Stil Mf ■E&otofr,. au.fr > e.s£eK Samstag dm 2. April. /L ommt Dir ein darbend Menschenkind Entgegen rothgewemt, 0? Erbarm' Dich seiner Roth geschwind, Du, dem die Sonne scheint! Es ist ein Altar, von dem Herrn Zum Opfer Dir gesandt; Leg' nieder Deine Gabe gern Und mit verschwieg'ner Hand. Der Amtmann von Rapshagen. Criminal-Roman von F. Arnefeld. (Fortsetzung.) XX „Wir haben ihn!" Doctor Holten, der jetzt nicht mehr für nöthig hielt, sich unkenntlich zu machen, deshalb den Mantel über den Arm geschlagen trug und auch den großen Filzhut abgenommen hatte, begrüßte mit diesem etwas doppelsinnigen Ausruf den Lenker eines am ersten Kreuzwege im Walde haltenden Wagens und der Angeredete fragte denn auch- „Wen?" „Vorläufig den Papagei," antwortete der Herr, welcher am Nachmittag die auf die Ausgrabung des Papageis bezüglichen Verhandlungen mit Krischan geführt hatte und der von seinen Begleitern Herr Ewert genannt ward. „Steigen die Herren jetzt schnell auf," sagte der Kutscher, der Niemand anders war als der Amtsrath Wenzel selbst, „meine Pferde find des langen Wartens recht müde und meine Damen werden sich auch wundern, daß ich in so später Stunde aus Greifswald heimkehre. Es entspricht das Alles nicht meinen Gewohnheiten." „Kommt auf Rechnung Ihres Gastes, den Sie ordentlich in der Umgegend herumkutschiren müssen," erwiderte Ewert, sich mit einer nicht mehr für den jungen Mann be- wundernswerthen Leichtigkeit zum Amtsrath auf den Bock schwingend, während die beiden anderen Herren im Wagen Platz nahmen. „Ich hofie, die Belästigung .hat die längste Zeit gedauert und ich kann an einem der nächsten Tage abreisen." „Sind Sie Ihrer Sache denn wirklich so ganz sicher, ; Herr Ewert?" sagte der dritte Herr, welcher bisher noch - nicht gesprochen hatte. - Der Amtsrath zog gerade die Zügel an, schnalzte mit ; der Zunge und die Pferde setzten den Wagen mit einem Ruck in Bewegung, wodurch der Angeredete für einen Augenblick am Antworten verhindert ward. Erst als der Wagen auf dem weichen Waldweg glatt und mit wenig Geräusch dahinfuhr, wandte er sich um und entgegnete': „Ich hoffe, Material genug gesammelt zu haben, Herr Amtsrichter." Der mit dem Titel Bezeichnete nickte. „Das haben Sie allerdings, aber es wird mir dennoch schwer, an so viel sträflichen Eigennutz, an eine solche rasfinirte Bosheit zu glauben." 0 „Das macht Ihrem Herzen alle Ehre, Herr Amtsrichter," nahm Doctor Holten das Wort, „wenn Sie aber alle That- sachen aneinander reihen: die durch die Sachlage durchaus ? nicht gerechtfertigte, sehr hohe Lebensversicherung, die große i Heimlichkeit, mit der sie betrieben ward, wie die Geheim- ; Haltung der Verlobung meiner armen Schwester, die schlaue : oder sagen wir auch brutale Weise, mit der Göbener jeden ; ^orkehr zwischen ihr und mir verhindert hat, und endlich j die Aussagen der Leute, welche ihn an jenem Sonntag • Cantate gesehen haben —" i //3a/ ia/ das sind alles Verdachtsgründe, die uns ja i °uch veranlaßt haben, der heutigen Expedition zuzustimmen, obwohl sie streng genommen, nicht ganz in Ordnung war!" fiel der Amtsrichter ein. „Warum nicht?" fragte Holten lebhaft. Statt des Amtsrichters erwiderte Ewert: „Wir befanden uns sozusagen in einer Zwickmühle. Ohne eine Beschuldigung gegen den Amtmann zu erheben, dursten wir eine Ausgrabung des Papageis nicht verlangen und ohne die Beweise, welche wir an der Leiche zu finden hoffen, konnten wir ihn nicht beschuldigen." „Es ist doch aber nicht etwas so Erhebliches, einen verscharrten Papagei