II inooi IW Wlllk u sagtest einst — ich hör' es immer wieder — pM? Daß Du die Dichtung liebest und die Lieder! W« Dann mußt Du auch die Veilchen lieben, Denn steh': sie sind ja auch Gedichte, Die Gott in's Grün hineingeschrieben Mit seines Himmels blauem Lichte. H. x>. Gilm. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. «Fortsetzung.) XXII. In seiner im ersten Stock eines gut gebauten Hauses in der Weißgerberstraße in Greifswald belegenen Wohnung saß Adolf vor dem Reißbrett und zeichnete emsig. Zum ersten Male seit dem Tode der armen Anna hatte er es über sich vermocht, sich einer Zeit und Aufmerksamkeit erfordernden Arbeit zuzuwenden und ein paar Stunden dabei auszuharren. Es war doch, als spüre er die heilende und befreiende Wirkung einer Thätigkeit, indeß schon bemächtigte sich seiner wieder die Unrast. Wieder stöhnte er tief auf und fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn. Nun warf er den Stift auf den Zeichentisch, sprang auf und öffnete das Fenster. Mit langen Aihemzügen zog er die hereinströmende, vom Duste der unweit des Hauses blühenden Akazien durchwürzte frische Lust ein, ohne sich dessen doch recht bewußt zu werden. „Ich werde zusehen müssen, sobald wie möglich, von Greifswald fortzukommen," überlegte er, mit dem Rücken gegen das Fensterkreuz gelehnt stehend und das Zimmer überschauend. „Ich wollte so gerne arbeiten und habe ja auch ein paar Stunden dabei ausgehalten, nun ist's aber vorbei. Ich kann nicht mehr!" — Die Hände ineinander verschränkt, fuhr er fort: „Und doch liegt in der Arbeit, in der unausgesetzten, rastlosen Arbeit für mich die einzige Hoffnung. Nicht daß ich jemals wieder ein froher oder nur ein leidlich normaler Mensch werde, sondern daß ich das Leben überhaupt ertrage. Geht es nur noch kurze Zeit mit mir so weiter, so muß ich wahnsinnig werden oder —" Sein Auge heftete sich auf ein schwarzes, glänzend polirtes Kästchen mit Nickelbeschlägen, das in der Ecke des Zimmers auf einem kleinen Tisch neben Rauchutensilien stand. In seinen Zügen malte sich ein schmerzlich sehnsüchtiger Ausdruck. „Wär's nicht das Beste, ich machte ein Ende?" murmelte er. „Was hat mir das Leben noch zu bieten als Reue, Schmerz und Qual? Freudlos und friedlos muß ich umherirren, belastet mit dem Fluch der Erinnerung, belastet mit ihrer Verachtung!" Er machte einige Schritte in das Innere des Zimmers und blieb dann stehen. „Ich darf nicht, ich darf nicht," stöhnte er. „Meiner armen Mutter, der sanften Dulderin, darf ich nicht auch diesen Schmerz bereiren. Ich muß ausharren und das Leben ertragen so lange sie lebt." „Anna, arme, süße Anna, Du bist gerächt, schwerer und härter als Du es mir je gewünscht haben würdest!" Er kehrte zum Reißbrett zurück und versuchte die Arbeit wieder aufzunehmen, hatte aber erst wenige Striche gemacht, da klopfte es an die Thür und Frau Böckel, die Eigen- thümerin der Wohnstube, von der er zwei Zimmer gemiethet hatte, trat herein. „Entschuldigen Sie, Herr Bauführer, daß ich Sie störe," sagte sie und gab sich große Mühe ruhig zu scheinen, vermochte jedoch ihre Erregung nicht zu verbergen, „aber es ist ein Bote aus Rapshagen da, Sie möchten —" Göbener war schon aufgesprungen. „Was giebt's, welch neues Unheil ist dort geschehen?" rief er. „Ach, nicht doch, Herr Göbener, wer wird denn gleich das Schlimmste fürchten?" suchte ihn Frau Böckel zu beruhigen, aber ihr Aussehen strafte ihre Worte Lügen. „Der Bote kann seine Bestellung übrigens selbst ausrichten," fügte sie hinzu und rief, rückwärts nach der Thür schreitend: „Kommen Sie doch herein." „Jochen! Was ist geschehen?" schrie