ilUiUfl ' '0V - E W^^WWWD UM i-rtVx-^‘,r tets hörest Du den Klageschrei Der Welt, rote kurz das Leben fei, — Und d »noch ist bei Tag und Rächt Der Mensch auf - Zeitvertreib bedacht. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) AmtSrath Wenzel wollte keinen Arzt zum Schwiegersohn. Nicht Doctor Holtens Armuth war es, woran er Anstoß nahm, sondern sein Beruf. Der stets gesunde, lebensfrische Mann hatte eine an Furcht grenzende Scheu vor Krankheit, und besonders vor Epidemien und entfernte sich, soweit er es, ohne aufzufallen, thun konnte, aus jedem Kreise, in welchem man sich über Krankheitsfälle und Operationen unterhielt. Der Gedanke, der Mann seiner Tochter sollte Jedem, der seiner ärzlichen Hilfe bedurfte, bei Tage, wie in der Nacht zur Verfügung stehen, in jede Hütte kriechen müssen, seiner Familie ansteckende Krankheiten ins Haus schleppen, war ihm unerträglich! Warum mußte denn die Neigung seiner Tochter auch gerade auf einen Arzt fallen? Jedem Anderen würde er sie ja gegeben haben, wenn sie ihn geliebt hätte, selbst wenn er mit dessen Stellung weniger zufrieden gewesen wäre, selbst wenn er Opfer hätte bringen müssen! Holten hatte ihm während des durch Metas Krankheit bedingten Verkehrs den Eindruck eines durchaus anständigen, gebildeten Mannes gemacht, er konnte ihm auch die Anerkennung nicht versagen, daß er sich bei der soeben stattgehabten Unterredung tadellos benommen habe — und Meta liebte ihn! Aber sein Schwiegersohn ein Arzt! Nein, nein! Hart kämpfte die Liebe zu seiner Tochter mit der einzigen Schwäche des trefflichen Mannes, und noch trug die letztere den Sieg davon. „Sie wird sich täuschen, wie sie sich in ihren Empfindungen für Adolf getäuscht hat!" tröstete er sich, zog einen Stuhl herbei, ließ sich darin nieder und stützte den Kopf in die Hand. Meta hatte sich zu einem mehr seitwärts stehenden Rosen- | Bouquet gewendet, er konnte sie vom Fenster aus nicht mehr sehen. ' "Warum muß er denn just Arzt sein?" seufzte er auf. Sonst wäre ihm ja an der Sache so Manches recht gewesen! Wenn er vorher gegen Holten von einer Neigung seiner Tochter zu einem Jugendgespielen gesprochen, so war dies mehr als eine höfliche Ausrede gewesen, dennoch lag es keineswegs in seinen Wünschen, daß diese Kinderneigung wirklich zu einem Liebes- und Ehebündniß führe. Bei Lebzeiten seiner verstorbenen Gattin hatte ein ziemlich reger Verkehr zwischen Waldhof und Rapshagen bestanden. Die letztere hatte die sanfte, ein schweres Geschick mit Würde und nie ermüdender Geduld tragende Frau Göbener sehr lieb gehabt und sogar einen gewissen Einfluß auf den Amtmann besessen. Die Göbenerschen Kinder, besonders aber Adolf, der Jüngste der Geschwister, waren häufig in Waldhof gewesen, er hatte mit der kleinen Meta gespielt und es war manchmal scherzhaft gesagt worden, aus beiden müsse ein Paar werden. Nach Frau Wenzels Tode waren die Familien mehr auseinander gekommen,- die Göbenerschen Töchter hatten sich verheirathet, Adolf auswärts seinen Studien obgelegen, auch Meta war in eine Pension nach Berlin gekommen. Hatten sich die beiden Jugendfreunde in der Zwischenzeit gesehen, so waren sie stets herzlich und freundlich miteinander gewesen, von einer besondern