ywrtri ■ Z'gXrVn.T BIM AW f schöne Pflicht, zu sorgen für die Kleinen, Die hungrig geh'n auf rauher Lebensbahn! „Was Ihr gethan für der Geringsten einen/' Spricht Gott der Herr, „das habt Ihr mir gethan." Otto Franz Gensichen. Nur nicht so schnell nach Allem greifen! Gedulde Dich, halt' ruhig still. Sieh', wie die Dinge langsam reifen, Mit denen Gott uns segnen will. G. Ebers. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) ES war ihm, als solle diese Fülle, der er sogar demüthig ausweichen mußte, ihm so recht die eigene Armuth und den zwischen ihm und dem Amtsrath bestehenden Abstand zum Bewußtsein bringen. Selbst in den breiten, grinsenden Gesichtern der Gutsarbeiter glaubte er etwas wie mitleidige Verachtung gegen den armen Pflasterschmierer zu lesen. Er seufzte tief auf und rief seinem Kutscher ein unmuthiges „Vorwärts!" zu. Der Herbsttag war jedoch zu schön, als daß Stephan Holten nicht bald genug wieder dessen erhebenden und befreienden Einfluß auf sein für Naturschönheiten sehr empfängliches Gemüth hätte verspüren sollen. Zur Rechten tauchte jetzt ein Dorf auf mit der erst vor Kurzem neu erbauten Kirche, auf deren schlanken Thurm das vergoldete Kreuz hell im Sonnenschein flimmerte. Links zog sich sanft ansteigend der Wald hin) ein frischer Wind bewegte die Kronen der im buntesten Farbenschmuck vom tiefsten Braun und Roth bis hellsten Gelb prangenden Laubbäume und die Spitzen des sie wie ein dunkles Band durchziehenden Nadelholzes und ließ das Flüstern der Blätter zum Rauschen anschwellen. Dazwischen kam aber aus der Ferne in regelmäßigen Zwischenräumen noch ein anderer Laut — das Brausen des Meeres, das an Pommerns Küste seit unvordenklichen Zeiten seine schaumgekrönten Wogen bricht. Doctor Stephan Holten holte ein paar Mal tief Athem und bei jedem neuen Athemzuge war es, als löse sich von seiner Brust ein Reif. Er nahm den weichen grauen Filzhut vom Kopfe und strich sich mit der Hand über das leicht gelockte, braune Haar und die freie Stirn. Die hellbraunen Augen nahmen einen schalkhaften Ausdruck an. „Gefordert hat der Herr Amtsrath mein Ehrenwort, daß ich mich jedes Verkehrs mit Meta enthalten will, gegeben hab' ich's ihm aber nicht," lächelte er still in sich hinein, „und ich gedenke es also streng mit diesem Verbote nicht zu nehmen. Einen Briefwechsel dürfen wir allerdings nicht miteinander führen, aber ohne Nachricht wollen wir während der Monate, wo sie an der Rivisra weilen wird, nicht bleiben. Möchte übrigens wissen, ob der Amtsrath von selbst auf den Einfall gekommen ist, oder ob ihn der alte Brunner darauf gebracht hat, der neuerdings Alles nach dem Süden schickt," schaltete er in Gedanken ein, „muß ihm wirklich einmal auf den Zahn fühlen." Er überlegte, in welcher Weise er eine Verbindung zwischen sich und der Geliebten herstellen könne, und beschloß, seine Schwester Anna ins Vertrauen zu ziehen. Sie und Meta waren mehrmals zusammengetroffen und hatten Gefallen aneinander gefunden, wenn auch von einem freundschaftlichen Umgang bei den Verhältnissen, unter welchen Anna lebte, nicht die Rede sein konnte. „Ich sahre sogleich nach Rapshagen und rede mit ihr, es wird sich schon ein Vorwand finden lassen, daß sie vor Metas Abreise nach Waldhof fährt und sich mit ihr verständigt, oder diese kommt auch zu Frau Göbener, um sich bet ihr zu verabschieden," entschied er sich und rief dem Kutscher zu, er möge abbiegen und den Weg nach dem Gute des Amtmanns von Rapshagen einschlagen. Der Wagen bog in einen Feldweg ein, der zwischen Wiesen, Stoppelfeldern und Aeckern, auf welchen die Landleute breits geschäftig waren, den Boden zur Aufnahme für die Wintersaat herzurichten, entlang