Felsgarten. Roman von Clara Bück er. (Fortsetzung.) Ein stiller Winter folgte diesem Herbst, erst das verheißungsvolle Frühlingswetter fand Herrn Wulstens alte Frische und der Mama schönes Gesicht aufgeheitert wieder. Sophie verließ eben eine der Giebelstuben, die einen weiten Umblick gestattete und von wo sie erspäht hatte, was denn die Jungen wieder trieben, denn es war Sonnabend und Franzing war am Mittag nach Hause gekommen. Insgeheim öffnete sie da oben auch gern die Lade, in der einige Mädchenkleider von Frau Wulffen lagen, deren Zierlichkeit Sophies Sehnsucht und Stolz ausmachten. Gerade als sie ihre süße Andacht oben beendet hatte und die knarrende Treppe wieder hinunterstieg, hörte sie Herrn und Frau Wulffen kommen. Sie lachten wie die Kinder, daß Sophie eilte, ihnen die Sachen abzunehmen, wobei die Hausfrau sagte: „Ernestine soll Kartoffeln zum Abendbrod kochen, unser Herr will die neuen Heringe probiren, Sophie." Die lief, hatte jedoch noch nicht das Heringsfäßchen in der Vorralhskammer erreicht, als sie von dem Mädchen angerufen wurde: „Ich glaube, die Frau hat geschrieen." Mehr neugierig als erschrocken, eilte Sophie in die Zimmer. Dort lag ihr Herr auf dem Fußboden und die Frau kniete neben ihm, hatte seinen Kopf in den Armen und sprach zitternde Worte zu dem Bewußtlosen. Sie brachte ihn ins Bett, der Arzt wurde geholt, doch diesmal vermochte er ihm nicht zu helfen. Drei Tage durste Frau Luise ihn noch Pflegen- am zweiten schlug er die Augen auf und sah sie so treu und bieder an, wie er sein Lebtag gewesen war. „Lieber Schatz!" murmelte er. Lächelnd neigte sie sich zu ihm, der mit unbeholfenen Fingern den Trauring abdrehte. „Da — vorbei — so lieb gehabt!" Nr. 102. L fciVTiw 111 H tSAä »frieden sein ist große Kunst, 4 Zufrieden scheinen großer Dunst, Zufrieden'werden großes Glück- Zufrieden bleiben Meisterstück. „Aber Franz, welche Thorheit! Du wirst ja gesund, der Doctor bat es mir ja bestimmt versprochen, gerade diesmal ist cs nicht so schlimm!" Sie schluckte ihre Thränen herunter. „Uns trennt doch nichts, nie und nimmermehr — Du weißt, „ewig" haben wir gesagt!" Sie schob den Ring an seine alte Stelle, während er stöhnte und schluchzte vor Glück. „Du mußt Dich nun ruhig halten, Herzensmann! Ich wache ja, damit Dich nichts stört. Oder willst Du die Jungen einmal sehen?" „Nein — keine solche Erinnerung für sie, Luise!" Er schloß die Augen, um sie nicht wieder zu öffnen - die ganze Nacht dauerte sein schwerer Kampf, erst am nächsten Mittag hatte er ausgelitten. Weinend kniete die verstörte Frau neben ihm, den Arm inbrünstig um ihres Mannes Nacken geschlungen. Da trat Onkel Wulffen mit den beiden Knaben ein. Heinrich fuhr zusammen. Mit ganzer Seele hatte er sür des Vaters Leben gebetet — dies Gräßliche dort war Gottes Antwort darauf? Er weinte trostlos wie Franz. Frau Wulffen schreckte empor. Die Kinder, richtig, die Kinder! Wie hatte sie denken können, daß ihr eigenes Leben mitgehen könne, nun sie sür seine Kinder erst recht einstehen mußte! Mühsam erhob sie sich. Wulffen bot ihr die Hand. Sie reichte die ihrige und nickte ihm starren Blickes zu. Dann faßte sie in jeden Arm einen der Söhne. „Betet! Der Vater ist zu Gott eingegangen." „Gott?" Heinrich schluchzte laut. „Still, mein Junge. Gott wird schon wissen, warum er uns das that," murmelte die Mutter, aber ihre Blicke gingen selbst ins Leere mit der ungestillten Frage: Warum? Onkel Wulffen führte sie ins Nebenzimmer. „Sei ruhig, Luise, überlaß mir Alles. Hinterher