Muttersohn. Roman von Arthur Zapp. (Fortsetzung.) „Damals war ich unvernünftig," entgegnete Otto mit unbeugsamer Entschiedenheit — und dachte nur an mich. Heute Habe ich einen anderen Ehrgeiz, Mutter. Er läßt mir keine Ruhe, bis ich an Euch wieder gut gemacht habe, was Ihr für mich geopfert habt. Nein, Mutter, quäle mich nicht! Es ist mein fester, unabänderlicher Entschluß." Und in der That, er zeigte sich allen Bitten und Thränen der Mutter gegenüber unempfindlich.' Kaum Staatsbeamter geworden, nahm er bereits wieder seine Entlassung aus dem Staatsdienst und nun wandte er sich schriftlich und persönlich an eine Anzahl Versicherungsgesellschaften, während er sich zugleich zur Vorbereitung theoretisch emsig mit dem Studium des Versicherungswesens beschäftigte. Ein Herzensbedürfniß war es ihm, Carl recht oft in seiner Häuslichkeit und in seinem Geschäft zu besuchen. Die Wunden, welche die Zeit der schärfsten Gewissensqual ihn geschlagen, waren noch nicht geschlossen, und es war die beste Linderung der in ihm noch leise fortglimmenden Schmerzen, wenn er sich an dem Anblick von Carls stillem häuslichen Glücke weiden, wenn er seine Gewissensregungen mit dem Tröste beschwichtigen konnte: „Es hat ihm nicht geschadet, er ist heute glücklicher als zuvor." Und wirklich, Carls Antlitz hatte nie so froh gestrahlt, wie in den ersten Tagen nach seiner Entlassuug aus dem Untersuchungsgefängniß, nie hatte ihm ein so inniges Glücksgefühl aus den Augen geleuchtet als jetzt, wo er nach wochenlanger Entbehrung Frau und Kind wieder hatte und Slff Wer u wirst es nie zu Tücht'gem bringen f Bei Deines Grames Träumerei'n, Die Thränen lassen nichts gelingen, schaffen will, muß fröhlich fein. Wohl Keime wecken mag der Regen, Der in die Scholle niederbricht, Doch golden Korn und Erntesegen Reift nur heran bei Sonnenlicht. Th. Fontane. ' nie hatte er mit so unermüdlichem Eifer sich seinem Geschäfte gewidmet. Halbe Nächte saß er bei seinen Geschäftsbüchern auf und seine Arbeitslust kannte keine Grenzen. Umsomehr befremdete es Otto, als er eines Nachmittags bei Carl eintrat und ihm Niemand wie sonst freudig entgegeneilte. Frau Helene saß auf dem Sopha und hielt ihren kleinen Sohn auf dem Schooß, der ganz gegen seine Gewohnheit ein stilles, eingeschüchtertes Wesen an den Tag legte. Das Gesicht der jungen Mutter trug deutliche Spuren von vergossenen Thränen. Carl stand am Fenster, seine Mienen zeigten einen scheuen, düsteren Ausdruck,- zögernd, mit müden Bewegungen ging er seinem Bruder ein paar Schritte entgegen. Otto stand erstaunt still und sah fragend von Einem zum Anderen. Aber Carl wich seinem Blicke aus und Helene beugte sich tief hinab und verbarg ihr Gesicht an der Schulter ihres Kindes. „Was habt Ihr denn?" fragte Otto endlich, und eine unbestimmte, leise Unruhe regte sich in seiner Brust. Carl seufzte tief auf, strich mit der Hand über die Stirn und in seinen Blicken, die sich endlich zu dem Bruder erhoben, drückte sich ein tiefer, seelischer Schmerz, eine bei ihm doppelt auffallende Muthlosigkeit aus. „Ich bin noch immer nicht freigesprochen, Otto," kam es gepreßt aus der schwer athmenden Brust herauf. Der Jüngere verfärbte sich jäh. „Nicht frei ... ich ... ich verstehe Dich nicht, Carl." „Der Richter hat mich