Liebe und Zärtlichkeit hatte jedoch Niemand etwas wahrgenommen, wenn es nicht der Amtmann Göbener gewesen war. Der ließ nicht leicht eine Gelegenheit Vorbeigehen, ohne Meta sein Schwiegertöchterchen zu nennen und nahm dem Amtsrath gegenüber gern die Miene an, als halte er die Heirath ihrer Kinder für eine ausgemachte Sache- Der Amtsrath hatte solchen Anzapfungen gegenüber immer eine große Zurückhaltung bewahrt. Obwohl dem alten Göbener nichts nachzusagen war, was ihn für anständigen Verkehr unmöglich gemacht hätte, und Niemand es ihm gegenüber an allen ihm zukommeeden Ehrenbezeugungen fehlen ließ, haftete ihm doch vermöge seines Geizes, seiner Habsucht und seiner Geriebenheit in Handel und Wandel ein Makel an, sodaß es dem Amtsrath nicht gerade wünschenswerth war, mit ihm in verwandtschaftliche Beziehungen zu treten. Hätten die jungen Leute aneinander fest gehalten und Meta darauf bestanden, Adolf zu heirathen, o würde er indeß nichts dagegen einzuwenden gehabt haben. Geschah es nicht, so war es ihm noch viel lieber. Am erfreulichsten wäre es ihm gewesen, hätte sich ein 138 tüchtiger Landwirth gefunden, der die Neigung seines Kindes gewonnen und sein Nachfolger in der Pachtung der Domäine geworden wäre, die er ganz bedeutend in die Höhe gebracht und in welche er recht ansehnliche Summen gesteckt hatte. Sollte sie aber auch eine andere Wahl treffen, so wollte er sich darum doch nicht von ihr trennen. Er wollte in diesem Falle die Pachtung abgeben, sich zur Ruhe setzen und an den Ort ziehen, wo ihr Gatte seinen Wohnsitz hatte. „Das Alles könnte ich sehr gut thun, wenn Meta Doctor Haltens Frau würde," kam der Amtsrath, nachdem er diese Gedankenreihe verfolgt, wieder auf deren Ausgangspunkt zurück. Er könnte-sich in Greifswald oder an einer anderen Universität habilitiren, mit Metas Vermögen wäre-- „Dann würde er am Ende gar eine ärztliche Berühmtheit!" unterbrach sich der Amtsrath und schüttelte sich. „Erfände neue Heilmethoden für Schwindsucht, Krebs oder Cholera, und dann strömten ihm alle solche Patienten ins Haus oder er schleppte die Krankheiten aus den Hospitälern mit in seine Wohnung? Nein, ehe ich Meta beständig einer solchen Gefahr aussetze, schicke ich sie nach Kamerun und nicht blos an die Riviera." Er mußte sich allerdings eingestehen, daß viel damit nicht erreicht wurde. Doctor Holten blieb in Greifswald und Meta würde nach Verlauf etlicher Monate nach Waldhof zurückkehren. Er schob jedoch diesen Gedanken von sich. Zeit gewonnen, viel gewonnen! Jedenfalls sollte sie fort, je eher, je lieber. Ach, und es kam ihm so hart an, sich von dem geliebten Kinde zu trennen! Er zürnte Holten, daß er durch dessen Werbung zu einer solchen Maßregel gezwungen ward und konnte sich gleichzeitig nicht verhehlen, daß er von der Gefahr bedroht gewesen war, seine Tochter für immer zu verlieren, für den ganzen Rest seines Lebens von ihr gctrenm zu werden. Wenzel schlug die Hände vor die Augen. Der Gedanke war zu furchtbar, er konnte, mochte ihn nicht weiter verfolgen! War es wirklich Haltens Verdienst, daß dieser Kelch an ihm vörübergegangen? Dann hatte er allerdings eine Dankesschuld gegen ihn, die sich gar nicht abtragen ließ. Dann gab es eigentlich