Adolf, sobald er des Knechtes ansichtig ward, dem buchstäblich die struppigen strohgelben Haare zu Berge standen und dessen verstörte Mienen Entsetzliches fürchten ließen. Er entledigte sich seines Auftrags in der denkbar ungeschicktesten Weise, indem er sagte: „Ach Gott, ach Gott, junger Herr, heute ist's ja wohl noch viel schlimmer wie dazumal, als ich Sie aus Waldhof fortholte) Sie sollen schnell nach Rapshagen kommen, die Frau Amtmännin liegt im Sterben und —" 210 „Schnell fort!" unterbrach ihn Adolf, „Du haft doch den Wagen unten, mein Bater hat ihn mitgeschickt?" „Nee," grinste der Knecht, „der Herr Amtmann schickt mich nicht, der ist ja gar nicht da. Den haben sie doch ab- grholt und vor Schreck darüber hat die Frau Amtmännin eben die Krämpfe gekriegt." Adolf fuhr sich mit beiden Händen nach dem Kopf. „Mensch, was redest Du da eigentlich? Wer hat meinen Vater abgeholt?" „Na, das Gericht, Sie wollen ihn einsperren, weil sie sagen, er hätte Fräulein Annechen mit Fleiß in den Padden- teich gestoßen. Er wollte mit Gewalt nicht mit, sie haben ihm die Hände gebunden —" Er kam nicht weiter. Adolf stieß einen furchtbaren Schrei aus und sank auf einen Stuhl. Frau Böckel, die an der Thür stehen geblieben war, eilte hinzu, in der Meinung, ihr Miether, für den sie aufrichtige Theilnahme empfand, sei ohnmächtig geworden, er starrte sie aber mit großen, glanzlosen Augen an und murmelte einzelne Worte, aus denen sie zu verstehen glaubte: „Meine Ahnung! Meine Ahnung!" „Junger Herr," redete Jochen, der auch näher getreten war, auf ihn ein, „wenn Sie sich ein bischen sputen, können Sie mit dem Herrn Doetor Frederich fahren, er wollte gleich anspannen lassen und hier vorkommen und Sie mitnehmen." Adolf Göbener rührte sich nicht und blickte starr auf einen Fleck. Frau Böckel legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Besinnen Sie sich doch nur, Herr Bauführer. Wenn Sie Ihre Mutter noch lebend antreffen wollen, haben Sie keine Zeit zu verlieren." „Sie stirbt und das ist ein Glück für sie," murmelte Adolf, „ihr kann ich nichts mehr helfen. Aber er — mein —" Er vermochte das Wort „Vater" nicht über die Lippen zu bringen; Jochen harte ihn doch verstanden. „Dem können Sie erst recht nicht helfen, da kommen Sie nicht an," sagte er, ohne sich weiter zu äußern, von wannen ihm diese Weisheit kam. „Wenn Sie nicht mit Doetor Frederich fahren, wer weiß, wie lange es dauert, bis Sie einen Wagen auftreiben. Da ist er schon!" Man vernahm auf der stillen Straße das Anfahren eines Wagens. „Gehen Sie hinunter und sagen Sie, Herr Göbener werde sogleich kommen," gebot Frau Böckel, die glaubte, Ihrem Miether die Entscheidung über den Kopf hinwegnehmen zu müssen," ziehen Sie schnell einen anderen Rock an, Herr Bauführer, ich helfe Ihnen." Jochen verließ das Zimmer, Frau Böckel lief geschäftigt zwischen dem Wohn- und Schlafzimmer hin und her und Adolf ließ es sich automatenhaft gefallen, daß sie ihm behilflich war. Plötzlich schien ihm jedoch ein Gedanke durch den Sinn zu fahren, der ihn belebte. Während die Frau sich wieder abgewendet hatte, um ihm den Hut zu holen, trat er an das auf dem Tisch in der Ecke stehende Kästchen, öffnete es und ließ einen metallisch blitzenden Gegenstand in die Tasche seines Ueberziehers gleiten. Wenige Minuten später saß er neben dem Doetor im Wagen und fuhr mit ihm die Straße hinunter, über den Marktplatz und dem Thore zu, von wo sie sogleich auf die bis dicht in die Nähe von Rapshagen führende Chaussee gelangten. Sie waren die Ersten, welche von den Benachrichtigten auf dem Hofe anlangten. Sowohl Fuchsberg, wohin