freilich freigesprochen," fuhr Carl in demselben, dumpfen, klanglosen Ton fort, aber in den Augen meiner Geschäftsfreunde bin ich immer der Angeklagte, der Verdächtige." Otto ließ sich schwer auf den Stuhl nieder, den Frau Helene, ihren Knaben auf das Sopha setzend, herbeitrug. Er hatte das Gefühl, als wanke der Boden unter seinen Füßen. „Wie . . . wie meinst Du denn das?" stammelte er und neigte sich weit zu dem kleinen Fritz hinüber, um die flammende Gluth, die ihm ungestüm ins Gesicht schoß, von den Anderen nicht sehen zu lassen. Carl hatte angefangen rastlos im Zimmer auf und ab zu schreiten. „Du weißt," erklärte er jetzt," „daß ich mich nach einem Campagnon umgesehen hatte, um die Fabrikation des von mir construirten Brenners im Großen zu betreiben. Ich hatte auch bereits einen Passenden Mann gefunden, mir waren über alle Bedingungen einig und der Contract — 82 davon. Otto hatte bei eirem größeren Bankinstitut eine für seine Verhältnisse glänzend dotirte Stellung als juristischer Berather und Vertreter erhalten. Das Erst war, daß er den Eltern eine monatliche Pension bezahlte, die den Werth der von ihm empfangenen Verpflegung weit überstieg. Dann ging er mit sich zu Rathe, wie er an Carl einen kleinen Theil der schweren Schuld, die er ihm gegenüber auf dem Herzen hatte, abtragen könnte. Diese Frage war nicht so leicht zu lösen, denn der früher so muntere, offenherzige, lebensfrohe Mann hatte sich in einen verschlossenen, mißtrauischen und unzugänglichen Grillensänger verwandelt. Die Schatten des Verbrechens, unter dessen Verdacht er in Untersuchungshaft gesessen hatte, verdüsterten sein Leben. Die trübe Erfahrung, von der er seinem Bruder in so verzweifelter Stimmung berichtet, hatte einen so verbitterten und argwöhnischen Seelenzustand in ihm erzeugt, daß er sich überall, auch da, wo es gar nicht der Fall war, von Voreingenommenheit, Mißtrauen und Gehässigkeit umgeben sah. Die Folge davon war, daß er sich scheu von jedem gesellschaftlichen Verkehr zurückzog. Er mied den Umgang seiner Verwandten und Freunde, in deren Mienen er Geringschätzung oder mindestens beleidigenden Zweifel zu lesen glaubte. Sah er auf der Straße in seiner Nachbarschaft zwei Menschen zusammenstchen und sprechen, so huschte er mit scheuem Blick vorüber, denn seine krankhafte Einbildung spiegelte ihm vor, daß von ihm und von dem auf ihm lastenden Verdacht die Rede war. Folgte einer seiner Gehilfen in der Werkstatt nicht blindlings seinen Anweisungen, so legte er das, was oft nur Unachtsamkeit oder Saumseligkeit war, für mangelnden Respect aus. Ja, auch in seinen geschäftlichen Beziehungen spukte die unglückselige Geschichte hinein. Die Reisenden der Concurrenz entblödeten sich nicht, den Fall Köster zum Schaden des Unglückseligen auszubeuten. Sie erzählten bei allen Kunden, bei denen sie vorsprachen, achselzuckend die Geschichte von der Freisprechung Carl Kösters. Er sei ja aus der Haft entlassen, . . . freilich . . . aber so ganz rein und zweifelsohne sei die Geschichte doch nicht. Ein Freispruch wegen mangelnder Beweise, das sei eigentlich gar kein Freispruch. Jedenfalls thäte man gut, sich von jeder geschäftlichen Verbindung mit einem Manne fernzuhalten, der eigentlich noch immer unter einem entehrenden Verdacht