nichts, was er ihm versagen durfte. Mit einer unmuthigen Handbewegung wies der Amtsrath diese Erwägung symbolisch von sich. „Soll ich mich auch unter der Last beugen, die er sehr geschickt auf Metas Schultern gelegt hat? Er hat es verstanden, sich mit einem Nimbus zu umgeben, sie mit einer Art von Anbetung für sich zu erfüllen, welche das unerfahrene Mädchen für Liebe hält. Sie wird davon zurückkommen, wenn sie nicht mehr unter seinem Einfluß steht und einsehen, daß er nicht mehr für sie gethan hat, als durch jeden anderen tüchtigen Arzt geschehen sein würde. „Uno wenn es doch mehr gewesen wäre?" grübelte er weiter. „Wenn meine entschiedene Weigerung, ihren Wunsch zu erfüllen, verhängnißvoll für ihre zarte Gesundheit würde? Sind die Einwendungen, welche ich gegen Holten habe, so schwerwiegend, daß ich es deshalb auf das Aeußerste ankommen lassen müßte? „Ah, bah, dieses Aeußerste besteht eben nur in meiner erregten Phantasie!" beschwichtigte er sich. „Sie hat während der langen Wochen, in denen sie krank gewesen ist, außer dem Doctor und mir kein männliches Wesen gesehen, kein Wunder, daß er da die Herrschaft über sie gewonnen. Herr Adolf Göbener hätte sich übrigens auch einmal wieder sehen lassen können!" fügte er unmuthig hinzu, um gleich darauf lachend auszurufen: „Das hieße ja den Teufel mit Beelzebub vertreiben. „Wie ich mir die Sache überlege, ist und bleibt es der beste Ausweg, daß ich Meta auf einige Zeit von h er entferne!" sagte er sich, stand auf und ging wieder nach seinem Schreibtisch. Er hatte jetzt die Miene eines Mannes, der nach längerem Schwanken zu einem festen Entschluß gekommen ist. „Was Du thun willst, das thue bald. Ich will ungesäumt an Felicitas und Elisabeth schreiben, denn sie werden doch ein paar Wochen brauchen, um sich an den Gedanken zu gewöhnen und ihre Vorbereitung zu treffen." Er nahm auf dem vor dem Schreibtisch stehenden Sessel Platz, legte einen Bogen Briefpapier auf die Schreibmappe und füllte denselben schnell mit seinen großen characteristischen Schriftzügen. Amtsrath Wenzel hatte zwei Cousinen, Töchter eines Bruders seines Vaters, die nur wenige Jahre jünger waren als er selbst und in Stettin einen gemeinschaftlichen Haushalt führten. Elisabeth, die jüngere der beiden Schwestern, war unvecheirathet, Felicitas schon seit mehreren Jahren Wittwe und Mutter von zwei Söhnen, die gleich dem Vater Beamte geworden und bereits verheirathet waren. Die einzige Tochter bekleidete die Stelle einer Gouvernante in einer vornehmen Familie in Rußland. Die Damen lebten in bescheidenen Verhältnissen und waren dem vermögenden Vetter für manche Freundlichkeit verpflichtet,- er hätte daher kaum wohl fürchten dürfen, eine Fehlbitte zu thun, selbst wenn der Vorschlag, mit dem er an sie herantreten wollte, weniger Annehmlichkeiten für sie geboten hätte als dies thatsächlich der Fall war. Wenzel forderte sie auf, für mehrere Monate ihre Häuslichkeit aufzugeben. Frau Felicias Münter sollte ihm in Waldhof Gesellschaft leisten, Elisabeth Wenzel Meta nach Cannes begleiten. „Meta hat Elisabeth immer gern gehabt, sie ist liebenswürdig und sorgsam, und ich könnte keine bessere Wahl treffen, und sie wird glücklich sein, eine solche