führte. Doctor Holten hatte erst eine kurze Strecke zurückgelegt, da kam ihm ein un msehnliches mit zwei plumpen Pferden bespanntes Halbverdeck entgegen. Der Lenker des Wagens war zugleich dessen einziger Insasse, und des Doctors scharfes Auge erkannte schon auf beträchtliche Entfernung den Amtmann Daniel Göbener. Er athmete mit einem Gefühl der Erleichterung auf. Das traf sich ja prächtig, da konnte er recht ungestört mit der Schwester plaudern, denn der störrische Alte war allem Anschein nach auf einer weiteren Ausfahrt begriffen. Auch Göbener hatte ihn erkannt und trieb seine Pferde zu einer schnelleren Gangart an, sodaß er bald dicht neben 134 dem Gefährt des Doctors war. Beide Wagen hielten fast gleichzeitig an, der schmale Feldweg gab nur wenig Raum zum Ausweichen. „Guten Tag, Onkel!" rief Stephan artig und zog den Hut. „Morgen, Stephan!" erwiderte Göbener, ohne die kurze Pfeif-, aus welcher er rauchte, aus dem Munde zu nehmen oder die Hand zur Mütze zu erheben. „Kommst wohl von Waldhof?" Stephan bejahte. „Immer noch Leibarzt beim gnädigen Fräulein?" höhnte Göbener. „Dessen bedarf es nicht mehr, Fräulein Wenzel ist hergestellt," erwiderte der Doctor und gab seinem Kutscher ein Zeichen, weiterzufahren, aber Göbener rief: „Warte doch noch einen Augenblick, hast Du's denn so sehr eilig? Wird ja nicht gleich Einer ohne Dich sterbe». Möchte Dir einen guten Rath geben." „Bitte, Onkel," sagte der Doctor, der an dem Grinsen des Alten sehr^wohl sah, daß es auf eine Bosheit abgesehen war, sich aber vornahm, ihm ruhig Stand zu halten. „Kutschire nicht so viel auf der Landstraße umher und komm' nicht zu den Leuten, wenn sie Dich nicht rufen- wir Pommern lassen uns nicht gern das Geld aus der Tasche holen —" „Wer sagt Dir, daß ich in Waldhof gewesen bin," fuhr Stephan empört auf, „um —" „Geld zu verdienen!" fiel ihm der Amtmann höhnisch ins Wort. „Hast vielleicht was Anderes dort gesucht, kommt doch Alles auf Eins heraus." „Onkel Göbener!" „Hä, hä, mich machst Du nicht dumm! Bin ein alter pommerscher Bauer," lachte der Amtmann. „Na, das ist des Amtsraths Wenzel Sache, wird wohl auch wissen, was er zu thun hat. Und wohin soll denn jetzt die Reise gehen?" Einen Augenblick zögerte Doctor Holten. Sollte er dem Amtmann gar nicht sagen, daß er nach seinem Gute wollte? Er schämte sich jedoch der Feigheit und erwiderte: „Da ich einmal so weit war, wollte ich nach Rapshagen und zusehen, wie sich die Tante und Anna befinden." „Mußt ja viel überflüssige Zeit haben," spottete der Amtmann, der nun doch die Pfeife aus dem Munde genommen hatte und nur ab und zu einen Zug that, um sie m B-and zu erhalten. „Sie befinden sich Beide ganz wohl. Kannst Dir den Weg ersparen." „Ich möchte doch hinfahren." „Das wirst Du bleiben lassen!" schrie der Amtmann, aus dem hämischen Ton in einen groben, polternden fallend. „Fahre Deinen geraden Weg nach Greifswald oder suche heim wen Du willst, die Frauen auf Rapshagen laß' aber in Ruhe." „Was soll das heißen!" rief Doctor Holten und sprang im Wagen in die Höhe. Jetzt lachte der Amtmann wieder. „Bin ich noch mcht deutlich genug gewesen? Ich will Deine Besuche nicht haben, verbiete Dir nach Rapshagen zu kommen." „Warum? Was habe ich gethan?" fragte Stephan, so erstaunt, daß er noch nicht zum Aerger kommen konnte. „Nichts!" antwortete der Amtmann und verzog den breiten Mund. „Ich kann auf meinem Gute keinen Nichts- thuer brauchen, der für nichts und wieder nichts im Lande herumfährt und dem Herrgott die Tage stiehlt. Die Anna soll mir nicht umsonst das Brod essen." „Das thut sie wahrhaftig nicht," schaltete der Doctor ein, aber Göbener fuhr fort: „Kann keine Gäste