stände. Wenn dann Carl bei den Kunden vorsprach, um nach Bestellungen zu fragen, so sah er scheele, unfreundliche Mienen $unb hörte mehr als einmal anzügliche Reden. In solchen Fä'uen Pflegte er zornig und grob aufzufahren und zu einem Geschäftsabschluß kam es unter diesen Umständen natürlich nur selten. Ueberhaupt gewöhnte sich der sonst gutmüthige Mann ein kurzangebundenes, barsches Wesen an, hinter dem sich die Scham und der Schmerz seiner reinen, empfindlichen Seele barg. Die Wirkung aller dieser Verdrießlichkeiten und niederdrückenden Erfahrungen war, daß Carl seinen ganzen Waarenvorrath zum Herstellungspreise losschlug, Wohnung und Werkstätte kündigte und an das entgegengesetzte Ende Berlins, in die Bergmannstraße, unweit des Halle'schen Thores übersiedelte. Hier durfte er hoffen, freier aufathmen zu können, denn wenn man auch von dem Prozeß wegen des ihm zur Last gelegten Diebstahls aus den Zeitungen wußte, so war doch kaum anzunehmen, daß man sich hier, wo man ihn nicht persönlich kannte, seines Namens erinnern würde. Zugleich warf er sich auf eine neue Fabrikationsbranche. Seinen Meteorbrenner legte er vorläufig seufzend bei Seite. Er wollte vorderhand gänzlich mit seiner Vergangenheit brechen und sich einen neuen Kundenkreis, der ihn noch nicht kannte, erwerben. Freilich, mit dem schönen Traum von schnellem Emporkommen, von Wohlhabenheit und der Erreichung hoher, ehrgeiziger Ziele war es vorläufig vorbei. Nun hieß es, noch einmal von vorn anfangen. Im Hintergrund aller seiner Wünsche und Zukunftshoffnungen stand aber immer das Eine: den Thäter den wirklichen * * sollte geschlossen werden, als die . . . die unglückselige Ge- ! schichte dazwischen kam. Während der ersten vierzehn Tage nach meiner Freilassung kam ich nicht dazu, die Verhandlungen mit dem Mann wieder aufzunehmen. Es war so viel Näherliegendes zu ordnen. Erst heute suchte ich den Geldmann auf. Ich fand ihn ganz gegen mein Erwartung zugeknöpft, unzugänglich. Er wollte von dem Compagnie- aeschäft mit mir nichts mehr wissen. Er habe stch die Sache überlegt, er sei nicht mehr vom Gelingen überzeugt. Aber wir waren doch vollkommen einig, entgegnete ich thm. Sre sahen doch dem Geschäft vor vier Wochen noch mit so großen Hoffnungen entgegen. Ja, das war damals, meinte er, aber heute liegt doch die Sache wesentlich anders. Wieso? fragte ich, immer noch ohne die geringste Ahnung, wieso heute? Nach Ihrem Prozeß, entgegnete er mir, und nun sah ich, daß mich das Urtheil des Richters m Wahrheit nicht freigesprochen hat. In den Augen meiner Geschäftsfreunde, meiner Nachbarn gelte ich noch immer als der Verdächtige, wenn nicht als der Schuldige. Der Credit, das Vertrauen ist verloren und doch, ich schwör' Dir's, Otto, doch bin ich schuldlos, meine Hand ist rein. Ich habe nichts mit dem Diebstahl zu schaffen, so wahr ich meine Frau und mein Kind lieb habe." Die Stimme des Sprechenden brach und er, der selbst am Tage des Gerichts seine Fassung bis zum letzten Augenblick bewahrt hatte, wars sich wie vernichtet in seinen Stuhl am Schreibtisch, und zwischen den Händen, die er vor das Gesicht geschlagen hatte, drang ein Laut hervor, der stch wie verhaltendes Schluchzen anhörte. Der kleine Fritz stimmte ein lautes, klägliches Geschrei