MU Rä LLLLL Töfinw MWMÄ EL WM 7'jmr /V Die Keime Deiner Ewigkeit. Tiedge. ’ etttaue Gottes Vaterhänden, Wenn er den frömmsten Wunsch versagt; Was hier beginnt, wird dort vollenden. Wo Dir ein neues Leben tagt. Es ruh'» im engen Raum der Zeit Felsgarten. Roman von Clara Bücker. ------- (Nachdruck verboten.) I. Lächelnd sahen die beiden Damen dem linkischen Burschen zu. „Adieu für heute, lieber Heine," hatte die schöne Frau Tauchlitz gesprochen und ihm dabei die Hand geboten. Gleichzeitig legte er die Rechte hinein, ohne seine um die Peitsche geballte Linke vom Rücken zu nehmen. „Du bist und bleibst ein Bauer," tadelte die Mutter ihn und zog den Arm der Freundin wärmer an sich. Weiter gingen Beide, stolze, vollentwickelte Gestalten mit schönen, rothwangigen Gesichtern. Neben dem Wirthschaftshofe am Hause hielt der Wagen, zu dem Frau Wulffen ihren Besuch geleitete und bet dem ihr ältester Sohn Franz mit den kleinen Töchtern der Freundin bereits wartete. Die modisch und sylphenhaft. gekleideten Mädchen, denen die Locken mit derselben Absichtlichkeit in die verzärtelt rosigen Gesichtchen geschoben, mit der die rosa Hutbänder geschlungen, die Schärpen drapirt und die Schühchen gestickt waren, benahmen sich so allerliebst, daß sie Frau Wulfsens mütterliches Empfinden sehnsüchtig stimmten. Neben ihren beiden Bengeln, gesund und kräftig, Gott sei Dank, aber wahrlich nichts weiter, könnte solch ein Kleines schon noch blühen; ach, sie würde es Herzen und lieben. Auf ein Wort ihrer Mama winkten die Kleinen mit den Händchen. „Leb wohl, Heine. Besuch' uns bald." „Fahrt man!" schrie der, ohne sich vom Fleck zu rühren. Desto cavaliermäßiger verabschiedete der fünfzehnjährige ! Franz die Gäste, winkte wie seine Mutter dem davonrollenden \ Gefährt nach und ging dann mit ins Haus; absichtlich warf ; er keinen Blick nach dem jüngeren Bruder, der im Garten allein blieb. Beide Hände auf dem Rücken stand Heinrich Wulffen noch auf derselben Stelle. Er sah in die Baumwipfel. Waren sie vorhin von der untergehenden Sonne röthlich bestrahlt, daß sie leise rauschend nur desto grüner im Farbenreiz des Himmels über sich aussahen, so hüllten sie jetzt bläuliche Schatten ein; die einzelne Zweig- wie Blattform trat zurück, dunkel, aber eindringlicher flüsternd standen sie um Heinrich her. Ihre Sprache weckte ihm eine tönende Antwort im Herzen, die ihn bewegte, obwohl er immer noch in die Betrachtung vertieft war, weshalb seine gute, allezeit fröhliche Mutter zwei Freundinnen gegenüber sich stets fröhlicher und freundlicher gab. Nöthig hatte sie es doch ganz und gar nicht! Die Eine, Frau von Scheven, war Hausdame beim Onkel Wulffen auf Hohenried, aber Alle hatten sich um sie, als sei sie Königin — na, er wahrhaftig nicht, wenn der Vater ihr auch die Hand küßte, und der Onkel, der sonst so knurrig war, ihr den Ehrenplatz im Hause gab. Und Frau Tauchlitz blieb mit sammt ihren beiden Mädeln unausstehlich, das mußte doch Jeder sehen! Heinrich blickte ungestüm um sich und gerade in das Gesicht der Sphinx, die aus grauem Sandstein hier im Garten lagerte. Der Onkel hatte sie von seinen Reisen mitgebracht, und den Eltern geschenkt, er entsann sich dessen genau, obwohl er damals noch ein Knirps gewesen war und nur staunend zu dem Ungethüm hatte aufsehen können, das der Vater coloffal und die Mutter Prächtig genannt harte. Im Laufe der Jahre gewöhnte er sich an diese Verkörperung fremdländischer Gedanken. Der geheimnißreiche, hoheitsvolle Frauenkopf flößte ihm Zutrauen ein; eine rücksichtslos nackte Brust verrieth höchste Unerschrockenheit, wohingegen der Löwenleib mit seiner furchtbaren Kraft ihn