9SB8 & Ä MJiÜi hfl efiegter Fehl ist all' des Menschen Tugend, Und roo kein Kampf, da ist auch keine Macht. Grillparzer. Felsgarten. Roman von Clara Bucker. (Fortsetzung) Tauchlitz schloß das Fenster und zog den Vorhang zu. Nichts sehen von der Hölle, nichts empfinden, nichts mehr denken. Er warf sich auf den Divan. Starr, in gelähmtem Bewußtsein lag er, bis der laute Tag da war. Da klopfte es. Er hob den Kopf — sie? „Herr Landrath, ich bitte, um Gotteswillen!" rief das Mädchen draußen. Was bedeutet das? Er stürzte zur Thür. Das Kindermädchen trat ihm verwirrt entgegen. „Wo ist meine Feau?" „So wissen der Herr Landrath wirklich nichts? Die gnädige Frau ist weg — abgereist." „Wohin?" Er überlegte gar nicht, wie sehr ihn seine Fragen bloßstellten. Er erfuhr auch von dem rathlosen Dienstpersonal nichts Genaues. Dann aber traf ein spottender Brief von der Geflohenen ein. Gestern Abend noch war er, dem Poststempel zufolge, aufgegeben worden. Sie pries seine Erleichterung und wünschte den Kindern Gutes. Nach Schlesien, noch weiter fort von Allem, was sie in ihrem Leben hätte trösten können, ginge sie nicht — kurz, sie schrieb so kalt und herzlos, daß Tauchlitz darüber erstarrte. Als er langsam zu sich kam, hob er wie zum Schwur die Hand: „Verflucht das Weib —" Er brach ab. Seine Kinder, seine beiden Mädchen, schoben ihm die Dienstboten über die Schwelle. „Wenn er sie sieht, wird ihm besser werden," hatten sie gemeint. Verschüchtert von seinem Aussehen standen die Kleinen vor ihm. Seine Töchter! War der Wahnsinn denn auszudenken, daß das Einzige, Letzte, was ihn an sein Leben fesselte, sich dem dämonischen Reigen, wie er ihn diese Nacht gesehen, einverleiben würde? Nein, beim hohen Gott, nein. Mich selbst setze ich daran, euch rein und großdenkend zu erhalten, schwur er, als er sich bewegt zu ihnen neigte und zitternd vom inneren Aufruhr doch zart und liebevoll ihre Händchen faßte. „Wollt Ihr mir guten Morgen sagen, meine Schäfchen? Das ist schön von Euch, das thut so wohl nach einer bösen Nacht." Und er küßte gütig, aber mit fieberheißen Lippen ihre kleinen Stirnen. „Seht Ihr, so ist das Liebhaben. Ihr wißt nicht, was Ihr mir Schönes mit Euch selbst gebracht habt! Einen guten Morgen wünsche ich Euch, für Euren neuen Tag sowohl wie für Euer Leben. Mordet nicht auch!" Die Kinder hatten sich sanft an ihn gedrängt, jetzt sahen sie betroffen auf. „Was meinst Du, Papa?" Tauchlitz besann sich schon,- der lauernde Wahnsinn da hinter der Stirn würde wieder verschwinden, sobald der Schmerz gewichen, die Liebe zu den Beiden ihm wieder Hoffnung und Glauben geschenkt. — „Du willst gar nichts thun, Julius, Helenen zurückzugewinnen?" fragte Wulffen bekümmert noch am letzten Nachmittag vor Tauchlitz' Abreise nach Schlesien. „Nein," wehrte er mit Entschiedenheit,, „aus Liebe sie zwingen wollen, das durfte ich/ die Beweggründe aber, die ich jetzt im Innern trage, haben nichts mehr mit meinen früheren Empfindungen ze schaffen. Mag das Gesetz lösen, was sie schon zerrissen hat." „Julius," bat Frau Wulffen endlich zaghaft, „Du hast es mir schon einmal abgeschlagen, ich bitte trotzdem, laß mir Deine Mädchen. Du bist verbittert, bist eine Einsamkeitsnatur, die unglücklichen Kinder kommen ja um ihre ganze Jugend durch Euch. Sei nicht blind vor Liebe, hörst Du! Laß mir wenigstens Eine, bis Du überzeugt bist, wie ich sie Dir halte." „Welche?" fragte er nur und sie schwieg betreten. Tauchlitz lächelte,- in seinem Gesichte war das jetzt ein Weinen, dachte die Freundin. „Du bist die einzige Frau, die mir den Glauben an Euch immer wieder giebt, Luise, uns