an. , Die unheimliche Stille, die mt Zimmer herrschte, und die Thränen, die er in den Augen seiner Mutter sah, bedrückten und ängstigten den armen kleinen Kerl. Otto saß regungslos, wie zerschmettert auf seinem Stuhl. Jedes Wort des Bruders traf ihn wie ein Dolchstoß. Der tiefe, fassungslose Schmerz des Schwergeprüften wälzte von Neuem einen schweren, dumpfen Druck auf seine Brust. Eine siedende Hitze flackerte in ihm auf. „Carl", sagte er und sprang auf seine Füße und eilte zu ihm - „beruhige Dich, Carl! Ich will hin. Wie heißt der Mann, wo wohnt er? Ich will mit ihm sprechen, ich will ihm sagen ..." Carl erfaßte die Hand des Bruders, bte auf seiner Schulter ruhte, und drückte sie herzlich. „Ich danke Dir, Otto" — erwiderte er und erhob die in feuchtem Glanz schwimmenden Augen zu ihm — „ich danke Dir von Herzen. Aber laß nur! Es würde ja doch nichts nützen. Die Ueberzeugung, daß ich unschuldig bin, kannst Du ihm ja doch nicht b-ibringen, wenns die Verhandlung nicht gethan hat. Dein und der Eltern Zeugmß vor Gericht. Ja, wenn man den Schurken fassen könnte, den Dieb, der's gethan hat, für dessen feige, gemeine That ich so viel leiden muß, wenn man den fassen und überführen könnte. Ja dann! . . . Du Otto, Du hast schon so titel für mich gethan . . . damals auf dem Gericht ... Du weißt ja nicht, wie mir zu Muthe war ... auf den Knieen hätt' ich Dir danken mögen ... das vergeß' ich Dir nie, Otto, nie in meinem ganzen Leben." Er schlang, überwältigt von seinem Gefühl, den Arm um des Bruders Hals und zog seinen Kopf zu sich herab. Doch Otto riß sich heftig los, gerade, als Carls Lippen seine Wange streiften. Der kalte Schweiß, den ihm dte folternde Seele erpreßte, stand ihm auf der Stirn. Wie ein Schandmal, das ihm mit glühendem Eisen aufgedrückt worden, brannte ihn des Arglosen Kuß. „Nein . . . nein!" schrie er auf, unfähig länger Stand zu halten. Er riß seinen Hut an sich und stürmte ■— 83 — E>ieb einst entdeckt zu sehen. Erft dann durfte er hoffen, wieder völlig rehabilitirt zu werden, gesellschaftlich und geschäftlich, erst dann würde der furchtbare Alb, der ihm jedes freiere Aufathmen und Regen wehrte, der ihm jede Lebensfreude verkümmerte, von ihm weichen und er durfte wieder zu Jedem die Augen aufschlagen und unter ehrlichen Menschen sich frei bewegen, als ehrlicher Mann. Leider konnte er nichts, gar nichts thun, um diese Hoffnung zu verwirklichen, um dieses Glück, nach dem er sich mit allen Fibern seiner Seele sehnte, herbeizurufen. Geduldig mußte er abwarten, bis Zeit und Zufall es ihm bescheerten. (Fortsetzung folgt.) Electrische Fische. Von Dr. W. Ebing. ------- (Nachdruck verboten.) KO. Ein sogenannter Weltenbummler erregte vor einiger Zeit bei Sichen in Berlin durch seine Erzählungen über Südamerika nicht geringes Aufsehen bei seiner Tischgesell- schäft. Eines Tages, so erzählte der Vielgereiste, nahm ich mit einem Freunde ein Bad in einem kleinen Nebenflüsse des Amazonenstromes. Wir befanden uns noch in der Nähe des Ufers, hatten noch festen Boden unter den Füßen, da Plötzlich sank mein Freund lautlos unter. Erschrocken eilte ich zu der Stelle, wo er so jäh verschwunden war und holte mit vieler Mühe den anscheinend Leblosen an die Oberfläche und schleppte ihn an das zum Glück nahe