Donnerstag den 7. April iÖüöuTi ^.W M er Mensch hat nichts so eigen, ’M? So wohl steht ihm nichts an, Als daß er Treu' erzeigen Und Freundschaft halten kann; Wann er mit seinesgleichen Soll treten in ein Band, Verspricht sich, nicht zu weichen, Mit Herzen, Mund und Hand. Simon Dach. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) Frau Göbener lag, als die Kinder und Schwiegersöhne | in das Sterbezimmer traten und sich um das Lager reihten, mit geschlossenen Augen, die auf der Decke ruhenden wachsbleichen Hände bewegten sich leise,- ihr Geist schien, der armen Hülle entrückt, schon in schöneren Gefilden zu weilen xnb ihr einen Strahl des ahnungsvoll erschauten Glückes zuzusenden, denn Angst und Pein waren aus dem Antlitz wie weggewischt, ein stiller Friede breitete sich darauf aus, der immer wahrnehmbarer ward je schwächer ihre Athemzüge wurden, je länger sie aussetzen. „Mutter, hörst Du uns noch?" fragte Adolf und schob seinen Arm unter den Nacken der Sterbenden. Ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen, es schien, als wolle sie das Auge noch einmal aufschlagen. Es gelang ihr nicht mehr. Tiefer sank das Haupt, leiser, immer leiser wurden ihre Athemzüge,- endlich vernahm man nichts mehr. Die müde Dulderin hatte ausgelitten. Und nun trat doch die Klage in das Recht, das sie an jedem Sterbelager behauptet- die Umstehenden brachen in Thränen aus. „Weint nicht!" gebot Adolf, der die Augenlider der Todten mit sicherer Hand noch fester zugedrückt hatte. „Weint nicht um die Gestorbene, sondern um die, welche verurtheilt sind, dieses Leben noch weiter zu schleppen." Am Nachmittag desselben Tages hatte man die Todte aus dem Bette gebracht und bis zur Aufbahrung auf einem mit Tüchern behangenen Lager von Brettern in dem neben dem Sterbezimmer befindlichen Gemach auf den Fußboden gelegt. Abwechselnd hielt einer der Schwiegersöhne Wache bei ihr, während die Anderen sich zurückgezogen hatten, um, soweit ihnen dies möglich, einen Theil der versäumten Nachtruhe nachzuholen. „Lege Du Dich jetzt auch nieder," sagte Adolf in's Zimmer tretend zu dem auf einem Lehnstuhl am Fenster sitzenden Büttner- „ich werde Deinen Platz einnehmen." „Nicht doch, Adolf," entgegnete der etwas beleibte Mann, obwohl er sich nur mit Mühe aufrecht erhielt- „Du bedarfst der Ruhe mehr als ich." Wäre Bürtner nicht sehr arglos und stark von Müdigkeit umfangen gewesen, so hätte der Ton, in welchem diese Aeußerung gethan wurde, ihm auffallen müssen. Adolf ergriff ihn bei den Schultern, zog ihn vom Lehnstuhl auf und schob ihn zur Thür hinaus, die er hinter ihm ins Schloß warf. Er blreb stehen bis die schwerfälligen Schritte des die Treppe hinabsteigenden Schwagers verhallt waren, dann schob er den Riegel vor und verwahrte in gleicher Weise die zweite Thür. — Wenige Minuten später dröhnte ein Knall durch das jetzt todtenstille Haus, dem nach Verlauf einer ganz kurzen Zeit ein zweiter folgte. Unmittelbar darauf wurde es lebendig, Thüren öffneten sich, Stimmen riefen und fragten: „Was war das?" „Hast Du es auch gehört?" „Es klang wie Donner!" „Nein, wie ein Schuß!" Der letzten Aeußerung folgte ein lauter Schreckensschrei. Frau Büttner hatte ihn ausgestoßen. „Adolf! Adolf!" rief sie. „Was willst Du von ihm?" fragte hinzutretend ihr Gatte. „Er hat mich soeben erst hinuntergeschickt und ist bei der Mutter geblieben, er sagte —" Das blühende Gesicht des Mannes ward aschfahl- Adolfs Worte, die ihm vorher so gleichgiltig ins Ohr geklungen hatten, fielen ihm ein und erhielten eine besondere Bedeutung. Ihm war, als