Reise machen zu können," sagte er, lehnte sich in seinen Lehnstuhl zurück und stellte sich lächelnd vor, welche Erregung das Eintreffen dieses Briefes bei dem still und einförmig dahinlebenden Schwesternpaar Hervorrufen würde. VIII Der Amtsrath hatte das Schreiben soeben in ein Couvert gesteckt und es mit der Aufschrift versehen, als sich ein starkes Pochen an der Thür vernehmen ließ. „Herein!" rief Amtsrath Wenzel, nicht gerade freundlich und ermuthigend. Er liebte es nicht, daß Fremde, welche ihn aufsuchten, sich durch Klopfen ankündigten, sondern hielt darauf, daß sie sich in formeller Weise durch den Diener anmelden ließen. Seine Stirn erheiterte sich auch nicht, als die Thür sich nun öffnete und Amtmann Göbener auf der Schwelle erschien. Nichtsdestoweniger stand er auf und ging dem Eintretenden ein paar Schritte entgegen. Göbener war in seiner Art elegant gekleidet, hatte einen langen blauen Tuchrock an, blankgewichste Stiefel und war glatt rasirt, die wildledernen Handschuhe hielt er mit dem schwarzen niedrigen Filzhut in den Händen. „Guten Tag, mein verehrter Herr Amtsrath," sagte er mit einer sehr höflichen Verbeugung. „Ich komme hoffentlich nicht ungelegen, störe Sie nicht in wichtigen Geschäften." „Durchaus nicht," erwiderte Wenzel, seine Hand nur leicht in die ausgestreckte des Amtmanns legend und sogleich wieder zurückziehend. „Ich bin nur überrascht durch Ihr plötzliches Erscheinen, habe keinen Wagen auf den Schloßhof fahren hören und zu Fuß können Sie doch von Rapshagen nicht gekommen sein." „Hä, hä!" lachte Göbener, „nein, das brächte ich allerdings jetzt nicht mehr fertig, das schafften die alten Beine doch nicht mehr, wenn sie auch noch leidlich im Stande sind." „Sie erlauben, Herr Amtsrath," schaltete er, Hut und Handschuhe auf den nächsten Stuhl legend, ein, und iss fuhr dann fort: „Nein, ich bin mit dem Wagen sogleich auf den Wirthschaftshof gefahren und habe dort ausgespannt." „War denn Niemand von den Leuten da, der Ihnen behilflich sein und mich von Ihrer Ankunft in Kenntniß setzen konnte?" fragte der Amtsrath und lud seinen nicht ganz willkommenen Gast gleichzeitig durch eine Handbeweauna ein, sich niederzulassen. „O, was bedarf es so vieler Umstände unter alten Bekannten und Nachbarn?" erwiderte Göbener, sich den Anschein gebend, als bemerke er die in den Worten des Am'srathes liegende Rüge seines Verhaltens nicht. „Ich weiß mir schon selbst zu helfen und kenne den Weg." „Ich bin es aber gewohnt, daß meine Gäste aus den Schloßhof fahren," entgegnete Wenzel mit einiger Schärfe, „der Wirthschaftshof —" a ’ ' ' //Kann sich sehen lassen," fiel Göbener mit großer Geschmeidigkeit ein. „Nein, verehrter Freund, das dürfen Sie einem alten Practicus wie ich bin, nicht verwehren, daß er sich dort umschaut. Das Herz im Leibe lacht einem, wenn man die Ordnung, die Sauberkeit, die Fülle sieht Der neue Schafstall ist eine wahre Pracht. Ha, wer das Alles so im Stande haben kann!" „Nun, Rapshagen braucht den Vergleich mit Waldhof nicht zu scheuen, und Sie sitzen auf Ihrem eigenen Grund und Boden und ich auf einer Pachtung," erwiderte unwillkürlich geschmeichelt und darum etwas weniger gemessen der Amtsrath. „Sie scherzen!" antwortete