ich danke Dir. Aber sieh, ich bin nicht schuldlos an Helenens Untergang, ich hätte ! wenigstens vorher die Einsicht haben müssen von der Verschiedenheit unserer Art. Stillschweigend verlangen wir Männer die Unterwürfigkeit des Anpassens vom Weibe, 402 wobei wir nicht bedenken, daß ihr Leben an unserer Hand doch erst beginnt, während das unsere zum Theil bereits verbraust ist." „Mein Verdienst bleibt allein die Geduld, mit der ich ihr Anderssein ertrug, sonst ist genau so viel Schuld auf meiner Seite, glaube mir. Alle Einsicht dieser bitteren Erkenntniß soll meine Mädchen behüten,- ich will sie bewachen, will sie denken lehren, daß sie dereinst lieber auf eigenen Füßen stehen, ehe sie ungeprüft und blind für einen Andersgearteten ihr eigenes Selbst aufgeben. Leiten will ich sie und werde ich sie, daß Du dereinst mit dem heutigen Tage zufrieden sein sollst, Du Gute." Frau Luise schwieg aus Schonung für den Schwergeprüften,- im Stillen war sie überzeugt, daß die armen Kinder ihre ganze Jugend hindurch sein Unglück mittragen müßten. III. Das Gut der Wulstens war ein bescheidenes, aber blühendes Besitzthum, zumal seine Bewirthschaftung den einzigen äußeren Lebenszweck des Ehepaares ausmachte. Weder kostspielige Reisen noch Wintervergnügungen zehrten an ihrem Einkommen, die Nähe der Stadt S. erlaubte sogar, die beiden Knaben länger, als sonst üblich, im Hause zu behalten, da früh der Milchmagen sie nach dem Gymnasium brachte und Mittags eine Postverbindung, wenigstens bet sehr grundlosen Wegen, die Rückkehr erleichterte. Meist liefen sie die drei Viertelstunden nach dem langen Schulzwang, bis Franzens angestrengteres Arbeiten, vielleicht auch der knabenhafte Hochmuth, auf dem Milchwagen durch die Stadt fahren zu müssen, eine Pension für ihn bedingten. Heinrich indeß wehrte sich gegen den Stadtaufenthalt, obwohl ihm zur Gesellschaft nun Niemand blieb, aber desto lieber machte er sich davon, um auf eigene Faust umherzustreifen. Es war so hübsch auf stelsgarten, selbst für Jemand, der nicht mit seinem Stolz daran hing. Weithin erstreckten sich die Felder, und stattlichJirästntirte der Gutshof sich in seiner geschlossenen Anlage. Das große Wohnhaus lag im blumenbewachsenen Vorgarten- den Wirthschaftshof hatte es nach der Rückseite, von wo es seitlich durch eine große Gitterthür nach dem großen Obstgarten ging, dessen Rasenplätze Herrn Wulstens Stolz ausmachten. Niedriges Gehölz führte vom Garten zum Walde, dahin lenkte Heinrich seine Schritte. Die Peitsche im Genick mit beiden Händen haltend, den Kopf zurückgebogen, träumte er aufwärts in die Wipfel, während er über den Waldboden schritt, dessen trockenes Holz unter seinen Tritten knickte. Das klang ihm gar traulich zum Flüstern und Raunen da oben. Marschirte er jetzt so weiter, mußte er die Försterei bald erreichen, wo sie sich freuen würden über sein Kommen. Die Försterin hing mit Zärtlichkeit an Heinrich, der jungen- mäßig genug nichts that, solche Empfindungen zu verdienen, trotzdem ihn das Loos der Frau schmerzte. Sie war aus gutem Hause, litt unterdeß unter der Rohheit ihres Mannes, weshalb er freundlich duldete, daß sie ihre thränenden Augen in seine kurzgeschnittenen Haare drückte, wenn es gar zu schlimm gewesen war. Das nur geweißte einstöckige Gebäude der Försterei lag inmitten einer thalartigen Lichtung zwischen seinen wenigen Feldern und dem Wirthschastshofe. Auf letzterem sah es bunt genug aus. Tümpel, durch welche die Kälber trotteten, während die eingesperrte Schweinemutter sehnsüchtig danach grunzte, waren dort reichlich vorhanden, und von der Verfassung