sei plötzlich ein Blitz niedergefahren und habe ihm einen im Dunklen vor ihm gähnenden Abgrund gezeigt. „Was sagte er?" fragte seine Schwägerin, er antwortete jedoch nicht, sondern lief die Treppe hinan, den Anderen zurufend: „Kommt, kommt, wir müssen sehen, was der Unglückliche angerichtet hat." Die Thüren waren versperrt und wichen auch nicht den vereinten Anstrengungen der beiden kräftigen Männer. Es mußte eine Axt herbeigeholt werden und es bedurfte einiger recht wuchtiger Hiebe, bevor die schwere Thür aus den Angeln gehoben werden konnte. Die bange Befürchtung der Harrenden war inzwischen 214 beinahe zur Gewißheit geworden — und diese Gewißheit fand eine traurige Bestätigung. Zu Füßen der mit einer Decke verhüllten Leiche lag Adolf Göbener, den abgeschossenen Revolver noch in der krampfhaft geschlossenen Hand haltend. Den Rock hatte er ausgezogen und bet Seite geworfen, Weste und Hand waren befleckt von Blut, das allem Anschein nach aus einer Brustwunde hervorströmte und schon den Fußboden zu rölhen begann. „Ich ahnte es nach den Reden, die er heute geführt hat," stöhnte Frau Büttner und sank laut schluchzend ihrem Manne in die Arme, ihre viel resolutere ältere Schwester beugte sich aber zu dem am Boden Liegenden nieder, öffnete Weste und Hemd und sagte zu ihrem Gatten: „Er lebt noch. Komm her, steht mir bei. Vielleicht ist er noch zu retten." XXIII. Doctor Carl Pohl, der, wie Doctor Holten und Ewert angegeben, mit dem Frühzuge von Berlin in Greifswald eingetroffen, hatte in Gegenwart einer Gerichtscommission, des Physikus und des Doctor Holten eine höchst interessante Untersuchung mit dem Papagei vorgenommen. Die glücklicher Weise ganz wohl erhaltene Vogelleiche war vor Aller Augen von Schmutz und Kalk gereinigt und abgetrocknet toorben; hierauf hatte Doctor Pohl mit großer Sorgfalt das Kleingefieder abgerupft, und kaum war dies geschehen, mit dem Tone der vollsten Ueberzeugung gerufen: „Es ist wie ich gedacht- der Vogel ist nicht ertrunken, sondern vorher getödtet und schon als Leiche ins Wasser geworfen. Sehen Sie hier die Beweise." In athemloser Spannung umdrängten die in dem schmucklosen Gerichtszimmer Versammelten den Tisch, hinter welchem der kleine ältliche Mann im schlichten braunen Rock, mit spärlichem blonden mit grau gemischten Haar über einer hohen, gewölbten Stirn und grauen Augen, stand, dessen Profil die scharf gebogene Nase etwas Vogelartiges gab, was durch den steten Verkehr mit den Vögeln noch verstärkt sein mochte. Ein wenig hastig und leicht mit der Zunge anstoßend, trotzdem aber fließend und einleuchtend, fuhr er fort: „Der Papagei ist durch Schläge, die rasch Hintereinader mit einem Stock über Kopf und Rücken geführt worden sind, getödtet worden. Der Schädel hat einen Eindruck und Knick und der Rücken ist bedeutend verletzt." Er reichte den Papagei zur näheren Besichtigung dem Physikus, der ihn wieder Doctor Holten gab. Beide machten dieselbe Wahrnehmung und pflichteten dem Ausspruch des Doctor Pohl in allen Punkten bei. „Sie sind bereit, dieses Urtheil mit Ihrem Namen zu vertreten?" fragte der Staatsanwalt den Gelehrten. „Ich verbürge mich dafür," antwortete dieser mit voller Zuversicht, aber doch sehr bescheiden, „und ich darf woyl sagen, ich habe Aehnliches vorausgesehen. Es wäre eine große Seltenheit, daß ein Papagei freiwillig ins Wasser fliegt." Es ward ein Protocoll ausgenommen, das Doctor Pohl und die Anwesenden unterzeichneten, dann war der Gelehrte mit Ewert, dessen Mission ebenfalls in Greifswald ihr Ende erreicht hatte, mit dem