1898. »U «jmJ sw W ÄImIi b ich auch Leid zu tragen habe, An deiner Liebe zweifl' ich nicht: Selbst Schatten sind der Sonne Gabe, Noch mild umspielt von ihrem Licht. I. Lohmeper. Felsgarten. Roman von Clara Bucker. (Fortsetzung) Franz lachte amüsirt. „Denk' mal, als wir kamen, mußten wir durch lauter ungeheizte Besuchszimmer. Die Möbel steckten in Bezügen. Bestürzt genug dirigirten sie uns in einen Wohnraum mit Korbstühlen und Oeldrucken an den Wänden — famos." „Professor Bauer wohnt auch so," entgegnete der Zuhörer, aber der sieht rührend dazwischen aus, als ob das noch zu elegant für ihn wäre." „Ja, das bescheidene Männchen würde in einer Erdhöhle noch Respcct einflößen, aber solche eingebildete Sorte, die immer thut, als könnten sie bloß von Silber essen, muß mal hineinfallen. Herr Weber, würdig wie ein Dorfschulze, sagte wohl zehnmal: Meine liebe Frau kommt gleich! Ja, als sie kam, trug sie einen mäusegrauen Morgenrock und erst die Hälfte ihrer Haarfrisur,- ich vermuthe, die andere Portion wurde im Toilettenkasten vor den Küchendämpfen geschont, denn Mama kocht selbst, natürlich aus Liebhaberei, versicherte das Fräulein Tochter." „Das Balg!" sagte Heinrich. „O Du, sie war famos angezogen und trug Husarenschnüre am Kleide, in die sie beim Sprechen die hübschen Hände verstrickte, und jeden Satz fing sie wie ein Lieutenant an: Gnä' Frau, gnä' Frau! Dazu lehnte und balancirte sie in ihrem Korbstuhl mit großem Geschick, er knarrte nicht ein einziges Mal." „Was sagte Mama denn dazu?" „O, Du kennst Mama, wenn sie ihre großen Augen macht. Sie sieht dann aus wie ein junges Mädchen, das Mädchen neben ihr schien die Weltdame zu sein. Nachher waren wir beim Oberbürgermeister. Da dichteten die Töchter Cotillonverse für ihre nächste Gesellschaft, Frau ; Oberbürgermeister zankte sich mit den Dienstboten von ihrer Chaiselongue aus, und er that wichtig, als hätte er das Weltall auf den Schultern." „Und die Jungen?" „Na, die waren allein in ihrer Stube. Wer kümmert sich bei Denen um die Jungen, das ist doch schon immer so gewesen." „So höre man endlich mit Deiner Gesellschaft auf. Da sind mir meine Meerschweine und Karnickel lieber. Gestern habe ich ein feines Lapin bekommen, der Stine ihre Mutter ist Waschfrau, die hat mirs gebracht. Ich habe ihr dmür einen von meinen Finken geschenkt." „Nächstens wirst Du Deine Landwirthschaft im Keller ja vollständig haben," neckte Franz. Heinrich streckte den Arm, der nackt aus dem zu kurz gewordenen Aermel seines Nachthemdes hervorsah, gegen den Bruder. „Ich wollte, wir wären in Felsgarten! Statt Eurer Besuche könnten wir wohl einen Nachmittag hinausfahren." „Jetzt im Winter? Du willst wohl Schneemänner bauen?" „Besser, als Mätzchen vor solchem Volk machen," erklärte Heine. „Heute Morgen könnte die frische Luft da draußen allerdings verführen," sagte Franz. „Wenigstens den Kopf will ich jetzt in kalt Wasfer tauchen — mir scheint, das wäre Dir ebenfalls zu empfehlen." Heinrich knurrte bloß undeutlich. „Horch," fuhr Franz fort, „was Ernestine draußen poltert! Doch sicher in Deiner Plantage!" Mit einem Satz war der Jüngere aus dem Bett. Denn in Cigarrenkisten und Blumentöpfen zog er allerlei Gewächse auf, im Sommer draußen auf dem Blumenbrett, im Winter drinnen am Küchenfenster, und wehe dem, der daran rührte. Frühling war es. So ein herber, trotziger Frühling, da das Werden gleichsam in der Luft liegt, obwohl die braunen Erdschollen nur erst durch ihren kräftigen Dunst das Treiben und Sprießen verrathen, die grünen Wintersaaten den künftigen Mai erst ahnen lassen und Baum wie Strauch noch struppig, aber urvergnügt im Märzhauch schaukeln — kurz, solch ein nördlicher Frühling, den Flegeljahren unserer vielversprechenden, kraftstrotzenden Jungen zum Verwechseln ähnlich. Heinrich durfte nach Felsgarten hinaus, während Mama mit Franz zum Onkel nach Hohenried fuhren. 