der Rindviehställe hielt Heinrich schon gar nichts. Zur Seite des Hauses lag der Eingang, eine Ziegelsteintreppe führte zu ihm hinauf. Ihm gegenüber war eine große Laube aus Stangen hergerichtet, denen man freilich keine grüne Ranke zur Bekleidung gegönnt hatte. Die darin aufgestellten Tische und Bänke wurden den jungen Hunden, den Hühnern und Tauben eher zum Ruheplatz, als den friedlosen Menschen dieses Hauses. Gerade jetzt, da Heinrich aus dem Walde, aus dem Reiche seiner Gedanken und Vorstellungen kam, schien ihm diese Wohnstätte besonders elend, als jedoch zu gleicher Zeit vom Hofe her der Agent Sabor — Güterausschlächter nannten ihn die Leute — mit den verschmitzten Augen im fetten, dunklen gemeinen Gesicht, plump auf den Knotenstock gestützt, ihm entgegenstapfte, raunte er spornstreichs ins Haus. In der großen Küche linker Hand befand sich Niemand, deshalb guckte der Junge in die altväterliche Wohnstube - sie war ebenfalls menschenleer. Nur die Bilder des Herrn Pastors und der Frau Pastorin schauten behaglich, zufrieden und freundlich von der Wand, gar nicht, als ob hier eines ihrer dreizehn Kinder — ihr dickes Hannchen — sein Leben täglich verwünschte. Plötzlich drang ein langgezogenes, heiseres Brüllen an Heinrichs Ohr. Das kam aus den Stälen, deshalb war auch Keiner hier- ja, es mußte etwas Verzweifeltes vorgehen, da der Sabor sich so geflissentlich bei Seite drückte. Heinrich eilte hinaus und sprang über den Hof, wo er die Mägde und Knechte am Rindviehstate zusammengedrängt sah in Furchtsamkeit, Stumpfsinn und Neugierde. Er drückte sich zwischen ihnen durch bis zur Försterin, die eben aus dem Stalle kam. „Gu'n Tag, Heinrich," sagte sie bekümmert und zeigte auf den jungen, kräftigen Ochsen, von dem der Förster Körber sich ein Heidengeld versprochen hatte, der jetzt aber in einem Colikanfall umhertobte, daß die Strike rissen und Keiner sich mehr zu ihm getraute. Der Försterin dickes, blasses Gesicht zuckte. In ihrer langsamen, traurigen Sprechweise klagte sie: „Wenn das Vieh stirbt, mein Mann bringt uns um. Nun ist er auch gar nicht hier, dazu können wir keinen Thierarzt auftreiben, es ist schrecklich. Alle sind über Land- man ist ganz hilflos- was wir wissen, haben wir schon versucht. Schließlich lief Carl da zum Schlächter, damit man wenigstens das Fleisch retten könnte — nicht Einer war zu Hause." Heinrich guckte in den Stall, gerade während des Thieres Anfall sich verstärkte. Wüthend peitschte es sich die Flanken, stieß den Kopf gegen die Raufen, daß sie splitterten und die Mägde laut schrieen. „Er stirbt!" ichrie Heinrich ebenfalls. Das Unglück ereignete sich wirklich, verendend brach das Thier zusammen. Beklommen folgte Heinrich der Försterin ins Haus, doch ihr Kaffee wollte ihm heute nicht schmecken, er athmete ans, als sie ihm sagte, Christian fahre zur Stadt, er könne mit auffteigen. Heinrich that, wie ihm geheißen, der Knecht knallte mit der Peitsche und fort gings. Auch die Unterhaltung wußte Christian zu fördern. Daß das Haudpferd, die Liese, doch jetzt viel forscher ins Zeug gehe, daß bei Tönnies Kindtaufe, in Niederhof beim Schulzen große Hochzeit sei, ja, weiter nach Rostock hin liege nun auch wohl Einquartierung. Doch Heinrich konnte den Nachmittag nicht aus dem Sinn kriegen. Abgehetzt, überschritt er den eigenen, peinlich sauberen Hof, bekümmert, wie schwer cs wäre, Land und Vieh ertragfähig zu erhallen. Gerade deswegen wollte er auch Landwirth werden. Er würde gewaltige Kräfte haben, seinen Leuten beizustehen, und hatte er erst alles Nöthige sludirt, würden sie bei ihm jede menschenmögliche