ebenfalls ein Bote gesandt war, als Borkitten, Büttners Gut, nach welchem von Greifswald telegraphirt werden konnte, lagen entfernter und es mußten noch Stunden vergehen, bevor die dort Wohnenden eintreffen konnten. Der Zustand der Kranken war unverändert und der Arzt verhehlte den Geschwistern nicht, daß sein Kunst hier zu Ende sei. Es war nur zu wünschen, daß sie in der sie jetzt umfangen haltenden Bewußlosigkeit hinüberschlief und nicht nochmals erwachte, nur in Krämpfen und Zuckungen den letzten Rest der noch in ihr flackernden Lebensflamme zu erschöpfen. Doetor Frederich hatte während der Fahrt zartfühlend vermieden, von der Verhaftung des alten Göbener zu sprechen, obwohl die sich gleich einem Lauffeuer durch die Stadt verbreitende Kunde auch bereits zu ihm gedrungen war. Aus dem gleichen Grunde hielt er sich in Rapshagen nur so lange auf, als seine Anwesenheit erforderlich schien, traf die Anordnungen, die sich überhaupt noch treffen ließen, und entfernte sich mit dem Versprechen, am nächsten Morgen wieder zu kommen. Adolf Göbener und seine Schwester fühlten sich trotz der Centnerlast, die auf ihren Herzen lag, doch wie befreit, als sie sich allein sahen, und dem Arzt gegenüber nicht einen Kummer zur Schau tragen mußten, den sie in dieser Form nicht empfanden. Beide liebten die mit dem Tode ringende Frau mit der zärtlichsten Liebe, mit jener Innigkeit, welche gerade die Kinder für die Mutter empfinden, die mit ihr unter der Härte des Vaters zu leiden haben, aber eben weil sie sie so liebten, wäre es ihnen wie ein Unrecht erschienen, wild und leidenschaftlich um ihren Tod zu jammern. Mußten sie nicht Gott preisen, der sie erlöste in dem Augenbiicke, wo von den vielen Bitternissen, die sie im Leben erfahren, ihr noch die bitterste geboten ward? In dem Zimmer neben dem Krankenzimmer sitzend, verbrachten die Geschwister Stunde auf Stunde. Der Abend ging in die Nacht über und diese machte dem früh anbrechenden Morgen Platz, und noch immer vernahm man die unregelmäßigen Athemzüge, das leise Stöhnen der Sterbenden, noch immer sprachen Adolf und Doris von der grausen, entsetzlichen That, deren der Vater angeklagt ward. Frau Büttner erfuhr zum ersten Male von der Bedingung, unter welcher der Vater seine Zustimmung zu Adolfs Verlobung mit Anna gegeben hatte, und ihr Herz stand vor Schreck beinahe still. Sie hatte bis jetzt keine Veranlassung für das ihrem Vater zur Last gelegte Verbrechen finden können, jetzt sah sie diese schaudernd vor sich. Und auch die Mutter hatte sie erkannt. „Lebensversicherung" war das letzte Wort gewesen, ehe der Krampf sie ergriffen, der ihren Tod herbeiführen sollte. Auch an der Art und Weise wie ihr Gatte, der mit dem anbrechenden Tage eintraf, die Nachricht aufnahm, merkte die beklagenswerthe Frau nur zu gut, daß er nicht abgeneigt war, dem Vater die That zuzutrauen. Ihre ältere Schwester, die kurz darauf ankam, trat zwar mit großem Nachdruck für seine Schuldlosigkeit in die Schranke« und erklärte die Anklage für ein Gewebe von Lüge, Rachsucht und Bosheit, aber auch sie mußte kleinlaut werden bei den Nachrichten, welche ihr Mann mitbrachte. Herr Lorenz war in Greifswald gewesen, um dort Erkundigungen einzuziehen und der Untersuchungsrichter, an den er sich gewendet, hatte sich mittheilsamer finden lassen, als man unter solchen Umständen eigentlich zu erwarten berechtigt war. Göbener hatte in seinem ersten Verhör nichts eingestanden, im Gegentheil, sich sehr auf das hohe Pferd gesetzt und jede Antwort verweigert, aber die gegen ihn vorliegende« Beweise, mit denen der Untersuchungsrichter den Fragenden