brauchen, die sie von der Arbeit abhalten." „Das kann durchaus nicht der wahre Grund fern, ich verlange zu wissen," schrie Stephan. „Und ich habe keine Lust, Dir Rede zu stehen!" erwiderte der Amtmann. „Bin Herr in meinem Hause, kann hereinlassen oder hinauswerfen wen ich will, ohne einen Grund dafür anzugeben, und ich sage Dir nur das eine Wort: kommst Du noch einmal auf den Rapshagener Hof, so fliegst Du hinunter und Deine Schwester hinterher!" Schon während der letzten Worte hatte er die Zügel angezogen, nun hieb er auf die Pferde ein und fuhr so schnell an des Doctors leichtem Wagen vorüber, daß es der ganzen Geschicklichkeit des jugendlichen Kuschers, der dem Wortwechsel mit offenem Munde zugehört hatte, bedurfte, um ihm das . Gleichgewicht zu bewahren. Letzterer blickte jetzt fragend auf seinen Herrn, der wieder auf seinen Sitz gesunken war und Holten gebot nach einem kurzen Kampfe mit sich selbst: „Wir fahren nun doch nicht nach Rapshagen. Fahre gerade aus und biege bei der Sellnitzer Feldmark ab, daß wir auf die Chaussee kommen." Der Kutscher nickte, schnalzte mit der Zunge und das kleine braune Pferd, das während des Streites der beiden Männer die Ohren gespitzt hatte, als verstehe es etwas davon, setzte sich wieder in Bewegung. „Ich muß Anna aus dem Spiele lassen, das arme Kind hat schwer genug zu tragen, ich darf ihre Last nicht vermehren," sagte sich der Doctor, die Stirn in tiefe Falten ziehend. „So nützlich, ja, ich kann wohl sagen, unentbehrlich Anna der guten Frau Göbener ist, wäre der alte böse Amtmann doch im Stande, seine Drohung wahr zu machen und sie aus dem Hause zu weisen, wenn ich seinem Verbot zuwider handelte. „Ach, wenn ich doch das nicht erst abzuwarten brauchte," fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „wenn ich Anna doch von Rapshagen wegmhmen und ihr ein angenehweres Unterkommen bieten könnte!" Er überschlug in Gedanken seine Hilfsquellen und kam zu dem Ergebntß, daß es ihm nicht so unmöglich sei, für die Schwester angemessen zu sorgen, fügte jedoch sogleich mit trübem Lächeln hinzu: „Als ob das von mir abhinge! So fügsam Anna im Ganzen ist, in manchen Dingen hat sie doch einen harten Kopf, und ich fürchte, hier haben wir einen solchen Fall. Sie geht nicht von Frau Göbener, und Adolf! „Möchte wissen, was sie an dem Burschen hat- über Geschmack ist freilich nicht zu streiten!" brummte er kopfschüttelnd, denn Adolf Göbener war ihm wenig sympathisch. „Wird mir nichts übrig bleibeu, als doch einmal zu ihm zu gehen und zu hören, was es denn in Rapshagen eigentlich gegeben hat. Gewiß steckt wieder eine Geschichte von ihm dahinter und ich muß es nun entgelten. „Somit wäre mir denn Waldhof ebenso gut verboten wie Rapshagen, em hübsches Ereigniß, das ich von meiner heutigen Ausfahrt mit nach Haufe bringe," schloß er mit bitterer Selbstironie seine Gedankenreihe. „Getrennt von der Geliebten, wie von der einzigen Schwester!" „Und trotzdem verliere ich den Muth nicht!" rief er jetzt so laut, daß sein Kutscher sich wiederum voll Staunen nach ihm umsah. Der Doctor war auch heute gar zu sonderbar. Den ganzen Vormittag unterwegs und noch keinen Kranken besucht, und noch kein Bund Heu für den Braunen, kein Butterbrod und kein Glas Bier für ihn abgefallen ! Aus eigener Machtvollkommenheit fuhr er nach dem nächsten Dorfe und hielt vor dem Kruge an. VII. Amtsrath Wenzel kehrte, nachdem er den Doctor Holten bis zu dessen Wagen begleitet und diesem nachgescham hatte, bis er vom Hofe gefahren war, in sein Arbeitszimmer zurück. Er lächelte still vergnügt über die kleine Kriegslist, durch welche er die Begegnung seiner Tochter mit dem unwillkommenen Bewerber verhindert