Ufer. Im Glauben, daß ihn ein Schlagfluß getroffen habe, begann ich in Ermangelung von andern Mitteln, über die Schenkel über den Kniren fest zu umbinden, als er sich bewegte, die Augen aufschlug und dann nach kurzer Frist sich aufrichlete mit den Worten: „Der Teufel hole das verfl .... Thier!" Mein Erstaunen legte sich auch dann noch nicht, als er mir erklärte, daß er mit einem mächtigen Zitteraal in Berührung gekommen wäre und dieser ihn durch einen mächtigen Schlag betäubt hätte. Ich muß gestehen, daß Naturgeschichte und zumal die der Fische eine schwache Seite bei mir war. Ich ruhte aber nicht eher, als bis ich über diese Art von Fischen das Nöthige in Erfahrung gebracht hatte und ich genau wußte, daß es drei Arten von electrischen Fischen gebe, von denen der Zitteraal der größte und gefährlichste sei, und daß die Furcht der Eingebornen vor diesem Fische groß und wohlbegründet sei, indem sie oft genug die unheimlich wirkende Kraft derselben empfinden. Kann doch, fuhr der Erzähler fort, in manchen Gewässern wegen der Häufigkeit dieser Thiere gar nicht gebadet werden, und es ist sogar schon vorgekommen, daß man eine Straße, welche das seichte Bett eines Flusses durchquerte, verlegen mußte, weil in dem Flusse die Zitteraale sich so vermehrt hatten, daß alljährlich Viele der durchwatenden Maulthiere durch electrische Schläge getödtet wurden. Jetzt erhob sich von verschiedenen Seiten Murren des Zweifels, selbst des Empörtseins. Lassen wir den Streit am Biertische auf sich beruhen, und sehen wir zu, was die Wissenschaft sagt, und zwar einer derselben: Alexander von Humboldt. Dieser große Gelehrte schreibt über den Zitteraal wörtlich: „Die Amerikaner hassen den Zitteraal, weil er bei weiten mehr Fische tödtet, als verzehrt. Das Merkwürdigste an ihm ist das Organ, vermittelst dessen er electrische Schläge nach seinem Belieben austheilt. Dasselbe erstreckt sich längs der ganzen Unterseite des Schwanzes und enthält eine Menge kleiner häutiger Zellen, die mit Protoplasma angefüllt sind. Es wäre verwegen, sich den ersten Schlägen eines ungeschwächten und gereizten Zitteraals auszusetzen. Erhält man einen solchen ersten Schlag, so erfolgen furchtbare Betäubungen und Schmerzen. Ich erinnere mich nicht, durch Entladungen einer Leidener Flasche je eine so furchtbare Erschütterung erlitten zu haben, als die war, da ich unvorsichtiger Weise einst beide Füße über einen Zitteraal legte, der eben aus dem Wasser gezogen war." Die Eingeborenen haben also Recht, wenn sie diesen oft anderthalb Meter langen Feind fürchten und ihn tödten, wo sie nur eben können. Sehr oft wird daher Jagd auf denselben gemacht, und A. von Humboldt beschreibt eine solche in nachfolgender, hochinteressanter Weise: „Die Indianer sagten mir eines Tages, sie wollten den fürchterlichen Aal mittels Pferden fangen. Darauf liefen sie eiligst davon und kamen in kurzer Zeit aus der Steppe zurück, wovon sie ungezähmte Pferde und Maulthiere zusammen getrieben hatten, brachten ihrer etwa dreißig und jagten sie ins Wasser. Der ungewohnte Lärm vom Stampfen der Rosse trieb die Fische aus dem Schlamm hervor und reizte sie zum Angriff. Der Kampf zwischen den so verschiedenen Thieren gab ein höchst malerisches Bild. Die Indianer mit Wurfspeeren und