bekannt zu machen keinen Anstand genommen, waren von unwiderleglicher Härte. „Gebrandmarkt, an den Pranger gestellt!"' stöhnte der einfache, aber durch und durch ehrenhafte Landmann, nachdem er der Familie, die bis auf Frau Büttner, welche am Krankenbett der Mutter zurückgeblieben, im großen Wohnzimmer beieinander war, seinen Bericht erstattet hatte. „Wie ist es nur möglich, daß ein Mann wie der Vater, eine so schreckliche That begehen konnte?" „Deine Frage beweist, daß er sie nicht begangen hat," mef seine Frau. „Die Beschuldigung ist falsch!" „Sie ist wahr!" ertönte scharf und schneidend Adolfs Stimme. „Jetzt weiß ich erst, daß ich Unheil gefürchtet habe sogleich am ersten Tage, als er mir von der Lebensversicherung für Anna sprach." Er erzählte das Gespräch, das er damals mit dem Vater gehabt hatte und fügte hinzu: „Ich hätte es nicht zugeben sollen — ich — ich bin mitschuldig !" Laut stöhnend verbarg er das Gesicht in den Händen. Bürtner berührte ihn am Arm und flüsterte: „Setze Dir nicht solche Dinge in den Kopf, Adolf, das Unglück ist schon so grenzenlos —" Er wurde unterbrochen. In der Thür erschien seine Frau und winkte mit stummer, ausdrucksvoller Geberde den Versammelten. In ihren Mienen lag etwas, als sei von der Erhabenheit des Augenblickes auch ein Abglanz auf sie übergegangen. — (Fortsetzung folgt.) Unter der Weide. Eine Palmsonntagsgeschichte von A. Fromm. ------- (Nachdruck verboten.) Am Rande eines Ackers stand ganz vereinzelt eine Weide mit breiter Krone, aber mit niedrigem Stamm, so daß auch kleine Hände zu ihren Zweigen hinaufreichen konnten. Und so waren Fritz und Rose, die Kinder von zwei Hofbesitzern, schon als sehr kleine Leute am Palmsonntage früh hinausgegangen, um von dem Baume die mit Weidenkätzchen besetzten Zweige zu brechen, die in ihrer Heimath die Stelle der Palmen vertreten und ganz besonders wohlthätige Kräfte haben. Als Rose zum ersten Male mitging, war sie noch so klein, daß der größere und ältere Kamerad die Zweige für sie herabziehen und abbrechen mußte. „Weißt Du," sagte er nach vollendetem Geschäft und stellte sich breitbeinig vor sie hin, „ich brauche Dir die Palmen gar nicht zu geben. Der Baum steht auf unserem Grund und Boden, sagt der Vater. Die Palmen gehören uns." Die Kleine, die sich schon ihres Schatzes beraubt sah, verzog das Mäulchen zum Weinen und ließ einen Zipfel der Schürze, in der sie die Palmen hielt, hinabgleiten, um die Hand an die überquellenden Augen zu führen. Das rührte Fritz. „Ich habe ja bloß gespaßt," lachte er, „behalte die Palmen und da, da gebe ich Dir noch ein paar schöne zu." Dann wanderten sie einträchtig Hand in Hand zum Dorfe zurück und verabredeten, daß sie am nächsten Palmsonntag wieder zusammen Palmen pflücken wollten. Sie hielten es Jahr für Jahr so, aber Fritz wagte es bald nicht mehr, Rose zu necken. Als er nicht gar lange nach jenem ersten Male wieder eine ähnliche Anspielung machte, lachte sie ihm ins Gesicht und sagte: „Dummer Junge, ich pflücke meine Palmen wo ich will." So sehr sie noch Kind war, so fühlte sie doch, daß sie in ihrem hübschen Gesicht, ihrer Zierlichkeit und Zungengewandtheit eine Ueber- legenheit besaß, gegen welche der etwas unbeholfene Fritz nicht auskam. Wenn ihr Verkehr sich mit der Zeit auch ein wenig lockerte, so trafen sie sich doch alljährlich am Palmsonntag früh unter der Weide, bis sie erwachsen waren und Fritz fortgehen mußte, um seiner Militärpflicht zu genügen. Als er zurückkam, hatten Roses Eltern das Mädchen zu einer in einer Stadt lebenden Tante geschickt, damit es dort einige häusliche Künste lernte, für