hatte, trotzdem war ihm nicht recht behaglich bei der Aussicht, ihr nun auf der Stelle den In- 135 halt seiner Unterredung mit Stephan Holten mittheilen zu sollen. Ganz gegen seine Gewohnheit, Unangenehmes ohne Säumen abzuthun, schob er den Zeitpunkt dafür wenigstens noch auf Stunden hinaus. Die Zärtlichkeit für das einzige Kind war die schwächste Seite im Wesen des sonst so zielbewußten, willenskräftigen Mannes. Er glaubte es sich selbst, wie ihrem künftigen Wohl schuldig zu sein, der Bewerbung des Doctor Holten mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und fürchtete sich doch mehr als er sich selbst eingestehen mochte vor ihrem traurigen Gesichte, ihren Bitten und ihren Thränen. Wußte er doch nur zu gut, welche Macht sie über ihn besaß und wie ost sie gegen seine bessere Einsicht etwas von ihm erschmeichelt und erbettelt hatte. „Das waren immer Dinge untergeordneter Natur, auf welche es doch nicht so viel ankam, jetzt, wo es sich um eine ernste entscheidende Lebensfrage handelt, werde ich fest bleiben/' gelobte er sich, während er eine Cigarre anzündete und vor seinem Schreibtisch Platz nahm. Er breitete eine Anzahl von Papieren vor sich aus und schickte sich an, die Kostenrechnung für den Bau eines neuen Schafstalles, der im Laufe des Sommers auf dem unfern des Schlosses liegenden großen Wirthschaftshof aufgeführt war, durchzusehen. Aber so übersichtlich der junge Maurermeister in Greifswald, der den Bau geleitet, die Aufstellung gemacht hatte, und so geübt der Amtsrath in solchen Dingen war, wollte ihm die Arbeit heute nicht gelingen. Er irrte sich mehrfach in seinen Berechnungen, verwechselte einzelne Posten, und gestand sich endlich ein, daß er nicht bei der Sache sei. Unmuthig schob er die Papiere zurück, warf die Cigarre, die ihm schon ein paar Mal ausgegangen und von ihm erfolglos wieder angezündet war, in den Aschbecher, stand auf und ging durch die ganze Länge der Zimmers nach dem Fenster. Obwohl der October noch sehr schöne, warme Tage brachte, waren doch die Nächte schon recht kühl und der große Kachelofen war deshalb am Morgen geheizt worden. Jetzt wollte es den Amtsrath bedünken, als sei die Temperatur im Zimmer heiß und bedrückend, er öffnete deshalb den Fensterflügel, lehnte sich weit hinaus und sog mit Behagen die würzige, sonndurchwärmte Luft ein. Plötzlich aber trat er wieder hinter den bergenden Vorhang zurück und schloß möglichst geräuschlos das Fenster, blieb aber so, daß er von unten nicht bemerkt werden konnte, seitwärts an die Brüstung gelehnt, stehen. Der sich weit ausdehnende Park hatte einen alten Bestand prachtvoller Bäume, die sorgfältig geschont und erhalten wurden, einen klaren See und neuere Anlagen mehr in der Nähe des Schlosses. Unmittelbar unter dessen Fenstern breiteten sich grüne Rasenplätze und Beete mit bunten, duftenden Blumen aus, einen ganz besonderen Schmuck bildeten aber die Gruppen hochstämmiger edler Rosen, die jetzt gerade in einer zweiten Blüthe prangten, welcher noch kein Frost etwas angehabt hatte. Hier wandelte Meta, welche eine große Freundin und sorgsame Pflegerin des Rosenflors war, in einen Mantel gehüllt, einen das Gesicht eng umschließenden neuen Hut auf dem Kopfe, ein Körbchen am Arme und ein Messer in den mit Handschuhen bedeckten Händen, anscheinend ganz in ihre Beschäftigung vertief, abgeblühte Blumen und dürre Blätter von den Sträuchern zu entfernen und in ihren Korb zu sammeln. Dem Amtsrath entging es aber doch nicht, daß sie zerstreut war und daß ihre Augen forschend zu seinem Fenster emporflogen. „Das arme Kind," murmelte er. „Sie sieht doch noch recht angegriffen aus! Wie werde ich's nun ertragen, mich so