auszugraben," bemerkte der Amtsrath. „Es hätte dazu immerhin der Erlaubniß des Amtmannes Göbener, auf dessen Grund und Boden er eingescharrt lag, bedurft, und ich bezweifle stark, daß er diese gutwillig gegeben hätte,1 bemerkte Ewert. „Nach Allem, was ich in Erfahrung gebracht, haben wir es mit einem sehr geriebenen Fuchs zu thun." „Und wenn Ihre Vermuthung sich nicht bestätigt, oder durch Autopsie des Vogels kein Beweis geliefert werden kann ?" wandte immer noch sehr bedenklich der Amtsrichter ein 202 „Es ist mehr als eine Vermnthung," erklärte Ewert mit großer Zuversicht. „Doctor Carl Pohl, einer der größten Autoritäten auf dem Gebiete der Vogelkunde, mit welchem ich mich über den Fall berathen habe, hat mir gesagt, es sei höchst unwahrscheinlich, daß der Papagei von selbst ins Wasser geflogen sei." „Er hat aber nicht gesagt, daß es unmöglich sei," bemerkte der Amtsrath. „Und wenn Göbener den Vogel lebendig in den Teich geworfen hat?" gab der Amtsrichter zu bedenken. „Das glaub' ich nicht, das Thier hätte ihn, bis er es an den Teich gebracht, zerkratzt und zerbissen," entgegnete zuversichtlich der Doctor. „Er hat es durch einen raschen Griff getödtet und die Beweise werden sich finden. Ich würde mich anheischig machen, sie selbst nachzuweisen, da ich aber Partei in der Sache bin, so haben wir den Sachverständigen herbeigerufen." „Doctor Carl Pohl?" fragte der Amtsrichter. „Ja wohl. Sobald ich heute die Gewißheit erhielt, daß wir in der Nacht in den Besitz des Papageis gelangen würden, habe ich sofort an Doctor Carl Pohl telegraphirt und ihn, gestützt auf die Zusage, welche er mir bei unserer Unterredung gegeben, ersucht, so schnell es ihm irgend mög- iich, hierher zu kommen," erwiderte Ewert. „Und er kommt?" „Er hat sofort telegraphisch geantwortet, daß er un verzüglich abreist und befindet sich jetzt schon unterwegs. Er wird am frühen Morgen eintreffen." „Bravo, meine Herren, das haben Sie gut gemacht," schmunzelte Wenzel und Amtsrichter Kroh gab seinen Beifall zu erkennen. „Die Untersuchung kann morgen Vormittags im Gerichts- gebäude im Beisein des Staatsanwalts statlfinden," sagte er, „und ich werde auch den Physikus zuziehen." „Viel Ehre für einen Papagei," scherzte Ewert, setzte aber dann wieder ernst hinzu: „daß nur der Amtmann Göbener nicht vorzeitig etwas merkt." „Sie scheinen dem wenig zu trauen," bemerkte der Amtsrichter. „Im Gegentheil, ich traue ihm sehr viel zu," war die recht nachdrücklich erthcilte Antwort. — In geringer Entfernung von Greifswald machte der Wagen Halt, Doctor Holten und Amtsrichter Kroh stiegen, den Beutel mit dem Papagei nehmend, aus, um die Stadt und ihre Wohnung zu Fuß zu erreichen, Amtsrath Wenzel lenkte um und fuhr mit Ewert nach Waldhof, wo dieser seit ein paar Tagen sein Gast war. Er hatte ihn von der Reise mitgebracht, die er am Morgen nach dem Besuch des Doctor Holten so plötzlich und gehnmnißvoll unternommen hatte und seinen Hausgenossen einfach als einen alten Bekannten, den Landwirth Herrn Ferdinand Ewert, vorgestellt, der längere Zeit privatisirt hatte, sich jetzt aber in Pommern ankaufen oder auch zu pachten wünschte und deshalb Umschau halten wollte. Ewerts ganzes Auftreten strafte diese Angabe keineswegs Lügen, er zeigte sich in allen landwirthschaftlichen Angelegenheiten gut beschlagen und war auch sonst ein angenehmer, bescheidener Mann- Frau Münter und deren Tochter waren aber trotz alledem der Meinung, daß er etwas Anderes sei, als er scheine und besonders die Letztere fühlte