gleichsam verwarnte: Wenn sie dir auch gefällt, tückisch bleibt sie doch ! Nun traf sein erregter Blick die steinerne Ruhe der Räthselhaften. „Warum sind die Menschen so lügnerisch? Weshalb verstecken sie ihre Herzen? Weißt du's etwa? Nicht? Mir scheint, sie sind dir ähnlich; du heuchelst deine Kraft auch bloß, als könntest du wunder was, dabei zwinge ich dich, Lügnerin du!" Und er ließ die Peitsche über den frauenhaften Nacken sausen. Allein der Stein rührte sich nicht, geheimnißvoll lächelte 398 II. Zur selben, stillen Nachtzeit schritt Landrath Tauchlitz, eine stolze Erscheinung mit nachdenklich geprägten Zügen, sein Arbeitszimmer ab. Was richtete er gegen die Wirklichkeit damit aus, daß er sich hier mühte, den Fehler auf seiner Seite zu suchen? Die Wahrheit blieb, blieb wie sein unerschütterlicher Lebensernst und seiner Frau wilder Leichtsinn. Er hatte gehofft, immer wieder gehofft. Noch durch den lebhaften Anschluß an Wulffens meinte er Besserung zu schaffen. Sie hatten die Beziehungen zueinander beinah im Uebermaß gepflegt, derart, daß die vertraut gewordenen Ehepaare, ohne verwandt zu sein, sich sogar mit Du anredeten. Dennoch blieb Frau Wulffens Beispiel erfolglos. Für seine Frau gab es nichts, als Aeußerlichkeit. Für sein Bestreben, sie zu vertiefen, hatte sie nichts als Hohn. Während er ihr beklommen gegenüberstand, ihr grelles Wesen auch wohl gefaßt ertrug, wüthete sie gegen ihn in ganz niedriger Art. r Auch vorhin wieder, als er ihr bei ihrer Rückkehr von Wulffens seine plötzlich eingetroffene Versetzung nach Schlesien mittheilte. , Ein Zittern lief durch seine schlanke Gestalt, die Stirn furchte sich ihm nochmals in der Erinnerung an ihren gellenden Zorn, unter dem sie verlangt hatte, er solle sich weigern, dieser Versetzung zu folgen, bis sie die unheimlichen Worte sprach, deren Sinn längst zwischen ihnen stand: „Ich gehe nicht mit Dir!" Da hatte er das Zimmer verlassen und sich hier em- geriegelt und gewartet, daß ein heißblütiges Weib draußen anklopfen sollte: „Thu mir auf, Lieber, ich kann nicht erjagen, Dich allein und gekränkt zu wissen! Die große Blutwelle, die über ihre Einsicht fortrollte, mußte doch zurückbeben, um wenigstens ihr Herz, ihr störrisches, eigensinniges, zu Worte kommen zu lassen. Nichts. , Thüren hörte er werfen und die Kinder unter ihrer Heftigkeit schreien. Als es mit der vorschreitenden Nacht still wurde, f „Noch 'n kleinen Guß Rum, Schatz. So, danke, danke, i Nun, Jungens, mal schmecken?" Fast war es Beiden zu stark. Sie schüttelten sich, I und Herr Wulfsen kraute ihnen lachend das starke, kurze Haar. Dann setzten sie sich zum Essen. Käse zwischen Schwarzbrod und Pumpernickel gelegt, dazu Cognac oder Korn leiteten das Mahl ein. Dem folgte Spickaal mit Rührei, worauf eine kräftig gewürzte Kartoffelsuppe den Schluß machte. Und Alle aßen mit dem Appetit starker, gesunder Menschen, nur einmal legte Herr Wulffen das hausleinene dicke Mundtuch bei Seite, um erstaunt auf seinen Jüngsten zu blicken, der eben fragte: „Sage, Papa, entscheidet Reichthum Alles in der Welt oder gelten andere Verdienste auch was?" „Natürlich gelten nur Verdienste," lachte der Papa gutmüthig; „aber, weißt Du, mein Sohn, Geld hebt Vieles ! erst zum Verdienstrang, was man ohne Geld bloß verdammte - Pflicht und Schuldigkeit nennt. Bist nu zufrieden?" Die Mama legte ihre volle, warme Hand auf die eckige i Stirn ihres Jungen, die sich ganz heiß anfühlte. „Dir ist doch wohl, Heine? Du bist so lange draußen \ in der Abendluft gewesen, drückt es auch nicht im Halse? \ Sophie! Heine soll lieber Mehlsuppe essen und eine Wärmflasche ins Bett bekommen! Ich