nächsten Zuge nach Berlin zurückgekehrt und der Verhaftsbefehl gegen den Amtmann Daniel Göbener in Rapshagen ausgefertigt worden. Göbener erwies sich in den ersten Verhören, welche der mit der Untersuchung betraute Amtsrichter Kroh mit >hm anstellte, ganz ebenso widerspenstig wie bei seiner Verhaftung. Er ließ sich auch nicht zu dem kleinsten Zugeständnisse herbei, gab ganz kurze, knappe Antivorten oder verweigerte solche auch wohl gänzlich. Er behandelte die Angelegenheit spöttisch und von oben herab, als ob eS unter seiner Würde sei, sie überhaupt ernsthaft zu nehme« und änderte dieses Verhalten auch nicht, als ihm das Protokoll mit der Aussage des Doctor Pohl vorgelesen wurde. „Ach, solche gelehrte Stubenhocker meinen, sie hören- das Gras wachsen und wenn sie aufs Land kommen, können sie nicht Gerste von Hafer unterscheiden," sagte er verächtlich. „Darauf ist doch nichts zu geben. Uebrigens giebt es viele grüne Papageien." „Ö ja, Doctor Pohl hat uns erzählt, daß es in Berlin mindestens tausend Mädchen und Frauen giebt, die sich Papageien halten," erwiderte der Amtsrichter, scheinbar aus diesen Ton eingehend, „aber nur ein einziger, der, welche» Anna Holken im Besitz gehabt, ist auf dem Gute Rapshagen < nahe beim Paddenteich verscharrt gewesen." „Und wissen Sie denn so bestimmt, daß es derselbe ist, den Ihr Herr Doctor Pohl untersucht hat?" stellte nun seinerseits Göbener die Frage. „Ja, das weiß ich. Ich war selbst gegenwärtig, als Ihr Knecht Krischan, der den Papagei auf Ihr Geheiß verscharrte, ihn wieder ausgrub und habe ihn dann bis zur Ankunft des Sachverständigen in Verwahrung behalten." „Hübsches Complott, was Sie da mit meinen eigenen Leuten gegen mich geschmiedet habelfl" brummte Göbener in den Bart; lauter sagte er: „Meinetwegen ist es auch der Papagei und meinetwegen mag Ihr Doctor Pohl Recht haben, daß der Vogel mit einem Stock todtgeschlagen ist. Was geht das mich an? Ich bin nicht dabei gewesen, als die Geschichte passirt ist." „Das eben entspricht nicht der Wahrheit," entgegnete der Amtsrichter. „Oho! Ich bin gleichzeitig mit den beiden Knechten vom Hofe fortgegangen! Sie werden das bezeugen müssen." „Gewiß, das werden sie. Sie haben sich recht geschickt ein Alibi verschafft." „Es haben mich auch noch verschiedene andere Leute gesehen und mit mir gesprochen." „Und wieder Andere haben gesehen, daß Sie nach A Rapshagen zurückgekehrt sind." „Versteht sich, um zwölf Uhr zum Mittagsessen, wo ich die saubere Bescheerung gefunden habe," lachte Göbener hämisch. „O nein, unmittelbar nachdem Sie und die Leute vom Hofe fortgegangen waren," erwiderte der Amtsrichter und- las ihm die Aussage von ein paar Tagelöhnern vor, die in einer Scheune beschäftigt gewesen waren, und gesehen hatten, wie er umgekehrt nach Rapshagen zurückgelaufen und nach einer ganzen Weile erst wiedergekommen und über die Felder gegangen sei. „Ach, das ist ja Alles erfunden und erlogen," sagte Göbener wegwerfend, „es verlohnt sich ja gar nicht, erst darüber zu reden. Warum kommen denn die Kerle erst heute mit ihrer Weisheit zum Vorschein?" „Weil sie bis dahin in Ihrem Benehmen gar nicht» Besonderes gefunden haben. Jetzt aber fällt es in's Gewicht. Seit Sie die Auszahlung der Versicherungssumme verlangt haben —" Göbener schlug ein häßliches Gelächter auf. „Das ist's, die Herren von der Gesellschaft „Vorsicht^ stecken dahinter. Sie wollen nicht mit dem Gelbe herausrücken." „Sie müssen doch zugeben, daß eS sehr auffällig ist, daß Sie ein junges, gesundes Mädchen versichert haben." Göbener zuckte nur die Achseln. „Warum thaten Sie das? Antworten Sie!" mahnte der Amtsrichter. „Weil ich keine Betteldirne zur Schwiegertochter habe« mochte!" stieß Göbener zwischen den Zähnen hervor. „Und eine so hohe Summe." Wieder nur ein verächtliches Lächeln. „Warum versicherten Sie das junge Mädchen und- nicht im Namen Ihres Sohnes?" „Weil ich die Geschichte bezahlte," platzte Göbener heraus. „Sie waren ja noch nicht verheirathrt." (Fortsetzung folgt.) 