iüy durch seine Anwesenheit schwer beunruhigt. Er hielt sich indeß sehr im Hintergrund und war viel unterwegs, zuweilen in Begleitung des Amtsrathes, noch öfter aber allein und schien, so weit sich non seinem ruhigen, gleichmäßig freundlichen Gesichte überhaupt etwas ablesen ließ, mir den Ergebnissen seiner Umschau recht wohl zufrieden zu sein. Ewert hatte ein ganz besonderes Geschick, mit den ihm Begegnenden Gespräche anzuknüpfen und von den Leuten zu erfahren, was er zu wissen wünschte, ohne daß diese selbst gewahr wurden, daß sie geplaudert hatten. Krischan war nicht der einzige Bewohner von Rapshagen, mit dem er sich in eine Unterhaltung eingelassen, er hatte auch schon mit Anneliese einen Schwatz gehalten und selbst den mürrischen Göbener eines Tages gestellt und ihm Rede abgenommen. In Waldhos angekowmen, trennten sich die beiden Herren sogleich und jeder suchte sein Schlafzimmer auf, aber schon früh am nächsten Morgen stand der Wagen wieder bereit, welcher Ewert nach Greifswald bringen solllte. Später am Tage folgte ihm der Amtsrath Wenzel dahin und blieb bis zum Nachmittage. Nach seiner Rückkehr erfuhren Fran Münter und Carola endlich, was seine häufige Fahrten in der letzten Zeit bedeutet hatten und wer Herr Ewert, der nicht wieder nach Waldhof gekommen, eigentlich war — ein äußerst geschickter Detecnv, den der Amtsrath im Einverständniß mit Doctor Holten aus Berlin geholt hatte. XXI. Früher, als er sich vorgenommen hatte, kehrte Amtmann Göbener am Nachmittage des nächsten Tages nach Rapshagen zurück. Er war nach Fuchsberg gefahren, weil, wie er polternd zu seiner jüngeren Tochter Doris gesagt hatte, er das Ge- klöne und Gestöhne in Rapshagen nicht mehr ertragen könne und einmal wieder Menschen aufsuchen müsse, mit denen sich ein vernünftiges Wort reden lasse. Es war indeß auch dort nicht nach seinem Kopfe gegangen. Die Kinder waren, wie er wenigstens behauptete, ungezogen gegen ihn gewesen,- sein Schwiegersohn hatte seinen Tadel einiger wirthschaftlicher Neuerungen, die er eingeführt, nicht gleichmüthig hingenommen und war mit ihm in Streitigkeiten gerathen und die Tochter, die sonst öfter zu dem Vater hielt, hatte sich diesmal ganz auf die Seite ihres Mannes gestellt und dem Alten kräftig ins Gewissen geredet. Nicht die Anderen, er selbst sei schuld, daß mit ihm so schwer auszukommen sei, sie müsse es ihm endlich e-nmal sagen und sich der Mutter und der Geschwister annehmen. In der übelsten Laune hatte der Amtmann noch vordem Mittagsessen das Anspannen befohlen und war fortgefahren mit der Versicherung, man solle in Fuchsberg nicht so bald wieder die Ehre haben, ihn zu sehen. Er ahnte nicht, wie wahr er gesprochen hatte. — „Es sind ein paar Herren da, die mit dem Herrn Amtmann sprechen wollen," meldete Jochen, welcher auf das Peitschenknallen, durch das Göbener Feine Ankunft meldete, herbeigerufen war und ihm Pferd und Wagen abnahm, „sie warten w hl schon eine Stunde." „Dummheiten!" fuhr Göbener auf. „Ihr konntet ja gar nicht wissen, wann ich kommen würde." „Das hat ihnen Frau Büttner auch gesagt, aber sie meinten, sie hätten Zeit und wollten warten. Sie haben ausspannen lassen." „Und ihre Gäule thun sich an meinem Hafer und meinem Heu gütlich," brummte Göbener, „wie die Herren an meinem Wein oder Bier, meine Tochter hat gewiß auffahren lassen. Kenne das." „Ich glaube, Frau Büttner hat's angeboten, sie haben es aber nicht angenommen," erwiderte Jochen, und nun fuhr ihn Göbener an: „Was scheert Dich das? Kümmere Dich um