Hilfe finden. In dieser Nachdenklichkeit betrat er das Eßzimmer - erschrocken blieb er im Halbdunkel der Thür stehen. Zum ersten Male sah er das blühende Gesicht bet Mama vom Weinen entstellt. Sie saß im Sessel, schluchzte und wischte die Thränen, die ihren guten Augen unablässig entströmten. Herr Wulsten ging mit dröhnenden Schritten auf und ab. Er war ganz blauroth im Gesicht, stierte vor sich hin oder 403 erzählte überstürzt und seltsam undeutlich, daß er von einem seiner Hauptg'äubiger betrogen und vernichtet wäre. Dann stampfte er mit dem Fuße und murmelte Worte, die ver- riethen, wie er es empfand, seiner eigenen Sache nicht gewachsen zu sein, ja, von ihr übermannt zu werden. Plötzlich sank er mit dumpfem Stöhnen zusammen. — Blut strömte dem Gequälten aus der Nase über das Gesicht. Frau Wulffen stieß einen schrillen Schrei aus. Sie verharrte wie gelähmt, während die Mägde herbeistürzten, davonliefen und kopflos einander umrannten. Sie schrieen nach dem Doctor, daß die Knechte die Pferde aus dem Stalle rissen, als ob es brenne, und sie zur Eile peitschten, ehe sie angesträngt waren. Der Arzt kam und hatte zwei Tage lang seine Mühe, ehe die starke Blutung des erschöpften Mannes gestillt war. Sophie sah nach diesen Erlebnissen wie eine vertrocknete Citrone aus, als sie die beiden Knaben frisch kleidete und ins Besuchszimmer führte, wie die Mutter angeordnet hatte, die jetzt hereinkam, ihre Jungen küßte und die Thränen aus den Augen rieb- aber sie quollen immer wieder in ihren Blick. Unten hielt ein Wagen. „Onkel Wulffen," sagte Franz leise vom Fenster her. Frau Wulffen trat flüchtend hinter die Kinder und ergriff Heinrichs Hand, doch Sophie ordnete den Krepp an ihrem weißen Halse, reichte ein frisches Taschentuch und zog die Kleidfalten zurecht — da ging die Mama dem Onkel entgegen, der bereits ungestüm die Thüren aufriß, den Ueberrock abwarf und die Mädchen auschnaubte, daß sie ähnlich gescheuchtem Federvieh davonstoben. Erst beim Anblick der Schwägerin ging ein Zucken über sein starkes, rothes Gesicht, ein Ruck durch seine mächtige Gestalt, wonach er dem gebildeten Manne mit den abgeschliffenen Umgangs- sormen einigermaßen den Vortritt ließ. „Na, wie geht das nun Deinem Manne, Luischen?" So begann er, und Frau Wulffen erzählte von den letzten Tagen, denn ihr Schwager war bereits am ersten hier gewesen und hatte versprochen, den Kram mit dem Gelde zu ordnen. „Der Heinemann bezahlt, Luise, oder er trägt seine Knochen im Taschentuch nach Hause", hatte er vorgestern gesagt. „Felsgarten steht alleweil noch, so 'n bischen Wackeln muß Euch nicht gleich allen Muth nehmen," fuhr er nun fort, als Frau Wulffen aufathmend ihn zu ihrem Manne führte. — (Fortsetzung folgt.) Die Perle der Nordsee. Schilderung einer Sommerfahrt von Otto Bruhnsen. lFortsetzung.) Kaum saß ich auf einer Bank am Strande, als mir ein uralter, gebückt gehender Schiffer in blau und weiß gestreifter Linnenjacke und wahrhaft vorsündfluthlichem Schuhwerk eine seltsam geformte und bewachsene Muschel, in der ein Einsiedlerkrebs steckte, zu Kauf anbot. Ich lehnte ab. Den kleinen Kerl da in der Muschel ruhig eintrockncn zu lassen, sei Thierquälerei, machte ich geltend. Da zog der Alte ein verrostetes Messer aus der Tasche und stocherte mit der abgebrochenen Klinge in der Muschel umher, um den Leichtgepanzerten aus seinem Freilogis zu vertreiben. Nun wurde ich um die Weichtheile des Meerbewohners ernstlich besorgt, holte daher schnell eine Silbermünze hervor, legte sie in die schwielige, haarige Tatze des schlechtrasirten, ungemein gutmüthig blickenden