Göbener mit einem Seufzer. „Es müßte bei mir Mancherlei anders und besser sein, aber man kann nicht immer so, wie man gern möchte. Verzeihen Sie den Ueberfall, aber es ist mir wirklich nicht möglich, nach Waldhof zu kommen und nicht zuerst einen Blick auf den Wirthschaftshof, auf die Ställe und Scheuern zu werfen," fügte er treuherzig hinzu. „Sind hübsch voll? Was?" „Wie bei Ihnen und den anderen Gutsbesitzern auch," entgegnete Wenzel. „Wir können, denke ich, in diesem Jahre mit der Ernte zufrieden sein." „Was nützt das? Die Preise werden um so niedriger werden!" stöhnte Göbener und fuhr sich mit der Hand über das graue, borstige Haar und die breite, niedrige Stirn. „Bei dem niedrigen Zoll werden wir ja vom Auslande mit Getreide überschwemmt. Die Arbeitslöhne sind bei uns so hoch, daß wir bald nicht mehr auf unsere Kosten kommen. Hat die Regierung nicht bald ein Einsehen, muß der Land- !/,Cim Bettelstab aus seinem ehemaligen Eigenthum Amtsrath Wenzel sah den sich Ereifernden aus klugen Augen belustigt an und sagte mit feinem Lächeln: „Lieber Herr Amtmann, die Reden halten Sie, wenn Sie einer Versammlung im Verein beiwohnen oder wo Sie sonst gläubige Seelen finden, aber nicht bei mir." „Aber Herr Amtsrath, Sie werden doch nicht leugnen wollen, daß die Landwirthschaft sich in einer Nothlage be- findet! rief Göbener und schlug wie entsetzt die Hände zusammen. v //Fällt mir gar nicht ein," erwiderte der Amtsrath sehr ernst, „im Gegentheil, ich erkenne sie in ihrem ganzen Umfange an, nur stelle ich in Abrede, daß ihr mit den jetzt mit so großem Geschrei angepriesenen Mitteln, wie Monopol, Veränderung der Währung u. s. w. zu helfen ist. Rationelle Wirthschaft und bescheidene Lebenshaltung wird doch immer die sicherste Hilfe bleiben." „Sagen Sie das nicht, Herr Amtsrath," entgegnete Göbener. „Ich bin wirklich ein sparsamer Wirth, schinde und plage mich selbst und weiß auch die Leute anzustellen, aber was winhschafte ich heraus? Wenn ich Ihnen meine Bücher zeigen wollte —" //Nein, nein!" sagte jetzt gut gelaunt der Amtsrath, „ich gehöre glücklicherweise nicht zur Einschätzungscommission und wir wissen auch ohnedies, was wir von eineinander zu halten haben. W-nn es Ihnen Vergnügen macht, können ' J wir ja übrigens einen Gang durch die Ställe und Vor- f rathsräume machen, — da Sie ausgespannt haben, darf ich annehmen, daß Sie mir einen längeren Besuch zugedacht haben." (Fortsetzung folgt.) Einen Zahn verloren — die Herzen gewonnen. Eine lustige Geschichte aus dem Leben Jean Pauls. Von Karl Neumann-Strela. (Schluß.) Demoiselle Hähnel hatte das Glück, mit ihm aus einem Glase zu trinken. Im Entzücken darüber rief sie aus: „Er hat einen Blumenkranz um den Mund!" Drei Mal glücklich, wer diesen Mund küssen durfte, wer eine Locke vom Haupte des Dichters erhielt! Nun denn, er spendete Locken, so lange es sich mit seinem Haarwuchs vertrug, und junge und ältere Damen, „Backfischchen," Gattinnen und Mütter, küßten ihn auf Mund, Wangen und Stirn. Niemand entsann sich der Zeit, wo er als Student in Leipzig lebte und heimlich entwich. Er dachte aber daran und hatte auch seine Freunde in der Reichsstraße nicht vergessen. Seine vor der Flucht gemachten Schulden