kommt Ihr mit nach Hohenried." Sie schüttelte müde den Kopf. „Franz und Heine haben die Schule nöthig." „Ein paar Wochen Pause werden ihnen nicht schaden, oder denkst Du, ich will sie zu Knechten haben? Deine Jungen sind mir wie eigene, ihre Zukunft soll meine Sorge sein. Recht so?" Frau Wulffen nickte nur, während der Sprecher fort- suhr: „Das Beste ist, Du ziehst mit den Beiden in die Stadt, bis sie sich durch die Schuljahre gemausert haben. Hierher setzen wir einen Verwalter, Körber zum Beispiel, 406 dem ich schon auf die Finger passen will — weine doch nicht so, Luise. Ich meine das ja gut, und die Scheven besorgt Dir Alles, damit Du zur Ruhe kommst. Hört, Kinder, was Ihr in dieser Stunde von mir verlangt, soll gelten: Franzing, was willst Du werden?" „Offizier," sagte der schnell, und sein Augen blitzten. „Du wirst Offizier, aber ein ganzer, das rathe ich Dir. Kein Groschendreher, doch auch kein Geldverthuer, sondern eine Ehre für den da drin wie für Deine Mutter. Abgemacht?" „Abgemacht, Onkel." „Und Du, Kleiner, wie wird das mit Dir?" fragte Wulffen seinen zweiten Neffen. Der dachte an Felsgarten und daß er hier nicht leben könne, wenn er nichts mehr zu suchen hätte. „Landwirth will ich werden wie Papa und Du," sagte er fest und herbe. Wulffen sah erstaunt auf. „Guck Einer den Bengel an! Gewiß sollst Du das, mein Jung'. Dann weiß ich doch, daß mein Fleck Erde einmal in die richtigen Hände kommt,- Donnerschock — Luise, wenn er jetzt nicht drin läge, wäre das heute mein glücklichster Tag, so lange ich lebe. Komm noch mal zu ihm —" Er bot ihr die Hand und ging mit ihr- recht wie ein Bär tappte er neben der königlichen, stillen Frau. Beide sahen mit wehem Blick in das Todtengesicht, auf dem die letzte Pein einem tiefen Frieden gewichen war. Beklommen schlichen die beiden Knaben hinaus. „Hast Du gehört, Heine? Wir ziehen in die Stadt," sprach Franz hastig. „Na ja," antwortete Heinrich kurz. „O, für Mama ist es das Beste, Du hast es eben auch vom Onkel gehört. Die Stadtfrauen werden schon vor ihr knixen, paß auf!" „Das wird Dir ja die Hauptsache sein. Schämst Du Dich denn nicht, hier Alles aufzugeben?" „Halt den Mund!" schrie Franz und die Prügelei war im Gange. Sophie trennte sie. Sie zog den Aeltesten zum Nähtisch, seinen zerrissenen Kragen anzunähen, während Heinrich in den Garten rannte. Wie durfte sich Franz auf die Stadt freuen! Und hier hatten sie ihr Stück Erde, das etwas Heiliges war! Zuversichtlicher übersah er die noch knospenden Bäume, blickte er den eilenden Wolken nach, horchte er auf das Säuseln um sich her, bis die linde Mutter Natur sein weiches Kinderherz so mit Hoffnung gesättigt hatte, daß er ehrfürchtig die Hände faltete und laut vor sich hin betete: „Wie groß ist des Allmächtigen Güte, Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt? Der mit verhärtetem Gemüthe Den Dank erstickt, der Ihm gebührt!" Geradeaus und weiter schritt der jugendliche Beter, sich das Bild seiner Heimath so recht ins Herz zu drücken. Bor der Sphinx hielt er inne. „Ich komme doch immer wieder, das kannst du mir glauben." Und sein Blick flog über die Baumkronen hinweg, bis das Wehen, Säuseln und Raunen des Windes — denn ein anderer Laut war jetzt nicht in der Natur — sein Ohr gefangen nahm. Ihm war, als weite der Rasenplatz sich vor seinen Augen, daß alle Linien unsicher wurden,- im Gehör erhob sich ihm dagegen ein machtvolles, weiches Tongefüge, ein harmonisches Jauchzen in herrlicher Klangfülle, bis milde, herzrührende