410 Er trabte seinen Weg zn Fuß, froh, endlich einmal auf eigene Faust selig sein zu können, wobei er sich, wie ein junger, täppischer Hund, die halbe Meile verdoppelte. Förster Körber nahm ihn auch in diesem Sinne in Empfang, es fehlte bloß, daß er ihn am Genick in die Höhe gehoben und geschüttelt hätte, wie er es seinen jungen Dachshunden that. Frau Körber wartete mit Brotkuchen und Kaffee auf den lieben Jungen, der sich trotz aller Zuneigung doch bald zu drücken verstand. Durch alle Ställe kroch er, und als endlich der Heuboden, ja sogar die verschwiegensten Ecken der alten Scharwerksbude, in denen außer ihm höchstens noch die Hütejungen Bescheid wußten, revidirt waren, trottete er, die Peitsche unter« Arm, durch den Garten dem Walde zu. Die scharfe Märzluft blies ihm das Gesicht roth und die Hände blau, aber es war doch nicht ihr Schauer, der ihn durchrann, als der Wald vor ihm lag. Dunkelblau schimmerte der Dunst durch die grauen Buchen-, die rissigen Eichenstämme zwischen denen sehr vereinzelt die helle Birke ausieuchtete — es war wie ein Märchen, er wußte von sich selbst nichts mehr. Und da lag der Grasplatz vor ihm und mitten darauf die Sphinx, geheimnißvoll in all dem Weben und Säuseln um sich her. Ein Zittern überlief ihn, würgend stieg es ihm in den Hals, als müsse er sich au das Bild klammern und weinen und laut aufschreien. Und dann brauste ein Sturm von Tönen, von aufwogenden Harmonien über ihn hin, daß er wie verzaubert starrte und Stand hielt. Diesmal ließ es ihn wieder los. Am selben Tage kehrte er zur Stadt zurück, um eine Flöte zu erstehen, mit der er in nächster Zeit zu seinem'.Lieblingsplatz hinausschlich. Der lag draußen hinter dem Bahnhof. Rechts den Knieper Feldweg mußte man gehen, den trotzige Baumriesen und rechts wie links zwei große Seen begrenzten. Weiterhin, am Ufer des einen breitete sich ein Gehölz mit einer alten, hohlen Weide, deren Aeste über das murmelnde oder wildklatschende Wasser ragten.> Wie gut saß es sich dort, wenn die salzige Luft vom nahen Meere herüberwehte, wenn die Möven schrieen, der Sturm in den Wellen und Bäumen brauste und die grauen Wolken ihre Schlachten über ihm kämpften! Hierher ging er in Diebesheimlichkeit mit sder Flöte, um dem, was in ihm drängte, Ton und Leben zu verleihen. Schwer nur gelang es ihm, mit dem kleinen Instrument sich ins Einvernehmen zu setzen. Dann aber erreichte er doch, mit ihm Zwiesprache zu führen. Schon aber beseelte ihn ein höherer Wunsch. Und mit ihm ging er zur Mutter. Sie saß in ihrem gemüthlichem Zimmer am Fenster, dessen zartgelbe Gardinen, seitlich zurückgerafft, ihre volle, königliche Gestalt, ihr glänzend glattes, schwarzes Haar und ihr weiß und rothes Gesicht mit der leicht gebogenen Nase, den dunklen Augen, dem rothen, kleinen Munde einem fein abgetönten Gemälde gleich umrahmten. Ihre Gedanken weilten bei den Söhnen. Franz hatte auf der Straße einen wieder beigelegten Confliet gehabt, Heinrich zeigte sich als grundschlechter Lateinschüler — es half nichts, sie mußte ihr warmes Herz vor ihnen verstecken, sie