Drohung. Mutter (zum kleinen Moritz, der sich nicht waschen lassen will): „Moritz, mach mich nicht bös, sonst j ziehe ich Dir auch noch ein frisches Hemd an!" werde eines Schlachtefestes wegen keine Reise mehr unternehmen. Wie ein Schwein geschlachtet wird, weiß ja nachgerade alle Welt. Mich interessirts auch nicht mehr. . . ." Centner." Meine Mutter erkundigte sich auch nach meinem Befinden. „So lange schlaft Ihr doch zu Haus nicht etwa?" meinte sie mit besorgter Miene, „dann würde ja Alles drüber und drunter gehen. Ich habe heute aber eine unbändige Freude, dieses Schwein hatte zwei Centner, — wie ich dies süße Vieh aber auch gefüttert habe!" Bruder August tauchte zum Schluß ebenfalls auf. „Du schläfst ja keine schlechte Naht zusammen. Bei dieser Faulpelzerei würden wir hier auf keinen grünen Zweig kommen. Weshalb hast Du Dir denn nicht das Abstechen angesehen? Na, weißt Du, so'n Schwein von zwei Centnern könnt' ich jeden Morgen, Mittag und Abend schlachten." Inzwischen war nebenan der Frühstückstisch angerichtet worden. Vergebens sträubte ich mich, mit daran Platz zu nehmen, mein Hinweis, daß ich doch eben erst Kaffee getrunken habe, wurde gar nicht beachtet. Ich wurde einfach auf einen Stuhl geschoben und neben mich setzte sich der Schlächter, der mich von Jugend auf kannte. Ein Schauder überlief mich, als ich die biutbespritzte Schürze erblickte. „Na, nu feste ran, Madameken," meinte er, indem er von der Schüssel ein dampfendes Stück nahm, „hier, ich werde cs Ihnen reichen," — und damit warf er mir einen mächtigen Brocken des fetten „Wellfleisches" auf den Teller. Ich nahm meine letzte Kraft zusammen, säbelte mit dem Messer ziel- und zwecklos in der weichen Maffe herum und „markirte" dann das Essen. Ich verbarg meine Verlegenheit, so gut ichs vermochte, aber ich konnte doch nicht verhindern, daß mir einige Tröpflein Angstschweiß von der Stirne rannen. „Madameken, bet sind Sie »ich mehr jewohnt," sagte der Schlächter, dem meine Leichenbläffe aufgefallen war, während sonst Alles mit Schneiden, Kauen, Schlingen beschäftigt war. „Da jehört een ordentlicher Branntwein druff." Und er nahm eine der auf dem Tisch stehenden Flaschen und schenkte sich und mir eine klare, fast wasserhelle Flüssig feit ein. „Kornschnaps," erläuterte er, „echter Land - Kornschnaps, — na, Sie sollen leben . . . ." und er goß den Inhalt des Glases in einem Zuge hinunter. „Sie sollen leben . . . ." wiederholte ich mechanisch. Nun, wenn der Mann ein ganzes Glas in einem Zuge leerte, konnte ich doch ein Schlückchen .... Ich nahm etwa einen Fingerhut voll — —, mein Himmel, was war das! Ich pustete, prustete, — Feuer strömte durch meine Kehle, der glühende Lavastrom ergoß sich, Alles verheerend, in meinen Magen. „Scheidewasser," stöhnte ich, „Scheidewasser, wie könnt Ihr mir Scheidewasser geben . . . ." Dann kam die wohlthätige Ohnmacht! Stunde später lag ich schon im Bett. So zeitig war ich! staunt. „Da werdet Ihr nicht weit kommen. . . . Aber ' " 1 3 ba§ Schwein, das war ein capitaler Kerl, ausgerechnet zwei