waren aus der Ferne längst von ihm beglichen, doch an Köhlers hatte er nie geschrieben,- nun er sich dem „Jean Paul Begeisterungsfieber" nur etwas entziehen konnte, trat er bei ihnen ein. Obgleich eine lange Zeit verstrichen, erkannten sie ihn doch gleich. Es war ein freudiges und bewegtes Wiedersehen. Denn nachdem er ihnen erzählt, wie es ihm seitdem als Hauslehrer in H f und Schwarzenbach, dann nach dem Tode der Mutter als Schriftsteller in Bayreuth ergangen war, wünschte er ihre Erlebnisse zu hören. Was er da vernahm, mußte ihn tief bewegen. Ihre Kinder waren gestorben, und das sie früher gut ernährende Geschäft hatte sich sehr verschlechtert. Ihnen gegenüber war kürzlich ein neuer Barbierladen eröffnet worden, zwei andere Barbiere hatten schon früher in der Reichsstraße Läden aufgemacht. Vier gleiche Geschäfte waren für die Gegend zu viel, und wie es meist zu geschehen pflegt, zogen die Leute die neuen Geschäfte vor. Köhler mußte den Gehilfen entlüften; er hatte oft halbe Tage lang nichts zu thun. Der Anfangs zurückgelegte Spargroschen war längst verausgabt, und wenn es so weiter ging, stand Köhlers ein trüber Lebensabend bevor. Von ihrer Mittheilung tief ergriffen, bot Jean Paul ihnen sofort seine Hilfe en. Seine Geschenke konnten sie damals nicht abwenden, ohne ihn zu kränken, doch seine Geldhilfe, die er ihnen bei seinen glänzend gewordenen Einnahmen als Schriftsteller um so leichter gewähren konnte, lehnten sie ab. Traurig gestimmt verließ er sie, dachte aber unterwegs darüber nach, wie ihnen zu helfen sei. So kam er in sein Hotel, plötzlich erheiterte sich sein Gesicht, da er nach seiner Meinung den richtigen Ausweg gefunden hatte. Immer wieder ein Gastmahl oder eine Affembläe mit jungen und älteren Damen. Haarlocken konnte er ihnen zwar nicht mehr bieten, er wäre sonst zum Kahlkopf geworden. Wenn aber der Schaumwein in den Gläsern perlte, dann kamen die Backfischchen immer wieder auf ihren Fußspitzen, und die Gattinnen und Mütter mit bittenden Mienen herbei, um den „Göttlichen" zu küssen. Er zögerte durchaus nicht damit, auch an diesen und den nächsten Tagen küßten sie ihn auf Mund, Wangen und Stirn. So rasch wie bisher geschah es aber nicht. Erst mußten die Damen ihm etwas versprechen, und toenn das geschehen war, kam erst der beglückende Kuß. Und was geschah weiter? Köhler und Frau wollten ihren Augen nicht trauen. Ein Diener rief ihn zu einem 14Ö - KenMor, xm ihm die Haare zx kräxseln, eine Magd z» ihrem erkrankten Herrn, um ihm zur Ader zu lassen, und gleichzeitig kam ein seines Herrchen, das rasirt, parsümirt und frisirt sein wollte. Das war aber nur der Anfang davon. Dann kamen zwei Herren, zwei Diener, zwei Mägde auf einmal an, und so ging eS täglich fort; immer mehr Bestellungen, immer mehr Kundschaft. Köhler hier, Köhler dort, er konnte sich doch nicht zerreißen; indes nur möglichst rasch wieder einen Gehilfen genommen und einen Lehrling dazu. Köhler und Frau sahen sich mit jedem Tage vergnügter an. Jean Paul kam noch öfter und freute sich, sie wieder fröhlich zu sehen, ohne ihnen zu sagen, wer diesen glücklichen Umschwung herbeigeführt. Einen besseren Ausweg, ihnen zu helfen, konnte er schwerlich finden, und er mußte