Alten und schleuderte das Verkaufsobject augenblicklich, weit ausholend, ins Meer. Langsam entfernte sich der edle Friese. Ich aber verfolgte die Strandpromenade bis zu jener Felsecke an der Ostseite, wo die See bei Fluthzeit einem weiteren Vordringen Halt gebietet. Hier ist der Strand mit Felsbrocken und aus dem Meer angeschwemmtem Gestein buchstäblich übersäet, ein wüstes Trümmerfeld starrt Einem entgegen. Ich ließ die Blicke an der fast senkrechten Felswand hinaufgleiten. Fahlrothes und graues Gestein liegt schichtweise übereinander, an den zu Tage liegenden Schichten so zermürbt, daß man große Brocken ohne Anstrengung mit der Hand herausheben kann. In trockener Luft wird dieses lockere Triasgestein allerdings bald felshart. Meine geologischen Untersuchungen unterbrach ein kleiner Haderlump, der plötzlich, wie aus dem Boden gewach'en, vor mir stand und sich erbot, ein „Helgoländer Lied" zu singen. Da ich, obgleich solchen zweifelhaften Kunstgenüffen gründlich obhold, die geplante Leistung nicht geradezu mit einem Verbot belegte, so schöpfte der barfüßige Junge Muth und schnarrte seinen Gassenhauer in der Art der um die Zeit der Pfingsten bei uns umherziehenden Italiener ab. Ich war froh, als er endlich schwieg, und dafür mußte ich nun auch noch in die Tasche fahren. Der kleine, geldgierig blickende Proletarier nahm die Münze ohne einen Laut entgegen, verschwand auch ebenso lautlos. Ich ließ noch eine Zeitlang die heranrollenden Wogen meinen Fuß netzen, dann trat ich wieder in die Nähe der Strandhalle. Ein beleibter barhäuptiger Alter mühte sich dort seit einiger Zeit, Musikinstrumente aus dem Conversationshause in den, diesem gegenüberliegenden, Musikpavillon za tragen. Es war ein bedeutendes Stück Arbeit für ihn, man sah es. Um neun Uhr mochte er begonnen haben, — wenn er bis zum Beginn des ersten Promenadenconcerrs, um 104/2 Uhr, fertig sein wollte, durfte er sich sputen. Es handelte sich ungefähr um zwei Dutzend Instrumente für Streich- und Blechmusik, die der Alte, einer fetten Schnecke gleich unendlich lang am und unbeholfen an Ort und Stelle brachte. Er hat sicher keines zerbrochen. Mit einer Baßgeige im Arm blieb er schließlich vor dem schmalen Eingang zum Pavillon sinnend stehen. Um ihn passiren zu können, mußte er nach seinem Dafürhalten entweder die Geige mit der Breitseite vor sich herschieben oder hinter sich nachschleifen. Einen anderen Ausweg schien es für ihn nicht zu geben, — beides ihm aber gefährlich zu sein. Endlich raffte er sich auf und schob mit unendlicher Mühe den ungefügen Brummkasten, ihn so eng umklammernd, daß er fast über ihn zu Fall gekommen wäre, und stt> selbst geräuschvoll ins Orchester hinein. Es war zum Todtlachen!..... Die jugendliche Schaar der Musiker versammelte sich allgemach, der Director erschien. Bald darauf erfolgte ein kurzes Aufklopfen des Tactstockes, und die Theatermusik setzte discret ein. Ein herrlicher Hochsommermorgen umwob das sonnige Gestade der Ostküste mit zauberischem Glanze. Tiefblau war das Himmelsgewölbe, von langzerfetzten Windwolkenschleiern überzogen. Ein leichter Südwest, die Gluth der Sonnenstrahlen mildernd, kräuselte die See und lullte im Ohre. Wie erfrischend drang zu mir der Salzhauch des Meeres, wie wohlthuend war für die in dem verwirrenden Getriebe der großen Stadt abgespannten Nerven das Rauschen der Wogen, die den steinigen Strand brausend und schäumend hinaufrollten! '• Weiße und graue Möven in großer Anzahl wiegten sich mit lei e klagendem, melancholischem Schrei auf der Fluth oder 'chwammen gesellig in dem smaragdgrünen Meeresstreifen