komme nachher noch einmal zu Dir und sehe mich um, wie Du liegst und Dich fühlst, mein Junge!" So sprach die sorgliche Mutter. Als sie jedoch an das Bett ihres Zweiten trat, lag er ganz still, daß sie leise ging, den Schläfer nicht zu stören, der indeß die halbe Nacht mit brenuenden Augen in dre Finsterniß um sich starrte. Fäusten fest. „Sind wir nicht so reich wie Onkel?" fragte er. „Bewahre," flüsterte Sophie, ängstlich umschauend, daß Niemand lauschte, während sie dem-kleinen Kopf zwischen die Schultern zog, wie eine Ohreule. „Onkel Wnlsfen ist ja älter als Papa, deshalb gehört ihm das größte Familiengut- ihr Goldjungen bekommt ja Alles, sofern er ledig bleibt. Na, nöthig wirds ja wohl sein, denn weißt Du, als wir mit der abgebrannten Ernte und den neuen Maschinen das Unglück hatten, wobei Mamas ganzes Vermögen verloren ging, da mußte sie selbst Tante Tauchlitz um Hilfe bitten. Denkst Du, so was wird Einem leicht?" Heinrich sprang auf die Treppe und hob die Peitsche. „Du lügst!" schrie er heftig. „Heining!" sagte die dünne, kleine Alte bekümmert, woraus er Arm und Kopf sinken ließ und langsam ins Haus ging. Hier war es behaglich und gemüthlich. Die Thür vom Hausflur nach dem Eßzimmer stand offen, Ernestine trug das Abendessen hinein. So sah Heinrich bereits von draußen die Mama auf dem Sopha sitzen und zu Herrn Wulffen auflächeln, der groß und stark mit sehr rothem Gesicht, aber herzensguten Augen vor ihr stand, lachte und erzählte. Daß Franz daneben gleichfalls froh aussah, war natürlich. Er besaß eine zu gesellige Natur, um in den Familienkreis mit so scheuer Haltung zu treten, wie sein Bruder, der sich tölpelhaft genug an dem stieß, was hinter den helleren Stirnen und frohen Mienen lebte. Herr Wulffen rührte den Grog um, der bei ihm den Abend einleitete, und sagte: „Sieh, das ist ja auch unser Heine! Wieder 'rumgetrieben, mein Junge?" Dabei kostete er, ehe er der Mama das mächtige Glas hinhielt. das Bild weiter. Da sank ihm der aufs Neue erhobene Arm ! — die Beschämung, etwas Wehrloses zu Prügeln, kam ihm i nun doch. _ , , ... , , .. „Heinrich, wo bleibst Du denn? Heining!" rres dre zirpende Stimme der alten Sophie. Sie hatte der Großmutter bereits dreizehn Jahr gedient, als sie der städtisch gewöhnten Mama in den jungen Hausstand gefolgt war. Treu war sie und fleißig nicht minder, aber die Jungen hielt sie strenger zusammen, als Vater und Mutter. Ja, man hätte es gar nicht mit ihr aushalten können, wenn man sie nicht bei passender und mehr noch umpaffender Gelegenheit weidlich geärgert hätte. Auch jetzt ließ er die Rufende dicht heran kommen. „Heinrich! Was mußt Du Dich draußen 'rumdrücken? Komm 'rein!" „Ich komme ja schon!" Jetzt hatte Sophie ihn, aber ebenso hielt er sie fest. „Höre," sagte er dringlich, „Du mußt mir erzählen, warum Alle so zuthulich gegen Frau von Scheven sind!" Sophies kleine, schmale Gestalt schien noch winziger zu werden. „Laß mich zusrieden. Sie ist längst weg. „Auch schon abgefahren? Desto besser. Nun gieb mir aber Bescheid!" „Was is' nu bloß darüber zu wundern! Ist Deme Mutter nicht 'ne herrliche Frau? Du verstehst das noch nicht- sie trug keine Schuld, daß sie dem Onkel Wulffen auch gefiel. Einen konnte sie doch bloß heirathen. Der Onkel, fuchsteufelswild, reiste wer weiß wohin und kam erst nach vielen Jahren zurück. Sein Gut übernahm er wieder, aber er bringt es nur langsam in die Höhe. Frau von Scheven hilft ihm dabei und thut für sein Haus, was in ihren Kräften steht. Denkst, sie fürchtet die Mama nicht? Und das kann sie auch." Damit zog sie den störrischen, jetzt doch etwas wirbeligen Jungen durch den Garten, über den