sich sagen, daß die Damen ihr Versprechen rasch erfüllt. Sie hatten Väter, Brüder, Söhne, Gatten, und bevor Jean Paul sich wieder küssen ließ, mußten sie ihm fest versprechen: „Mein Vater, oder mein Bruder, oder mein Sohn, oder mein Ehemann soll Köhler in Nahrung setzen, eher ruhen und rasten wir nicht!" Weibliche Bitten vermögen viel, das wußte der Dichter, und deshalb belohnte er jedes Versprechen mit dem ersehnten Kuß. Als die Scheidestunde schlug, konnte er Leipzig in dem frohen Bewußtsein verlassen, daß Köhlers dauernd geholfen war. Einst hatte der arme Student einen Zahn verloren und dabei ihre Herzen gewonnen; jetzt aber gewannen die Küsse des großen Dichter- viele weibliche Herzen, um durch ihre Bitten und Fürsprachen den Bedrängten Hilfe zu bringen. So vergalt er das Gute mit Gutem und lohnte ihnen die Freundschaft, die sie ihm vor vierzehn Jahren erwiesen hatten. Die neue sich täglich vergrößernde Kundschaft blieb ihnen treu, dafür sorgten schon Jean Pauls begeisterte Verehrerinnen, die mit ihren Bitten bei Vater, Bruder, Sohn und Ehemann^Köhler dauernd in Nahrung zu setzen, auch ferner nicht ruhten. Sein Geschäft hob sich immer mehr, ihm ward ein heiterer Lebensabend beschieden. Wer diesen glücklichen Umschwung aber veranlaßt hatte, erfuhr er nie, da der Dichter, um sich dem Danke zu entziehen, beharrlich schwieg und auch den Damen in dieser Beziehung Schweigen auferlegte. \ Die Leipziger Freunde sahen ihn niemals wieder. Als er 1825 in Bayreuth gestorben war und die Trauerbotschaft nach Leipzig kam, traten Köhlers tiefbewegt vor sein Bild in ihrer Stube und schmückten es mit einem Lorbeerkranz. GEeinnNtzigsr. LchtMpfe«, Huste« U» würde weniger vorkommen, selbst die böse Grippe würde die Menschheit weniger quälen, wenn «an nach dem Aufenthalt im Freien zur rauen Jahreszeit eine Tasse Bouillon von LiebigS Fleisch-Extract zu sich nimmt, eine Stärkung, die nur nützen kann, nie schadet! • * * Was ist die Ursache, daß an meinem Gumntibaui« dis Blätter gelb werden und abfallen? Die Ursache kann, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, nur eine Wurzel-Krankheit sein; entweder ist durch übermäßiges Begießen Fäulniß bei den Wurzeln eingetreten, oder durch zu große Trockenheit sind die Wurzeln vertrocknet. Es ist auch möglich, daß der Topf zu klein ist, oder die Pflanze zu kalt gehalten wurde. Eine von den angeführten Ursachen ist genügend, die Pflanze in den krankhaften Zustand zu versetzen und das Abfallen der Blätter zu verursachen. * * Schweinsnieren. Bereitungsdauer in acht Minuten. Man kaufe solche nur von einem jungen Thiere (zwei Stück für zwei mittlere Portionen); häute sie ab, schneide sie feinblätterig axf und gebe ft« mit Salz und Pfeffer bestrmt zü einer feingeschnittenen Zwiebel, die man in einem Stückchen Butter erst eine Minute anlaufen ließ, ins Omelettepfännchen. Stäube nach weiteren zwei Minuten (die Nieren mit einem Schäufelchen beständig wendend) nur ein halbes Kochlöffelchen Mehl daran, lasse dies rasch abtrocknen und mache mit etwas Wasser oder leichter Fleischbrühe, ein wenig Essig oder Citronensaft eine kleine Sauce, die schnell aufgekocht mit einem Theelöffelchen Maggi vollendet wird. VermMchtes. Das Bonvoir eins* reiche« Newyorkeri«. Die elegante Amerikanerin findet immer wieder etwas Anderes in ihrem glänzend eingerichteten Heim, waS nach ihrer Ansicht noch der Verbesserung bedarf. So verlangt jetzt die Mode, daß auf die Schlafzimmer ganz besonders Sorgfalt, Geschmack und sehr viel Geld verwandt wird. Dieses Allerheiligste der Millionärstochter oder der jungen Gattin eines Dollarfürsten wird daher mit so verschwenderischer Pracht ausgestattet, daß man beim Betreten eines solchen Raumes unwillkürlich an ein Märchen aus „Tausend und eine Nacht" denkt. Einige der vornehmsten Newyorkerinnen haben sich besonders die Schlafzimmer der französischen Königsschlösser aus dem achtzehnten Jahrhundert zum Muster genommen, und die genaue Copie eines solchen ist die Chambre ä goucher der vielbeneideten Mrs. Odgee Mills. Selbst ihre aufrichtigsten Feindinnen geben zu, daß in ganz Newyork kein eleganterer und schönerer „Bedroom" zu finden sei. Das Rahmenwerk des großen, prächtigen Himmelbettes besteht auS Eichenholz und ist mit kunstvollen Schnitzereien ausgestattet. Die Vorhänge und die Decke aus schwerstem, blauem Brocat-Atlas sind mit echten Goldspitzen verziert. Der Grund deS „Himmels" ist mit weißer Seide aus- geschlagen, auf welche die Hand eines berühmten MalerS ein herrliches Blumenstück gezaubert hat. An jeder Seite des Kopfendes schwebt ein vergoldeter Amor, der in den zierlichen Händchen einen Zweig weißer Blüthen hält, aus denen Strahlen electrischen Lichtes genau so über das Kopfkissen fallen, daß die im Bette ruhende Schöne bequem dabet lesen kann. Außer den zwei Druckknöpfen für das Licht und die electrische Klingel, die das Kammerzöfchen herbeiruft, befindet sich an der Seite des Bettes auch noch ein Knopf, auf den ein einziger Druck genügt, um binnen zwei Minuten einen am unteren Ende des Bettes angebrachten Fußwärmer eine höchst angenehme Wärme ausströmen zu lassen. Literarisches Soeben erschienen Lieferungen 2—4 des Wirtschaftsbuches „Im Haus und am Herd." Practischer Rathgeber in allen Gebieten der Haushaltung für Frauen und Mädchen nebst einem vollständigen Kochbuch von I. von Wedell (Verlag von Levy & Müller in Stuttgart). Der Preis von 35 Pfg. für jede der 12 Lieferungen, in denen das schön ausgestattete Werk erscheint, ist im Verhältnis! }u dem darin Gebotenen ein sehr niedriger zu nennen. * • Aufs angenehmste überrascht wurden die Leserinnen der „Modenwelt" durch die soeben erschienene Nummer dieser populärsten Modenzeitung. Kinder-Mode und -Wäsche, sowie Handarbeiten sind neuerdings von dem übrigen Inhalt getrennt und auf selbständigen Blättern übersichtlich vereinigt. Auf diese Weise kommt die Reichhaltigkeit des Materials erst recht zur Geltung, und das Halten von Special- Zeitungen wird überflüssig. Unterstützt von einem vielfigurigen farbigen Bilde, bietet das Hauptblatt eine imposante Uebersicht der Frühjahrs- Moden, neben denen einige entzückende Gesellschafts-Toiletten und neue Radfahr-Costüme nicht fehlen. — Es sollen jährlich auch vier Blätter mit „Leib-, Tisch- und Bettwäsche" im Allgemeinen erscheinen. Redactton: Ä. Lcheyda. — Druck und Verlag bet Brühl'sLen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.