Deine Arbeit. Wenn ich nur den Rücken wende, wird hier nichts gelhan, sondern bloß herumgestanden und geschwatzt." Er warf dem Knecht die Peitsche, die ec noch in der Hand hielt, so zu, daß sie ihm schmerzhaft in's Gesicht flog, drehte ihm den Rücken zu und ging nach dem Wohnhause, ohne darauf zu achten, daß Jochen, welcher sich mit der Hand die thränenden Augen wischte, ihm nachschrie: „Zu Johanni zieh' ich auch. Hier wird's ja alle Tage schlimmer, das braucht man sich denn doch nicht bieten zu lassen!" (Fortsetzung folgt.) 203 Die Europäer in Indien. Von Ludwig Bretten. ----— (Nachdruck verboten.) KO. Im asiatischen Festland scheinen sich die Einwohner derjenigen Länder, die einzelne europäische Staaten als ihre Colonien betrachten, nicht länger diese anmaßende Bevormundung gefallen lassen zu wollen. Frankreich hatte bereits schwere Kämpfe im östlichen Hinterindien vor etwa einem Jahrzehnt zu bestehen, und nun wagt gar das ausgeplünderte Vorderindien sich öffentlich gegen die Oberhoheit Englands aufzulehnen. Indien, das alte Zauber- und Märchenland des grauen Alterthums, der Traum und die Sehnsucht des Mittelalters, steht heute wiederum im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses. Es dürfte daher wohl nicht unpassend sein, an dieser Stelle einmal die indische Geschichte, soweit sie mit den Goldgelüsten der europäischen Völker in Zusammenhang steht, ein wenig zu beleuchten. Schon gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts hatten die Holländer Handelsbeziehungen mit Hindustan. Als die Begleiter Vasko de Gamas im Jahre 1489 Nieder- lassungen an der Küste von Malabar gegründet hatten, errichteten die Portugiesen Bruges und Anders große Factoreien, um Handelsbeziehungen mit dem Jnnenlande und mit Europa herbeizusühren. Nach und nach setzten sich an den Küsten der Halbinsel die Engländer im Jahre 1800, die Franzosen im Jahre 1604 und die Dänen im Jahre 1612 fest, bis sich im Jahre 1722 »u Ostende eine große indische Handelsgesellschaft gründete, welche es sich zur Aufgabe gestellt hatte, einen regelrechten Handelsverkehr zwischen dem westlichen Europa und der Küste von Malabar ins Leben zu rufen; die Haupthafenstationen für dieses Unternehmen wurden in Indien in Madras und Calcutta genommen. Unter der Protection der spanischen Habsburger gelang cs diesem neuem Unternehmen, in kürzester Zeit in Blüthe zu kommen, so daß sich bald die kühnsten Hoffnungen der europäischen Abenteurer erfüllten und sich um den Namen Indiens der Heiligenschein eines gelobten Landes des Ueber- flusses breitete. Mit dem Ueberfluthen der europäischen Eindringlinge verschlechterte sich jedoch zusehends der freundschaftliche Verkehr mit den Eingeborenen; sie zogen sich in ihre Berge und Wälder zurück und mieden auf jede Weise die Berührung \ mit ihren europäischen Peinigern und Bedrängern. Kurz bevor diese Zustände ihren schroffen Character ! angenommen hatten, war von den Engländern eine ähnliche | Gesellschaft, wie die oben erwähnte, begründet worden. \ Während die anderen europäischen Nationen an einem glück- s lichen Gedeihen der verwirrten Verhältnisse verzweifelten \ und sich verstimmt zurückzuziehen begannen, oder durch i brutale Eingriffe in die Rechte der Eingeborenen ihrem An- i sehen den größten Schaden zufügten, gelang es der nicht \ ermüdenden Ausdauer der englischen Handelsagenten, die l ftarf gelockerten Beziehungen wenigstens nicht ganz zerreißen - zu lassen. Mr. Hunter, ein indischer Geschichtsschreiber, sagt j öon den