die es in dem Dorfe keine Lehrmeisterin gab. Rose blieb über ein Jahr fort, und so war mancher Palmsonntag vergangen, ohne daß die Beiden zusammen Palmen gepflückt hätten. Sie kam im Herbst zurück, hübscher, zierlicher denn je, und, wie es schien, ihrer Ueberlegenheit über Andere mehr denn je bewußt. Wenigstens dachte Fritz so. Er hatte gemeint, ihr imponiren zu können, denn er war mit den Jahren männlicher, sein Auftreten war sicherer geworden, und er fühlte sich ein wenig, da er seit einiger Zeit an Stelle des kränkelnden Vaters die Besitzung fast selbständig bewirth- schaftete. Aber Rose hatte bei der ersten Begegnung nur ein flüchtiges Kopfnicken für ihn und wußte ihn, wie alle Anderen, fernzuhalten. Bisweilen freilich sah sie ihn auf eine eigne Art an als erwartete sie etwas von ihm, aber er hütete sich, sich ihr zu nähern, um vielleicht nur mit einem übermüthigen Scherz abgefertigt zu werden. Dazu war er zu gut, dachte er; und er setzte seinerseits den Kopf auf und versuchte, ebenso trotzig und übermüthig auszusehen wie sie, wenn er ihr begegnete. So war der Winter hingegangen, und der Frühling nahte. Am Tage vor Palmsonntag schlenderte Fritz den Feldweg entlang, der an der Weide vorbeiführte. Bon dem andern Ende des Weges her kam Rose und blieb vor dem Baume stehen. Er wäre ihr überall ungern begegnet, nirgends so sehr, wie hier, aber was sollte er thun. Umkehren konnte er nicht, das hätte lächerlich ausgesehen, da sie ihn schon bemerkt hatte. Er wollte mit einem möglichst gleichgültigen Gesicht an ihr vorübergeben, aber sie redete ihn an und zwar ganz freundlich. „Der Weidenbaum hat recht schöne, große Palmen," sagte sie, „da können wir morgen hübsche Sträuße schneiden." Der unbefangene und zuversichtliche Ton verdroß ihn. „Ei," sagte er spöttisch und seine Mütze abnehmend, „das ist ja eine hohe Ehre für uns, daß Du von unfern Palmen pflücken willst. Ich glaubte, sie wären längst nicht mehr gut genug für Dich." Sie warf ihm über die Achsel weg einen geringschätzigen Blick zu. „Du brauchst es garnicht zu betonen, daß der Baum Euer ist," sagte sie. „Meinst Du, ich bin noch das kleine Kind von ehedem, das sich von Dir schrecken ließ? Behalte Deine Palmen, ich will sie gar nicht haben. ES giebt überall genug andere," damit ging sie fort. „Du sollst sie auch nicht haben! Nie mehr, hörst Du?" schrie er grimmig nach und rannte auf dem entgegengesetzten Wege nach Hause. Sie hatte seine Worte wohl vernommen, aber nicht die leiseste Bewegung verrieth, daß sie irgend welchen Eindruck auf sie machten. Erst wo der Weg eine Biegung machte, blieb sie stehen und sah sich nach Fritz um. Der rannte noch immer, die Mütze tief ins Gesicht gedrückt. Rose sah ein Weilchen nachdenklich vor sich hin, dann lachte sie leise und ging weiter. Am folgenden Morgen stand sie früher als gewöhnlich auf und schickte sich an, auszugehen. „Wo willst Du hin?" fragte die Mutter. „Palmenpflücken," antwortete sie, und die Mutter ließ sie gewähren. Rose wanderte durch den klaren, sonnigen Morgen auf dem gewohnten Wege zum Weidenbaum hin. Sie wollte eher dort sein als Fritz, sie wollte ihre Palmen schneiden, ehe er kam, und ihn erwarten. Dann würde er, so gut wie sie, einsehen, daß ihr Streit von gestern eine kindische Thorheit war, und würde mit ihr darüber lachen. Sie sah unausgesetzt nach der Richtung hin, in welcher Fritz herankommen mußte, ihr lag soviel daran, ihn zu überraschen; und so sah sie nicht eher auf die Weide, als sie dicht davorstand. Dann aber — Ja, wo war sie denn eigentlich? Sie sah rings umher — es war die richtige Stelle; sie rieb sich