zwischen Düne und Oststrand umher. Die Musik spielte „Aennchen von Tharcm". Zuerst das 404 einfache, herzerfri chende Lied im Volkston, ein schlichtes deutsches Gemüth 'o mit heimlichem Zauber erfassend, daß Einem das Gefühl des Ergriffenseins prickelnd den ganzen Körper durchdringt. Dann folgte eine endlose Variation des angeschlagenen Themas, geistlos, ermüdend, und den heimlichen Wunsch weckend: hätten sie sich doch begnügt, anstatt dieser faden Schnörkeleien immer nur dies Lied, dies prächtige Lied zu spielen! Um die Mittagszeit bestieg ich ein an der Landungsbrücke bereit liegendes Fährboot. Im Handumdrehen war es mit Badegästen besetzt. Die Helgoländer ruderten uns eine Strecke in die See hinaus, dann setzten sie ein Segel. Eine gar vergnügliche Fahrt folgte. Manche Welle reckte sich, hob sich über den Bug des Bootes empor und sprühte uns salzigen Gischt ins Gesicht, mancher Spritzer kam ganz unvermuthet von der Seite, warf sich durchkältend auf einen vollen Frauenarm oder entführte einem ängstlich um sich besorgten Dandy muthwilligerweise das vorsorglich ins Ohr gestopfte Wattekügelchen,' bald lag die eine bald die andere Bootswandung tief im Wasser. Die Sache sah indessen gefährlicher aus, als sie in Wirklichkeit war. Gegenüber der Ge chicklichkeit und außerordentlichen Kaltblütigkeit der friesischen Mannschaft vermochte ein bei dem einen oder andern der Insassen etwa auftauchendes ängstliches Gefühl nicht lange Stand zu halten. Nach ungefähr fünfzehn Minuten landete unser Boot am Weststrande der Düne. Das war eine recht schnelle Ueberfahrt. Bet dem Kreuzen unter widrigen Winden dauert eine solche nicht selten eine Stunde und darüber. Erschwert die starke Brandung an der Ostfeite die Landung zu sehr, so findet solche an der Westseite statt, und umgekehrt. Die primitive Brücke besteht in dem einen wie in dem anderen Falle aus einem auf Rädern ruhenden, verstellbaren Holzstege. Durch die stäubende Brandung hindurch wird der angekommene Segler von im Wasser stehenden Oel- zeugträgern an die Brücke herangezogen uüd im Gänsemarsch spazieren die Ankömmlinge aus dem Boot. Fröhlich im Gemüth betrat ich als einer der Ersten die sonnenüberglühte Düne, suchte ohne Aufenthalt das Herrenbad auf und löste mir eine Karte. Eine lange Zeile grün angestrichener, nummerirter Karren galt es abzuschreiten, bis ich meine Nummer fand. Nach wenigen Minuten stand ich inmitten des Getöses der brausend heranstürzenden Wogen und behauptete mühsam meinen Platz auf dem festen Sandboden unter mir, wurde auch manchmal, wenn eine besonders hohe Welle über mich hinwegstürmte, mit unwiderstehlichem Druck zurückgeworfen. Der starke Wellenschlag auf der Düne erfordert Kraftmenschen mit rothen, fleischigen Hälsen, die auf Helgoland gemästet werden, wie die Hummer in den Kästen des Südhafens. Es standen ihrer genug vor mir und neben mir in der kochenden Brandung. Sie sangen inmitten des Aufruhrs der stürmenden Wogen aus voller Kehle. Eine unbändige Lust, ein Hochgefühl sprach aus jeder ihrer Bewegungen. Ihnen war warm geworden in dem kalten Element, auch mochten sie sich schon im Geiste der vollbesetzten Frühstückstafel bei Ohlsen gegenüber befinden. So gut hatte ich es nun nicht. Gar bald mußte ich mich, wenngleich unter lebhaftem Bedauern über die Kürze der Badezeit, aus dem Wogengebrause zurückziehen. Ein sich einstellender leichter Schüttelfrost hatte mich belehrt, daß ich es Jenen nicht gleichthun könne, die ohne nachtheilige Folgen eine halbe Stunde und länger in der stärksten Brandung aushalten. Er schwand indessen bald genug wieder. Kaum