langen, dünnen Rohrstäben stellten sich in dichter Reihe um den Teich, einige bestiegen die Bäume, deren Zweige sich wagerecht über die Wasserfläche breiteten. Durch ihr wildes Geschrei und mit ihren langen Rohren scheuchten sie die Rosse ins Wasser zurück, wenn sie sich ans User flüchten wollten. Die Zitteraale, betäubt vom Lärm, vertheidigten sich durch wiederholte Schläge. Lange schien es, als sollte ihnen der Sieg verbleiben. Mehrere Pferde erlagen den unsichtbaren Streichen, von denen die wesentlichsten Organe allerwärts getroffen wurden. Betäubt von den unaufhörlichen Schlägen, sanken sie unter. Andere, schnaubend, mit gesträubter Mähne, wilde Angst im starren Auge, rafften sich wieder auf und suchten dem um sie tobenden Ungewitter zu entkommen, wurden aber von den Indianern wieder ins Wasser zurückgetrieben. Einige aber entgingen der Wachsamkeit der Fischer, gewannen das Ufer, strauchelten jedoch bei jedem Schritt und warfen sich in den Sand, zu Tode erschöpft und mit erstarrten Gliedern. Ehe fünf Minuten verflossen, waren drei Pferde ertrunken. Der anderthalb Merer lange Aal drängt sich dem Pferde an den Bauch und giebt ihm nach der Länge seines electrischen Organes einen Schlag, von dem das Herz, die Eingeweide und die Bauchnerven besonders betroffen werden. Derselbe Fisch wirkt so weit stärker auf ein Pferd als auf den Menschen, wenn dieser ihn nur mit der Hand oder dem Fuße berührt. Die Pferde wurden ohne Zweifel nicht todtgeschlagen, sondern nur betäubt, sie ertranken, weil sie sich nicht aufraffen konnten, solange der Kampf zwischen den andern Pferden und den Zitteraalen fortdauerte. Aber allmählig nahm die H>tze des ungleichen Kampfes ab, und die erschöpften Aale zerstreuten sich. Sie bedurften jetzt langer Ruhe und reichlicher Nahrung, um den erlittenen Verlust an galvanischer Kraft wieder zu ersetzen. Die Indianer versicherten, wenn man Pferde zwei Tage hintereinander in die Lache laufen lasse, welche sehr viele Zitteraale beherbergt, ginge am zweiten Tage kein Pferd mehr zu Grunde. Maulthiere und Pferde verriethen dann weniger Angst, ihre Mähne sträubte sich dann nicht mehr, und ihr Auge blickte ruhiger. Die Aale kamen scheu ans Ufer geschwommen, und hier fing man sie mit kleinen, an langen Stricken befestigten Wurfspeeren. In wenigen Minuten hatten wir fünf große Aale gefangen, die meisten waren nur leicht verletzt." Soweit Alexander von Humbold. Es ist wunderbar, daß nur Fische mit dieser Art von Waffe ausgerüstet sind und kein anderes Thier der Schöpfung, auch der Mensch nicht. Es ist dieses um so auffallender, als die Fische in einer Flüssigkeit leben, welche der Erregung der künstlichen Electricität so sehr entgegen ist. Und unter den zahlreichen Arten von Fischen kennen wir drei, welche mit dieser Waffe versehen sind. Nach dem Zitteraal ist der Zitterrochen der bekannteste electrische Fisch, der schon den alten Griechen und Römern bekannt war, und welche sich seiner zur Heilung von 84 Gicht vnd rheumatischen Kopfschmerzen bedienten. Dann folgt der Zitterwels, der im Nil, im Senegal und andern afrikanischen Flüssen lebt und bis zu 50 bis 60 Centimeter lang wird. Der electrische Schlag dieses Fisches ist nicht von bedeutender Kraft, er vermag nur sehr kleine Thiere zu