lange Zeit von ihr zu trennen, jetzt, nachdem sie mir sozusagen zum zweiten Male geschenkt ist?" „Muß es denn sein?" fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, 'während er sich mit der Hand fest auf den hinter ihm stehenden Stuhl stützte, „darin hat ja Holten Recht, ihrer Gesundheit halber braucht es nicht zu geschehen, cs wird sogar noch einige Mühe kosten, Professor Brunner zu bestimmen, daß er ihr die Sache ans diesem Gesichtspunkte darstellt. Warum mußte der auch gerade verreist sein, als sie erkrankte, wäre er hier gewesen, würde sie Holten niemals kennen gelernt haben!" fügte er unmuthig hinzu. Doctor Holten war ganz gegen die Absicht des Amtsraths von dem Boten, den er in die Stadt geschickt, um den Vertreter des Professors Brunner zu der plötzlich krank gewordenen Meta zu bescheiden, mit nach Waldhof gebracht worden. Auf den inständigen Wunsch der Patientin hatte er dann die Behandlung behalten und der Amtsrath konnte ihm ja auch die Anerkenuung nicht versagen, daß sie sich bei ihm in den besten Händen befunden hatte. Doctor Holten hatte sich als trefflicher Arzt bewährt, er war ihm dankbar, hätte ihm, wenn er es verlangt hoben würde, ein noch weit höheres Honorar ^gewährt, als was er ihm freiwillig gezahlt hatte, nur den Preis, den er forderte, konnte, wollte er nicht zahlen. (Fortsetzung folgt.) Einen Zahn verloren — die Herzen gewonnen. Eine lustige Geschichte aus dem Leben Jean Pauls. Von Karl Neumann-Strela. ------- (Nachdruck verboten.) Frühling, blauer Himmel und Sonnenschein, aber der Studiosus Johann Paul Friedrich Richter machte ein" so vergrämtes Gesicht, als ob ihn die schrecklichsten Winterstürme umbrausten. Das war 1782 in Leipzig. Und unser Student hatte auch wirklich Grund zur Verdrießlichkeit. Er ging durch die Reichsstraße, hielt sich seufzend die Backe, weil ihn ein wüthender Zahnschmerz plagte, dachte seufzend an seine Stubenwirthin, die drei Thalcr für rückständige Miethe verlangte, an den Speisewirth, der ihm schon lange borgte, sowie an Schuster und Schneider, die auch etwas drängend wurden. Diese Schulden und der Zahnschmerz dazu! Wirklich kein Wunder, trotz des herrlichen Frühlingstages so miß- muhig, ganz verzagt zu sein. Eigentlich wußte er selber nicht, weshalb er durch die Reichsstraße ging. Vielleicht weil er die angenehme Empfindung hatte, daß keiner seiner Gläubiger in dieser Straße wohnte. Im Weiterschreiten sah er auf und bemerkte über einem Gewölbe ein mit rothen Bändern umwundenes Messingbecken, das Zeichen eines Barbiers. Dieser stand gerade in der Thür und erkannte mit richtigem Geschäftsblicke, daß der Jüngling Zahnschmerzen hatte, da er die Hand an der Backe hielt. „Das Klügste ist ausziehen," rief er ihm zu. Richter blieb stehen, dachte an seine leere Börse und fragte daher in etwas unsicherem Tone: „Was verlangt Ihr dafür?" — „Vier Groschen Courant." — „Morgen, ich komme morgen." „Je eher, desto besser, raus mit dem schlechten Zahn." Rasch auf dem Absatz herum und weiter. Doch ein wirklich ganz abscheuliches Gefühl, nur noch zwei Groschen in der Börse zu haben. Wenn sich der Zahnschmerz nur legen wollte, aber nach einer fast schlaflos verbrachten Nacht trat er am nächsten Tage noch heftiger auf. Richter hatte nirgends mehr Ruhe. Stubenwirthin und Speisewirth fragten ihn sehr anzüglich, wann denn sein Geldschiff käme, und als er nach der Hochschule ging, um Platners Vorlesung über Philosophie zu hören, hatten sich Schuster und Schneider zu höchst unbequemer Begrüßung am Eingänge derselben ausgestellt. Diese ihm nur zu bekannten Gesichter und die Schmerzen dazu raubten ihm fast jede Stimmung. Vor allen Dingen mußte der Zahn