die Augen — sie war wach. Aber vor sich sah sie nicht die breite Krone mit ihren dicht mit Kätzchen besetzten Zweigen, die sie gestern noch berührt hatte; sie sah nichts als einen kurzen, kahlen Baumstumpf. Die Krone war abgehauen. Das hatte er gethan! Das hatte er mit seinem „Nie mehr" gemeint! Sie sah sich einen Augenblick wie irr um, dann ließ sie das Gesicht in die Hände sinken und weinte bitterlich. Vor Zorn über sich selber, vor Scham 212 Humoristisches aller Frühe ankomme, — und mit Dir?" „Sie werden nicht erschrecken," beruhigte sie der glückliche Liebhaber, „die Mutter hat manches Mal gesagt: Du verlobst Dich doch noch einmal unter der Weide." Sie gingen schweigend, Hand in Hand, hin. Da tönte Glockengeläut aus der Ferne, und wie auf Verabredung standen sie still, die Hände fromm ineinanderfaltend, andachtsvoll und von dem süßen Gefühl ihres jungen Glückes durchschauert. Erst nach einer Weile lösten ihre Finger sich wieder. „Jetzt gehen wir unsre Palmen pflücken," sagte Fritz. Verbreitung von Kmnkheiterr durch Kleider. Von Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck verboten.) Gerechte Empörung. Fritz: "Du Ede, Dein Anzug wird aber ooch schon schlecht". — Ede: „Wat schlecht. Den Anzug hat ja mein Vater un mein Bruder schon getragen, un nu soll er uff eenmal schlecht fin ? 1" • . * Vorsichtig Hausfrau: „Sie können sich einMittag- efsen verdienen, wenn Sie mir den Haufen Holz da klein machen." - Bettler: „Hm ... was haben Sie denn gekocht?" Wäsche und Kleidung sp elen in der Geschichte der Verbreitung ansteckender Krankheiten entschieden eine viel wichtigere Rolle, als man gewöhnlich annimmt. Ebenso tote der Staub setzen fick auch die Krankheitskeime in den Kleidern fest und werden dann aus dem Krankenzimmer auf gesunde Mitmenschen übertragen. Dies ist durch zahlreiche Beispiele, namentlich bei Epidemien, nnzweifelhaft vewiesen, und zwar fast für alle Jnfectionskrankheiten, wie Pest, Cholera, Pocken, Typhus, Diphteritis, Tuberkulose (Schwindsucht). Daher ist es durchaus nothwendig, daß man Kleider, welche mit derartigen Krankheitskeim-n behaftet sein können, desinflclren läßt- einfaches Klopfe und Bürsten genügt nicht zur vollständigen Entfernung derselben, ja wühlt sie sogar aus ihrem bis dahin unschädlichen Ruhestande auf. Besonders groß ist die Gefahr der Kcankhettsuber- traguna beim Einkauf schon getragener Kleidungsstücke. Wie ost werden Wäsche und Kleider eines verstorbenen Familienmitgliedes, nach nur oberflächlicher Reinigung an Alchändler verkauft. Solche Geschäfte bilden für die ärmere Bevölkerung ohne Zweifel eine große Gefahr. Daher sollte gesetzlich geboten werden, daß Verkäufer getragener Kleidungsstücke diese nicht abgeben dürfen ohne den schriftlichen Nachweis, daß sie dieselben haben desinfieiren lassen. Natürlich müßte dieser Schein, am Anzug befestigt, dem Käufer mit aus- geliefert werden, damit er nicht noch zu einem ähnlichen Anzug verwendet werden könnte. Dann erst wäre man sicher, sich beim Einkauf eines getragenen Kleidungsstückes nicht etwa zugleich den Keim von Krankheit und Tod zu holen. Was nützt alles Forschen und Beweisen der i hygienischen Wissenschaft, wenn die Gesetzgebung daraus nicht die nothwendigen Folgerungen zieht! Aber nicht nur der Verstorbenen Kleider können ansteckend sein, sondern auch derjenigen, welche an einer noch nicht zum vollen Ausbruch gekommenen ansteckenden „schleichenden Krankheit leiden. Dies gilt besonders bei Tuberkulose, Dr. Kirchner sagt: „Wer sieht, wie häufig der nicht von Jugend auf zur Reinlichkeit erzogene Menfch sich Mund und Nase am Rockärmel