lähmen, beziehungsweise zu tödtcn. Wenn auch außer den genannten Fischen kein anderes Thier electrische Schläge auszutheilen vermag, so sind doch viele derselben empfindlich, sogar sehr empfindlich gegen die electrische Einwirkung der Atmosphäre. Gewöhnlich wird der Laubfrosch in ein weites Einmachglas gesperrt, das zum Theil mit Wasser gefüllt ist, aus dem eine kleine hölzerne kleine Leiter bis an die mit Gaze überzogene Oeff- nung des Glases emporragt. Läßt der Frosch von der Spitze der Leiter seine angenehmen Töne erklingen, so tritt schlechtes Wetter ein, sitzt er aber unten so bleibt die Witterung gut. Der beste aller Propheten ist wiederum ein Fisch, und zwar der Wetterfisch, auch Schlammschmerle oder Schlammbeißer genannt. Dieser Fisch ist so empfindlich gegen die electrischen Einwirkungen der Luft, daß er sich schon 24 Stunden vor einem Gewitter sehr unruhig geberdet: Sonst immer unten im Schlamm, kommt er bei drohendem Gewitter aber an die Oberfläche, und da solches eben nur beim Anzuge eines Gewitters geschieht, ist sein Erscheinen die sicherste Prophezeiung. In Norddeutschland, wo dieser Fisch häufig vorkommt, wird er von den Landleuten auch vielfach als Wetterprophet in einem mit Wasser gefüllten Glase gehalten, dessen Boden etwa 5 Centimeter hoch mit Kies bedeckt ist. Man gießt ihm Semmelkrümmchen als Futter, und im Sommer wöchentlich zweimal, im Winter einmal frisches Wasser. Er wird bis zu 30 Centimeter lang und läßt sich auch in Büchsen mit feuchten Wassermoos lange lebend erhalten und versenden, wie er denn auch, wenn das Wasser, in dem er lebt austrocknet, sich in den feuchten Schlamm verkriecht und hier bessere, d. h. feuchtere Zeiten abwartet, ähnlich tote viele Tropenfische. In Bezug auf die Electricität der Luft sollen sich der Steinbeißer und der Wels ebenso verhalten, wie der vorgenannte Wetterfisch oder Schlammbeißer. Schuhe wasservicht zu mache«. Eines der besten Mittel zur Wasserdichtmachung des Schuhwerks und Conser- virung des Leders ist das Ricinusöl. Dasselbe füllt nicht nur die Poren des Leders aus, sondern macht dasselbe auch weich und geschmeidig. Bon neuem Schuhwerk sollten die Sohlen stets mit gekochtem Leinöl, so oft als sie davon ein ziehen, das Oberleder dagegen mit Ricinusöl warm eingerieben werden. Dadurch wird das Schuhwerk nicht a ein wasserdicht, sondern auch weit dauerhafter gemacht. Sohlen, die gehörig mit Leinöl behandelt werden, halten fast noch einmal so lange, als solche, die keine solche Zubereitung erfahren. Dies ist besonders für größere Familien, in denen das Schuhwerk eine nicht unbedeutende Ausgabe erfordert, von Wichtigkeit. Da Ricinusöl billig ist, besonders wenn man cs beim Materialisten kauft, und man auch nur wenig braucht, ebenso das Leinöl, so lohnt sich die geringe Ausgabe für die Präparirung des Schuhwerks sehr gut. Auch durch folgende Mischung werden die Schuhe »rasserdicht. Harz 5 Gewichtstheile, gelbes Wachs 125 Gewichtstheile, Hammelfett 125 Gewichtstheile, Mohnöl 500 Gewichtstheile. Man schmilzt diese Stoffe über einem Kohlenfeuer, um das Anbrennen zu vermeiden, rührt sie bann gut durcheinander und trägt sie noch warm mit einer Bürste auf das Leder (mit Einschluß der Sohlen) auf. Bon dieser Mischung, die in England patentirt