durften nicht mehr jeden Willen haben. Einen Augenblick ließ sie die feine Strickarbeit in den Schooß sinken. Das zarte Muster im Viereck, an dem sie gearbeitet hatte, bildete eine vollendete Linienführung durch spitzenartige und feste Maschenreihen. Zahlreiche ähnliche Caros, kunstvoll zusammengesetzt, ergaben eine große weiße Bettdecke, deren jeder Sohn einst zwei mitbekommen sollte. In solche große langdauernde Arbeit webte sich für die Kinder, die sie entstehen und fortschreiten sahen, ein gewaltiges Stück ihres Lebens mit hinein. Schon bei des Vaters Tode strickte Mama an der ersten Decke. Heinrich wußte genau, wie sie gesessen hatten, die übereinstimmenden Muster aus dem großen Buche zu wählen, in welches bereits die Großmutter ihre Vorlagen gezeichnet hatte. Wieviel Erinnerungen tauchten dem Papa damals beim Blättern auf! lieber der Arbeit, die Keiner mehr bewunderte, als der Vater, war dieser gestorben, hatten sie alle Wandlungen der letzten Jahre durchgemacht. Du sitzest damit wie am Webstuhl der Zeit, hatte Franz einmal seiner Mutter gesagt. Leise war Heinrich jetzt eingetreten, die Augen ihren regsamen Fingern gleichsam mitichaffend zugewandt, trug er ihr seinen Wunsch vor, eine Geige zu bekommen. Frau Wulffen schüttelte den Kopf. „Es geht nicht, Heine." Er wurde dunkelroth. „Du zersplitterst Dich mit Deinen Liebhabereien schon genug; die Lehrer klagen über Deine Arbeiten, während Du Dich stetig mehr vom Lernen ablenkst. Fast täglich gehst Du zu den Teichen hinaus —" „Die sind mir nachgerade recht, hinein zu laufen," stieß der Gemaßregelte hervor. „Du solltest nur einmal mit Franz so sprechen, für dessen Vernügungen macht Ihr Alles möglich! Aber freilich, der kann ja thun und lassen, was er will!" Wild stürzte er zur Thür, wobei er einen Stuhl umriß, erst Frau Luisens Ruf hielt ihn zurück. „Heine," Jagte sie verweisend, „heb' den Stuhl auf und bleib' In Eurem Zimmer, bis ich Dich rufe!" Heinrich ging. Zuerst saß er, die geballten Fäuste gegen die Stirn gestützt. Dann machte er sich verbissen über seine Arbeiten her. Verloren aber ging bald sein Blick zum Fenster nach dem lachenden Sommerhimmel hinauf. Kein Lüftchen regte sich. Wie Spiegel mußten die Wasser liegen, wie zarter Hauch die Luft schmeicheln. Da träumte es sich so gut in den blauen Himmel hinein. Unter solchem Sinnen nahm Heinrich die Flöte zur Hand. Beim ersten Ton setzte er erschrocken ab — wenn ihn Jemand hörte! Aber die Mutter wollte ja ausgehen! Und er setzte das Instrument wieder an den Mund. Erft leise und verhalten, dann selbstvergessen legte er sein kindisches Leid und Träumen in die Musik. Frau Wulffen saß bekümmert auf ihrem Platz. Der Vorwurf hatte sie getroffen, daß Franz zu seichter Unterhaltung größere Freiheit genieße; außerdem wurde ihr die zügellose Art ihres Jüngsten beängstigend, eine Vaterhand würde ganz andere Ordnung gehalten haben. Indem schlugen weiche Töne an ihr Ohr. Anfangs saß sie unbeweglich, dann eilte sie bis an die Thür, um endlich näher zu schleichen. Sie horchte. Ein Bild, das sie als Kind sehr geliebt hatte, tauchte vor ihrem Erinnern auf. Unter einem alten Baume blies ein Schäfer die Flöte — so bannte er die Elfen, deren Spuk seine Schafe oft ängstigte und vertrieb. Der schöne, alte Baum, die grünen Matten, im Hintergründe die bezauberten und besiegten Elfen, weiter vorn die sattruhenden Schafe, neben ihnen der ohrenspitzende Hund — wie sah sie Alles deutlich! Am deutlichsten allerdings