hatte ich im Bredau'schen Pavillon einen kleinen Imbiß und eine Flasche Porter zu mir genommen, als die beängstigende Mattigkeit dem angenehmen Gefühl körperlichen Wohlbehagens wich. Ich trat wiederum ins Freie, neugekräftigt, mit unaussprechlicher Freude vom Dünenrücken das entzückende Bild ringsumher betrachtend. Zu beiden Seiten der Düne fluthete das flaschengrüne, brandende und jauchzend aufrauschende Meer, weiße Schaumkämme an die Ufer werfend. Am Weststrande jagte Neptun mit seinem Hofstaate auf weißmähnigen Rossen galoppirend einher, am Oststrande spielten die stürmenden Wogen mit haarigen Männerleibern. Ich stieg an den Weststrand hinab. Ueber den 1875 Meter breiten Meeresstreifen hinweg richtete ich den betrachtenden Blick auf die Ostküste Helgolands. Noch im 17. Jahrhundert war das zu ihren Füßen lagernde Vorland mit der Düne durch einen breiten Geröllwall verbunden. Diesen und die Ostküste Helgolands schützte die im Nordwesten der Düne liegende Wittklipp, ein weißer Kreidefelsen von 60 Meter Höhe, lange Zeit gegen den verheerenden Anprall der Wogen. „Nach uns die Sündfluth", sagten die Vorfahren der jetzt im Ober- und Unterland residtrenden Insulaner, da trugen sie, schnöden Gewinnes halber, das zu mancherlei Zwecken gut verwendbare Material des Kreidefelsens nach und nach ab. Hernach hätten sie es wohl gern besser gesehen. Indes, — — — — „Sie saßen zu tief in der Kreide — — Da war es natürlich vorbei!" singt Altmeister Scheffel irgendwo. Eine Sturmfluth machte sich heimtückisch an das Scelett der Wittklipp heran und warf es über den Haufen. Nur zur Zeit tiefster Ebbe ragen noch Ueberbleibsel die'es einstigen Bollwerks gegen Wind und Wogen aus dem Meere hervor. Seiner Schutzwehr beraubt, vermochte der Steinwall einem bald darauf wiederkehrenden Rasen der vom Sturme gepeitschten Wogen rächt zu widerstehen. Er wurde durchbrochen, und seine weggeschwemmten Trümmer dienten zur Verstärkung des Unterlandes einerseits, des westlichen Dünenstrandes andererseits. Nord- und Südhafen waren fortan eine Wasserfläche. Die langgestreckte schmale Düne, die Einbuße erleidet, wenn Südwestwinde wehen, ist bei Ebbe ungefähr 2200 Meter lang, 320 Meter breit. In dem verderblichen, wüsten Decembersturm des Jahres 1894, der arg an ihrem Leibe nagte, stieg sie, wie die Helgoländer verzagten Herzens von ihrem Felsen aus beobachten konnten, von den Wogen im Süden und Norden überfluthet, an Umfang nur mehr einem großen Schiffe vergleichbar, aus dem tobenden Meere hervor. (Fortsetzung folgt.) Hrnnsristisches. Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Vierteljährlich Mk. 1,30, Einzelnummer 10 Pfg. — Ländliches Mißverständniß. Bauer: „Ich glaub', Alte, wir gehen nach Haus." Bäuerin: „Warum denn?" Bauer: „Hier auf dem Theaterzettel steht, daß der nächste Act erst zwei Jahre später spielt, und so lange können wir doch nicht warten." — Gedankensplitter. Wer zu viel über das Leben nachdenkt, vergißt zu leben. Einst schrieb man fürs Herz, heute schreibt man nur für die Nerven. Kopfschmerzen rühren nicht immer von „Kopfarbeit" her. — Poesie und Prosa „Was ist Dir, Männchen, Du bist so nachdenklich geworden?" „Wundert Dich das, wenn der Wind zum ersten Mal wieder über die Stoppeln fegt?" „'s ist wahr, Du hättest Dich schon längst mal wieder rasiren lassen sollen!" — Standesgemäß. „Herr Com- merzienrath, was wird Ihre Tochter heute auf der Soiree singen?" „Nu, was werd se singen? Selbstredend de fainsten Sachen!" ÄAaction: $. Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitätr-Buch« und Steindrucke!« (Pietsch Erben) in Bietzen.