heraus. Doch seine Vermögenslage hatte sich inzwischen so verschlechtert, daß auch die letzten zwei 136 Grsschen verausgabt waren. Sein ober Nichtsein in der Börse war in dieser Beziehung keine Frage mehr, sondern da« völlige Nichtsein zur unabweisbaren Thatsache geworden. Die an die Mutter in Schwarzenbach geschriebenen „Brandbriefe" waren bis jetzt ohne Erfolg geblieben- das „Geldschiff" war immer noch nicht in Sicht. Die Professoren pflegten armen Studenten die Vorlesungen zu „stunden," aber ZahnauSziehen „auf Stundung" würde unmöglich sein. In dieser Lage fand sich ein theil- nehmender Freund, der kurz vor dem Monatsersten noch vier Groschen hatte. Nun schleunigst damit nach der Reichsstraße und zum Barbier, dessen Frau auch gleich hinter dem Marterstuhle erschin, um Richter den Kopf zu halten. Aus Leipzig gebürtig, hatte sich Edmund Köhler — so hieß der Barbier —, erst kürzlich dort seßhaft gemacht, nachdem er seine aus Großenhain stammende Frau heimgeführt. Sie waren fleißig, das Geschäft ernährte sie, und bei ihren mäßigen Ansprüchen konnten sie hoffen, daß sie „einen Spargroschen" für die Zukunft erübrigen würden. Köhlers Gehilfe besorgte die auswärtige Kundschaft, während er die in seine Stube kommenden Kunden bediente, wobei seine Frau ihm zur Hand ging. Ein kräftiger Ruck, und der böse Zahn war entfernt. Dir Frau zog ihre Hände von Richters Stirn, wischte ihm die Schweißtropfen ab und führte ihn, da er ihr gar zu matt erschien, hinter einen Vorhang, wo sich der Wohnraum befand. Dort ließ er sich nieder, die Ruhe behagte ihm. Ein Gespräch kam in Gang, doch der Frau fiel es auf, daß seine Bläffe nicht weichen wollte, und es kam ihr der Gedanke, Essen und Trinken möchte ihm zur Kräftigung nöthig sein. Ohne ihn erst zu fragen, holte sie Zwiebelwurst und Schwarzbrot, rief dann ihren Mann, der eine Flasche Danziger Goldwafser anbrachte. Ein so armer Student und keinen Hunger haben? Er konnte zu jeder Tageszeit »ffen, denn sein auf das „Geldschiff" wartender Speisewirth setzte ihm überdies nur kleine Portionen vor. Er griff also gleich zu, aß und trank tüchtig, wurde beredt, und bald wußten die guten Leute seine ganze Lebensgeschichte: daß er in Wunsiedel 1763 geboren, daß seine Mutter eine Predigers- wittwe in Schwarzenbach war und er in Hof die Schule besucht hatte, daß er vor einem Jahre nach Leipzig gekommen war, um Theologie zu studiren. Er war arm, sehr arm! Die Mutter schickte ibm Geld, so oft sie nur konnte - wenn aber nicht bald wieder eine Sendung käme — dann freilich, dann —! Ein in den Laden tretender Kunde rief Köhler in diesem Augenblick ab. Die Frau ging ihm nach und flüsterte ihm zu: „Wenn der Student bezahlen will, dann nimmst Du nichts." — „Das," sagte er ihr, „hab ich mir auch schon gedacht." Richter that zwar, als ob er diese Güte nicht an» nehmen könnte, aber im Grunde seines Herzens war er Über die ersparten vier Groschen sehr froh. Köhlers Einladung, ihn öfter zu besuchen, beglückte ihn noch mehr, und so entstand allmählich eine Freundschaft, die ihm trefflich zu statten kam. Die guten Leute theilten seine Freuden und Sorgen - waS ihn hoffnungsvoll erfüllte und schmerzlich bewegte, theilte er ihnen mit, und manch liebes Mal deckten sie auch für ihn den Tisch. Auf die an die Mutter gerichteten Brandbriefe hatte sie ihm acht Thaler geschickt- die Summe war groß genug, um den Gläubigern fürs erste den Mund zu stopfen. Nun aber durfte er, wie er Köhlers erzählte, der Mutter mit solcher Bitte „vorläufig nicht wieder in den Ohren liegen," und um eine für ihn auskömmliche Einnahme zu erzielen, war er mit einer litterarischen Arbeit beschäftigt. Es war sein in der