215 Getrennt und vereint. Novelette von Louis Callas. ------- (Nachdruck verboten.) Herr von Broladre war etwa dreißig Jahre alt. Sein -energisches, männliches Gesicht zeigte einen ernsten, sorgenvollen Ausdruck. Den Kopf zur Erde gesenkt, durchschritt er eine Allee von Kastanienbäumen, an deren äußerstem Ende sich ein elegantes Landhaus erhob. „Kann ich Frau von Bange sprechen?" fragte er das Mädchen, das ihm auf sein Klingeln öffnete. Man führte ihn in den Salon, wo eine junge Frau, -ungefähr in seinem Alter, mit einer Stickerei beschäitigt saß. Sie war noch sehr schön, ihr Benehmen war einfach und zuvorkommend, ihr Gesichtsausdruck liebenswürdig und sympathisch,- dennoch zeigte der Besucher eine verlegene Haltung. Sie selbst konnte ihre Ueberraschung nicht unterdrücken, faßte sich aber sogleich und sagte, ihm die Hand reichend: „Das ist reizend von Jtmen, Herr von Broladre, -daß Sie mich nicht vergessen haben." „Ich muß mich zunächst wegen meines frühzeitigen Besuches entschuldigen/ doch ich bin mit einer Botschaft betraut/ Mein Freund Delsarte hat mich gebeten, Ihnen diesen Brief zu übergeben." Er reichte ihr ein Schreiben, das sie schnell erbrach. Der Brief war lang und, wie es schien, sehr interessant. „Kennen Sie den Inhalt dieses Briefes?" fragte sie, Nachdem sie das Schreiben zu Ende gelesen hatte. „Nein, Madame, mein Freund Delsarte hatte mich gebeten, ihm einen Dienst zu erweisen, und ich hatte mein Wort gegeben, es zu thun." „Das bedeutet," fuhr Frau von Bange lächelnd fort, .„daß Sie ohne Verpflichtung kaum hierher gekommen wären." „Vielleicht, Madame, hätte ich gefürchtet, Ihnen zudringlich -»der ungelegen zu erscheinen." „Weshalb? Sind wir nicht zwei alte Freunde, zwischen denen die Etiquette aufgehoben sein sollte? Gestatten Sie mir," bemerkte Frau von Bange hierauf „einige Anordnungen zu geben/ ich bin gleich zurück. Sie werden dann die Güte haben, mich in den Garten zu begleiten/ für Heute gehören Sie mir. Es ist so lange her, seit wir uns Nicht gesehen, daß wir viel miteinander zu reden haben Merken." * * • „Fast zehn Jahre sind verflossen, seit Sie Paris verlassen haben, Herr von Broladre," sagte die junge Frau, „was ist während dieser langen Zeit aus Ihnen geworden?" „Wissen Sie es nicht? ich bin in der Welt herum gereist, habe mich einer Expedition nach den Hochplateaus von Cabylien angeschloffen, habe einen Theil der Sahara besucht, bin den Nil hinaufgefahren und beabsichtige mich jetzt nach Marseille einzuschiffen, um das südliche Tunis zu Lurchstreifen." „Und nachher?" „Das weiß ich noch nicht; die Welt ist ja so groß!" „Man hat mir gesagt," fuhr Frau von Bange fort, ,„daß Sie infolge eines tiefen Kummers fortgerefft seien, um in der Aufregung weiter Steifen Vergessenheit zu suchen " Sie richtete ihre Blicke auf die seinen und erwartete •eine Antwort. //Man hat Ihnen die Wahrheit gesagt," versetzte er, „meine Wahl war auf ein junges Mädchen gefallen, das vor -allen geeignet schien, mein Glück zu sichern/ die Dame war 'schön und besaß alle Eigenschaften, die man von derjenigen wünschen kann, mit der man sein Geschick