abwischt, oder Auswursreste an das Beinkleid schmiert, der kann sich einen Begriff davon machen, wie es möglich ist, daß Eiterkokken in getragene Beinkleider, und Tuberkelbazillen in getragene Röcke gelangen." Auch | in der Armee sollten nach der Entlassung der Reservisten und vor einem unendlich wehen, bittern Gesüh, das sie noch nie gekannt hatte. Sie hatte es nie mit einem Menschen ; böse gemeint, und alle meinten es gut mit ihr- es war die । erste wirkliche Kränkung, die ihr widerfuhr, und sie schmtt ihr tief ins Herz. Sie weinte unaufhaltsam fort, unbekümmert, ob Jemand sie in ihrer Demüthigung und Trostlosigkeit sah. Und es sah sie Einer, er hatte auf der Lauer gelegen, als sie kam- und jetzt trat er leise und langsam näher mit einem Gesicht, das kaum geringeren Kummer verrieth, als der ihre war. Sie hörte ihn nicht kommen und schreckte zusammen, als er leise ihren Arm berührte und mit beklommener Stimme sagte: „Ich wollte wahrhaftig, ich hätte mir lieber einen Finger abgehackt als den Baum, weil Du Dich so sehr darum grämst." Sie saßte sich schnell, so gut sie ko.tnte- sie wandte den Kopf nicht nach ihm um und sagte so trotzig wie das nicht zu unterdrückende Schluchzen es zuließ: „Du hättest gar nicht nöthig gehabt, den Baum abzuhacken. Denn wenn Du mir damit sagen wolltest, daß Du alle Gedanken an unsere Kinderjahre längst abgehackt und ausgerissen hast, — das wußte ich längst." Er sah sie verwundert an. „Das wußtest Du langst," sagte er langsam. „Jawohl." „Und Du, Rose?" „Ich?" Sie hielt den Kopf noch immer abgewandt und bohrte die Spitze ihres Schuhes in den Boden. „Ich habe gedacht, wir könnten doch noch gute Kameraden sein, wie wir als Kinder waren und — und —" „Und darum warst Du immer so kurz angebunden und hast immer aus mich von oben herabgesehen." „Ich!" Jetzt flog der Kopf herum, und die Augen blitzten ihn an. „Was konnte ich anderes thun, als warten? Konnte ich Dir einen Krux machen und sagen: Bitte, sei so gut und sprich' ein Paar freundliche Worte mit mir." Er mußte wider Willen ein wenig lachen. In die Augen konnte er ihr nicht sehen, denn sie hatte sie wieder abgewandt und gesenkt, aber er nahm ihre Hand. Sie zuckte wohl ein wenig, um sich ihm zu entziehen, aber als er sie fest hielt, blieb sie in der seinen, nicht ruhig- er fühlte, daß sie zitterte. Dann legte er feinen Arm um Roses Schulter und zog ihren Kopf an seine Brust, und , - ■■ dann — dann küßten sie sich unter Thränen und Lachen- die von denselben getragenen Wasche- und Kleidungsstücke und das Merkwürdigste war, daß sie gar nicht mehr an ihre erst sorgfältig destnfietrt werden, bevor man sie den alte Kindersreundschaft dachten, an der ihnen doch eben erst Mannschaften n Benutzung grebt. Besonders aber m°n so viel gelegen war. wohlhabende Leute nie Kleider oder Wasche von Kranken „Der arme, schöne Baum!" sagte Rose nach einer oder Verstorbenen verschenken, ohne sie vorher einer De - Weile und versuchte zu schmollen. infeetion unterziehen zu lassen. „Welches Danaergeschenk sie „Er wird es schon überwinden," lachte Fritz glücklich, damit machen, ist ihnen jedenfalls ntdjt bewußt, sie wurden Ich bin gewiß, wir werden noch Palmen von ihm pflücken, es sonst ganz gewiß nicht thun. Sie üben dann als ein gesetztes Ehepaar. Für heute haben wir sie noch | Willen eine unbarmherzige Wohlthatigkett aus. nicht verloren, die Krone liegt auf unserem Hof - komm mit." „Aber was werden Deine Eltern sagen, wenn ich in Redaction: I. V.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen UniversitätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gieße«.