Literaturgeschichte als Erstlingswerk verzeichnetes Buch: „Grönländische Prozesse. Bon Jean Paul," wie sich Richter mit Benutzung seiner zwei ersten Vornamen als Schriftsteller nannte. Bevor er aber einen Verleger dafiir gewann, ward ihm noch manche trübe Erfahrung, manch' bittere Stunde bereitet. Endlich fand sich ein einsichtsvoller Mann, der Buchhändler Voß, ein Freund Lessings und Hippels, der den Verlag des Merkchens übernahm. Er zahlte dem Autor fünfzehn Louisdor Honorar und bestellte einen zweiten Theil. Und Richter? Er lief vor Entzücken ins Freie und weinte. Seine Gläubiger erhielten ihr Geld, und er meinte dabei. Er umarmte Köhlers und weinte seine Freude an ihrem Herzen aus. So löste sich sein Jubel überall in Wonnethränen auf. Nun war er reich, konnte das trockene Brotftudium ganz aufgeben und fortan als Schriftsteller leben. Er konnte die Mutter unterstützen, Köhlers beschenken, ein Sommerhäuschen im Köruerschen Garten zur Wohnung miethen, neumodisch gekleidet gehen und im Gasthof zum blauen Stern, wie andere Schöngeister, zu Mittag essen. Das that er denn auch - bei solchem Leben war es jedoch kein Wunder, daß fünfzehn Louisdor nicht sehr lange reichten. Was schadete das? Der zweite Theil wurde geschrieben, die gleiche Summe dafür gezahlt, und die Börse war wieder voll. Köhlers baten ihn dringend, die Geschenke zu unterlassen, doch auf ihre Warnung vor Verschwendung hörte er nicht. Um hinreichend Geld zu haben, brauchte er nur zu schreiben, und so entstand ein drittes, ein viertes Buch. Doch Voß und auch andere Buchhändler lehnten den Verlag derselben diesmal ab, und der Verfasser hatte das Gefühl, als ob er aus einem schönen Traume wieder zur rauhesten Wirklichkeit erwachte. Ach, ihr blanken Goldstücke, „sagt, wo seid ihr hingerathen?" Da gab es wieder Verlegenheiten, neue Schulden und Gläubiger, die bald noch viel störender als früher mahnten und drängten, und die Sorgen wurden größer, die Noth „sah schon wieder durchs Schlüsselloch" .... Das mochte ein Anderer ertragen, unser Richter hielt es nicht länger mehr aus. Was geschah? Sein Freund Oerthel brachte „bei Pontius und Pilatus" so viel zusammen, um für Richter einen Platz in der Post zu bezahlen. Von Köhlers Abschied nehmen? Im beschämenden Gefühle, auf ihre Warnungen nicht gehört zu haben, schied er ohne Lebewohl. An einem trüben Novemberabend 1784 trug Oerthel seinen Koffer vors Thor hinaus. Er folgte mit falschem Zopfe und tief in die Stirn gedrücktem Hute, um unkenntlich zu erscheinen, und als der Postwagen vorüber kam, sprang er rasch hinein und — entfloh. * * * Vierzehn Jahre später schallte es wie ein einziger Freudenruf durch Leipzig: Jean Paul kommt an! Der berühmte Verfasser der „unsichtbaren Loge," des „HesperuS," „Quintus Fixlein," „Jubelsenior" und „Kampaner ThaleS" wird Leipzig mit feiner Gegenwart beehren! — Er kam mit Extrapost, wohnte in dem vornehmsten Hotel, und der erste Marqueur bediente ihn ganz allein. Seine Thür „stand vom Morgen bis zum Abend nicht still". Buchhändler kamen, um fein neuestes Werk für ihren Verlag zu erbitten - Kaufleute erschienen, um ihn zu einem Gastmahl zu laden. Damen nahten mit ihren Stammbüchern, in die sich der „Göttliche" einschreiben sollte, und Logenbrüder baten um die Ehre, den „weltberühmten" Bruder zu einem Liebesmahl zu führen. (Schluß folgt.) Hriniovistifches. Eine neue Krankheit Mutter: „Nun: fei artig und setz' Dich ordentlich." — Der kleine Paul (Der in der Schule Prügel bekommen hat): „Ach, Mama ich habe solch Popodagra." Sibactieti: 8L Echeyda. — Druck und Berlaz der Brühl'scheu UuiverfitätS-Buch» und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.