Accorde einen ernsten, erhabenen Schluß bildeten. Nun brach der Träumer in Thränen heißer Sehnsucht aus. — Wenige Tage später hielt die große Landkutsche Onkel Wulffens vor dem Hause, er selbst führte die Mama am Arm hinaus und sorgte für ihren bequemen Sitz. „Ihr Jungens setzt Euch zu Carl, bei dem oben könnt Ihr mehr umschauen, Mutter, braucht Ruhe und hat an Sophie genug. Erhole Dich in Hohenried, Luise, bis ich hier Alles geordnet habe," schloß er seine Rede zur Schwägerin, die so still dort saß, daß es den Bären packte. Schnell schob er Sophie in den Wagen und schloff den Schlag. „Fahr, zu, Carl!" Und Carl fuhr zu. IV. Das war also die Stadt! So wohl bekannt war sie ihnen geworden all die Jahre hindurch, da sie täglich hierher gekommen waren, und nun, wo sie ständig innerhalb ihrer Mauern sich aufhielten, war sie ihnen so schwer verständlich und erträglich. Erdrückten denn die tölpelhaften Steinbauten nicht alle Lust und alles Frohsein? Haus an Haus, Fenster an Fenster, Straße auf auf, Straße ab — Winkel, Enge und Schwüle. Und die so nahgerücktn Menschen entzündeten nicht etwa einander zu großen Gefühlen, heiligem Thun, gewaltigem Ringen, sondern glichen ihren Steinen auf ein Haar: Sie nahmen sich ebenfalls die Luft und das Frohsein, ihr Beieinander erzeugte Niedrigkeit, die sie unter einem allgemeinen Anstand verbargen, welche wie ihre Gassen und Straßen wirkte. Heinrich verkroch sich bei diesen Eindrücken in sein innerstes Wesen und war durch keine der liebevollen Alltäglichkeiten seiner Mutter wieder hervorzulocken. Sie, seine Gute, war ja auch freundlich zu all den Heuchlern, freundlicher als zu ihm, der so innig an ihr hing. Ja, sie log, um den Besuchern den kleinen Verdruß der Wahrheit zu ersparen, denn es konnte doch Niemand verlangen, mit seinem albernen Gewäsch, das er, Heinrich, schon längst auswendig kannte, vor die Mama gelassen zu werden, die vor des Vaters Bild sich eben halb tobt geweint und die Hände gerungen hatte. Warum sagte man nicht, die Frau trauert drinnen vor des tobten Herrn Bild — warum hätten die Besucher dann nicht betroffen oder nachdenklich leise gehen können — warum? Mußte die höflliche Sitte sie glauben machen, sie gälten der Mama mehr, als der Vater? Ach, daß er nichts mehr von dem Wust zu sehen brauchte! Dann, endlich nach Jahresfrist, hatten sie es durchgesetzt, daß Frau Luise die Aufmersamkeiten erwiderte, daß sie ebenfalls Besuche machte. Sie that es zwar nur in Familien, deren Söhne den ihrigen eine Anknüpfung ermöglichten, sie ging auch nur in Begleitung ihrer Kinder, doch was Heinrich dabei zu beobachten hatte, verstieß mehr als alles Bisherige gegen seine Anschauungen. Er schützte beim nächsten Mal seine Arbeiten vor, dann sagte er direct, er könne sich nicht zu den Besuchen überwinden, worauf Frau Luise seufzend den ungelenken Jungen zu Hause ließ. Wie schwer war das Leben, seitdem es allein auf ihren Schultern lag! Höchstens Franz half ihr tragen mit seiner leichtherzigen, sieghaften Art. Die Menschen? Bah, man muß sie nur zu nehmen wissen. Mit diesem Grundsatz waren die Meisten einverstanden, seine Beziehungen wuchsen immer mehr und Sophie strahlte, wenn die Glocke wie die Frage nach Franz immer häufiger ging. Freilich, die kleinen Gelage, die er hier und da bereits mitmachte, schienen ihm nicht immer gut zu bekommen, weshalb es Sitte wurde, einen Hering oder sonst einen Ermunterungsimbiß in seinem Zimmer bereit zu stellen, sobald er ausgebeten war. Des Morgens hatte dann Sophie nichts Eiligeres zu thun, als mit heißem, starken Kaffee zu ihm zu schleichen, nach welcher Stärkung er sich behaglich in den Kissen dehnte und hinter der Alten im geblümten Wattrock herlachte, wie sie, das faltige Gesicht noch von — 407 der Nachtmütze umrahmt, bedächtig mit dem Kaffeebrett ab- ging, um nun erst Hand an ihren Anzug wie an ihre eigentliche Arbeit zu legen. „Heine," sagte er heute. Der riß seine verträumten Augen auf. „Ja!" „Laß Dir mal von den Webers erzählen, bei denen wir gestern Mittag waren. Diese Webers werden Dich interessiren, die sind was für Deinen Weltschmerz." „Mir ist, als hätte Mama bei Denen gar nichts zu Luchen," entschied Heinrich, „Alles steht unecht an ihnen aus." (Fortsetzung folgt.) Die Perle der Nordsee. Schilderung einer Sommerfahrt von Otto Bruhnsen. (Fortsetzung.) Was wird Helgoland ohne die Düne sein? .... Eine greise Königin, aus deren ichwachen Händen die bei Seite gelegte Krone (ein köstliches Juwel!) unwiederbringlich ins Meer geglitten ist. Mein sinnender Blick tauchte in die Bergangenheit. An die Träger berühmter Namen erinnerte mich mein Ferien- Aufenthalt auf Helgoland, an Friedrich Oetker und Hoffmann von Fallersleben, Volksmänner, deren ich allemal mit Hochachtung gedenke, wenn ihre Namen an mein Ohr schlagen. Beide verweilten längere Zeit auf Helgoland. Beide werden sich täglich auf der Meerfluth geschaukelt und an der hehren Schönheit des Dünenbildes erlabt haben. Hier sang der Erstere, eines unerwarteten Zusammentreffens gedenkend, Wehmuth im Herzen: „So muß ich Dich am fernen Meer hier finden, Du holde Blume meiner Heimathlande l Ein Lilienkelch auf ödem Dünensande, Geküßt, umkost von weichen Meereswinden," won hier aus ging Hoffmanns zündendes „Deutschland, Deutschland über Alles" in alle Welt und weckte den nationalen Gedanken. Seine Büste steht im Unterlande, in der Nähe des Theaters. Auf einem Sockel von polirtem Granit, der die Devise Hoffmanns trägt: „Klar und wahr", erhebt sich der characteristische Kopf des für Recht und Wahrheit allezeit erglühenden deutschen Volksmannes, aus jener Zeit, da das Sehnen nach einem geeinten Vaterlande alle deutsch empfindenden Herzen übermächtig bewegte. Die kunstvoll geschmiedete Einfriedigung des Denkmals schenkte ein dankbarer Badegast aus Hamburg, Georg Telge, der Gemeinde Helgoland, die auf Stiftungen aus freigebigen Händen angewiesen ist, will sie den rothen Felsen schmücken. So ließ beispielswei e den das Oberland überragenden Kirchthurm der reiche Rickmers in Bremerhaven, ein geborener Helgoländer, auf 'eine Kosten erbauen, Glocken und Uhr schenkte Generalconsul Mathies aus Hamburg. Liebevolle, dankbare Erinnerung auch an Fried ich Oetker zu bethätigen, bleibt der Gegenwart überlassen. Man stifte eine Gedenktafel für ihn auf Helgoland. Er hat sie wahrlich verdient! Vor mir liegt sein, aus der reichen Litteratur über das reizvolle Nord'ee-Eiland bergeShoch sich hebendes Werk: „Helgoland, Schilderungen und Erörterungen", welches 1855 erschien. „Hätten wir nur erst ein einiges Deutschland, ein entschlossenes Preußen!" so ruft er sehnend, „dann fände sich auch zur Wiedererwerbung Helgolands vielleicht Gelegenheit. Deutschland allerdings müßte sie wahrzunehmen und seine Kräfte zu verwerthen wissen. England hat nur vor practischen Leuten und Staaten Re'pect." „Als ich vor Jahren das alte Frieseneiland besuchte und die englische Flagge auf dem rothen Felsen sich blähte, ergrimmte mein patriotisches Herz nicht wenig,- die ganze Schmach Deutschlands vom westfälischen bis zum Meler Frieden, von den Reunionskammern Ludwigs XIV. bis zum Wiener Congresse, trat mir vor die Seele. Und nun? ... Ach Freund, wie ist diese Schmach noch gewachsen! Wo sind sie hin, alle die Wünsche und Hoffnungen der zwischenliegenden Jahre? Schleswig-Holstein unter den Marterfäusten dänischer Rache,- in Hessen Kriegsgericht/ Deutschland zerrissen wie je/ und Helgoland, das einst zu Schleswig-Holstein gehörte?......Nun, das lebt noch unter britischem Banner!" Oetker hat die machtvolle Erhebung der deutschen Stämme noch erlebt, die sein warmfühlendes deutsches Herz mit unaussprechlicher Genugthuung erfüllte, — dem Ausrichten deutscher Hoheitszeichen auf Helgoland durfte er nicht mehr beiwohnen,......wie hätte es ihn hochgestimmt und seinen alten Augen gut gethan!----— Das Seebad hatte doch recht eigentlich einen gewaltigen Hunger in mir hervorgerufen. Der Magen ließ sich mit den Betrachtungen mancherlei Art, zu welchen der Aufenthalt auf der Düne Anlaß bot, nicht genügen, er verlangte gebieterisch neue Füllung. Unnöthigerwei e erspähte ich im Weiterschreiten am Fuße des Dünenrückens einen großen, flachen Stein, welcher einen lebhaften Appetit auf Schweizerkäse wecken mußte, denn wie dieser war er mit zahlreichen Rundlöchern durchbohrt. Da wars nun um mich geschehen. Im Handumdrehen befand ich mich im Ohlsen'schen Dünenpavillon am Herrenbad und ließ auftafeln: Hummer mit Mayonnaise, ein winziges Beefsteak, Sardellenbrötchen u. s. w. — wobei mir heute noch unbegreiflich, wie ich das Alles bewältigen konnte. Dazu trank ich mehrere Flaschen Stout. Und als ich nun den schaum'gen Rest Des schweren Biers getrunken, Da hab' ich mir mit düst'rem Sinn Die Rechnung hergewunken. Meine Befürchtungen — ich hatte so Manches munkeln hören über das theure Pflaster Helgolands — waren denn auch nicht übertrieben. Als ich wiederum über den theergetränkten Steg an den Strand hinabstieg, lag gerade ein Boot zur Ueberfahrt bereit. Abgestoßen! Segel hoch!.....es bauschte sich und knatterte im Winde. Pfeilgeschwind schoß es durch die Wogen. Nach fünfundzwanzig Minuten setzte es die fröhlich dreinblickenden Dünenbesucher beiderlei Geschlechts auf der Insel ab. Nach dem ungewohnten Bade in freier See äußerst ermüdet, suchte ich sogleich mein Logis bei I. P. Aeuckens auf und wars mich, zu einem Nachmittagsschläfchen aufgelegt, aufs Sopha. Nach dem Erwachen belehrte mich ein Blick auf den tickenden Zeitmesser an der Wand, daß ich von 3—7 Uhr fest geschlafen hatte. Neu gestählt erhob ich mich und schlenderte durch die Gassen des Oberlandes der Ostküste zu. Mein Weg führte mich an der Kirche und dem schmucklosen Ruheplatz der Todten vorbei. Friedhofsstille umfing mich, als ich den letzteren betrat. An dem Grabe einer vor langen Jahren drüben auf der Düne während eines Unwetters vom Blitz erschlagenen, jugendlichen Schauspielerin, Malvine Erck, blieb ich sinnend stehen und entblößte mein Haupt. Ergreifend wirkt auf den gemüthvollen Betrachter die stimmungsvolle Grabinschrift: „hier ruht, vom gold'nen Menschheitsbaume Verweht durch einen Wetterschlag, Still eine Knosp' int Blüthentraume Zur Reife für den jüngsten Tag." 408 Literarisches den Verlag John Henry Schwerin, Berlin W. 35. in See lag vor mir. z Langsam setzte sich der Coloß in Bewegung, das Sxe- wasser stob weißgischtend um die Schaufelräder. Köstlicher Seewind wehrte der Gluth des Tagesgestirns, das heiß vom Himmel herniederstrahlte und glanzhell aus den smaragdgrün schimmernden Wogen lag. Ich stand fast während der ganzen Tauer der Ueber- in das aufgewühlte Kielwasser, das der Dampfer als breite Schaumbahn hinter sich zurückließ. Es lag unter mir wie ein leicht überfrorener Gebirgssee, auf dessen glattem Spiegel der eisige Hauch des Windes feines, stäubendes Schneegeriesel vor sich hin treibt. Gegen das Ende der Fahrt entlud sich über uns ein schweres Gewitter. Wolkenbruchartig strömender Regen, unaufhörlich von dem düster dräuenden Himmel herniede^ zuckende Blitze ttieben die Mitpassagiere nach und nach diese immer schwärzer werdende Rauchsäule. Dann traten allmählich die Schornsteine in den Gesichtskreis des Beobachtenden. Dann die Umrisse des stolzen, weißgestrichenen Schiffes. - , s Majestätisch, sich hochbordig aus dem Meer hebend, rauschte es heran. Der Anker rasselte in die Tiefe. Schon stießen die Fahrzeuge der Helgoländer von der Brücke ab, um die von Hamburg und Cuxhaven Kommenden auszubooten. Das dauerte eine ganze Weile, da von den meisten der in die Nordseebäder Eilenden erklärlicherweise das prächtigste Schiff der Ballin-Linie zu der Seefahrt erwählt zu werden Pflegt. Endlich begann das Einbooten der Norderney-Fahrer. Die „Cobra" heizte aufs neue zu einem Fluge über die Nordsee. Eine drei Stunden währende genußreiche Fahrt unter Deck. ,r,, Ich dagegen flüchtete unter das regengeperschte Sonnensegel, das unter dem gewaltthätigen Zerren des Gewitter- sturmes ächzte, 'Pannte obendrein mein Wetterdach auf und badete das Gesicht in der erfrischend über- das Deck streichenden, köstlichen Luft, bis das Unwetter über uns hmweg- gebranst war. o r,, , Als wir in Norderney anlangten, war das schiefergraue Gewölk im Abziehen begriffen, die wieder durchbrechende Sonne färbte seine scharf gegen den blauen Himmel abstechenden Ränder goldgelb. Die nur 7 Kilometer von der Küste entfernte Insel, welche zur Zeit tiefster Ebbe Berbindung mit dem Festlande hat, bietet einen prachtvollen, weithin sich dehnenden Strand. Wellenbrecher und Brücken führen weit ins Meer hinein. Der neuerbaute Seesteg mit zu längerem Verweilen einladenden bequemen Bänken ist großartig angelegt. (Fortsetzung folgt.) Die gegen die See drohenden Geschütze sind gegen die Einflüsse der Witterung mit Mänteln und Mützen aus schwarz- gestrichenem Oeltuch versehen. . . - Möge nie der Tag erscheinen, an welchem ihre Feuerschlünde in die Reihen eines feindlichen Geschwaders Tod und Verderben tragen werden! Hernach stieß ich drunten im Unterland bei dem Gast- wirthe F. Dischinger aus Bayern, der den durstigen Kehlen sür den artigen Preis von 40 Pfennig doch immerhin einen halben Liter Münchener Bier bietet, auf fidele Blaujacken und junge Offiziere (Unter-Lieutenants zur See) der Besatzung Helgolands Ein ungezwungener, munterer Ton herrschte an ihrem Tische, humorvolle Bemerkungen flogen hinüber und herüber. Ich gewann die lebensfrohen, flotten Kerle bald lieb und verweilte, wo immer ich mit ihnen zusammentraf, gern in ihrer Nähe. * * Am nächsten Vormittage saß ich in behaglicher Betrachtung vor dem Conversationshause, als der A> srufer mit der Schelle vorüber eilte. Ein alter, wunderlich ausschauender Mann! Wenn er vor seinem Rundgang durch die Gassen einen Hut erwischen kann, stülpt er ihn auf, andernfalls eilt er barhaupt einher, so daß ihm die grauen Haarsträhne um den Nacken fliegen. Das Radeln der Frauen vom ärztlichen Standpunkt hat selten eine so knappe, scharfe und erschöpfende Beurtheelung erfahren, wie in dem „Aerztlichen Nathgeber", einer höchst bemerkenswerthen, von einem Arzte redigirten Beilage von „Mode John Henry Schwerin, Berlin. Von der ungefeueren VielseU gkeit dieses Universalblattes sür die Familie zeugt auch die vierseitige Mustk- beilage (mit nm Originalconipositionen) der eben zur Ausgabe gelangten 3 Juli-Nummer. Den Moden ist darin in Wort und Büd wieder der weiteste'Raum gegönnt, und künstlerisch ousgesührte Illustrationen bringen die dargestellten Kleider- und Huimoden zu bester Geltung. Der jeder Nummer beilieginde Schnitlbogen ist anerkannt mustergültigI Wer gern einen guten W'tz belacht, der nehme nur einmal die Mustrwte Humorbeilage zur Hand! Die reichhaltige, illustrirte Belletristik knetet eme Fülle anregender, spannender Unttrhaltungslectüre. „Mode und Hau^ kostet nur i Mk- vierteljährlich, mit achtseitiger Romanbeilage und Colonl ist das Blatt für nur 1 Mark 25 Pfennig von allen Buchhandlungen • ----- - ' ' ' . Eratis-Probenummern durch erstere unv deutschen Küste. Im Nordhafen lagen sechs Torpedoboote und der Aviso Blitz" vor Anker. Einige schwere Panzer waren wohl schon hierher unterwegs. Es war bekannt geworden, daß sich von Helgoland aus in den nächsten Tagen der deutsche Kaiser zunächst zur Segelregatta nach Cowes, sodann zur ^agd nach Schottland begeben wollte. Aus diesem Umstande erklärte sich die Anwesenheit so zahlreicher deutscher Kriegsfahrzeuge in den Gewässern vor Helgoland. . Ich besichtigte später die starken Befestigungen drews rouyicllu „„ - ------ nordischen Gibraltar, soweit sie den Augen der Fremden sich Hinterdeck und blickte über die Reeling hinweg zeigen. Ueberall warnten Plakate vor den Folgen eines un- I ! 9 • . .. —nt— »r« twoit» befugten Eindringens in militärische Geheimnisse und stellten eine drakonische Bestrafung der Spionirenden in Aussicht. Es überrieselte mich vom Kopfe bis zu den Füßen, als ich sie las. Nachdenklich gestimmt schlug ich den Weg zu der um diese Zeit schon einsam liegenden Ostküste ein. Ich hielt mein Marineglas vor die Augen. Mein weit- ausschweifender Blick fiel auf eine in weiter Entfernung manöverirende, wie eine Zeile von Fabrikschornsteinen anzusehende, englische Fiicherflotte. , Diese dreisten Eng'änder halten sich jetzt endlich, feitdem die deutsche Kriegsmarine ihnen scharf auf die Finger sieht, in respeetvoller Entfernung von den reichen Fischgründen der Er klingelte. , , Dann begann er mit eingerosteter, zitternd schwingender Stimme: „Dampfer „Cobra" wird heute ..... 2 Uhr 45 ... . von hier nach Norderney gehen. | Riess und torkelte weiter. Augenblicklich war ich zum Mitsahren entschlossen. Es war ein Freitag. Von Norderney wollte ich am nächsten Tage einen Abstecher nach Bremen über Bremerhaven machen und am Sonntage so zeitig nach Helgoland zurückkehren, daß ich, wenn auch nicht Zeuge der Landung des Kaisers, so doch seiner Einschiffung nach England sein wurde. Gedacht, gethan. Ich blieb am Strande sitzen, füllte mein Notizbuch mit den bisher gemachten Beobachtungen und wartete aeduldig auf das Eintreffen der „Cobra". Dann und wann blickte ich von meiner Beschäftigung | QUf. Ein grauer Punkt am Horizont, den ich mit dem Fern- । qlafe heranholte, wurde allmählich größer, bis er die Fotm ; einer Rauchsäule annahm. Eine Zeit lang deutete Nichts - und Pofianfialten zu beziehen- weiter auf das Näherkvmmen des stattlichen Dampfers,als 1 - - ■ - ■ - --Druck und Verlags»rühl'fchen Universitäts-Buch- und St-iudruckerei (Pietsch Erbeu) in Gießen.