Wirthschaftshof mit sich. Vor der niedrigen Treppe hielt er ihre Schürze mit den 399 hatte noch nicht einmal einer der Dienstboten nach seinen Wünschen gefragt. Als der Tag graute, öffnete er das Fenster. Leichter, nebeliger Dunst wogte über dem Garten, über den Dächern niedriger Häuser: vom nahen Meere der Niederschlag. Ihm war es kein Nebel. Frauen, zierliche und hochgewachsene, üppige und elfen- hafte Gestalten zogen in einem tollen Reigen an ihm vorbei, tauchten unter und auf, rangen zauberische Arme, warfen flatterndes Haar von Busen und Wangen zurück, hüllten sich schämig ein oder schleuderten in trunkener Siegesfreude wehende Schleier von ihren Schultern. Aber Alle jubelten um den gestürzten Mann, tanzten über seinem Elend, zerfaserten seine Ideale und zerrten den Stolzesten unter ihre Füße. Hinab! (Fortsetzung folgt.) Die Perle der Nordsee. Schilderung einer Sommerfahrt von Otto Bruhnsen. (Fortsetzung.) Noch bevor unser Dampfer auf der Rhede vor Anker gegangen war, stießen die Boote der Helgoländer von der Landungsbrücke ab. Sie kommen, um die Passanten und Badegäste an Land z» bringen. Die Geschicklichkeit der wetterfesten Fischer im Rudern und Segeln ist groß, in letzterer Beziehung mitunter geradezu staunenerregend. Der Fischfang dagegen wird vernachlässigt. Seit langen Jahren fischten die erwerbsfähigen Bewohner der einsamen Insel — wenigstens während der Saison — nicht etwa nach zappelnden Meeresbewohfiern, sondern in der Hauptsache nach zahlungsfähigen Badegästen. Das ist die Schattenseite des Helgoländer Lebens. Wo viel Licht, ist viel Schatten. Der Fremde thut gut, inmitten dieser berechnenden Insulaner immerdar auf seiner Hut zu sein. Sie machen sich geflissentlich ärmer als sie sind, um den gefüllten Geldbeuteln der Fremden Opfer auf Opfer aufzuerlegen. Ich bestieg mit anderen Helgolandfahrern ein an der Schiffstreppe auf und nieder tanzendes, derbes Ruderboot mit echs Mann Besatzung, das uns wohlbehalten an Land brachte. Arg mitgenommen bei dieser Ueberfahrt wurde indessen mein Koffer. Die Bootsleute gehen mit dem Handgepäck der Reisenden so wenig sorgsam um, daß in jedem Boot mindestens einem empörten Besitzer die Galle überläuft. Gleichmüthig hören und sehen diese fischblütigen Friesen auf ihn. Wir landeten und schlugen der harrenden „Läster-Allee" ein Schnippchen. Nur eine (weibliche) Person war auf der Ueberfahrt seekrank geworden, die Uebrigen befanden sich in vortrefflichster Stimmung. Bereits auf der Landungsbrücke drängten sich Leute an die Ankommenden heran. „Wohnung im Unterland gefällig? . . . Wohnung im Oberland?" Ich wählte eine solche im Oberland, trotz der 180 Stufen der großen Treppe, die in der Folge mehrmals am Tage zu erklettern waren. Diese ist in ihrer Art bequem genug angelegt. Zwei Podeste unterbrechen ihre sanfte Steigung. Sie führt nach der an der Seeseite von einer derbgefügten, verwitterten niedrigen Backsteinmauer begrenzten Hauptstraße des Oberlandes, der Falm. Ist man mühsam athmend oben angelangt, so wird man durch eine großartige, wirklich entzückende Aussicht (die nach dem Ausspruche Vielgereister in der Welt ihres Gleichen sucht) auf die von weißem Gischt umsprühte Düne und das ringsum fluchende, grünblau nuancirte Meer für die gehabte Anstrengung reichlich entschädigt. Auch von den Fenstern meiner in der O'Brienstraße gelegenen Wohnung aus hatte ich über von niedrigem Gesträuch umwallte Rosengärtchen hinweg einen freien, wundervollen Ausblick auf Meer und Düne. Der klatschende Anprall der ewig ruhelosen Wogen gegen den Felsen tönte bis herauf in mein Schlafzimmer, wenn ich einmal in der Nacht die Fenster offen gelassen hatte. Nachdem ich mich in der mit bescheidenen Raumver- hältniffen rechnenden, aber ungemein sauber gehaltenen, im Uebrigen ganz behaglichen Wohnung mit den freundlich an- muthenden Nelkenstöcken vor jedem Fenster häuslich eingerichtet hatte, unternahm ich einen Gang nach der Südspitze und von ihr aus ein langsames Abstreifen der einsam liegenden Westküste. Sie ist dem Wogendrang mehr noch ausgesetzt, als die Ostküste, für welche die vorgelagerte Düne einen natürlichen Wellenbrecher bildet. Ihre Steilwände sind arg zerklüftet und weisen klaffende Einschnitte auf. Hier hat die gewait- thätige See dem Felsenleibe tiefe Wunden geschlagen, deren Anblick Herzbeklemmung und Trauer verursacht. Im Bunde mit anderen Naturgewalten, mit Verwitterung erzeugendem Regen und Frost, die unablässig Sprengarbeiten leisteten, hat sie mit scharfem Meißel Gewölbe (Gatts) ausgehoben und nach Jahrhunderten wieder zusammenstürzen lassen, isolirt stehende Felsenpfeiler (Stacks) geschaffen und vernichtet. Ihrer zermalmenden Umarmung trotzt der Fels wohl noch Jahrtausende, aber einst wird kommen der Tag, an dem die letzte Säule hinsinkt und frohlockende Sturmfluth über sie hinwegbraust. Diese Voraussicht hat wohl für jeden Naturfreund trübe Stimmung im Gefolge. Nachdenklich und ernst schritt ich der Nordspitze entgegen. Ein paar Fremde hielten dort die Nase in den Wind und lugten in die Ferne. Ich lehnte mich gegen die eiserne Einfriedigung, welche das ganze Oberland umspannt, und that es ihnen gleich. Dieser köstliche Seehauch! . . . . . . stundenlang habe ich mich ihm entgegengestellt, der mit Leib und Seele erfrischte. ' Andere Erfrischungen winkten hinter meinem Rücken, im Wirthshaus „Hohenzollern" nämlich. Roh gezimmerte Bänke und Tischchen stehen vor dem Häuschen und im Rasen ringsum zur Bequemlichkeit für diejenigen Badegäste, welche hier oben an dem prachtvollen Bilde eines Sonnenunterganges sich erlaben wollen. Eine Tafelaufschrift neben der Thür stellte seinen Beginn um 7 Uhr 50 Minuten fest. Vermuthlich hatte sich die Sonne an jenem Abend über das auf die Minute genaue Bestimmen eines Zeitpunktes, von welchem an man von ihr eine künstlerische Leistung erwartete, schmählich geärgert. Der gluthrothe Ball sank schon vor der angegebenen Zeit, die ihn umgebenden Wolkenbänke rosig überhauchend, ohne den in der frischen Abendbrise geduldig Harrenden Anlaß zu Ausbrüchen theilweise Wohl nnr geheuchelter, theilwei e Wohl auch aus der Seele kommender Bewunderung gegeben zu haben, ohne theatralischen Abgang ins Meer. Sogleich erhoben sich die Getäuschten, um, mißmuthigen Bemerkungen Raum gebend, den Rückweg durch die „Kartoffel- Allee" anzutreten. Ich sah sie ohne Bedauern von dannen ziehen, leerte eine Gläschen Brandy und stellte mich wiederum, mutterseelenallein, auf den äußersten Vorsprung der windumwehten Nordspitze. Stiller schien es allgemach ringsumher zu werden. Leise athmete draußen in der weiten Rund das ewigschöne, herrliche Meer. Nur tief unten am Fuße des ausgewaschenen Felsenleibes hoben sich die in der Abendbeleuchtung dunkelgrünen Wogen, wie in wildem Verlangen zu zerstören, ihre unge- 400 bändigte Kraft zu bethättgen, hoch an dem ragenden Gestein empor, weißschäumende Brandung jagte um die vorgelagerten, trotzig Widerstand leistenden Klippen. Am Horizont bemerkte ich ein Barkschiff unter vollen Segeln, das der Elbmündung zusteuerte, an der Ostküste langsam ziehende Segelboote. Wie von Geisterhand getrieben, glitten sie lautlos durch die salzige Fluth. Stundenlang verweilte ich auf meinem Beobachtungsposten und richtete die Blicke immer aufs Neue