Engländern in Bezug auf diese Zeit: „Die Eng- i läuder dürfen sich die Eroberung Indiens aus folgenden i vier Ursachen zaschreiben: 1. Ihrer Ausdauer in Handels- j beziehungen. — 2. Ihrem unermüdlichen Nachgehen, ein ins Auge gefaßtes Ziel zu erreichen. — 3. Dem wunderbaren Muth und der ganz hervorragenden Genialität ihrer Handels- commiffäre in jener Zeit der Wirren. — 4. Der vorsichtigen Behandlung der Eigenheiten, Sitreu und Gewohnheiten der fremden Völker, eine Eigenschaft, die dem Engländer von jeher eigen und nutzbringend gewesen ist." , Die Ostende-Gesellschaft mußte sich bereits nach elf- \ jähriger Thätigkeit, also schon im Jahre 1733, von dem i Schauplatz ihrer Hoffnungen geschlagen zurückziehen. Das Anlagecapital dieser Gesellschaft hatte sich jedoch bereits zu 16 Procent verzinst und der Reingewinn konnte die beträchtliche Höhe von 20 Millionen Francs aufweisen. Es ist kein Wunder, daß Indien, das von drei Seiten von Meeren umgebene Wunderland, stets der Wunsch und die Sehnsucht der verschiedensten europäischen Nationen gewesen ist. Die Hindus sind stets zu allen Zeiten den Europäern in vielen Dingen voraus gewesen. Das an und für sich reiche Land mit seinen ungezählten Arbeitskräften, und seinem Frucht-, Pflanzen- und Viehreichlhum mußte naturgemäß den Neid weniger begüterter Nationen erregen. Man denke nur au die Berge Indiens mit ihren kostbaren Metallen und Steinen. Weite, reiche Landstriche in den Flußthälern des Ganges und des Indus strotzen von einem Ueberfluß an Reis, Mais und Getreide. Regelmäßige Winde und Niederschläge, bedingt durch das Seeklima und die himmelhohe Felswand des Himalayagebirges im Norden steigern diese günstige Bodenbeschaffenheit noch ganz bedeutend. Wen sollte es da wundern, daß gerade dieses Land die Begehrlichkeit der Europäer anlockte? Europa hat seine Kulturarbeit in Indien beendet, es ist reichlich für seine Anstrengungen bezahlt worden. Wer darf es wagen, einem großen und reich begabten Volke, das sich mündig fühlt, noch ferner die Bahnen vorzuschreiben, die es wandeln soll? Heute durchziehen große, ungeheure Eisenbahnnetze, von denen man sich nach europäischen Begriffen gar keine Vorstellung machen kann, die frühere Wildniß des centralindischen Hochlandes; der electrische Draht spannt sich von Currachee nach Calcutta, von Madras nach Haiderabad. Weite, wohlbearbeitete Felder dehnen sich, wohin das Auge blickt, und Zucker, Indigo und Pfeffer werden auf großen Plantagen angebaut. Landstraßen und Canäle erleichtern den Güter- nnd Personenverkehr und von dem ganzen, ungeheuren Ländercomplexe sind 116 Millionen Acker nicht zum Anbau verwerthbar, während 103 Millionen Acker ständig bearbeitet werden. Das Volksleben hat im Osten der Halbinsel feilten früheren Character am unverfälschtesten bewahrt, während der Nordosten des Landes gänzlich europäische Sitten, Gewohnheiten und Gebräuche angenommen hat. Bobi. Von Helene Lang-Anton. ------- (Nachdruck verboten.) Sie hatten sich gezankt, sie wußten Beide nicht, wie es gekommen war, sie lebten sonst in der schönsten Harmonie, und Bobi, ihr süßer Bub', vervollständigte ihr Glück. Und eben wegen Bobi war der Streit gekommen; er hatte gesagt, der Junge müsse nicht gar so herum toben, nicht so wild sein, sie verliehe ihn za sehr und lasse jede Unart durch, ja belohne sie noch. Und sie behauptete, das müsse so sein, einen Jungen, der saust und ruhig wäre, möchte sie gar nicht, gerade so müsse er sein, wie er ist, ihr herziger Bub! Und dabei schwammen