vereinen will/ «inen Augenblick glaubte ich, unsere Herzen stimmten überein, allein es war eine Täuschung!" „So ist es nun einmal im Leben," versetzte sie, „man liebt und wird nicht wieder geliebt, man ist gleichgültig gegen die, welche uns so gern ihr ganzes Herz schenken Möchten." Eine lebhafte Röthe überzog sein Gesicht. „Beruhigen Sie sich, mein Freund," sagte sie dann lächelnd, „wenn ich auf eine schon alte Geschichte anspiele, so geschieht dies mit der Unparteilichkeit einer fernstehenden Person. Es ist ja wohr, daß ich mich infolge einer Helden- müthigcn Handlung seinerzeit in Sie verliebte/ aber Ihre eisige Kälte führte mich zur Wirklichkeit zurück, und ich erkannte, daß ich mich in einer unseligen Hoffnung verlor. Daß meine Eigenliebe dadurch etwas verletzt wurde, will ich nicht leugnen, doch die Vernunft bekam bald wieder die Oberhand. Als ich Herrn von Bange heirathete, hatte ich ihm nichts zu verhehlen/ er wußte, daß ich für ihn nicht eine jener glühenden Leidenschaften empfand, die man mehr in Romanen, als im Leben findet, doch er flößte mir Zuneigung und Achtung ein. Als Gattin und Mutter habe ich niemals mit Bedauern in die Vergangenheit geblickt, und heute spreche ich zu Ihnen wie zu einem Freunde, für den ich eine rein schwesterliche Zuneigung empfinde. Sie sehen, ich bin ganz aufrichtig zu Ihnen/ warum bringen Sie mir nicht die gleiche Offenherzigkeit entgegen? Sie haben in fernen Ländern Vergessenheit gesucht/ sagen Sie mir, haben Sie dieselbe gefunden?" „Nun denn, nein I" rief Herr von Broladre, „wohin mich auch mein abenteuerliches Leben führte, das Bild des geliebten Mädchens hat mich stets verfolgt, unter den Zelten Arabiens wie unter der brennenden Wüstensonne / ich mußte es lieben, obwohl es mein Leben vernichtet hatte. Ich will wieder fortreifen, und zwar diesmal für immer, die Erinnerung jedoch wird ftetS mit mir ziehen, und ich fühle, nie wird es mir gelingen, mich von dieser Qual zu befreien." Sie hoffte, er würde einen Namen aussprechen, er bewahrte jedoch nach wie vor sein Geheimniß. Sie rieth ihm als Hilfsmittel für fein Leiden die Ehe an. Es gab doch nicht nur eine Frau auf der Welt/ ein Mann mit feinem Vermögen und seinem Namen würde zweifellos bald eine Frau finden, die ihm die Last des Daseins tragen half. Er schüttelte indeß den Kopf/ für ihn gab es nur eine Frau auf der Welt, mit der vereint er durchs Leben gegangen wäre. (Schluß folgt.) Aus Meggeudorser Humoristischen Blättern. Durch die Blume. Feldwebel: „Herrgott, Einjähriger, sind Sie ein —! Na, kein Schimpfwort, aber der tiefe Sand auf dem Kasernenhof muß Sie ja ordentlich anheimeln !" Mißverstanden. Pfarrer: „Ihr Sohn ist also jetzt an der Hochschule, was studirt er denn eigentlich?" — Bauer: „Ja, Hochwürden, das weiß i selber nit, i glaub' alleweil, er wird Eleetrotechniker oder sonst so was, weil er immer schreibt, er braucht so viel Draht." Moderne Dienstboten. Erstes Dienstmädchen: „Bist Du mit Deiner Herrschaft zufrieden?" — Zweites Dienstmävchen: „Nein! Kann sich noch gar nicht in meine Eigenheiten finden I" Maßstab. „Ihre Töchter sind recht wohlerzogen!" — Emporkömmlig: „Schaun's, ich laß ihnen auch pro Jahr für 2000 Mark Erziehung geben." Gelungene Ausrede. Arzt (um Mitternacht): „Halt, was wollen Sie hier?" — Einbrecher: „Donnerwetter, ich glaub, ich hab mich in Ihrer Sprechstunde geirrt, Herr Doetor?" Unbegreiflich. Backfischchen (als ein Regiment mit klingendem Spiel vorüberzieht): „Unbegreiflich, daß e» Menschen giebt, die über Militärlasten klagen!" 