war ihr der Schäfer, der ganz versunken in sein Spiel, dessen Zweck selber ganz vergessen hatte. Jäh brach der Spieler ab. Frau Wulffen wandte sich und traf Sophiens Blick, die lauschend in der Küchenthür stand. „War das unser Heinrich?" Die Gefragte nickte nur. Da ging die Glocke, Onkel Wulffen aus Hohenried sprach vor. Unter Anderem hörte er auch von Heinrich und seinem Wunsche, wie von Fran Luisens jüngsten Eindrücken. Dann folgte Rede und Gegenrede, bis er Sophie rief. „Ja, denn holen Sie man den Sünder her, er sitzt nun wohl lange genug " Mutter saß mit Onkel am Sophatisch, als Heinrich eintrat. „Komm näher, Heine," rief der gutmüthige Onkel. Heinrich schritt zum Tisch, vor der Mutter hielt er inne. „Verzeih," murmelte er bedrückt und gequält. Frau Wulffen strich über sein Haar. 411 „Es ist ja gut, Heine. Geh zum Onkel." Der lachte ihn an, daß der Delinquent Muth faßte. „Also Musiker willst Du werden, Jung'? Wie ist das möglich!" „Nur Unterricht möchte ich, Onkel. Man lernt doch sprechen, ohne Redner zu werden." „Hast recht, hast recht. Wollens möglich machen, sollst 'ne anständige Geige haben, wenn Mama Dir einen Lehrer nimmt, damit Du reden kannst, wie Dir der Schnabel wächst, Du junges Kücken Du!" Die Mutter nickte liebevoll und schnitt ihm den Dank ab. „Wir wollen essen, Sophie." „Ja, und nachher pfeifst Du mir ein Stück wie heute Nachmittag, Heinrich," sagte Wulffen. „Nein, Onkel, das kann ich nicht- lieber will ich nichts lernen und nichts haben, wenn es so gemeint ist." Der Junge rang die Fäuste ineinander, Herr Muffen schüttelte ihn gutmüthig. „Ruhig! Sollst Deinen Willen haben, und für Dich bleiben, mein Wort halte ich Dir. Darf ich bitten, Luise Er führte sie ins Eßzimmer. Franz trat ein und hörte verwundert, was sich mit Heinrich zugetragen. Das war für ihn wie gefunden. Unter geringer Mühe setzte er für den Herbst einen Tanzunterricht durch, während Heinrich seine Musikstunden nahm. Zuerst spielte er Gelerntes, danach Eigenes was in seiner Seele lebte und brauste. War Herr Wulffen anwesend, sahen sich Schwager und Schwägerin in solchen Augenblicken verständnißvoll an, nickten stch zu oder gaben sich im aufwallenden Stolz kräftig die Hände, während Sophie draußen murmelte: „Gott behüt' ihn!" (Fortsetzung folgt.) Die Perle der Nordsee. Schilderung einer Sommerfahrt von Otto Bruhnsen. (Fortsetzung.) Ich verlebte genußreiche, herrliche Stunden in der mit allem Comfort der Neuzeit ausgestatteten Strandhalle, in itoetdjer bei dem abendlichen Concert der Kurcapelle, von dem milchweißen eleetrischen Bogenlicht feenhaft beleuchtet, ein zahlreiches, distinguirtes Publikum auf und ab wogte. Mit Entzücken nahm ich den überwältigend schönen Eindruck in mir auf, als ich bei einem Schöppchen Moselwein bald den wirklich hörenswerthen Leistungen der kleinen Mustkerschaar, bald dem gewaltigen Rauschen der Wogen lauschte, während ein erfrischender Seehauch mir um die Schläfen brandete. Hernach, als sich der Schwarm verlaufen hatte, lustwandelte ich, wie das so meine Gewohnheit zu sein pflegt, zu später Stunde mutterseelenallein am Strande, dabei über allerlei Hindernisse, die sich meiner einsamen Wanderung entgegenstellten, mit viel Geduld und großer Vorsicht hinweg- gehend. Das oft unter Wolkenschleiern sich bergende Mondlicht zitterte in breiten Filigranstreifen auf dem bewegten Meer. Eine solch' wundervolle Strandpromenade bietet Helgoland nicht. Auch das Königliche Conversationshaus, die