ihre schönen Augen in Thränen, und ihm zuckte die Hand, diese abzuwischen. Aber nein, so thöricht konnte er doch nicht fein. Er hätte jede Autorität ringebiißt, und was würde Bobi dazu sagen? Bobi saß scelensvergnügt auf dem Teppich und commaudirte nach Hetzensluft mit seinen Soldaten, die er um sich aufgepflanzt hatte, herum. Er hatte augenscheinlich keine Ahnung, welches Unheil er angertchtet hatte. So kam der Abend, und sie mußten fort. Die Pflicht rief sie ins Specialitäten-Theater. Sie waren Kunstfchützen, Mr. Sydney und feine schöne Frau. Er schielte nach ihr hinüber, ob sie wohl zur Versöhnung geneigt war, er war nervös und aufgeregt, so «— 204 tonnte er seine Kunst heute nicht ausüben, da würde mancher Schuß daneben gehen. Er sah wieder nach ihr hin, ihre Blicke begegneten sich—und in den Armen lagen sich Beide. War er gekommen? War sie ihm um den Hals gefallen? Sie fragten nicht danach, sie lachten und küßten sich und Bobi klatschte in die Händchen und schrie: „Eins — zwei — drei — Picke — packe Heu; Picke — packe Haberstroh, Machten Alle so — so — so." Dabei war er aufgestanden und zu den Eltern hingewackelt, die ihn glückselig aushoben, liebkosten und nun ganz einig darüber waren, daß es auf der ganzen Welt keinen so süßen Buben gebe, wie ihr Bobi es war. Schnell wurde er noch zu Bett tzebracht, und Caro, dem Pudel, wurde wie allabendlich ins Gewissen geredet, ja nicht Bobi zu verlassen, eine Ermahnung, über die Caro mit lautem Gebell quittirte, dann setzte er sich an Bobis Bettchen und blinzelte schlau nach den Eltern, als wollte er sagen: „Gebt nur, geht, ich passe auf." Beruhigt gingen sie, sie wußten, ihr Junge war in guter Hut, außerdem sah ja auch Margarethe, das Mädchen von nebenan, öfters nach, ob Bob! etwas brauchte. Das Speeialitäten-Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Nummer der Kunstschützen war gekommen. Sie traten auf, von Beifall begrüßt; sie schön, wie der junge leuchtende Tag, er elegant und schneidig, wie immer. Sie schossen Beide ausgezeichnet, von dem sich immer steigernden Jubel des Publikums begleitet. Nun kam der Tellschuß. Mrs. Sidney legte sich die gläserne Kugel auf den Kopf, nicht eine Spur von Unruhe war auf ihrem lachenden Gesicht zu finden, sie vertraute vollkommen der Kunst ihres Mannes. Athemlos sah die Menge zu,- welchen Nervenkitzel bereitete doch der gefährliche Schuß, nur wenige Menschen wandten angstvoll die Blicke von der Bühne ab. Stdney spannte den Hahn und legte an, in demselben Augenblick tauchte im Hintergründe das todtenbleiche Antlitz Margarethens, des Mädchens von nebenan, auf, es mußte etwas mit Bobi geschehen sein. Sydney erschrak, der Finger zuckte, der Schuß fiel, ein Aufschrei folgte dem Schuß, er sah sein Weib zu Boden sinken. Ihr brechendes Auge streifte ihn zum letzten Mal, dann war's vorüber, starr und tobt lag sie vor ihm. Er starrte verzweifelt auf die Leiche seines geliebten Weibes, und ehe es noch Jemand hindern konnte, hatte er den todtbringenden Lauf des Gewehres auf sich gerichtet. Er traf sicher und war nun mit ihr, die er über Alles geliebt, im Tode vereint. — Bobi saß im Bettchen aufrecht, sein Köpfchen brannte, und sein Blick erglänzte fieberhaft. „Papa, Mama," rief er und sah sehnsuchtsvoll nach der Thür. Caro lief unruhig hin und her und bellte um Hilfe. Doch keine Hilfe kam, da sprang er am Bettchen in die Höhe, leckte Bobis heiße Hände und sah ihn liebevoll an, als wollte er sagen: „Sei nur ruhig, ich bin ja da, ich verlasse Dich nicht" Humoristisches. Kein Ersatz. Heinrich VII., König von England, beauftragte den Bischof Bonner mit einer Gesandtschaft an Franz I., wobei er eine harte und drohende Sprache führen sollte. Der Bischof bemerkte, er .besorge für sein Leben. „Fürchten Sie nichts," sagte der König, „wenn er Sie umbringt, lasse ich allen Franzosen, die in meiner Gewalt sind, die Köpfe abschneiden." — „DaS glaube ich wohl," erwiderte der Bischof, „aber ich besorge nur, es möchte keiner so gut auf meinen Rumpf passen wie der, den ich jetzt trage." ♦ » » Kindermund. Großmutter hat ihr Gebiß beim Reinigen fallen lassen, und als sie sich danach bückt, drauf getreten. Nachmittags besucht sie ihre Tochter und erzählt ihr in Gegenwart ihrer Enkelin: „Denke nur, heute Morgen habe ich auf meine Zähne getreten, sind total hin." — Starr vor Verwunderung hört die kleine Hedwig zu, blickt der alten Frau bald auf die Füße, bald auf den Mund und fragt endlich ganz fassungslos: „Aber Großmama, wie bist du beim nur da raufgekommen?" * * * Ein ausgezeichnetes Reeept. Patient: „Herr Doetor, ich werd' immer fetter. Was meinen Sie, was soll ich thun, um dünner zu werden?" — Doetor Schrauber : „Lieber Freund, nichts macht den Menschen so dünn wie die Sorge. Schauen Sie sich also jeden Tag zwei Stunden meine letzte halbjährige Rechnung an, die Sie noch nicht bezahlt haben — vielleicht hilft Ihnen das!" ♦ ♦ * Furchtsam. Am Vorabend ihres Geburtstages betet die kleine Marie im Bett das Abendgebet. Als sie an die Stelle kommt: „Die Euglein halten Wacht," unterbricht sie sich: „Mamachen, stelle doch nicht den Geburtstagskuchen hin, bevor ich aufwache, sonst essen mir ihn die Engel noch auf!" Literarisches „Meine Erinnerungen." Privater Notizkalender für jedes Jahr (Preis eleg. geb. nur Mk. 1.50; Verlag Europ. Modenzeitung, Dresden) sind ein allerliebstes Geschenkwerk für jede junge Dame, und namentlich als sinnige Gabe zur Confirmation sehr geeignet. Die Ausstattung mit reizenden Vignetten in Farbendruck, mit treffenden Sinnsprüchen, ist eine ungemein ansprechende. Die Eintheilung des Werkes ist die folgende: 1) Chronik, Gedenkblätter bemerkenswerthester Erlebnisse ernster und heiterer Natur. 2) Tabellarische Abteilung für Correspondenztabellen, Vergnügungschronik, Notiz und Gedenktafeln. 3) Merkblätter für practisches Wissen, für «ecepte, Wirthschaftsregeln, Gesundheitslehren, Arbeitsmethoden und Anleitung für häusliche Kunst. 4) Gedankensplitter. Ein Sammelplätzchen für schöne Worte, für Witz und geistige Kurzweil. 5) Der Sammler, d. s. gummirte Blanketts zum bequemen Sammeln von Zeitungsausschnitten rc. 6) Das Handschriftenalbum als Separatbeigabe zur Namenseinschrift befreundeter Persönlichkeiten. Bei dieser reichhaltigen sinnreichen Ausstattung wird das Album „Meine Erinnerungen" allenthalben sehr gefallen. Durch jede Buchhandlung zu beziehen.^ * Von dem beliebten Universalbuch für Polterabend nnb Hochzeit von E. Mensch und A. vo> Krane, das soeben völlig umgearbeitete und beinahe um die Hälfte vermehrt in 2. 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Alles, was große Falscher und Erfinder, Freunde und Lehrer des Volkes, Staatsmänner, Feldherren und Nationalhelden der Welt Rühmliches geleistet haben, zieht an unserem Auge vorüber und gewinnt, durch Bild und Wort klar vorgestellt, neues Leben. Eine solche Sammlung ist geeignet, nützliche Belehrung zu schaffen und zu vielseitigem Denken anzuregen. Redaktion: I. V.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.