216 Aeformkkeidung und Wode. Bearbeitet u. mit Abbildungen versehen von der Internationalen Echnittmanufactur, Dresden. Reichh. Modenalb.u. Schnittmusterb. für 50 Pfg. das. erhaltl.. Die im vergangenen Jahre mit so außerordentlichem Ersolg in Scene gesetzte Ausstellung des Vereins für Verbesserung der Frauen- Keidung in Berlin hat kürzlich in Dresden und in Frankfurt nicht weniger erfolgreiche Nachfolgerinnen gehabt. In Dresden z. B konnten die Räume der Ausstellung die zahlreichen Besucher kaum fassen und auch der übrige Erfolg war ein voll /sä befriedigender, denn dem Verein sind dadurch eine Menge neuer Mitglieder zugeführt worden. Man ersieht hieraus, daß die Reformbestrebungen in immer weiteren Kreisen Eingang finden. Thatsächlich dürfte ja auch der Gedanke, gesünder und bequemer, dabei aber ebenso nett angezogen zu sein wie bisher, wohl den meisten Frauen sympathisch sein. Bis jetzt scheiterte dies vernünftige, von vielen Aerzten angelegentlich empfohlene Bestreben aber immer an dem eisernen Willen von Frau Modo und es mußten schon sehr muthige und auch wenig eitle Frauen sein, welche es wagten, sich dem allgemein giltigen Geschmack entgegen zu setzen und ihrem Körper die natürliche, ungeschnürte Taille zu lassen und ihn überhaupt nicht durch straffe Kleidung einzuengen. Neuerdings haben es jedoch die Pionire der Reformbestrebungen bedeutend leichter, da ihnen die Mode selbst um einige Schritte entgegen kommt und sobald man erst die Mode ganz und gar zur Verbündeten haben würde, wäre das Spiel gewonnen. Mod. 1302. Die Vortheile, welche die Mode jetzt bietet, bestehen darin, daß sie möglichste Schlankheit in der Hüftengegend fordert und diese ist mit einer eingeschnürten Taille einmal nur bei solchen Figuren möglich, die von Natur schlank. Andernfalls werden durch das Schnüren die geraden Linien unvortheilhast unterbrochen, d. h. die Hüften treten mehr hervor und erscheinen desto stärker. Die übermäßig eingeschnürte Wespentaille gilt zur Zeit bittet als unfein. Im Einklang mit dieser, mehr den natürlichen Formen entsprechenden Figur stehen auch die übrigen Modeformen, welche größteotheils in losen, reich garnirten Blouson bestehen. Sogar der Tailormade-Genre paßt sich dieser Mode an, da er nicht mehr lediglich in enganliegenden Taillen besteht. Die diesbezüglichen Costüme setzen sich vielmehr aus Rock und vorn losem Zacket zusammen, welches durch eine leichte, lose Blouse ergänzt raub. Unzweiielhast hat speziell hier die allgemeine Vorliebe für allerlei Sport, insonberbeit ber Rabfahrsport, einen unverkennbaren Einfluß ausgeübt. Besonders die letzte Modeneuheit, die Russonblouse, läßt sich sehr gut mit den Grundsätzen der Kleiderreform vereinigen. Dieselbe verliert an einer eng geschnürten, im Uebrigen vielleicht starken Figur sofort den ganzen, ihr eigenthümlichen Chick. Sie erfordert vielmehr eine Figur von natürlicher Schlankheit, hauptsächlich aber langem Oberkörper, da die vorn und hinten überhängende Blouse die Taille verkürzt. Fig. 1301. Eine andere vorzüglich geeignete Modeform sind die kurzen Figaro jäckchen, welche zwar nicht mehr in dem Maße rote vor einiger Zeit, aber noch immer sehr viel getragen werden. Beifolgende Abbildung Nr. 1302 veranschaulicht ein Kleid für junge Mädchen mit derartigem kurzen Jäckchen. Der Rock erhälb-ein Mieder direct angeschnitten und reicht daher bis unter das Jäckchen. Seinen Halt bekommt er dadurch," daß er an die ärmellose Futtertaile, welche vorn mit einem bauschigen Einsatz versehen ist, angeknöpft wird. Am schwierigsten gestalten sich die