in ihm gebotenen Coucerte, Vorlesungen rc., und die anmuthige grüne 'Wildniß ringsum stellen das, was Helgoland in dieser Beziehung bieten kann, tief in den Schatten. Beide Seebäder sind in ihrer Art einzig. Könnte man ihre Vorzüge zu einem Ganzen verschmelzen, so würde etwas Vollkommenes herauskommen. Lange verweilte ich an dem, in nächtiges Dunkel gehüllten, wundervollen Strande, während schwachflimmerude Sterne und der hinter eilenden Wolken ein phantastisches Spiel treibende Mond meinen Pfad nur schwach erhellten. . . In aller Herrgottsfrühe des nächsten Morgens eilte ich wiederum an das tosende Meer und stellte Vergleiche an. Auf dem langgestreckten Strande reiht sich Korb an Korb, bunte Nationalitätsfähnchen wehen darüber hin. Das Badeleben auf Norderney ist großartig entwickelt, aber es ist nicht so ursprünglich, wie auf der Düne in Helgoland. Norderney ist unverhältnißmäßig stärker besucht und dichter besetzt, als Helgoland, auch wenn in Anschlag gebracht wird, daß ersteres stch über 15 Quadratkilometer erstreckt, während letzteres mit 0,55 Quadratkilometern haushalten muß. In Norderney ist der Badestrand gleich bei der Hand, in Helgoland muß man, um zu ihm zu gelangen, die von Manchen als ein erschwerendes Moment, von der weitaus größeren Zahl der Badegäste indessen als eine große Annehmlichkeit betrachtete Segelfahrt nach der Düne in den Kauf nehmen. Diese Segelparthien würden nicht umsonst geboten, wird man hier einwenden können. Zugegeben, — aber dafür ist der Ansatz der Curtaxe für den Aufenthalt auf Norderney ganz unverhältnißmäßig höher als auf Helgoland. Mit freundlichen Erinnerungen schied ich am nächsten Vormittage von der lieblichen Insel, um mich an Bord eines Lloyddampfers nach Bremerhaven einzuschiff n. Verlief die Seefahrt wiederum bei einem Prachtwetter äußerst genußreich, so war die schier endlos sich erstreckende Fahrt auf der Unterweser desto langweiliger. Ich war froh, als ich sie hinter mir hatte. Bremerhaven und Geestemünde waren in dem Sonnenglaste des Hochsommertages für den aus See Kommenden eine Hölle. Nach einer Besichtigung der dem Hamburger nicht imponirenden Lloyd-Anlagen und einer Rundfahrt in der, wenig Eigenart bietenden Stadt, eilte ich über Geestemünde nach Bremen, das neuerdings in der Entwickelung hinter Hamburg nicht zurückbleibt, es in mancher Hinsicht sogar überflügelt. Der Hamburger muß beispielsweise jahrein, jahraus mit geradezu kläglichen Bahnhofsanlagen sich abfinden. Bremen dagegen, das mit Preußen immerdar auf dem besten Fuße steht, kann sich bereits seit längerer Zeit des Besitzes eines practisch angelegten Centralbahnhofes rühmen. Auch um ihren herrlichen, träumerisch sich breitenden Bürgerpark und das prächtige Parkhaus mit dem Hollersee (!) in seiner Mitten sind die guten Bremer zu beneiden. Bei den Klängen einer wirklich gediegenen Militärmusik habe ich in ihm in der Abendkühle genußreiche, frohe Stunden verlebt. Hernach zog es mich mit magischer Gewalt nach der inneren Stadt, vor Allem nach dem Markte und den recht sorgsam beieinander gehaltenen Alterthümern der schmucken Weserköuigin. Dort, vor dem von altersher berühmten Rathsweinkeller, erblickte ich sie in Person, — ein Erzbild von genialer Composition und vollendet schöner Ausführung. Wiederum ein Schmuckstück, auf das die Bremer stolz sein können. Sie haben doch in Allem eine glückliche Hand! Frau Brema, eine Jdcalgestalt voll anmuthiger Hoheit und klassischer Formenschönheit, lehnt gegen das Postament des Reiter-Denkmals Kaiser Wilhelms des Siegreichen, das im Uebrigen in durchaus convenrionellen Formen gehalten ist und einigermaßen kalt läßt. Desto mehr erwärmt der Anblick der Huldgestalt zu den Füßen Barbablancas. Sie übt einen bestrickenden Reiz auf den Beschauer aus. Ich habe lange Zeit bewundernd das Kunstwerk betrachtet und den Schöpfern desselben im Geiste meine Reverenz gemacht. Daun ging der nach einem kühlen Weintrunk Verlangende geradeswegs in den in einer Lichtfluth schwimmenden Rathsweinkeller und damit wiederum zu einem Schmuckstück Bremen's, )em Hamburg einstweilen nichts Aehnliches an die Seite zu stellen vermag. Nach Jahrhunderten wird ohne Zweifel auch 412 der unserige sich hohen Ruf erworben haben, den gewaltigen Vorsprung indessen, den die Lübecker und Bremer mit ihren wie ein kerniges Stück Mittelalter traulich anmuthenden Rathskellern voraus haben, wird er kaum einholen können. Im Bacchuszimmer wars, wo ich mich einer Flasche Hochheimer gegenübersetzte. Es war ein alter, reingähriger Wein, der da vor mir im Römer blinkte und duftete. Er machte dem Keller alle Ehre, — ich hatte es auch nicht anders erwartet. Leider schien sich alle Gluth der vorausgegangenen Tage in den von zechlustigen Fremden überfüllten Gelassen festgenistet zu haben, — war es auch gar vergnüglich anzusehen, wie er in den Römern perlte, der kühle Wein, so mußten sich leider die Pokulirenden dieses Behagen zumeist int Schweiße ihres Angesichts erkaufen. Da ich am nächsten Morgen, wollte ich die Abfahrtszeit des Badezuges nicht verpassen, zeitig auf den Beinen sein mußte, gebot ich um Mitternacht dem still be chaulichen Zechen Einhalt. Noch einmal erlabte ick mich an dem kräftigen Bouquet des aus Rieslingtiaubeu gekelterten Weines, dann stieg ich mit glühenden Wangen die von bleichem Mondschein überflutheten Kellerstufen hinauf, grüßte noch einmal Rathhaus, Rolandssäule und den massig in den Nachthimmel sich reckenden Dom im Hintergründe mit einem langen Blick und eilte, von dem tiefen Brummen der die Mitternacht ansagenden Glocken begleitet, durch die einsam liegenden Straßen meinem Gasthofe entgegen........ * ♦ * Der ursprünglich für die Schwarzemeer-Fahrt gebaute Lloyddampfer, welcher am nächsten Morgen die ihm von Bremen zugesührten Helgolandsahrer an Bord nahm, konnte es in keiner Beziehung mit den Ballin-Dampfern aufnehmen, ebensowenig wie das die „Najade"-Bremen vermochte, mit der ich Tags zuvor von Norderney gekommen war. Sie ließen, was Schnelligkeit, Eleganz der Einrichtung >md straffe Handhabung des Schiffsdienstes anbelangt, Vieles zu wünschen übrig. Noch während die Passagiere an Bord stiegen, würden Körbe mit leeren Flaschen an Land getragen/ lange schon hatte sich das Schiff in Bewegung gesetzt und noch immer salbte und rieb ein Schiffsjunge mit schmutzigen Putztüchern an dem Compaßhäuschen auf Deck herum. Hätte der Schmierfink den ironischen Blick gesehen, den ein Capitän-Lieutenant zur See, der seinen Burschen in Bremerhaven verabschiedet hatte, für seine Arbeitsleistung übrig hatte! Der junge Offizier, im Uebrigen eine interesfante Er scheinung, war die personificirte Unruhe. Mit schnellen, kurz abgemessenen Schritten durchmaß er unermüdlich das Deck j in der Länge und Breite. Bald stand er oben auf dem Rad- • kästen, bald unten in der Cajüte, bald vorn am Schiffsbuge, bald hinten am Kielende. Seiner eleganten Figur lag der Waffenrock wie angegossen. Er trug einen röthlich blonden, kurz gehaltenen Spitzbart. In seinen blauen Augen lag v el Entschlossenheit, in seinem ganzen Wesen kühle Zurückhaltung, die aber nicht unfreundlich berührte. Das Schiff machte wenig Fahrt, schlingerte zudem heftig, trotz der ruhigen See. Die heimtückisch schleichende Seekrankheit hatte sich unter solchen Umständen, schon bevor Helgoland' als ein grauer Nebelfleck am Horizont auftauchte, unter den jungen Damen an Deck einige Opfer auserlesen. Sie wurden von. besorgten Müttern behutsam in die Cajüten h nunter geführt. In dem überaus bescheiden ansgestatteten Speisesalon, den ich um die Mittagszeit aufsuchte, stieß ich unvermuthet auf eine Reisebekanntschaft aus dem Parkhause in Bremen. Der dicke Rentner ans Gau-Algesheim hatte sich zeitig hier unten festgesetzt und, wie sein gerölhetes Antlitz und seine schwere Zunge bewiesen, bereits so scharf gezecht, daß er nun, der Roth gehorchend, nicht dem eignen Trieb auf Selters losgehen mußte. Nicht leichten Kaufes kam ich von ihm frei. Stürmisch drang er auf eine Fortsetzung unserer Bekanntschaft, und wohl oder übel mußte ich ihm, der jetzt den „Scct in Civil^ weit von sich schob, in Rüdesheimer Bescheid thun. Als ich mich nach anderthalb Stunden wieder oben auf dem Deck über die Reeling lehnte und Ausguck hielt, lag Helgoland vor uns. Auf der Commandantur im Oberland wehte die Kaiserstandarte. Im Nordhafen hoben sich die herrlichen Linien der schweeweiß gestrichenen „Hohenzollern" aus der Meerfluth, in einiger Entfernung von der Jacht lagen drei schwere Panzer der Sachsenklasse unter Dampf. Ich blickte auf den Marineoffizier, der unweit der Commandobrücke stand. Er sah nach dem Falm hinauf, dorthin, wo der Gewitterwind die Stange der Standarte bog, während seine gebräunten Hände beschäftigt waren, den Waffenrock unter der Koppel straff zu ziehen. Das rothe Felseiland war an jenem Tage stark besucht, halb Norderney hatte sich aufgemacht, um den Kaiser zu sehen. Ich eilte nach der nngemeiu langsam von Statten gehenden Landung m mein Logis, um, so rasch es gehen mochte, in meinen Sonntagsstaat zu schlüpfen. Ein knatternd losbrechendes Gewitter raste mittlerweile über Helgoland hinweg, wolkenbruchartig stürzenden Regen fegte der Sturm vor meinen Fenstern vorüber. Düne, Kaiserjacht und Kriegsschiffe waren während längerer Zeih unsichtbar. (Schluß folgt.) HrrnisvistZsches. Kindlich. Der kleine Fritz (zum Onkel): „Ach, Onkel, wir haben morgen Kindermaskenball .... sei so gut und leih' mir Deine rothe Nase! Hymne der Arbeit. Arbeit! Arbeit! Segensquelle/ Heil und Ehre deiner Kraft, Die aus Finsterniß die Helle, Edles aus Gemeinem schafft! Aus dem Wirken quillt das Rechte, Aus dem Schaffen keimt das Echte, Wehe, wenn die That erschlafft! In der müß'gen Stunde Gähnen Stirbt das letzte Fünkchen Muth, Träge in den kranken Venen Schleicht das böse schwarze Blut/ Tiefer Gram umwölkt die Stirne Wahnsinn brütet im Gehirne, Bis das Herz im Tode ruht. Mensch, was Dich auch immer quäle, Arbeit ist das Zauberwort, Arbeit ist des Glückes Seele, Arbeit ist des Friedens Hort! Deine Pulse schlagen chneller, Deine Blicke werden heller, Und Dein Herz pocht munter fort. Völker! Laßt das Murren, Klagen Ueber Götzendienerei; Wollt Ihr einen Götzen schlagen, Schlagt den Müßiggang entzwei! Nur die Arbeit kann erretten, Nur die Arbeit sprengt die Ketten, Arbeit macht die Völker frei! RAaction: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.