ist und viel gebraucht wird, wird gerühmt, daß sie das Leder nicht nur vollkommen wasserdicht mache, sondern auch conservire. * Der Rasen im Hausgarten bietet einen vortrefflichen Anblick, wenn bei gutem nahrhaften Boden in sonniger Lage eine Mischung von 3 Theilen Lolium perenne L. (englisches Ray gras), 3 Theilen Poa pratensis L. (Wiesenrispengras), 3 Theilen Agrostis stolonivera B. Meyer (Fioringras) zum Ansäen verwendet wurde. Für schweren unfruchtbaren Thonboden eignet sich eine Mischung von 2 Theilen Phleum prateuse L. (Thimvtheusgras), 2 Theilen Poa trivialis L (gemeines Rispengras), 2 Theilen Alopecurus pratensisL. (Wiesenfuchsschwanz), 2 Theilen Bestuea pratensis Huds. (Wiefenschwmgel) und 1 Theil Poa nemoralis L. (schmalblätteriges Rispengras). Durch letztere Mischung tarnt zwar kein feiner Rasen, aber doch eine dauerhafte grüne Decke hergestellt werden, wenn über dem unfruchtbaren Boden eine 20—25 Centimeter hohe Schicht fruchtbare Ackererde ausgebreitet wird. Man säet im März, April und Mai bei ruhigem, windstillen Wetter. Auf 1 Quadratmeter rechnet man etwa 25—30 Gramm. Nach dem Säen wird gewalzt ober mit an ben Füßen befestigten Brettern festgetreten und alsbann täglich gespritzt. * * Wenn die Suppe angedrannt ist! Ungebrannte Suppen unb Gemüse rührte mm nie um, sonbern nehme ben Topf schleunigst vom Feuer, setze ihn in eine Wanne voll kalten Wassers, unb lege unter ben Topfboben, in das Wasser, einen alten wollenen Lappen. Der Branbgeruch ist nach zehn Minuten verschwunben, man bringt bann bas Essen in einem anberen Hafen zum Kochen. * * • Regenschirme lange zu erhalte«. Man stelle bie naßgeworbenen Schirme zum Abtropfen mit dem Griff auf die Erde und zwar geschloffen, jedoch nicht geschnürt. Erst nachdem er genügend abgetropft ist, darf der Schirm zur völligen Verdunstung der Feuchtigkeit aufgespannt werden. Stellt man ihn mit der Spitze auf den Boden, wie meist geschieht, dann leibet bas Gestell von bet Nässe, so baß ein baldiges Rosten unb Brechen der Stäbchen die unvermeidliche Folge ist. * # Suppe aus Weitzkohlvlätter«. bereinigte in Salzwasser gebrühte Kohlblätter werden fein gehackt, etwas Mehl in Butter hellgelb geröstet, das Gehackte darin gedämpft, Fleischbrühe daran gegossen, damit gekocht, über gebähte Weckschnitten angerichtet, Muskatnuß darauf gegeben und mit einigen Eigelben abgezogen. Zuletzt kommt noch gebackener Kohl in die Suppe, ben man wie folgt zurichtet: Ein festes Krauthäuptchen wird mit ben zur Suppe nöthigen Kohlblättern in Salzwaffer gebrüht, ausgebrückt, in Schnitzchen geschnitten, biese in einem guten Pfannkuchenteich umge- toenbet unb in Schmalz gebacken. Hrrinsmstisches. Liebenswür bige Bereitwilligkeit. Onkel: Na, hier hast Du bie erbetenen hunbert Thaler!" — Junger Advocat: „Onkelchen, wie bin ich Dir bankbar! Ich wünsche nur, ich könnte Dich einmal gegen einen Raubmordverbacht vertheidigeu!" * * Richter! „Ihr seib also bes Holzbiebstahles vollkommen Überwiesen. Würbet Ihr wegen eines betartigen Vergehens schon einmal abgestraft?" — Angeklagte: „Rein, Herr Richter, bis jetzt hat mich, Gott sei Dank, noch Nicmanb habet erwischt.' Madien: Ä. Scheyda. — Druck und »erlag der Brühl'schen Univerfitäts-Buck- und Stcindruckerei (Pietsch & Scheyda) in