erschauernd auf das unbewegte Antlitz erhabener Einsamkeit, die den reglos Schauenden mit groß aufgeschlagenen Räthsel- augen ansah. Gewaltsam riß ich mich los von dem dämonischen Zauber, der ein empfängliches Gemüth auf der Insel der Seligen nur zu leicht den schmerzhaft schnürenden Fesseln einer Grübelei ohne Ende überantwortet. An dem schlanken, weißen Leibe des Leuchtthurms vorüber, dessen weißstrahlendes Licht in die verderbenschwangeren Grübeleien dunkler Nächte hell hineinleuchtet, schlenderte ich langsam der Südspitze zu. Zu ihren Häupten hing der Mond, unter leichten Wolkenschleiern seine melancholische Schönheit verbergend. Vom Unterlande herauf glühten die röthlichen Lichter der Landungsbrücke und der wie in einem Feuermeer schwimmenden Strandhalle mit den großen bedeckten Veranden nach der Seeseite. Im Südhafen schaukelte eine Flotte buntbemalter Ruder- und Segelboote auf den Wogen, eine zweite Flotte war auf den Strand gezogen. Auch eine stattliche Anzahl wohlbefestigter Hummerkisten wiegten sich hier auf der Fluth. Sie enthalten einen ausreichenden Vorrath der vielbegehrten leckeren Schaalthiere, deren Fang für die Insulaner von großer, immer noch zunehmender Bedeutung ist. An der Steinmauer des Falms, den ich jetzt betrat, lehnten einfach gewandete, ältliche Männer und Frauen und unterhielten sich leise in ihrem friesischen Kauderwälsch oder blickten — was bei den Meisten zutraf — schweigend ins Meer. Ich stieg ins Unterland hinab, um bei Gebrüder Reimers im Conversationshause einen Abendimbiß einzunehmen, ein wenig zu schmauchen und Musik zu hören. Meinen an die Dunkelheit des Oberlandes gewöhnten Augen that die Tageshelle der von unzähligen Lampen erhellten Verkaufsläden und Restaurationen in der Treppenstraße fast weh. Auf der Mathies-Terrasse und am Strande gingen noch zahlreiche Badegäste, die der milde, zauberisch schöne Abend ins Freie gelockt hatte, gemächlich auf und ab. Nach kurzem Verweilen in der, einen angenehmen Aufenthalt gewährenden, comfortabel eingerichteten Strandhalle trat ich wiederum ins Freie und mischte mich unter die Lustwandelnden, von der Erwägung ausgehend, daß, wenn ein bleichwangiger Städter zwischen behaglichem Kneipenleben einerseits und dem Genuß reiner unverfälschter Seeluft andererseits zu wählen habe, in seinem eigenen Interesse der letztere vorzuziehen sein möchte. Erst kurz vor Mitternacht löschte ich das Kerzenlicht in meinem Zimmer und suchte schlaftrunken, fast taumelnd vor Uebermüdung, mein Lager auf. * • ♦ Der nächste Morgen fand mich zeitig auf den Beinen. Hellstrahlende Sonne lachte aus der wolkenlosen Bläue des Himmels herab. Die weißlackirten Fensterrahmen in meinen Zimmern waren heiß anzufühlen, als ich sie aufstieß, um dem salzigen Seehauch Einlaß zu gewähren. Köstlich erfrischend drang mir die reine, ozonreiche Luft entgegen. Es war gegen 7 Uhr Morgens. Schon hatte sich ein Segelboot mit dichtvermummten Badegästen (welche mithin — da sie doch schon den Morgenkaffee und das erste Frühstück genossen haben mußten — recht früh aus den Federn geschlüpft sein mochten) auf den Weg nach dem so verlockend herüberwinkenden weißen Badestrande gemacht. Der Anblick forderte zur Nachfolge heraus. Ich beschloß, mich um zehn Uhr nach der Düne hinübersetzen zu lassen und gegen zwölf Uhr das erste Bad zu nehmen. Um diese Zeit mußte die sengende Augustsonne dem Wasser eine verhängnißmäßig hohe Temperatur mitgetheilt haben. Vorderhand erfrischte ich mich durch eine Abwaschung in dem für solche Zwecke auf der Insel allein zur Verfügung stehenden lauen Regenwasser, so gut es gehen mochte. Dann eilte ich auf den Schwingen der Ungeduld ins Unterland. Wohl vernahm ich schon oben in meinem Quatier das Rauschen der Brandung recht deutlich. Dennoch sehnte ich mich nach dem Anblick, wie ich ihn gestern gehabt, als Woge auf Woge heranrollte und unter eigenartigem Brausen den Strand überfluthete. Auf den grüngestrichenen Bänken vor der Mathies- Terrasse saßen nur einige wenige Badegäste und lugten ins Meer hinaus. Ein paar Strandkörbe standen sehr prätentiös in dem Geröllschutt umher und gemahnten mich lebhaft an die Soufleurhöhlen in den Theatern. Im Laufe der Saison spielte sich auf der Scene vor ihnen wohl so manches Theaterstück ab, zu welchem die Natur ringsum wahrhaft großartige Couliffen und Soffiten stellte, das einzig Werthvolle an dem ganzen Spectakel. Da die in der Comödie Mitwirkenden auf sich warten ließen, so nahm der Kritiker einstweilen vor dem Kurhause Platz und räumte in Ermangelung einer dankbareren Beschäftigung unter den festen und flüssigen Bestandtheilen des ersten Frühstücks tüchtig auf....... Die Promenade belebte sich nach und nach, an der Landungsbrücke, der „Börse" Helgolands, wurden in einem, stetig sich vergrößernden, Kreise Tages-Neuigkeiten ausgetauscht. Halbwüchsige Jungen offerirten den Fremden Postkarten „mit Ansichten", die theilweise nur einem derb entwickelten Geschmack behagen mochten, andere wiederum Seesterne, Ammoniten und dergleichen Andenken an den rothen Felsen mitten im Meer. „Boot gefällig?" fragten an dem Fremden sich herandrängende Schiffer mit verwetterten, lauernden Gesichtszügen. Sie forderten einen Thaler für eine Ruderfahrt um die Insel herum. (Fortsetzung folgt.) Literarisches. Mit andauernder Spannung richtet sich das allgemeine Augenmerk auf den spanisch-amerikanischen Kriegsschauplatz u. z. nach den Inseln: Cuba, Puertorico und die Philippinen. Von hohem Reiz sind deshalb die neuesten Nummern der Zeitschrift „Ueber Land ttttb öltet" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt), die neben einer Karte und Portraits der vielgenannten Persönlichkeiten beider Parteien eine ganze Reihe von Ansichten jener Eilande wiedergeben. Besonders reich bedacht ist Manila, die Hauptstadt der Philippinen, auf deren Reede das spanische Geschwader eine empfindliche Niederlage erlitt. Nicht minder interessant ist die Ansicht des Hafens San Juan auf Puertorico, wie er sich vor der Beschießung zeigte, und da nach aller Wahrscheinlichkeit der Krieg sich auch nach den Kanarischen Inseln hinüberspielen wird, dürften auch die Scenerien von Teneriffa zu actueller Bedeutung gelangen. Die Tage des blutigen Aufstandes in Mailand rückt eine Reihe bewegter Straßenbilder vor Augen, und auf heimischen Boden werden wir versetzt mit der Ausreise der Ablösungstruppen für das deutsche Geschwader in Kiautschou. So tragen die neuesten Nummern der beliebten Zeitschrift ein kriegerisches Gepräge, doch find die bedeutenden Werke des Friedens darüber nicht vergessen. Ein großes Tableau führt in Perspective aus der Vogelschau die jüngst eröffnete Wiener Jubiläumsausstellung vor, und daneben sehen wir das herrliche Raimund-Denkmal, das vor Kurzem in der österreichischen Kaiserstadt enthüllt worden ist. Neben dem neuen großen Roman „Von zarter Hand", mit dem Johannes Richard zur Megede die Leser in hoher Spannung erhält, finden wir noch unter dem Titel „Blut und Eisen" humorvolle Erinnerungen, in denen Max von Eyth, der be- berühmte Ingenieur, einen interessanten Abschnitt aus seiner Thätigkeit im Pharaonenlande vorführt. Redaktion; Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UmverfitStS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meße«.