Verhältnisse, wenn es güt, em Reformkleid sür ältere Damen herzustellen, welches dabei modern und elegant aussehen soll. Da leistet nun wieder die tose Jackenform vorzügliche Dienste, denn sie gestattet eine große Abwechselung und erscheint trotz größter Bequemlichkeit niemals plump. Beifolgende Figur 1301 stellt eine solche Jacke dar. Vorn öffnet sie sich über einem Einsatz von gebrausten Spitzen, welcher auch beliebig durch einen gezogenen seidenen Einsatz ersetzt werden kann. Der angeschnittene Schooß ist glatt anliegend und hinten in einige Falten gelegt. Abbildung Nr. 1306 bezieht sich auf eine ungemein praetische Lösung der oft besprochenen Frage, wie im Frauenkleid die so nothwendigen Taschen vortheilhaft zu placiren sind. Wie bekannt, sind dieselben meist so in den Falten des Kleides versteckt, daß sie sich nur schwer auffinden läßt; außerdem ist wohl selten mehr als eine Tasche vorhanden. Das beifolgende Costüm enthält nun IsTaschen,welche alle so beschaffen sind, daß man sie auch wirklich benutzen kann. Die dadurch erreichten Vortheile liegen namentlich auch für all' die zahlreichen im öffentlichen Leben thätigen Frauen klar auf der Hand. Dabei ist das Costüm nichts weniger als auffällig, denn es besteht aus einem einfachen, nur mit Stepp; nähten verzierten Rock, einer glatt anliegenden Weste und einer vorn losen, hinten anliegenden Jacke; alles 1306 im Tailormade-Genre gehalten ö Die Taschen sind folgendermaßen plaeirt: In der Weste sind unterhalb der Taillenlinie zwei kleine Westentaschen, links in Brusthöhe ist eine kleine Brusttasche und rechts ist gleichfalls eine große Brusttasche, aber innen im Futter, und ist dieselbe eigentlich nur sür Werthstücke bestimmt. Das Zacket enthält sechs Taschen, Billettaschen oderdergl. gelten können, denn sie befinden sich je auf dem Aermelaufschlag- Zwei sind seitlich unterhalb der Taillenlinie und zwei sind Brusttaschen, eine rechts außen und eine links innen. Die vier letzten Taschen sind im Rock, vorn in den Nähten zwischen Vorder- und Seitenblatt und hinten rechts und links in bett Falten. Mit unserer Schlußfigur Nr. 1305 geben wir schließlich noch einen Wink, wie sich bie Grundsätze der verbesserten Frauenkleidung mit der modernen gesellschaftlichen Mode vereinigen lassen. Dabei fällt natürlich der Grundsatz des fußfreien Rockes fort, denn auf dem Parkett ist die Schleppe nicht verpönt. Demgemäß ist auch das Kleid mit kurzer Schleppe geschnitten, welche die Figur b-sonders graziös erscheinen läßt, da die Taille int Style Empire höher verlegt ist. Dabei ist der Rock oben nicht angekraust, sondernso geschnitten, daß er nur in der Hinteren und vorderen Mitte in wenige Falten gelegt von denen jedoch zwei nur als Mod. 1305. zu werden braucht. Schließlich möchten wir noch bemerken, daß wir mit Absicht die sanitäre Seite der Refonnbestrebungen unerwähnt gelassen haben, denn dieselbe ist ja an und für sich klar und außerdem ist von Berufener er Seite und mit beredten Worten schon so viel über diesen Punkt gesagt worden, daß wir nichts hinzuzusügen vermöchten. Wen aber die Kleidung an sich, d. h. die Herstellung der Reformkleidung, die Schnitte dazu, bie geeignetsten Modeformen, sowie Bezugsquellen interessiren, ber lese bas Schriftchen: „Die Reformkleidung der Frauen in Wort, Bild und Schnitt." Ausführliche Anleitung zur Herstellung von Reformcostümen. Mk. 1,25. Verlag der Europ. Modenzeitung, Dresden. Rebaction: I. SB.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindriickerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen,